The way you walked in

von AnjaAve
KurzgeschichteAllgemein / P12 Slash
HIM
03.01.2019
15.01.2019
4
6577
1
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
Etwas abgehetzt, jedoch ohne die Gefahr, dass der Lack bereits bei einer leichten Berührung verschmiert, komme ich am vereinbarten Treffpunkt an und werde von dem Interviewer freundlich begrüßt, bevor  er mir die Tür hinter sich öffnet und ich vor ihm hinaus in die Nacht trete.
„Oh… ich dachte wir würden hier irgendwo… backstage…?“, bringe ich meine Überraschung mehr oder weniger deutlich zum Ausdruck. Die Antwort bekomme ich kaum mit, da ich zu beschäftigt damit bin, zu bereuen keine Jacke mitgenommen zu haben. Schließlich ist es gerademal Ende März, also noch deutlicher Winter in Finnland!
Ich werde etwas in die Dunkelheit hinein geführt und spüre bereits die unangenehme Kälte. Das hätte man mir aber auch wirklich früher sagen können! Naja, wenigstens ist mein Hals etwas geschützt. Um mich von der Kälte abzulenken, während der Interviewer noch ein paar Worte mit dem Kameramann wechselt, hole ich einen Halsbonbon aus meiner Hosentasche und stecke ihn in meinen Mund. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht, als ich Ollie vor mir sehe, wie er über diese Handlung den Kopf schütteln würde. Er meint ich mache mir viel zu viele Sorgen um meine Stimme. Da hat er gut Reden, schließlich ist er nicht derjenige, der regelmäßig stimmliche Höchstleistungen verbringen muss und einfach nicht ausfallen darf. Was wäre eine Tour ohne einen Sänger? Nichts!
Gerade, als mir der Gedanke, hier in der vollkommenen Dunkelheit zu filmen, irgendwie komisch vorzukommen beginnt, erstrahlt neben mir eine riesige Wand aus Licht und lässt mich geblendet die Augen schließen sowohl zusätzlich meine Hand schützend vor sie halten.
„Entschuldigung. Ich hätte Sie warnen müssen…“, sagt der Techniker, welchen ich erkenne, als ich langsam meine Augen wieder etwas öffne, sehr leise und schaut mich wehleidig an. Ich winke ab und wende mich dem Interviewer zu, der nun bereits sein Mikro gezückt hat und mich nun professionell anlächelt.
„Ich stehe hier mit Marko Saaresto, dem Sänger von Poets of the Fall, die gleich ihren Auftritt haben werden. Wie geht es dir? Bist du schon nervös?“, aha, Standardfrage.
„Es geht mir gut. Was gibt es schließlich schöneres, als auf Tour zu sein!? Noch bin ich nicht wirklich nervös, dazu war noch keine Zeit. Bis jetzt hatte ich nur Panik, zu spät zu diesem Interview zu kommen“, dabei lächle ich und er scheint wirklich etwas amüsiert zu sein.
„Was ist denn schief gelaufen?“, fragt er natürlich direkt nach.
„Och, das willst du gar nicht wissen“, weiche ich aus und er scheint zu verstehen.
„Ihr habt vor ein paar Tagen euer neues Album ‚Temple of Thought‘ veröffentlicht. Bist du zufrieden mit den ersten Reaktionen?“
„Naja… man kann ja nicht immer gleich Platz 1 erwarten…“, sage ich grinsend.
„Kleiner Scherz! Natürlich sind wir zufrieden. Sofort Platz 3, wow! Was wir von unseren Fans gelesen haben, ist durchweg positiv. Und unsere Vorab-Single lief ja auch schon ganz gut“, werde ich nun aber doch ernst und sehe, wie sich die Gesichtszüge meines Gegenübers wieder etwas entspannen.
„Was wird eure Fans heute erwarten?“
„Wir werden natürlich viele Songs vom neuen Album spielen, aber alle können wir leider nicht unterbringen. Und ein paar alte Songs werden selbstverständlich auch dabei sein“, kann man sich das nicht denken?
„Und ist das schon dein Bühnenoutfit?“
„Lass dich überraschen! Nein, Quatsch. Zum Umziehen bleibt nachher keine Zeit mehr, also wird es wohl bei diesen Klamotten bleiben, ja“, kurz werde ich von einem Licht abgelenkt, welches nahe der Tür, durch welche wir die Halle verlassen haben, entfacht wird, sodass ich die nächste Frage zuerst nicht mitbekomme.
