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Vergangene Zukunft

von Adrimeny
CrossoverAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
Old Shatterhand Winnetou
01.01.2019
03.09.2020
21
64.965
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08.11.2019 3.295
 
Wir beschlossen am nächsten Morgen nach Sonnenaufgang an den Hancockberg zurückzukehren und legten uns dann, so gut es eben in der Kälte möglich war, zum Schlafen nieder. Zuvor hatten wir noch die Wachen ausgelost. Chakotay durfte die erste Schicht übernehmen, Tatellah Satah und der Siuox würden zusammen wachen und ich war als Letzter an der Reihe.  Ob wohl ich hundemüde war, wollte sich der Schlaf nicht einstellen. Um die anderen Männer in ihrer Nachtruhe nicht zu stören, bemühte ich mich krampfhaft still liegen zu bleiben. Bilder, irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit, huschten an meinem inneren Auge vorbei. Winnetou und ich als junge Männer am Tag unserer Blutsbrüderschaft, bei der Jagd, während eines Frühlingsfestes. Ich sah Winnetou über Parranoh gebeugt, um ihm die Haarlocke zu nehmen, hörte ihn in mageren Worten von Ribanna sprechen, sah ihn schließlich, von der Kugel getroffen  zusammenbrechen.

Hastig richtete ich mich auf und barg das Gesicht in den Händen. Nein, ich wollte nicht hier liegen und mich von Erinnerungen quälen lassen. Ich erhob mich und setzte mich zu Chakotay ans Feuer. Ohne etwas zu sagen, füllte er Kaffee in einen Becher und reichte ihn mir, schweigend schlürften wir das heiße Getränk.

„Morgen werden wir mehr wissen,“ Chakotay sprach langsam, ohne den Blick von den Flammen zu nehmen.

„Fürchtest Du Dich?“

Chakotay hob die Schultern. „Ich weiß es nicht. Ich freue mich, meine eigenen Leute wiederzusehen und ich fürchte mich vor dem, was wir dort finden werden.“

„Du glaubst also, es wird den Medizinmännern gelingen, die Türe zwischen den Welten zu öffnen?“

Jetzt blickte Chakotay mich an und ich erschrak vor der Hoffnungslosigkeit in seinem Blick.

„Ich muss es glauben. Verstehst Du das?“

„Oh ja, ich verstehe das sehr gut. Auch ich wünsche mir, dass dieser Albtraum endlich, endlich ein Ende hat….“

Chakotay maß mich mit aufmerksamen Blicken, so als suche er nach einer Antwort auf eine Frage, die er nicht gestellt hatte.

„Ich will nicht neugierig sein, Charley. Aber was verbindet Dich mit Winnetou?“

„Wir sind Blutsbrüder…..,“ antwortete ich leise.

„Und darüber hinaus?“

„Darüber hinaus? Ich verstehe nicht.“

Chakotay zögerte kurz, bevor er fortfuhr. „Eure Verbindung besteht über Raum und Zeit hinweg. Ich habe gehört, dass es eine solche Verbindung geben kann, wenn Menschen ihre Seelen miteinander verbinden…“ Chakotay senkte den Blick, „Ihre Seelen und ihre Körper…“

Ich fuhr zusammen, als hätte er mich geschlagen und spürte, wie ich rot anlief.

„Wie kannst Du so etwas denken? Winnetou und ich sind Freunde und Blutsbrüder in allen Ehren! Niemals, niemals würden wir daran denken einander etwas anderes zu sein!“

Ein schwaches Lächeln huschte über Chakotays Gesicht.

„Ach ja, ich vergaß. Im 19. Jahrhundert galt die Liebe zu einem gleichgeschlechtlichen Partner ja als Todsünde und war strengstens verboten. Bitte verzeih, dass ich so etwas Dummes gefragt habe.“

Aber meine Neugierde, die von der Sorge um den Häuptling ganz in den Hintergrund gedrängt worden war, war plötzlich wieder erwacht.

„Erzähl mir von der Zeit, in der Du lebst. Was macht ihr auf der guten, alten Erde, wenn ihr nicht gerade mit dem…Raumschiff…. durch die Gegend fliegt?“

Chakotay schloss die Augen und begann zu erzählen.

