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Vergangene Zukunft

von Adrimeny
CrossoverAbenteuer, Freundschaft / P12
Old Shatterhand Winnetou
01.01.2019
03.09.2020
21
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01.02.2019 2.433
 
Großer Hund und seine Krieger führten mich den Weg durch die Höhle zurück auf den Vorplatz, dorthin, wo wir so viele, verzweifelte Stunden um das Leben meines Winnetou gekämpft hatten. Erneut wollte mich Panik überkommen. Sollte Winnetou doch recht gehabt haben? War es dieser Ort, an dem sich sein Schicksal erfüllen sollte?

Großer Hund riss mich jäh aus meinen Gedanken, indem er mich unsanft vor sich her schubste und vor dem Schamanen in die Knie zwang.

„Warum holt Großer Hund den weißen Mann aus der Höhle der Geister?“

„Tahca Ushte, der weise Mann, wird Großer Hund zustimmen, wenn er erfährt, was geschehen ist.“

Tahca Usthe musterte mich aufmerksam, während Großer Hund mich weiter wie ein Karnickel am Genick gepackt hielt.

„Du holst unseren Gefangenen aus der Höhle, entgegen der getroffenen Absprachen. Und er ist allein. Wo ist sein Blutsbruder, der Apache?“

„Der Apache ist weg!“ stieß Großer Hund hervor.

Es schien mir, als würde sich bei diesen Worten ein tiefes Schweigen über das ganze Tal legen, als verstummten plötzlich alle Geräusche, selbst das Geschrei der allgegenwärtigen Krähen verhallte.

„Lass Old Shatterhand los,“ befahl Tahca Ushte und großer Hund befreite mich sofort von dem unangenehmen Druck auf meine Halsmuskeln.

„Steh auf!“ fügte der Medizinmann, an mich gewandt, hinzu. Er musterte mich sehr aufmerksam, sein Blick schien in das Innerste meiner Seele dringen zu wollen. Ich wich diesem Blick nicht aus, sondern erwiderte ihn so offen, wie es mir möglich war. Immer noch klopfte mein Herz in Hast und ich spürte, wie meine Hände wieder zu zittern begannen.

Der Medizinmann schien mir für dieses Amt noch ziemlich jung zu sein. Ich schätzte ihn auf höchstens fünfunddreißig Jahre, aber in seinen Augen meinte ich eine Weisheit zu erkennen, die weit über diese Jahre hinaus reichte.

Jetzt hob er die Hand und sagte:

„In den Augen des weißen Mannes wohnt die Aufrichtigkeit. Tahca Ushte weiß auch, dass selbst seine Feinde den Mut und die Aufrichtigkeit Old Shatterhands und seines Blutsbruders Winnetou rühmen. Es würde unseren Kriegern großen Ruhm einbringen, zwei so gewaltige Krieger zu fangen und zu töten. Und nun behauptet Großer Hund, der Apache sei entflohen. Wie kommt es, dass er Dich, seinen Blutsbruder allein zurückließ?“

Ich räusperte mich, um sicher zu sein, dass meine Stimme mir gehorchte.

„Winnetou ist nicht geflohen. Du weißt so gut wie ich, dass es aus dieser Höhle keinen Ausweg gibt. Der Häuptling der Apachen war auf einmal….weg!“

Tahca Ushte richtete seinen Blick nachdenklich auf den Eingang der Höhle.  Hatte ich ungläubiges Staunen erwartet oder wütende Worte, so sah ich mich jetzt getäuscht, denn der Schamane befahl Großer Hund ruhig, Fackeln zu entzünden und ihn mit zehn Kriegern in die Höhle zu begleiten. Dann wandte er sich an mich und seine Stimme klang merkwürdig sanft:

„Old Shatterhand möge uns begleiten und mir die Stelle zeigen, wo Winnetou….verschwunden ist.“

Stumm ließ ich mich in die Mitte nehmen. Als wir die Höhle betraten, erhellten zehn lichterloh brennende Fackeln den Raum und beleuchteten jede einzelne Ecke. Die Höhle war nahezu kreisrund und hatte wohl einen Durchmesser von gut zehn Metern. Im hinteren Drittel befand sich mittig der quadratische Steinblock, an dem Winnetou und ich gestern Abend gesessen hatten. Dahinter zweigten mehrere Gänge und kleinere Einbuchtungen ab. In einer kleineren Nebenhöhle konnte ich nun deutlich die Skelette und Schädel der Geopferten erkennen. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass auf diesem Stein in der Mitte früher, ich hoffte inständig vor ganz langer Zeit, diese Menschen einen grausamen Tod gefunden hatten.

