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Vergangene Zukunft

von Adrimeny
CrossoverAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
Old Shatterhand Winnetou
01.01.2019
03.09.2020
21
64.965
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22.07.2019 3.303
 
In was waren wir da nur hineingeraten? Ich griff mir mit der Hand an den schmerzenden Kopf und suchte meine Gedanken zu ordnen.

So sehr es mich auch danach drängte, so sehr es mich auch schmerzte, Ich konnte Winnetou im Moment nicht helfen, er musste sehen, wie er allein zurechtkam. Zumindest so lange, bis mir etwas Sinnvolles zu seiner Rettung eingefallen war.

Zunächst aber musste ich mich um die Menschen kümmern, die im Hier und Jetzt meine Begleiter waren. Ich kniete neben Chakotay und Tahca Ushte nieder und rüttelte sie leicht an den Schultern.

„Chakotay, wachen Sie auf! Komm schon, Tahca Ushte, mach die Augen auf!“

Nach etlichen, vergeblichen Versuchen kamen die beiden Männer mit ziellosen Bewegungen langsam wieder zu sich. Chakotay öffnete die Augen, nur um sie gleich wieder zu schließen.

„Nehmen Sie das Licht weg, Mann!“ stöhnte er gequält. „Sonst platzt noch mein Kopf!“

Schnell gab ich dem hellen Licht eine andere Wendung.

„Sie können die Augen wieder öffnen. Ist es so besser?“

Chakotay öffnete vorsichtig zuerst ein Auge, dann das andere und setzte sich dann langsam auf.

„Besser vielleicht gerade nicht. Aber es wird schon gehen. Was ist mit dem Indianer?“

„Er braucht noch einen Moment, wird aber gleich zu sich kommen.“

Und wirklich dauerte es nur wenige Minuten, bis auch der weise Mann seine Augen öffnete und sich aufsetzte. Anders als Chakotay ließ er sich nicht anmerken, ob ihn der Kopf schmerzte, sondern fragte sofort:

„Haben Old Shatterhand und Chakotay die Vision Tahca Ushtes geteilt?“

„Ich weiß ja nicht, Was DU gesehen hast, aber ich habe meinen Captain gesehen an der Seite Winnetous auf diesem unseligen Planeten!“

Tahca Ushte nickte zustimmend und die Blicke der beiden Männer richteten sich fragend auf mich.

„Dann haben wir wohl alle dasselbe gesehen,“ antwortete ich trocken. „Aber was jetzt?“

Eine kleine Weile sahen wir ratlos vor uns hin. Es war kalt in der Höhle, aber auf dem Plateau sicher noch kälter und ungemütlicher.

„Wir sollten zunächst einmal sehen, dass wir von hier wegkommen und uns irgendwo einen Unterschlupf suchen. Ich will nicht noch eine Nacht an diesem schrecklichen Ort verbringen.“

Kurz schoss es mir durch den Kopf, dass nur an diesem schrecklichen Ort der Kontakt in jene andere Welt und damit zu Winnetou hergestellt werden konnte, aber damit wollte ich mich jetzt nicht beschäftigen. Ich wollte meinen Häuptling nicht nur aus der Ferne sehen, ich wollte ihn wieder hier haben, auf der Erde, ihn spüren, ihn anfassen können und um das zu erreichen, musste ich einen Plan, eine Idee haben.

Ich schluckte hart und fügte hinzu:

„Wird der Medizinmann der Sioux uns begleiten oder hier auf seine Brüder warten?“

Tahca Ushte sah mich lange forschend an, dann fragte er in der Sprache der Sioux:

„Wirst Du den Rat des Häuptlings der Apachen befolgen und den großen weisen Medizinmann in den Weißen Bergen um seinen Rat befragen?“

Ich antwortete in englischer Sprache, damit Chakotay mich verstehen konnte.

„Ich weiß es nicht, ich muss noch darüber nachdenken.“

„Wer ist dieser, Tatius Satellus, oder wie war sein Name? Ich meine mich zu erinnern, gelernt zu haben, dass das ein römischer Name ist?“ wollte Chakotay wissen.

Unwillkürlich musste ich grinsen, während Tahca Ushte in völligem Nichtverstehen den Worten Chakotays lauschte.

