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Vergangene Zukunft

von Adrimeny
CrossoverAbenteuer, Freundschaft / P12
Old Shatterhand Winnetou
01.01.2019
03.09.2020
21
64.965
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25.06.2020 8.555
 
Ich schloss die Augen und atmete tief ein und aus. Der Duft der Kräuter, die den Geist öffnen und frei machen konnten, legte sich zunächst schwer auf meine Sinne. Dann aber öffnete sich etwas in mir und meine Seele, nun frei von allen Zwängen, schwebte frei in Raum und Zeit.

Einen Augenblick gab ich mich diesem Gefühl der Freiheit hin, das mich immer mit Freude und Glück erfüllte. Dann aber besann ich mich darauf, dass mein geliebter Ziehsohn Winnetou sich in großer Gefahr befand und einzig sein Blutsbruder, den ich nach wie vor aus tiefstem Herzen ablehnte, ihn aus dieser Gefahr und dieser Zeit, in die er nicht gehörte, befreien konnte und ich konzentrierte mich ganz darauf, Old Shatterhands Seele zu finden.

Es war nicht schwer, weil der Weiße in diesen Dingen nicht kundig war und nicht verstand sein Ich zu schützen. Langsam und vorsichtig tastend, immer noch voller Ablehnung, die ich einfach nicht verbergen konnte, nahm mein Ich von dem seinen Besitz. Meine Seele las in der der Seele Old Shatterhands wie in einem Buch und langsam, nach und nach, begriff ich, wieviel Unrecht ich diesem Mann zugefügt hatte.

Hatte ich ihn doch in all den vielen Jahren für einen gewissenlosen Menschen, ja für einen geldgierigen Schmarotzer gehalten. Immer hatte ich ihm die Schuld am Tode Intschu tschunas und Nscho tschis gegeben.

Ich hatte die Gefühle meines geliebten Ziehsohnes wieder und wieder verletzt, indem ich mich weigerte seinen Blutsbruder in mein Haus und in mein Herz zu lassen.

Nun fühlte ich mich zutiefst beschämt. Ich fand nichts, aber auch gar nichts in dem reinen Herzen dieses weißen Mannes, dass meine Ablehnung gerechtfertigt hätte.

Old Shatterhand liebte Winnetou mit einer Aufrichtigkeit und einer Intensität, die mir die Tränen in die Augen trieb und die weit über mein Verständnis hinausreichte.

Jetzt aber war diese Liebe überschattet von einer schrecklichen Furcht, von einer Verzweiflung und Einsamkeit, die mir Angst machte.

Old Shatterhand war unerfahren in den Künsten der Meditation, er konnte sich darin verlieren. Ich durfte ihn nicht allein lassen, ihn nicht allein zu Winnetou gehen lassen, in jene ferne Zeit, in jene andere Welt!!!!

Jäh fühlte ich mich von einem schwarzen Wirbel erfasst, der mich fortzutragen drohte. Noch spürte ich den Weißen an meiner Seite und ich versuchte verzweifelt, ihn nicht in der allumfassenden Dunkelheit zu verlieren, mich noch tiefer in sein Ich zu versenken. Als mir das endlich gelang, erschrak ich umso mehr.

Hatte ich bisher nur die Gefühle des Weißen mit meiner Seele erfassen können, so spürte ich jetzt auch ganz deutlich, wie seine körperliche Verfassung schlechter wurde.

Das Herz geriet völlig aus dem Takt und die Kraft dieses Mannes ließ mit erschreckender Geschwindigkeit nach. Wo ich vor wenigen Augenblicken noch Liebe, Wärme und Zärtlichkeit in Old Shatterhand gespürt hatte, fühlte ich jetzt eine zunehmende Leere und Dunkelheit, Old Shatterhands Geist entzog sich meinem Zugriff zusehends und dann verlor ich ihn.........

Ich erwachte aus meiner Trance, als Tahca Ushte mich heftig an der Schulter rüttelte. Einen Moment starrte ich den Medizinmann, der immer wieder meinen Namen rief, verständnislos an, dann fand ich in die Wirklichkeit zurück.

„Ich habe ihn verloren, ich konnte seine Seele nicht mehr festhalten!“ klagte ich. „Ich habe versagt! Nun ist der Häuptling der Apachen auf immer verloren, gefangen in einer Welt, in die wir nicht gelangen können. Und mit ihm auch sein Blutsbruder.“

Gall und Tahca Ushte blickten betreten ins Feuer. Immer noch lag der schwere Duft der berauschenden Kräuter in der Luft und machte das Atmen schwer. Dann sagte Tahca Ushte, und seine Stimme schwankte leicht:„Wir haben es geschafft, das Tor zu öffnen. Der Fremde und Old Shatterhand sind durch dieses Tor in jene andere Welt gegangen. Dorthin können wir ihnen nicht folgen. Wir müssen Winnetou und Old Shatterhand nun der Fürsorge Wakans anvertrauen. Wenn er es will, werden sie einen Weg finden, hierher zurückzukommen.“

500 Jahre später in einem fernen Teil der Galaxis – Deltaquadrant - Hankockplanet



Es war wieder Ruhe eingekehrt auf der Krankenstation. Chakotay ging es inzwischen soweit gut, dass der Doktor ihn entlassen und in sein Quartier geschickt hatte, um sich dort zu erholen. Captain Janeway kümmerte sich, wie all die anderen um die Reparaturen oder um den Iraluaner, der mit ihr an Bord gekommen war. Der Doktor wusste es nicht genau und es kümmerte ihn auch nicht weiter.

Man erzählte ihm nur selten etwas über den Schiffsalltag. Er war eben letztlich doch nur ein Computerprogramm. Während ihn das sonst aber oft störte, war er im Moment viel zu sehr damit beschäftigt das Rätsel, um seine beiden Patienten aus der Vergangenheit zu lösen.

Er bekam mehr und mehr das Gefühl, dass er hier mit seiner medizinischen Datenbank und seinen sonst immer so genialen Algorithmen nicht weiterkam. Das hier war keine übliche Krankheit. Das hier war etwas ganz anderes, etwas, was die beiden teilten, obwohl sie gar nicht zur selben Zeit, am selben Ort – ja noch nicht einmal in derselben Zeit waren, als dem einen von ihnen von den Iraluanern das angetan wurde, weswegen er so geschwächt war. Und doch zeigte auch der blonde Mann, exakt die gleichen Symptome. Gerade so, als hätte man ihm ebenfalls fast das sämtliche Blut entzogen und durch irgendeine unzureichende Flüssigkeit ersetzt.

Wie der Doktor inzwischen erfahren hatte, war genau das mit Winnetou geschehen. Erst wollten sie sein Blut und dann seine Organe. Soweit war es zum Glück nicht gekommen und bislang vertrug sein Patient das synthetische Blut, das zum Glück auf der Voyager schnell und einfach herstellbar war, sehr gut. Das alles erklärte jedoch nicht, warum es dem anderen Patienten so schlecht ging.

Es gab dafür einfach keinen medizinischen Grund. Der Commander hatte berichtet, dass es dem blonden Mann, Charly, bereits vor ihrer Zeitreise immer schlechter gegangen sei. Das passte – insofern dies bei Zeitreisen überhaupt möglich war – zu den Aussagen von Captain Janeway und dem sich gleichzeitig immer mehr verschlechternden Zustands Winnetous.

Doch wie passte das logisch und wissenschaftlich zusammen? Dafür fand er einfach keine Erklärung und es gab nur eine Person an Bord, die ihm vielleicht wenigstens ansatzweise dabei helfen konnte.

„Krankenstation an Commander Chakotay!“

Es dauerte eine Weile, bis die ziemlich verschlafene Stimme des ersten Offiziers zu hören war.

„Chakotay hier! Doktor, hatte ich mich verhört? Sie haben mir doch quasi Schlaf befohlen! Soll ich jetzt doch nicht schlafen und mich ausruhen?“

Der Doktor hatte schon mit Protest gerechnet. Nach den vier Jahren mit dieser Crew kannte er inzwischen die Eigenheiten der einzelnen Leute sehr gut.

