Onkel ante portas

von ruawei
GeschichteRomanze / P12
Dr. Anja Licht Franz Hubert
02.01.2019
21.01.2019
9
14003
2
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Ich habe diesmal einen weiten zeitlichen Bogen gespannt, vom Kennenlernen bis Jahre nach der Scheidung, und dabei einige Anspielungen aus verschiedenen Folgen aufgegriffen. Ich hoffe, ihr habt Spaß beim Lesen, und freue mich über jede Review!

ruawei



Ein Maharadscha stieg in die S-Bahn Richtung München. Er war groß und von hagerer Gestalt. Schwungvoll ließ er sich auf einer der Sitzbänke nieder. Sein silberfarbenes, edel wirkendes Gewand schimmerte und seine Kopfbedeckung, die mit unzähligen Glasperlen verziert war, glitzerte und klimperte. "Geh, jetz stell di ned so an!", forderte er seinen Freund, der neben ihm in Jeans und T-Shirt unter der Lederjacke Platz genommen hatte, nach einiger Zeit auf, "des is doch wirklich super, dass dei Onkel uns jedes Jahr die Karten schenkt und mir den teuren Eintritt ned zahln müssn! Und des is doch jeds Jahr a Riesengaudi!"  -  "Jeds Jahr der gleiche Schmarrn!", stellte sein Begleiter missmutig fest. Dann schwiegen die beiden wieder.
Bei ihrer Aussteigestelle angekommen, ließen sie sich mit dem Strom anderer exotischer Gestalten treiben, bis sie den Eingang der großen Festhalle erreicht hatten. "Maskenball der Gewerkschaft der Polizei" prangte in großen Lettern auf einem riesigen Transparent über der Türe. Endlich in der Halle trennten sich ihre Wege sofort. Maharadscha Hansi stürmte schnurstracks auf die Tanzfläche und hatte bald in einer kleinen Ballerina eine Tanzpartnerin gefunden, während sich Hubsi an die Bar zurückzog, ein Bier orderte, sich auf einem Hocker niederließ und von dort aus das bunte Treiben beobachtete. Doch er blieb nicht lange allein. Bald war er umringt von einem Braunbären, ROBOCOP, Kater Garfield und Winnetou. Seine ehemaligen Klassenkameraden aus der Polizeischule klopften ihm zur Begrüßung überschwänglich auf die Schulter. "Du hast dich ja richtig rausgeputzt heut", lästerten sie. Trotzdem waren sie bald in eine freundschaftliche Unterhaltung vertieft, hatten sie sich doch schon länger nicht mehr gesehen und deshalb einiges zu erzählen. Aber nach einer Weile stürzte sich einer nach dem anderen wieder auf die Tanzfläche auf der Jagd nach einem heißen Flirt. Das weibliche Geschlecht war auf der Veranstaltung deutlich in der Unterzahl und da musste Mann sich ranhalten. Hubsi bestellte ein weiteres Bier und ließ seinen Blick wieder schweifen. Sein bester Kumpel Johannes Staller, der mit seinem glitzernden Kostüm aus der Menge herausstach wie ein Leuchtturm, tanzte inzwischen mit Rotkäppchen.
Auf dem Barhocker neben ihm ließ sich eine Eisprinzessin nieder, nicht ohne ihren eh schon kurzen Minirock etwas nach oben zu schieben. Sie hatte einen Cocktail in der Hand, der sicher nicht ihr erster an diesem Abend war, und wandte sich mit deutlichen Avancen Hubsi zu: "Hey Süßer, kennst mi no?" - "Naa. Überhaupt ned!" überlegte Hubsi panisch und zermarterte sich sein Hirn. Oh nein, doch nicht die, die damals, nach der Abschlussfeier der Polizeiakademie, mit ihm rumgmacht hat und er - bevor es richtig losgegangen war - in ihrem Auto auf dem Sitz eingeschlafen war? Kein Wunder nach sieben Bier und einer halben Flasche Obstler. So hatte es ihm zumindest Hansi erzählt, auf dessen Couch er am nächsten Tag erwachte - er hatte keine Ahnung, wie er dahin gekommen war - und der ihm dann so lange alles Mögliche gegen Kater eingeflößt hatte, bis er wieder halbwegs gerade stehen konnte.
