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Onkel ante portas

von ruawei
Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P12 / Gen
Dr. Anja Licht Franz Hubert
02.01.2019
21.01.2019
9
14.133
3
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03.01.2019 1.759
 
Endlich war es Freitag und Anja saß voller Ungeduld und Vorfreude in eben diesem Kurs. Die ließ sie sich auch nicht von einem ihrer Kommilitonen nehmen, einem blässlichen Mann mit deutlichen Aknenarben, der sie seit Beginn des Kurses angebaggert hatte. Ausgerechnet heute verhielt er sich ihr gegenüber besonders penetrant, schwanzelte ständig um sie herum und machte ihr unablässig anzügliche Komplimente.
Als der Kurs endlich zu Ende war, verließ sie als Erste den Raum und lief so schnell wie möglich die Treppe hinunter zum Ausgang und dann Richtung Parkplatz. Als sie gerade ihren alten VW aufsperren wollte, hatte sie das Narbengesicht eingeholt. "Wie wärs? Fahrn wir noch zu mir?" fragte er großspurig und deutete auf seinen roten Sportwagen, der etwas weiter weg parkte. Ehe Anja sich versah, hatte er ihr ihren Autoschlüssel aus der Hand genommen. "Spinnst du? Gib sofort den Schlüssel her!", fauchte sie ihn an. "Hol ihn dir!", rief er lachend und hielt den Schlüssel in die Höhe. Anja sprang hoch, konnte ihn aber nicht erreichen. Doch Narbe nutzte die Gelegenheit und fasste ihr an den Po. "Jetzt stell dich nicht so an! Du willst es doch auch!", provozierte er sie und ließ den Schlüssel in seine vordere Hosentasche gleiten. "Hol ihn dir!", forderte er sie noch einmal grinsend auf, als er plötzlich von hinten in den Schwitzkasten genommen und sein Arm mit einem geübten Polizeigriff auf seinen Rücken gedreht wurde. "Jetz rück den Schlüssel raus - und dann schleich di!", herrschte ihn Hubsi an. Kleinlaut und mit schmerzverzerrtem Gesicht gab Narbe Anja den Schlüssel zurück, ohne sie dabei anzusehen. Dann setzte er sich wortlos in seinen Renner und brauste davon. Anja fiel Hubsi um den Hals. Sie konnte kaum etwas sagen, denn ein Schluchzen schüttelte ihren ganzen Körper. Hubsi legte vorsichtig seine Arme um sie. "Jetz beruhig dich erst amal und dann fahr i di heim. Des Essen verschieb ma halt!", versuchte er sie zu trösten und strich ihr behutsam über den Kopf. So standen sie eine Zeit lang da, dann öffnete er die Beifahrertüre und schob Anja sanft auf den Sitz. Er selbst stieg auf der anderen Seite ein und ließ den Motor an. "Bitte ned heim!", stammelte Anja aufgelöst. "Der weiß, wo i wohn. Der is scho die ganze Zeit hinter mir her. Aber so weit is er no nie gangen. I bin so froh, dass du da warst." Sie schluchzte immer noch. "I wollt di überraschn und hab mir gedacht, i hol dich ab! ... Wo solln mir dann hinfahrn?", fragte Hubsi und war mit der Situation leicht überfordert. Anja zuckte ratlos mit den Schultern. Hubsi überlegte fieberhaft und fuhr dann langsam los. Allmählich beruhigte sich Anja. "Danke noch einmal", sagte sie und legte wie zufällig ihre Hand auf Hubsis Oberschenkel. "Für dich immer gern!", erwiderte dieser und nahm ihre Hand in seine. So saßen sie eine Weile still nebeneinander, während Hubsi aus München herausfuhr. "Wo.... wo fahr ma denn hi?", fragte Anja zaghaft. "Nach Wolfratshausen. Du bleibst des Wochenend bei mir. I tu dir nix. Und i versprich dir, dassd da bestens aufghobn bist, lass di überraschn!", sagte Franz grinsend und wunderte sich über seinen eigenen Mut.