„Commander, sie sollen sich ausruhen und viel schlafen, doch ich habe hier ein medizinisches Problem und ich glaube, dass Sie mir dabei helfen können. Ich wäre Ihnen also sehr dankbar, wenn Sie einmal zur Krankenstation kommen könnten. Ich kann ja keine Hausbesuche machen, um das mit Ihnen zu erörtern!“

Ein tiefes Seufzen klang aus dem Lautsprecher auf der Krankenstation.

„Ein medizinisches Problem? Warum fragen Sie dann nicht Tom Paris, der ist doch ihr Hilfsarzt?“

Der holografische Arzt rollte ungeduldig mit seinen Augen. Eine Eigenart, die von seinem Programmierer tief in seinen Subroutinen verankert worden war und von der er gerne und oft Gebrauch machte.

„Commander, wenn ich so etwas hätte, dann würde ich es Bauchgefühl nennen. Sie waren längere Zeit mit einem der Patienten zusammen. Vielleicht haben Sie etwas von ihm erfahren, das mir helfen kann, den beiden zu helfen.“

Chakotay überlegte nur kurz, dachte an die interessanten Gespräche, die er mit Charly geführt hatte, wie sie sich von Anfang an sympathisch waren und daran, wie sich der Zustand von dem Mann immer mehr verschlechtert hatte, bevor sie durch das Zeitportal gezogen worden. Auch wenn ihm schleierhaft war, wie er hier helfen konnte, wenn es irgendeine Möglichkeit dazu gab, dann musste er es wenigstens versuchen.

Die beiden Männer, die auf der Krankenstation um ihr Leben kämpften, trugen keine Schuld für all das, was mit ihnen und auch der Voyager passiert war. Soviel stand in all dem Chaos, in dem sie sich momentan befanden, fest.

„Ich bin auf dem Weg! Chakotay, Ende!“

Auf der Krankenstation angekommen bot sich Chakotay ein unverändertes Bild. Auf den beiden zentralen Biobetten lagen Charly und Winnetou, beide ohne Bewusstsein und soweit er sich mit den Anzeigen auf den Monitoren über ihren Köpfen auskannte, waren bei beiden die Vitalwerte schlecht, sehr schlecht. Was ihm erst beim zweiten Hinsehen auffiel, dann aber seinen Blick festhielt war, dass die Vitalwerte der beiden Männer nahezu exakt gleich waren. So etwas war eigentlich unmöglich.

Der Doktor riss ihn aus seinen Überlegungen.

„Ich sehe, Sie haben den Kern meines medizinischen Problems bereits erfasst, Commander.“

Chakotay zeigte auf die Monitore.

„Das ist in der Tat außergewöhnlich, aber ich bin mir immer noch nicht im Klaren darüber, wie ausgerechnet ich hier helfen kann.“

Der Doktor hob in einer hilflosen Geste seine Hände.

„Ich weiß es nicht Commander, aber ich komme hier mit all dem medizinischen Wissen, das ich in meiner Datenbank habe, nicht weiter und ich habe die Hoffnung, dass Sie dort, in der Vergangenheit vielleicht irgendetwas erfahren haben, was helfen kann. Was wissen Sie über diesen Mann? Charly!“

Chakotay zeigte in Richtung des kleinen Büros, das durch eine Glasscheibe von der Krankenstation abgetrennt war.

„Lassen Sie uns hinsetzen. Schließlich soll ich mich ja ausruhen und nicht überanstrengen.“

„Ich wünschte, Sie würden meine ärztlichen Ratschläge immer so ernst nehmen, Commander!“

Im Büro des Doktors brauchte Chakotay einen Moment, um zu überlegen, womit er anfangen sollte und was für die Heilung der beiden Männer aus der Vergangenheit wichtig sein könnte. Sein Blick fiel durch das Glas auf die Monitore.

„Es ist eine außergewöhnliche Freundschaft!“, sagte er mehr zu sich selbst.

„Bitte? Was meinen Sie damit, Commander?“

Chakotay schüttelte leicht seinen Kopf.

„Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll. Sie sind Freunde und doch mehr als das. Charly erzählte mir etwas von einer Blutsbrüderschaft und ja, vielleicht sind sie Brüder, obwohl sie das im eigentlichen Sinne dieses Wortes ganz sicher nicht sind. Es war die ganze Zeit über so, als wären Sie durch Raum und Zeit miteinander verbunden. Dieser alte Medizinmann schien das zu spüren und letztlich hat er das genutzt, um uns irgendwie hierhin zurückzubringen. Ich bin mir nicht sicher, inwieweit Ihnen das helfen kann, Doktor. Ich verstehe es selbst noch nicht einmal ansatzweise. Aber in einem Punkt bin ich mir sicher; die beiden verbindet mehr, als wir uns auch nur vorstellen können und darin liegt das Rätsel um ihren Zustand und vielleicht auch ihrer Heilung verborgen.“

Der Doktor blieb auffällig ruhig und Chakotay hatte schon Sorge, dass die Subroutinen des Holograms wieder ausgefallen waren. Gerade, als er an eine nahe Konsole ging, um einen Test laufen zu lassen, meldete sich der Doktor doch zu Wort.

„Das ist nichts, was ich in meiner Datenbank finden kann. Vielleicht habe ich ja wieder eine Fehlfunktion.“

Chakotay lächelte leicht und schüttelte den Kopf.

„Ich bin mir sicher, dass man das in keiner medizinischen oder sonstigen Datensammlung finden kann. Aber Doktor, Sie sind nun schon so lange aktiviert und sind Teil dieser Gemeinschaft geworden. Sie haben über die normalen Programmierungen eines medizinischen Notfallprogramms hinaus schon viel abgespeichert und damit auch gelernt. Sie haben diese Crew kennengelernt und wissen um die außergewöhnlichen Umstände unter denen sie zusammengekommen und nun zusammengewachsen ist. Ich gebe zu, dass keine der Freundschaften, die inzwischen an Bord dieses Schiffes entstanden sind, so tief geht, wie offenbar die, zwischen diesen beiden Männern aus der Vergangenheit, doch Sie sollten Ihnen einen Anhaltspunkt dafür geben, was ich meine. Denken Sie an Tom und Harry, an Tom und B’Elanna, Captain Janeway und Tuvok und ja, auch an Kathryn Janeway und mich oder auch die unzähligen anderen Beispiele aus der Crew. Wir alle sind hier als Fremde, ja sogar als Feinde zusammengekommen und sehen Sie, was daraus geworden ist. Freundschaft, Zusammengehörigkeit, die Bereitschaft füreinander einzustehen und ja, wenn es notwendig ist auch sein Leben für den anderen zu geben. Wir sind eine Gemeinschaft geworden, ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass wir füreinander wie eine Familie sind. Beziehen Sie das in Ihre Daten und Berechnungen zu diesen Patienten mit ein.“

Wieder schien das Hologramm für einige Sekunden in einer Programmschleife hängengeblieben zu sein. Dann erwachte es mit einer kurzen Bildstörung wieder zum Leben.

„Ich erfasse es noch immer nicht ganz. Dieses Konzept ist mir nach wie vor fremd, aber wenn ich Sie richtig verstanden habe und die Daten heranziehe, die ich zur Verfügung habe, dann wollen Sie mir sagen, dass die beiden jeweils voneinander glauben, dass sie den anderen für immer verloren haben und deshalb auch sich selbst aufgegeben haben? Aber das ergibt keinen Sinn!“

Chakotay hob abwehrend seine Hände.

„Sie haben mich um meine Meinung gebeten, Doktor und das ist sie. Nachdem, was ich mit Charly auf der Erde in der Vergangenheit erlebt habe, würde ich sogar noch einen Schritt weitergehen. Die beiden sind irgendwie, auf irgendeine Weise miteinander verbunden. Ob dies mit dieser ominösen Blutsbrüderschaft zusammenhängt oder mit etwas anderem vermag ich nicht zu sagen. Aber es gibt diese überaus starke Verbindung miteinander und da sollten wir hier ansetzen. Können Sie vielleicht einen von den beiden soweit stabilisieren, dass sie ihn aufwecken können?“

Der Doktor überlegte kurz.