„Wir machen wahrscheinlich Vieles, was auch heute noch getan wird. Wir essen und trinken, wir schlafen, wir lieben, wir zeugen Kinder, gründen eine Familie. Wir auf der Erde leben nach wie vor in den meisten Fällen monogam, aber es gibt auch Gruppierungen, bei denen der Mann oder die Frau mehrere Partner haben. Du warst über meine Frage von vorhin entsetzt, nicht wahr? Du nickst, ich habe nicht darüber nachgedacht, Charley. Aber im 23zigsten Jahrhundert ist Vieles ganz selbstverständlich, was In Deiner Zeit noch verboten ist, so auch die Eheschließung zwischen Frau und Frau und Mann und Mann.“

Ich hatte an dieser Information eine Weile zu kauen, wusste ich doch aus Erzählungen meines Vaters, der selbst Zeuge einer solchen unerlaubten Verbindung zwischen zwei Männern geworden war, dass beide zum Tode verurteilt wurden.

„Die Frauen haben die gleichen Rechte wie die Männer?“

„Oh ja, natürlich. Sie können jeden Beruf ergreifen, den sie erlernen möchten. Um ehrlich zu sein, es gibt sehr viele Frauen in Führungspositionen. Und sie machen ihre Sache ziemlich gut, oft besser als wir Männer.“

„Aber wer hütet die Kinder, wenn die Frauen arbeiten?“

Chakotay zuckte die Schultern.

„Dafür gibt es Einrichtungen. Dort kümmern sich Männer und Frauen um das Wohlergehen der Kleinen. Das ist überhaupt kein Problem.“

„Gibt es die großen Städte auf der Erde noch?“

„Oh ja! Das Hauptquartier der Sternenflotte ist in San Franzisko.  Aber es gibt noch viele, die es auch schon damals, ich meine jetzt, gab, äh gibt..“

„Was ist aus den Apachen geworden?“

Chakotay runzelte die Stirn und kratzte sein geschichtliches Wissen zusammen. Was wusste er überhaupt noch von diesen längst vergangenen Tagen und, wichtiger noch, was durfte er davon verraten?

„Weißt Du, es gibt diese Rassentrennung, diese Diskriminierungen wie damals,….äh heute, nicht mehr. Wir sind es gewohnt durch andere Galaxien zu reisen und treffen da auf Lebewesen, die ganz anders aussehen als wir Menschen von der Erde. Es spielt keine Rolle mehr, ob jemand schwarz, rot, weiß oder gelb ist. Alle Menschen haben die gleichen Rechte. Aber unten in New Mexiko, dort wo das Wald – und Hügelland beginnt, gibt es ein großes Erholungsgebiet, die Mescalero Apache Reservation. Ich war selbst schon dort.“

„So ist das Volk der Apachen nicht ganz in Vergessenheit geraten, das wird meinen Blutsbruder freuen…. Ist die Reservation mit der Eisenbahn zu erreichen?“

Chakotay schien sich ein Lachen zu verkneifen.

„Mit der Eisenbahn? Nein, Charley, es gibt keine Eisenbahnen mehr auf der Erde. Es gibt fliegende Shuttles, mit denen wir uns innerhalb der Städte bewegen und größere Entfernungen überwinden. Das kannst Du notfalls mit fliegenden Kutschen vergleichen. Die sehen zwar ein bisschen anders aus, aber so hast Du in etwa eine Vorstellung.“

Fliegende Kutschen, heilende Stäbe, wissende Kästchen, es war verwirrend, aber es war auch unendlich interessant.

Ich griff nach einem kleinen Ast und drückte ihn Chakotay in die Hand.

„Kannst Du so eine fliegende Kutsche in den Sand zeichnen? Ich wüsste zu gern, wie esie aussieht!“

Chakotay zeichnete mit schnellen Strichen ein flaches Etwas in den Sand, das ich zweifelnd betrachtete.

