Vom Orden der Seven Deadly Sins

GeschichteAllgemein / P12
03.01.2019
16.06.2019
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1. The Story of Sloth and Envy


„Und… gewonnen…“

King wandte sich wortlos ab, als sich Ban über den großen Stein, den die beiden großzügig zum Tisch ernannt hatten, lehnte, um seinen Gewinn einzusammeln. Eigentlich hätte der Feenkönig ja wissen müssen, dass er gegen die Todsünde der Habgier und des Geizes und nicht zuletzt einem Individuum mit mehr als genug Erfahrung in diesem Bereich nicht den Hauch einer Chance beim Glücksspiel jeder Art hatte, und schlussendlich war es ihm auch relativ egal, ob er hier sein Geld verlor, aber dass er selbst in Bans alkoholisiertem Zustand immer noch gegen den Größeren verlor, störte ihn doch ein bisschen.

Ban ließ seinen Gewinn in seinen Geldbeutel fallen und sah King an. Sein Gesicht war rot. „Noch eine Runde?“, fragte er und King nickte. Nur, weil er längst betrunken war, hieß das nicht, dass Ban an diesem Abend zu trinken aufhören würde, und vielleicht wären seine Sinne ja irgendwann vernebelt genug, dass King ihn doch schlagen könnte. Außerdem hatten sie einfach nichts anderes zu tun.

„Ich frage mich, was der Anführer macht“, murmelte King mehr zu sich selbst, während Ban die Karten wieder einsammelte und neu verteilte.

„’S doch egal“, murmelte Ban, legte die Karten zur Seite und hob seinen leeren Krug auf. Einen Moment lang schien er nachzudenken, dann warf er ihn weg und hob eine der wenigen noch nicht geleerten Flaschen vom Boden auf. „Lass ihn doch machen.“ Ban öffnete die Flasche und trank einige Schlücke daraus.

Mit einem Anflug von Missbilligung musterte King ihn. „Ein heiliger Ritter sollte sich nicht jeden Abend betrinken“, murrte er leise, ohne Ban anzusehen. Den schien der Tadel seines Kamerads nicht weiter zu stören. „Ein heiliger Ritter… sollte auch nicht sein ganzes Geld verspielen“, konterte er und stellte die Flasche ab. „Und jetzt hör auf zu meditieren und fang an.“ Er schob einige Karten zu King hinüber, die Tatsache übersehend, dass er sie dabei über den ganzen Tisch verteilte und einige auf den Boden fielen.

Merlin, die die ganze Zeit wortlos neben den beiden im Gras gesessen hatte, hob eine der Karten auf, drehte sie einige Male in der Hand und stand auf. „Also hat er es wirklich geschafft.“ Sie legte die Karte auf den Tisch und lächelte.

Ban reagierte nicht auf diese Aussage, vermutlich hatte er es überhaupt nicht mitbekommen, aber King sah Merlin überrascht an. Bevor er Fragen stellen konnte, bemerkte er es selbst: Entfernte Schritte und zwei starke Präsenzen, die sich langsam näherten. Eine davon erkannte King sofort: Sein Anführer. Es war die Person, die bei Meliodas war, die ihn stutzig machte. Sie kam ihm nicht bekannt vor und King wollte sich eigentlich auch nicht weiter Gedanken darüber machen, schließlich fehlten auf die „sieben“ Todsünden noch einige Mitglieder, doch gerade, als er sich wieder Ban und seinen Karten zuwenden wollte, schoss ein seltsames Gefühl durch seinen Körper. Es verflüchtigte sich, bevor King es richtig benennen konnte, doch ein bitterer, verwirrter Nachklang verblieb in seinem Kopf. Als würde er irgendetwas Offensichtliches, etwas Wichtiges übersehen.

„Was’n mit dir los? Hassu aufgegeben?“ Ban lehnte sich über den Tisch und folgte dem Blick des Feenkönigs in die Richtung, aus der Meliodas und die zweite Person kamen. „Gibt’s da was umsonst?“

„Der Anführer, Ban“, ermahnte King seinen Kameraden etwas genervt, achtete aber nicht genug auf den Größeren, um sich ernsthaft über ihn zu beschweren. Sollten das die anderen tun, wenn sie sich dazu genötigt fühlten, aber im Moment gab es etwas, das seine Aufmerksamkeit eher benötigte.

„Na und? ’S der was Neues?“ Ban schien mit dieser Information herzlich wenig anfangen zu können, trotzdem drängte er King nicht, sich wieder dem Spiel zuzuwenden. Auch er selbst hielt den Blick in die Ferne gerichtet, wobei King allerdings vermutete, dass der Alkohol seine Sinne so weit getrübt hätte, dass er es vermutlich bemerken würde, wenn hier plötzlich statt Meliodas und vermutlich dem neuen Mitglied der Seven Deadly Sins ein Dämon oder eine Göttin auftauchen würde.

Die Hände in die Hüften gestützt und lächelnd ging Merlin an Ban vorbei und blieb einige Meter auf der anderen Seite des Tisches stehen. Aber King beachtete sie nicht mehr. Die beiden Präsenzen waren nun in das Blickfeld der anwesenden Sins getreten, und mit einem Schlag wurde dem Feenkönig bewusst, was an diesen nicht gestimmt hatte. Die Erkenntnis traf ihn so unvorbereitet, dass er fast von Chastiefol hinunterfiel.