„Ähm, vielleicht sollten wir uns zunächst einmal darauf einigen, dass wir uns auf Englisch miteinander unterhalten. Das ist zwar etwas holperig für Dich, Medizinmann, aber immerhin verstehen wir dann einander. Und dann sollten wir wirklich machen, dass wir hier wegkommen. Was ist also, Tahca Ushte, kommst Du mit oder bleibst Du hier?“

„Tahca Ushte wird begleiten Old Shatterhand und Zaubermann.“

Ich nickte.

„Das wäre also geklärt. Chakotay, der Mann, von dem Winnetou sprach, ist ein großer Medizinmann aller roten Völker. Er ist sehr weise und er heißt Tatellah Satah, nicht Tatius Satellus!

In der Kammer neben dieser Höhle ist unser Eigentum untergebracht. Wir werden jetzt die Pferde rufen und satteln und dann aufbrechen.“

Die Pferde zu rufen, erwies sich als die einfachste Übung. Iltschi und Hatatitla reagierten sofort auf meinen scharfen Pfiff und kamen angetrabt, der weiße Hengst folgte ihnen auf dem Fuße. Jetzt stellte sich allerdings die Frage, wer welches Pferd reiten sollte.

Winnetous und mein Hengst würden gehorsam jeden tragen, dem ich erlauben würde auf ihnen zu reiten. Aber den Schimmel konnte ich nicht einschätzen. Ich seufzte. Also musste ich ihn wohl nehmen.

„Du kannst Winnetous Pferd nehmen,“ bot ich deshalb Tahca Ushte  an. „Iltschi wird Dir gehorchen, wenn ich ihn dazu auffordere. Sie nehmen Hatatitla, Chakotay. Er ist an den Sattel gewöhnt. Das ist dann leichter.“

„Und Sie nehmen das weiße Ungeheuer?“ Chakotay sah zweifelnd von dem Hengst zu mir.

„Da ich nicht vorhabe, zu Fuß hinterherzulaufen, bleibt mir wohl nichts übrig. Oder?“

Ich erwartete keine Antwort, sondern bat den Medizinmann ein paar Stricke zu suchen, aus denen ich notdürftig ein Halfter und ein paar Zügel herstellen konnte und näherte mich dann, gefolgt von den aufmerksamen Blicken Chakotays und der beiden schwarzen Hengste langsam ihrem neuen weißen Begleiter. Dabei redete ich in der Sprache der Apachen leise auf das Pferd ein.

Ich streckte die Hand aus, bereit sofort zurückzuspringen, falls das Ross mich attackieren sollte. Allzu deutlich hatte ich noch das Bild des steigenden und mit den Hufen schlagenden Hengstes in der Brandnacht vor Augen. Aber nichts geschah. Bereitwillig ließ das Pferd zu, dass ich ihm die Hand auf die Nüstern legte.

„Der Hengst ist an Menschen gewöhnt. Ich werde ihm jetzt das Halfter anlegen und dann aufsitzen.“

Weiterhin beruhigend auf das Tier einredend, nahm ich das Halfter aus Tahca Ushtes Händen, band es fest und schwang mich dann auf den Rücken des Schimmels, bereit sofort zu reagieren, falls er steigen oder mich abwerfen wollte.

Aber nichts geschah. Der Hengst blieb stocksteif stehen, bis ich ihn mit einem leichten Schenkeldruck antrieb. Er reagierte sofort auf jedes beinahe unmerkliche Kommando und ich ließ ihn durch alle Gangarten laufen.

„Der Hengst hat eine hervorragende indianische Schule genossen,“ sagte ich und legte die provisorischen Zügel über den schlanken Pferdehals.

„Das sah ja ganz einfach aus!“ rief Chakotay. „Das kann ich auch! Schließlich habe ich ja auch Indianerblut in den Adern! Aber warum ist er in der letzten Nacht so ausgetickt?“

Ich runzelte leicht die Stirn und der Sioux starrte Chakotay erneut verständnislos an.

„Ausgetickt? Meinen Sie, warum er auf Tahca Ushte losgegangen ist?“

„Ja, natürlich!“

Ich zuckte die Schultern.