„Und mit diesem….Ding…. kann man fliegen?“

„Oh ja! Und zwar sehr, sehr schnell. Mit diesem ….Ding…., erreicht man innerhalb weniger Minuten alle Orte auf der Welt.“

„Erzähl mir mehr von Deiner Welt,“ bat ich. „Ich würde sie gerne einmal sehen!“

Chakotay ging nicht darauf ein, aber er erzählte mir von Wunderdingen, die mir der Fantasiewelt entsprungen zu sein schienen, dann wieder von Gerätschaften, die mir so wunderbar vertraut vorkamen. Bei alldem wurde mir aber immer deutlicher, dass Chakotay auf viele Ereignisse nicht näher einging oder meinen Fragen bewusst auswich. Zu gern hätte ich bei der einen oder anderen Erzählung nachgehakt, um Näheres zu erfahren, aber ich unterließ es dann doch. Vielleicht war es ganz gut, nicht alles zu wissen. Seit einiger Zeit schmerzte auch mein Kopf auf sehr unangenehme Weise und so war ich einigermaßen erleichtert, als Chakotay gähnte und sagte, er wolle aber jetzt doch eine Mütze voll Schlaf nehmen und die beiden Medizinmänner wecken, damit sie die Wache übernehmen konnten.

Nach einer unruhigen Nacht, in der ich in meinen Träumen immer wieder Winnetou sah, der an einen Marterpfahl gebunden, die schlimmsten Qualen und Schmerzen ertragen musste, Winnetou, der meinen Namen rief und verzweifelt gegen seltsam gesichtslose Wesen, mit Armen und Beinen aus Schläuchen, kämpfte, übernahm ich die letzte Wache. Was mit Kopfschmerzen am vergangenen Abend begonnen hatte, breitete sich langsam auf meinen ganzen Körper aus. Arme und Beine fühlten sich an, als hingen Bleigewichte daran. Aber ich nahm mich zusammen und nach einem kurzen Frühstück brachen wir auf. Wir würden die Höhle am Hancock am späten Nachmittag erreichen und dann auch sofort versuchen, die Zeitanomalie zu durchbrechen.

Leider meinte das Schicksal es nicht so gut mit uns, denn um die Mittagszeit erblickten wir am Horizont viele dunkle Punkte, die schnell größer wurden und sich als Reiter entpuppten. Es waren Indianer und, wie ich unschwer erkannte, gehörten sie zur Gruppe der Hunkpapa-Sioux.

Tahca Ushte bestätigte das auch umgehend, indem er vor sich hinmurmelte: „Gall, das ist Häuptling Gall!“

Mittlerweile hatte sich zu meinen Schmerzen auch noch eine schreckliche Übelkeit gesellt und ich musste mich der Tatsache stellen, dass ich wohl krank war. Aber dies war jetzt wirklich nicht der geeignete Augenblick dazu und so riss ich mich denn krampfhaft zusammen, damit meine Gefährten nichts davon mitbekamen.

Tahca Ushte begrüßte den Häuptling mit der traditionellen Handbewegung, indem er seine rechte Hand zum Herzen führte. Gall erwiderte den Gruß eher lässig.

„Was tust Du hier?“ fragte er beinahe unfreundlich. „Solltest Du nicht am Hancock auf meine Rückkehr warten?  Und welche Bleichgesichter befinden sich bei Dir?“

Bei den Indianern galt es als sehr unhöflich, so mit der Tür ins Haus zu fallen und ich betrachtete den Häuptling einigermaßen erstaunt. Gall mochte etwa in meinem Alter sein. Das einstmals dunkle Haar, in zwei straffe Zöpfe geflochten, war jetzt beinahe weiß. Das Gesicht des Häuptlings trug angenehme Züge, aber die dunklen Augen blickten hart und empathielos in die Welt. Ich suchte in meinem schmerzenden Kopf nach den spärlichen Informationen, die ich über Gall hatte. Der Kriegshäuptling der Hunkpapa war an der Seite von Sitting Bull aufgewachsen, nachdem er früh Waise geworden war. Zwar war Gall ein guter Krieger, stand aber zeitlebens im Schatten des großen Tatanka Yotanka, dem er sich immer wieder unterordnen musste. Gall eilte der Ruf eines machtbesessenen Kriegers voraus, der kompromisslos die weißen Goldsucher in den Black Hills und die Siedler in den Prärien bekämpfte. Ich erlaubte mir einen innerlichen Seufzer. Diese ganze Reise stand wahrlich nicht unter einem guten Stern.

Chakotay hielt sich dicht neben mir und hauchte: „Wer ist der Kerl? Und was will er? Macht er und Schwierigkeiten?“

„Ich hoffe nicht!“ erwiderte ich leise. „Lassen wir den Medizinmann erst einmal reden.“

„Was sagt er denn? Ich verstehe kein einziges Wort!“

„Natürlich nicht! Sie reden ja auch in der Sprache der Siuox miteinander!“

Tahca Ushte hatte Gall inzwischen gestenreich auseinandergesetzt, wer seine Begleiter waren und was wir wollten. Gall musterte uns einigermaßen finster.

