Zum Wohle des Kindes

von Xella Sky
GeschichteDrama, Familie / P12
Kathryn Janeway OC (Own Character) Owen Paris Tom Paris
02.01.2019
02.02.2019
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Beitrag zum Trekzember auf treknation.net: Prompt 15 „Das ist ja ne schöne Bescherung“. Weihnachtsspecial Nr.2 zu meiner Geschichte Das eigenwillige Leben der Miral Paris



23. Dezember

„Miral, hör jetzt auf zu quengeln“, forderte Kathryn Janeway. Sie war entnervt, weil sich die Sechsjährige seit ihrer Ankunft auf der Erde pausenlos bei ihr beschwert hatte. Die Schwerkraft sei zu hoch, das Licht zu grell, ihre Beine wären zu schwer und die Temperaturen zu niedrig. So hatte sie sich ehrlich gesagt ihre Ankunft auf der Erde und in ihrer alten Heimatstadt Bloomington nicht vorgestellt. Sie blieb stehen, weil auch das Mädchen gestoppt hatte und sie missmutig anstarrte. Nebenbei versuchte Miral, sich die Wollmütze vom Kopf zu schieben, was Janeway aber durch einige beherzte Handgriffe verhinderte.
„Lass mich“, jammerte das Mädchen, doch Janeway dachte nicht daran, Miral nachzugeben. Es war tiefster Winter und damit nicht der richtige Zeitpunkt, Kleidung loszuwerden.
„Die ist kratzig!“, beschwerte die Viertelsklingonin sich, noch immer Widerstand leistend.
„Du wirst es überleben“, meinte Janeway lakonisch. Sie ergriff Mirals Hand und zog sie ungeduldig hinter sich her. Janeways Elternhaus kam schließlich in Sichtweite und sie atmete erleichtert aus. Dabei kondensierte ihr Atem aufgrund der Kälte und bildete kleine Dampfwölkchen vor ihrem Gesicht. Die letzten Meter bis zum Beginn des Grundstücks schritt sie zügiger aus, doch sie hatte nicht mit Mirals Widerstandskraft gerechnet. Das Mädchen blockierte zunächst mit den Beinen und ließ sich dann mit ihrem Hintern auf den schneebedeckten Boden fallen. Janeway blieb nichts anderes übrig, als erneut zu stoppen.
„Jetzt hör mal, Miral, wir sind doch gleich da. Steh jetzt auf und beweg dich.“
Sie war vor dem Mädchen in die Knie gegangen, um halbwegs mit ihr auf Augenhöhe zu sein.
„Ich will nach Hause“, jammerte das Mädchen und rührte sich nicht.
„Miral, wir hatten das doch besprochen“, seufzte Janeway. „Über Weihnachten besuchst du mit mir zusammen mein Zuhause. Danach geht es zurück auf den Mars.“
„Ich will nach Hause“, wiederholte Miral, als hätte es Janeways Worte überhaupt nicht gegeben.
Der Admiral fuhr sich frustriert mit der behandschuhten Hand übers Gesicht.
„Miral! Zuhause ist im Moment niemand. Deine Eltern sind verreist und meine Wohnung ist auch leer, denn ich bin ja hier. Du wärst also dort ganz alleine.“
„Mir egal!“, erwiderte die Sechsjährige und erste Tränen bildeten sich in den Augenwinkeln des Mädchens.
„Also gut“, seufzte Janeway, „wenn du dich wie ein Baby benehmen willst, dann wirst du auch wie eines behandelt.“
Obwohl es ihr eigentlich aus erziehungstechnischen Gründen zuwider war, schob sie ihre Arme unter den Rücken und die Kniebeugen des Mädchens und hob sie hoch. Sie würde die Sechsjährige die wenigen Meter bis zum Haus ihrer Mutter tragen. Immer noch besser, als sie an den Beinen hinter sich herzuschleifen, was sicher im Sinne Mirals wäre, aber ihrer Mutter vermutlich Entsetzensschreie entlocken würde.