„Sie meinen, wenn dem einen bewusst wird, dass sie wieder vereint und einigermaßen in Sicherheit sind, dann könnte das auch dem anderen helfen?“

Chakotay zuckte mit den Achseln.

„Haben Sie eine andere Idee?“

Der Doktor schüttelte den Kopf.

„Nein, habe ich nicht. Deswegen hatte ich Sie ja um Hilfe gebeten, Commander! Für ein Stimulanz kommt allerdings nur der blonde Mann, Charly in Frage. Er zeigt kaum äußere Verletzungen und es gibt keinen medizinischen Grund für seinen derart schlechten Zustand. Bei dem anderen…“, er zeigte auf Winnetou. „…sieht das ganz anders aus. Die Iraluaner haben ihm wirklich übel mitgespielt. Da möchte ich es nicht riskieren, seinen Zustand mit irgendeiner weiteren Aktion wohlmöglich noch zu verschlechtern.“

Chakotay blickte kurz zu dem Biobett, auf dem Charly lag und dann wieder zum Doktor.

„Wird es ihm schaden?“

Der Doktor rollte ungeduldig mit seinen Augen.

„Woher soll ich das wissen? Ich bewege mich hier außerhalb meiner Programmierung! Aber an diesem Punkt bin ich bereit das Risiko einzugehen und meine ethischen Subroutinen melden sich ebenfalls nicht, also sollte es in Ordnung sein.“

„Dann los! Worauf warten Sie noch? Wecken Sie Charly auf!“

Das medizinische Notfallprogramm griff nach einem Hypospray [15] und lud es mit einer starken Stimulanz. Er hielt das metallene Instrument an Charlys Hals und blickte noch einmal zu Chakotay.

„Sind Sie wirklich absolut sicher, dass wir das tun sollen?“

„Haben Sie eine bessere Idee? Dann raus damit! Sie haben mir aber eben noch zu verstehen gegeben, dass wir womöglich beide verlieren, wenn wir nichts tun.“

„Also gut!“

Der Doktor drückte das Hypospray fester an Charlys Hals und drückte auf den Injektionsknopf. Das Spray entlud sich mit einem Zischen und die Stimulanz gelangte direkt in den Blutkreislauf des Patienten.

Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sich die Anzeigen auf dem Monitor über dem Biobett veränderten und wenige Augenblicke später begannen Charlys Augenlider zu flattern.

„Er wacht auf. Er kennt Sie, Commander. Es wäre also gut, wenn Sie die erste Person sind, die er sieht, damit sie ihn ein wenig beruhigen können. Erklären Sie ihm, wo er ist, aber gehen Sie behutsam vor.“

„So wie Sie immer, Doktor?“

Chakotay konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und trat neben das Biobett, auf dem Charly sich nun zu regen begann.

Der Commander stellte dabei verwundert fest, dass Charly ganz ruhig liegenblieb und lediglich minimale Bewegungen mit seinen Händen machte, wie um festzustellen, ob er sie bewegen konnte.

Noch während er sich darüber wunderte, schnellte auf einmal blitzschnell Charlys rechte Hand hoch und packte den ersten Offizier fest an der Gurgel.

„Was hast Du mit mir gemacht? Wo bin ich?“

Zwar klang Charlys Stimme nach der langen Bewusstlosigkeit noch sehr belegt und ein wenig schwach, dennoch ließen seine Worte keinen Zweifel an seiner üblichen Stärke und Willenskraft.

Chakotay versuchte zu antworten, doch der Griff um seine Gurgel war zu fest, so dass nur ein paar unverständliche Laute hervorkamen. Er machte mit seinen Händen beschwichtigende Gesten und Charly lockerte den Griff etwas.

Der Commander holte stockend Luft und hustete. Nach einem Augenblick traute er seiner Stimme wieder.

„Mann, Charly! Ich bin es, Chakotay! Was ist denn in Sie gefahren?“

„Ich habe sehr wohl gesehen, wer da neben mir steht. Die Frage ist – Wer sind Sie wirklich, Chakotay? Und wo haben Sie mich hingebracht? Ich habe Ihnen vertraut!“

Der Monitor über Charlys Biobett begann schnelle Pieptöne von sich zu geben. Schnell war der Doktor ebenfalls zu dem Patienten getreten.

„Wer sind Sie?“, fragte der Westmann, dem inzwischen Schweißperlen auf die Stirn getreten waren und der krampfhaft versuchte dem immer größer werdenden Schwindelgefühl nachzugeben.

„Ich bin das medinzinisch holo…“

Chakotay schritt schnell ein, bevor das Hologramm noch mehr Verwirrung stiften konnte.

„Doktor!“

Der Commander schüttelte nur ganz leicht seinen Kopf.

„Ach so, ja…Ich bin Ihr Arzt und Sie sind mein Patient und als solcher sollten Sie sich jetzt wieder beruhigen. Die Aufregung tut Ihrem Organismus gar nicht gut!“, richtete der Holodoc sein Wort wieder an Charly.

„Sie sehen nicht aus, wie ein Arzt. Wer sind Sie wirklich. Was wollen Sie…Aaahhh!“

Charly griff sich mit schmerzverzehrtem Gesicht an die Stirn.

„Sehen Sie, das haben Sie jetzt davon. Ich habe Ihnen ja gesagt, dass Sie sich beruhigen sollen.“

Der Doktor entlud ein weiters Hypospray an Charlys Hals, bevor dieser überhaupt begriff, was da gerade geschah.

Als er protestieren wollte, spürte er, dass der stechende Kopfschmerz mit einem Mal verschwunden war. Er schloss kurz seine Augen und atmete erleichtert aus.

Die Augen weiterhin geschlossen haltend richtete er sein Wort nun wieder an die beiden Männer, die neben dem Biobett standen.

„Was auch immer Sie da gerade getan haben – es hat geholfen. Das heißt aber nicht, dass ich Ihnen nun vertraue. Also, was ist hier los?“

Charly richtete sich mühsam auf, stützte sich auf seinen Ellbogen ab und sah Chakotay auffordernd an.

Der atmete einmal durch.

„Was ist das letzte, an das Sie sich erinnern können, Charly?“

„Die Höhle, Tatellah Satah!“

Charly blickte sich zum ersten Mal in seiner Umgebung um, dann fiel ihm alles wieder ein.

„Hat es geklappt? Sind wir in Ihrer Zeit, Chakotay? Wo ist Winnetou?“

Chakotay war erleichtert, dass sich der Mann aus der Vergangenheit, endlich ein wenig beruhigt zu haben schien und legte ihm vorsichtig eine Hand auf die Schulter.

„Immer mit der Ruhe, Charly! Ihnen ging es lange Zeit wirklich nicht gut und wir haben uns große Sorgen um Sie gemacht. Der Doktor hier wird Sie kurz noch einmal untersuchen und dann werde ich Ihnen alles erklären. Ok?“

Charly wollte gerade zustimmen, als er zufällig einen Blick zur Seite warf und Winnetou auf dem anderen Biobett liegen sah.

„Winnetou!“

Mit diesem einen Wort war alles ausgesprochen – die Angst der vergangenen Tage, die Sorge um den Blutsbruder, die Freude über das Wiedersehen und wiederum die Sorge um den Zustand des geliebten Freundes.

Danach gab es kein Halten mehr für ihn. Seine eigene Schwäche ignorierend schwang Charly seine Beine über den Bettrand und versuchte aufzustehen.

„Hey, immer langsam! Sie dürfen noch nicht aufstehen. Sie sind viel zu schwach!“

Charly schüttelte die helfenden Hände ab, versuchte kurz, sein Gleichgewicht wiederzufinden und ging dann die wenigen Schritte bis zu dem Bett, auf dem sein Blutsbruder reglos lag.

