Zum Wohle des Kindes

von Xella Sky
GeschichteDrama, Familie / P12
Kathryn Janeway OC (Own Character) Owen Paris Tom Paris
02.01.2019
02.02.2019
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24. Dezember

Am nächsten Morgen hatte sich die Lage ein wenig beruhigt. Ohne dass explizit darüber gesprochen worden war, hatten die drei Janeway-Frauen beschlossen, das heikle Thema von Mirals Anwesenheit nicht weiter zu thematisieren. Das Familienfrühstück verlief daher weitgehend ruhig, mit gelegentlichem harmlosen Geplauder, doch die Blicke, die sich die Erwachsenen einander verstohlen zuwarfen, zeigten, dass der Frieden auf tönernen Füßen stand.

Nach dem Essen verkündete Gretchen, dass sie in die Innenstadt gehen wolle, um noch einige Besorgungen zu machen. Phoebe bot an, sie zu begleiten. Janeway war erleichtert, Mutter und Schwester los zu sein, auch wenn das bedeutete, dass sie für einige Stunden das alleinige Kindermädchen für Miral spielen musste.

„Was hältst du davon, wenn wir etwas backen?“, fragte sie schließlich das kleine Mädchen, nachdem sie die letzten Reste des Frühstücks im Replikator zum Recyceln gegeben hatte.
„Backen?“, echote Miral erstaunt.
„Wir könnten Weihnachtsplätzchen backen“, erläuterte Janeway. „Die schmecken gut und lassen sich schön verzieren.“
Die Sechsjährige dachte nach. „Wird deine Mama nicht böse, wenn du ihren Replikator kaputt machst?“
Janeway, die gedanklich schon auf Rezeptsuche war und daher nur mit halbem Ohr zuhörte, bekam nur das Wort Replikator mit. „Ich hatte nicht vor, den Replikator zu … Moment mal, wie war das?“ Sie stemmte ihre Hände in die Hüften. „Unterstellst du mir etwa, ich könne keinen Replikator bedienen?!“
Miral begann zu kichern. „Ja.“
Janeways berühmt-berüchtigter Todesblick traf sie dafür, was bei dem Mädchen allerdings nur zu noch heftigeren Lachanfällen führte. Zudem nickte sie jetzt bekräftigend.
„Na warte, du freche Göre!“, meinte Janeway und stapfte auf sie zu.
Miral kreischte vergnügt auf und warf sich mit einem Hechtsprung unter den Küchentisch.
Eine wilde Verfolgungsjagd durch das Erdgeschoss begann, die erst dann endete, als Miral sich aus Versehen in die Vorratskammer verirrte, aus der es kein Entkommen gab, weil Janeway die Tür blockierte. Sie packte das Mädchen und begann es zu kitzeln.
„Wirst du das wohl zurücknehmen?“, fragte Janeway und unterbrach für einen Moment ihre Tätigkeit.
„N E I N!“, brachte Miral unter heftigen Lachkrämpfen heraus.
Janeway packte die Kleine fester und hob sie in die Luft.
„Und jetzt?“
„N I E M A L S!“, schrie Miral vergnügt.
„Warum nicht?“
„Weil man die Wahrheit sagen muss und du machst den Replikator immer kaputt, wenn du etwas kochst.“
„Das ist gar nicht wahr! … Zumindest nicht immer!“
„Doch, immer!“
„Freches Kind!“, wehrte sich Janeway, doch sie meinte es nicht ernst.
„Und Papa muss ihn dann jedes Mal reparieren.“
Janeway ließ Miral los und versetzte ihr einen leichten Klaps auf den Hintern, um sie aus der Vorratskammer zu befördern. „Hau bloß ab! Dann backe ich eben alleine.“


Eine dreiviertel Stunde später sah Gretchen Janeways Küche wie ein Schlachtfeld aus. Überall tropfte oder klebte etwas, mehlige Fußspuren waren über Boden verteilt und der Zuckerguss garnierte nicht nur die ersten fertig gewordenen Plätzchen.
Mirals Neugier über die Ankündigung dieser ungewöhnlichen Aktion hatte gesiegt. Daher hatte sie sich doch noch dazu entschlossen, an Janeways Backexperiment teilzunehmen, steckte seither in Gretchens Küchenschürze, die ihr viel zu groß war und war eifrig damit beschäftigt, den leicht klumpigen Teig, der auch noch die ein oder andere Eierschale enthielt, auszuwellen. Janeway kümmerte sich um den Rest und obwohl sie das Aufräumen bereits jetzt fürchtete, war sie doch überrascht, wie viel Spaß ihr diese Tätigkeit machte. Sie hatte lediglich Miral ablenken und beschäftigen wollen, doch unbemerkt war dadurch auch bei ihr eine beinahe kindliche Weihnachtsstimmung entstanden. Die Musik im Hintergrund tat ihr Übriges dazu.

