The way you walked in

von AnjaAve
KurzgeschichteAllgemein / P12 Slash
03.01.2019
15.01.2019
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„Was fällt dir ein, in deinem Interview über mich zu reden? Warum muss ich so einem Idioten von Interviewer sagen, ob das stimmt, was du gesagt hast?“, während er mich fast schon anschreit, kommt er mir so nah, dass ich so lange zurückweiche, bis ich die harte Wand in meinem Rücken spüre.
Ich bin unfähig irgendetwas zu sagen, spüre lediglich meinen Herzschlag so stark, dass jeder im Raum ihn eigentlich hören müsste. Ich schlucke hart, als mir sein herber Geruch in die Nase steigt und schaue über seine Schulter hinweg zu Ollie, um seinem Blick auszuweichen, seine Hände drücken meine Schultern fest an die Wand.
Endlich kommt Ollie mir zur Hilfe, drückt Ville von mir weg, stellt sich schützend zwischen uns, massiert die Stellen, wo eben noch Villes fester Griff sich in meine Schulter gebohrt hat und schaut mich mit beruhigendem Blick an. Im Hintergrund sehe ich Jaska mit geballten Fäusten zu uns herantreten und auch Jani, Jari und Captain umkreisen uns. Langsam beruhigt sich mein Puls und Atem wieder, während Ville mich noch immer mit funkelndem Blick anstarrt.
„Alles wieder in Ordnung?“, fragt Ollie sanft und ich nicke leicht.
„Was fällt dir eigentlich ein, hier einfach so hereinzuplatzen? Schon mal was von Anklopfen gehört?“, wendet er sich nun zu Ville um und ich setze mich wieder auf den Hocker vor dem Spiegel.
Meine Hände zittern. Wie soll ich das bloß noch alles rechtzeitig schaffen? Eigentlich wollte ich auch nochmal kurz mit Ollie die Setlist durchgehen!
„Dein Turm ist doch bestimmt so alt, du hast garantiert noch nen Türklopfer! Die Theorie solltest du also beherrschen“, fährt Jani ihn an und seine Stimme trieft nur so vor Sarkasmus, was mich schmunzeln lässt.
Ville steht einfach nur da, sein Blick wandert von Einem zum Anderen und jeder lässt seinen Kommentar ab.
„Denkst du, nur weil du zufällig ein paar mehr Platten verkauft hast, darfst du dir hier alles erlauben, oder wie?“, ist nun Jaska an der Reihe und seine Haltung verrät mir, dass er sich stark zurückhalten muss, um nur verbal auf ihn loszugehen.
„Jungs, lasst es gut sein“, rufe ich sie zur Ordnung und alle, Ville eingeschlossen, schauen mich an.
„Mir ist nur rausgerutscht, dass ich den Nagellack von dir habe und darauf ist er natürlich sofort angesprungen. Ich hab gesagt, dass wir uns kaum kennen und dann kam der Technikausfall dazwischen. Danach war das Thema vergessen“, erkläre ich ihm in der Hoffnung, ihn beruhigen zu können.
Nun schleicht sich ein Schmunzeln auf sein Gesicht.
„Sag bloß, den Ausfall hast du eingefädelt?!“, ich schaue ihn erstaunt an und das leichte Grinsen ist Antwort genug.
„Na, ich kann dich doch nicht aus dem Nähkästchen plaudern lassen, ich habe schließlich einen hart erarbeiteten schlechten Ruf zu verlieren“, er streicht sich eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht und mein Blick bleibt mal wieder an seinem Armtattoo hängen. Zu gern würde ich es einmal genauer aus der Nähe betrachten.
Als ich meinen Blick zwanghaft von ihm läse, streift er die Uhr und sofort ist die Panik wieder da. Nur noch eine Viertelstunde!
Ollies Blick wandert ebenfalls zur Uhr und er versucht mich zu beruhigen. Im Hintergrund bemerke ich, wie die Anderen Ville zur Tür heraus ‚geleiten‘, doch meine Hände wollen einfach nicht ruhiger werden, selbst als Ollie sie mit seinen umschließt.
„Jaska, wo ist deine Freundin?“, fragt er, ohne mich aus den Augen zu lassen.
Sie hat mich schon ein paar Mal in einer solchen Situation gerettet.
„Sie kann heute leider nicht kommen“, erwidert er zerknirscht.
„Ich schaff das nicht!“, wimmere ich schon fast bei dem Anblick meines einen schwarz umrandeten Auges.
„Wartet, ich hab ne Idee!“, schon ist Jaska verschwunden, die Tür bleibt weit offen stehen.
„Warte“, hört man noch gedämpft, dann einen Moment nichts.
Eine gefühlte Ewigkeit später, ich habe derweil den Atem angehalten, kommt er mit Ville im Schlepptau zurück und schiebt ihn durch den Raum zu mir und Ollie, der noch immer versucht, meine Hände zu beruhigen.
