The Crooked Kind

GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
Darth Maul Ezra Bridger Großadmiral Thrawn Kanan Jarrus / Caleb Dume Obi-Wan Kenobi Sabine Wren
01.01.2019
23.07.2019
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Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.


- Rainer Maria Rilke, Der Panther (1903)


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Nach dem gestrigen Abend bin ich völlig kaputt, als ich mich morgens aus dem Bett kämpfe. Meinen selbstgestellten Wecker hätte ich fast verschlafen und eigentlich hat mich eher das entnervte Fluchen meiner Mutter geweckt, die unten versucht hat, den Toaster zu benutzen. Vielleicht hat sie sich auch die Finger verbrannt, so ganz hab ich das im Halbschlaf nicht mitbekommen.

Jedenfalls hat es mich meinen Kopf träge hochreißen lassen und ich habe mich aufgesetzt und mir die Augen gerieben. Der Schlaf kribbelt ganz schrecklich zwischen den Lidern und ich fühle mich noch ganz benommen, als ich die warme Decke wegschlage und meine nackten Füße auf den kalten Laminatboden setze.
Zischend werfe ich einen Blick auf mein Handy, dessen Licht mir in die Augen sticht und stelle fest, dass es Viertel vor Acht ist. Um Acht wollen wir fahren. Das sollte ich noch hinkriegen, aber etwas essen kann ich dann wohl erst in der Schule. Blind tappe ich durchs Dunkel meines Zimmers und schalte das Licht ein. Das Komische mit den ständigen Umzügen ist, dass ich mir immer einen neuen Raum einprägen muss, der mich repräsentiert.
Früher ist es ab und zu vorgekommen, dass ich gegen die Umzugskisten gestolpert bin, weil ich erwartet hab, dass der Kleiderschrank an der anderen Seite des Zimmers steht oder ich die Tür verfehlt hab und stattdessen gegen den Schreibtisch gekracht bin.

Mittlerweile zocke ich die Nächte nicht mehr ganz so hardcore durch, aber mein Ausflug von gestern hat doch länger gedauert als gedacht. Und er hat mich noch länger wachgehalten, als mir lieb war. Ich hab ewig darüber nachgedacht, was der Kerl erzählt hat. Dass mir jemand wichtig sein müsste.

Und dazu, dass meine Eltern um 1 wieder zu schreien angefangen haben, als sie unten im Wohnzimmer nicht beide nebeneinander arbeiten konnten. Ich glaube zumindest, dass es darum ging. Um einen Laptop, den Mum für die Arbeit braucht und den Dad in einen Karton gepackt hat, den sie jetzt nicht mehr findet.

Dad hat es verleugnet und ihr irgendeine fiese Beleidigung an den Kopf geworfen. Dass ihr die Arbeit ja ach so wichtig wäre und das ausstaffiert mit ein paar Kraftausdrücken. So als wüsste sie das nicht selbst. Und mittlerweile prallt das auch an ihr ab.

Ob ich es lieber habe, wenn die beiden sich anschweigen?

Dann fühlt man immer nur das Prickeln in der Luft, kurz bevor ein Funke überspringt und es wieder losgeht. Wieso kann ich keine normalen Eltern haben? Wieso muss ich der mit den Eltern sein, die es nicht auf die Reihe bringen, vernünftig nebeneinander her zu leben? Vernünftig und erwachsen sind sowieso Begriffe, die man bei den beiden mit Vorsicht genießen sollte.

Ich reiße den Deckel von einem der Kartons auf und krame schlaftrunken ein paar Klamotten heraus. Eine Jeans, ein Pulli, Shorts, Socken. Einfach irgendwas Unauffälliges.
Ich ziehe Unterwäsche und Socken über und schlüpfe in die Hose, während ich ins Bad schlurfe. Mum und Dad sind beide schon draußen. Sind beides Frühaufsteher. Ich hab das irgendwie nicht geerbt. So habe ich aber auch immer das Bad für mich.
Das Zimmer hier ist viel kleiner als das letzte, aber diesmal haben wir auch zwei Badezimmer.
Darauf mussten sie ja unbedingt bestehen. Ein Badezimmer oben für mich und meinen Dad und eins unten neben dem Schlafzimmer meiner Mum, das eigentlich ein umfunktioniertes Gästezimmer ist.

Gähnend bringe ich die Morgentoilette hinter mich und sehe mir im Spiegel nochmal selbst in Gesicht. Ich hab schon wieder dunkle Ringe unter den Augen. Toller Start in den Tag. Und ins Schuljahr.
Ich grinse mich zerbrochen an.

Sieht scheußlich aus.

Also dann mal los. Als letztes ziehe ich den Pulli über und schnappe mir die Schultasche aus meinem Zimmer, bevor ich die Treppe runterhaste und das Geld vom Küchentisch klaube. Das ist unsere Tradition seit der 8. Klasse, seitdem ich das Pausenbrot von meiner Mum nicht mehr abkonnte und sie keine Zeit mehr hatte, es mir zu machen.
Seitdem liegen immer zehn Mäuse morgens auf dem Tisch, die ich mir als Taschengeld und Geld für Lunch und Getränke einteilen kann. Es hat sich ganz gut bewährt und es gibt mir das Gefühl, nicht ganz so sehr ein Muttersöhnchen zu sein.

Draußen vor dem Haus hupt meine Mum, vermutlich weil sie durch die Fenster in der Tür gesehen hat, wie ich runtergekommen bin. Klar ist sie schon draußen und lässt den Motor laufen.
Ich stopfe das Geld in meine Taschen, ziehe die Jacke vom Kleiderständer, schlüpfe in die Turnschuhe und eile raus zu ihr. Hätte ich Dad gesehen, hätte ich ihm vielleicht noch Tschüss gesagt, aber so sehr ist mir danach auch nicht. Vermutlich sitzt er im Wohnzimmer oder oben an seinem Schreibtisch und überprüft die letzten Sachen am Rechner. Meistens geht er nach Mum, aber das auch nur, weil sie immer überpünktlich zu allem da sein muss.

Und da wir ab heute den Umweg zur Schule machen müssen und sie den Verkehr in der Innenstadt mit einkalkuliert, sind wir viel zu früh unterwegs. Sie muss ja noch einen Parkplatz bekommen, erklärt sie immer. Und ich versuche dann immer zu argumentieren, dass sie mich einfach auf halber Strecke rauslassen kann, wo die Route noch auf dem Weg liegt und ich den Rest zur Schule laufe. Aber dann wimmelt sie mich wieder ab. Als wäre das ihr einziger Draht zu mir. Da liegt sie falsch.

Ich steige vorne ein, nur weil ich es hasse, hinten zu sitzen wie ein Kleinkind. Im Auto riecht es nach Kaffee und einem Lufterfrischer, der in Tannenbaumform vom Rückspiegel baumelt. Im Getränkehalter steht ihr dampfender Thermosbecher. Ich wette, wenn sie heute Nachmittag wiederkommt, ist es ein Starbucks-Becher. Sie liebt Markenware einfach.
Wie immer hat sie ihre blonden Locken in Form geföhnt und riecht penetrant nach Parfum und Deo. Ihre Lippen sind blutrot angemalt und sie hat einen engen Designermantel an.
Ich hasse es, wenn sie so aussieht. Vielleicht denkt sie, dass es ihr steht oder dass es das Image einer erfolgreichen Geschäftsfrau unterstützt, aber für mich sieht es einfach nur so aus, als würde sie die Anschuldigung als Schlampe nur noch befeuern.

„Kann’s losgehen?“, fragt sie mit strahlendem Grinsen aus weiß gebleichten Zähnen und einer freudig verstellten Stimme. Sie ist genauso müde wie ich, aber sie muss es mit ihrer Zuckerguss-Mentalität natürlich mal wieder übertreiben. Ich knurre nur unzufrieden und wende mich von ihr ab und dem Fenster zu. In der Spiegelung kann ich sie noch sehen, wie sie mich für einen Moment betrachtet. Und meine Sachen.

„Willst du dir nicht was anderes anziehen, Ez?“, wirft sie tadelnd ein und rümpft dabei fast die Nase.

Ich verspanne mich und werde langsam wütend.

„Mit der Jacke wird dir kalt“, beharrt sie und ich denke fast schon, dass sie sich Sorgen macht, „Und die Schuhe sehen aus, als hättest du sie dreimal durch den Matsch geschleift.“

Sie wirft meinen Sneakern einen abschätzigen Blick zu. Ach, das ist es also. Dass ich mit meinen bescheuerten Schuhen Dreck in ihr ach so tolles Auto bringe.

Die Zähne bleckend gebe ich ein weiteres protestierendes Brummen von mir und sie wendet sich kopfschüttelnd dem Armaturenbrett zu. Mittlerweile hat sie kapiert, dass mit mir in so einer Laune nicht zu reden ist. Ich tue auf stur, weil das mich am ehesten aus Gesprächen raushält. Das hält sie aber nicht davon ab, es nicht trotzdem zu versuchen.

„Würdest du die Schuhe putzen, wenn du wieder heimkommst? Wir können dir auch neue kaufen gehen, die hier sind jetzt bestimmt auch schon wieder zwei – was, drei Jahre alt?“

„Wir haben sie letzten Winter gekauft“, korrigiere ich sie mürrisch und sie kommt nicht umhin, mir einen triumphierenden Seitenblick zuzuwerfen, als sie mich doch noch zum Reden bringt.

Dabei will ich nur höflich sein. Ich muss ja nicht wie Dad sein, der ihr komplett aus dem Weg geht und sie komplett ignoriert. Auch wenn es schwer ist, sich die Verhaltensweisen nicht unbewusst anzueignen. Ich bin nun mal andauernd von ihnen umgeben und irgendwie begreift mein Hirn nicht, dass das Verhalten eines Individuums gegenüber einem anderen nicht gemeingültig ist.

Das ist genau wie das ungeschriebene Gesetz, dass ein Loser gemobbt wird, weil einer es auf ihn abgesehen hat und sich alle anderen dann auch von ihm fernhalten. Weil muss ja was dran sein, wenn einer ihn so scheiße findet.

Und eigentlich wollte ich Mum doch nur daran erinnern, dass sie mir die Schuhe selbst gekauft hat und sie noch lange nicht so alt sind wie sie annimmt.

„Ah“, macht sie jedenfalls spitz, „nun ja, zumindest sehen sie älter aus. Dr. Martens würden dir stehen.“

Ich gebe ein unwilliges Stöhnen von mir. Sag ich doch, sowas von Marken-affin.

„Ich brauch keine neuen Schuhe.“

Sollte eher heißen ‚Ich will keine neuen Schuhe‘, aber eigentlich lehne ich ihr Angebot nur ab, weil sie mich dann mit zum Shoppen nehmen würde. Als Kind hab ich das vielleicht noch mitgemacht – und auch nur unter dem Versprechen von Eiscreme oder einer Dönerbox, aber mittlerweile ist es einfach nur peinlich, als Teenager von seiner Mutter durch die Einkaufsmeile geschleift zu werden.
Mein Dad ist da einsichtiger. So wie er mir auch das Pausenbrotgeld dalässt, steckt er mir ab und zu einen Schein zu, mit dem ich durch die Altstadt bummeln kann.
Er hat noch nicht mal das Bedürfnis, mitzukommen.

Ich war auch nie besonders ein Dad-Kind. Wir waren nie zelten, haben nie zusammen Sport gemacht und wir sind auch keine gemeinsamen Grillmeister geworden. Vielleicht liegt es daran, dass mein Vater an sich nicht viel Freizeit hat.
Meine Mutter hat sich in meiner Kindheit frei genommen für mich. Sie hat mich zu den Turnwettkämpfen gefahren und den Schauspielkursen.
Dad ist fast noch rationaler veranlagt als Mum. Er vergräbt sich gern in Zahlen und Rechnungen – er ist Analytiker bei einer Bank und wird von einem Standort zum nächsten geschickt, wohin wir folgen müssen. Und meistens bleibt er bis spät in die Nacht wach und hängt über dem PC oder dem Laptop.
Viel Zeit für Freizeit bleibt da nicht. Und genauso wenig wie er Sportfan ist, genauso wenig habe ich für Teamsport übrig. Das regeln wir beide auf unsere Weise – er verfolgt jedes Fußballmatch im Fernsehen und ich bleibe schön bei Leichtathletik und Schwimmen.
Also keine Vater-Sohn-Interaktion beim Baseball-Spielen oder mit dem Fußball im Garten.

Draußen zieht die Stadt an mir vorbei. Sie ist noch ganz dunkel und verschlafen und die Sonne geht gerade auf. Naja, das was man von der Sonne gesehen hätte, wären die Wolken nicht immer noch da. Mum scheint es im selben Moment zu bemerken.

„Hast du dir einen Schirm eingepackt?“, will sie wissen und ich bedauere ihre verzweifelten Versuche zur Kontaktannahme aus tiefstem Herzen.

„Klar“, lüge ich schnaubend und stoße mit dem Fuß meine Tasche an. Seit letztem Jahr hab ich eine Umhängetasche und keinen Ranzen mehr. Egal was ich mache, mit den Dingern sehe ich einfach wie eine Schildkröte aus. Und es gibt tatsächlich Taschen, die nicht gleich wie Damenhandtaschen aussehen.

Aber meine Mum hat es nicht zu interessieren, dass ich lieber meine Kapuze bevorzuge und die Regenwahrscheinlichkeit für die Gegend sowieso nicht allzu hoch ist. Dabei will sie mich doch sowieso wieder abholen, also wofür sollte ich überhaupt einen Schirm brauchen – den Weg zum Bäcker in der Mittagspause?
Ich bemerke, dass sie einen sorgenvollen Blick hoch in den zerrupften Wolkenhimmel wirft und die Lippen schürzt.

Ich kann nur erahnen, worüber sie sich jetzt wieder aufregt. Ich finde das Dunkelblau der chaotischen Wolkenschatten schön und das Lichtspiel an den dünneren Stellen noch viel mehr. Es ist wie, als würde die Sonne versuchen, zu uns durchzubrechen und uns zu übermitteln, was für einen wunderschönen Sonnenaufgang wir doch verpassen.