An der Haustür angekommen, stand Janeway vor einem neuen Problem. Sie hatte keine Hand frei, um die Bewohner des Hauses auf sich aufmerksam zu machen. Kurz spielte sie mit dem Gedanken Miral abzusetzen, doch eine sehr lebhafte Fantasie davon, wie sie ein brüllend davonlaufendes Kind verfolgte, hielt sie davon ab.
„Miral, kommst du an den Türklopfer heran?“, fragte Janeway daher, verfrachtete sie beide etwas näher an die Tür und hob Miral noch ein wenig höher.
Das Mädchen, das bis dahin die Augen zusammengekniffen hatte und vor sich hin wimmerte, verstummte abrupt und riss die Augen auf. Vermutlich weil sie die Frage überraschte. Türklopfer waren auf Utopia Planitia unbekannt. Mirals Blick wanderte zwischen Janeways Gesicht und dem fein ziselierten Metallring hin und her, der die Tür leicht oberhalb der Mitte zierte. Janeway zeigte mit einer Bewegung ihres Kinns, was sie von dem Mädchen wollte, doch diese schüttelte nur den Kopf.
„Wenn du jetzt nicht klopfst, dann muss ich leider ersatzweise deinen Kopf nehmen“, meinte sie trocken.
Widerwillig entkam Miral ein Glucksen. Schon immer hatte sie wilde Spiele geliebt. Sehr zu Toms und Kathryns Leidwesen.
„Mach!“, forderte die Sechsjähre daher auch wenig überraschend. Zum Schein ging Janeway darauf ein, indem sie zwei Schritte rückwärts ging und sich dabei so drehte, dass Mirals Kopf Richtung Tür zeigte. Sie tat so, als wolle sie den Kopf der Sechsjährigen als Rammbock verwenden, doch als sie nur noch wenige Zentimeter von der Tür trennten, öffnete sich diese von innen.
„Huch!“, begrüßte sie eine überrascht klingende Frauenstimme. „Was ist denn hier los?!“
„Phoebe“, erwiderte Janeway zugleich erfreut und auch ein wenig verlegen. Sie presste Miral enger an sich, damit sie ihr nicht entglitt.
„Kathryn! Ich wusste doch gleich, dass mir die Stimme bekannt vorkommt. Was machst du denn heute schon hier? Wir hatten dich erst morgen erwartet. … Und du hast noch einen Gast mitgebracht?!“
„Ja“, antwortete Janeway mit ein wenig Verzögerung. „Du erinnerst dich doch an Miral?“ Den ersten Teil der Frage überging sie dabei geflissentlich.
Phoebe blinzelte kurz irritiert. „Natürlich. Toms und B’Elannas Kind.“
Der Zusatz ‚Was macht sie bei dir? Noch dazu an Weihnachten?‘ war in ihrem Gesicht deutlich abzulesen, doch Janeway konnte dem Taktgefühl ihrer Schwester dankbar sein, denn sie sprach diese berechtigten Fragen nicht laut aus. Stattdessen streckte sie dem Mädchen freundlich die Hand entgegen.
„Hallo Schätzchen. Willkommen im Janeway-Haus.“
Miral, die noch immer in Janeways Armen hing, erwiderte den Händedruck und brachte ein mageres „Hallo“ hervor.
Phoebe, die schon immer gut mit Kindern hatte umgehen können, fuhr im heiteren Ton fort. „Wie war deine Reise?“
„Schrecklich!“, antwortete das Mädchen.
Janeway verdrehte die Augen, doch ihre Schwester lachte laut auf. „Dann ist es ja gut, dass ich genau dagegen ein wunderbares Heilmittel kenne. Es nennt sich heiße Schokolade. Wie wäre es, wenn ich dir gleich eine zubereite?“
Miral nickte heftig und begann in Janeways Armen zu zappeln. Diese ließ sie daraufhin hinunter. Phoebe ergriff die Hand des Mädchens und zog sie mit sich in Richtung Küche.
Janeway blieb allein zurück. Sie drehte sich um, schloss die Haustür und ließ sich dann mit dem Rücken dagegen sinken. Geräuschvoll atmete sie aus. Sie ahnte, dass es anstrengende Tage werden würden.