„Diese Besucher aus der Vergangenheit sind ja sogar noch penetranter als diese Crew und das soll schon etwas heißen! Ich gebe es auf. Gehen Sie zu ihrem Freund, wenn Sie der Meinung sind, dass sie der bessere Arzt sind. Wer achtet hier schon auf mich!“

Chakotay wollte Charly gerade erklären, warum sie ihn aufgeweckt hatten und wie sie Winnetou damit vielleicht helfen konnten. Doch das war gar nicht notwendig, denn Charly erfasste die Situation instinktiv, beugte sich nah zu seinem Blutsbruder hinab und flüsterte ihm beruhigende Worte ins Ohr.

„Ich bin hier, mein Bruder! Es wird alles wieder gut. Wir sind nun wieder zusammen. Was Dir auch angetan wurde. Wir werden es gemeinsam überstehen.“

Chakotay und der Doktor beobachteten die Szene mit einer Mischung aus Anspannung, aber auch Bewunderung für die innige Dringlichkeit mit, der Charly auf seinen Freund einsprach.

Sie mussten sich nicht lange gedulden. Der Doktor wurde zuerst darauf aufmerksam, dass sich die Anzeigen auf dem Monitor über Winnetous Bett zu verändern begangen.

Er stieß Chakotay an und deutete auf den Bildschirm. Dort war selbst für einen medizinischen Laien, wie der Erste Offizier es war, ersichtlich, dass sich die Werte deutlich zu stabilisieren begannen.

„Sie haben Recht gehabt, Commander. Dieses Phänomen muss ich unbedingt in meine Datenbank aufnehmen.“

Chakotay grinste schief und zufrieden.

„Es nennt sich tiefe Freundschaft und Verbundenheit, Doktor. Und es ist sehr, sehr selten!“

+++

Xeman ging in Janeways Bereitschaftsraum, der direkt hinter der Kommandobrücke lag, aufgeregt auf und ab.

Er hatte lange auf den Captain warten müssen, nachdem dieser seltsame holografische Arzt ihn praktisch aus der Krankenstation geworfen hatte. Ein Verhalten, dass ihn sehr irritiert und verärgert hatte.

Nun wartete er hier schon – er wusste nicht wie lange, aber es war definitiv zu viel Zeit verstrichen, seit Janeway ihn mit den Worten „Ich bin gleich wieder bei Ihnen, Xeman.“, in diesem Raum zurückgelassen hatte.

Sie hatte ihn betrogen, dessen wurde er sich immer sicherer, je mehr Zeit verstrich. Sie hatte ihn ausgenutzt, um hierher zurückkehren zu können und würde niemals ihr Versprechen einlösen. Aber da hatte sie sich den Falschen ausgesucht.

Er spürte heiße Wut in sich hochkochen. Wut auf Janeway, die ihn betrogen hatte und Wut auf sich selbst, der dies überhaupt erst zugelassen hatte.

Mit einem Zischen öffnete sich die Tür zu dem Raum, der in den letzten Minuten mehr und mehr zu seinem Gefängnis geworden war.

Janeway trat ein – endlich. Doch sie war nicht allein gekommen. Hinter ihr betrat der erste Offizier den Raum. Was ging hier vor? Sollte er nun gefangengenommen werden?

Er war den Fremden hier hilflos ausgeliefert, aber er würde bestimmt nicht einfach aufgeben.

Er beschloss, dass Angriff stets die beste Verteidigung war und polterte in Richtung des Captains los:

„Sie haben mir versprochen, dass Sie meinem Volk helfen. Nur deshalb sind wir zum Hancockplaneten zurückgekehrt. Mein Volk stirbt, Captain Janeway und Sie hatten offenbar nichts Besseres zu tun, als ein falsches Spiel mit mir zu treiben! Wie konnte ich mich nur so sehr in Ihnen täuschen! Sie halten mich hier gefangen und machen in der Zeit, was sie wollen, anstatt ihr Versprechen einzulösen und nach einer Heilung für die Seuche zu suchen, die mein Volk ausrottet. Sie widern mich an! Ich werde…!“

Janeway trat entschlossen vor den Iraluaner.

„Genug jetzt davon, Xeman!“ Der Ton ihrer Stimme ließ keine Wiederworte zu.

„Ich habe Sie nicht betrogen und werde mein Versprechen halten. Genau genommen arbeitet unser Doktor gerade daran diese Seuche in den Griff zu bekommen. Er musste jedoch zuerst Winnetou stabilisieren, dem Sie wirklich sehr übel mitgespielt haben und dessen Leben in Gefahr war. Jetzt aber kann er sich ganz auf die Erforschung der Seuche konzentrieren. Ich versichere Ihnen, er ist darin schneller und effizienter, als jeder andere Mediziner und ihm stehen dafür sämtliche medizinischen Ressourcen zur Verfügung, die wir hier an Bord haben. Verschonen Sie mich also mit Ihren haltlosen Anschuldigungen! Der Doktor wird seine Arbeit tun und wir haben ebenfalls noch viel Arbeit vor uns, denn auch Sie haben ein Versprechen gegeben. Oder haben Sie das schon vergessen?“

Janeway stemmte ihre Hände in die Hüften und blitzte Xeman aus ihren grünen Augen förmlich an.

Xeman reichte es jetzt langsam mit dieser Frau. Er streckte einen Finger aus und polterte wieder los:

„Niemand wagt es so mit mir zu reden. Niemand – hören Sie?“

Janeway war mit ihrer Geduld dem Iraluaner gegenüber nun auch endgültig am Ende. Im Gegensatz zu Xeman senkte sie ihre Stimme nun aber, was jedoch keinen Deut weniger gefährlich und eindringlich klang:

„Das hier ist mein Schiff und hier rede ich so, wie ich es will, wann ich will und mit wem ich will. Haben SIE das verstanden, Xeman?“

Janeway atmete eine kräftig durch. So kamen sie hier nicht weiter. Eher im Gegenteil. Die ganze Situation drohte ihr zu entgleiten, denn Xeman wollte schon wieder wütend entgegnen.

Der Captain hob beschwichtigend ihre Hände.

„Xeman, hören Sie zu.“, sagte sie in einem wesentlich versöhnlicherem Tonfall, als noch zuvor.

„Mit gegenseitigen Anschuldigungen und wütendem Geschrei kommen wir hier nicht weiter. Damit werden wir keines unserer Probleme lösen und wahrscheinlich sogar noch mehr Probleme schaffen und das will bestimmt keiner von uns.“

Janeway hielt kurz inne und vergewisserte sich mit einem Blick, dass Xeman ihr folgte und einverstanden war.

Dieser gab ihr mit einer knappen Geste zu verstehen, dass sie fortfahren sollte.

„Zunächst einmal danke ich Ihnen für Ihre Geduld. Ich weiß, dass ich Sie sehr lange habe warten lassen und ich entschuldige mich dafür. Wie ich schon sagte, ging es Winnetou und auch dem weiteren Besucher aus der Vergangenheit sehr schlecht, so dass sich unser Doktor zunächst einmal um diese beiden kümmern musste. Nun aber ist seine ganze Aufmerksamkeit auf diese Seuche und die Suche nach einem Heilmittel gerichtet. Er wird sich bestimmt in der nächsten Zeit noch mit Fragen an Sie wenden.“

Xeman unterbrach Sie nun doch.

„Kann ich zu ihm und ihm helfen oder wenigstens dabei zusehen, was er macht und wie er an die Erforschung herangeht?“

Janeway konnte den Wunsch des Iraluaners nur zu gut verstehen, sie hätte ihn an seiner Stelle ebenfalls geäußert, doch sie brauchte Xeman jetzt für ein anderes Problem, das es dringend zu lösen galt. Sie mussten dieses Zeitportal verstehen, um es sicher bedienen und Winnetou und Charly in ihre Zeit zurückschicken zu können und danach mussten sie sich um die Reparatur der Voyager kümmern, damit auch sie und ihre Crew die Heimreise fortsetzen konnten.

„Xeman, wie Sie sicherlich bemerkt haben, ist unser Doktor kein normaler Mediziner. Er ist ein Computerprogramm. Ein sehr hoch entwickeltes Computerprogramm, das mit Hilfe einer Holomatrix in einer menschlichen Gestalt erscheint, um den täglichen Umgang zu erleichtern.“

Als ob irgendetwas den täglichen Umgang mit dem Doktor erleichtert., ging es Janeway kurz durch den Kopf, doch sie ließ sich davon nicht ablenken.

