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Vergangene Zukunft

von Adrimeny
CrossoverAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
Old Shatterhand Winnetou
01.01.2019
03.09.2020
21
64.965
21
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
8 Reviews
 
03.07.2019 4.711
 
Persönliches Logbuch, Captain Kathryn Janeway, Sternzeit….ach verflucht, ich weiß noch immer nicht genau, welche Sternzeit wir gerade haben. Aber was macht das schon, wenn unsere Zeit gerade ohnehin gnadenlos abläuft.

Ich habe hoch gepokert, als ich Winnetou entgegen des Befehls der Fremden, die sich selbst Iraluaner nennen, mit zurück auf die Voyager genommen habe, anstatt ihn an der Höhle zurückzulassen, wie sie es befohlen hatten. Doch ich habe noch nie gut auf Drohungen und Befehle reagiert, die mir gegen den Strich gingen und so habe ich einfach auf mein Bauchgefühl gehört, auf das ich mich meist bestens verlassen kann.

Ich habe darauf gesetzt, dass sie Winnetou, aus welchen Gründen auch immer, lebend brauchen und daher nicht auf uns schießen würden, solange er bei uns ist. Es scheint, als hätte ich den richtigen Trumpf ausgespielt, denn bislang ist alles ruhig geblieben.

Wenn wir das hier alle überleben, dann sollte ich mich vielleicht einer der Pokerrunden anschließen, die meine Crew regelmäßig stattfinden lässt. Ich scheine ein Händchen für Bluffs und das Ausspielen der Gegner zu haben.

Kathryn schaute auf ein Holobild, das auf ihrem Schreibtisch stand. Es zeigte sie inmitten ihrer Führungscrew an einem der wenigen glücklichen und unbeschwerten Tage, die sie hier im Deltaquadranten bislang erleben durften. Viel zu wenige gute Tage und viel zu viele, die von Bedrohung, Kampf und Tod überschattet wurden.

Das Kommunikatorsignal riss sie vom Pfad der Erinnerung wieder zurück in die Realität.

„Brücke an Captain Janeway!“

„Ich höre“

„Die Iraluaner wollen Sie sprechen!“

Jetzt kam es drauf an. Entweder die Fremden hörten ihr endlich zu oder sie hatten alle Trümpfe aus der Hand gegeben und alles verspielt und würden dann in den nächsten Minuten mit einem gezielten Schuss ins Jenseits befördert werden. Kurz schloss sie ihre Augen, um sich zu sammeln. Was würde sie doch jetzt für eine Tasse Kaffee geben, doch die Replikatoren [21] waren noch immer offline und das Gebräu, das ihr der selbsternannte Küchenchef Neelix vorsetzte hatte noch nicht einmal eine geringe Ähnlichkeit mit Kaffee und war nicht trinkbar.

Doch sie zögerte mit dem Abschweifen ihrer Gedanken das Unvermeidliche nur heraus.

„Dann mal los, Harry. Öffnen Sie den Kanal!“

„Kanal offen, Captain!“

Janeway wollte gerade anfangen zu sprechen, als bereits eine Stimme aus dem Lautsprecher dröhnte. Höfliche Umgangsformen waren den Iraluanern jedenfalls fremd, soviel stand fest.

„Sie haben unsere Anweisungen missachtet!“

„Ja, aber….!“

„Stellen Sie unsere Geduld nicht weiter auf die Probe! Wir wollen das Subjekt, das sie aus der Höhle entfernt haben. Es gehört uns! Bringen Sie es wieder vor den Eingang der Höhle und entfernen Sie sich!“

Immerhin hatten sie nicht sofort geschossen. Ihr Plan war aufgegangen. Die Iraluaner waren so sehr an Winnetou interessiert, dass sie es nicht riskierten einfach mit Gewalt zu holen, was ihrer Meinung nach ihnen gehörte. Das konnte zu einem Vorteil werden, wenn sie ihn klug ausspielte.

„Hören Sie zu – wie darf ich Sie anreden! In unserer Kultur ist es üblich, dass man sich vorstellt und dann über das Geschäftliche redet. Mein Name ist….!“

„Wir wissen, wie Sie heißen. Sie haben es uns oft genug ungefragt gesagt! Sie können mich Xeman nennen!“

Ein Name, das war ein Fortschritt.