Nach einem Abendessen zu viert hatte sich Phoebe mit Miral ins Wohnzimmer zurückgezogen. Die beiden hatten sich ans Klavier gesetzt und Phoebe versuchte, der Sechsjährigen ein einfaches Lied beizubringen. Janeways Mutter Gretchen war in der Küche zurückgeblieben, um noch ein wenig Ordnung zu machen und Janeway selbst stand unauffällig im Türrahmen, um ihrer Schwester und Miral zuzusehen. Es erstaunte sie, dass sich die Laune des Mädchens so schnell gebessert hatte, aber vor allem auch, wie ruhig und konzentriert sie den Anweisungen von Phoebe folgte. Das war für die temperamentvolle Viertelsklingonin absolut untypisch.
Als eine Hand nach ihrem Oberarm griff, zuckte sie erschrocken zusammen. Janeway hatte nicht bemerkt, dass ihre Mutter hinter sie getreten war. Sie wandte ihr das Gesicht zu und sah sie fragend an.
„Was macht das Kind hier?“, wollte ihre Mutter wissen und der Tonfall überraschte sie. Er war ernst und es lag keine Spur Freundlichkeit darin.
„Tom und B’Elanna machen Urlaub. Das habe ich euch doch vorhin beim Abendessen erklärt.“
Gretchen kniff die Augen zusammen. Sie schien ihrer Tochter nicht recht glauben zu wollen.
„Verreist, soso. Über Weihnachten. Allein.“
„Die beiden brauchen ein bisschen Zeit für sich.“
Gretchens Blick wanderte zu Miral und Phoebe, bevor er wieder zu ihrer ältesten Tochter zurückkehrte.
„Euer Vater und ich wären niemals ohne euch beide verreist.“
„Jede Familie ist anders“, versuchte Janeway zu erklären.
„So anders, dass man sein Kind über die Feiertage bei fremden Leuten lässt?“
„Erstens, sie ist nicht bei fremden Leuten, sondern bei mir. Zweitens, die beiden machen sich nicht so viel aus Weihnachten.“
„So ein Quatsch. B’Elanna hat ihre Tochter fünf Jahre lang entbehren müssen. Sie würde doch nie…“
„Doch Mum, sie würde!“ Janeways Stimme war unwillkürlich lauter geworden, so dass ihre Schwester für einen Moment das Klavierspiel unterbrach und zu ihnen hinübersah. Auch Miral drehte sich herum und blickte ihnen fragend entgegen. Janeway winkte den beiden zu, zum Zeichen, dass alles in Ordnung sei.
Gretchen ergriff erneut den Arm ihrer Tochter und zog sie zurück in den Flur. Mit einem Kopfnicken deutete sie an, dass sie ihr in die Küche folgen sollte. Kaum waren sie dort angekommen, setzte Gretchen das Verhör fort.
„Erklär mir das!“
Janeway kniff ihre Lippen zusammen und starrte Hilfe suchend an die Decke, bevor sie Blickkontakt mit ihrer Mutter herstellte.
„Die beiden haben Eheprobleme. Die fünf Jahre Gefängnis sind nicht spurlos an ihnen vorüber gegangen. Das Zusammenleben ist nun einfach schwierig.“
Gretchen Janeway schnaubte wütend. „Und da schicken sie das Kind ausgerechnet zu dir?!“
„Nenn sie nicht immer ‚das Kind‘. Sie hat einen Namen: Miral.“ Janeway stemmte ihre Hände in die Hüften und begann, im Raum umher zu tigern. „Und was heißt überhaupt ‚ausgerechnet zu mir‘? Mum?“
„Das weißt du ganz genau.“
„Nein, das weiß ich nicht. Sonst würde ich nicht fragen. Willst du mir irgendetwas unterstellen?“
„Es gab in den letzten Jahren eine Menge Gerüchte über Tom und dich.“
Janeways Augenbrauen wanderten ungläubig nach oben. „Und du schenkst ihnen glauben? Ich … Ich … Das hätte ich niemals erwartet. Mum, du kennst mich doch! Da ist nie etwas gewesen. Ich habe nur einem Freund in Not geholfen.“
„So, kenne ich dich? Wie oft hast du dich seit deiner Rückkehr bei mir blicken lassen? Zwei, drei Mal im Jahr? Und selbst dann hast du dir nie richtig Zeit genommen. Stattdessen vergräbst du dich auf dem Mars und könntest genauso gut weiterhin im Delta-Quadranten sein.“
Ein verletzter Blick traf Gretchen.
„Mum, ich arbeite dort. Ich schließe dich doch nicht aus meinem Leben aus.“
„Doch, das tust du sehr wohl und es ist schlimm, dass dir das gar nicht auffällt. Statt dich um deine Familie zu kümmern und dir ein eigenes Privatleben aufzubauen, hast du dir einen verheirateten Mann und dessen Tochter ins Haus geholt und hast mehr als drei Jahre mit ihnen zusammengelebt. Ist es da ein Wunder, dass es zu Eheproblemen kommt? Und wer denkt an das Kind? Das weiß doch gar nicht mehr, wo seine Heimat ist und zu wem es gehört!“
„Mum, das ist ungerecht. Du kennst nicht die ganze Situation. Außerdem hat Tom mich gebeten, sie über Weihnachten zu mir zu nehmen. Was hätte ich da tun sollen?“
„Du hättest ablehnen können.“
„Und wer hätte sie dann genommen?“
„Sie hat Großeltern auf der Erde, falls du das vergessen hast. Das sind gute und anständige Leute, die ihr Enkelkind viel zu selten zu sehen bekommen. Dort hätte sie hingehört.“
Janeway schüttelte frustriert den Kopf.
„Das geht aber nicht!“
„Warum nicht?“
„Weil es nicht geht.“
„Das ist keine Erklärung.“
„Bitte glaub mir einfach, dass es nicht geht. Es ist etwas Familiäres.“
Nun war es Gretchen, die den Kopf schüttelte. „Manchmal habe ich den Eindruck, ihr seid alle im Delta-Quadranten verrückt geworden. Ihr habt ja gar keine Ahnung mehr, was Familie bedeutet und wie ein normales familiäres Umfeld aussehen sollte.“
Janeways Blick verschleierte sich. In ihren Augenwinkeln blitzte es verdächtig auf. Sie blinzelte jedoch, um die aufkommenden Tränen zu unterdrücken.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du das so siehst. Vielleicht ist es dann besser, wenn wir gehen und dich nicht mit unserem verrückten Verhalten belasten. Du brauchst es nur zu sagen, dann sind wir morgen weg.“
„Kathryn, du magst vielleicht verrückt sein, aber du bist noch immer meine Tochter. Natürlich will ich dich hier haben und Miral darf natürlich auch bleiben. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich die Sache billige.“
Janeway schluckte die Antwort, die ihr auf der Zunge lag, hinunter.
„Ich werde jetzt auf mein Zimmer gehen. Phoebe soll Miral nachher hochbringen.“
Damit drehte sie sich um und verschwand einfach.
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