„Das ist der eine Punkt. Viel wichtiger ist jedoch, dass ich Sie für unser anderes Problem dringend brauche.“ Sie winkte Chakotay herbei, der sich bislang im Hintergrund gehalten hatte.

„Das hier ist mein Erster Offizier, Commander Chakotay. Sie haben ihn bereits in der Krankenstation kennengelernt. Er wird zusammen mit mir und Ihnen oder einem Ihrer Leute an diesem Zeitportal arbeiten. Wir müssen verstehen, wie es funktioniert und lernen es sicher zu bedienen. Ich vermute sogar einen Zusammenhang mit der Seuche, von denen ihr Volk befallen ist, so dass wir vielleicht beide Probleme gleichzeitig lösen können. Helfen Sie uns, Xeman?“

Der Iraluaner überlegte nur kurz.

„Selbstverständlich, Captain! Und entschuldigen Sie meinen Ausbruch von eben. Es…“

Er zögerte kurz, nicht sicher, ob er sich der fremden Frau und dem ihm noch fremderen Begleiter so weit öffnen sollte. Auf der anderen Seite wusste sie ohnehin schon über so vieles Bescheid und sie brauchten die Hilfe der Fremden wirklich dringend.

„Es ist schwer seinem Volk, seiner Familie dabei zusehen zu müssen, wie einer nach dem anderen stirbt und nichts dagegen unternehmen zu können. Gleichzeitig erwarten jedoch alle von mir, als ihrem Anführer, dass ich eine Lösung finde und ihnen helfe. Diese Bürde lastet schwer auf mir. Schon eine lange Zeit. Sie haben mir ein wenig Hoffnung gegeben und die glaubte ich nun wieder verloren.“

Janeway legte Xeman ihre Hand auf seinen Arm. Eine Geste, die er nun schon von ihr kannte und die ihm nicht mehr so fremd vorkam, wie beim ersten Mal. Sie hatte tatsächlich etwas tröstliches.

„Ist schon gut, Xeman! Sie brauchen mir nichts zu erklären und ich bin nicht nachtragend. Glauben Sie mir, ich weiß um die Verantwortung und Last, die Sie zu tragen haben. Aber nun lassen Sie uns beginnen, damit wir gemeinsam eine Lösung finden und damit etwas von dieser Last nehmen können.“

Sie setzten sich an Janeways Arbeitskonsole und der Captain forderte Xeman auf das zu erzählen, was er über das Zeitportal wusste.

Der Iraluaner begann davon zu berichten, was die Überlieferungen von der Herkunft ihres Volkes erzählten und warum es laut den alten Aufzeichnungen immer wieder zu Ankömmlingen aus dem Zeitportal kam.

Als er geendet hatte, nickte Chakotay zustimmend.

„Das deckt sich so ziemlich mit dem, was Tatellah Satah über die Höhle im Hancockberg gesagt hat. Die, in dem in der Vergangenheit das Zeitportal liegt.“

Die Köpfe von Janeway und Xeman schnellten in Richtung Chakotay und fast zeitgleich sagten sie:

„Hancock?“

Xeman gab dem Captain durch ein Handzeichen zu verstehen, dass sie fortfahren sollte.

„Chakotay, haben Sie gerade Hancockberg gesagt? Dieser Planet heißt Hancock. Das ist doch richtig, Xeman.“

Der Iraluaner nickte und murmelte:

„Das kann kein Zufall sein. Ich habe immer mehr das Gefühl, dass das alles irgendwie zusammenhängt. Chakotay, Sie sagten, dass in dieser Höhle immer wieder Menschen einfach verschwinden, und dass die dort lebenden Einwohner daran glauben, dass dies so etwas wie Opfergaben an ihren Schöpfer sind oder dass dieser sich einfach Menschen holt, richtig.“

Chakotay nickte.

„Das fasst es ganz gut zusammen. Ja!“

Xeman fuhr fort.

„Unsere Überlieferungen sagen, dass unser Schöpfer uns immer wieder neue Menschen schickt, um uns zu helfen unsere Art zu erhalten. Daher glauben wir auch, dass dies bei der Bekämpfung der Seuche helfen kann.“

In diesem Moment meldete sich das Com-System.

„Doktor an Captain Janeway.“

„Janeway hier, sprechen Sie, Doktor!“

„Captain. Es wäre besser, wenn Sie einmal zur Krankenstation kommen würden und bringen Sie den Iraluaner mit. Ich bin hier auf etwas sehr Interessantes gestoßen, dass ich Ihnen gerne zeigen möchte. Doktor, Ende!“

Janeway rollte mit den Augen und sah zu Chakotay.

„Erinnern Sie mich daran, dass ich B’Elanna den Auftrag gebe, dem Doktor ein paar Manieren einzuprogrammieren, sobald wir das hier überstanden haben.“

Chakotay zwinkerte seinem Captain kurz zu.

„Ich fürchte, dafür ist es zu spät und außerdem würde uns bestimmt etwas fehlen ohne seine bissigen Kommentare und seinen Befehlston.“

Janeway seufzte kurz auf.

„Da haben Sie sicher recht. Lassen Sie uns gehen und hoffen, dass der Doktor gute Nachrichten hat.“

In der Krankenstation angekommen wartete ein offenbar sehr ungeduldiger Doktor auf die drei.

„Was hat Sie solange aufgehalten?“

„Wir sind Menschen, wir erscheinen nicht einfach auf Knopfdruck!“, gab Janeway genervt zurück.

Der Doktor winkte ab.

„Wie dem auch sei. Das sollten Sie sich ansehen.“

Alle schauten angestrengt auf die Anzeigen, doch schon nach kurzer Zeit war es Janeway, die als erste aufgab, dort irgendetwas erkennen zu können, was zu einer Lösung ihrer Probleme beitragen könnte.

„Doktor, ich fürchte ohne eine Erklärung von ihrer Seite, kommen wir hier nicht weiter!“

Das Hologramm nickte zufrieden.

„Darauf habe ich gewartet. Ich mag nur ein Computerprogramm sein, aber ich bin für Sie alle unverzichtbar.“

Janeway reichte es nun.

„Doktor, bitte. Wenn wir nun zur Sache kommen könnten.“

„Aber natürlich.“

Er zeigte auf den Monitor, auf dem verschiedenfarbige Objekte in unterschiedlichen Formen miteinander zu verschwimmen schienen.

„Mir ist es gelungen, den Erreger der Seuche zu isolieren. Es handelt sich um einen Gendefekt, eine Mutation, die in ihrer ursprünglichen Form jedoch in meiner Datenbank verzeichnet ist.“

„Das heißt, Sie haben ein Heilmittel?“, unterbrach ihn Xeman aufgeregt.

Der Doktor verdrehte ungeduldig seine Augen.

„Wenn Sie mich einfach nur ausreden lassen, dann geht es schneller.“

„Doktor, bitte!“, schaltete sich Janeway ein.

Mit einem halb gemurmelten „Ist doch wahr.“, setzte das medizinische Notfallprogramm seinen Vortrag fort.

Wie üblich waren die Ausführungen des Doktors mehr als ausschweifend und so sehr von Fachbegriffen und immer wieder auch von Eigenlob gespickt, dass weder Janeway und Chakoty, noch Xeman auch nur ansatzweise folgen konnten.

Janeway versuchte es mit einer Zusammenfassung dessen, was sie glaubte verstanden zu haben:

„Ok, Sie wollen uns also sagen, dass die Iraluaner sich den Gendefekt durch die Menschen aus der Vergangenheit eingefangen haben, von denen sie eigentlich glaubten, dass diese sie retten können?“

„Das ist sehr vereinfacht ausgedrückt, aber im Prinzip ja. Meine Theorie ist folgende.“

Wieder folgte ein endloser Monolog des Doktors und wieder fasste Janeway zusammen, als das Hologramm endlich aufgehört hatte zu reden.

