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Vergangene Zukunft

von Adrimeny
CrossoverAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
Old Shatterhand Winnetou
01.01.2019
03.09.2020
21
64.965
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07.05.2019 3.321
 
Ich hielt die Augen geschlossen und mimte weiterhin den Bewusstlosen.

Zunächst drangen die Stimmen und Worte nur undeutlich und verschwommen durch den Nebel von Schmerz und Schwindel an mein Ohr und ich versuchte vergeblich, ihnen einen Sinn zu geben. Wo war ich und was war passiert? Ich versuchte krampfhaft, mich zu erinnern und nach und nach lichtete sich der glutrote Nebel in meinem Kopf etwas und die Erinnerung kehrte zurück. Nur mühsam unterdrückte ich ein qualvolles Stöhnen, als mir einfiel, dass ich ja Winnetou verloren hatte, meinen geliebten Blutsbruder. Und dann hatte dieser cholerische Sioux, Großer Hund, mich mit seinem Messer erwischt, jetzt spürte ich auch wieder den brennenden Schmerz an meinem Hals. Schon wollte ich die Hand ausstrecken, um nachzufühlen, da spürte ich, wie etwas meinen Körper abtastete und hörte eine fremde Stimme, die mir sonorer Stimme in reinstem Oxfordenglisch sagte:

„Der Mann wurde an dieser Stelle vor langer Zeit schon einmal verletzt. Wussten Sie das?“

Der Schwindel in meinem Kopf wurde stärker, die roten Nebel begannen dichter vor meinen geschlossenen Augen zu wabern und die Worte hallten wie ein Echo immer wieder in meinem Kopf nach: Wussten Sie das? Wussten Sie das? Wussten Sie das?

Eine jähe Woge der Übelkeit erfasste mich, als mir klar wurde, dass diese Worte nicht hierher passten! So sprach hier niemand! Und schon gar nicht mit einem Indianer! War ich etwa nicht mehr bei den Sioux? War ich etwa auch verschwunden?

Aber schon erhielt ich die Antwort auf meine stumme Frage, denn nun hörte ich die vertraute Stimme des jungen Schamanen, der antwortete:

„Sein Blutsbruder Winnetou, der nun im Reiche Wakans ist, hat ihn dort vor vielen Jahren verwundet. Diese alte Verletzung wird ihm gerettet haben dieses Mal das Leben. Narben sehr fest in Haut und Muskel, Messer nicht konnte durchdringen. So Winnetou seinen Bruder beschützen, auch wenn er nie mehr kommen zurück.

Du können wecken Old Shatterhand mit Zauberkasten aus tiefer Ohnmacht?“

Mühsam öffnete ich jetzt die Augen. Ich musste einfach SEHEN, was hier vor sich ging, mit Hören kam ich einfach nicht weiter, und blickte geradewegs in die dunklen Augen eines Mannes, der gerade ein schweres Seufzen von sich gab und irgendwie ratlos aussah.

Mein Blick glitt über das Gesicht des Mannes, der ungefähr in meinem Alter stehen mochte und ganz eindeutig ein Angehöriger der roten Rasse war. Aber wie sah dieser Mann aus?!

Über einer hohen Stirn war das sehr kurz geschnittene Haar streng nach hinten gekämmt und er trug die merkwürdigste Kleidung aus dem merkwürdigsten Material, das ich je zu Gesicht bekommen hatte. Über dem linken Auge befand sich eine Tätowierung, deren Muster ich nicht einordnen konnte, in der Hand hielt er ein blinkendes Kästchen, das eigenartige Geräusche von sich gab.

Immer noch waberten die seltsam roten Nebel vor meinem Auge und die Gestalt des Fremden verschwamm. Der Schwindel schien mich wieder zurück in die Bewusstlosigkeit ziehen zu wollen, aber ich stemmte mich mit Gewalt dagegen.

„Wer….wer…sind …..Sie?“

Das Sprechen fiel mir schwer, die Halswunde schmerzte furchtbar und mein Rachen war völlig ausgetrocknet. Zudem fühlte ich mich entsetzlich schwach.