„Mehr Mehl!“, forderte Miral kenntnisreich, denn sie hatte den Teig so lange bearbeitet, dass er warm und klebrig geworden war und mehr an ihr als an der Tischplatte hing.
„Kommt sofort!“, erwiderte Janeway und griff nach dem blechernen Zerstäuber. Zuerst verteilte sie neues Mehl auf dem Tisch, doch dann konnte sie nicht wiederstehen und streute auch etwas davon auf Mirals Hände und Arme. Verblüfft sah das Mädchen auf.
„Es schneit“, meinte sie voller Begeisterung.
„Ja genau, es schneit“, lachte Janeway und zerstäubte nun auch noch ein wenig Mehl über den Haaren des Mädchens.
Miral schüttelte sich wie ein Hund. Dann nahm sie so viel Mehl, wie sie auf dem Tisch greifen konnte und war es in die Luft. „Juhu, es schneit!“, krähte sie begeistert.


Einige Stunden später kehrten Phoebe und Gretchen Janeway voll beladen aus der Innenstadt zurück.
„Auch die lieber Himmel! Das ist ja ne schöne Bescherung!“, entfuhr es Gretchen statt einer Begrüßung, als sie das Chaos entdeckte, das einmal ihre wohlgeordnete Küche gewesen war.
Janeway und Miral, die es sich mittlerweile erschöpft aber glücklich auf den Küchenstühlen gemütlich gemacht hatten, um sich den Bauch mit nur leicht verbrannten Plätzchen und Milch vollzustopfen, sahen sich bei dieser Äußerung verschwörerisch an und brachen dann gemeinsam in Gelächter aus.
Kopfschüttelnd durchmaß Gretchen den Raum. „Das könnt ihr aber allein aufräumen.“
„Aye aye, Mam!“, antwortete Miral.
„Aye, Mam!“, echote Janeway und genoss den albernen Moment.
Phoebe im Hintergrund lächelte. Sie bewegte tonlos die Lippen und versprach ihrer Schwester damit, ihr später helfen zu wollen. Janeway nickte ihr unauffällig zu, zum Zeichen, dass sie verstanden hatte.
Gretchens Miene blieb angespannt. „Wenn mich jemand sucht, ich bin im Wohnzimmer und mache ein Nickerchen.“

Das Chaos wieder in den Griff zu bekommen, stellte sich als größerer Kraftakt heraus, als ursprünglich angenommen. Irgendwann bekam Phoebe Mitleid und entband die beiden Hausgäste von ihren Aufräumpflichten. Lachend scheuchte sie die zwei aus der Küche und meinte, sie selbst würde das sicher doppelt so schnell hinbekommen, wenn ihr niemand mehr im Weg stand. Ihre beste Idee war es allerdings, ihrer älteren Schwester vorzuschlagen, sie solle Miral einmal die große alte Badewanne mit den Löwenfüßen im oberen Stockwerk zeigen.

