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Vergangene Zukunft

von Adrimeny
CrossoverAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
Old Shatterhand Winnetou
01.01.2019
03.09.2020
21
64.965
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01.01.2019 2.916
 
Ich wusste, es war ein Traum, ein Albtraum, der Albtraum, der sich jede Nacht wiederholte, seit Winnetou am Hancockberg beinahe seiner schweren Verletzung erlegen war. Ich wusste, dass mein Blutsbruder überlebt hatte, aber ich konnte mich nicht aus dem Traum befreien.

Wieder und wieder sah ich ihn zusammenbrechen, hörte ihn mit ersterbender Stimme hauchen:

„Winnetou wird sterben!“, sah ihn im Fieber liegen, Tag um Tag, Woche um Woche.....

„Winnetou! Nein! Nein!“

Mein Wimmern war der Aufschrei eines Träumenden, auch das erkannte ich ganz deutlich. Ich wollte hinaus aus diesem entsetzlichen Traum, aber ich war darin gefangen, gefangen.

„Scharlih, mein Bruder, so wache doch auf!“

Winnetous Stimme! Winnetous Hände, die mich sanft an der Schulter rüttelten!

Mühsam richtete ich mich auf, versuchte mich aus meinen Ängsten zu lösen.

„Ich..., ich habe wohl wieder geträumt!“

Ich fuhr mir mit der Hand über das Gesicht, es war nass von Tränen.

Ängstlich forschte ich in Winnetous Gesicht, suchte nach Spuren von Schmerzen oder Schwäche – aber ich konnte nichts finden, außer....

Aus den Augen des Häuptlings strahlte mir die gleiche Milde, die gleiche Liebe entgegen wie an jedem anderen Tag, aber mir schien, da war ein neuer Ausdruck in ihnen, etwas Fernes, nicht Greifbares...

„Mein Bruder Scharlih muss sich keine Sorgen mehr um Winnetou machen. Ich bin wieder ganz gesund. Die Verletzung ist ja ausgeheilt, es ist ja jetzt schon viele Monde her, seit mich die Kugel des Ogellallah getroffen hat.“

Meine Hände zitterten immer noch unter der Nachwirkung des Traumes.

„Geht es Dir wirklich gut? Du solltest noch keine Nachtwache übernehmen, Winnetou. Es ist sehr kalt hier in den Bergen. Die Kälte tut der Wunde nicht gut. Und wir sind hart geritten in den letzten Tagen, um hier endlich wegzukommen. Du musst müde sein...“
Winnetous Gesicht hatte sich bei meinen Worten zusehends verschlossen.

Jetzt unterbrach er mich leise, aber sehr bestimmt:

„Scharlih halte inne! Ich bin nicht mehr erschöpft und müde als Du. Hast Du nicht tage- und wochenlang an meinem Lager gewacht? Mich immer wieder ins Leben zurückgeholt, wenn ich aufgeben wollte? Auch wenn ich im Fieber lag, habe ich gefühlt, dass Du immer an meiner Seite warst. Glaubst Du, der Häuptling der Apachen sieht nicht, wie mager und ausgezehrt Scharlih geworden ist aus Sorge um ihn? Nein, Winnetou kann genauso gut in der Nacht über seinen Bruder wachen, wie Scharlih über ihn gewacht hat in all der Zeit!“

Das war eine lange Rede für den sonst so schweigsamen Apachen gewesen. Und ich konnte ja nachvollziehen, was er da sagte. Winnetou wollte nicht von mir bemuttert werden, es sollte alles wieder sein, wie vor seiner Verwundung. Ich seufzte.

„Es ist gut, Winnetou, ich werde nichts mehr darüber sagen, dass Du keine Nachtwache übernehmen sollst.“

Winnetou nickte, aus dunklen Augen sah er mich aufmerksam an.

„Winnetou wird Scharlih einen Tee bereiten, damit er noch eine Weile ruhen kann.“

Schon wollte ich protestieren, da kam der Häuptling mir zuvor.

„Natürlich nur so lange, bis Du die Wache übernehmen musst!“

Ich war einverstanden, schlürfte gehorsam meinen Tee, wickelte mich wieder in meine Decken und überließ mich dem Schlaf, aus dem ich erst erwachte, als Winnetou mich weckte.