„Yo!“ Meliodas hob zwei Finger und machte eine Handbewegung wie zur Begrüßung. Merlin war die einzige, die den Gruß erwiderte- oder überhaupt reagierte. Ban war mittlerweile nach hinten umgekippt und in jeder anderen Situation hätte sich King vermutlich beschwert, dass er es immer übertreiben musste, aber in dem Moment achtete er weder auf Ban, noch auf Merlin oder seinen Anführer. Alles, was in diesem Moment in sein Bewusstsein passte, war das braunhaarige Riesenmädchen, das aussah, als würde sie versuchen, sich, trotz einem Größenunterschied von bestimmt acht Metern, hinter Meliodas zu verstecken. Diese Riesin, und die Erinnerungen, die damit wieder auf King einströmten und ihn auf eine fast schmerzhafte Weise trafen.

„Hallo“, grüßte nun auch sie, ohne die anderen Sins anzusehen. Ihr Blick war in einer Art schüchternen Nervosität zur Seite gerichtet und sie drehte eine Haarsträhne immer wieder um ihren rechten Zeigefinger. „Ich… ich bin die Todsünde des Neids, Serpent Sin…“

„…Diane“, murmelte King leise. Er hatte nicht wirklich auf sein Umfeld geachtet- sein Verstand war immer noch eingenommen von tausenden Gefühlen und Erinnerungen- und noch weniger hatte er erwartet, dass einer der anderen ihn hören würde. Umso überraschter war er, als Diane den Kopf schief legte und sich ein Stück vorbeugte, als würde es ihr helfen, ihn besser zu erkennen. „Woher weißt du, wie ich heiße?“, fragte sie. Nachdenklich runzelte sie die Stirn und lehnte sich noch näher zu ihm, bis ihr Gesicht nur noch etwa einen Meter von seinem entfernt war, was darin resultierte, dass King diesmal tatsächlich von Chastiefol fiel. Er schaffte es jedoch, sich rechtzeitig zu fangen, um vor der Riesin nicht schon jetzt das Gesicht zu verlieren, und wich einige Zentimeter zurück. Sein Puls beschleunigte sich und er spürte, wie er rot wurde, ohne es zu wollen.

Diane ließ sich durch dieses Schauspiel nicht beirren. „Kennen wir uns?“, fragte sie.

In der ersten Sekunde machte Kings Herz einen hoffnungsvollen Sprung. Das war die Sekunde, die allein seine Instinkte und Gefühle bestimmten, bis sein Verstand einschaltete. Natürlich war es unmöglich, dass sie sich wirklich an ihn erinnerte. Das Mädchen, das er liebte, würde sich nie an die Zeit erinnern, die sie damals zusammen verbracht hatten, und es war seine eigene Schuld.

King lächelte, auch, wenn es seinem Herzen einen schmerzhaften Stich versetzte. „Ich bin Grizzly Sin King, Todsünde der Faulheit“, stellte er sich vor, ohne weiter auf ihre Frage einzugehen.  Ich bin Harlequin. Der, der dir versprochen hat… King schaffte es nicht einmal, den Gedanken zu Ende zu bringen. Die Trauer, die unendliche Reue schlug wie eine Flutwelle über ihm ein und er wandte den Blick ab, Chastiefol umarmend und die untere Hälfte seines Gesichtes mit seinem heiligen Schatz verbergend.

„Äh… freut mich“, meinte Diane etwas verwirrt, bevor sie sich wieder Merlin und schließlich Ban, der immer noch auf dem Boden lag, zuwandte. King hörte, wie seine Kameraden mit der Riesin redeten, aber er schenkte ihnen nicht genug Aufmerksamkeit, um tatsächlich etwas von ihren Gesprächen zu verstehen. Seine Gedanken und fast sein ganzes Bewusstsein waren bei Diane, in der Vergangenheit… sowie in der Zukunft.

Obwohl der Schmerz, dem King sowieso nie ganz entkommen konnte, was auch immer er versuchte, seine bösartigen Klauen mit jeder Sekunde tiefer in sein Herz grub, fühlte er sich auch auf eine seltsame Art und Weise… glücklich. Es war ein Gefühl, das King seit 200 Jahren nicht mehr gespürt hatte.

Damals hatte er Dianes Erinnerungen gelöscht, weil er das Versprechen, das er ihr gegeben hatte, nicht hatte halten können. Er hatte sich in die junge Riesin verliebt, und er war es gewesen, der dafür verantwortlich war, das sie keine Ahnung hatte, wer er war, und das ganze nur, um noch einmal alles zu verlieren. Die ganze Zeit hatte er nur verloren. Bis jetzt.

Es klang verrückt in Kings Ohren, aber es fühlte sich an wie eine zweite Chance. Eine zweite Chance, Dianes Herz wieder für sich zu gewinnen. Das hier war kein Zufall, da war er sich ganz sicher.  Danke… King vergrub sein ganzes Gesicht im weichen Stoff von Chastiefol. Obwohl er wusste, dass keiner der anderen Sins auf ihn achtete, wollte er im Moment doch nicht, dass sie möglicherweise seine Tränen sahen. Es wäre schwer zu erklären, und schließlich hatten sie noch viel Zeit zusammen. Und in dieser Zeit würde er es schaffen, Dianes Verstand und ihr Herz mit neuen Erinnerungen zu füllen. Diese Zeit… seine zweite Chance.

Danke, dachte King und lächelte, einen stummen Gruß an jemanden sendend, den er nicht kannte. Vielen, vielen Dank.
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