Wenig später tauchte Janeway ihre Finger in das warme Wasser, um die Temperatur zu prüfen.
„Es ist jetzt gut, Miral. Du kannst einsteigen“, meinte sie.
Das Mädchen, das bis dahin nur in ein Handtuch gewickelt in der Raummitte gewartet hatte, kam nun heran. Janeway nahm ihr das Handtuch ab und half ihr dann beim Einsteigen in die Badewanne. Mirals Gesichtszüge entspannten sich, je tiefer sie in das Wasser glitt, was Janeway ein Lächeln entlockte. In dieser Hinsicht waren sie sich erschreckend ähnlich. Auf der Wasseroberfläche bildete sich derweil ein milchiger Film, denn das Mehl, das bis dahin Kopf und Arme des Mädchens bedeckt hatte, löste sich nun von ihr. Janeway beobachtete Miral eine Zeit lang, auf einem Hocker neben der Wanne sitzend, bevor sie nach einem Lappen griff und ihn in das Wasser tunkte. Mit gleichmäßigen Strichen massierte sie den Rücken des Mädchens.
Früher, als Miral noch klein gewesen war und bei ihr gelebt hatte, hatte sie das oft getan. Das fehlte ihr, stellte Janeway überrascht fest.
Miral saß vorgebeugt da, ließ die Prozedur über sich ergehen und schnipste mit ihren Fingern gegen die Wasseroberfläche, so dass ein glucksendes Geräusch entstand.
„Kommst du auch rein?“, fragte sie unerwartet.
Janeway unterbrach ihre Tätigkeit. „Ich hatte es eigentlich nicht vor.“
„Warum nicht?“
„Das haben wir doch schon ewig abgeschafft. Du bist doch kein kleines Mädchen mehr.“
„Doch, ich bin ganz klein.“ Miral zog ihren Kopf zwischen die Schultern, glitt tiefer ins Wasser und sah Janeway mit großen bittenden Augen an.
Janeway wurde es schwer ums Herz. Sie dachte an das Gespräch mit ihrer Mutter und an ihre Warnung, dass das Mädchen nicht mehr wisse, zu wem es gehöre. Janeway hatte es am vergangenen Abend nicht zugeben wollen, doch ihre Mutter hatte natürlich den Nagel auf den Kopf getroffen. Es stimmte, dass Miral mit ihrer leiblichen Mutter fremdelte, dass Tom und B’Elanna deswegen viel Streit miteinander hatten und dass sie sich deshalb im letzten Jahr so weit wie möglich aus dem Leben der Familie Paris-Torres herausgehalten hatte, um die Sache nicht noch zu verschlimmern. Doch Miral verstand das natürlich nicht. Konnte es in ihrem Alter nicht verstehen. Und nun war sie an Weihnachten ganz allein. Von den Eltern abgeschoben. Konnte es da verwerflich sein, der Kleinen ein paar schöne gemeinsame Momente zu schenken? Janeway war hin- und hergerissen, daher schüttelte sie nur defensiv den Kopf.
Miral gab sich allerdings noch nicht geschlagen. Sie nickte umso heftiger.
Ein kurzes Lächeln huschte über Janeways Gesicht. „Du hast das Wasser ja schon ganz dreckig gemacht. Glaubst du, in so eine Brühe steige ich ein? Am Ende bin ich noch schmutziger als vorher!“
Falls Janeway geglaubt hatte, das würde das Mädchen überzeugen, hatte sie sich getäuscht. Mit unbestechlicher Kinderlogik meinte Miral: „Wir können neues Wasser einlassen.“
„Also gut, ich gebe mich geschlagen!“, meinte Janeway und zum Zeichen ihrer Kapitulation erhob sie ihre Hände.


Ein Klopfen an der Tür ließ die beiden hochschrecken. Sie hatten noch mehr als einmal warmes Wasser nachgefüllt, waren irgendwann in eine Art schläfrigen Dämmerzustand geglitten und hatten darüber die Zeit vollkommen aus den Augen verloren.
„Lebt ihr noch?“, wollte Phoebe vom Flur aus wissen.
„Ja sicher“, antwortete Janeway und glitt in eine aufrechtere Position. „Wie spät ist es denn?“
„Schon 18 Uhr. Mum hat Hunger und will nicht mehr länger warten. Kommt ihr zum Abendessen?“
„Wir sind in fünf Minuten bei euch!“, versprach Kathryn.
„Oder in einer Stunde“, ergänzte Miral vorlaut.
Das brachte die beiden Schwestern zum Lachen.


Nach dem Abendessen bat Phoebe alle miteinander ins Wohnzimmer. Miral staunte nicht schlecht, denn inzwischen war dort alles festlich geschmückt worden und auch der Baum erstrahlte jetzt im Lichterglanz. Neugierig sah sie sich um, bis Gretchen sie zu sich rief. Sie stand vor dem Kamin, der nur zu Dekorationszwecken diente, dem Zimmer aber trotzdem eine behagliche Atmosphäre vermittelte, denn es brannte ein künstliches Feuer darin. Die alte Dame hielt dem Mädchen eine große, rot-grün-weiß gestreifte Socke entgegen. Miral blickte sie verständnislos an.
„Die ist mir zu groß.“
Die Janeway-Frauen lachten auf. „Du sollst sie nicht anziehen. Die hängen wir jetzt an den Kamin.“
„Wozu?“
„Damit der Weihnachtsmann sie mit Geschenken füllen kann.“
Das Mädchen kniff misstrauisch die Augen zusammen. Sie schien zu befürchten, dass man sich einen Spaß mit ihr erlaubte.
„Tu es einfach“, forderte Kathryn, um die Sache abzukürzen. Gretchen zeigte auf einen freien Haken.
„Und jetzt?“, fragte Miral.
„Jetzt spielen wir noch eine Runde Klavier“, mischte Phoebe sich ein. „Und danach gehst du ins Bett.“
„Und was ist mit der Socke?“
„Das wirst du schon sehen. Gleich morgen früh.“
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