„Das Feuer, die Schüsse, die Blitze, der Donner, all das reicht für sich allein schon völlig, um ein Pferd panisch zu machen. Allerdings muss ich zugeben, dass es mich nach wie vor erstaunt, dass meine Hengste ihn in ihrer Nähe dulden. Aber dieses Rätsel können wir jetzt nicht lösen.

So, dann wollen wir mal sehen, wie es mit Ihren Reitküsten steht, Chakotay.“

Tahca Ushte sah gespannt zu, wie der Mann aus der Zukunft sich Hatatitla näherte. Ich flüsterte dem Hengst ein Wort ins Ohr und war nun sicher, dass er sich keinen Zentimeter von der Stelle bewegen würde, egal was auch geschehen mochte.

Chakotay ging ein paar Mal um den Hengst herum und besah sich Sattel, Zaum und Steigbügel.

„Okay,“ sagte er dann. „Ich steig jetzt auf.“

Er setzte den rechten Fuß in den Steigbügel und kielt sich mit der rechten Hand links am  Sattelhorn  fest.

Tahca Ushte schüttelte verwundert den Kopf und ich ergriff Chakotay am Arm.

„So nicht, Mann. Sie machen sich ja einen Knoten in Arme und Beine. Setzen Sie den linken Fuß in den Bügel und wenn Sie oben sind, den rechten Fuß in den rechten Steigbügel.“

Chakotay tat, wie ich ihm geheißen und nach mehreren vergeblichen Versuchen saß er endlich im Sattel.

„So, jetzt klammern Sie um Himmels Willen nicht mit den Beinen. Hatatitla reagiert auf die kleinste Körperverlagerung.  Wir reiten eine Runde auf dem Plateau, dann sehen wir ja, wie es funktioniert.“

Es klappte, mehr schlecht als recht, aber immerhin schien Chakotay wirklich eine natürliche Begabung für das Reiten zu haben.

----------


Wir erreichten den kleinen Talkessel am Rande der Black Hills am späten Nachmittag, kurz vor Sonnenuntergang. Das Tal lag eingebettet in immergrüne, jetzt schneebedeckte Tannenhügel, die im letzten Licht der untergehenden Sonne rot glühten. Die Wasser eines kleinen Sees spiegelten die vorüberziehenden Wolken malerisch.

Es war ein friedliches Bild, das sich unseren Augen hier bot und es weckte den Schmerz, den ich am Tag gewaltsam unterdrückt hatte, wieder neu. Ich war sicher, dass Winnetou und ich in einem ebensolchen Tal übernachtet hätten, auf unserem Weg nach Hause an den Rio Pecos. Nun war ich allein hier und Winnetou irgendwo im Nirgendwo gefangen, umgeben von fremden Menschen, tausende, hunderttausende Meilen von mir entfernt.

Während ich meinen Gedanken nachhing, richtete Chakotay unser Nachtlager und Tahca Ushte versuchte sich im Fangen von Fischen, wobei er sich sehr geschickt anstellte.

Mit Hilfe von Chakotays Errungenschaften der Technik entzündeten wir ein kleines Feuer. Da wir seit mehreren Tagen nahezu nichts mehr gegessen hatten, verspeisten wir Tahca Ushtes Fische schnell und schweigend.

Während der Medizinmann und der Fremde sich noch leise unterhielten, wickelte ich mich etwas abseits in meine Decken und legte mich neben Hatatitla zum Schlafen nieder, mir war nicht nach reden zumute. Obwohl der Pferdekörper mich wärmte, fror ich erbärmlich.

Iltschi hatte sich in unserer Nähe niedergelassen und der weiße Hengst hielt sich etwas fern. Ich beobachtete ihn eine Weile, bis mir immer öfter die Augen zufielen und ich dem dringenden Bedürfnis meines Körpers nach Schlaf nachgab.

Der weiße Hengst galoppierte über eine weite, von der Sonne beschiene Ebene. Der Mann, der dieses Pferd ritt, trug einen blauen Mantel und war sehr alt.

Jetzt brachte der Reiter sein herrliches Tier zum Stehen und die dunklen Augen des Mannes schienen mit unerbittlicher Strenge direkt in mein Herz zu blicken. Aber nach und nach wurde der Blick dieser unerforschlichen Augen milder und milder, bis eine grenzenlose Güte, ja Liebe, die alles verstehen und auch verzeihen konnte, mir daraus entgegenstrahlte.