Erwartungsvoll stellt sie das Radio lauter.
In den kommenden Tagen ist wieder mit steigenden Temperaturen zu rechnen, am Donnerstag sogar bis zu 15 ° Celsius. Bis dahin sollten sie es allerdings nicht mit dem goldenen Herbst übertreiben, denn der anhaltende Nord-West-Wind bringt weiterhin eine kühle Brise mit sich. Für die Gebirgslagen wird hierfür eine Sturmwarnung herausgege-

Sie schnalzt befriedigt mit der Zunge, als hätte sie dem Wetter so ihren Willen aufbürden können.
„Na also. Wird auch Zeit, dass wir den Sommer richtig ausklingen lassen können.“

Mir ist das Wetter so egal wie es nur sein kann. Ja, dann sind die Temperaturen eben diesen Monat mal schlagartig eingebrochen. Und wenn schon.

Wir reihen uns mittlerweile in den aufkommenden Pendlerverkehr in die Stadt ein. Das Navi führt uns mit monotoner Frauenstimme erst über die Landstraße und dann schließlich in die Industriegebiete und von da an trommelt Mum mit ihren pink manikürten Fingernägeln ungeduldig auf dem Lenkrad. Weil sie das von ihrem Arbeitsplatz weg- und zu meiner Schule hinführt.
Sie hasst Verspätungen und vermutlich entdeckt sie, wie sich der Verkehr mit fortschreitender Zeit mehrt.
Da rechne ich mir doch gleich wieder bessere Chancen aus, bald allein zur Schule kommen zu können. Mal sehen wie lange sie das durchhält. Vielleicht eine Woche? Zwei Wochen? Ihre Ungeduld ist fast berechenbar.

Wir biegen auf die Peripheriestraßen und folgen den roten Bremslichtern der vor sich hinkriechenden Autos. Die Abgase stehen deutlich sichtbar in der Luft. Die Ampelschaltungen sind miserabel. Wir stehen knapp zehn Minuten in stockendem Verkehr. Mum regt das auf, aber sie versucht sich nichts anmerken zu lassen. Immer öfter nimmt sie einen Schluck von ihrer Tasse und ihre Lippenstiftspuren bleiben am Rand zurück. Ich hasse den Anblick und versuche ihn zu ignorieren.

Auf der Suche nach Ablenkung stößt mir noch ein Detail scharf in die Augen, wovon sich mir unweigerlich die Kehle zuschnürt.

Ich starre auf ihre rechte Hand, als säße da eine ganz große, eklige Spinne mit ganz vielen Haaren und einem Totenkopf auf dem Rücken.
Vielleicht sollte ich auch etwas sagen – oder fragen; ich sollte es vielleicht zumindest laut aussprechen, damit ich es mir von der Seele reden kann.

Wo ist dein Ehering, Mum?

Er ist weg. Ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass er vor dem Wochenende noch da war. Als wir hergefahren sind. Oder … war er? Jetzt, wo ich so genauer darüber nachdenke, fällt mir auf, dass ich noch nie wirklich darauf geachtet habe.

Wieso trägt sie ihn nicht  mehr? … Naja. Die Frage sollte wohl eher lauten ‚Wieso sollte sie ihn noch tragen?‘ Trotzdem macht es mich von einem Moment auf den anderen komplett fertig.

Es ist ein ganz scheußliches Gefühl zu wissen, dass dieses Detail auf einmal weg ist.
Ich meine … normale Menschen behalten den an. Er ist etwas, worauf sie stolz sind, ein Symbol für eine wichtige Bindung in ihrem Leben, vielleicht auch das besondere Ereignis der Heirat oder des Antrags.
Die meisten Menschen würden ihren Ehering doch niemals ablegen, wo er doch etwas so Privilegiertes und Wichtiges ist.
Es sei denn, das Gefühl der Antipathie für den Partner überwiegt. Das Gefühl der Antipathie für denjenigen, mit dem man diese Erinnerungen um den Ring geknüpft hat.

Scheiße.
Und Mum scheint es nicht besonders schwer gefallen zu sein.

Statt laut zu schreien und ihr vorzuwerfen, wieso sie diesen Scheiß denn macht, bleibe ich still. Ist ja ihre Entscheidung. Ich könnte nichts daran ändern, selbst wenn ich wollte. Selbst wenn ich noch so viel wie ein Kleinkind rumbrüllen würde.
Also starre ich nur.

Und schlucke. Versuche zumindest, das Unwohlsein herunterzuwürgen.

Ich drehe die Musik durch meine Kopfhörer lauter und starre raus in die Stadt. Wir fahren vorbei an den weniger wohlhabenden Wohngegenden und einigen Einkaufsmärkten. Wir passieren Bushaltestellen mit frierenden Schulkindern, wobei Mum sich bestimmt über den wachsenden Migrationsanteil aufregen würde, wenn sie könnte, und Stadt- und Schulbusse, aus denen mir lauter müde Menschen entgegenstarren.

Vermutlich sehe ich genauso aus. Lustlos gegen das Fenster gelehnt, Kinn auf der Hand aufgestützt. Das draußen ist die einzige Ablenkung für einen Mitfahrer wie mich.

Klar haben wir schon daran gedacht, mich einen Führerschein machen zu lassen. Also, meine Eltern haben darüber nachgedacht. Ich hatte bisher gar nicht so recht die passende Motivation dafür. Solange ich an meine Eltern gefesselt bin, brauche ich sowieso kein Auto und ob sie mir das spendieren, ist eine ganz andere Frage.
Außerdem sprechen die ständigen Umzüge ganz klar dagegen, zur Fahrschule zu gehen. Wie soll ich das machen, wenn wir in absolut unregelmäßigen Abständen umziehen? Manchmal halten wir es ein halbes Jahr an einem Ort aus, manchmal nur acht Wochen – aber vorher können wir das nie wissen. Und online geht das Zeug nun mal nicht. Sie haben schon in Erwägung gezogen, meine Kenntnisse einfach vom einen Lehrer zum anderen zu übertragen und dass ich zumindest die Theorieprüfung machen könnte … aber spätestens wenn es dann um den praktischen Teil geht, dreht sich mir der Magen um.

Jedes Mal neue Fahrlehrer, neue Autos, neue Städte und … naja, ich stelle es mir ungefähr genauso ätzend wie die normale Schule auch vor.
Also hab ich das erste Mal, als sie es angesprochen haben, abgelehnt und mich seitdem in meinen Hobbys vergraben, damit ich gar keine Zeit für den Schwachsinn hätte.

Ein Wegweiser zur Schule zieht an uns vorbei.

„Ich glaube, du hättest da abbiegen müssen“, bemerke ich trocken und sehe dem Pfeil nach, der uns nach links geführt hätte.

Sie knabbert an ihrem Daumennagel und weist gestisch auf das Navi.
„Das Ding da sagt, wir sollen geradeaus.“
Etwas nervös klingt sie schon. Egal was sie allen vormachen will und was für ein schickes Auto sie fährt – so gut fahren kann sie dann auch nicht.

Und ihr Orientierungssinn ist nicht der beste, auch wenn man erwarten sollte, dass sie das als Erwachsene mit so unbeständigem Lebensstil langsam raushaben sollte.
Also hält sie sich immer an dieses dumme Maschinchen. Klar, die sind gut heutzutage und ihres ist auch komplett ins Auto integriert und mit Touch und dem ganzen Scheiß, aber ich glaube, wir hätten trotzdem abbiegen sollen.
Missmutig seufzend drehe ich mich wieder zum Fenster.

Wir verirren uns in einer kleinen, verschlafenen Siedlung am Fuße eines Hügels und kurven mindestens zehn Minuten in dessen Ausläufern herum, bis wir tatsächlich keine Autozufahrt hoch zur Schule finden. Ich lehne mich schon die ganze Zeit gespannt vor und verfolge das blockige Gebäude, das sich schwarz gegen den Himmel abhebt.

„Verdammt“, zischt Mum und rauft sich – vorsichtig, um ihre Frisur nicht zu zerstören – die Haare.

Vermutlich hat uns das Navi zum Vordereingang der Schule führen wollen, aber der Parkplatz hat eine andere Zufahrt. Vermutlich liegt der genau auf der anderen Seite des Hügels. Also stehen wir nur vor dem mit Pfosten abgesperrten asphaltierten Weg, der auch hoch zur Schule führt.

Ich versuche das triumphierende Grinsen zurückzuhalten und zähle gedanklich runter, bis Mum seufzt und sagt: „Meinst du, du schaffst es auch alleine da hoch, Schatz?“

„Klar“, spotte ich, „Ich bin keine Zehn mehr.“

Motiviert greife ich nach meiner Tasche und kicke die Autotür auf. Beißende Kälte schlägt mir entgegen und erst jetzt fällt mir auf, wie meine Mutter das Auto anscheinend hochgeheizt hat.

„Pass trotzdem auf dich auf, Ez!“, ruft sie mir hinterher und streckt die Hand aus, weil sie den Abschiedskuss nicht haben kann. Ihr zuliebe ergreife ich sie und drücke sie einmal kurz und fest – der einzige Ausdruck von Gefühlswärme, den wir heute so richtig getauscht haben.

Ihr Blick ist bedauernd. Klar hätte sie mich gerne persönlich an der neuen Schule abgeliefert. Damit sie ihren kleinen Jungen am ersten Schultag auch ja selbst verabschieden kann. Tja, daraus wird aber nichts.

Ich steige aus, schlage die Tür zu und winke ihr mit seligem Grinsen, bis sie umdreht und mit dem fetten Wagen wegbrettert, der so gar nicht in die Häusersammlung hier passt. Es ist alles viel zu eng dafür. Ob sie begreift, dass ich nicht so freudig reagiere, weil ich endlich auf meine Traumschule kann, sondern weil sie endlich von mir weg ist?
Ich schüttele mich und hoffe, ich kriege den Geruch nach Kaffee aus der Kleidung, bis ich oben angekommen bin. Ich konnte Kaffee noch nie so richtig leiden, persönlich zumindest. Ja, er riecht gut und alles, aber wehe, man bringt mich damit in Verbindung.

Neugierig sehe ich mich um. Die Straße ist menschenleer. Ich hätte erwartet, dass da vielleicht ein oder zwei andere Kinder sind, die mit mir den Weg benutzen. Die ich vielleicht fragen kann, wo der Haupteingang ist. Bei der Anmeldung an die Mittelschule hat mich meine Mutter eiskalt durch einen Nebeneingang reingezerrt, weil die Eingangstür gerade renoviert wurde. Es hat sich angefühlt, als würden wir einbrechen.
Die kleinen Häuser hier unten sind jedenfalls gepflegt und ordentlich. Sie sehen alle nicht sonderlich unterschiedlich aus, alle weiß im amerikanischen Stil. Vordach, Treppenaufgang, Veranda, kleiner Garten, Briefkasten.

Der Vorhof, dem ich am nächsten stehe, sieht ein bisschen verwahrlost aus. Das Gras ganz verbrannt vom Sommer. Die Jalousien sind heruntergelassen, und die Zeitungen stapeln sich vor der Tür, damit sie nicht nass werden. Der erwähnte Briefkasten läuft über. Sieht gar nicht aus wie Werbung. Scheinen richtige Briefe zu sein. Oder Postkarten? Vielleicht sind die Leute im Urlaub. Oder haben eine große Familie.

Was auch immer.

Ich wende mich ab und mache mich an den Aufstieg zur Schule. Den Weg säumen weitläufige, brach liegende Felder. Der Geruch nach Morgennebel liegt noch in der Luft und die aufgewühlte Erde sieht beinahe gefroren aus. An den Gräsern hängt Tau.

Auch wenn der Hügel nicht nach viel aussieht, bin ich außer Atem und leicht verschwitzt, als ich endlich oben angekommen bin. Meine Lungen tun wieder weh von der Kälte und auf meiner Stirn ist der Schweiß ganz eisig. Aber es hat sich gelohnt.

Vor mir erhebt sich der große geometrische Vorbau mit eingebauter minimalistischer Analoguhr. Die Fassade hebt sich glatt und grau nach oben.

Harold Finch’s private Schule für Schauspielerei und moderne Künste prangt in großen sterilen Lettern über dem Eingang.

Privat ist im Prinzip die Erklärung für alles an dieser Schule. Dieses Ungetüm von rationalistischer Architektur darf sich ja sogar im deutschsprachigen Raum „High-School“ nennen, obwohl sie uns wie jedes andere Gymnasium auch auf das Abitur vorbereitet. Wir machen auch dasselbe Abitur, wir haben nur die Ausnahme, dass es sich „additives Abitur“ schimpft.

Ich glaube, meine Eltern hätten mich auch hierhergelassen, wenn ich keinen Schulabschluss davon bekommen hätte. Solange sie nur wissen, dass ich irgendwo … weitergebildet werde. Und Ruhe gebe, weil ich endlich schauspielen kann.

Im Netz stand, dass der Aspekt „Schauspielerei und moderne Künste“ – ich hätte mich alternativ zu Schauspielerei auch auf Medien- und Webdesign spezialisieren können oder auf kreatives Schreiben und Journalismus – mit dem normalen Schulaspekt sich zu fünfzig-fünfzig die Waage hält, aber davon bin ich erst überzeugt, wenn ich den Stundenplan gelesen und die ersten paar Wochen überlebt habe.

Und ich hoffe nur, dass der Nachmittagsunterricht nicht allzu erdrückend ist. Immerhin  komme ich grade frisch aus der Mittelstufe, von einem staatlichen Gymnasium und da waren sie echt gnädig mit dem Nachmittagsunterricht.

Ich hebe den Blick, der bisher zu meinen Schuhspitzen gesunken ist, um festzustellen, dass sich am Eingang jetzt doch ein paar Leute sammeln. Die Raucher, hauptsächlich. Oder die Freundinnen, die ihre rauchenden Freunde begleiten.

Damit konnte ich auch nie was anfangen. Zigaretten schmecken widerlich und dann versauen sie mir auch noch Lungen und Stimme – etwas, das ich fürs Theater und die Leichtathletik nicht gebrauchen kann.