Aber das war jetzt nicht der Grund unseres Hierseins. Ich musste Winnetou finden!

„Wir müssen hier entlang,“ wies ich auf die linke Seite, dort wo es mir am dunkelsten zu sein schien.

Tahca Ushte nickte und wir folgten den Kriegern, die mit ihren Fackeln voran gingen. Vorher war es mir nicht aufgefallen, aber jetzt bemerkte ich, dass die Temperatur in diesem Teil der Höhle um einige Grade kälter war, als weiter vorne.  Das mochte in der Natur der Sache begründet sein, aber….

Ich trat nahe an die Gesteinswand heran. Gestern Abend war es dunkel gewesen, aber wir hatten uns an der Wand entlang bewegt, Winnetou sich vorneweg tastend, während ich die Schritte gezählt hatte, so lange bis er mich aufforderte einen Augenblick zu warten.

Der Schamane sah mich abwartend an.

„Wo genau hat Old Shatterhand seinen Blutsbruder…..verloren?“

Vor Überraschung riss ich die Augen auf. „Verloren? Sagtest Du verloren?“

„Old Shatterhand möge uns jetzt zu der Stelle führen. Dann wird Tahca Ushte ihm berichten, was er vermutet.“

Die plötzliche Umgänglichkeit des Sioux beunruhigte mich mehr als jede Feindseligkeit. Beinahe schien es mir, als teile er meine Ängste um den Häuptling. Aber das war ja unmöglich. Gestern noch hatte er uns in diesem elenden Loch gefangen gehalten und zu Tode martern wollen. Tausend Fragen brannten mir auf den Lippen, aber ich sprach keine aus, sondern tastete mich mit geschlossenen Augen, die Schritte still zählend, am Felsen entlang.

„Hier ist es,“ ich öffnete die Augen und sah mir die Wand, den Boden und die Umgebung, die nun deutlich zu erkennen waren, genau an.

„Bringt mehr Licht,“ befahl der Schamane und zwei Krieger traten mit ihren Fackeln näher. Ich konnte mich getrost als einen sehr guten, erfahrenen Spurensucher bezeichnen, hatte doch Winnetou, der Meister des Spurenlesens, mir vor Jahren alles beigebracht, was er selbst in Perfektion beherrschte. Aber hier fand ich rein gar nicht. Es gab keine versteckten Spalten, und seien sie noch so klein, keine Einbuchtungen, keine Kratzspuren, nichts, rein gar nichts!

„Es ist nichts,“ flüsterte ich und konnte die Angst nun nicht mehr aus meiner Stimme vertreiben.

„Wir sollten dem Gang noch weiter folgen. Vielleicht irrt Old Shatterhand ja.“

Großer Hund hatte sich bisher nicht geäußert, aber sein Missfallen war deutlich spürbar. Er glaubte immer noch, dass Winnetou geflohen und mich zurückgelassen hatte.

Ich hielt es für ausgeschlossen, dass ich mich geirrt hatte, aber immerhin war Winnetou ja noch ein paar Schritte weiter gegangen und so nickte ich mein Einverständnis.

„Großer Hund geht diesmal vor,“ knurrte der Ogellalah mich an und stieß mich grob zur Seite. Wenn der ungehobelte Kerl voranschritt, zerstörte er womöglich die kleinste Möglichkeit eine eventuell vorhandene Spur noch zu erkennen und so griff ich rasch nach seinem Arm.

„Nein, warte! Ich will zuerst nachsehen.“

Mit einem Ruck machte sich Großer Hund aus meiner Umklammerung frei.

„Großer Hund handelt, wie es ihm beliebt! Er wird zuerst nachsehen!“

„Nein!“ erneut hielt ich ihn am Arm fest. „Du könntest etwas übersehen!“

Großer Hund entriss mir seinen Arm  und trat drohend ganz nah an mich heran. Ich roch seinen Atem, der unangenehm nach wilden Zwiebeln roch.

„Coyote, elender, schweig endlich still, sonst wird Großer Hund Deinem Gezeter auf der Stelle ein Ende machen. Glaubst Du etwa, Du wärest ein besserer Spurenleser als der Unterhäuptling der Ogellalah?“

Ich hielt dem Blick des wütenden Indianers stand und sagte ruhig: „Das glaube ich allerdings.“

Großer Hund griff nach seinem Messer, da hielt ihn die scharfe Stimme des Medizinmannes zurück, der dem Scharmützel bisher schweigend gefolgt war.