„Gut Xeman. Es freut mich, dass wir uns endlich kennenlernen. Dann lassen Sie uns reden. Vielleicht können…..“

„Es gibt nichts, worüber wir sprechen müssen. Kommen Sie unserer Forderung unverzüglich nach und geben Sie uns das, was uns gehört!“

Langsam aber sicher wurde es Janeway zu viel und sie spürte, dass sie ihr Temperament nur noch mühsam unter Kontrolle halten konnte.

„Hören Sie Xeman. Lassen Sie uns vernünftig darüber reden. Vielleicht ist all dies nur ein Missverständnis, das wir aufklären können. Dort, wo wir herkommen, gehören Menschen nicht anderen Menschen. Sie sind frei. Wie also kann Winnetou Ihnen gehören? Uns gehört er ja auch nicht. Wir….“

„Dann können Sie das Subjekt ja wie verlangt herausgeben.“

Der Kerl ging ihr auf die Nerven. Vielleicht half es ja, wenn sie ihn mit seinen eigenen Waffen schlug.

„Wir werden Winnetou nicht herausgeben. Janeway Ende!“

Janeway konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Das hatte gutgetan.

„Wir werden wieder gerufen!“, kam es aus dem Kom-System.

„Lassen Sie sie schmoren, Harry. Öffnen Sie erst einen Kanal, wenn sie ihre Waffensystem laden.“

Kathryn war sich ziemlich sicher, dass genau das nicht passieren würde. Diese Fremden brauchten Winnetou lebend, sie musste nur noch herausfinden warum und sie dann davon abbringen ihn haben zu wollen.

Sie hatte Winnetou bei ihrer Rückkehr auf die Voyager in Toms Obhut gegeben, damit dieser sich um die Platzwunde kümmern konnte, doch nun war es an der Zeit, dass sie das Gespräch mit diesem Mann aus der Vergangenheit suchte.

Ihr war klar, dass dies kein einfaches Gespräch werden würde. Winnetou mochte zwar aus der Vergangenheit stammen und von den meisten Dingen, mit denen sie und ihre Crew selbstverständlich umgingen noch nicht einmal ansatzweise eine Ahnung haben, aber er war deswegen ganz sicher kein dummer Mensch, den sie in dieser Situation mit ein paar einfachen Sätzen abspeisen konnte.

Das wollte sie auch gar nicht. Winnetou war ihr als aufrichtiger und ehrenhafter Mann vorgekommen, der die Wahrheit verdiente. Zumindest so viel davon, wie sie glaubte ihm geben zu können, ohne die Zeitlinie noch mehr zu kontaminieren. Doch da hatte sie den Häuptling ein weiteres Mal unterschätzt.

Schon als sie das Gästequartier betrat, blickten ihr ein paar schwarze Augen funkelnd entgegen und die ganze Körperhaltung Winnetous sagte ihr, dass dieser sich mit nichts weniger, als der ganzen Wahrheit zufrieden geben würde. Und er würde merken, wenn sie ihm etwas davon vorenthielt, denn sein Blick ging ihr direkt durch und durch.

„Tom, lassen Sie uns bitte alleine!“, richtete sie ihre ersten Worte an den Piloten, der mit der Versorgung von Winnetous Kopfwunde bereits fertig war.

Tom blickte kurz zwischen seiner Vorgesetzten und dem Fremden hin und her und beeilte sich dann aus dem Quartier zu kommen. Hier wollte er gar nicht dabei sein und er wollte ganz sicher nicht in der Haut des Captains stecken.

Zwar hatte Winnetou während der ganzen Zeit, in der er seine Platzwunde an der Stirn behandelt hatte, nicht ein Wort gesprochen, doch hatte Tom das Gefühl, dass die Blicke des Indianers gründlicher und eindringlicher waren, als jeder Scanner dieses Raumschiffs. Er war nun froh, ihnen endlich entkommen zu können.