Es dämmerte schon, als sie vor einem Haus mit großem Garten hielten. Ein dicker Mercedes stand vor der Tür. "Deiner?" fragte Anja bewundernd. "Naa, leider ned", verneinte Hubsi verlegen. Dann schloss er die Türe auf und ließ Anja eintreten. Im Treppenhaus stand ein weißhaariger Mann, der eben erst nach Hause gekommen sein musste, denn er legte gerade seine Jacke ab. "Augensternchen!", rief er überrascht. "Was machen Sie denn hier?"  -  "Es hat grad Ärger gegeben mit so einem Kurs-Kasper!", antwortete Hubsi an Anjas Stelle. "Dem Herrn Meier?", fragte Onkel Sepp. Anja nickte. "Ich hab schon gemerkt, wie der Sie die ganze Zeit angestarrt hat." -  "Und jetzt ist er zu weit gegangen", erklärte Hubsi und berichtete über den Vorfall. "Nun kommen Sie erst einmal herein, Fräulein Licht. Anscheinend haben Sie sich doch vom unwiderstehlichen Charme meines Neffen beeindrucken lassen! Aber er ist kein übler Kerl, wenn man ihn einmal näher kennt!" dröhnte Onkel Sepp lächelnd, schlug Hubsi auf die Schulter und verschwand Richtung Küche. "Danke, Onkel Sepp!", murmelte Hubsi zähneknirschend.
Sie verbrachten einen gemütlichen Abend zu dritt in Hubsis Wohnküche. Die beiden Männer klärten Anja über ihre Wohngemeinschaft auf. Onkel Sepp und sein wesentlich jüngerer Bruder, Hubsis Vater, standen sich schon immer sehr nah und blieben beide in ihrem geräumigen Elternhaus wohnen. Onkel Sepp, der nie eine feste Partnerschaft eingegangen war, bewohnte die Einliegerwohnung unter dem Dach. Daneben besaß er noch ein Appartement in München, in dem er unter der Woche residierte, aber am Wochenende zog es ihn, einen passionierten Jäger und Angler, meistens heim zum See oder in den Wald. Sein Bruder mit seiner Familie bewohnte früher das restliche Haus. Und sein Neffe Franz war nach dem Tod seiner Eltern hier wohnen geblieben, obwohl er in München arbeitete. Wenn beide Männer zu Hause waren und in Ermangelung einer weiblichen Person, nahmen sie meist die Mahlzeiten gemeinsam in Hubsis gemütlicher Wohnküche ein. "Eine echte Männerwirtschaft", dachte Anja grinsend - und fühlte sich so wohl wie schon lange nicht mehr. Onkel Sepp hatte ohne Fragen ein drittes Gedeck auf den Tisch gelegt und Hubsi ließ während des Abends immer wieder seine strahlend blauen Augen auf ihr ruhen.

Onkel Sepp liebte Hubsi wie einen eigenen Sohn und hatte ihn nach dem frühen Tod seines Bruders mit aufgezogen. Er hatte ihm das Angeln beigebracht und sie verbrachten viele Stunden - meist ohne viele Worte - gemeinsam auf dem See. Es schmerzte ihn, zu sehen, dass sein Neffe so wenig Ambitionen zeigte. Streifenpolizist in München, ab und zu einmal eine mehr oder weniger ernste Damenbekanntschaft und eine dicke Freundschaft mit seinem schrägen Kollegen Johannes, der hier in Wolfratshausen Dienst tat, schienen ihm als Lebensziel vollauf zu genügen. Und nun stand er heute ausgerechnet mit Anja Licht in der Tür. Seit seiner Pensionierung vor ein paar Jahren gab Josef Hubert ehrenamtlich einmal jährlich einen Prüfungsvorbereitungskurs für seine jungen Nachfolger. Es machte ihm Spaß, mit den jungen Leuten zu arbeiten. Und Anja Licht war in dem diesjährigen Kurs eine der Besten und mit Abstand die Netteste und Sympathischste. Dazu war sie verdammt hübsch. "Mein Augensternchen", nannte er sie deshalb. Wenn er ein halbes Jahrhundert jünger gewesen wäre, wäre sie jetzt in direkter Gefahr, dachte er schmunzelnd. Und dann beobachtete er verstohlen seinen Neffen. "Da schau an, Franzl, du bist wirklich verliebt!", stellte Onkel Sepp in Gedanken während des Abends zufrieden grinsend fest. "So viel Aufmerksamkeit und Charme hast du noch nie in eine Dame investiert!"