"I hab no was gut bei dir! Von der Abschlussfeier!", bestätigte die Eisprinzessin gerade Hubsis schlimmste Befürchtungen, "gemma tanzn?" Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm sie seine Hand und zog ihn Richtung Tanzfläche. Widerwillig trottete er hinter ihr her. An und für sich war Hubsi kein schlechter Tänzer, im Tanzkurs damals in der Schule war er immer der Erste, der bei der Damenwahl vergeben war, aber umgekehrt war er meistens zu schüchtern gewesen, um seinerseits eins der coolen Mädchen aufzufordern. Nun schwebte er im flotten Rhythmus mit der Eisprinzessin über die Tanzfläche: Foxtrott, Cha-Cha-Cha, Disco-Fox - für ihn alles kein Problem. Nur seine Tanzpartnerin hatte Schwierigkeiten, den Takt zu halten, was vermutlich den Cocktails geschuldet war, und sie stieg ihm mehr als einmal auf den Fuß. Die Band schien ein Einsehen mit ihr zu haben und startete eine langsame Runde. Freudig schlang die Eisprinzessin die Arme um Hubsi und zog ihn an sich. "Naa! Des kann i ned tanzn, da kenn i die Schritte ned!", rief Hubsi entsetzt, wand sich aus ihren Armen und floh zurück zu seinem Barhocker. Von dort aus blickte er wieder über die Menge.
In der nächsten Tanzpause sah er Maharadscha und Rotkäppchen auf sich zukommen und sie ließen sich neben ihm auf den Hockern nieder. "Des is mei Kollege aus München, der Hubsi", stellte ihn der Maharadscha seiner Märchenbegleitung vor. "Cooles Kostüm!", grinste diese und sah ihn mit einem freundlichen Blick aus ihren warmen braunen Augen an. Nun stieß auch die Eisprinzessin wieder zu ihnen und ließ sich neben Hansi nieder. Sie bedachte ihn mit den gleichen Avancen wie vorher Hubsi: "Hey Süßer, kennst mi no?"  -  "Klar, du bist doch die .... Dings. Vo derer Abschlussfeier!", antwortete Hansi überschwänglich, zuckte mit den Augenbrauen und warf  Hubsi einen Blick zu, der besagte: "Jetzt sei halt mal der liebe Wolf! Sprich des Rotkäppchen an und friss sie ned glei auf", dann verschwand er mit der Eisprinzessin Richtung Tanzfläche, als die Musik wieder einsetzte.
"I bin koa Faschingstyp", wandte sich Hubsi nun verlegen an Rotkäppchen. "I sonst eigentlich a ned, aber auf den Ball vo der Polizei einmal im Jahr freu i mi immer", antwortete diese lächelnd. Plötzlich legte sich ein starker Männerarm um Hubsis Schulter. "Na Franz! Hast dich doch durchgerungen und bist gekommen! Und so toll verkleidet!", dröhnte eine Männerstimme lachend neben ihm, und nun kam sich Hubsi doch ein bisschen albern vor in seinem T-Shirt, auf dem auf der Vorderseite eine Polizeiuniform und auf der Rückseite das Wort POLICIE aufgedruckt war. Er hatte es kürzlich bei einem Einsatz einem fliegenden Händler unter der Hand abgekauft - und danach dessen restliche Ware als eventuelle Hehlerware beschlagnahmen müssen. "Wie ich sehe, hast du schon mein Augensternchen kennengelernt: Fräulein Licht!", polterte die Stimme weiter und zwinkerte Rotkäppchen zu. "Lassen Sie sich vom unwiderstehlichen Charme meines Neffen nicht zu sehr beeindrucken!", riet ihr der Besitzer der dröhnenden Stimme, ein weißhaariger Schornsteinfeger mit freundlichen blauen Augen hinter einer dicken Brille, noch und ging schmunzelnd weiter. "Danke, Onkel Sepp!", murmelte Hubsi zähneknirschend.