„Wie bitte?“, frage ich höflich nach.
„Heute kein auffälliges Styling fürs Gesicht? Ich hab gehört und gesehen, dass du da immer ziemlich kreativ bist!“, was ist das denn bitte für eine Frage? Geht es hier um mein Aussehen oder um die Musik? Bisher dachte ich eigentlich immer letzteres.
„Da musst du dich nun aber wirklich überraschen lassen“, gebe ich etwas genervt zurück und streiche mir durch die Haare, um mich wieder zu beruhigen. Bald ist es vorbei und ich kann endlich wieder auf die Bühne! Kurz herrscht Stille, in der wir uns beide umsehen.
„Du wirst übrigens beobachtet“, raunt er mir dann zu und ich folge seinem Blick. Neben der Tür ist eine Gestalt zu erkennen, die an der Wand lehnt und anscheinend raucht. Gerade zündet er sich eine neue Zigarette an und dabei kann ich sein Gesicht erkennen. Es ist Ville. Unsere Blicke treffen sich und ich hätte wohl eine Gänsehaut bekommen, wenn ich nicht sowieso schon eine gehabt hätte. Warum wirft er mich eigentlich so leicht aus der Bahn? Ich kann nur über mich selbst den Kopf schütteln.
„Das ist doch Ville Valo, oder?“, fragt mein Gegenüber und glotzt ihn mit großen Augen an. Ich bestätige.
„Kennt ihr euch? Wie steht ihr zueinander?“, oh nein, er wittert anscheinend Potential für eine große Story! Jetzt heißt es schnell den Wind aus den Segeln zu nehmen…
„Kaum. Ich habe ihn vor heute erst einmal getroffen. Aber wahrscheinlich sind wir so etwas ähnliches wie Freunde“, sage ich.
„Wusstest du schon vorher, dass er heute Abend nach euch hier auftreten wird? Alle anderen haben es nämlich erst heute erfahren“, bohrt er natürlich trotzdem sofort nach.
„Wie gesagt. Wir haben uns erst ein Mal getroffen, also wusste ich es nicht. Ich war auch sehr überrascht, weil ich mir eigentlich jeden Soundcheck zumindest kurz angesehen habe“, den letzten Satz sage ich eher zu mir selbst, doch natürlich hört er ihn.
„Tja, er ist im Allgemeinen dafür bekannt, keine Soundchecks zu machen, sondern alles einfach auf sich zukommen zu lassen“, belehrt er mich sofort.
„Siehst du, wir wissen quasi nichts voneinander“, lächle ich siegessicher.
„Und trotzdem nennst du ihn einen Freund?“, Mist.
„Ja. So etwas in der Art. Schließlich durfte ich mir seinen Nagellack leihen“, gebe ich nun doch etwas preis, dass ich eigentlich nicht wollte, aber Scheiß drauf. Hoffentlich können wir dieses Thema nun endlich abhaken!
„Was sagst du dazu, dass er von den meisten als König der finnischen…“, er bricht mitten in der Frage ab, als das Licht plötzlich erlischt. Sofort beginnt eine Debatte mit dem Lichttechniker und ich kann erleichtert durchatmen. Mein Blick wandert zurück zur Tür, doch  er ist verschwunden und ich erwische mich dabei, wie ich enttäuscht die Schultern hängen lasse. Was ist nur mit mir los?! In diesem Moment berührt mich jemand am Arm und ich hätte fast laut aufgeschrien, hätte ich nicht im gleichen Moment eine zweite Hand auf meinem Mund gespürt und seinen Geruch erkannt. Mein Herz schlägt hart gegen meine Brust, doch ich atme tief durch die Nase ein und aus, bis er seine Hand wegnimmt. Ich starre ihn einfach nur an und mir fällt kein Wort ein, das ich hätte sagen können. Er bedeutet mir leise zu sein indem er sich einen Finger an den Mund, dieses Mal sein eigener, hält, während er sich seinen Mantel auszieht. Erst bin ich geschockt, doch dann spüre ich auch schon eine angenehme Wärme an meinen Armen und ich schlüpfe schnell in die Ärmel, die er mir hinhält.
„Kiitos“, flüstere ich und als Antwort lächelt er mich einfach nur an. Dann nimmt er meine Hände in seine und führt sie zu seinen Manteltaschen. Wie in Trance lasse ich es einfach geschehen.