Mal davon abgesehen, dass meine Eltern mir das nie hätten durchgehen lassen. Aber ihre gründliche Indoktrination seit frühester Kindheit hat Wirkung gezeigt und so habe ich nie wirklich Alkohol oder Kippen angerührt. Ausprobiert, klar, aber sagen wir es so, da ich wusste, dass sich mein Freundes- oder Bekanntenkreis mit unmittelbarer Wirkung nach einem Umzug verflüchtigt, habe ich noch nie viel von Gruppenzwang gehalten.
Stattdessen habe ich andere Ticks und Eigenarten ausgearbeitet. Vermutlich welche, die besser zu meinem einengenden familiären Umfeld passen.

Unbewusst balle ich die Hände zu Fäusten, dränge die Aufregung in meinem Bauch zurück und schreite auf die Gruppen von Leuten und die Tür zu. Das ist doch der Haupteingang, oder? Er sieht ziemlich offiziell aus. Wehe, wenn abgeschlossen ist. Wehe, wenn ich mich vor denen blamiere und die lachen. Dabei sind die vermutlich alle jünger als ich. Klar sehen die meisten nicht so aus. Vielleicht sind manche doch zumindest genau so alt wie ich.

Irgendwie komisch, es ist eine Privatschule und man erwartet aufgebrezelte, schnöselige Anwaltskinder oder Lehrersöhnchen mit Hipsterbrillen. Stattdessen sehe ich hier wie sonst auch einen bunten Abdruck der sozialen Gesellschaftsschichten.
Es gibt die gepiercten Goths, es gibt ein paar Sportler und sogar einen wie ich, mit übergroßer Jacke und Jeans und ausgeleiertem T-Shirt. Der hat sogar noch eine Baseballkappe auf und schlürft von einem Energydrink.

Der Rest sieht nach Durchschnitt aus. Komisch – irgendwie hab ich erwartet, hier mehr kreative Menschen vorzufinden.
Mehr ausgeflippte Haarfarben und -styles, mehr DIY-Klamotten und Anime-Pins an den Taschen. So Leute wie meine Chatfreundin Sabine eben, die sich schon in meinem Alter völlig dem Künstlerdasein verschrieben hat. Dabei weiß ich gar nicht, auf welche Schule sie geht. Wir reden nicht so viel über ihre persönlichen Umstände und mehr über ihre Kunst, über Spiele oder wieso sie auf dem neuen Profilbild jetzt auf einmal violette Haare hat und nicht mehr lachsfarbene.

Gerade fordert das Durchqueren des Eingangs aber meine komplette Aufmerksamkeit. Es nervt, dass die Aufregung und das Unwohlsein im Bauch immer wieder kommen. Kann es mein Hirn nicht mal lernen? Neues Jahr, neue Schule. Neue Leute. Vermutlich hat es langsam einfach einen eingebauten Überlebensreflex aktiviert, nach dem die Nähe zu anderen Menschen immer Ärger für mich bedeutet.

Ich halte die Luft an, laufe durch den Zigarettenrauch und dränge mich an den Leuten vorbei, die mir widerwillig Platz machen.
Oberstufe. Die Zeit, in der die Leute zu noch größeren Arschlöchern werden.

Meine Hand greift nach der Stange der Tür – ich ziehe, und sie gibt nach. Gott sei Dank. Ich atme erleichtert auf und schlüpfe hinein.
Drinnen ist es warm – zum Glück. Und das Rauschen vieler Gespräche dringt an meine Ohren. Mir die kalten Hände reibend mache ich ein paar Schritte nach drinnen, streife die Füße der Höflichkeit halber an den Vorlegern ab und trete dann in einen aufgeblähten Vorraum, in dem das Gemurmel der Leute vervielfacht laut klingt. Hier stehen bereits knapp fünfzig Leute in mehr oder weniger kleinen Gruppen, die Bänke sind schon alle besetzt, soweit ich das überblicken kann und die meisten hocken sich mittlerweile an den Wänden auf den gefliesten Boden.

Missmutig stelle ich fest, dass natürlich auch schon alle Heizungen vollauf belegt und belagert sind. Die kribbelnden Hände schüttelnd vergrabe ich sie wieder in den Taschen und arbeite mich dann durch das Gemenge vor zu einer Infotafel, die mindestens genauso gut besucht ist wie die Sitzgelegenheiten und Wärmequellen.

An der mobilen Pinnwand hängt ein Raumplan, ein Grußwort des Rektors mit einem Vorwort von Bürgermeister Palpatine, eine Meldung über die Nutzung der Kantine und schließlich auch groß und breit der Ablauf des ersten Schultags. Ab fünf vor halb 9 werden wir in die Aula eingelassen – ein Blick aufs Handy, gerade ist es Viertel nach – und bekommen unsere individuellen Stundenpläne zusammen mit der Anwesenheitskontrolle ausgeteilt.

Ich kontrolliere die Lage der Aula auf dem Plan – eigentlich sollte sie gleich den Gang runter sein. Prüfend werfe ich einen Blick in die vermutete Richtung und nicke mir selbst bestätigend zu, als ich dort die nächstgrößere Traube von Schülern entdecke.

Also nehme ich wieder Abstand und wühle mich aus dem Gedränge der nachströmenden Neuankömmlinge, um im Anschluss den Vorraum zu durchqueren. Einfach mal umsehen. Privatschule – was gibt es so Tolles hier?Ich entdecke eine streng geometrische und minimalistische Springbrunnenanlage links an der Wand, deren Berührung und Vandalismus natürlich streng verboten ist und ein Aquarium mit Zierfischen rechts.
Im Ernst? Fische? In der Mittelstufe wären da bestimmt alle drauf abgefahren.

Leider habe ich meine Mitschüler unterschätzt, denn die Leute hängen trotzdem ganz fasziniert vor der Scheibe.

Nach einem kompletten Rundgang entdecke ich in einer Nische einen Getränke- und einen Kaffeeautomaten. Snacks gibt es da auch. Und der gerade leere Pausenverkauf scheint direkt daneben zu sein. Im Moment prügeln sich wieder alle um einen beschissen schmeckenden, überteuerten Kaffee, also habe ich freie Bahn bei den gekühlten Getränken.

Ich ziehe mir eine Limo und packe sie vorsichtig in meine Tasche ein. Wenn die ausläuft, habe ich ein Problem – im Moment ist da nämlich noch das Annahmeschreiben der Schule, das wir zum ersten Tag mitbringen sollten. Ich kann mir vorstellen, dass es hier sowas wie meine Eintrittskarte ist. Im Notfall hab ich immer noch meinen Personalausweis im Geldbeutel.

Die restlichen zehn Minuten bringe ich hinter mich, indem ich die Leute beobachte, die nach mir noch ankommen und indem ich mich selbst etwas runterkommen lasse. Die akute Aufregung lässt jetzt langsam nach und ist nicht mehr als ein wohliges Summen in meiner Bauchgegend.

Dann geht das große Gedränge los, als jemand die Tür zur Aula aufschließt und ich reihe mich geduldig in den anschwellenden Strom aus Menschen ein. Das Gerede wird jetzt lauter und angespannter und ich höre Leute ganz aufgeregt über ihre Kurse reden. Ich spitze die Ohren und schnappe alles über den ach so tollen Schauspiellehrer auf, der ja hier in aller Munde ist. Aber die wissen auch alle nichts Genaueres. Ich höre nur alles, was ich im Internet schon gelesen hab.

Dass er doch bestimmt total pervers ist. Und das doch gar nicht darf. Dass es ein Werbegag für die Schule ist. Dass manche Leute nur für ihn hergekommen sind. Dass das große Geschwisterkind erzählt, wie toll der Unterricht bei ihm ist.

Auch wenn ich versuche, dem Gerede nicht allzu viel Beachtung zu schenken, bin ich doch tierisch neugierig auf meine erste Stunde bei ihm. Ob ich überhaupt in den Kurs komme? Es gibt doch hier nur einen Schauspiellehrer, oder?
Das habe ich bestimmt gründlich nachgelesen, aber gerade vernebelt mir die Anspannung so den Kopf, dass ich nicht mehr sicher bin.

Zähflüssig schiebt sich die Schülermasse in die große Halle. Sie ist als Amphitheater modelliert worden, aber so wie der restliche Bau in eine streng moderne Version gezerrt. Zum Glück sind Stühle aufgestellt worden, die Stufen sehen nämlich überaus unbequem aus. Vorne auf der kleinen Tribüne steht ein hochgewachsener Mann mit unglaublich eingefallenen Wangenknochen. Der Rektor, nehme ich an. Tarkin.
Wie zu erwarten testen er und ein paar Angestellte gerade das Mikro und die Bildschirmübertragung für die Powerpointpräsentation.

Mein Instinkt führt mich in die Mitte der Halle und möglichst an die Seite einer Reihe, damit ich mich später nicht an allen vorbeiquetschen muss.
Dort setze ich mich hin und beobachte weiter, obwohl die Gedanken und Bemerkungen über die anderen Schüler kommen und gehen, ich bin gar nicht richtig fokussiert darauf. Ich rechne mir auch die Chancen aus, dass unser toller Schauspiellehrer vielleicht eine Rede hält, weil er ja so ziemlich das Aushängeschild dieser Schule ist, aber ich entdecke ihn nirgendwo. Dafür fallen mir Seitenausgänge aus der Aula auf, durch die nachher vielleicht das Wegkommen etwas leichter wird.

Der Rektor räuspert sich und das Mikro knackt überempfindlich laut dabei, was die Schüler zusammenzucken lässt.

„Ich darf um Ihre Aufmerksamkeit bitten, Anwärter“, hebt er mir schnarrender Stimme und hartem britischen Akzent an.

Das Gemurmel bauscht sich erst noch kurz auf, dann flaut es allmählich ab. Ich rutsche ungeduldig auf meinem Stuhl herum.

„Im Namen der Schule und des Gründervaters Harold Finch darf ich Sie ganz herzlich auf der Privatschule für Schauspielerei und moderne Künste willkommen heißen. Auf dieser ganz besonderen Schule haben Sie nun die einmalige Gelegenheit, Ihre individuellen Talente und Fähigkeiten zum Wohle der Gesellschaft auszuprägen und nachhaltig zu verfeinern. Unser Lehrerkollegium und auch ich selbst werde Ihnen dabei tatkräftig und mit allen verfügbaren Mitteln zur Verfügung stehen und Sie dabei fördern.
Wir sind eine Einrichtung der Toleranz, der Menschenwürde und der Kunst und erwarten, dass Sie sich als zivilisierte Mitglieder dieser exklusiven Gesellschaft einbringen werden.
Für dieses Jahr haben wir einhundertzweiunddreißig Neuanmeldungen, die ich im Folgenden namentlich aufrufen werde. Sie kommen dann bitte langsam und gesittet zu mir vor und holen sich im Austausch gegen das Ihnen ausgehändigte Annahmeschreiben Ihren Schulausweis, Stundenplan und Infobroschüre ab. Auf letzterer finden Sie unter anderem die Hausordnung abgedruckt, die Sie bitte eigenständig und eigenverantwortlich durcharbeiten. Darüber hinaus finden Sie dort die Telefonnummern aller Schulvertreter und Schülersprecher.
Weiterhin möchte ich im Namen des Kollegiums folgende Neuzugänge auch im Rahmen der Lehrerschaft begrüßen.“

Er räuspert sich und wechselt die Seite, von der er abliest. Und ich bin recht überrascht, wie pragmatisch die hier rangehen. Keine einleitenden ausschweifenden Worte, keine Musik vom Schulorchester, noch nicht mal ein kleiner Sketch der Seniors. Nach diesem ersten Eindruck würde ich die Schule eher für ein naturwissenschaftliches Institut halten als eine Kunstschule.

Tarkin sieht zwar auch nicht wie ein Kulturbanause aus, aber ich hatte zumindest erwartet, dass er nicht gerade die Visage eines Rechnungsprüfers oder Mathelehrers mitbringt.

… Vielleicht ist er Mathelehrer. Gott, der Unterricht bei ihm muss schrecklich sein.

Neben mir beginnen Leute zu tuscheln.

„Neuzugänge?“, will derjenige wissen und ist anscheinend unsicher, ob der Schauspiellehrer noch da ist.

„Ja“, flüstert seine Nachbarin, „die haben doch den einen da rausgeworfen, letztes Jahr.“

Davon hatte ich auch schon gehört. Aber bevor meine Sitznachbarn sich noch weiter darüber austauschen können, hebt Tarkin wieder an.

„Aufgrund unvorhergesehener Komplikationen mit seiner Reputation und Eignung zum Führen eines Kurses wurde unser ehemaliger Sportlehrer Mr. Ephilius Maul vorläufig suspendiert. Als Ersatz haben wir Mr. Kanan Jarrus eingestellt, der seine Sache sicher ausgezeichnet machen wird.

Weiterhin werden Sie darüber informiert, dass der Posten des Vertrauenslehrers momentan unbesetzt ist. Eine interne Diskussion wird letztendlich darüber entscheiden, wer diese Stelle füllt, allerdings dürfen sie Vorschläge gerne im Sekretariat abgeben, damit wir einen groben Eindruck von den Wünschen der Schüler haben. Bitte bedenken Sie dabei, dass Ihre Meinung nicht zwangsläufig berücksichtigt werden kann.
Vielen Dank.
Nun zur Anwesenheitskontrolle, ich bitte Sie inständig, bis zum Ende der Versammlung sitzen zu bleiben, da sonst unnötige Unruhe entsteht und der Prozess für den ganzen Rest aufgehalten wird …“

Hinter dem Rednerpult zieht er einen Stapel sortierter Dokumente hervor und ruft dann den ersten Schüler auf.
Ich lehne mich zurück. Das kann dauern. Jaja, das übliche Debakel. Lässt man die Schüler gehen, nachdem sie ihre Sachen bekommen haben oder behält man sie da? Das Aufstehen und Gehen ist tatsächlich störend und nervig, aber das Sitzenbleiben und dass sich die Leute danach vor Aufregung und irgendwann vor Langeweile mit ihren Nachbarn austauschen, genauso. Meiner Meinung nach fast noch mehr.
Dazu kommt das Gemurmel der Leute, die warten müssen und deren Buchstabe noch meilenweit entfernt ist.