"Das ist dein Onkel? Der ehemalige Leiter der Gerichtsmedizin München?", fragte ihn Rotkäppchen begeistert. "Jaaa", antwortete Hubsi gedehnt. "Das ist mein Tudor. Ich habe einen Kurs zur Examensvorbereitung bei ihm belegt. Er ist einfach genial und so kompetent,  ... und i werd Rotz und Wasser heulen, wenn er endgültig aufhört zu dozieren. I bin übrigens die Anja!", fuhr sie fort und lächelte ihn an. War es der Klang ihrer Stimme, ihre wundervollen Augen oder dieses Lächeln? Irgendetwas an ihr zog Hubsi in ihren Bann. "Franz Hubert, aber alle nennen mich Hubsi. Sonst verwechselt ma mich mit meinem Onkel", stellte er sich vor und grinste leicht. "Aber er is scho ok. Er is mei Patenonkel, der Bruder von meim Vater. Nachdem mei Vater früh gstorben is, hat der Onkel Sepp dafür gsorgt, dass i ned vom rechten Weg abkomm und hat mi nach dem Abi zur Polizei gschleppt."  -  "Warum nicht auch in die Pathologie?" fragte Anja interessiert und fühlte sich irgendwie von den blauen Augen ihres Gesprächspartners magisch angezogen. "Naa, i habs ned so mit tote Leut", bekannte Hubsi ehrlich. "Na, dann bist ja bei der Polizei genau richtig", folgerte Anja amüsiert. Sie sahen sich einen Moment lang an, dann lachten sie beide los. Damit war das Eis gebrochen. Sie unterhielten sich lange angeregt, bis Hubsi plötzlich unvermittelt fragte: "Magst tanzen?"  -  "Freilich!" antwortete Anja. "Komm!" Hubsi nahm ihre Hand und zog sie behutsam Richtung Tanzfläche. Auch jetzt hatte Hubsi kein Problem, den Rhythmus zu finden, und diesmal hatte er eine gute Tänzerin im Arm. Anja ließ sich willig führen und sie ergänzten sich vom ersten Schritt an perfekt. Als die Band wenig später wieder eine langsame Session einstreute, standen sie sich erst etwas verlegen gegenüber. Doch dann schlang Anja ihre Arme um ihn und er zog sie leicht an sich und sie wiegten sich sanft im Takt. Und damit war es um Franz geschehen. Er war verliebt. Er vergrub sein Gesicht in ihrem Haar, atmete ihren Geruch ein, und ganz langsam und wie magisch näherten sich seine Lippen den ihren, als ihm plötzlich jemand auf die Schulter schlug. Hubsi ließ von Anja ab und drehte sich wütend um. "Onk...", fauchte er, doch es war der Maharadscha. "Du wolltest doch ned so lang bleibn, damit mir auf alle Fälle die letzte S-Bahn no kriegn. Dann müss ma jetzt schleunigst gehn!" informierte Hansi seinen Freund. Hubsi verdrehte resignierend die Augen und nickte. "Geh zu, i komm glei", wies er Hansi an und dieser trabte zum Ausgang davon.
Hubsi zog Anja von der Tanzfläche. Sie sahen sich wieder einige Augenblicke verlegen an. "I dät di gern wiedersehen", teilte er ihr fast schüchtern mit. Sie lächelte: "Des wär schön. Soll i dir mei Telefonnummer geben? Hast was zum Schreiben?" Hubsi schüttelte den Kopf. Anja sah sich kurz um, und borgte sich bei einer der Bedienungen an der Bar einen Kugelschreiber. Sie nahm Hubsis Hand und kritzelte kurzerhand auf seine Handfläche ihre Telefonnummer und drüber 'Anja'. Wenn man genau hinsah, sah das letzte a aus wie ein kleines Herz. Sie gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange: "Dann hoffentlich bis bald!", sagte sie, sah ihn noch einmal mit ihren wunderbaren Augen an, drehte sich langsam um, warf ihm noch eine Kusshand zu und steuerte dann auf ein Schneewittchen und eine Pippi Langstrumpf zu. Hubsi sah ihr noch einen Moment nach, dann trottete er widerwillig dem Maharadscha hinterher.
Es  war spät nachts, als auch Anja wieder zu Hause war. Kaum hatte sie ihr Rotkäppchen-Kostüm abgelegt, klingelte das Telefon. Oh nein, nicht schon wieder ein Notdienst oder so! "Licht!", nahm sie den Anruf an. "Hallo, hier is der Hubsi. Du hast mir dei Nummer gebn, und du hast gsagt: hoffentlich bis bald. I dacht, dann ruf i bald mal an....", erklärte er ihr. Anjas Herz machte einen kleinen Hüpfer, und dann war die nächste Zeit nicht an Schlaf zu denken ...
Ein paar Stunden später saß Anja übernächtigt über ihren Büchern. Sie hatte im Moment eigentlich keine Zeit und keinen Nerv für eine neue Beziehung, bereitete sie sich doch gerade auf ihre Pathologie-Prüfungen vor und war dadurch extrem im Stress. Doch die Begegnung mit Hubsi hatte sie mitten ins Herz getroffen und so hatte sie freudig seine Einladung zum Essen am nächsten Freitagabend akzeptiert, gleich nach ihrem Vorbereitungskurs aufs Examen, den Anja bei dem pensionierten Pathologen Doktor Josef Hubert belegt hatte.
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