Ohne auf meine Frage einzugehen, antwortete der Fremde:

„Warten Sie, wir helfen Ihnen auf, damit Sie sitzen können. Tahca Ushte wird Ihnen sicher etwas von seinem wunderbaren Kräutertee reichen. Wenn Sie sich dann kräftiger fühlen, werde ich sehen, was ich tun kann, um die Verletzung zu…..äh…..heilen….“

Er will nicht sagen, wer er ist und woher er kommt, fuhr es mir durch den Kopf. Aber ich würde es herausfinden. Mein Winnetou war mir vor meinen Augen entrissen worden und wenn dieser Mann etwas damit zu tun hatte, dann Gnade ihm Gott!

Der Gehilfe des Schamanen schob mir ein paar Felle in den Rücken und Tahca Uhste reichte mir einen tönernen Becher mit dem duftenden Getränk. Zu meiner Rechten stand der Unterhäuptling Weißer Hirsch und betrachtete mit ausdruckloser Miene das Geschehen im Zelt. Von Großer Hund war nichts zu sehen und draußen herrschte, abgesehen von dem fernen Donnergrollen eine tiefe Stille.

Ich nippte an dem heißen Getränk und spürte meine Lebensgeister langsam wieder zurückkehren. Natürlich waren die Schmerzen am Hals immer noch da, aber in langen Jahren und vielen, leidvollen Erfahrungen hatte ich gelernt, Schmerzen zu ertragen und nicht zu beachten.

Tahca Ushte und die anderen Menschen im Zelt warteten geduldig darauf, dass ich die Tasse leeren würde. Ich ließ mir Zeit, hatte ich doch so Gelegenheit meine Gedanken ein wenig zu sortieren. Unauffällig beobachtete ich den Fremden, der dicht neben mir auf dem Boden hockte und das blinkende Kästchen in seiner Hand eingehend studierte. Dabei hielt er es so, dass ich zwar die vielen Lichter blinken sah, aber nicht genau erkennen konnte, um was es sich da handelte.

Jedenfalls schien das Ding den Sioux einen gehörigen Respekt einzujagen, denn sie warfen immer wieder scheue Blicke darauf.

Ich stellte den leer getrunkenen Becher auf den Boden, es machte keinen Sinn die Konfrontation weiter hinauszuzögern.

„Also,“ das Sprechen viel mir immer noch schwer, „was ist hier los? Wer sind Sie?“

Und an den Schamanen gewandt: „Wo ist der tapfere Siouxkrieger, der sich Großer Hund nennt, Deine Autorität mit Füßen tritt und in Deinem heiligen Zelt beinahe zum Mörder geworden wäre?“

Der Fremde blickte von einem zum anderen, während Tahca Ushte abwehrend die Hände hob.

„Großer Hund …wartet…. draußen. Er…. beaufsichtigt… seine Krieger.“

„Seit wann brauchen die Krieger der Sioux eine Amme?“ fragte ich spöttisch.

„Old Shatterhand…,“begann Tahca Ushte, wurde aber von dem Unbekannten unterbrochen.

„Können wir das vielleicht später klären? Ich würde gerne die Wunde dieses Mannes hier untersuchen und versuchen zu helfen.“

„Hier hilft niemand!“ fuhr ich energisch dazwischen. „Niemand! Zumindest so lange nicht, bis ich weiß, was hier gespielt wird! Also noch einmal! Wer sind Sie??!! Wo kommen Sie her?“

Ich griff mir jetzt doch an den Hals, die Wunde blutete nicht mehr und ich fühlte lauter kleine Perlen, die die Wundränder zusammenhielten.

„Das sollten Sie lieber unterlassen,“ mahnte mich der fremde Indianer. „Sie riskieren eine Infektion, wenn Sie die Wunde mit Ihren schmutzigen Händen berühren.“

Ich ließ die Hand sinken und lehnte mich zurück, die roten Nebel wurden wieder stärker und in einem eigenartigen Augenblick doppelten Sehens vermeinte ich die Gestalt meines Blutsbruders zu erkennen, der sich hinter einen Felsen aus blutrotem Gestein duckte. Bevor ich das Bild aber wirklich greifen konnte, war es wieder verschwunden, ebenso der rote Nebel, stattdessen verspürte ich auf einmal einen schrecklichen Kopfschmerz.

„Wer sind Sie?“ fragte ich mühsam ein drittes Mal.