Noch im Hinausgehen hörte er die sonore, aber nun mit einem deutlich scharfen Unterton versehene Stimme Winnetous:

„Wird Winnetou nun erfahren, was hier mit ihm geschieht und wohin er gebracht wurde oder wird er sich weiterhin Lügen und nutzlose Worte anhören müssen, die zwar in sein Ohr dringen, doch seinen Verstand beleidigen?“

Das hatte gesessen! Das Gespräch würde wohl noch unangenehmer werden, als ohnehin schon befürchtet. Janeway wollte unbedingt noch etwas Zeit gewinnen.

„Winnetou, es tut mir leid, dass ich Sie habe warten lassen. Kommen Sie mit in meinen Bereitschaftsraum. Ich werde Ihnen all Ihre Fragen beantworten.“

„Winnetou versteht nicht, warum wir dafür irgendwo anders hingehen müssen. All seine Fragen können genauso gut hier beantwortet werden.“

Damit hatte er wohl Recht. Janeway gab sich geschlagen und zeigte auf die Stühle, die an dem kleinen, zweckmäßigen Tisch standen.

Winnetou nickte kurz, als ob er sagen wollte – Warum nicht gleich so! und setzte sich auf einen der Stühle, Janeway setzte sich ihm gegenüber.

Sie hatte nun damit gerechnet, dass Winnetou sie geradezu mit Fragen bestürmen würde, doch sie hatte sich schon in ihm wieder geirrt. Der Mann saß ihr einfach nur schweigend gegenüber und sah sie mit durchdringendem Blick an.

„Also gut, was wollen Sie wissen, Winnetou?“

„Alles, was Kathryn Janeway mir zu sagen hat! Und Winnetou wird sich nicht weiter mit Lügen zufrieden geben!“, gab er scharf zurück.

„Das wird nicht so einfach für Sie zu verstehen sein. Es ist kompliziert!“, versuchte Janeway weiterhin Zeit zu gewinnen.

„Winnetou ist nicht so dumm, wie Kathryn Janeway es offenbar glaubt! Er versteht alles, wenn man es ihm nur richtig erklärt. Erklären WILL!“

Er machte es ihr wirklich nicht einfach und sie rang nach den richtigen Worten, die sie nun nutzen konnte, um das zu erklären, was sie erklären musste, aber doch so schwer zu erklären war.

„Sie sind nicht mehr dort, wo sie zuvor waren. Sie…!“

Janeway stockte, denn der Blick, den Winnetou ihr nun zuwarf, war absolut tödlich!

Beschwichtigend hob sie ihre Hände.

„Hören Sie mir erst einmal zu. Mir ist klar, dass sie bereits wissen, dass sie nicht dort sind, wo sie…nun ja….zuvor waren, aber irgendwo muss ich ja mit meinen Erklärungen beginnen.“

Winnetou nickte einmal kurz, um sein Einverständnis zu signalisieren.

„Ihr Dasein ist nicht nur örtlich, sondern auch zeitlich nicht mehr so, wie es sein sollte. Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll. Sie sind, ausgehend von dem was Ihnen bekannt ist, fünfhundert Jahre in der Zukunft und nicht nur in einem anderen Land der Erde, sondern auf einem anderen Planeten – ach verflucht – wie kann ich das nun wieder besser erklären. Auf einem der Lichter, die Sie am Nachthimmel sehen, nur dass dieses Licht hier so weit weg ist, dass Sie es nicht mehr sehen könnten, wenn Sie denn noch auf der Erde wären.“

Das war sogar noch schwieriger, als sie ohnehin schon befürchtet hatte. Begriffe und Bezeichnungen, die Janeway sonst wie selbstverständlich gebrauchte, waren hier nicht angebracht und nur dazu angetan Winnetou noch mehr zu verwirren und damit gegen sie aufzubringen, was sie auf jeden Fall vermeiden wollte.

Sie war in erster Linie Wissenschaftlerin und es fiel ihr schwer derart komplexe Dinge, wie eine Raum/Zeit Verschiebung in Worte zu fassen, damit Winnetou das auch nur ansatzweise verstehen konnte. In diesen Momenten vermisste sie Chakotay noch mehr. Er hätte schon die richtigen Worte gefunden.