„Ich danke Ihnen für die…ähm…ausführlichen Erklärungen, Doktor. Damit wir alle sicher sind, Sie richtig verstanden zu haben, möchte ich noch einmal auf die wichtigsten Punkte zurückkommen. Sie glauben also, dass die Iraluaner ursprünglich von der Erde stammen.“

Hier unterbrach der Doktor den Captain bereits:

„Das glaube ich nicht nur, das kann ich sogar genetisch nachweisen.“

Janeway winkte ab, um den Doktor von einem weiteren Wortschwall abzuhalten.

„Wie dem auch sei. Die Iraluaner stammen von der Erde und sind mit den dort lebenden Ureinwohnern Nordamerikas verwandt.“

„Ja, aber…“, wollte der Doktor schon wieder unterbrechen, doch Janeway brachte ihn mit einem gezielten Blick zum Schweigen.

Chakotay grinste verhalten. Er kannte diese Blicke seines Captains nur zu gut und amüsierte sich darüber, dass diese sogar bei einem Hologramm Wirkung zeigten.

„Durch dieses Portal in der Höhle, das sein Gegenstück in einer weiteren Höhle in der Vergangenheit der Erde hat, sind sie irgendwie vor einigen Jahrhunderten hierhergelangt. Wie, das müssen wir noch klären…Sie haben sich auf diesem Planeten niedergelassen, haben ihn Hancockplanet genannt, da die Höhle auf der Erde der Vergangenheit in den Hancockbergen liegt. Es kamen immer mal wieder sporadisch neue Menschen aus diesem Portal auf dem Planeten an und wurden in die Gesellschaft integriert. Dennoch blieb diese Gesellschaft in ihrer Größe überschaubar. Zudem waren die Menschen meist zu einem Stamm zugehörig, da die Höhle auf der Erde der Vergangenheit zu einem bestimmten Stammesgebiet gehörte. Dies hat in der Folge dazu geführt, dass – nun ja – innerhalb der Familienverbände geheiratet und Kinder gezeugt wurden. Es gab keine ausreichende Durchmischung des Genmaterials mehr und dies hat schließlich zu diesem Defekt geführt, der nun bereits einen Großteil der Iraluaner befallen hat und der die von Xeman beschriebenen Symptome schildert. Soweit richtig?“

Während Chakotay und Xeman lediglich nickten, nutzte der Doktor seine Chance, um wieder mit seinem Wissen glänzen zu können.

„Das haben Sie aber jetzt sehr wirklich sehr vereinfacht dargestellt. Also eigentlich ist es ein Defekt, der das Blut angreift oder vielmehr die Blutbildung stört. Von Generation zu Generation verschlimmert sich diese Krankheit, aber…“

Janeway unterbrach ihn abermals.

„Ist schon gut, Doktor. Ich weiß Ihre Arbeit und die schnellen Ergebnisse sehr zu schätzen. Zeit ist hier aber auch der bestimmende Faktor. Die läuft uns und vor allem den Iraluanern davon. Also lassen Sie uns zum Punkt kommen. Können Sie den Iraluanern helfen? Haben Sie ein Heilmittel?“

Der Doktor wedelte mit seinen Armen in der Luft, was bei den nicht ganz stabilen Holoemittern zu Störungen führte und damit das Bild immer wieder in sich zusammenfallen und die Sprache zerstückeln ließ. Insgesamt ein amüsantes Bild, trotz der ernsten Situation. Zumindest sahen das Chakotay und Janeway so und sogar Xeman musste leicht grinsen.

Dennoch trat Janeway an ein Wandpanel heran und versuchte die Energiezufuhr zu den Holoemittern ein wenig zu erhöhen. Nach wenigen Momenten stabilisierte sich die Matrix des Doktors wieder.

Er warf Janeway, die noch immer an dem Wandpanel stand einen Blick zu, der nicht gerade von Dankbarkeit sprach:

„Wie überaus entzückend von Ihnen, ihren medizinischen Offizier wieder in Gang zu setzen. Kann ich nun weitersprechen oder bricht dann hier wieder die ganze Technik zusammen?“

Janeway überlegte kurz, ob sie das Hologramm nicht einfach wieder ausschalten sollte und warf einen kurzen Blick zu Chakotay. Dieser ahnte, was sein Captain dachte und schüttelte fast unmerklich mit dem Kopf.

Sie brauchten den Doktor jetzt und mussten über seine schlechte Laune und sein schlechtes Benehmen hinwegsehen.

Janeway atmete also einmal tief durch.

„Bitte Doktor. Fahren Sie fort. Ihre Matrix sollte nun stabiler sein.“

„Danke. So sagt man doch, oder?“, kam es leicht säuerlich zurück. „Sie hätten auch sofort sagen können, dass es Ihnen nur auf ein Heilmittel ankommt. Natürlich kann ich das heilen. Sehr einfach sogar ich muss nur…“

Dieses Mal war es Xeman, der den Doktor unterbrach und der sich bislang sehr schweigsam im Hintergrund gehalten hatte. Nun aber trat er vor Janeway.

„Sie haben Ihr Wort gehalten und dass, obwohl ich Sie und auch Ihren Freund so schlecht behandelt habe. Wo ist er überhaupt? Ich möchte mich bei Ihnen, aber noch mehr bei ihm entschuldigen für das, was wir ihm angetan haben. Wenn ich daran denke, wie vielen Menschen wir den Tod gebracht haben, weil wir glaubten dadurch unser Leben retten zu können, wird mir übel.“

Janeway legte dem Iraluaner abermals ihre Hand auf den Arm.

„Xeman, ich kann und werde Sie nicht von Ihren Schuldgefühlen befreien. Das, was Sie und offenbar auch schon Ihre Vorfahren getan haben, war von unvorstellbarer Grausamkeit. Ja, sie taten es aus Unwissenheit und in dem guten Glauben, damit ihr Volk zu retten. Doch Leben nehmen, um Leben zu geben, war noch nie eine gute Idee. Dabei fällt mir ein – warum haben Sie mein Leben verschont? Nachdem, was ich von den Ausführungen des Doktors verstanden habe, hätten Sie mein Blut und meine Organe doch ebenso verwenden können, wie die von Winnetou.“

Xeman schüttelte den Kopf, als müsste er erst einmal ein paar störende Gedanken loswerden. Dann sagte er mehr zu sich selbst, als zu Janeway:

„Sie waren unrein!“

„Bitte?“ Janeway konnte ihre Empörung nur mühsam unterdrücken. Das ungeschickt hinter der vorgehaltenen Hand versteckte Lachen von Chakotay war auch nur wenig hilfreich in dieser Situation und brachte dem Ersten Offizier sogleich einen Weiteren von Kathryns Killerblicken ein.

Xeman war eher verwirrt von Kathryns Empörung.

„Ihr Blut, es ist verunreinigt. Es zeigt Verschmutzungen von technischem Fortschritt und Industrie. Es ist deswegen nicht kompatibel. Aber was sage ich da. Wir hatten uns ja ohnehin mit allem geirrt. Also wohl auch damit, dass ihr Blut unrein ist. Machen Sie sich darüber keine Gedanken, Captain.“

Dafür war es nun zu spät, aber das musste nun warten. Es gab dringlichere Probleme zu lösen. Ein Heilmittel war gefunden und konnte laut des Doktors problemlos repliziert werden, wenn die Replikatoren wieder einsatzbereit waren. Blieb noch das Rätsel um die Höhle und das Zeitportal und die Tatsache, dass Winnetou und Charly wieder auf die Erde und in ihre Zeit zurückkehren mussten.

+++

Heißer Wüstenwind wehte über die Ebene und wirbelte den roten Sand, der allgegenwärtig und alles zu bedecken schien, was sich ihm in den Weg stellte, immer wieder auf. Vegetation gab es nicht, zumindest keine, die nennenswert war. Hier und da zeugten vertrocknete Äste und abgestorbene Büsche davon, dass dies nicht immer eine Wüste war, dass es einmal Leben hier gab. Doch das war längst vergessen – es gab keine Erinnerung mehr an Leben – nur an Vernichtung, Tod und Leere. Nichts!