„Mein Name ist Chakotay,“ antwortete der Mann mit der merkwürdigen Frisur und Kleidung. „Bitte, Sir, lassen Sie mich nach der Wunde sehen. Alles andere können wir später in einem Gespräch zusammen mit dem …..Schamanen…klären.“

Dunkle, kluge Augen, die mich ein wenig an die Augen meines Häuptlings erinnerten, blickten mich auffordernd an und nach kurzem Zögern nickte ich.

„Meinetwegen werfen Sie einen Blick darauf, wenn Sie denken, Sie könnten etwas tun.“

Chakotay schob die beiden Hälften seines Kästchens übereinander und das Blinken erlosch. Chakotay bemerkte wohl meine neugierigen Blicke, denn ein feines Lächeln huschte über seine Züge.

„Später, mein Freund, werde ich Ihnen das eine oder andere erklären.“ Er griff an den Gürtel und holte aus einem kleinen Beutel einen weiteren seltsamen, länglichen Gegenstand, der aus einem, mir unbekannten, grauen Material gefertigt war.

„Bitte haben Sie keine Furcht. Dieses Gerät kann kleine und größere Verletzungen minutenschnell heilen. Ich weiß, das kommt Ihnen sicher alles seltsam vor, aber bitte vertrauen Sie mir!“

Er berührte mit dem Daumen einen Punkt auf der grauen Oberfläche und ein weißes Licht, heller als die Sterne am Himmel, leuchtete auf, was den Zuschauern ein erschrockenes „uff,uff,uff!“ entlockte und sie wieder einige Schritte zurückweichen ließ.

Tahca Ushte blieb stehen, wo er war, nur seine Augen weiteten sich erstaunt. Mich erschreckte das „Ding“ eigentlich nicht, längst war mir klar, dass weder der Mann noch seine Gegenstände hierhergehörten. Wenn ich es auch noch nicht wagte, diesen Gedanken zu Ende zu denken, er war gar zu ungeheuerlich, nahm er doch immer mehr Gestalt an. Unwillkürlich dachte ich an Jules Vernes Romane, die mich schon immer fasziniert hatten. Sollte etwa…?

Weiter kam ich nicht, denn Chakotay fordert mich nun auf, mich hinzulegen und den Kopf so weit es möglich war, nach hinten zu biegen. Ich seufzte, aber wenn dieser Chakotay über ein besonderes Instrument zur Heilung verfügte, würde ich seine Hilfe gerne annehmen.

Ich wollte endlich aufstehen und wissen, was hier los war. Ich musste Winnetou suchen! Ich musste Winnetou finden! Unbedingt! So schnell es ging!

Ich schloss die Augen und überließ mich den Händen und dem „Ding“, das mich heilen würde….vielleicht!

Eine angenehme Wärme begann sich langsam in der Wunde auszubreiten, begleitet von einem leisen Jucken, wie es manchmal während der Wundheilung auftreten konnte. Gleichzeitig ließ der brennende Schmerz nach und ich spürte die Wunde nicht mehr.

„So, das wäre geschafft. Ich fürchte aber, das war unsere kleinste Übung. Nun, Mr. Shatterhand, wie fühlen Sie sich?“

Ich öffnete die Augen und noch während ich mich aufsetzte befühlte ich meinen Hals, zunächst vorsichtig, dann mutiger.

Die Haut fühlte sich glatt an, selbst das Narbengeweben der alten Stichverletzung konnte ich nicht mehr ertasten, die Perlen waren verschwunden, ich ertastete sie in der Halsbeuge, wohin sie wohl gerollt sein mussten.

„Das…das….das ist unmöglich….., un--- unfassbar,“ stotterte ich und suchte den Blick des fremden Mannes. Chakotay schien seine Freude an meiner Fassungslosigkeit zu haben, denn er nickte breit grinsend vor sich hin, während die Sioux in andächtigem Schweigen im Halbdunkel des, nur vom schwachen Schein des Feuers und der zuckenden Blitze erleuchteten Zeltes standen und voller Scheu auf den fremden Schamanen blickten, der so unerhörte Dinge vollbrachte.

„Wie fühlen Sie sich, Sir?“ hakte Cakotay nun drängender nach.