„Wir haben nur noch gute zehn Minuten und er kann so nicht auf die Bühne“, erklärt Jaska die Situation.
Ville schaut sich etwas ungläubig um-
„Und da wollt ihr, dass ausgerechnet ich euch helfe?“, fragt er und sieht skeptisch zu mir und Ollie.
Während er sich von mir löst, atme ich tief durch und beantworte seinen fragenden Blick mit einem Nicken.
„Okay. Sorg einfach dafür, dass es gut aussieht…“, murmle ich nachdem ich für einen Moment die Augen geschlossen habe und schaue Ville nun direkt an.
Seine stechend grünen Augen bohren sich in meine, doch dann geht ein Ruck durch seinen Körper und er tritt näher an mich heran, um die zur Verfügung stehenden Utensilien zu inspizieren.
„Zehn Minuten?“, fragt er nach.
„Neun“, erwidert Captain.
„Na dann…“, er zieht sich einen zweiten Hocker heran und bedeutet mir, meine Augen zu schließen.
Das zweite Mal an diesem Tag lasse ich ihn einfach machen, spüre lediglich hin und wieder kurzen sanften, sehr vorsichtigen Berührungen seiner Hand an meiner Wange, um genauer arbeiten zu können, welche mir leichte Schauer über die Haut jagen.
Nach ein paar Minuten beginnt Ollie leise auf seiner Gitarre Teile der Begleitungen zu der kurzen Akustikeinlage, die wir geplant haben, zu spielen und in Gedanken singe ich mit.
Dadurch vergeht die Zeit noch schneller und ich reagiere zuerst überhaupt nicht, als Ville meint, er sei fertig. Erst seine Berührung an meiner Schulter und das erneute Nennen meines Namens lassen mich meine Augen wieder öffnen. Sofort wird mein Blick von seinem wieder magisch angezogen, doch ich zwinge mich dazu, stattdessen in den Spiegel vor mir zu schauen.
Es sieht wirklich gut aus. Nicht zu auffällig, beide Augen sind von einem schwarzen Rand umrahmt, der sich auf den Augenlidern verliert und meine blauen Augen besonders gut zur Geltung bringt.
„Zufrieden?“, fragt Ville leise und wahrscheinlich etwas zu nah an meinem Ohr.
„Es ist perfekt, danke!“, ich lächle ihn an und sehe, dass die Anderen sich bereits endgültig fertig machen.
Ich stehe auf und Jani, der gerade fertig ist, hilft mir, mich zu verkabeln.
„Viel Spaß auf der Bühne!“, wünscht Ville uns noch, dann verschwindet er.
„Na siehst du, hat doch noch alles halbwegs geklappt!“, meint Ollie, umarmt mich kurz, dann greifen alle nach ihren Instrumenten und es geht auf zur Bühne.
Je näher ich der Bühne komme, desto lauter vernehme ich das Publikum. Die Musik zum Überbrücken der Umbauzeit ist bereits verstummt und alle warten ungeduldig auf unseren Auftritt.
Ich nehme mein Halstuch ab, stecke es in meine hintere Hosentasche, dann nehme ich Hut und die schwarze Federboa entgegen. Ein paar kurze Einsingübungen, zu wenige für meinen Geschmack, dann wird uns zugewinkt. Showtime!
Alle gehen auf die dunkle Bühne, nehmen ihre Positionen ein und starten das Intro zu ‚Running out of Time‘, dem ersten Song des neuen Albums. Scheinwerfer flackern im Rhythmus kurz auf, Jubel ertönt. Ich gehe ebenfalls auf die Bühne, er wird noch etwas lauter, dann fange ich an zu singen: „Here’s my confession cause I can’t keep it in me and you know I’m breathless as I come undone, undone before you.“
Für all die Hektik klingt meine Stimme eigentlich ganz gut, auch wenn mein Hals wahrscheinlich nach diesem Konzert ordentlich wehtun wird. Zwischendurch werde ich wohl doch einen Halsbonbon einwerfen müssen…
Lächelnd stelle ich fest, dass einige Leute im Publikum den Refrain mitsingen. Ich schaue zu Ollie und halte den Daumen hoch. Er grinst und setzt zu einem seiner Soli an, welche ich so sehr liebe.
Schwungvoll kommt dieser energiegeladene Auftakt zu Ende und ohne richtige Stille aufkommen zu lassen, starten wir den nächsten Song, einen altbewährten: ‚Locking up the Sun‘.
Nun kommt noch etwas mehr Bewegung ins Publikum und ich nicke zufrieden. Die Studiopause ist vorüber.
Langsam kommt die gewohnte Sicherheit auf der Bühne zurück und ich genieße bereits jetzt die gebündelte Energie, die uns einerseits vom Publikum frontal entgegenströmt und andererseits von unseren eigenen Verstärkern.
