Auch Marionetten können fühlen und daran zugrunde gehen

von Black Owl
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
Astoria Greengrass Draco Malfoy
02.01.2019
18.03.2019
30
64619
53
Alle Kapitel
92 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
Vielen lieben Dank für eure Reviews <3






Sie stellte sich auf ihre Spitzen, nur um eines ihrer Beine mit gestrecktem Knie nach hinten anzuheben und somit nur noch auf einem Bein zu stehen. Sie hörte wie er fotografierte und senkte ihr Bein wieder.
„Und wie nennt man das?“, fragte Matt und sie grinste, bevor sie sich an der Stange festhielt und ihrem eigenen Spiegelbild wieder gegenüberstand.
„Arabesque“.
Er trat näher und sie sah über ihre Schulter, nur damit er wieder ein Foto machte. Dazu hatten sie sich verabredet. Fotos zu machen. Einfach so. Damit Matt ein Gefühl bekam, von dem was er sich einfallen lassen konnte für die Kampagne und damit Astoria ihre Scheu ablegte sich ablichten zu lassen. Sie würde bei der Kampagne mitmachen. Sie würde sich wirklich für Werbezwecken ablichten lassen. Sie war immer noch nicht wirklich davon überzeugt, aber sie war sich sicher mit ihrem Entschluss. Ob es eine gute Idee war, würde sich wohl erst zeigen.

Sie hatten Matt zu sich eingeladen. In ihr Studio, dass einen atemberaubenden Blick über Londons Dächer zeigte. Was ihn wenig interessiert hatte. Er hatte ihr zugesehen. Beim Anlegen der Schuhe. Beim Aufwärmen und jetzt, wo sie ein paar Ballettfiguren machte.
„Wie heißt das, wenn ihr so hoch springt und dann eine Art Spagat macht?“, fragte er und sie tat es.
„Grand jeté.“, sagte sie und legte ihre Hände in ihre Taille. „Ich kann mehr als nur Ballett, weißt du?“
Er grinste.
„Wirklich?“
„Ja, wirklich. Ich hatte nicht nur klassischen Balletttanz in meiner Ausbildung.“
Was gut war. Das neue Stück war mit modernen Elementen regelrecht durchzogen.
„Das bedeutet wohl, dass ich dich mal ausführen muss zum Tanzen.“ Sie sahen auf, als sich die Sonne durch die Wolkendecke schob und Astoria folgte seinen Blick. „Die Aussicht ist fantastisch.“, schwärmte der Dunkelhaarige. Sie nickte stumm und Matt sah sie von der Seite her an. „Seit wann hast du dieses Studio?“

„Seit meiner Verlobung.“, erwiderte sie und hob eines ihrer Beine ganz weit nach oben und beugte ihren Oberkörper dabei nach unten, sodass ihre Beine wie eine gerade Linie wirkten. „Es war ein Geschenk von Draco.“, erklärte sie.
Sie hatte sich damals noch darüber gefreut. Er hatte das Studio eigen für sie bauen lassen in einem Wohnhaus. Drei Wohnungen hatte er dafür gekauft und miteinander verbinden lassen. Ein Studio, das nicht weit weg von ihrem Zuhause war und nicht weit entfernt war Theater. Seitdem sie das mit Bella wusste, fragte sie sich, ob er das getan hatte, damit sie aus dem Haus war.

„Erzähl mir von dem neuen Stück.“, verlangte er und sie setzte sich auf den Boden und streckte sich.
„Was genau willst du darüber wissen?“
„Um was geht es?“, wollte er wissen und schoss wieder ein Foto.
„Eigentlich erzählt es eine Lebensgeschichte. Über Eliza Smith.“
Matts Stirn runzelte sich.
„Eliza Smith? Ist sie nicht… Moment, war sie nicht die Frau dieses Richters? Adam Smith? Er war doch bekannt, als einer der ersten Richter des Gamots, der sich wirklich hochgearbeitet hat.“
Sie grinste.
„Wow, ich bin beeindruckt. Ich wusste davon nichts. Ich musste erst recherchieren.“
„Ist ihr Leben so bedeutend, dass mein Stück daraus macht?“
Sie lehnte sich sitzend zurück und legte den Kopf zurück.
„Eliza Smith stammt aus einer alten angesehen Familie und war schon jemanden versprochen, bevor sie Adam kennengelernt hat.“
Matt nickte verstehend.
„Lass mich raten. Mittellos und keinen Titel.“