„Bis auf den Schwindel und den Kopfschmerz fühle ich mich hervorragend, aber….“

Ein greller, mehrfach gezackter Blitz, gefolgt von einem fürchterlichen Donnerschlag und plötzlichem Geschrei, unterbrach mich. Der Vorhang wurde zur Seite gerissen, ein Krieger steckte seinen Kopf herein und schrie:

„Wakan Tanka hat den Gott des Feuers geschickt. Er ritt auf dem Blitz hierher und sein Brüllen drang den Kriegern in die Ohren. Dann lösten sich die Steine, die über der Höhle waren und fielen in einem fürchterlichen Feuerball auf die Erde. Viele Krieger wurden verletzt…..“

Ich sprang auf, wieder überfiel mich dieser merkwürdige Schwindel, verschwand aber diesmal sehr schnell, und ich stürzte, den Krieger zur Seite schiebend, gefolgt von Tasha Ucte und Chakotay aus dem Tipi, vor das sich die Krieger schutzsuchend zusammendrängten.

Der Himmel vor uns glühte tiefrot im Feuerschein der mächtigen Flammen, die aus dem Höhleneingang schlugen, während über uns die Blitze unentwegt über den Himmel zuckten und das tiefe Donnergrollen den unwirklichen und unheimlichen Eindruck noch verstärkten. Unwillkürlich fühlte ich mich an die Worte des alten Pfarrers aus meiner deutschen Heimat erinnert, der uns Kindern einst die Hölle genauso beschrieben und damit eine tiefsitzende Angst in uns erzeugt hatte.

Gewaltsam schüttelte ich mein Unbehagen ab und bahnte mir einen Weg durch die dicht zusammengedrängten Krieger bis so nah an die Höhle, wie es die Hitze des Feuers gerade noch erlaubte.

„Was kann denn da drinnen so brennen?“ schrie ich gegen das ohrenbetäubende Krachen des Donners, das Geschrei der Krieger und das Brüllen der Flammen an.

„Wir haben dort trockenes Holz für viele Jahre gelagert und Dung zum Feuermachen!“ schrie der Schamane zurück.

Ich blickte ratlos in die Flammen. Da gab es nichts zu löschen, das Feuer musste sich selbst verzehren.

„Shatterhand, sehen Sie! Um Gottes Willen! Wir müssen hier weg! Sofort!“

Chakotays Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Schnell wandte ich mich zu ihm um und sah seine schreckgeweiteten Augen. Seinem Blick folgend erkannte ich augenblicklich die Gefahr, in der wir uns befanden.  

Die Höhle befand sich auf einem kleinen Felsplateau, das ringsum von hohen Steilwänden umgeben war und sich nach Süden hin in eine grasbewachsene Prärie öffnete. Die Blitze hatte wohl nicht nur das zundertrockene Holz in der Höhle entzündet, sondern auch das feuchtere Gras der Prärie zum Brennen gebracht. Angetrieben von einem, jetzt heftig aufkommenden Südwind, rollte eine riesige Feuerwalze auf uns zu.

Jetzt erkannten auch die Siouxkrieger die neue, viel größere Gefahr und eine unkontrollierbare Panik entstand. Einige Krieger suchten die Steilhänge zu erklimmen und stürzten dabei unweigerlich in die Tiefe, wo sie mit zerschmetterten Gliedern liegen blieben. Andere rannten zu ihren Pferden und ritten, getrieben von der Hoffnung so dem Feuer zu entkommen, in die offene Prärie, wo viele einen qualvollen Tod im Feuer fanden. Mittlerweile hatte die Panik auch die Pferde erfasst, die sich losrissen und in dem Versuch, irgendwo einen Fluchtweg zu finden, andere Pferde und Menschen umrannten. Kurz und gut, es herrschte ein unglaubliches Chaos.

Einen Augenblick stand auch ich wie erstarrt, neben mir der Fremde, der fassungslos und mit Grauen auf das Durcheinander starrte und der Schamane, der sich pausenlos mit der Hand durch das Gesicht fuhr. Beide schienen handlungsunfähig vor Schreck. Wenn ich hier nicht verbrennen wollte, und das hatte ich keinesfalls vor, musste ich allein einen Ausweg finden. Gehetzt sah ich mich um, viel Zeit blieb mir nicht. Schon spürte ich die Hitze der Feuerwalze, die aus dem Süden auf uns zugerollt kam, da entdeckte ich, nur wenig über dem Plateau in der Ostwand eine kleine Einbuchtung. Eine weitere Höhle?

Ich ergriff den Fremden, der meine Wunde auf so spektakuläre Weise geheilt hatte, am Arm und deutete auf die Ostwand.