„Du musst den Häuptling der Apachen wieder zurückholen. Du allein kannst dafür Sorge tragen, denn nur die Liebe eines anderen Menschen vermag die Zeiten und Welten zu überwinden! Nur Deine Liebe kann den Häuptling retten!“

Der weiße Hengst bäumte sich auf und Tatellah Satah, der Bewahrer der Großen Medizin, den ich noch niemals gesehen hatte, von dem ich aber jetzt ganz sicher wusste, dass er mir im Traum begegnete, ritt, umglänzt von der untergehenden Sonne, dieser entgegen.

Das Bild verschwamm vor meinen Augen und der Traum verblasste. Ich öffnete die Augen, es war dunkel. Meine Begleiter hatten sich nahe am Feuer niedergelassen, Tahca Ushte schien zu schlafen, aber Chakotays dunkle Augen blickten mich im Schein der flackernden Flammen ruhig und traurig zugleich an.

„Sie haben unruhig geschlafen,“ Chakotay ging um das Feuer herum, um sich dicht neben mich zu setzen.

„Ich hatte schon vor, Sie zu wecken.“

Ich schwieg. Was sollte ich auch antworten? ich war es nicht gewohnt, meine Sorgen und Ängste mit anderen Menschen zu teilen, mit niemandem zu teilen, außer mit Winnetou. Winnetou, der mich verstand, auch ohne Worte verstand und dem ich als einzigen Menschen erlaubte in mein Herz zu sehen.

„Es ist schwer, einen Menschen zu verlieren, den man sehr liebt,“ fuhr Chakotay fort, als ich nichts sagte. „Es ist auch schwer neben einem Menschen zu leben, den man sehr liebt, der aber diese Liebe nicht im gleichen Maße erwidern kann.“

Ich warf Chakotay einen raschen Blick zu. Erwartete er eine Antwort auf diese Feststellung? Nein, es schien nicht so, denn sein Blick war in eine Ferne gerichtet, in die ich ihm nicht folgen konnte und so teilte ich nur sein Schweigen und seine Traurigkeit.

Wieder verging eine lange Zeit, bis Chakotay die Frage stellte, auf die ich schon die ganze Zeit gewartet hatte:

„Glauben Sie, wir sehen die Menschen, die uns so wichtig sind, jemals wieder?“

„Daran muss ich glauben, Chakotay, denn sonst würde ich Winnetou ja aufgeben! Und das werde ich nie können. Von mir auch einmal abgesehen, braucht das Volk der Apachen seinen Häuptling. Winnetou ist ein wunderbarer Häuptling, ihm allein ist es zu verdanken, dass die Apachen bis hierher in relativem Frieden leben konnten.“

Plötzlich kam mir der Gedanke, dass Chakotay ja auch genau wusste, was aus den Apachen, ja was aus allen Völkern der Erde geworden war.

Plötzlich wurde mir auch bewusst, was dieses Zusammentreffen der Zeiten bewirken konnte, für uns, die wir betroffen waren, persönlich, aber auch für die, die nach uns kommen würden.

„Was werden wir nun tun?“ unterbrach Chakotay meine Gedanken. „Diesen Weisen suchen? Glauben Sie wirklich, dass er uns helfen kann? Warum glaubt Ihr Freund das?“

„Ich weiß es nicht. Ich habe Tatellah Satah noch niemals kennengelernt. Er….er hasst mich.“

„Hassen? Warum?“

„Er gibt mir die Schuld am Tode von Winnetous Vater und Schwester.“

Neugierig flackerten Chakotays Augen im Licht des Feuers.

„Und sind Sie schuld daran?“

Noch nie hatte mich jemand so direkt danach gefragt und ich hielt kurz den Atem an.

„Ja.., nein,… ich weiß es nicht genau. Aber ich will nicht darüber reden.“

Chakotay nickte.