Es gab nichts, an dem man sein Auge festmachen konnte. Nur roten Sand und einen endlosen Canyon, der das Land in zwei Hälften zu teilen schien.

Am Rand dieses Canyons stand ein Mann, dessen langes schwarzes Haar immer wieder von dem böigen Wüstenwind verweht wurde. Doch das schien ihn nicht zu stören. Er blickte einfach nur starr geradeaus, als ob er erwartete dort etwas zu sehen. Doch es gab nichts zu sehen.

Er war in seiner eigenen Welt versunken.

Einer längst vergangenen Welt.

Einer Welt, die nun für ihn nicht mehr existierte. Nicht erreichbar war.

Und während er in den Sonnenuntergang blickte, dessen letztes rotes Glimmen am Horizont zu sehen war, ging hinter ihm die zweite Sonne des Planeten auf und brachte das Licht des Tages zurück, das hier immerwährend war.

Winnetou war so in Gedanken versunken, dass er den Mann gar nicht bemerkte, der sich ihm vorsichtig genähert hatte. So erschrak er ein wenig, als er plötzlich die Stimme seines Blutsbruders hörte und seine starke Hand auf seiner Schulter spürte.

„Woran denkt mein Bruder?“

Winnetou brauchte einen Moment, um die Gedanken, die wie Staubkörner im Sonnenlicht durch seinen Geist tanzten zu fassen.

„Winnetou kann nicht aufhören daran zu denken, dass nichts von dem, was wir bereits getan haben und vielleicht noch tun werden eine Rolle spielen wird. Die Menschen werden nie in Frieden leben. Es wird immer Krieg herrschen. Winnetou fragt sich, ob er überhaupt zurückgehen oder einfach hierbleiben und darauf warten soll, dass die Lebenskraft seinen Körper verlässt.“

Old Shatterhand fasst noch fester zu und drehte Winnetou zu sich herum.

„Was redest Du da, Winnetou?“

Winnetou versuchte sich aus dem festen Griff seines Blutsbruders zu befreien. Es war aber nur ein halbherziger Versuch, den er nach wenigen Augenblicken schon wieder aufgab.

„Es hat keinen Sinn, Sharlih! Nichts hat mehr einen Sinn! Wofür sollen wir noch kämpfen, wenn wir doch nun wissen, dass sich selbst in vielen, vielen hundert großen Sonnen nichts ändern wird?“

Old Shatterhand löste seinen Griff um Winnetous Oberarme und blickte einen Moment zu Boden, um sich zu sammeln.

Es war schwer für ihn, seinen Blutsbruder so mutlos zu erleben. Das, was sie stets verbunden hatte, war der gemeinsame Kampf gegen Unrecht und Verrat und für einen friedlichen Weg des Zusammenlebens.

Er glaubte noch immer daran, dass sie sehr wohl etwas bewirkt hatten und noch bewirken konnten, auch wenn es in der Zukunft noch immer Kriege gab.

Das, was Chakotay ihm erzählt hatte, trug jedoch auch Hoffnung mit sich. Hoffnung, die er nun mit seinem Blutsbruder teilen musste, um diesen aus dem Strudel der dunklen Verzweiflung zu befreien, in den er gefallen war.

„Ist Dir aufgefallen, dass Chakotay ein Mann Deines Volkes ist?“

„Winnetou hat es bemerkt, doch was zählen Einzelne, wenn ein ganzes Volk vernichtet wurde? Mein Volk, für das ich mein ganzes Leben lang gekämpft habe. In den letzten Jahren mit meinem Blutsbruder an meiner Seite. Ein Kampf, der so kämpfenswert erschien und nun so sinnlos erscheint.“

„Du solltest Dich mit ihm unterhalten. Er darf nicht viel erzählen, doch dass, was er zu berichten hat, gibt Anlass zu Hoffnung. Es ist nicht alles so düster, wie es Dir nun erscheint. Die Zukunft hält viel Gutes bereit. Für Dich und für mich. Wir dürfen nur unseren Glauben daran nicht verlieren, so schwer das auch manches Mal fällt.“

Ein sanftes Lächeln zeigte sich auf Ws Zügen, die von der Misshandlung durch die Iraluaner noch immer gezeichnet waren.

„Mein Bruder sieht noch immer das Gute in allem und jedem und er ist nicht müde geworden, Winnetou immer wieder darauf hinzuweisen und ihn damit auf den Pfad der Hoffnung zurückzuführen. Mein Bruder mag ohne Sorge sein. Winnetou hat nie vorgehabt, zurückzubleiben. Er könnte sein Volk niemals verraten und allein lassen.“

Old Shatterhand klopfte seinem Freund auf die Schulter.

„Das weiß ich doch, Winnetou. Manchmal braucht eben jeder von uns einmal ein paar Minuten, in denen er sich den hoffnungslosen Gedanken hingeben kann, um dann den Weg in die Zukunft wieder sehen zu können und Freunde sind dazu da, den Weg zu markieren. Jetzt lass uns gehen und schauen, ob unsere neuen Freunde schon einen Weg zurück für uns gefunden haben. Dort wartet nämlich Dein weiser Berater Tatellah Satah auf uns.“

Winnetou sah seinen Blutsbruder erstaunt an.

„Scharlih hat mit Tatellah Sata gesprochen?“

„Nicht nur das. Er hat mir und Chakotay geholfen hierher zu kommen.“

„Aber…!“

Old Shatterhand klopfte seinem Freund sanft auf die Schulter.

„Ich kann es auch nicht erklären, aber wenn dieses Wunder passieren konnte, dann können noch ganz andere Wunder geschehen! Lass uns durch dieses Portal in unsere Welt und unsere Zeit zurückkehren. Nur so können wir erfahren, was das Leben noch für uns bereithält.“

+++

„Es ist ein natürlich auftretendes Phänomen und keine gewollte Konstruktion? Habe ich Sie da richtig verstanden, B’Elanna? Sind Sie ganz sicher? Harry, sind Sie der gleichen Meinung?“

Die Chefingenieurin war zusammen mit Harry Kim sofort zum Captain geeilt, nachdem sie dem temporalen Phänomen in der Höhle endlich auf die Spur gekommen waren.

Es war eigentlich weniger das Resultat der intensiven Forschung, als ein großer Zufall gewesen, doch am Ergebnis änderte das nichts.

Beide Offiziere nickten. B’Elanna übernahm es dem Captain zu antworten:

„Wir sind uns absolut sicher, auch wenn wir zugegebenermaßen nur zufällig auf die Lösung gestoßen sind. Besser gesagt gebühren die Lorbeeren hier Harry.“

Der junge Fähnrich wurde ein wenig rot. Ein Lob der Chefingenieurin war ungefähr so selten, wie ein Barren Latinum [29], den man von einem Ferengi [30] geschenkt bekommt.

„Harry hatte die Idee, den Scan der Höhle, um eine zeitliche Komponente in Relation zum Stand der beiden Sonnen zu setzen. Ehrlich gesagt waren wir mit unseren Optionen am Ende, also warum nicht das ausprobieren. Wie ließen diesen Scan nebenbei laufen und vor zehn Minuten schlug er an. Es ist ein periodisch auftretendes temporales Phänomen. Ein Tunnel der Zeit und Ort überbrückt, aber immer genau in diesem Moment stabil ist. Die Zeit schreitet dabei in der Vergangenheit der Erde immer genauso voran, wie hier. Heißt, wenn wir unsere Gäste zurücksenden, werden sie wieder dort landen, wo sie hergekommen sind. Es wird aber genau die Zeitspanne verstrichen sein, die auch hier verstrichen ist.“

Janeway schüttelte leicht ihren Kopf und hob ihre Hand.

„Eins verstehe ich dann aber nicht. Xeman sagte mir, dass sie benachrichtigt werden, sobald jemand aus der Vergangenheit hierher transportiert wurde und er sagte, dass es nicht möglich sei, das Portal auch für einen Transport von hier aus in die Vergangenheit zu nutzen und dass es sich bei Chakotay wohl um eine Fehlfunktion gehandelt habe.“

B’Elanna nickte.