„Nach der Versammlung finden Sie sich bitte unverzüglich bei Ihrem nächsten Unterricht ein“, fügt Tarkin nachträglich an.

Na dann bleiben die Leute natürlich sitzen. Wer würde freiwillig schon in den nächsten Unterricht gehen?
Wie neunzig Prozent vom Rest bin ich am Handy, bis ich aufgerufen werde. Es hat eine geschlagene Viertelstunde gedauert, bis wir bei B wie Bridger angekommen sind. Na das kann ja heiter werden.

Ich gehe vor, darf Tarkins Altmänneratem riechen und die Katzenhaare an seinem glattgestrichenen Jacket bemerken, bevor ich mir meinen Stapel Papier abhole und zurück zum Platz schlendere. Es fühlt sich ganz komisch an, als mein Name fällt. Als würde es schlagartig stiller werden. Und als würden mich alle beobachten. So als würden sie wissen, mein wievielter Schulwechsel das ist und dass ich das perfekte Mobbingopfer bin und dass ich wehrlos bin und …

Meine Kurzatmigkeit verfliegt erst wieder auf dem Stuhl und als das nächste Mädchen aufgerufen wird. Ich habe eine Gänsehaut im Nacken. Meine Finger zittern. Mein Brustkorb ist immer noch ganz eng. War das eine Panikattacke?
Nervös sehe ich die Unterlagen durch, um mich abzulenken.

Sehr geehrte Schüler/-in … blah, blah, blah – den Infozettel stecke ich erstmal weg, falte stattdessen den Raumplan auf, scanne den aufgedruckten QR-Code sogleich mit dem Handy und suche nach den Räumen für den Theaterkurs. Es gibt auch einen richtigen Theatersaal, aber da werden wohl kaum die richtigen Stunden stattfinden. In der Blaupause ist das Zimmer für die Schauspielerei angedeutet als Viereck mit weitem Halbkreis in der einen Hälfte, der ein Viertel des Raums abtrennt. Vielleicht eine Bühne oder so. Den Kopf umständlich verrenkt versuche ich mich von der Aula aus so zu orientieren, dass ich den Weg dorthin finden könnte. Ist nicht weit, nur weiter dem Gang folgen. Sehr schön.

Als nächstes nehme ich den Stundenplan zur Hand und versuche die Kürzel und Fächernamen zu entziffern, die wie sonst auch höllisch klein gedruckt sind.

Acting Class – steht da und mir fällt ein, dass die Schule ja auch bilingual funktioniert und manche meiner Kurse sogar auf Englisch sein werden.

Thrn ist das Kürzel darunter. Innerlich beginne ich zu jubeln. Ding-ding-ding, Jackpot – Thrawn, das ist er.

Hastig schweift mein Blick die Spalte des Wochentags hoch – und ich werde ernüchtert. Dienstag. Ich hab ihn erst am Dienstag. Heute ist aber Montag.

Stattdessen muss ich mich heute sieben Stunden bis um halb 3 mit … Sport, Englisch und Mathe quälen. Und eine Stunde Deutsch am Nachmittag.

Ich verdrehe genervt die Augen. Die ganzen anderen Fächer sind mir so egal. Montag in den ersten beiden Stunden Sport?
Verdammt, die wollen uns aber auch quälen.
Jrs ist das Kürzel bei Sport und ich rate einfach mal frei heraus, dass das der neue Lehrer ist – Jarrus also. Was der so draufhat würde ich gern wissen und vor allem wie sehr man ihn beeinflussen kann, dass ich mit Leichtathletik punkten kann.

Bitte nur kein Teamsport – bitte, bitte …

Ich frage mich, was genau der andere Sportlehrer angestellt hat, dass er hier rausgeworfen wurde. Da muss er doch irgendwas richtig Schlimmes angestellt haben, oder? Ihm ist auch ein gewisser Ruf vorausgeeilt, aber die Schule hält erstaunlich dicht, wenn es darum geht, belastende Informationen nach draußen zu lassen.
Also hieß es nur, dass der Kerl völlig durchgedreht ist, gemeingefährlich und dass er es verdient hätte. Der beliebteste war er wohl nicht … Vielleicht hört man ja von den Leuten, die schon ein paar Jahre hier sind, was.

Als ich danach dem Stundenplan noch einen genaueren Blick schenke, fällt mir auf, dass die Fächerverteilung gar nicht so anders ist als sonst. Nur dass wir Mathe jetzt vier Stunden haben und dafür zwei Stunden mehr von unserem gewählten Schwerpunkt.
Bei mir ist das Schauspiel, bei den anderen ist es dann wohl Kreatives Schreiben oder Kunst.
Aber ansonsten ist alles da – Wirtschaft, Geographie, sogar Bio. Chemie und Physik habe ich endlich abwählen können. Ethik ist auch noch mit dabei, aber nur zwei Stunden die Woche.

Hoffentlich gibt es als Wahlfach noch irgendwelche Sportangebote. Und ich frage mich auch, ob es da noch das ganze Zeug gibt, was ich eigentlich von einer Schauspielschule erwartet hätte.
Bühnenbild und Kostüm und Maske und so. Oder Tanz und Chor und was man sonst noch alles vor Publikum machen kann.
Naja, vermutlich muss die Schule erstmal beweisen, dass sie auch wirklich eine Einrichtung ist, in die man seine Kinder schicken sollte. Nicht jedes Kind hier wird bereits für den Rest seines Lebens durch ein fettes Erbe ausgesorgt haben.
Und auch wenn hier ein paar Schauspielsterne geboren wurden, die meisten werden wohl ganz normal auf einer Uni weitermachen. Ich vermutlich auch. Ich bin kein aufsteigender Stern.
Ich bin noch nicht mal so gut im Schauspiel. Ich wäre es aber gern. Und vielleicht macht es mir ja genau deshalb Spaß, in den Unterricht zu gehen.

Nachdem ich die interessanten Sachen durchhabe, hole ich unauffällig meine Limo heraus und vertreibe den nun allmählich einsetzenden Hunger, bevor ich mich notgedrungen dem Infoblatt zuwende. Der sieht schon viel mehr nach Privatschule aus.
Hochwertiges Papier, Farbdrucke von fröhlichen Schülern vermutlich auf dem Pausenhof, ein paar niedliche unterstützende Piktogramme und als ich durchblättere ist sie sogar individuell bedruckt, denn meine Spindnummer und deren Kombination ist darauf.

Ansonsten sind da nur die nächsten wichtigen Daten – ein freiwilliger Gottesdienst unten im Dorf zu Ende des Tages wo dann auch endlich die kulturelle Seite der Schule ein bisschen zum Zuge käme und wann die Bücherausgabe ist, ab wann die Kantine geöffnet ist, wann die Semesterprüfungen stattfinden und wann der erste Schulball kommt. Um Weihnachten rum, so wie es aussieht.
Vermutlich dürfen sich die Neuen in punkto Organisation da ein bisschen von den Seniors tragen lassen und sich abschauen, wie das alles im perfekten Zustand ablaufen soll. Und dann dürfen wir es nächstes Jahr selbst machen … oder so. Irgend so etwas nehme ich an.

Ich sehe auf und horche auf den nächsten aufgerufenen Namen.
Leonis.
Wir sind erst bei L?!

***


Als wir endlich in die nächste Stunde entlassen werden, bin ich schon fast wieder eingeschlafen. Das hat eindeutig zu lange gedauert. In meine Jacke vergraben bin ich auf dem Stuhl zusammengesunken und kämpfe mich jetzt mühsam daraus hervor, als sich die Halle langsam leert.
Bin ich eingenickt? Hab ich die Verabschiedung verpennt? Gehört habe ich jedenfalls nichts. Die Leute neben mir packen zusammen und eine ganze Menge anderer ist schon auf den Beinen.

Und obwohl mir die Angst im Nacken sitzt, ich könnte den nächsten Kurs verpassen oder meine Leute nicht finden oder den Anschluss nicht finden, bleibe ich trotzdem erstmal sitzen. Die Sporthalle ist laut Plan zwei Stockwerke unter uns.
Jap, die Schule hat Kellergeschosse.
Mehrere.
Liegt aber daran, dass sie halb in den Hügel gebaut ist und die Kellerräume somit trotzdem Fenster haben. Die Sporthalle liegt wohl im untersten Stockwerk, damit es alle anderen Klassen nicht stört.
Anscheinend gibt es auch eine planierte Fläche hinter dem Pausenhof, der als äußerer Sportplatz dient, aber ich kann mir vorstellen, dass wir für Wettkämpfe oder Dauerläufe zu einem richtigen Platz runter ins Dorf pilgern müssen.

Nachdem sich der Großteil der Unruhe gelegt hat, verlasse ich die Halle genauso schleppend wie alle anderen. Die erste Schulstunde ist sowieso schon um, wir haben vielleicht noch eine halbe Stunde bis zur ersten Pause und da kann man doch keinen richtigen Unterricht mehr anfangen – vor allem nicht Sport.
Um Tarkin schart sich noch eine ganz schöne Traube von Leuten, die Fragen haben oder bei denen Unstimmigkeiten aufgetreten sind – vermute ich. Mir ist gar nicht aufgefallen, ob jemand, der aufgerufen wurde, nicht anwesend war. Oder ob das vielleicht Leute da vorne sind, die eben nicht aufgerufen wurden.
Ich frage mich, was für bürokratische Verstrickungen es geben kann, wenn auf einer der zwei Seiten etwas schief läuft. Ich glaube, ich habe während der ganzen Zeremonie keine Eltern gesehen. Das kommt mir entgegen.
Und ich fühle mich bestätigt.
Es wäre grauenvoll gewesen, wenn meine Mum mich bis hochgebracht hätte. Und dann hätten die Raucher draußen bestimmt noch zugeschaut, während sie mir einen Abschiedskuss aufdrückt. Widerlich.

Ich folge den Strömen aus Schülern, die sich jetzt im Treppenhaus und in den Gängen verteilen. Ansonsten herrscht normaler Erster-Schultags-Unterrichtsbetrieb, es ist also still und leise im Gebäude. Während ich die Treppen runter in den Keller gehe, habe ich irgendwie die Hoffnung, dass mich nicht alle Klassenkameraden verlassen, während ich immer tiefer hinabsteige.
Die meisten trennen sich von mir.
Mit den zweien, die noch übrig sind, wechsele ich einen kurzen Blick, sie lächeln mir zu und wir gehen gemeinsam runter zur Sporthalle. Dann sind das also meine Klassenkameraden.

Hallo auch.

Aber laut sage ich es nicht. Sie sehen nett aus. Der eine hat Sommersprossen, eine Stupsnase und ist blond. Er sieht aus wie ein Fabian oder ein Chris. Der andere ist ein Stück kleiner, seine Haare sind rötlicher und gelockt. Von der Statur her ist er schmächtiger. Interessanterweise sieht der erste älter als ich aus und der zweite jünger. Na dann bin ich ja doch ganz zuversichtlich, dass ich mich ganz gut einfügen kann, solange die nicht wissen, dass ich drei Jahre älter als sie bin.
Eigentlich müsste ich als Senior-Schüler hier sein und ihnen alles zeigen. Stattdessen bin ich aber Teil ihrer Gruppe.

Wortlos streunen wir runter in einen Flur, in dem das Licht erst durch Bewegungsmelder angeht. Aus den Umkleiden hören wir die Geräusche von Jungs, die meckern und sich trotz des Meckerns umziehen.
Der will also echt noch Unterricht machen, ja?
Wir haben doch eh keine Sachen dabei, wie konnten wir auch wissen, dass das gleich am ersten Tag kommen würde.

Als wir die Tür zu dem Raum aufstoßen, schauen uns knapp zwanzig Jungs einen Moment lang überrascht an, bevor sie unseren vermutlich genauso überraschten Blick bemerken und ein Mutiger sich traut und uns aufklärt: „Irgendwer hat gesagt, Jarrus will, dass wir uns umziehen. Schuhe aus, Trikots an, das reicht ihm. Wenn wir Sportsachen dabeihaben, umso besser.“

„Ah.“, macht mein Nebenmann und ich nicke nur mit demselben Ausdruck im Kopf. Wir quetschen uns auf einen freien Platz an der Bank und ziehen die Schuhe aus. In der Mitte des Raums steht eine Kiste mit neonfarbenen Plastikfasertrikots. Oh nein – das sieht nach Teamsport aus.

Enttäuscht seufzend greife ich eins der schreiend gelben Dinger und knülle es in meiner Hand. Es gibt gelb und es gibt so etwas, das wohl apfelgrün sein soll, aber den indischen Kinderarbeitern ein paar Mal zu oft in den Farbtopf gefallen ist. Es tut fast weh in den Augen, es anzuschauen. Ich kenne eh noch keinen von den Leuten, also ist es mir egal, in welchem Team ich bin.

Erleichtert stelle ich aber fest, dass die zwei Jungs von eben auch nach gelben Trikots greifen und sie sich überziehen.
Ein paar Leute hatten Jogginghosen dabei, ein paar auch ein paar lockere T-Shirts, so wie ich, ansonsten gehen wir alle sockig in die Halle.

Und sind dort erstmal allein.

Unentschlossen setzen sich die meisten auf die türnächste Bank und der Rest im Schneidersitz drumherum. Es entstehen kleine Gespräche, Beschnüffelungsversuche, in denen Namen und Interessen ausgetauscht werden. Ich setze mich ein bisschen abseits und an die Wand. Ziehe die Knie an und lege die Arme darum, den Kopf darauf.

Die Halle sieht ganz ordentlich aus. Steril, weitläufig, gut beleuchtet.

Die Tür links von uns knallt zu und ich gebe es gleich auf, durch die sich reckenden Köpfe meiner Mitschüler einen Blick auf unseren Lehrer erhaschen zu können. Er kommt doch eh gleich her, stellt sich vor und erklärt uns, was wir machen.
Desinteressiert versuche ich meine Augen so zu fokussieren, dass ich das andere Ende der Halle erkennen kann. Die Linien auf dem Boden werden einfach nicht scharf.