„So ungefähr, ja.“, erwiderte sie. „Sie sind durchgebrannt. Es war damals ein riesiger Skandal. Aber die beiden haben es trotzdem geschafft.“ Adam Smith wurde Richter im Gamot und Eliza hatte sich jahrelang für die Stärkung der Frauenrechte eingesetzt. „Im Stück geht es vor allem um die Beziehung. Die Auflehnung gegen die Familie. Das Spiel zwischen ihrem eigentlichen Verlobten und Adam. Es ist sehr interessant.“
„Ich bin gespannt. Du musst mir eine Karte besorgen für die Premiere, ja?“
Sie zuckte die Schultern.
„Sicher, wenn du das möchtest.“
„Natürlich möchte ich das. Was ist das für eine Frage.“, grinste er breit. „Ich werde schon einen Tag vorher dort campieren, wenn es notwendig ist.“
Sie lachte.
„Das musst du nicht.“
„Werde ich aber tun, wenn es sein muss.“
Er war ein verrückter Idiot.

Gut eine Stunde später machten sie sich auf den Weg zu Matthews Wohnung. Er wollte einige der Bilder entwickeln und Astoria wollte sie sehen. Sie gingen nebeneinander her, während Matt erzählte, was er vorhatte. Wie er einige der Outfits umsetzen wollte für die Kleiderkollektion. Ihm schwebte auf jeden Fall Bilder am Meer vor. Vielleicht auch in Italien in barocken Gebäuden. Astoria hatte keine Ahnung was gut aussehen würde, aber er, er hatte konkrete Pläne. In seinen Fingerspitzen schien es regelrecht zu jucken an die Arbeit zu gehen.
„Du hast einen Reisepass, oder?“, fragte plötzlich und Astoria lachte.
„Natürlich. Denkst du, ich reise illegal von Land zu Land mit meiner Balletttruppe?“
Er stieß sie leicht in die Seite.
„Wer weiß was du in der Freizeit treibst.“

Außer Tanzen und langweilige Feste mit ihrem Ehemann besuchen? Nichts. Rein gar nichts. Das wurde ihr in den letzten Wochen immer mehr bewusst. Sie musste ihren Horizont erweitern. All die Jahre gab es nichts Wichtigeres, als das Ballett. Die Übungen, das Training, das Hocharbeiten wo sie jetzt war. Doch jetzt hatte sie angefangen Dinge zu hinterfragen. Sich andere Ziele zu suchen. Neue Ideen wahrzunehmen und ihre Freizeit zu gestalten, wobei sie meistens mit Matt etwas unternahm. Wen sie sich nicht gerade vorbereitete auf das neue Stück.

Die Proben dafür waren schon im Gange und Astoria hatte begonnen über Eliza zu recherchieren. Sie hatte sich sogar eine Biografie von ihr besorgt, um sich in die Rolle hineinzufinden. Eliza Smith war eine interessante Frau gewesen. Und noch interessanter würde das Stück werden. Astoria freute sich darauf, obwohl ihr Trainer zweifelte. Er war der Meinung, dass entweder Astoria noch weiter voranbringen oder ihrer Karriere einen Dämpfer verpassen würde. Aber das war ihr egal. Sie wollte dort mitmachen.

Astoria hielt inne, als sie etwas Feuchtes traf und sah nach oben. Matt blieb verwirrt stehen und tat es ihr gleich, nur damit es im nächsten Moment ein regelrechter Wasserfall auf die Straße ergoss. Es fing zu regnen an. Astoria schrie erschrocken auf und Matt begann zu lachen, bevor er ihre Hand packte und sie aufforderte zu laufen. Das Laufen half kein bisschen. Sie kamen völlig durchnässt vor seiner Galerie an. Er sperrte auf und ging mit ihr nach hinten, wo eine Wendeltreppe nach oben führte. Es war eine ziemliche offene Wohnung. Der Wohnraum und die Küche dominierten offenbar vor allem. Sie waren in einem großen offenen Raum untergebracht. Es wirkte hell, schlicht und sehr modern. Astoria blickte nach oben. In den Dachschrägen waren große Fenster angebracht auf die der Regel nun laut prasselte.
„Wenn ich gewusst hätte, dass der Tag so enden würde, hätte ich aufgeräumt.“, scherzte er und pfefferte zwei Reisemagazine, die zuvor an einem niedrigen Tisch waren in ein Regal.