„Was werden wir also nun tun?“

„Wir sollten jetzt versuchen ein paar Stunden zu schlafen. Die Pferde werden mich wecken, wenn etwas Unvorhergesehenes passieren sollte oder sich jemand diesem Lager nähert. Morgen entscheiden wir dann, ob wir zu Tatellah Satah reiten oder nicht.“

Ich sprach nicht aus, dass ich mir auch Gedanken um den weißen Hengst machte. Das Pferd war sicher um etliche Jahre jünger als Iltschi und Hatatitla und hervorragend ausgebildet. Ich hatte es noch nicht ausprobiert, aber ich war sicher, dass er ihnen an Schnelligkeit und Ausdauer in nichts nachstehen würde.

Hengste fielen nicht einfach vom Himmel. Dieses Pferd gehörte jemandem, es gehörte einem Indianer, einem Häuptling, da war ich ganz sicher, denn es war ein Vermögen wert. Vielleicht war es in dem Unwetter in Panik geraten und davongerannt, vielleicht war sein Besitzer nun auf sich allein gestellt und ohne Reittier. Ich beschloss, am frühen Morgen mit Hatatitla die Umgebung noch einmal genauer anzusehen.

----------


Meine beiden Begleiter waren nicht begeistert, als ich ihnen von meinem Vorhaben berichtete, aber ich ließ keine Einwände gelten.

„Es ist wichtig, dass wir wissen, ob sich hier noch andere Menschen aufhalten, außer uns und den Sioux, die ja auch noch hier irgendwo sein müssen.“

Schließlich nickte der Medizinmann und sagte, sich an unsere Abmachung haltend, in gebrochenem Englisch:

„Gut, Old Shatterhand möge sein vorsichtig! Ogellalah nicht Freunde von Winnetou und Old Shatterhand und Häuptling Gall kommen zurück von Kriegszug gegen Weißaugen, die wollen nehmen Land, um zu suchen nach gelben Steinen. Gall kluger Häuptling, aber auch er Feind von Apachen.“

Ich legte dem Medizinmann die Hand auf die Schulter und hängte den Stutzen und Winnetous Silberbüchse an den Sattel. Einen Augenblick wog ich den schweren Bärentöter in der Hand und entschied dann, ihn Chakotay zu überlassen.

„Also, Chakotay, das hier ist ein sehr altes und schweres Gewehr. Ich werde Ihnen jetzt zeigen, wie es funktioniert. Ich nehme an, Sie haben schon einmal eine Waffe in der Hand gehalten?“

„Ja, schon, einen Phaser, aber nicht so ein Monstrum!“

Jetzt war es an mir, die Stirn zu runzeln.

„Einen was?“

„Das ist auch eine Waffe. Sieht ein bisschen aus, wie Ihr Revolver, funktioniert aber ganz anders. Ist ja aber auch egal. Also los, wie funktioniert das Unikum?“

Ich erklärte Chakotay die Funktionen des Bärentöters, so gut es in der Theorie ging, verzichtete aber darauf ihn schießen zu lassen.

„Wir können das später üben, wenn wir sicher sind, dass der Knall keine Feinde anlocken wird. Jetzt ist es zu gefährlich.“

Ich schwang mich auf Hatatitlas Rücken und ritt langsam die Anhöhe hinauf. Auf halber Höhe hielt ich an und sah noch einmal auf den kleinen See hinunter. Nur die Spuren in der dünnen Schneedecke verrieten, dass hier vor kurzer Zeit Menschen geritten waren. Insgeheim hoffte ich, dass es bald schneien würde, aber ein Blick in den Himmel zeigte mir, dass es danach nicht aussah.

Und so ritt ich denn im Licht der kalten Wintersonne ein Stück nach Norden. Ich hatte den Traum der vergangenen Nacht noch gut in Erinnerung und wusste wohl, dass es zwischen Himmel und Erde Dinge gab, die man mit dem Verstand nicht erklären konnte. Winnetou hatte mich einige dieser Dinge gelehrt, aber ich hatte mich niemals genug damit befasst, tiefer in das uralte Wissen der indigenen Völker einzudringen.