„Schnell, dort hinauf. Irgendwie! Kommen Sie schon! Du auch, Tahca Ushte! Schnell!“

Ich riss den Fremden mit, der Schamane folgte uns, ich hörte sein schweres Atmen dicht hinter mir. Die Felsspalte mochte in einer Höhe von etwa drei Metern liegen, das war zu schaffen.

„Schnell,“ keuchte ich, „ich steige auf Ihre Schultern und ziehe Sie und den Schamanen dann hoch! Schnell! Das Feuer kommt immer näher!“

Ohne etwas zu sagen hielt der fremde Indianer mir die Hände hin und ich schwang mich auf seine Schulter. Ich erreichte den kleinen, der Spalte vorgelagerten Felsvorsprung mühelos und streckte sofort die Arme aus, um den Fremden hochzuziehen, während ich krampfhaft überlegte, womit wir schließlich auch den Schamanen zu uns hochbekommen sollten.  Nun ja, notfalls mussten wir eben unsere Kleidung aneinanderbinden. Nur schnell, schnell musste es gehen. Chakotay ließ sich heftig atmend neben mich fallen.

„Wie kriegen wir den Mann zu uns hoch?“

„Wir binden unsere Hosen aneinander. Schnell, machen Sie schnell!“

Ich zerrte gewaltsam an meinen Stiefeln, die absolut nicht von meinen Füßen weichen wollten, da legte Chakotay seine Hand auf meinen Arm.

„Es ist zu spät,“ in seiner Stimme klang das pure Entsetzen mit und auch meine Augen weiteten sich erschrocken. Tahca Ushte stand regungslos mit dem Rücken an die Felswand gelehnt, vor ihm, vom Feuerschein beleuchtet, ein völlig in Panik geratener, weißer Hengst, der wild mit den Hufen um sich schlug und den Schamanen immer wieder an Brust und Schulter traf. Langsam, ganz langsam sackte sein Körper zusammen. Das Pferd, nun eingeschlossen vom Feuer, stieg ein letztes Mal, bevor es mit einem mächtigen Satz über die Feuerwand sprang und unseren Blicken entschwand.

Ich barg das Gesicht in den Händen. Erst jetzt merkte ich, dass ich am ganzen Körper zitterte. Erinnerungen stürmten auf mich ein, wie ich einst mit Harry aus New Venango vor der Feuersbrunst geflohen und wie schmählich ich danach von dem Knaben behandelt worden war. Mein Leben und das des Kindes verdankte ich einzig der Schnelligkeit meines Hatatitla.

Hier durchfuhr mich ein neuer Schreck, ein neuer Schmerz: Hatatitla und Iltschi!! Mein Gott, was war aus ihnen geworden? Konnten sie sich befreien, der Feuersbrunst entkommen oder waren sie jämmerlich in den Flammen umgekommen? Hatte ich an diesem gottverlassenen Ort nicht nur meinen geliebten Freund verloren, sondern auch die beiden Hengste? Tränen schossen mir in die Augen, die ich aber schnell hinunterschluckte. Trotzdem schien der Mann neben mir meine Verzweiflung zu spüren, denn er sagte sehr leise:

„Wir werden alles versuchen, Ihren Freund wieder hierher zurückzubringen. Ich möchte ja auch nicht hierbleiben, mein Leben spielt sich ja auch eigentlich ….anderswo ab.“

Ich nickte stumm und schluckte weiter an meinen Tränen.

„Ich möchte Ihnen gerne berichten, wer ich bin und woher ich komme. Ursprünglich wollte ich das nicht und es ist mir eigentlich auch nicht erlaubt.  Aber so wie ich es sehe, sind wir beide jetzt ganz auf uns allein gestellt und wir sollten offen miteinander sein. Ich habe Ihren Freund Winnetou getroffen….“

Rasch hob ich den Kopf.

„Sie haben ihn getroffen? Wo ist er? Wann haben Sie ihn getroffen? Geht es ihm gut?“

Ein schwaches Lächeln huschte über das vom Feuerschein beschienene Gesicht.

„Ich habe ihn auf einem anderen Planeten, weit entfernt von der Erde im 24zigsten Jahrhundert getroffen. Ich fand ihn in einer Höhle, ähnlich der, die dort unten gerade in Flammen aufgeht…. und wo mich diese Indianer gefunden haben.