„Du bist Old Shatterhand?“ fragte er schließlich, sich immer noch seiner eigenen Sprache bedienend.

„Ja!“

„Winnetou hat den Angriff der Ogellalah überlebt?“

„Ja!“

„Und nun ist er durch das verborgene Tor im Mund des Hancock gegangen?“

„Ja!“

Gall nickte vor sich hin.

„Du willst ihm folgen? Und ihn zurückholen?“

„Ja, das will ich!“ bekräftigte ich und konnte nicht verhindern, dass meine Stimme seltsam schwach und unsicher klang, was mir ein paar besorgte Blicke Chakotays und Tahca Ushtes einbrachte. Tatelllah Satah aber saß mit unbewegtem Gesicht im Sattel seines weißen Hengstes. Der weite Umhang mit Kapuze verbarg das lange weiße Haar. Er hielt den Kopf gesenkt, so dass auch sein Gesicht kaum zu erkennen war.

„Selbst ein Old Shatterhand wird an dieser Aufgabe scheitern,“ meinte Gall verächtlich. „Aber er mag es immerhin versuchen. Dann können die Blutsbrüder gemeinsam an den Pfählen der Sioux sterben.“

Jetzt drängte Tatellah sein Pferd zwischen Chakotay und mich und richtete mit klangvoller Stimme das Wort an den Kriegshäuptling.

„Niemand wird in meiner Gegenwart irgendjemanden am Pfahle martern. Ihr mögt eure Kinderkriegsspiele spielen, wenn ihr alleine seid. Siehst Du denn nicht, wie wichtig es ist, einen Zugang zu jener verborgenen Welt zu finden? Hat nicht auch Tahca Ushte, euer Medizinmann berichtet, dass immer wieder Krieger dort verschwinden und nie wiederkehren? Siehst Du denn nicht, dass einzig die Verbindung zwischen Winnetou und Old Shatterhand uns den Weg dorthin öffnen kann? Willst Du nicht wissen, wohin dieser Weg führt?“

Gall verbeugte sich ehrfürchtig.

„Gall grüßt den Geheimnismann. Verzeih, dass ich Dich nicht sofort erkannt habe. Willst Du am Hancock mein Gast sein?“

Tatellah musterte den Hunkpapa streng.

„Mein Sohn, meine Begleiter und ich sind gerne Deine Gäste. Ich hoffe doch, auch sie sind Dir willkommen?“

Diese Wendung war Gall gar nicht recht, aber er gab zähneknirschend nach und ich konnte nicht umhin, den Einfluss zu bewundern, den Tatellah Satah auf den Häuptling hatte.

„Also gut, reiten wir zum Hancock. Dort kannst Du dann erklären, wie ihr den Mund in jene andere Welt öffnen wollt.“

Die Worte Galls hallten in meinen Ohren und in meinem Kopf nach. Ich blinzelte, um wieder klar zu sehen, denn plötzlich tanzte ein zweiter Gall vor meinen Augen herum. Die ganze Welt schien plötzlich zu schwanken, die Übelkeit wurde übermächtig und zu meinem Erstaunen konnten meine Hände die Zügel nicht mehr halten. Mein Bewusstsein funktionierte, ich wusste ganz genau, dass ich langsam aus dem Sattel rutschte, hörte ganz deutlich den erschrockenen Ruf Chakotays und fühlte die Hände, die hilfreich nach mir griffen.

„Weicht zur Seite,“ befahl Tatellah Satah. „Lasst mich sehen, was Old Shatterhand fehlt!“

Kühle Hände tasteten nach meinem Puls, fühlten meine Stirn.

„Seit wann fühlt Old Shatterhand sich krank?“ fragte der Geheimnismann. „Und warum hat er nichts gesagt?“

„Es geht schon wieder,“ murmelte ich. „Helft mir beim Aufsitzen. Ich will zu Winnetou! Er braucht mich, das weiß ich gewiss!“

Tatellah sah mit gerunzelter Stirn auf mich hinunter.