Es hatte zwischendurch immer wieder leicht geschneit, aber nun war der Himmel klar und schon nach kurzer Zeit fühlte ich die Kälte in mir hochkriechen. Nachdem ich noch kleine Zweige in das winzige, rauchlose Feuer geschoben hatte, vergewisserte ich mich, dass Winnetou gut zugedeckt unter seinen Deckenlag und umrundete das Lager, um erstens sicher zu sein, dass sich niemand angeschlichen hatte und zweitens, um mich etwas aufzuwärmen.

Ein Blick auf die Sterne zeigte mir, dass es etwa vier Uhr in der Frühe war, es würde noch lange nicht hell werden. Ich begab mich zu den Pferden, die nur wenige Schritte entfernt dicht nebeneinander unter einer Tanne lagen und lehnte mich an meinen Hengst. Durch die dicke Jacke spürte ich die Wärme des Pferdes und schmiegte mich noch näher an ihn.

Von hier aus hatte ich einen guten Blick auf den Häuptling der Apachen und ich war sicher, dass die Pferde mir jede Annäherung durch einen Menschen oder ein wildes Tier anzeigen würden.

Es war sehr still in dieser Stunde, die nicht mehr der ganz der Nacht gehörte, aber auch noch nicht dem Tag und ich ließ meine Gedanken wandern, wohin sie wollten. Ich unternahm keine Anstrengung ihren Fluss zu steuern....

Einmal stand ich auf, um mir noch etwas von Winnetous Tee zu nehmen. Ob es am Tee lag oder einfach nur an der Erschöpfung, von der Winnetou gesprochen hatte: Ich musste wohl eingeschlafen sein.

Hatatitlas Schnauben und Iltschis schrilles Wiehern rissen mich aus dem Halbschlaf.

Mit einem Satz sprang ich auf!

Aber es war zu spät!

Ich sah mich umringt von wild bemalten Ogellallah-Kriegern, die ihre Gewehre und Bögen auf mich richteten.

Winnetou! Um Gottes Willen! Winnetou!

Panisch hastete mein Blick umher, bis ich ihn sah. Er lag immer noch an der gleichen Stelle wie zuvor, bewegungslos, aus einer Kopfwunde tropfte Blut in den Schnee und färbte ihn rot.

Hatten sie ihn totgeschlagen? Was war nur in mich gefahren? Wieso hatte ich die Sioux nicht eher bemerkt? Wieso hatten die Pferde mich nicht früher gewarnt?

Ich verstand die Mundart der Ogellallah einigermaßen und so fragte ich mühsam beherrscht:

„Was wollen die Krieger der Ogellallah von uns? Haben wir nicht vereinbart, dass sie uns in Frieden ziehen lassen? Warum überfallt ihr uns in der Nacht und was habt ihr mit dem Häuptling der Apachen gemacht? Was tut ihr überhaupt hier? Gehört dieses Land nicht zu den Jagdgründen der Pawnee?“

Ich stellte diese Fragen ohne Winnetou aus den Augen zu lassen, freilich so, dass die Sioux nichts davon merkten und so sah ich nach einer Weile, wie sich die Decke des Apachen ganz leicht bewegte. Einmal, zweimal, dreimal, das war kein Zufall, das war gesteuert. Winnetou gab mir so zu verstehen, dass er lebte und bei Bewusstsein war. Meine Erleichterung war so groß, dass mir beinahe die Tränen kamen. Mühsam schluckte ich sie hinunter und richtete meine Aufmerksamkeit auf den Krieger, der mir so etwas wie ihr Anführer zu sein schien.

„Nun? Hat der Krieger der Ogellallah seine Sprache verloren?“ herrschte ich ihn an.

Höhnisch lachte der Mann auf.

„Old Shatterhand quakt wie ein Frosch, der Angst hat vom Storch verspeist zu werden! Aber Großer Hund kann seine Neugierde stillen. Die Pawnee haben ein Dorf der Sioux überfallen und nun ist das Kriegsbeil zwischen unseren Völkern ausgegraben.“

„Winnetou und ich sind keine Pawnee. Wir haben damit nichts zu schaffen!“

„Die Apachen sind seit jeher unsere Todfeinde. Und Du und der stinkende Hund dort hinten, um den Du eine so große Angst hast, seid Häuptlinge der Apachen. Wir werden euch mitnehmen und am Pfahl zu Tode martern. Der Ruhm von Großen Hund wird weit über die Berge und Prärien eilen und sein Name wird genannt werden an allen Lagerfeuern.“

„Das haben schon ganz andere versucht!“ höhnte ich. „Großer Hund sollte lieber Großes Maul heißen, das würde besser passen. Oder noch besser großes Hundemaul!“

Ich provozierte den Krieger bewusst, denn ich hoffte, die anderen Krieger, ich zählte deren sieben, würden sich durch das Geplänkel so ablenken lassen, dass sie nicht auf Winnetou achteten, den sie zudem ja auch noch für bewusstlos hielten. Und wirklich erhob sich wütendes Gemurre und sie rückten drohend näher an mich heran.