Die Jungs beginnen aufgeregt zu murmeln, dazu dribbelt unser Lehrer einen Ball neben sich her, während er näherkommt.

„Was soll das denn?“, höre ich einen in meiner Nähe sagen.

„Häh?“, einen anderen.

„Was zur Hölle…“, einen weiteren.

Lustlos ziehe ich den Blick in seine Richtung, als er jetzt vor uns steht. Fußballschuhe, lange Jogginghose – sieht aus wie Adidas. Trillerpfeife im Hosenbund, Stift und Klemmbrett unterm Arm. T-Shirt, starke Oberarme und Brust und –

Mir bleibt der Mund offen stehen.

Und mir kommt die Panik wieder hoch. Mir wird schwindelig und ich presse mich haltsuchend an die Wand hinter mir.
Dann blinzle ich, schaue weg, schaue hin, blinzle wieder und kriege es so richtig mit der Angst zu tun.

„Hey, kids“, sagt Mr. Jarrus und sein Lächeln ist ein kleines bisschen nervös. So als würde er das hier auch zum ersten Mal machen. Oder weil er weiß, dass er immer dumm angestarrt wird.

„Ist das ein Scherz?“, setzt einer der Schüler hinterher und ist genauso fassungslos wie ich im Moment.

Jarrus bückt sich und legt den Fußball ab. Ich weiß nicht warum, aber er rollt weg von ihm. Vielleicht bemerkt er es nicht. Vielleicht hat er ihm auch einen kleinen Schubs gegeben.
Einer der Jungs tänzelt jetzt unruhig um ihn her. Vielleicht lauert er auch ein wenig. Man sieht ihm an, dass er Ärger machen will. Jarrus sieht es nicht.

Und er will gerade anheben und den üblichen Sportlehrer-Einführungs-Vortrag halten, da holt der Kerl neben ihm mit dem Bein aus und kickt den Ball mit voller Wucht in seine Richtung.

Das ist eine Frechheit.

Und jeden anderen hätte das umgehauen.

Aber Jarrus fängt den Ball mit einer Hand - ohne hinzusehen. Stark und schnelle Reflexe, ja, ich erinnere mich.
Er räuspert sich und man hört, dass er leicht angepisst davon ist, gleich in den ersten fünf Minuten mit einem Ball beschossen worden zu sein.

„Tu mir nichts und ich tu dir nichts“, knurrt er in Richtung des Schülers und zieht seine Sonnenbrille warnend nach unten.
Die Sonnenbrille hat die Schüler so verwirrt.
Fast genau so sehr wie mich gestern. Aber der Angesprochene bekommt jetzt einen Blick aus seinen kalten, bleichen Augen und damit so richtig Schiss.
Nach Luft ringend setzt er sich hin.

Fließend wendet sich Jarrus wieder zum Rest der Klasse, die die Szene mit Staunen verfolgt haben und zeigt jetzt auch ihnen seine Augen.

„Ja, ich bin blind. Ich bin aber nicht doof“, erklärt er, als hätte er es schon oft machen müssen. Jetzt entdecke ich auch an seinem Kragen wieder den Blindenpin, der diesmal ein Aufkleber ist. Eine Sicherheitsnadel beim Sport ist nicht die beste Idee, so sicher sie auch sein mag.
Sein Pferdeschwanz hüpft hin und her, als er seine Klasse abmisst.

Wie auch immer er das tut. Vielleicht will er nur, dass alle sehen, dass es echt ist. Und kein Witz.

„S-Sie sind so richtig …?“, hakt einer der Schüler nach.

Jarrus nickt und hockt sich mit uns hin. Die Leute rücken näher. Ich rücke nicht näher. Ich finde es unheimlich, dass er auf einmal hier ist.

Ich dachte doch, ich würde ihn nie wieder sehen. Was macht er auf einmal in meinem Kurs? Als mein Lehrer?!
Wie hat er sich überhaupt als Sportlehrer qualifiziert? Und ich sehe Chopper nirgendwo. Müsste er jetzt nicht gegen jede Wand laufen?

„Ihr werdet euch daran gewöhnen, sobald ihr merkt, dass ich auch ganz gut so klarkomme. Es gibt keinen Grund für euch, mich anders als irgendeinen anderen Lehrer hier zu behandeln.“

Mir schwirrt immer noch der Schädel. Ich kapier das einfach nicht. Schon, er sagte, er hätte Pädagogik studiert und alles, aber das ist doch krank! Man kann doch nicht einen Blinden als Sportlehrer einstellen!
Jarrus zieht sich demonstrativ sein Klemmbrett auf die Hüften und lässt die Finger darüber gleiten. Er schaut uns dabei an, aber er liest. Der Zettel scheint in Braille-Schrift zu sein.

„Ihr seid sechsundzwanzig, ja? Vermisst irgendwer schon seinen Sitznachbarn?“

Die Leute schütteln den Kopf oder zucken mit den Achseln und der Reihe nach fällt jedem auf, dass es nichts bringt.
Das lässt Jarrus schmunzeln.

„Na dann, mal schauen, ob alle da sind. Ist Bridger, Ezra hier?“

Ich schlucke und für einen Sekundenbruchteil gehen mir die Lichter aus. Ich bin der Erste auf seiner Liste? Dass er meinen Namen ausspricht, ist so komisch.

Such dir jemanden, der dir wichtig ist – das verbinde ich mit seiner Stimme. Nicht meinen Namen, den ich ihm nie vorher genannt habe.
Keine Ahnung, wie lange ich nicht antworte, aber es fühlt sich wie eine Ewigkeit für mich an.

„J-ja, Sir“, bringe ich gekrächzt heraus und frage mich, ob er meine Stimme in diesem Zustand noch erkennt. Geschweige denn versteht.

Er öffnet den Kugelschreiber und macht sich eine Notiz aufs Blatt. Einen Punkt vielleicht. Oder einen Haken. Kann er denn noch richtig schreiben?
Und einen Moment lang glaube ich Zögern in seiner Miene zu sehen oder dass er sich vielleicht gerade auch fragt, ob ich der bin, für den er mich hält. Ich starre ihn an und er bemerkt es noch nicht einmal.

„Collins, Nicholas“, fährt er allerdings ungerührt fort.

„Hier, Sir“, ist die Antwort.

Mein Herz schlägt wie verrückt. Ich weiß nicht, was ich fühlen soll. Fröhlich sein oder erleichtert oder alarmiert? Vielleicht ist er doch ein Stalker. Aber wieso sollte er sich gerade für mich in eine Schule einschleichen? Das alles muss schon längst vor meiner Anmeldung hier beschlossen worden sein. Ich bin eher der, der in sein Leben eindringt.

Ich bin total verunsichert. Soll ich ihn nach der Stunde darauf ansprechen? Oder nicht? Soll ich es vergessen und nie wieder erwähnen? Oder ihn ausfragen über seine fast-Blanko-Visitenkarte und wieso er mich gestern Nacht dort stehen gelassen hat?

Die Uhrzeit an der anderen Seite der Halle kann ich nicht entziffern. Wir können doch nur noch höchstens eine Viertelstunde haben, oder?

Als er mit der Prüfung der Liste durch ist und sogar noch wie durch Zauberhand errät, dass in der Mitte schräg gegenüber von ihm ein Kind sitzt, dass er noch nicht aufgerufen hat, sind die meisten komplett von ihm verwirrt.
Ich hab auch keine Ahnung, wie er das macht. Irgendwie denke ich immer noch, dass er spielt, aber er könnte und würde sich doch niemals den Aufwand machen, Blindheit vorzutäuschen. Wozu sollte das gut sein?

Nachdem der namenslose Neuzugang identifiziert ist und Jarrus sich vornimmt, das zu prüfen, kommt eine Frage, die er erst bemerkt, als derjenige mit den Fingern schnippt.

„Ja bitte?“

„Haben Sie eine Ahnung, was mit dem Lehrer vor Ihnen war? Und wieso er rausgeflogen ist?“

Klar wollen die Neuen das wissen. Ich will es ja auch wissen. Ich hätte nur nicht so offensichtlich gefragt. Ich bin eher der stille Zuhörer.
Der Mann zuckt mit den Achseln. Er sitzt halb im Profil zu mir und ich erkenne seine Hakennase wieder und die Gläser seiner Brille und wie er sich die Haare im Nacken zusammenbindet.

„Leider nicht. Hab ihn nie getroffen. Ich glaube, da solltet ihr lieber die älteren Schüler fragen.“

Enttäuschtes Raunen und Seufzen geht durch die Gruppe.
Er klatscht in die Hände, bevor es sich auf die Stimmung legen kann und springt motiviert auf.

„Na kommt schon, lasst uns noch ein bisschen spielen, bis die Stunde um ist.“ Er hebt den Ball wieder auf und die anderen kommen missmutig auf die Beine. Sie sehen sich alle recht unwohl an und verständlicherweise haben sie ein bisschen Bammel, vor einem blinden Lehrer zu spielen. Oder mit ihm zu spielen? Jarrus beginnt den Ball jedenfalls auf der Fußspitze zu balancieren und zu kicken.

Wie zum Geier macht er das?

Ich rappele mich mit den anderen hoch.

„Wir haben jetzt vielleicht noch zehn Minuten, also spielen wir einfach nur ganz locker, wärmen uns dabei auf und ich schätze ein, wie ihr so spielt. Nächste Stunde machen wir dann was anderes, keine Sorge.“

Er beginnt locker in die Mitte der Halle zu joggen – wie auch immer er sich orientieren kann und die Leute schleichen ihm vorsichtig hinterher. Ich auch. Ich hasse Teamsport. Ich hasse Fußball. Der Rowdy, der ihn schon fast abgeschossen hätte, versucht Jarrus den Ball zuerst abzunehmen. Und stellt sich dabei erstaunlich ungeschickt an. Oder zumindest lässt Jarrus es so wirken.

Ohne viel Anstrengung hüpft der Lehrer über das gestellte Bein hinweg und spielt den Ball am Fuß des Jungen vorbei. Der perplex zurückbleibt, weil er das nicht erwartet hat. Jarrus ist auffallend leichtfüßig unterwegs, vermutlich weil er weiß, dass wir alle nur Socken anhaben und er Schuhe.

Eigentlich hatte ich erwartet, dass er seine auch auszieht. Müsste er nicht barfuß … keine Ahnung, den Boden besser spüren? Und unsere Erschütterungen darin?

Ich werde einfach nicht schlau aus ihm. Stattdessen schiele ich hoch zur Uhr und versuche zu erahnen, dass der große Zeiger auf Viertel zugeht und wir damit gleich Schluss machen müssen. Also halte ich mich möglichst am Rand und mache die Bewegungen zur einen oder anderen Seite des Feldes nur ganz träge mit. Jarrus weiß sogar, wo die Tore sind und kann auf sie schießen. Ein paar Fußballbegeisterte vereiteln die Schüsse zwar, aber er ist wirklich gut. Und es macht ihm auch nichts aus, wenn die Schüler ihn anrempeln – von denen ihm keiner höher als bis zur Nasenspitze geht – oder wenn er den Ball verliert. Irgendwie hat er sich ins grüne Team einsortiert, nachdem der Rowdy vom Anfang ihm im gelben Trikot den Ball wegschnappen wollte. Und er kann zu den anderen passen und ihnen zurufen und er scheint zu wissen, wann fast ein Tor fällt und wann nicht.

Hört er das alles?

Ich höre nur das Quietschen seiner Turnschuhe und das dumpfe Patschen der Socken und von manchen die polternden Schritte. Und das Atmen und nervöse Jauchzen der Schüler, die sich immer mehr im Spiel verlieren. Bis zum Ende der Stunde haben sie glaub ich schon fast vergessen, dass sie mit einem blinden Mann Fußball spielen.
Als er dann abpfeift und uns zum Umziehen entlässt, bin ich schon halb an der Tür dorthin. Und der erste beim Umziehen.

Und ich habe auch schon fast meine Schuhe wieder an und will die Jacke über die Schulter werfen, als der letzte aus der Halle reinkommt und mit gesunden roten Wangen und etwas außer Atem in die Umkleide ruft: „Der Kerl will Bridger noch mal sehen.“

Ich ächze und lasse die Schultern hängen. Ich bekomme ein paar Schulterklopfer von den anderen.

Also schiebe ich mich wieder von der Tür durch die ganze Umkleide zum Hallenausgang und schiebe mich nervös hindurch. Er hört wahrscheinlich nicht, wie ich reinhusche, aber wie die schwere Tür hinter mir ins Schloss fällt und ich davon zusammenzucke. Er steht jetzt bei der Bank, wo das Klemmbrett und seine Schlüssel gelandet sind und wendet sich mir fast augenblicklich zu.

Mein Mund öffnet sich für einen Redeschwall, bei dem sowieso nichts Vernünftiges herausgekommen wäre, aber er kommt mir zuvor und hebt entschuldigend die Hände.

„Das tut mir leid, wirklich.“

Das nimmt mir einen Moment lang die Luft aus den Segeln.

„W-was – wieso entschuldigen Sie sich denn?“, will ich verwirrt wissen, weil ich eher das Gefühl habe, ich wäre ihm das schuldig.

Er zuckt mit den Achseln.

„Ich hätte es irgendwie wissen müssen. Schätze ich. Dass du auf diese Schule gehen würdest.“

„Konnten Sie gar nicht wissen“, entgegne ich und lasse ihn ein paar Schritte näherkommen.

Wieder Schulterzucken.
„Ist jedenfalls ein ganz schöner Zufall. Hör mal – wenn du mich nicht als Sportlehrer willst oder dir das zu schräg wird … du kannst den Kurs jederzeit wechseln“, erklärt er mir einfühlsam und klingt dennoch ein bisschen wehmütig dabei.

„Mhm“, mache ich unentschlossen und habe die Arme dabei verschränkt.

„Ich werde jedenfalls keine Andeutungen darauf machen, dass wir uns kennen. Es ist deine Entscheidung, ob und wie ich das im Lehrerzimmer anspreche. Aber ich weiß nicht, ob die dich aus dem Kurs nehmen, nur weil wir uns nachts zufällig über den Weg gelaufen sind.“

„Mhm“, mache ich wieder, jetzt ist es mir schon etwas unangenehmer. Das klingt so, als könnte ich gar nicht von ihm weg, selbst wenn ich wollte.