Winnetou war verwirrt. Was sagte die Frau, die die Anführerin dieser seltsamen Menschen war da nur? Er vermisste Scharlih nur noch mehr, denn der wüsste, was nun zu tun und zu sagen wäre. So blieb ihm nur, so ruhig wie möglich zu bleiben, denn er wollte unter keinen Umständen zeigen, dass er verunsichert war und nichts von dem verstanden hatte, was Janeway gerade von sich gegeben hatte.

Er sollte in der Zukunft sein und auf einem der Lichter am Nachthimmel? Wie sollte das möglich sein? Und doch konnte er in Janeway keine Anzeichen von Lüge und Falschheit entdecken – nur Unwohlsein, wie er es selbst noch viel stärker verspürte aber hoffentlich nicht so deutlich zeigte, wie sein Gegenüber.

Offenbar wartete Janeway auf irgendeine Reaktion von ihm, denn sie schwieg nun schon seit geraumer Zeit. Doch sie schien mit den Gedanken ganz irgendwo anders zu sein. Auch wenn er sonst ebenfalls lieber schwieg und andere reden ließ, musste er einsehen, dass dies hier keinen Zweck hatte. Also fragte er das, was ihm als erstes in den Sinn kam:

„Warum ist Winnetou hier?“

Janeway seufzte einmal tief.

„Das ist genau die Frage, auf die ich keine Antwort habe. Sie müssen mir glauben, Winnetou, dass wir nichts damit zu tun haben und in dieser Hinsicht vor genau so einem Rätsel stehen, wie sie. Als wir versucht haben es aufzuklären, ist Chakotay verschwunden und ich kann nur vermuten, dass er dort ist, wo Sie eigentlich hingehören.

„Also gibt es einen Weg zurück und Winnetou ist hier nicht gefangen? Der Weg muss in der Höhle sein. Wir sollten gleich noch einmal nachsehen, ob wir nicht doch etwas finden können!“

Winnetou war schon wieder aufgesprungen, doch Janeway griff vorsichtig nach seinem Arm und hielt ihn auf:

„Das war noch nicht alles, was ich Ihnen zu sagen hatte, Winnetou!“

Der Indianer schüttelte die Hand mit einem Ruck ab und sprach mit leiser, doch drohender Stimme:

„Winnetou hat es gewusst. Er ist doch ein Gefangener! Alles, was Janeway erzählt hat, war eine Lüge!“

Janeway fing langsam an zu verzweifeln. Sie war nun aufgestanden und sah dem Indianer direkt in die Augen.

„Ich habe nicht gelogen. Ich versuche nur Wege zu finden, wie ich Ihnen das alles erklären kann, dabei habe ich selbst nicht für alles eine Erklärung. Über Sie steht geschrieben, dass Sie ein aufrichtiger, umsichtiger Anführer Ihres Volkes waren. Daher appelliere ich an eben diese Vernunft. Lassen Sie mich ausreden und lassen Sie uns gemeinsam an einer Lösung arbeiten, denn auch ich möchte, dass Sie wieder dorthin zurückkehren, wo sie hingehören und ich möchte meinen ersten Offizier wiederhaben – meinen Freund!“

Das war eine lange Rede gewesen und Janeway blickte Winnetou erwartungsvoll an. Doch sie konnte nicht erkennen, ob sie mit ihren Worten irgendetwas erreicht hatte. Seine Züge blieben unbewegt.

Winnetou hingegen wusste nicht, was er von diesen Worten halten sollte. Sie klangen aufrichtig und doch sagten sie nichts aus. Doch was hatte er schon für eine Wahl? Er musste dieser Frau wenigstens ein bisschen vertrauen, denn alleine konnte er es nicht schaffen. Also nickte er kurz und setzte sich wieder hin.

Janeway lächelte ihn erleichtert an, während sie auch selbst wieder Platz nahm und legte ihm wieder kurz ihre Hand auf seinen Arm. Dieses Mal ließ er sie gewähren, denn diese Art von Gesten schienen ihr irgendwie wichtig zu sein.

„Ich danke Ihnen, Winnetou! Vielleicht habe ich es auch nur falsch angefangen und ich sollte Ihnen einfach alles von vorne erzählen, auch wenn Sie nicht alles gleich verstehen werden!“

„Janeway möge beginnen, Winnetou wird ihr dieses Mal zuhören!“

Sie sah ihn mit einem seltsamen Blick an.