So sehr ich mich auch dagegen wehrte, musste ich doch jetzt vor mir selbst zugeben, dass es letztlich der Traum war, der mich zu diesem Ausflug am heutigen Morgen bewegt hatte. Wenn ich mir auch nicht vorstellen konnte, dass Tatellah Satah in seinem hohen Alter mitten im Winter zu den Sioux unterwegs war, so konnte ich es dennoch auch nicht ausschließen. Schließlich mochte die Kunde vom angeblichen Tode Winnetous auch bis zu ihm gedrungen sein. Winnetou war sein Liebling, die Freude seiner alten Tage und es konnte durchaus möglich sein, dass er sich selbst von der Wahrheit dieser Kunde überzeugen wollte.

Obwohl ich meinen Gedanken nachhing und auch der Schmerz der Trennung von Winnetou hart an mir zerrte, beobachtete ich die Umgebung sehr genau und so entging mir auch nicht der Bussard, der in einiger Entfernung hoch oben in den Lüften kreiste. Das war an sich nichts Ungewöhnliches, aber ich war es gewohnt, auch der kleinsten Auffälligkeit Beachtung zu schenken und so lenkte ich den Hengst in die andere Richtung.

Nach etwa einer halben Stunde gesellte sich zu dem Kreisen des Bussards plötzlich das Geheul von Wölfen. Rasch nahm ich den Henrystutzen von der Schulter und trieb Hatatitla zur Eile an.

Ich erreichte die Baumgrenze nach wenigen Minuten. Etwa zweihundert Schritte entfernt hatten sich mehrere Wölfe versammelt, die unter Geknurre und Geheule am Kadaver eines Pferdes zerrten und das Tier in Stücke rissen. Etwas abseits davon hockte ein Mann auf einem Felsen und sah mir entgegen, einen brennenden Kienspan in der Hand, mit dem er wohl die Wölfe auf Abstand gehalten hatte.

Obwohl der Mann zum Schutz vor der Kälte eine Decke über den Kopf gezogen hatte, wusste ich sofort, wer er war. Die Decke war alt und schmutzig, aber darunter trug er den blauen Mantel, mit dem er mir im Traum begegnet war.

Der Stoff war außerordentlich fein, wie allerfeinste, indische Seide, aber dennoch keine Seide, sondern von jenem längst verschwundenen sagenhaften Gewebe, von dem man erzählt, dass nur die Frauen der alten, südamerikanischen Herrscher es herzustellen verstanden. Sein Kopf war unbedeckt, und dennoch aber wohlbedeckt, und zwar mit einem außerordentlich reichen, starken, silberglänzenden Haar, welches zu beiden Seiten in langen Zöpfen niederfiel.“

Aber das alles nahm ich nur am Rande wahr. Schnell hintereinander gab ich einige Schüsse auf die Wölfe ab, die laut jaulend davonsprangen, aber in einiger Entfernung wartend stehen blieben.

Ich stieg von Hatatitlas Rücken und näherte mich dem Mann, der mich seit über vierzehn Jahren mit Verachtung strafte, der mir die Schuld am Tode Intschu tschunas und Nscho tschis gab und mich der falschen Freundschaft zu Winnetou bezichtigte, nur darauf bedacht, an das Gold meines Freundes zu kommen.

So, wie ich den Medizinmann sofort erkannt hatte, war ich sicher, dass auch er wusste, wer vor ihm stand.

„So lernen wir uns also doch kennen, Old Shatterhand, den Winnetou Scharlih nannte!“

Tatellah Satah sprach mit einer tiefen Stimme, die mir angenehm in den Ohren klang.

„Du hast mir wahrscheinlich das Leben gerettet. Ich nehme an, Du bist auf dem Weg zum Rio Pecos, um dem Volk der Mescaleros vom Tode ihres Häuptlings zu berichten.“

Ich trat einen Schritt näher.

„Winnetou ist nicht tot,“ ich hörte selbst, wie hart und kalt meine Stimme klang. „Der Häuptling der Apachen lebt.“

Die Augen Tatellahs weiteten sich und seine Stimme zitterte bedenklich, als er erwiderte:

„Winnetou lebt? Aber…, aber das ist unmöglich.“

„Ich spreche die Wahrheit. Du kannst mir glauben.“

„So bringe mich zu ihm! Ich will mich selbst überzeugen!“

Ich seufzte.

„Das kann ich nicht,“ sagte ich heiser,“ Winnetou ist nicht hier.“

„Nicht hier? Wo ist er?“

„Er ist …… anderswo.“
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