„Das Badezimmer?“, fragte sie ruhig und er deutete in eine Richtung und ging voraus.
Er schob eine Milchglastür auf und sie bedankte sich, als sie darin hineinhuschte.
„Ich habe Handtücher hier und… nun ja, Kleidung…“, stammelte er. „Du kannst mein Hemd überziehen.“
Sie schmunzelte, als er auf das Hemd zeigte, das auf einen Kleiderbügel an der Duschkabine hing.
„Danke, ich komme schon klar.“
Er nickte und verschwand. Sie schob die Badezimmertür etwas zu, ließ ihre Trainingstasche auf den Boden gleiten, nur um aus ihrer Kleidung zu schlüpfen. Sie zog ihre kurze Trainingshose über und das Top, bevor sie wirklich nach dem Hemd griff. Sie hielt es sich kurz an die Nase. Es roch gut. Nach Matt. Sie hatte wohl wenig Vergleichsmöglichkeiten, den sowohl Draco als auch Matt rochen angenehm, aber… einfach anders. Dracos Duft war intensiver. Matts dagegen wenig aufdringlicher.

Sie schlüpfte hinein und wandte sich um, während sie ihre Haare aus dem Kragen des Hemdes zog und erstarrte kurz in der Bewegung, als sich ihre blauen Augen mit denen braunen von Matt kreuzten. Er schien rot zu werden und sie tat es auch. Sie zog das Hemd enger um sich.
„Ich dachte…“, fing er an und stammelte dabei hilflos. „Dass du vielleicht den Föhn brauchst, wegen den Haaren.“
Sie schüttelte den Kopf und knöpfte ein paar Knöpfe zu.
„Nein. Ähm… kann ich deinen Zauberstab benutzen? Damit geht es schneller.“
Er nickte.
„Sicher.“ Sie folgte ihm zögerlich in den Wohnraum. Es war ihr irgendwie unangenehm und es fühlte sich verboten an. „Hier.“, meinte er ruhig und reichte ihr einen Stab aus rötlich wirkenden Holz.
Sie schwang den Stab und merkte, wie ihre Haare sich in einem Ruck trockneten.

„Danke.“, sagte sie ruhig und reichte ihm wieder den Stab.
Er nahm ihn und griff aber gleichzeitig mit der anderen Hand nach einer ihrer Strähnen. Sie hielt beinahe die Luft an, als er den wenigen Abstand überbrückte und die Strähne durch seine Finger gleiten ließ.
„Ich mag es, wenn sie sich so leicht locken und wellen. Das steht dir so gut.“, sagte er leise und sie sah zu ihm auf. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. „Tori.“, murmelte er schwer und seine braunen Augen schienen ihr Gesicht abzusuchen.
Sie atmete zitternd ein, als er sich zu ihr beugte und beinahe berührten sich ihre Lippen, als sie den Kopf wandte.
„Ich kann nicht.“, hauchte sie und spürte, wie Matt innehielt. „Matt, ich kann nicht.“, wiederholte sie und ihr Ehering fühlte sich dabei schwer an ihrem Finger an.

Sie spürte, wie er sich zurückzog.
„Es tut mir leid.“, sagte er ehrlich. „Ich… verzeih mir. Ich vergesse immer, dass du eigentlich schon zu jemanden gehörst.“
Sie? Ja, sie gehörte irgendwie Draco. Aber sie gehörte nicht zu ihm. Sie war nur ein dummer Besitz für ihn. Und doch konnte sie das nicht. Sie konnte Draco nicht hintergehen. Ihn nicht betrügen. Merlin, liebte sie es eigentlich sich selbst so zu quälen? Er stieg mit dieser Schlampe regelmäßig ins Bett und sie gestattet sich nicht einmal diesen Kuss?
„Ich bin nicht so vergeben, wie du denkst.“, sagte sie schwer und ging an ihm vorbei, nur um sich vor das Sofa auf den weichen Teppich zu setzen.
Sie spürte Matthews Blick auf sich.

„Wie hast du ihn eigentlich kennengelernt?“, fragte er plötzlich und sie sahen sich wieder an. „Ich meine Draco, deinen Mann.“
Sie zog eines ihrer Beine an und umklammerte es mit ihren Beinen, während sie ihr anderes Bein anwinkelte wie im Schneidersitz.
„Er war ein Bewunderer.“ Mehr oder weniger. Wie so viele andere zuvor auch. „Er hat mir Blumen und Briefe geschickt, die ich ignoriert habe. Dann hat er angefangen diese selbst vorbeizubringen und jede Aufführung anzusehen, an der ich teilnahm.“
„Jede?“, fragte Matt ungläubig und sie nickte.
„Absolut jede.“
Matt grinste schief.
„Wow, dass hätte ich deinem Mann gar nicht zugetraut.“ Ja, sie ihm auch nicht. Aber erst nach der Eheschließung hatte sie verstanden warum er das getan hatte. „Und du bist sofort ihm verfallen, oder?“