„Halt! Großer Hund stecke sein Messer wieder weg! Old Shatterhand mag vorangehen.“

Großer Hund fuhr herum, aber Tahca Ushte begegnete seinem wütenden Blick mit ruhiger Gelassenheit. Schließlich war es Großer Hund, der den Blick senkte und das Messer wieder in den Gürtel steckte. Ich wusste, hatte ich bisher in ihm nur einen Feind gehabt, war er jetzt zu jemandem geworden, der mich abgrundtief hasste. Aber damit konnte ich leben, ich musste nur auf der Hut sein.

„Old Shatterhand mag voran gehen,“ wiederholte Tahca Ushte ruhig, als wäre nichts geschehen und ich gehorchte wortlos.

Nach wenigen Schritten bog der Gang nach rechts ab und wir standen vor einer Felswand, die sich gerade und glatt vor uns erhob und uns das Weiterkommen verwehrte. Hier war das Ende des Ganges, ja, das Ende der Höhle, es gab kein Weiterkommen.

Im Licht der Fackeln untersuchte ich auch hier jede Handbreit des Gesteins, ohne jedoch etwas zu finden. Ratlos starrte ich den grauen Fels an, da war mir, als …..

„Komm näher mit der Fackel!“ stieß ich atemlos hervor. Ungeduldig nahm ich dem Krieger die Fackel aus der Hand und ja, ja, da war es. Mit der Linken zog ich ganz behutsam ein paar schwarze Haare aus einer winzigen Unebenheit im Gestein hervor. An einem Haar klebte, kaum sichtbar, ein sehr kleines Stück der Klapperschlangenhaut, die der Häuptling in sein Haar zu flechten pflegte.

Winnetou war hier gewesen, das war der Beweis! Aber wo war er jetzt?

„Was hast Du gefunden?“ fragte der Medizinmann und seine Stimme hallte seltsam laut von den Wänden wieder.

Ich drehte mich um und hielt dem Schamanen die geöffnete Hand entgegen.

Er betrachtete die wenigen Haare und blickte dann mit zusammen gepressten Lippen auf die Wand.

„Die Krieger der Ogellalah mögen diesen Ort noch einmal ganz genau untersuchen. Großer Hund und Old Shatterhand begleiten mich!“

Die Haare fest in der Hand haltend folgte ich Tahca Ushte und Großer Hund bildete den Abschluss. Dabei ließ er es sich nicht nehmen, mich mit dem Messer zu bedrohen.

„Versuche ja nicht zu fliehen, weißer Coyote,“ zischte er mir zu. „Ich zögere nicht, Dich auf der Stelle zu töten!“

Ich antwortete nicht, achtete aber darauf, keine falschen Bewegungen zu machen.

Der Medizinmann der Ogellalah führte uns zu seinem Zelt und bedeutete uns einzutreten.

Das Zelt war groß, es mochte über sechs Meter im Durchmesser betragen und es war mit den erstaunlichsten Dingen eingerichtet. In der Mitte befand sich, wie in jedem anderen Tipi auch, die Feuerstelle, umgeben von Büffelfellen, an denen der Schädel noch haftete und die so eine recht bequeme Sitzgelegenheit boten. Der Boden war mit dicken, gewebten Teppichen bedeckt, rechterhand befand sich das Lager des Schamanen. Von den Zeltstangen baumelten Beutel verschiedener Größe und Farbe herab und ein angenehmer Duft nach Kräutern erfüllte die Luft.

Dem Bett gegenüber war eine Art Podest aufgebaut, das mit dünnen Lederrollen über und über bedeckt war und die sofort meine Neugierde weckten.

„Setzt euch!“ forderte uns Tahca Ushte auf und fügte hinzu.

„Du bist in der Zeit, in der unser Häuptling Gall nicht hier weilt, sein Vertreter. aus diesem Grunde lade ich Dich ein, an diesem Gespräch teilzunehmen,“ wandte sich der Medizinmann in strengem Ton an Großer Hund. „Tahca Ushte erwartet von Dir, dass Du Dich wie ein Häuptling benimmst und nur dann sprichst, wenn Du wirklich etwas zu sagen hast!“

Großer Hund warf seinem Medizinmann einen bösen Blick zu, nickte aber zustimmend.

„Gut, so hört denn, was ich zu berichten habe.“

Meine Hände kribbelten auf seltsame Weise und ein merkwürdiges Gefühl ergriff von mir Besitz, als Tahca Ushte eine Handvoll Kräuter ins Feuer warf und sich die Dämpfe im Tipi verbreiteten.