Wir landeten mit unserem Raumschiff auf einem dieser Wüstenplaneten. Unser Schiff war stark beschädigt und wir hatten keine andere Wahl. Allerdings zeigten unsere Bordsysteme an, dass es auf diesem Planeten zu einer temporalen Anomalie kommen könnte…“

„Eine was?“ Mein Interesse war jetzt geweckt und meine Aufmerksamkeit gehörte nun ungeteilt dem Mann, der angab aus der Zukunft zu kommen und der nun in beredten Worten sein Leben und sein Zusammentreffen mit der Vergangenheit, sprich mit Winnetou, vor mir ausbreitete….

Während Chakotay erzählte, hatte das Feuer seine wütenden Versuche, unseren Felsen zu erreichen nahezu eingestellt und wich immer weiter zurück. Allerdings war die Rauchentwicklung dermaßen stark, dass noch nicht zu erkennen war, wer und ob überhaupt jemand diese Katastrophe überlebt hatte.

Als Chakotay seinen Bericht beendet hatte, schwiegen wir beide. Von der Ungeheuerlichkeit abgesehen, dass neben mir ein Mann saß, der angab aus der Zukunft zu kommen, machte sich in mir immer mehr die Sorge breit, dass Winnetou auf immer aus meinem Leben verschwunden war. Tausend Fragen brannten mir auf den Lippen, aber das alles musste vor den dringenden Fragen des Jetzt zurückstehen.

Der Regen, der immer noch fiel, erstickte nun die letzten Flammen in dem engen Talkessel, wo das Feuer zudem auch keine neue Nahrung mehr fand. Es war an der Zeit, nachzusehen, ob jemand unsere Hilfe brauchte.

„Haben Sie Ihren Wunderheiler noch?“ fragte ich aus diesen Gedanken heraus.

„Den Dermalregenerator? Natürlich!“

„Dann lassen Sie uns hinabsteigen und nachsehen, was noch zu retten ist.“

„Es wird dort unten noch so heiß sein wie in der Hölle…“, wandte Chakotay ein.

„Wir werden vorsichtig sein. Der Regen wird dafür sorgen, dass es rasch abkühlt.“

Wir verließen die winzige Felsspalte, die uns vor dem sicheren Tod bewahrt hatte und begannen mit dem mühsamen Abstieg. Nun, da es heller wurde, konnten wir auch einen schmalen Pfad erkenne, der sich die steilen Hänge hinunterwand. Für einen guten Kletterer war das zu schaffen.

„Wird es gehen?“ fragte ich Chakotay.

„Ich bin zwar keine Bergziege, aber zu meiner Ausbildung gehörte es auch, solche Kletterpartien zu bestehen. Also los, wir wollen keine Zeit mehr verlieren.“

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Der Schamane lebte noch. Wie durch ein Wunder hatten die scharfen Pferdehufe ihm zwar das Schlüsselbein und mehrere Rippen gebrochen, aber er schien keine inneren Verletzungen davon getragen zu haben. Tahca Ushte blutete aus vielen Wunden, aber es trat kein Blut aus Augen, Nase oder Mund hervor. Einzig seine tiefe Bewusstlosigkeit machte mir Sorgen.

„Er wurde wohl von einem Huf am Kopf getroffen. Schauen Sie, dort am Haaransatz ist eine tiefe Platzwunde. Kommen Sie, Mister Shatterhand, helfen Sie mir, nachzusehen.“

Ich schnitt mit dem Messer die Haare um die Wunde herum soweit ab, wie es mir möglich war und reinigte die Stelle von Blut und Ruß. Nun konnten wir das Ausmaß der Verletzung erst genau erkennen. Die Wundränder klafften weit auseinander und wir konnten die Schädeldecke deutlich erkennen.

Chakotay wiegte bedenklich den Kopf hin und her.

„Wenn die Hirnhaut darunter anschwillt, kann es sein, dass er aus seiner Bewusstlosigkeit nicht mehr erwacht.“

„Ich dachte Ihr, wie heißt es noch, Ihr Dermaldingsda kann alles heilen?“

„Vieles, aber nicht alles. Aber wir werden es versuchen.“

Und nach kurzem Zögern fügte er hinzu: „Ich schaffe das hier allein. Sehen Sie nach, ob noch jemand lebt und unsere Hilfe benötigt.“
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