„Du glaubst, Du fühlst Dich krank, weil Du seine Schmerzen spürst?“

„Ja, bitte lasst uns keine Zeit verlieren. Winnetou geht es sehr schlecht. Bitte!“

Wieder stieg würgende Übelkeit in mir hoch. Rote Nebel wallten vor meinen Augen, als ich mich mit Hilfe Chakotays mühsam aufrichtete.

„Du kannst so nicht reiten!“ Tahca Ushtes Stimme klang energisch. „Chakotay mag Old Shatterhand mit seinem Zauberstab gesund machen!“

„Das kann ich nicht!“ wehrte Chakotay erschrocken ab. „Ich weiß ja nicht, woran Old Shatterhand leidet!“

Ich schüttelte den Kopf, um den Schwindel und die Nebel loszuwerden.

„Es wird schon gehen. Helft mir doch bitte beim Aufstehen.“

Es ging, mehr schlecht als recht, und wir kamen nur langsam voran. Die Schmerzen tobten durch meinen ganzen Körper und in meinen Adern brannte es wie Feuer. Aber schließlich lag das Felsplateau mit dem Bergmassiv des Hancock vor uns. Eine leichte Schneedecke hatte sich über die verbrannte Erde gelegt und verbarg gnädig das ganze Ausmaß der Zerstörung. Aber ich hatte keine Augen für meine Umgebung, auch keine Ohren für die erschrockenen Ausrufe, die Galls Krieger ausstießen. Ich ließ mich langsam vom Pferd gleiten und wankte, gestützt von Chakotay und gefolgt von Tatelllah Satah, Tahca Ushte und Gall auf die Öffnung im Berg zu. Hier blieb ich noch einmal stehen und warf einen Blick zurück. Die Krieger hatten sich in einem weiten Kreis, in respektvollem Abstand zur Höhle aufgestellt. Es war sehr still auf dem Plateau, nur das gelegentliche Schnauben oder Stampfen der Pferde und der einsame Ruf eines Adlers waren zu vernehmen. Vielleicht war es diese Stille, vielleicht war es auch die Anwesenheit der beiden Männer mit ihren spirituell geschulten Sinnen, jedenfalls war es mir als verdichte sich die Luft um mich herum zusehends.

Auch Tatellah Satah schien das zu spüren, denn er berührte mich sacht am Arm und sagte leise:

„Wir sollten uns jetzt in das Innere der Höhle begeben. Ich glaube, die Zeit ist gekommen, Winnetou jenseits des Jetzt zu suchen und ihn aus den Händen seiner Peiniger zu befreien. Fühlt Old Shatterhand sich stark genug, es zu schaffen?“

„Selbst wenn ich mich nicht stark genug fühle, werde ich Winnetou da rausholen. Und Chakotay wird mich ja begleiten. Aber zuerst müssen wir den Zugang finden und ihn auch öffnen können.“

Eine neue Welle unglaublichen Schmerzes rollte durch meine Adern, dann war es plötzlich vorbei. Von jetzt auf gleich war jeder Schmerz vergangen, die roten Nebel und der Schwindel verschwunden. Zurück blieben  lähmende Müdigkeit und Leere. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich die beiden Medizinmänner und Chakotay an.

„Er ist tot,“ stammelte ich. „Mein Gott, Winnetou ist tot! Ich kann ihn nicht mehr spüren! Ich spüre seine Schmerzen nicht mehr!“

Tatellah Satah umfasste meine Oberarme mit festem Griff. „Hör auf!“ seine Stimme klang seltsam hart und hallte am Gestein wider. „Hör sofort auf damit! Winnetou lebt, ich will nichts davon hören, dass er tot ist.“

Gall und Chakotay hatten die Szene mit regungslosen Mienen verfolgt. Jetzt beugte Chakotay sich vor und sagte leise: „Charley, nicht den Mut verlieren. Es ist Deine Verbindung mit Winnetou, die uns die Möglichkeit gibt, diese Zeitverschiebung zu überwinden. Bitte, Charley, ich möchte auch zurück zu meinen Leuten.“

Ich riss mich zusammen und löste mich aus Tatellahs eisenhartem Griff.

„Also gut, so lasst uns beginnen. Was müssen wir tun?“

Diesmal war es Tahca Ushte, der in seinem gebrochenen Englisch zu erklären begann.