Während des Songs scheint die Zeit kurz stillzustehen, es scheint ewig weiter zu gehen, doch dann geht auch er zu Ende. Schließlich sollen wir unsere neuen Songs an den Mann oder die Frau bringen. Deshalb ist der nächste Song auch wieder vom neuen Album: ‚Kamikaze Love‘.
„Here I go again rushing headlong without a second thought.“
Ollies Gitarre untermalt meinen Gesang genau so, wie ich es mir vorgestellt habe und nachdem die Leute im Publikum den Rhythmus verinnerlicht haben, beginnen einige mit zu klatschen.
Dann Stille, Bridge. Dann Refrain.
„Take me where the angels fall, you take it all.“
Ich lasse meinen Blick über die Reihen schweifen, einige bekannte Gesichter in der ersten und zweiten Reihe, der Rest verschwimmt. Während der nächsten Strophe bewege ich mich etwas mehr, gehe erst nach rechts, dann nach links, springe, schaffe es meine Stimme ruhig weiterlaufen zu lassen.
Die nächste Bridge kommt näher und ich merke, dass ich etwas zu mobil bin, in diesem Moment.
Ruhige Begleitung, ruhige Stimme und Herumhüpfen passen nicht gut zusammen.
Eine Bewegung rechts erregt meine Aufmerksamkeit. Ich gehe etwas darauf zu und mir stockt der Atem, während jetzt die Bridge beginnt.
„And the way you walk in I would kiss the earth beneath your feet.“
Atemlos keuche ich diese Worte ins Mikrophon. Nicht nur mein Gehüpfe, sondern viel mehr sein Anblick dort unten raubt ihn mir. Wie passend!
Jetzt lacht er.
Dort steht Ville Valo, der meinen Blick quasi magnetisch anzieht und lacht mich an, während ich versuche einigermaßen gefasst den Song weiter zu singen. Nach dem Schlussakkord schaut Ollie mich fragend an, doch ich winke ab.
„Guten Abend. Wir sind Poets of The Fall“, die Leute jubeln und ich grinse und winke kurz.
Wieder wandert mein Blick zu ihm, er verbeugt sich scherzhaft, mein Grinsen wird noch breiter.
„Unser neues Album ist seit kurzem draußen und es ist super, dass es schon so viele von euch gekauft haben. Die nächste Nummer ist für euch und gleichzeitig auch für alle, die es noch nicht haben. Ein alter Song, der euch allen bekannt sein sollte“, wie auf Kommando ertönt das Intro zu ‚Lift‘ und die Menge geht ab.
„Times when i just can’t bring myself to say it loud, ‘fraid that what I’ll say comes out somehow awry.”
Um mich von seiner Anwesenheit abzulenken, die mich doch etwas nervös macht, leiste ich Jani auf der linken Seite etwas Gesellschaft.
Erst jetzt fallen mir die drei großen Teppiche auf, die im vorderen Teil der Bühne ausgebreitet sind. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass die schon zum Soundcheck da lagen.
„Von HIM“, schreit mir Jani ins Ohr, als ich sie anscheinend fragend anschaue.
Ich nicke und wende mich dem Publikum zu, um mit ihnen zusammen den Refrain anzustimmen.
„You lift my spirit, take me higher, make me fly, touch the moon up in the sky when you are mine.“
Kurz wandert mein Blick nun doch zurück und es scheint, als würde ich sogar von hier aus seine Augen blitzen sehen können. Gegen meinen eigentlichen Willen muss ich wieder leicht grinsen. Was tut dieser Typ nur mit mir, ich verhalte mich ja fast schon wie ein verliebter Teenager!
Passend zu diesem Gedanken stolpere ich auch direkt über den Rand des mittleren Teppichs, während ich noch immer ihn fixiert habe. Schnell fasse ich mich wieder und ignoriere ihn bewusst den Rest des Songs über.
Während Ollie mal wieder meisterhafte Gitarrenarbeit leistet und den Song mit einem perfekten Solo abschließt, trinke ich etwas und wickle einen meiner Hustenbonbons aus. So schnell wie möglich lutsche ich ihn, gebe Ollie ein Zeichen, dass er ruhig noch was dranhängen kann und dann, als der Song beendet ist und er zu seiner Akustikgitarre gewechselt hat, beginnt der ruhige Zwischenteil unserer Setlist mit ‚Cradled in Love‘, ‚Stay‘ und ‚The Ballad of Jeremiah Peacekeeper‘.
Als ich mich neben Jani setze und Ollies Intro auf der Akustikgitarre den ganzen Raum erfüllt, komme ich zur Ruhe und lege so viel Gefühl wie irgendwie möglich in diese drei Songs, vergesse teilweise die Welt um mich herum und der laute Jubel zwischendurch bestätigt mich in meinem Tun.
Nur kurz streift mein Blick Ville und es scheint, als ein auch er tief versunken. Dann schließe ich wieder meine Augen, lasse mich in der Musik treiben.
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