„Du bist nicht so der Fußballfan, oder?“, setzt er irgendwann nach und er bemerkt es mit einem Schmunzeln. Ganz offensichtlich versucht er die Situation aufzulockern und ich lasse es ihm durchgehen.

„Mhm“, mache ich verneinend und schüttele den Kopf dazu.

„Was gefällt dir so?“, will er wissen und ich frage mich, ob er danach den Unterricht ausrichtet.

„Leichtathletik. Schwimmen. Alles, was man allein machen kann.“

„Einzelkämpfer, ich seh schon. Kann ich dich für den Schwebebalken begeistern? Das werd ich demnächst durchziehen müssen.“

Ich gebe ein unmotiviertes Stöhnen von mir. „Bitte nicht wieder das …“

Er seufzt mitleidig und zieht Luft durch die Zähne ein.
„Tut mir ja leid. Ich schau mal im Lehrplan nach, vielleicht kommt im zweiten Halbjahr was mit Leichtathletik. Schwimmen darf ich leider nicht unterrichten.“
Er hebt wehrlos die Arme.

„Klar“, spotte ich halbernst, „Weil sie ja sonst so eingeschränkt sind.“

Diesmal ist sein Achselzucken locker und amüsiert.
„Du glaubst nicht, wie streng die Behörden dabei sind. Theoretisch könnte ich schon Schüler vor dem Ertrinken retten, aber die Schulleitung will auf Nummer sicher gehen.“

„Werden Sie dann bald ersetzt?“, frage ich und merke zu spät, dass es fast so klingt, als würde ich ihn loswerden wollen. Will ich aber nicht – ich bin nur neugierig. Und vielleicht will ich auch ein ganz kleines bisschen, dass er bleibt.
Weil ich ihn kenne. Und weil er niemand ist, der mich von vornherein hasst. Oder zumindest verurteilt. Er ist also eine ganz gute Partie.

Er schluckt ein bisschen nervös.
„Erstmal bin ich unbefristet hier. Aber die können mich rauswerfen, wann immer Sie wollen. Mir ist es lieber, dass das später als früher passiert.“

„Mhm“, mache ich und hoffe, damit meine Zustimmung ausdrücken zu können.

Er hält inne. Und scheint alles gesagt zu haben, was ihm wichtig war.

„Also dann – geh ruhig, dann hast du noch was von der Pause. Wenn du Hilfe bei irgendwas brauchst … bin ich da, okay?“

Ich schmunzle dankbar.

„Okay“, sage ich nur und wende mich ab.

Er nickt – mehr zu sich selbst und wendet sich dann ab und geht. Ich schaue ihm noch kurz hinterher, und schlüpfe dann auch aus der Halle, in der die Luft jetzt schon verbraucht und nach Schweiß riecht. Mittlerweile ist kaum noch wer in der Umkleide.
Die Leute schauen mich ein bisschen misstrauisch an – als hätte ich was angestellt. Ich glaube, ich bin auch ein bisschen blass.
Aber niemand fragt nach. Das hatte ich erwartet. Die bilden sich lieber alle selber ihre Meinung als dass sie die Wahrheit in Erfahrung bringen. Ob welche von denen gelauscht haben? Ich ziehe missmutig die Nase hoch und stapfe mit der Umhängetasche über der Schulter quer durch den Raum und daraus hinaus.

Langsam bekomme ich so richtig Hunger. Und die durchdringende Geräuschkulisse aus den oberen Stockwerken verheißt, dass die Pause angebrochen ist. Mensch, bin ich froh, dass die ganzen Leute aus der Mittel- und Unterstufe nicht mit hier sind.
Als ich dann hochgehe und mich umsehe, scheinen die Altersunterschiede ungefähr von 15 bis höchstens 19 zu schwanken, aber die Typen und Ausprägungen sind trotzdem weit vielfältiger.
Manche sehen wie 13 aus, ein Großteil wie 17 oder 18. Es gibt kein Gerenne auf den Gängen mehr, aber man muss sich durch angestammten Grüppchen hindurchzwängen wie früher und bekommt dafür den Ellbogen in den Rücken.

Am Pausenverkauf ist eine elendig lange Schlange. Während ich mich anstelle, krame ich den Stundenplan noch einmal heraus und überprüfe, ob ich die nächste Stunde und den Raum noch richtig im Kopf hatte.
Englisch, verdammt. Fremdsprachen sind nicht so meine Stärke. Vielleicht muss ich Sabine wieder bitten, mit mir zu üben. Dadurch bin ich zumindest ganz gut durch die letzten mündlichen Prüfungen geschlittert.

Am Stand hole ich mir ein Wurstbrötchen und am Automaten noch ein paar Smarties zum Knabbern, dann mache ich mich erstmals auf die Suche nach meinem Spind. Die der Freshmen sind in einem extra Flügel und auf dem Weg dorthin bekomme ich auch meinen ersten Eindruck vom Pausenhof.
Dahinter kann ich tatsächlich ein paar Autos glänzen sehen, also ist da der Parkplatz. Draußen scharen sich nochmal genauso viele Leute, obwohl gefühlt mehr drinnen sind, bei den Temperaturen.

Zum Glück dürfen wir uns im gesamten Schulgebäude frei bewegen – zumindest soweit ich das sehe. Vielleicht dürfen wir nicht hoch oder in den Keller … jedenfalls werde ich von keinem Lehrer aufgehalten, als ich mich im Gebäude vorwärtsarbeite und die Spindnummern überprüfe.
589 ist meiner und ich bin froh, dass es keine quadratischen Schließfächer sind, sondern längliche. So komme ich wenigstens an sie heran. In der Mittelstufe musste ich mir schon mal einen neuen beantragen, weil ich einfach an das Fach nicht herankam. Und damals war das noch etwas unheimlich Peinliches für mich.

Ich teste also meine neue Kombination, wie viel Platz mir darin zur Verfügung steht und nicke alles zu meiner Zufriedenheit ab. Sobald ich die Bücher hab, werde ich die wohl darin lagern, aber gerade ist meine Tasche leicht genug und sowieso nur mit dem nötigsten gefüllt.
Dann suche ich das neue Klassenzimmer und mit der Klingel zum Pausenende finde ich es auch. Ein paar sitzen schon davor. Ein oder zwei glaube ich vom Sport wiederzuerkennen.

Die Stunden stellen sich als völlige Zeitverschwendung heraus. Neunzig Minuten Vorstellungsrunde auf Englisch, neunzig Minuten Fragestunde an die Lehrerin, Pryce, die sich als absolute Nervensäge herausstellt. Ich sitze einfach ganz hinten im Raum und versuche unauffällig zu bleiben, während ich meine letzten Brocken Englisch hervorkrame.
Das danach ist gleich noch viel schlimmer – denn wir haben Mathe und Mr. Guerrera ist ein sehr aufbrausender Typ, der gleich zu Beginn seiner Ansprache klarmacht, dass er uns solange drillen wird, bis wir die Aufgaben kapieren.

An sich ist das ja etwas Gutes, aber es klingt ein klein wenig aggressiv und auch ein klein wenig einschüchternd.

Bei ihm kriegen wir einen Überblick über die Inhalte des Semesters und ich will jetzt schon die Hände über dem Kopf zusammenschlagen bei den ganzen Differentialquotienten, Logarithmen und gebrochen-rationalen Funktionen.
Da mach ich den ganzen Scheiß schon drei Jahre länger als alle anderen und trotzdem kapier ich es nicht. Ich bin jetzt nicht weltbewegend schlecht und gefährdet, aber ich hänge immer irgendwo im unteren Mittelfeld und es geht mir genauso auf den Geist wie meinem Dad vermutlich auch, der sich immer erhofft hat, dass ich ein kluger, naturwissenschaftlicher Kopf werde.

Bis um eins bin ich dann völlig ausgelaugt, so als hätte ich nie einen Tag Ferien gehabt. Mit Kopfschmerzen trotte ich aus dem Zimmer und beschließe, mir unten im Dorf was zum Lunch kaufen zu gehen.
Das ist meistens teurer als die Caféteria, aber ich will vermeiden, dass mich einer von den anderen Neulingen anspricht. Und ich will mich belohnen, dafür, dass ich den ersten Tag hinter mich gebracht habe, ohne mich umbringen zu wollen.

Sagen wir es so – es könnte schlimmer sein. Der Pausenhof scheint der beliebtere Aufenthaltsort zu sein und auch die meisten Schüler gehen von da aus vom Hügel runter, aber ich entscheide mich dennoch für den Haupteingang, durch den ich auch heute Morgen schon reingekommen bin. Je weniger Leute, desto besser.

Frische Luft zu schnappen tut gut. Und es ist auch nicht mehr so grausam kalt wie noch heute morgen. Die Luft ist jetzt feucht und es nieselt leicht, aber das kühlt meinen rauchenden Kopf zum Glück.
Ich schlendere den Weg runter und spanne mich erst wieder an, als ich hinter mir eine Gruppe lachender Zwölftklässler höre.
Ein hastiger Blick hinter mich und ich erkenne ein paar von den Kids, die morgens draußen beim Rauchen standen. An sich wäre das ja nichts Schlimmes, aber ein mittlerweile antrainierter Instinkt sagt mir, dass die es auf mich abgesehen haben.

Ich streiche mir unwohl durchs Haar und dann die Kapuze über und stelle fest, dass sie die Geste als Gag in ihrer Gruppe nachäffen. Sag ich doch – ich ziehe Ärger an wie ein Magnet.
Ich beschleunige meine Schritte etwas und hoffe, sie abhängen zu können. Es darf bloß nicht wie rennen aussehen, dann verfolgen sie mich sofort.
Angst zeigen ist ein K.O.-Kriterium.

Erzwungenermaßen ruhig verfolge ich den Weg den ganzen Hügel runter. Gerade als ich bei den Metallpfosten bin, die als Straßensperre dienen, rufen sie mir hinterher.

„Hey, Frischling!“

Ich zwinge mich, stehenzubleiben. Rennen hat mich schon zu oft in Schwierigkeiten gebracht. Von hinten kracht mir einer in den Rücken, der das letzte Stück zu mir gesprintet sein muss. Während er mich zu Boden rempelt, lachen seine Kumpane hinter ihm in ein paar Meter Entfernung.

Ich krache hart auf die Knie und schürfe mir die Hände auf, als ich mich abfange und abrolle.

„Oh Entschuldigung – hast du dir etwa wehgetan?“, höhnt der Rempler und kickt mir die Tasche weg.

Einen Moment lang lasse ich den beißenden Schmerz in meinen Unterarmen und den Beinen zu und auch die Tränen, die mir siedend heiß in die Augen steigen. Ich will das nicht wieder. Ich will nicht wieder schwach sein.
Auch wenn mich meine Mutter zu genügend Selbstverteidigungskursen geschleppt hat, ist mein Kopf jetzt trotzdem wie leergefegt. Den ersten Schubser abwarten – dem zweiten ausweichen …? Aber der hier hat mich nicht geschubst.
Er ist mir in den Rücken gefallen, wortwörtlich.

Die Schläger rotten sich jetzt um mich zusammen und ich sehe nur ihre Turnschuhe und habe Angst, dass sie mir damit auf die Finger treten und sie brechen.
Keuchend versuche ich mich aufzurappeln, aber sie deuten bereits an, mich wieder niederzutreten, wenn ich hochkommen wollte. Verzweifelt werfe ich einen Blick die Straße runter, auf der meine Mum heute Morgen verschwunden ist.
Kann da nicht irgendeine Frau mit Kinderwagen langlaufen und die Kids zurechtweisen? Die können nicht älter sein als ich. Vielleicht bin ich sogar immer noch älter.

Es ist kein einziger Passant unterwegs.

Das kann doch wohl nicht wahr sein.

„Einem Neuling wie dir sollte man Manieren beibringen, oder? Ganz im Ernst, wolltest du dich verstecken als du hinten raus bist?“, ziehen sie mich auf und ich will mich nur noch zusammenrollen und im Boden versinken. Oder vielleicht auch ausschlagen und sie alle anfallen. Sodass sie zumindest einen Kratzer davontragen. Oder ein blaues Auge.

„Sag schon, huh?!“ Man stößt mich mit der Schuhspitze an. Nicht fest, aber auch nicht so zaghaft, als würden sie sich nicht trauen, mehr zu versuchen.

Ich antworte immer noch nicht. Man darf ihr Spiel nicht mitspielen ist das, was einem alle Vertrauenslehrer und Psychologen immer sagen.

Einer spuckt auf mich und ich hoffe, dass es auf die Jacke gegangen ist.

„Feigling.“

„Schwuchtel.“

„Hurensohn.“

Richtig bei zwei von dreien – wenn ich Glück habe.

„Ey!“, schreit jemand mit fester Stimme über eine gewisse Distanz zu uns herüber, „Legt euch gefälligst mit einem in eurer Größe an!“

Die Schläger sehen sich um und ihr dümmliches Lachen verstirbt, als sie denjenigen entdecken. Während ich die Hände schützend über dem Kopf halte, beginnen die Kids unruhig zu werden. Sie sind gespannt wie Federn und bereit, wegzuspringen.

„Los, lass uns abhauen.“

„Das isses nich wert!“, apellieren die Mitläufer und ihr Anführer scheint wortlos zuzustimmen.

Dann rennen sie, wieder hoch zur Schule.
Ungläubig sehe ich mich nach ihnen um. Sie drehen sich noch nicht mal um. Und rennen wie der Wind. Sollte ich mir daran vielleicht ein Beispiel nehmen?

Schniefend klammere ich mich an meine Tasche und wische die Hände voller Steinchen und Dreck ab. Sie bluten ein bisschen und meine Hose hat ein Loch. Das Knie ist auch aufgeschürft. Es brennt höllisch und ich zupfe auch davon ein wenig von dem Schotter.
Wenigstens hat es nicht geregnet. Wenigstens ist es nicht nass. Erleichtert und mutlos zugleich atme ich auf und höre den Mann, der mich gerettet hat und jetzt näherkommt.