Großer Hund zückte sein Messer und sprang wütend und unbedacht auf mich zu.

Ich wehrte den Ogellallah  mit einem Tritt in den Unterleib ab und riss dem nächststehenden Krieger das Gewehr aus der Hand. Im gleichen Augenblick schien der Häuptling der Apachen förmlich zu explodieren. Die Decke flog einem Sioux an den Kopf, die Silberbüchse knallte und streckte einen weiteren nieder, während ich mich mit dem umgekehrten Gewehr in der Hand wie ein Kreisel um mich selbst drehte und mehrere Indsmen niederschlagen konnte.

Aber plötzlich wimmelte es auf der Lichtung vor Kriegern, sie schienen in der Nähe gewartet zu haben und gegen diese Übermacht konnten wir nichts ausrichten, wenn wir nicht Gefahr laufen wollten, auf der Stelle unser Leben zu verlieren.

Und so rief durch das Getümmel: „Winnetou! Winnetou!“

Der Apache schlug einen weiteren Ogellallah nieder und bahnte sich einen Weg durch die Krieger zu mir.

„Wir sollten uns ergeben! Oder was denkst Du?“

„Scharlih hat Recht! Wir werden schon wieder freikommen!“ antwortete er in der Sprache der Apachen und rief dann in der Mundart der Ogellallah, die er fließend beherrschte:

„Die Hunde der Ogellallah mögen innehalten! Old Shatterhand und Winnetou, der Häuptling der Apachen geben sich geschlagen und in ihre Hände. Großer Hund und seine vielen tapferen Krieger haben es geschafft, zwei Männer gefangen zu nehmen.“

„Eine wirklich großartige Leistung!“

Ich hielt Großer Hund meine Hände entgegen, damit er sie fesseln konnte, drehte sie aber unauffällig so, dass es mir später vielleicht gelingen konnte, sie abzustreifen. Großer Hund aber zog die Riemen so fest, dass die Gelenke sofort anschwollen und an eine Befreiung vorläufig nicht zu denken war. Mit Winnetou verfuhren sie auf die gleiche grausame Art. Danach wurden wir für den Rest der Nacht noch an zwei nebeneinanderstehende Bäume gefesselt und zwar so, dass ich mir wie ein Paket vorkam.

„Ist mein Bruder schwer verwundet?“ wisperte ich besorgt, als das Feuer endgültig erloschen war.

„Es ist nur ein tiefer Kratzer. Der Ogellallah, der mich niederschlagen wollte, hat nicht richtig gezielt und mich nur an der Stirn verletzt. Winnetou war nicht ohnmächtig.“

Erleichtert atmete ich auf.

„Es tut mir so leid, dass ich eingeschlafen bin. Ich weiß gar nicht, wie mir das passieren konnte.“

Winnetou schwieg dazu, was hätte er auch sagen sollen. Stattdessen sagte er leise:

„Sie werden uns mitnehmen wollen in ihr Dorf am Hancock, um uns dort zu martern.“

„War Großer Hund dabei, als wir am Hancockberg waren? Hast Du ihn gesehen, als Du auf Kundschaft warst?“

Mich quälte unentwegt der Gedanke, dass Großer Hund auf Winnetou geschossen haben könnte.

Der Häuptling antwortete noch leiser als zuvor: „Ja, er war am Hancockberg!“

Ich schwieg.

Es war nicht meine Art zu fluchen, aber im Geheimen nannte ich diesen Berg nur noch den „verfluchten“ Berg. Ließ er uns denn niemals los? Und in einem Anflug erneuter Panik flüsterte ich:

„Du glaubst, sie bringen uns dorthin?“

„Winnetou befürchtet es!“
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Winnetou behielt Recht. Nach einem viertägigen Gewaltritt erreichten wir das Tal, indem die Ogellallah ihr Lager aufgeschlagen hatten. Unter dem Jubel der Krieger brachten sie uns in jene Höhle, aus der der Schuss auf den Häuptling abgefeuert wurde und in der er als Knabe von dem Medizinmann der Ogellallah gefangen gehalten wurde. Jener Ort, von dem der Häuptling überzeugt war, dass er dort sterben würde.