„Du schaffst das schon“, raunt er mir noch ins Ohr, dann ist er so schnell verschwunden, wie er aufgetaucht ist und als das Licht mich erneut blendet, ist er auch nicht mehr zu sehen. Überraschenderweise scheint mein Interviewer das Thema Ville Valo über diesen Zwischenfall komplett vergessen zu haben. Zwar wundert er sich über den Mantel, doch stellt er dazu keine Frage, sondern übergeht es einfach. Der Rest des Interviews geht viel besser und schneller von der Hand. Erstens, weil ich jetzt nicht mehr friere und zweitens, weil mir mit jedem Atemzug sein betörender Geruch in die Nase steigt, welcher mich alle Wut vergessen lässt.
Als alles vorbei ist, gehe ich sofort zu den Jungs zurück.
„Seit wann trägst du so einen Mantel?“, ist das Erste, was mir entgegenschallt, doch ich schweige, ziehe ihn aus und mach mich direkt an meiner Tasche zu schaffen, um mein Augenmakeup herauszusuchen.
„Und seit wann rauchst du?“, fassungslos schaut Ollie mich an, nachdem er näher an den, nun über einen Stuhl gehängten, Mantel herangetreten ist.
„Das Interview war draußen, mir war kalt und jemand hat ihn mir geliehen“, erkläre ich knapp.
Mein Blick streift die Uhr, es ist weniger Zeit übrig, als ich gehofft hatte. Also heute kein zu aufwendiger Look.
„Und wer hat ihn dir geliehen?“, meine Güte, warum können sie es nicht einfach dabei belassen?
„Ville“, nuschle ich, während ich mir zu allererst mein Gesicht mit kaltem Wasser wasche und es anschließend trocken reibe. Auf die folgende Frage danach, welcher Ville, antworte ich nicht.
Seelenruhig beginne ich damit, mein linkes Auge schwarz zu umranden, als Ollie direkt neben mir auftaucht. Er sieht mich auffordernd und durchdringend an, doch ich sage kein Wort. Er legt seinen Kopf schief und greif nach meiner linken Hand, öffnet die Faust, die ich mit meinen Fingern gebildet habe und streicht leicht über meine frisch lackierten Nägel.
„Den Nagellack hast du auch von ihm, nehme ich an?“, ich nicke dezent und lächle leicht, als ich an die Situation zurückdenke.
Nun schaut er mich wissend an. ‚Valo‘, formt er mit den Lippen und der leicht verträumte Ausdruck auf meinem Gesicht ist ihm anscheinend Antwort genug.
Mist. Warum wirft mich diese Begegnung so sehr aus der Bahn? Ollie nickt leicht, drückt mir kurz die Schulter und entfernt sich dann wieder.
Nur halb bekomme ich mit, wie die Anderen leise miteinander reden, hänge noch immer meinen eigenen Gedanken nach.
„Was? Dieses Arschloch?“, dieser Ausruf von Jaska lässt mich zusammenzucken und ihn verwirrt anschauen.
„Du gibst dich mit diesem Idioten ab? Er hat uns als Möchtegern-Softrocker bezeichnet!“, ich seufze.
Lange hätte ich es eh nicht geheim halten können.
„Er war wirklich nett zu mir…“, verteidige ich ihn fast schon reflexartig und ernte einige skeptische Blicke, während Jaska trotzig die Arme vor dem Oberkörper verschränkt.
„Und wie lange hast du mit ihm gesprochen?“, fragt er grimmig.
Ich denke einen Moment nach, finde jedoch keine Antwort. Ich habe einfach jegliches Zeitgefühl verloren.
„Ich weiß es nicht“, gebe ich zu, drehe mich wieder zum Spiegel um, um ihren Blicken zu entgehen, und beschäftige mich wieder mit meinem Auge, auch wenn meine Hand nun etwas zu unruhig dafür ist.
Hinter mir regt sich vor allem Jaska noch weiter über Ville auf, erinnert somit alle erneut an den Vorfall vor sechs Jahren. Dabei kann ich mich nicht wirklich konzentrieren und da mir langsam aber sicher die Zeit davonläuft, stehe ich auf und will die gerade zur Ordnung rufen, als die Tür aufgerissen wird und ein ziemlich wütender Ville in dieser zum Stehen kommt. Sofort herrscht Totenstille.
Review schreiben