„Das hat uns auch gestört und deshalb haben wir mit Xeman gesprochen, der uns an seinen Ingenieur verwiesen hat. Die Iraluaner bekommen eine Meldung über einen Transport, weil es in der Höhle einen Sensor gibt, der auf Lebenszeichen reagiert. Wir haben das überprüft und den Sensor gefunden. Sie glaubten bislang, dass das Portal nur in eine Richtung genutzt werden kann, weil sie immer kurz nach einem Transport hier waren und das Portal dann wieder geschlossen war. Noch nie ist jemand von ihnen hineingezogen worden. Daraus ergab sich über die Jahre, dass das Portal nur in eine Richtung funktioniert. So haben wir uns das zumindest zusammengereimt.“

Janeways Gesicht erhellte sich.

„Sie sagen es ist stabil?“

B’Elanna nickte.

„Wann öffnet es sich wieder?“

„In drei Stunden!“

+++

Janeway und Chakotay standen Winnetou und Old Shatterhand in der Höhle gegenüber. Zehn Minuten noch, bis das Portal aktiv wurde. Zehn Minuten, um fünf Jahrhunderte zu überbrücken.

Janeway reichte Old Shatterhand ihre Hand, der diese ergriff. Winnetou und Chakotay musterten sich indes intensiv.

„Ich wünschte, ich hätte Sie besser kennenlernen dürfen, Charly!“

„Ich wünschte, ich hätte mehr über die Zukunft erfahren können!“, gab dieser mit einem Lächeln zurück.

Janeway hob tadelnd den Zeigefinger.

„Das dürfen wir nicht. Wir dürfen Ihnen nichts erzählen. Eigentlich haben Sie schon viel zu viel erfahren und gesehen und ich kann nur hoffen, dass dies nicht geschadet hat.“

Old Shatterhand seufzte.

„Ich weiß, Chakotay hat es mir erklärt. Ich habe zwar nicht alles verstanden, aber genug, um zu wissen, dass es sicher besser ist, wenn wir nicht erfahren, was die Zukunft für uns bereithält.“

Janeway hielt auch Winnetou ihre Hand hin, der sie nach kurzem Zögern ergriff.

„Es tut mir leid, was Sie durchmachen mussten. Es ist nicht alles schlecht in unserer Welt. Das müssen Sie mir glauben. Ich wünschte, ich hätte Ihnen das zeigen können.“

„Winnetou glaubt es auch so. Er hat sein Leben Kathryn Janeway zu verdanken. Sie hat sich für ihn eingesetzt und gekämpft. Das wird er nie vergessen.“

Es entstand ein betretendes Schweigen. Keiner wusste, was es noch zu sagen gäbe.

Winnetou war es dann, der sein Wort an Chakotay richtete:

„Gibt es in Ihrer Zeit noch mehr unseres Volkes, die wichtige Ränge bei den Bleichgesichtern bekleiden, so wie Chakotay es tut?“

Es war eine indirekte Frage nach der Zukunft seines Volkes und wer konnte ihm das schon verdenken.

Auch Chakotay wusste, worauf der Häuptling hinauswollte. Er überlegte kurz, was er antworten konnte, ohne zu viel zu verraten. Sein eigener Stamm war vor langer, langer Zeit von der Erde geflohen, um auf Dorvan V das Leben führen zu können, das schon ihre Vorfahren geführt hatten, doch das konnte er unmöglich verraten. Doch wollte er Winnetou auch nicht anlügen.

Er sah dem Mann aus der Vergangenheit fest in die Augen und hoffte, dass dieser auch ohne viel Worte verstand:

„Es gibt einige, die in der Sternenflotte Offiziersränge bekleiden oder im zivilen Leben hohe Ämter innehaben, doch es nicht die Regel.“

„Winnetou versteht, was Chakotay ihm sagen will und er dankt ihm für seine Offenheit.“

Beide Männer nickten sich noch einmal zu.

Janeway ergriff das Wort.

„Chakotay, kommen Sie. Wenn wir nicht ebenfalls in der Vergangenheit landen wollen, dann sollten wir jetzt gehen!“

+++

Janeway und Chakotay standen noch eine Weile vor der Höhle. Einige Lichtblitze, die ihren Weg bis zum Eingang fanden und ein kalter Hauch, der plötzlich hinauswehte, sagte ihnen, dass sich das Portal geöffnet hatte.

„Glauben Sie, dass sie gut ankommen?“, fragte Janeway mit einem Mal besorgt.

„Sie sind die Wissenschaftlerin, also sagen Sie es mir. Ich glaube übrigens nicht, dass man das hier alles mit Sternenkonfiguration und Zufall erklären kann. Ich bin selbst durch dieses Portal gegangen und zwar mit Hilfe eines alten, weisen Mannes, der es für mich und Charly geöffnet hat. Ich glaube aber auch, dass die beiden wohlbehalten zurückgekommen sind. Aber nicht, weil das irgendjemand berechnet hat, sondern weil sie daran geglaubt haben, dass sie zurückkommen und weil sie wussten, dass sie zurückgehen mussten.“

Janeway sah Chakotay zweifelnd an.

„Ist das ihr Ernst?“

„Das ist mein voller Ernst, Kathryn. Es gibt mehr Dinge auf dieser Welt und auf allen Welten, als wir uns vorstellen können und erst recht, als das was uns Messgeräte und Sensoren zeigen. Ich war dabei, als Winnetou allein aus tiefer Verbundenheit und Freundschaft zu Charly wieder aus dem Koma erwacht ist und sich erholt hat. Sie selbst haben gesehen, wie sich ihre Lebenszeichen aneinander anglichen, nachdem sie wieder zusammen waren. Das alles kann man doch nicht mit wissenschaftlicher Theorie erklären. Außerdem waren mit mir und Charly noch zwei weitere Männer in der Höhle und die sind nicht mit uns hierhergekommen.“

Janeway lächelte ihren ersten Offizier an, der ihr zuzwinkerte.

„Sie haben bestimmt recht Chakotay und Sie haben mir schon oft gezeigt, dass es da, wo die Grenzen der Wissenschaft sind, noch weitergeht und wer weiß – vielleicht waren wir hier Zeuge davon, wie das wieder geschehen ist. Eines steht für mich sowieso fest, wir hatten zwei bemerkenswerte Männer zu Gast auf der Voyager.“

+++

Computerlogbuch der USS Voyager, Captain Janeway, Sternzeit…ach was weiß ich. Fünfhundert Jahre, nachdem Winnetou und Old Shatterhand gelebt haben, die hoffentlich wohlbehalten wieder in ihre Zeit und auf die Erde zurückgekehrt sind.

Ich kann nicht aufhören, an diese beiden Männer zu denken. Auch wenn sie nur kurze Zeit unserer Gäste waren, so haben sie doch einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen.

Heute werden wir Abschied nehmen vom unwirtlichen Hancockplaneten, der nun für so viele Wochen unser unfreiwilliges Zuhause war.

Die Iraluaner haben uns, wie vereinbart, im Gegenzug für das Heilmittel, welches der Doktor gefunden hatte und das wir in ausreichender Menge replizieren konnten, Material für die Reparatur der Voyager gegeben.

Zwar hinkt das gute Schiff mehr, als dass es fliegt, aber sie ist wieder im All und gleich werden wir den Orbit verlassen.

Mein letzter Gruß gilt Winnetou und Old Shatterhand.

+++

[15] Hypospray: Ein Hypospray ist ein Injektionsgerät, das Medikamente mit Hochdruck durch die Haut in den Blutkreislauf bringt.

[29] Latinum: Latinum ist ein Material, welches einen sehr hohen Wert hat, weil es nicht replizierbar ist. Es wird hauptsächlich von den Ferengi als Zahlungsmittel angesehen und in Goldbarren gepresst, da es bei normaler Umgebungstemperatur flüssig ist.

[30] Ferengi: Die Ferengi sind eine humanoide Spezies, deren Heimatwelt der Planet Ferenginar im Alpha-Quadranten ist. Sie sind organisiert in der sogenannten Ferengi-Allianz. Die Grundlage ihrer Gesellschaft bildet das Streben nach Profit.
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