Sie schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich habe ihn siebenmal abgewiesen, bevor ich mit ihm ausgegangen bin.“
Sie sah ihm dabei zu wie er seine Kamera zückte.
„Und wie war’s? Warst du ihm da schon völlig verfallen?“
Sie schüttelte den Kopf und senkte den Blick. Sie erinnerte sich noch gut an diesen Abend, den sie wohl für den Rest ihres Lebens bereuen würde.
„Jeder weiß, dass Draco gut aussieht. Aber das war es nicht. Es war seine Art. Wie er sprechen konnte. Sich begeistern konnte für Dinge und diese Augen.“
Sie schüttelte bei dem Gedanken leicht den Kopf und konnte nicht verhindern, dass sie dabei sanft lächeln musste. Ihr Herz hatte damals stark geflattert. Sie war ihm nicht nur verfallen. Sie war an diesem Abend nicht mehr dieselbe gewesen. Vermutlich hätte sie nicht einmal mehr ihren eigenen Namen mehr über ihre Lippen gebracht.

„Intelligente Augen. Augen, die nach Wissen sich sehnten.“ Hunger hatten, so dumm sich das anhörte. Aber auch so etwas wie Schmerz und Verletzlichkeit gezeigt hatten. Vermutlich alles Lüge. Ihr Herz stand damals in Flammen ohne es verhindern zu können. Sie hatte damit nicht einmal ansatzweise gerechnet. Sie schüttelte leicht den Kopf bei dem Gedanken und spürte wieder dieses seltsame Kribbeln wie damals an diesem einen schicksalhaften Abend. „Er war anders, als die Männer vor ihm. Er hat nicht einmal Ansatzweise versucht mit seiner Stellung oder seinem Gold bei mir zu landen.“
Sie dachte damals, er wäre einfach er selbst. Ein Fehler.
„Du hast dich verliebt.“, brachte es Matt auf den Punkt und sie sah auf, gerade in dem Moment, in dem es blitzte.

Matt lächelte schief.
„Verzeih, aber das war ein zu gutes Motiv.“ Ein gutes Motiv? Wirklich. „Ich war mir nicht sicher, ob ihr euch wirklich so sehr liebt.“, erwiderte Matt und legte den Apparat weg.
Sie senkte den Blick.
„Das ist keine Liebe.“
Matt sah sie irritiert an.
„Aber… für mich klingt es so. Für mich klingt es so, als wärst du wirklich verliebt. Oder zumindest zu dem Zeitpunkt gewesen.“
Und darum schmerzte es so. Genau deshalb.
„Ja, aber er liebt mich nicht.“, presste sie schwer hervor und spürte, wie ihr Herz dabei fast zerbrach.
Matt wirkte unsicher.
„Das denkst du? Für mich hört es sich…“
Sie unterbrach ihn.
„Er liebt mich nicht. Er begehrt mich nicht.“ Sie schluckte und wischte sich energisch über die Wangen. „Er fast mich nicht einmal an.“

Sie sah nicht auf. Wollte nicht sehen, ob Matthew sie mit einem mitleidigen Blick beobachtete oder nicht.
„Tori.“, murmelte er schwer.
„Er hat eine Affäre. Die hatte er schon bevor er mit mir ausgegangen ist.“ Bevor er um ihre Hand angehalten hat. „Mir ihr vergnügt er sich. Aber nicht mit mir.“
Sie schwiegen eine Weile und bis auf Astorias Schniefen und den Regen war nichts zu hören.
„Heißt das… heißt das ihr habt keinen Sex?“ Sie sagte nichts. „Noch nie?“, wollte der Dunkelhaarige wissen und Astoria spürte die nächsten Tränen und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen, bevor sie verzweifelt aufschluchzte.
Nein, sie schliefen nicht miteinander. Er wollte sie nicht. Hatte kein Interesse an ihr. Vermutlich nie gehabt und sie war in seine Mausefalle getappt, ohne es zu bemerken. Sie wimmerte gegen Matthews Brust, als dieser an sie ran rückte und sanft seine Arme um sie schlang. Tröstend auf sie einredete und über ihren Rücken fuhr. Versuchte sie zu beruhigen, ihr zu sagen, dass alles gut wurde. Aber das würde es nicht werden. Nicht so.
Review schreiben