Aber es klingt auf Anhieb seltsam.

Es ist nicht das Tapp-Tapp von gewöhnlichen Schritten, sondern ein Tock-Tapp-Tapp, Tock-Tapp-Tapp.

Das klingt wie ein Gehstock. Mich hat doch nicht etwa ein Rentner gerettet, oder? So klang seine Stimme aber nicht.
Mutlos hieve ich mich auf die Knie und dann hoch.

„Hier, nimm meine Hand, Junge.“

Er ist schnell. Und sein Tock-Tapp-Tapp so nahe, dass ich ihm auf die Stiefel schauen kann.

Ohne hochzusehen ergreife ich einen starken, muskulösen Arm und lasse mich hochziehen.

„Alles okay bei dir?“, will er wissen und ich reiße die Augen auf, als ich ihm ins Gesicht sehe.

Fast glaube ich, es ist noch schlimmer als bei Jarrus. Jarrus sah wenigstens noch wie ein normaler Mensch aus.

Der hier – der hier hat Tattoos die ganzen Oberarme hoch. Und dann den Kragen hoch und am Hals und überall im Gesicht. Und er hat eine Glatze und sogar an seinem Kopf setzen sich die Tribals fort. Sein kompletter Hinterkopf ist ein Blackwork. Sind das da tätowierte Hörner auf seiner Stirn?

Kein Wunder, dass die Kids die Flucht ergriffen haben.

Der Fremde geht ein Stück vornübergebeugt und heftig auf eine Krücke gelehnt, die aber schon halb wie ein Gehstock aussieht. Sie hat jedenfalls keinen Gummifuß, sondern macht ein schweres und massives Geräusch. Daher das Tock.

Mit der übergeworfenen Lederjacke vermittelt er einen ganz eigenwilligen und komischen Charme. Alt und gebrechlich wegen des Stocks irgendwie, aber wie der alte und gebrechliche Kopf einer Motorradgang oder so.

Und seine Krücke verleiht ihm etwas Stilvolles. Als würde er im nächsten Moment aus dem verzierten Knauf einen Dolch hervorziehen.
Meine nächste Einschätzung ist, dass ich absolut keine Aussage über sein Alter machen kann. Er ist definitiv nicht mehr in den Dreißigern und seine Wangenknochen sind sehr ausgeprägt und seine Nase spitz, aber abgesehen davon hat er nicht viele Falten – vielleicht verdecken die Tattoos sie auch oder lenken davon ab. Und durch die fehlenden Haare, die hier weder ergraut oder komplett weiß sind, bleibt noch viel mehr ein Orientierungssinn aus.
Noch dazu hat er einen ausgesprochen breiten Oberkörper und durchtrainierte Arme, also macht er viel Krafttraining. Der ist garantiert noch kein Rentner.

Seine wachen Bernsteinaugen versuchen Zugang zu meinen zu finden.
Ich habe ihm noch nicht geantwortet, oder?

Peinlich berührt blinzle ich und sehe weg, klopfe mir den Staub von der Hose. Das tut meinem Knie wieder weh.
„Geht schon“, murre ich abwehrend und hänge mir die Tasche wieder um. So langsam, nachdem der Schock verfliegt, kommen die Tränen wieder. Die Emotionalität. Es ist super unangenehm vor einem Fremden zu heulen. Jarrus gestern war ja wenigstens blind.

Was ist mit dem hier? Hat er sich das Bein gebrochen oder ist er schon senil? … Was hat denn dieses Viertel hier für eine Invalidenrate?!

„In der Schule bringen sie einem einfach keine Manieren mehr bei“, knurrt er und bleckt die Zähne, während er den Kids den Hügel hoch hinterherschaut. Ich folge seinem Blick und stelle fest, dass sie oben in sicherer Entfernung lauern. Er droht ihnen mit seinem Stock, obwohl er dadurch ganz schön wankt.

„Willst du kurz mit reinkommen? Ich hab Pflaster da und du kannst dir die Hände waschen“, bietet er mir an.

„Pff, nein danke“, mache ich lässig, obwohl mir alle Alarmglocken schrillen – geh ja nicht mit Fremden mit. Halt dich fern von Leuten, die zwielichtig aussehen. Er sieht zwielichtig aus. Zwielichtig und leicht episch, aber definitiv nicht vertrauenswürdig. Was meint er überhaupt – kurz mit reinkommen?

Ich sehe mich in die Richtung um, aus der er gekommen ist. Interessanterweise kommt er genau von dem Haus, das ich heute morgen inspiziert habe. Das mit dem braun gebrannten Rasen und den zugezogenen Jalousien. Jetzt sind die offen, aber die Fenster sehen trotzdem irgendwie trüb und verschlafen aus. Die Tür zur Veranda steht offen.

Er wartet, bis ich mich abwende und den ersten Schritt von ihm wegmache, bis er bemerkt:

„Die werden dich nicht in Ruhe lassen, das ist dir klar oder? Wenn du jetzt weggehst, folgen sie dir und schlagen dich in der nächsten Gasse zusammen. Schon klar, wenn du das willst … Also … naja - zu mir rein trauen die sich bestimmt nicht, das kannst du mir glauben.“

Ich schnaufe angestrengt und werfe einen schüchternen Blick hoch zu denen. Sie hocken auf der Straße als wäre es das unauffälligste auf der Welt und starren wie Geier. Oder Hyänen. Alleine bin ich zu schwach, um sie abzuwehren.

„Meinetwegen“, gebe ich nach und fühle mich, als würde ich einen Pakt mit dem Teufel schließen.

Ich hab noch eine Dreiviertelstunde, bis die Mittagspause vorbei ist und ich wieder zu Deutsch zurück in der Schule sein muss. Bis dahin haben die ja wohl das Interesse verloren, oder?
Und bis dahin bemerkt auch irgendwer in der Schule, dass ich nicht zum Unterricht auftauche, falls der Kerl mich hier doch umlegen oder in seinem Keller einsperren will.
Wenn ich Glück habe, holt mich meine Mum auch genau hier wieder ab und dann hört sie meine erstickten Schreie von drinnen. Es kann ja nur gutgehen. Missmutig ziehe ich mein Handy heraus, stelle fest, dass es einen Sprung hat und sonst noch funktioniert.

„Okay, dann aber Beeilung – ich habe Nudeln auf dem Herd“, kündigt er grinsend an und hinkt eilig und unregelmäßig in Richtung seines Hauses. Er stapft über den Rasen, ich über die gepflasterte Einfahrt.
Das Laufen scheint ihm Schmerzen zu bereiten, jedenfalls unterdrückt er ein leises Ächzen, als er die Treppen hochsteigt. Ich weiß nicht, ob ich ihm helfen soll. Ich fühle mich ganz komisch und fehl am Platz.
Drinnen riecht es heftig nach Zigaretten. Und nach Nudeln.

„Shit!“, flucht er, als irgendwo Wasser überkocht. Ich schließe die Haustür hinter mir und es ist schlagartig dunkler, als kein Tageslicht mehr hereinkommt. Von der Tür aus öffnet sich zu meiner Linken ein Wohnzimmer mit Couch und laufendem Fernseher.
Auf dem Tischchen davor stapeln sich Coladosen. Und rechts trennt eine nicht komplett durchgezogene Wand die Küche von dem Wohnbereich ab, in der der Mann gerade versucht, den Herd wieder unter Kontrolle zu bringen.
Die Gehhilfe an den Tresen gelehnt hantiert er mit dem Topf und dem darin überkochenden, heißen Wasser. Es zischt, als er mit einem feuchten Lappen darüberwischt und das Fenster aufreißt.
Ich mache einen Schritt auf ihn zu, um herauslinsen zu können. Man kann genau auf die Straße schauen. Deshalb hat er uns also bemerkt.

Nett von ihm.

Erleichtert seufzend rückt er den Topf wieder grade und rührt darin herum. In einer Pfanne köchelt Tomatensoße mit einem Schuss Sahne kontrolliert vor sich hin.
Dann tastet er ohne hinzusehen nach dem Knauf für die Temperaturregelung und stellt die beiden Platten wohl auf Sparflamme.
Erst dann dreht er sich zu mir um und sieht dabei so aus, als würde er lässig an der Küchenzeile lehnen.

Das Essen riecht ganz gut, obwohl ich mich an den strengen Eigengeruch des Hauses noch gewöhnen muss.

„Willst du ins Bad? Du kannst dich auch kurz auf die Couch setzen, dann bring ich dir die Pflaster. Gebrochen ist aber nichts, oder?“
Ich schüttele den Kopf und steuere das Wohnzimmer an.

„B-brauchen Sie Hilfe damit?“, will ich wissen und zeige auf den Herd. Zum Glück, sonst hätte mich meine Mum wieder unhöflich genannt, würde ich ihr davon erzählen. Mache ich aber bestimmt nicht. Weil sie mich dann garantiert auch unverantwortlich und leichtsinnig nennt, wenn ich ihr erzähle, dass ich mit einem tätowierten Rentner in dessen Haus gegangen bin.

Er hat die Tür offengelassen, fällt mir ein. Er hat nicht abgeschlossen. Das ist gut, damit fühle ich mich sicher. Und so, als könnte ich jeden Moment gehen.

„Das passt schon so. Willst du was abhaben? Ihr Kids habt grade Mittagspause, oder?“

„Mhm“, mache ich und frage mich, wie das so ist, wenn man eine Schule so direkt vor der Nase hat. Ob das nicht nervt? Gleichzeitig schaltet sich mein Hungergefühl wieder ein. Unauffällig drücke ich mir die Hände auf den Bauch und hoffe, dass er das spontane Magenknurren nicht gehört hat.

„Ich bin zwar nicht der beste Koch und …“, einen Moment lang scheint er seine Aussage zu bedenken und überlegt sich dreimal, wie er seinen Satz beenden will, „… naja, wenn du willst, kannst du dir auch nur ein Snickers aus dem Kühlschrank nehmen. Genau da. Aber raub mich ja nicht aus. Und Finger weg vom Alkohol.“

Sein Ton ist fast meckernd und er hat den Zeigefinger mahnend erhoben.

„War’n Witz – ich hab sowieso keinen Alk da.“

Dann nimmt er sich wieder den Gehstock und schleppt sich ins Bad.

Tock-Schlurf. Tock-Schlurf.

Ich warte, bis er hinten in einem Flur verschwindet und überprüfe dann nochmal den Herd – wer weiß, vielleicht ist er ja doch dement und fackelt gerade unwissentlich die Bude ab. Aber alle Platten stehen auf Eins und die Nudeln köcheln jetzt nur noch ganz sachte vor sich hin.
Ich will mir von dem alten Kerl kein Essen schnorren. Aber es sieht lecker aus. Und ich hab Hunger auf Nudeln. Es ist eine warme Mahlzeit.

Also sehe ich mich nach Regalen um, finde sie hinter mir auf Kopfhöhe und suche leise und vorsichtig nach Tellern. Er hat ein Set für vier und die untersten sind angeschlagen. Vermutlich benutzt er nur einen oder zwei höchstens, wenn er alleine lebt.
Ob er alleine wohnt? Zumindest sieht hier alles nach einem Einzelgängerleben aus. Ich kann mir hier keine Ehepartnerin oder eine Freundin vorstellen.
... Es sei denn er ist schwul und hat jemanden, der genauso verschlampt ist wie er. Die Idee beunruhigt mich dann wieder. Dass jeden Moment ein bärtiger Metalhead mit Bierbauch vor mir stehen könnte.

Was würde der machen, wenn er mich hier entdeckt, ohne dass mein Gastgeber mich erwähnt hat? Denkt er dann, ich bin ein Einbrecher? Naja, blöd, mit Tellern in der Hand. Ich wollte ihm sein Essen klauen, haha.
… Vielleicht hält er mich für eine Affäre. Eine sehr junge Affäre. Gott, dann wäre das an Peinlichkeit nicht mehr zu überbieten. Ich halte mir den Fluchtweg zur Veranda frei, bis ich weiß, ob mir wirklich Gefahr droht.

Solange versuche ich möglichst kein Geräusch zu erzeugen, während ich das Geschirr herausziehe, die Schubladen durchsuche und schließlich in einem Besteckkasten fündig werde. Es ist nicht vollgestopft. Alles ist ganz minimalistisch und sparsam eingerichtet.
Nie im Leben lebt der in einer Beziehung.
Ich putze Löffel und Gabel kurz mit Wasser und einem Küchentuch wieder auf Hochglanz, bevor ich beides auf die Küchenablage stelle und die Nudeln mit einem bereitgelegten Sieb abgieße. Das dampft und zischt, weil der Topf schwer ist und ich nicht gut kontrollieren kann, wie viel herausläuft.
Die Zunge zwischen den Zähnen und ein Auge zugekniffen schaffe ich es, keine einzige Nudel im Abfluss zu verlieren. Der Kerl muss ja echt Kohldampf haben, wenn er sich so eine Wagenladung Makkaroni gemacht hat.

Oder er ist doch nicht allein, wispern meine unterbewussten Zweifel und ich verscheuche sie, indem ich den Topf konzentriert in Sicherheit stelle und die Nudeln großzügig auf den Tellern verteile.
Ich mache beide mittelmäßig voll, wenn auch bei meinem etwas weniger. Wirklich, ich will nicht so rüberkommen, als würde ich ihm die Haare vom Kopf fressen.

Stattdessen krame ich wieder im Besteckkasten nach einer Kelle und löffele Tomatensoße heraus. Mitten in der Bewegung halte ich inne und probiere mit dem Löffel, der schon darin war.
Ein bisschen Salz fehlt.
Und vielleicht etwas Zitrone. Unauffällig krame ich nach Salzstreuer und sehe mich im Kühlschrank nach Zitrone oder etwas Konzentrat um. Er hat sogar eine angeschnittene Zitrone in einem der Fächer und so erlaube ich es mir, die Soße abzuschmecken, bis sie schön ausgewogen würzig ist.

Dann erst fahre ich fort und teile weiter auf die Teller auf.