"Das Gästezimmer wär gerichtet", teilte Hubsi Anja mit, als diese später verstohlen gähnte. Er brachte sie zu dem Zimmer hinauf und sie sahen sich unschlüssig an. "A Zahnbürstn und was Frisches zum Anziehn hab i immer dabei ...", sagte sie leise und merkte, wie sie leicht errötete, " wegen den Nachtschichten, aber hast vielleicht a T-Shirt für mi zum Schlafen?", fragte sie zaghaft. Hubsi brachte ihr eines von sich. Sie schenkte ihm einen dankbaren Blick aus ihren schönen Augen, der ihn fast traumatisierte. Wie gern hätte er sie geküsst, ihre wundervollen Lippen, aber dazu war er zu schüchtern. "Schlaf gut!", sagte er und verließ schnell das Zimmer, bevor es um seine Beherrschung geschehen gewesen wäre. In seinem eigenen Bett hing er seinen Gedanken nach. Keine fünf Meter entfernt, nur durch zwei Türen getrennt, lag seine Traumfrau und der Gedanke an sie hielt ihn lange vom Schlafen ab. Auch Anja blieb noch länger wach. Sie wickelte sein T-Shirt, das ihr viel zu groß war, eng an ihren Körper. Irgendwie vermittelte ihr das ein angenehmes Gefühl, bevor sie endlich einschlief.

Als sie am nächsten Morgen herunterkam, waren die beiden Männer schon längst auf. Hubsi hatte den Tisch bereits liebevoll gedeckt. Brot, Butter, Marmelade, Honig, Käse, Schinken und sogar eine frisch geräucherte Forelle! Es fehlte an nichts und die drei griffen herzhaft zu. Dabei unterhielten sie sich angeregt. Nach dem Frühstück bat Anja Onkel Sepp um eine winzige Auskunft bezüglich einer medizinischen Frage, die am Vortag im Kurs aufgekommen war. Dieser stand auf, lächelte sie an, holte den großen Anatomieatlas aus seinem Arbeitszimmer und danach waren die beiden längere Zeit darüber vertieft. Hubsi saß schweigend, aber nicht uninteressiert daneben - und konnte seine Augen kaum von Anja abwenden. Wie wunderschön sie war! Ihre Wangen waren leicht gerötet und sie schien das Wissen, das ihr Onkel Sepp vermittelte, aufzusaugen wie ein Schwamm.
Später beschlossen Hubsi und Anja, einen Spaziergang zum See zu machen, bevor sie wieder nach Hause fuhr. Die Sonne schien zwar, aber die immer noch eiskalte Frühlingsluft ließ ihren Atem fast gefrieren. Hubsi hatte Anja eine dicke Jacke, Mütze und Handschuhe geliehen und sie sah fast aus wie eine Mumie. Trotzdem schien sie zu frösteln, denn sie lief unruhig neben ihm her. "Is dir kalt?", wollte  er besorgt wissen. Sie schüttelte wortlos den Kopf und sie gingen weiter fast schweigend nebeneinander her. "Was isn los", fragte er sie endlich, als sie wieder den Garten betraten. "Ich trau mi ned heim. Der Rolf is scho so oft abends vor meinem Haus gstanden!", flüsterte Anja und blickte zu Boden, aber die Panik in ihrer Stimme war nicht zu überhören. "Dann bleib halt da!", sagte Hubsi lapidar und fixierte sie mit seinen strahlend blauen Augen. Sie hob überrascht den Blick, sah ihn dann an, fest und entschlossen, schlang urplötzlich ihre Arme um Hubsis Hals und küsste ihn stürmisch. Hubsi war perplex, doch das legte sich schnell und er erwiderte ihren Kuss - leidenschaftlich, sanft, liebevoll.

Sie verbrachten wieder einen gemütlichen Abend zu dritt. Diesmal hatten sie sich für Gesellschaftsspiele entschieden und Hubsi erwies sich als Cheftaktiker. In Strategiespielen war er einfach nicht zu bezwingen. Anja sah ihn immer wieder bewundernd von der Seite an.
Onkel Sepp zog sich dann zeitig in seine eigenen vier Wände zurück, und die beiden Verliebten blieben allein zurück. Bald darauf gähnte Anja vernehmlich. Sie gingen zusammen nach oben und standen unschlüssig vor dem Gästezimmer. Anja küsste Hubsi noch einmal liebevoll, dann drehte sie sich um und wollte die Tür öffnen. Hubsi hielt sie am Arm fest, nahm ihre Hand und zog sie sanft in Richtung seines eigenen Schlafzimmers. Sie wehrte sich nicht ...
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