„Tatellah Satah und ich beschlossen, eine kleine Feuer zu entzünden. Dann wir streuen eine bestimmte Pflanze in Flammen. Kamper machen Geist und Körper frei.“

Tatellah Satah nickte beifällig und fuhr, an mich gewandt, fort: „Du musst versuchen, Dein ganzes Sinnen auf den Häuptling der Apachen zu richten, versuche Dein Herz zu öffnen und wehre Dich nicht dagegen. Ich werde versuchen meine Seele mit der Deinen zu verbinden. Das geht aber nur, wenn Du Dich nicht dagegen wehrst.“

Tatellah Satah machte eine Pause und sah mich abwartend an. Ich zögerte einen Augenblick, nickte dann aber zustimmend.

„Ich will ehrlich zu Dir sein, Old Shatterhand. Du wirst es spüren, wenn mein Ich von Deinem Ich Besitz ergreift. Ich bin in solchen Dingen bewandert und kann mein Ich vor Deinem schützen. Du aber bist unerfahren. Die Begegnung unserer Seelen wird mir viel über Dich verraten, ich werde Dich danach sehr gut kennen. Vertraust Du mir genug, Dich ganz in meine Hand zu geben?“

Ich suchte mit meinen müden Augen in Tatellahs Gesicht zu lesen, aber seine Miene war undurchdringlich.

„Winnetou würde Dir sein Leben anvertrauen,“ antwortete ich schließlich. „Du hast mir bisher keine Gelegenheit gegeben, Dich kennenzulernen. Wie kann ich jemandem vertrauen, den ich nicht kenne? Aber ich will Dir vertrauen, weil Winnetou Dir vertraut und ich ohne Deine Hilfe den Weg zu ihm nicht finden kann. Aber was ist mit Chakotay, wirst Du Deinen Geist auch mit seinem Geist verbinden?“

„Tahca Ushte wird das übernehmen, wenn er es erlaubt. Aber wir sollten nun keine Zeit mehr verschwenden und beginnen.“

„Warte noch einen Moment,“ ich legte dem Medizinmann rasch die Hand auf den Arm. „Was ist mit Gall? Warum ist er hier?“

Tatellah zögerte kurz, sagte dann aber: „Zum Teil, um uns seine Kraft zu leihen. Wir werden sehr stark sein müssen, um dieses verborgene Tor zu öffnen, damit ihr hindurchgehen könnt.“

Auf Weisung des Geheimnismannes ließen wir uns im Kreis um ein kleines Feuer nieder, das Gall inzwischen angezündet hatte. Tahca Ushte entnahm einem kleinen Beutel an seinem Gürtel eine Handvoll Kräuter und streute sie in die Flammen, während er in leisem Singsang Unverständliches vor sich hinmurmelte. Ich kannte Kamper aus Umschlägen und Wickeln, die Winnetou gegen Erkältungen anzuwenden pflegte, hier aber legte sich der Duft der verbrannten Pflanze, vermischt mit einem anderen Geruch, den ich nicht einzuordnen konnte, schwer auf meine Sinne.

„Atmet ganz tief ein und lasst die Dämpfe auf euren Geist wirken, versucht an nichts zu denken und lasst den Bildern in eurem Kopf freien Lauf, versucht nicht, sie zu steuern. Tahca Ushte und ich werden jetzt unseren Geist mit dem euren verbinden. Erschreckt euch nicht, ihr werdet es wie eine ganz leichte Berührung im Herzen und im Kopf empfinden. Gemeinsam werden wir versuchen das Tor zu jener anderen Welt zu öffnen. Chakotay und Old Shatterhand werden dann hinübergehen. Seid ihr bereit?“

Ich nickte. Und dann spürte ich es: Etwas oder jemand verband sich mit mir, erkundete meine geheimsten Gedanken und Gefühle. Zuerst empfand ich dieses Eindringen als feindselig und ablehnend, aber nach und nach wich dieses Gefühl einer angenehmen Wärme, ja einer Zärtlichkeit und Zuneigung, die mich tief berührte und froh machte. Dann fühlte ich mich fortgetragen in eine Welt, die ich nicht kannte. Mein Geist irrte blick- und gehörlos durch die Zeiten. Aber immer fühlte ich die Gegenwart Chakotays an meiner Seite. Dann versank alles in einem Wirbel aus Schwarz, Rot und Grau und dann wusste ich nichts mehr.
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