„Vor vielen, vielen hundert großen Sonnen gab es Mutter Erde, so wie wir sie kennen, noch nicht. Wasser bedeckte den größten Teil und dort, wo kein Wasser war, war die Erde grün und warm. Es gab keine heißen Sommer und es gab keine kalten Winter. Die Flüsse waren voller Fische, den Himmel bevölkerten Vögel aller Arten, die Tiere des Landes lebten in Frieden miteinander, ebenso wir die Menschen. Es gab viele verschiedene Menschen damals, rote und weiße, gelbe und braune, sie lachten miteinander, wenn sie sich besuchten.

So lebten sie viele große Sonnen in Frieden und Eintracht und ernährten sich von den Früchten der Erde.

Eines Tages aber begann sich die Erde zu verändern, sie begann zu beben, es bildeten sich hohe Berge, von denen einige Feuer spuckten und andere mit Schnee bedeckt waren. Tiere und Menschen verloren ihren gewohnten Lebensraum, sie mussten sich die Welt neu zu eigen machen.

Sie begannen zu streiten, um die besten Plätze auf Mutter Erde, um die schönsten Flüsse. Und es kam, was kommen musste: Als die Nahrung knapp wurde, die Früchte der Erde von der Jahreszeit abhängig waren, entdeckten sie das Jagen.

Wo vorher Friede herrschte, das Lamm beim Berglöwen liegen konnte, herrschte nun Neid und Unfrieden. Der mächtige, große Geist, der die Erde und den Himmel erschaffen hatte, sah das alles mit großer Sorge. In einem solchen Land wollte er nicht leben und er begann, große Berge aus dickem Fels um sein eigenes Reich zu errichten, damit er dort in Frieden leben konnte. Aber er war einsam, sehr einsam. Er sehnte sich nach menschlicher Gesellschaft, nach guten Gesprächen, nach Lachen und Zuneigung. Und so begann er die Menschen zu beobachten.“

Der Schamane schwieg einen Augenblick und sah mich an, in seinem Blick entdeckte ich eine seltsame Trauer.

„Er schuf Orte, die es ihm ermöglichten, die Menschen, die er für geeignet hielt, in Frieden leben zu dürfen, zu sich zu holen. Es heißt, dass es überall auf der Erde diese Orte gibt. Orte, an denen immer wieder Menschen verschwinden, weil der Große Geist sie bei sich haben will.

Unsere Höhle der Geister ist ein solcher Ort. Vor langer Zeit haben unsere Vorfahren dort Menschen geopfert, um sie zu Wakan zu schicken und ihn zu bitten, keinen von uns zu sich zu rufen.

Heute wissen einige wenige Schamanen, dass solche Opfer sinnlos sind. Erst wenn wir lernen wieder in Frieden zu leben, wird Wakan aufhören, gute Menschen um sich zu versammeln. Tahca Ushte denkt, dass Old Shatterhand versteht, was ich ihm sagen will. Er wird Winnetou, seinen Blutsbruder in diesem Leben nicht mehr wiedersehen. Wakan wird ihn bei sich behalten. Die Apachen werden einen neuen Häuptling wählen müssen.“

Ich hatte der Erzählung atemlos gelauscht. Tahca Ushte war ein guter Erzähler und seine leise Stimme, der Geruch der verbrannten Kräuter taten sicher das Ihre dazu, diese eigenartige, geheimnisvolle Stimmung zu erzeugen.

Aber ich war ein aufgeklärter, gebildeter Mann. Ich kannte die Gesetze des Lebens und der Erde. Es gab für alles eine Erklärung, davon war ich überzeugt und daran musste ich glauben, wenn ich die Hoffnung nicht aufgeben wollte. Und das kam gar nicht in Frage: Ich würde Winnetou wiederfinden, ich MUSSTE Winnetou wiederfinden.

Bevor ich meine Gedanken allerdings in Worte fassen konnte, schrie Großer Hund den Medizinmann wütend an:

„Will Tahca Ushte etwa behaupten, der Wurm von einem Apachen sei ein guter Mensch? Ich sage Dir, nur ein toter Apache ist ein guter Apache. Und der da,“ er fuchtelte mit dem Messer vor meiner Nase herum, „der da ist auch ein Apache, ein weißer Apache. Großer Hund wird ihm dazu verhelfen, seinem Apachenfreund in den Tod zu folgen!“

Das Messer blitze vor meinen Augen auf und ich schaffte es gerade noch, mich zur Seite zu werfen. Aber ich war nicht schnell genug. Ich spürte den unerträglichen Schmerz, als das Messer mir in den Hals drang und ……

dann kam die Dunkelheit auf mich zu, schnell, immer schneller, sie riss mich mit, ich verlor mich in ihr…..
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