Aber das würde ich nicht dulden! Niemals! Ich hatte Winnetou dem Tod einmal abgetrotzt und ich würde bis zum letzten Atemzug um das Leben meines Blutsbruders kämpfen!

Ich warf einen Blick auf den Apachen, der regungslos gegen einen Felsen gelehnt dasaß. Man hatte uns in den hinteren Teil der Höhle gebracht, hierher drang kaum ein Lichtstrahl. Aber wir waren allein und man hatte unsere Fesseln gelöst, wohl in dem sicheren Wissen, dass wir von hier aus nicht fliehen konnten. Gab es wirklich keinen Weg aus diesem finsteren Loch?

Ich tastete mich dicht an Winnetou heran und ließ mich neben ihm auf dem felsigen Boden nieder, so dicht, dass ich die Wärme seines Körpers spüren konnte. Sehen konnte ich nahezu nichts.

„Winnetou, Du warst schon einmal hier. Hast Du die Höhle damals erkunden können?“

„Wenn der Tag anbricht, fällt ein wenig Licht durch einen schmalen Schacht hoch oben in dem Felsen. Winnetou hat die Höhle zum größten Teil erkundet.“

„Und Du hast keinen zweiten Ausgang gefunden?“

„Nein.“

Ich dachte nach. Mir gefiel die Art und Weise nicht, in der Winnetou meine Fragen beantwortete. Ich spürte da kein Aufbäumen, kein Aufbegehren gegen das Schicksal. Es schien beinahe so, als hätte Winnetou die Hoffnung aufgegeben, hier noch einmal lebend heraus zu kommen.

Ich tastete im Dunkeln nach der Hand meines Freundes.

„Winnetou“, drängte ich, „bitte sag mir doch, wie die Höhle aufgeteilt ist, damit ich mir ein Bild machen kann. Du sagst, Du hast den größten Teil der Höhle ausgekundschaftet. Was ist mit dem Rest?“

Winnetou wandte mir sein Gesicht zu. Ich spürte seinen Atem dicht neben mir und konnte schwach das Weiß seiner Augen erkennen.

„Mein Bruder Scharlieh hofft, dass wir aus dieser Höhle noch einmal lebend herauskommen? Winnetou fürchtet, dass das nicht geschehen kann. Der Tod wird den Häuptling hier ereilen. Old Shatterhand hätte mich nicht zurückrufen dürfen. Nun wird er das Schicksal des Apachen teilen.“

„Aber Winnetou! Was redest Du denn da? Natürlich kommen wir hier raus! Du hast diesen schrecklichen Berg einmal überlebt, sogar zweimal, wenn man es genau nimmt. Du wirst Dich doch von ein paar Ogellallahkriegern nicht unterkriegen lassen!“

„Winnetou wird sterben, ohne dass ein Laut der Klage über seine Lippen kommt. Aber es schmerzt mich, dass Old Shatterhand sein Schicksal teilen wird.“

Ich seufzte und beschloss zunächst einmal nicht weiter auf Winnetous Worte einzugehen.

„Willst Du mir trotzdem berichten, wie die Höhle aussieht? Ich will nicht bis zum Sonnenaufgang warten, sondern sobald das Licht es erlaubt, dort weitersuchen, wo Du damals aufgehört hast.“

Winnetou schwieg eine lange Zeit und ich dachte schon, er würde gar nicht mehr antworten. Als er endlich zu sprechen begann, klang seine Stimme eine Spur energischer als zuvor.

„Scharlih stelle sich einen großen, etwa kreisrunden Kessel vor, in dessen Mitte sich der niedrige, fast viereckige Felsen befindet, an dem wir gerade sitzen. Rechts von uns, etwa zwanzig Schritte entfernt ist eine Art Grabkammer, wo sich die Gebeine der Geopferten befinden. Es gibt auch eine Art Opferstelle, die sich in der Höhle daneben befindet. Weiter hinten gibt es einen schmalen Durchgang, der  in einer weiteren Höhle endet. Dorthinein fiel kein Licht mehr, sodass ich sie nicht erforschen konnte.“
„So lass uns dorthin gehen, sofort. Sieh nur, es dämmert. Bald wird man nach uns sehen. Bis dahin müssen wir wieder hier sein oder, was natürlich noch viel besser wäre, einen zweiten Ausgang finden.“

Ich stand auf und zog den Apachen mit hoch.