„Sorry, hat etwas länger gedauert, die hier werden wohl reichen, oder – oh…“

Mein tätowierter Retter steht mit ehrlicher Überraschung im Gesicht im Flur vor der Küche und bestaunt ganz verwundert mein Tun. Ich ziehe mich von der Arbeitsfläche zurück und rücke schnell alles wieder grade, was mir noch auffällt. Dann zucke ich die Achseln.

„I-ich wusste nicht, o-ob …“

Etwas unwohl druckse ich herum und steige mir dabei selbst auf die Füße.

Er kommt langsam und irgendwie ungläubig näher, nimmt den Löffel, der jetzt neben der Pfanne liegt und probiert selbst von der Soße.

Kostet ausgiebig, zieht nachdenklich die Brauen zusammen und sagt dann:

„Du hast sie abgeschmeckt.“

Ich weiß nicht ganz, ob ich es als Frage verstehen soll.

„Mhm“, mache ich nervös und reibe mir vor der Brust die Hände. Ist vermutlich so ein unterbewusstes Abwehrding. Nicht zu wissen, wie genau er jetzt reagiert, macht mir irgendwie Angst. Hätte ich das nicht tun sollen? Ich hab mir da zu viel erlaubt, ich seh’s ja ein. Was fällt mir auch ein – wühle einfach so in Küchenschränken fremder Leute herum.

In einem Sekundenbruchteil hebt er die Augenbrauen und strahlt mich stolz an.

„Schmeckt toll, ich krieg das nie so hin! Was hast du dran gemacht?“

Perplex räuspere ich mich, während er beide Teller aufnimmt und mich zur Couch führt. Gerade scheint er die Krücke nicht zu brauchen. Er läuft zwar langsam und etwas gebückt, aber es scheint ihm nicht wehzutun. Vielleicht ist es vom Stress abhängig. Oder von der Anstrengung und Ausdauer, mit der er sich bewegt.

„Nur etwas S-Salz“, stottere ich herum und sehe zu, wie er einen Teller abstellt, einhändig zwei Dosen aufnimmt und den anderen Teller an deren Stelle setzt. Ein Schwung mit dem Arm und er hat den restlichen Stapel Coladosen auch noch eingesackt.

„U-und Zitrone“, hänge ich an.

Er drückt mir eine Packung mit Heftpflastern in die Hand und weist auf die Couch. Die sieht gemütlich aus. Gar nicht so verranzt wie ich anfangs angenommen hatte. Es sind keine seltsamen Flecken drauf oder Tierhaare und auch kein Staub oder Flusen. Gemütlich, eben.

„Wie heißt’n du eigentlich?“, will er aus der Küche wissen und öffnet den Kühlschrank.

„E-ezra“, erkläre ich ihm und finde es komisch, dass ich auf einmal zu so einer verbalen Zitterpartie geworden bin. Ich kann immer noch nicht ganz einordnen, wieso er jetzt so handelt. Oder reagiert. Ob er gerade wütend war, als er mich in der Küche gesehen hat. Eigentlich nicht. Sein Gesichtsausdruck hat dagegengesprochen.

„Ezra also, mhm. Magst du was trinken? Wasser? Oder eher Cola?“

„Passt“, rufe ich zurück und setze mich ganz zögerlich hin. Ich meinte die Cola und hoffe, er versteht das auch so. Gerade kommt mir eben einfach nicht mehr über die Lippen als „Passt“. Mir ist immer noch unwohl. Besetze ich grade seinen Platz? Oder den eines Liebhabers? Bin ich hier überhaupt erwünscht?

Mit zwei Coladosen kehrt er ins Wohnzimmer zurück, stellt sie vor uns ab, geht um mich und den Couchtisch herum und setzt sich dann rechts von mir hin.

„Welche Kurzform bevorzugst du? Ezzie? Oder Ez?“

Ich schnaube.

„Ez sagt nur meine Mum.“

„Und dein Dad?“

„Ezra.“

„Ist ein hübscher Name. Ungewöhnlich.“

„Ich mag ihn nicht. Es könnte ein Mädchenname sein. Ist doch bescheuert. So wie … Leslie.“

Er muss lachen.

„Leslie ist definitiv ein Mädchenname.“

„Von wegen!“, entgegne ich, „In Evil Within war Leslie ein Kerl.“

Er reibt sich übers Kinn und scheint sich etwas in Erinnerung rufen zu wollen.

„Mhh, du hast Recht, da war was. Na dann: sag niemals nie, Ezzie-Leslie.“

Es dauert einen Moment, bis es in meinem Hirn Klick macht.

„M-moment – Sie spielen Videospiele?“, bringe ich kichernd heraus.

„Klar!“, gibt er empört zurück und stemmt die Hände in die Hüften, „und bitte, du kannst mich duzen.“

Als er meinen überraschten Blick sieht, keckert er nur fröhlich vor sich hin und streckt die Finger nach dem Essen aus.

Ihm scheint das Wasser im Mund zusammenzulaufen, jedenfalls reibt er sich erwartungsvoll die Hände und setzt sich den dampfenden Teller auf die Knie.
Bei mir setzt das Unwohlsein wieder ein und ich warte noch einen Moment ab, bis ich es ihm gleichtue und mein Besteck rastlos in den Nudeln drehe.

„W-Wohnst du hier allein?“, hebe ich zaghaft an und räuspere mich sofort danach. Meine Stimme klingt ganz schwach und viel zu leise. Ganz mädchenhaft, möchte ich fast sagen. Und jetzt duze ich ihn tatsächlich auf einmal.
Er hält inne und hat wieder sein Nachdenk-Gesicht aufgesetzt. Mittlerweile gewöhne ich mich beinahe an den Anblick der Tattoos und wie sie den Ausdruck seiner Miene immer ins Extreme zerren.

„Jep. Wieso fragst du?“

Erstmal fällt mir ein ganz riesiger Felsklumpen vom Herzen. Puh. Dann bin ich also doch nicht in so akuter Gefahr wie ich dachte.
Also habe ich wieder Schiss, dass er mich entführen will. Dabei hab ich ja das Essen gemacht und er hatte gar keine Chance, Gift hineinzumischen.
Mal davon abgesehen, dass er derjenige ist, der gerade die Nudeln gabelweise in sich hineinschlingt.

Ich zucke wieder mit den Achseln und mich durchläuft ein Schauer.
„Keine Ahnung. Ich hatte nur Angst … was wäre, wenn mich hier jemand bei dir gesehen hätte.“

Wieder wartet er für eine Sekunde ab. Dann hellt sich seine Miene wieder auf.
„Na aber hallo – du kleiner Fratz könntest doch niemandem zur Bedrohung werden!“, ruft er aus und rubbelt mir kameradschaftlich über den Kopf und die Haare. Mit halbem Lächeln lasse ich es über mich ergehen, ansonsten klopft mein Herz so laut, dass ich glaube, es übertönt fast sein ausgelassenes Lachen.

„Oder zur Konkurrenz“, hängt er glucksend an. Ich hebe anerkennend die Augenbrauen. Er hat also auch daran gedacht, mh? Naja, wie oft kommt es schon vor, dass Kids wie ich bei so alten Kerlen wie ihm zu Besuch sind?

„Alles gut, Ezra, wirklich. Trink deine Cola, iss deine Makkaroni. Hast du toll gemacht, übrigens. Bock auf eine Folge Simpsons?“

Ich nicke.
„Klingt gut.“

Mit etwas mehr Mut nehme ich meine Gabel wieder auf und schiebe mir den ersten Bissen in den Mund. Schmeckt gut. Und es ist warm und eine gehaltvolle Mahlzeit.

Er klaubt ganz unauffällig eine Fernbedienung aus der Sofaritze und schaltet den Fernseher an. Eine DVD von den Simpsons ist eingelegt und er lässt mich im Menü eine Folge aussuchen. Klar kenne ich die alle schon, aber es ist nett, einfach etwas Unterhaltung nebenbei zu haben.
Er legt die Beine hoch und wir lümmeln nebeneinander. Das Ende der Folge ist ein ganz gutes Zeitmaß, denn dann weiß ich, dass eine halbe Stunde um ist und da ich vermutlich schon eine ganze Weile dumm herumstand ist die andere Hälfte der Mittagspause auch schon rum. Ein Blick auf mein kaputtes Handydisplay bestätigt das.

Als ich anhebe, um mich zu verabschieden, richtet er sich mit etwas auf, das fast einem Hundeblick gleicht und zieht die Packung Pflaster hervor, die irgendwo zwischen uns gefallen ist.

„Ich hab dich noch gar nicht verarztet!“, ruft er aus und ich schüttele grinsend den Kopf.

„Tut doch gar nicht mehr weh“, beharre ich.

„Na jetzt komm aber“, widerspricht er rhetorisch, „jetzt ist das schon der Vorwand, unter dem ich dich hierhergelockt habe, dann lass mich wenigstens das auch noch machen. Sonst fragen die Leute wirklich noch, was du bei mir die ganze Zeit gemacht hast.“

Ich unterdrücke ein Kichern. Der schräge Humor der Simpsons und die Dreiviertelstunde zusammen haben mich seltsam aufgelockert.

„Meinetwegen.“

Ich strecke ihm meine Hände entgegen, die an den Fingerknöcheln ein wenig aufgeschürft sind. Sie bluten mittlerweile nicht mehr, aber ein Grind wird es trotzdem geben.
Fachmännisch reißt er die Packung auf, holt ein paar Zuschnitte heraus und pappt mir drei Streifen mehr oder weniger deckend auf die Wunden.

„Noch irgendwo?“, will er wissen und zieht das nächste heraus. Ich ziehe das Bein hoch und zeige ihm die zerrissene Hose und das Knie.

„Krempel mal hoch“, weist er mich an und ich lasse ihn sich die Verletzung wie einen Profiarzt ansehen.

„Glück gehabt“, urteilt er schließlich und klebt auch die Stelle mit einem besonders großen Exemplar aus seiner Schachtel ab.

„Hätte schlimmer sein können“, murmele ich zustimmend und bin insgeheim trotzdem froh, dass er das gemacht hat. Meine Eltern hätten sich nie im Leben so um mich gekümmert. Vermutlich hätten sie es noch nicht mal bemerkt. Lächerlich. Ihm ist es dagegen schon aufgefallen.

„Tut mir echt leid, dass diese Mistkerle dich so angeekelt haben. Denen geht’s auch nur richtig dreckig daheim. Nimm nächstes Mal den Ausgang beim Pausenhof, dann siehst du sie nicht wieder.“

Ich horche auf. War er schonmal in der Schule? Als Elternteil vielleicht?

„Woher wissen Sie von dem Pausenhof auf der anderen Seite?“, will ich misstrauisch wissen. Er zuckt zusammen, als hätte ich ihn gerade bei einem Bankraub ertappt.

„Ehm … also …“ Er drückt die halbvolle Coladose auf seinen Schenkeln abgestellt zusammen und spielt am Verschluss herum.
Wieso druckst er damit so herum? Was kann denn schon so schlimm sein dass –

„Also es kann sein, dass ich“, Räuspern, „vielleicht mal Lehrer war – da oben, auf dem Hügel.“

Ich lege den Kopf schief und verstehe nur Bahnhof. Ganz langsam setzt sich in meinem Kopf ein Bild der Ereignisse zusammen und endlich finde ich damit auch einen Grund, weshalb die Schlägertypen so eine Heidenangst vor ihm hatten. Und ich nicht.

„Also sind Sie der – d-d-der Kerl, der“ Ich schlucke, „Rausgeworfen wurde?“

Er neigt den Kopf und zuckt mit den Achseln.

„Sie sind Maul“, begreife ich und springe fast augenblicklich von der Couch auf.

„Neinneinnein – bitte, jetzt renn doch nicht weg! Ich bin nicht so, wie du es vermutlich gehört hast!“

„Gemeingefährlich“, bringe ich stocksteif heraus, „u-und wahnsinnig und unberechenbar.“

„Genau das! Das sind alles nur dreckige Lügen! Ich meine ja, ich hab Scheiße angestellt, aber ich würde doch niemals jemandem wehtun! Ich könnte doch niemals meinen eigenen Schülern wehtun!“, beharrt er und es klingt so ehrlich, als wäre das das erste Mal, dass er sich vor jemandem für seine Taten rechtfertigen und verteidigen könnte.

Ich schnaube abschätzig und versuche mir einzureden, dass es die letzte Dreiviertelstunde nicht gegeben hat. Und dass ich jetzt abhauen sollte, bevor mir wirklich noch schlimme Dinge passieren.

„I-ich muss jetzt gehen“, beschließe ich und nehme meine Tasche wieder auf, die ich neben dem Sofa abgelegt habe. Innerlich bin ich noch ganz zerrissen, weil mein Kopf versucht, das Bild, das ich von ihm im Kopf hatte mit dem in Einklang zu bringen, was ich vorhin erlebt habe.

„Ezra, bitte!“

Er rappelt sich ebenfalls auf, hat aber wesentlich mehr Schwierigkeiten damit. Er stößt meine leere Coladose um,  fegt sie klappernd vom Tisch, rammt gegen die Tischplatte, dass die Teller klirren und reibt sich dann fluchend das Bein.
Ich nutze den Vorsprung und ergreife die Flucht – weiche langsam rückwärts zur Tür zurück, reiße sie auf und renne dann raus.

„Ezra, warte!“, ruft er mir hinterher und ächzt wieder schmerzerfüllt, als er versucht, mir hinterherzuhinken. Als ich schon wieder draußen auf der Straße bin, zieht er die Tür wieder auf und hängt verzweifelt am Türgriff.
Hechtet dann stolpernd vor bis zum Verandageländer und streckt die Hand nach mir aus. Unwirsch wende ich mich von ihm ab und renne den Berg hoch, weil ich weiß, dass er mir spätestens dahin nicht folgen kann.

„Ezra!“, ruft er mir hinterher, „Ezra!“

Ich drehe mich nicht mehr zu ihm um.

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Hallo und herzlich willkommen zum ersten richtigen Kapitel von "The Crooked Kind"!
Ich hoffe ihr hattet ganz viel Spaß beim Lesen und einen erträglichen Montag x3
Dann geht es hier jetzt noch zum Nachwort!!
Bis zum nächsten Mal, hoffe ich! x3
Lg, renaissanssouci
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