„Aber...,“ begann Winnetou, doch ich ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Kein aber! Es ist unsere einzige Chance! Bitte geh Du voran. Ich komme hinterher.“

Nun war es an Winnetou leise zu seufzen.

„Mein Bruder Scharlih hat Recht. Wir sollten es wenigstens versuchen.“

Ich drückte die Hand des Apachen.

„So ist es Recht.“

In dem wirklich sehr spärlich einfallenden Licht machten wir uns auf den Weg. Ich hielt mich dicht hinter dem Häuptling und als das Licht in dem Gang noch weniger wurde, griff Winnetou nach meiner Hand.

„Ich glaube, gleich haben wir die zweite Höhle erreicht.“

Es war nun so dunkel, dass ich Winnetou nur noch als schwachen Schatten erkennen konnte.

„Wir sollten uns an der Felswand entlang tasten und sehen, ob es dort noch irgendwo weitergeht.“

Je weiter wir in das Innere dieser zweiten Höhle eindrangen, umso dunkler wurde es. Winnetou blieb stehen und ich prallte gegen ihn.

„Irgendetwas stimmt nicht in dieser Höhle. Spürt Scharlih es auch?“ wisperte der Häuptling.

Ich blieb regungslos stehen, hielt den Atem an, um besser hören zu können, aber es war so still, dass ich das Klopfen meines Herzens zu hören meinte.

„Ich höre gar nichts.“

„Du musst mit Deinen Sinnen hören“, antwortete Winnetou, „nicht mit den Ohren!“

Ich horchte erneut, suchte nachzuvollziehen, was der Häuptling meinte, aber ich spürte nichts, ich hörte nichts, ich sah nichts.
„Es tut mir leid“, stammelte ich hilflos. „Aber was meint mein Bruder denn genau?“

„Winnetou weiß es nicht genau. Es ist, als wären wir hier nicht allein.“

„Aber das ist unmöglich! Hier ist niemand sonst!“

„Mein Bruder mag einen Moment hier verweilen. Winnetou ist sofort wieder zurück!“

„Warum?“

Aber Winnetou antwortete nicht. Was blieb mir anderes übrig, als zu warten?

Ich wartete eine Weile und horchte angestrengt in die Dunkelheit, aber ich konnte nichts hören. Die Stille begann an meinen Nerven zu zerren und mit einem Mal hatte auch ich das unangenehme Gefühl, das etwas Fremdes, Unerhörtes hier zugegen war. Eine merkwürdige, irrationale Angst erfasste mich.

„Winnetou!“ rief ich laut, ohne mich darum zu kümmern, dass ich vielleicht auch von den Sioux gehört werden konnte.
Aber ich erhielt keine Antwort.

„Winnetou! So antworte doch, um Gottes Willen!“

Nichts, nur Stille, Totenstille!

Hastig tastete ich mich an der Felswand weiter entlang, aber hier war nichts, nichts! Keine Abzweigung, kein Gang, keine noch so kleine Öffnung!

Verzweifelte Angst erfasste mich und ich rief erneut, diesmal noch lauter nach Winnetou. Aber wieder antwortete mir nur Stille, eine unheimliche Stille.

Plötzlich wurde es lebendig in der Höhle. Krieger mit brennenden Fackeln, die bis in den letzten Winkel alles erhellten, stürmten auf mich zu. Unter ihnen auch Großer Hund, der mich anherrschte:

„Warum schreit Old Shatterhand nach Winnetou?“

„Er... er ist weg“, stammelte ich fassungslos.

„Old Shatterhand spricht in Rätseln. Niemand kann aus dieser Höhle entkommen! Nicht einmal der Hund von einem Pimo!“

Ich sammelte mich mühsam, suchte meine Panik unter Kontrolle zu bringen und antwortete scheinbar ruhig: „Und doch ist es, wie ich sage. Oder sieht Großer Hund den Häuptling der Apachen etwa?“

Großer Hund sah sich suchend um und als auch er Winnetou nirgendwo sah, befahl er seinen Kriegern, die gesamte Höhle gründlich abzusuchen.

Als auch diese Suche erfolglos blieb, forderte mich der Ogellallah auf, mitzukommen.

„Old Shatterhand wird mich zu unserem weisen Mann begleiten und ihm dort berichten, was geschah. Vielleicht findet er eine Erklärung.“

Ich warf einen letzten verzweifelten Blick in die leere Höhle, vielleicht in der Hoffnung, meinen Winnetou doch noch zu finden. Aber alles blieb leer, leer und unheimlich still!
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