„Sie erinnern mich immer mehr an Chakotay! Der ist auch so stolz und stur und will immer Recht behalten! Ich vermisse ihn sehr. Er steht immer an meiner Seite, auch wenn wir einmal nicht einer Meinung sind!“, Janeways Stimme wurde zum Ende hin immer leiser.

Er ließ das ohne Antwort stehen. Was hätte er auch dazu sagen sollen! Doch aus diesen wenigen Worten sprach so viel aufrichtige Sorge, dass es ihn irgendwie berührte und er Scharlih nur noch mehr vermisste.

Dann erzählte sie ihm eine unglaubliche Geschichte von Schiffen, die nicht über das große Wasser fuhren, sondern zu den Sternen aufstiegen und zwischen ihnen flogen und dass eins von diesen Sternenschiffen unter ihrem Befehl stand und es eben dieses seltsame Gebäude war, in dem er sich nun befand.

Sie erzählte von einer ungewollten Reise, die sie bis dorthin geführt hatte, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen war und dass sie siebzig Sommer brauchten, um wieder daheim bei ihren Familien zu sein.

Ihre Heimat das war die Erde, doch nicht die, die Winnetou kannte. Sondern die der Zukunft.

All das verwirrte ihn mehr, als dass es ihm half zu verstehen, was mit ihm passiert war. Doch das Gesicht Janeways war offen und freundlich und er konnte keinerlei Anzeichen von Falschheit erkennen.

Wie konnte so etwas möglich sein? War er nun für immer verloren?

Doch Janeway redete schon weiter und er versuchte sich auf das Gesagte zu konzentrieren.

Sie erzählte von Feinden, Bündnissen und Angriffen und von der Zerstörung ihres Sternenschiffes, weswegen sie überhaupt zu diesem Ort gelangt waren.

Hier drängte es Winnetou dann doch eine Frage zu stellen:

„So gibt es in der Zukunft weiterhin Krieg und die Menschen werden noch immer nicht in Frieden miteinander leben können?“

Fast schon hatte er Angst vor der Antwort. Wenn fünfhundert Jahre nichts daran geändert hatten, die Menschen noch immer gegeneinander kämpften und nicht miteinander lebten, dann war all das, worum er sich bemüht hatte, für das er gekämpft hatte, sinnlos und vergebens gewesen.

Janeway wusste nicht so recht, was sie darauf antworten sollte. Aus den Aufzeichnungen, die über Winnetou noch existierten, war ihr bekannt, dass dieser sich stets für den Frieden eingesetzt hatte. Wie musste die Erkenntnis, dass es nach so langer Zeit dennoch immer noch Kriege und Zerstörung gab, auf so einen Menschen wirken?

Doch es gab ja nicht nur schlechte Nachrichten.

„Ganz so ist es nicht, Winnetou! Die Menschen haben sehr wohl aus den Fehlern in der Vergangenheit gelernt. Und die Erde, so wie sie sie kennen, ist heute ein friedlicher Planet, an dem die Menschen in Frieden miteinander leben. Es spielt keine Rolle mehr, ob man Mann ist oder Frau, Schwarz, Weiß, Rot oder Blau und Grün, wenn man noch die Völker von anderen Planeten mit dazu nimmt, von denen inzwischen ebenfalls Abordnungen auf der Erde leben. Es gibt dort keine Kämpfe mehr um Ressourcen, keine Hungersnöte oder schwere Krankheiten. Schauen Sie sich doch nur hier um. Ich bin eine Frau und habe das Kommando über dieses Schiff. Chakotay ist ein Nachkomme der indigenen Völker Südamerikas und mein erster Offizier, Tuvok, mein Sicherheitschef kommt von einem anderen Planeten und seine Haut ist schwarz. Ich könnte noch viel mehr aufzählen, doch das würde wohl nur zu weit führen. Was ich sagen will ist – es hat sich viel getan in diesen fünf Jahrhunderten, die uns trennen und vieles, sehr vieles ist besser geworden und doch….“

„…gibt es Kampf, Zerstörung und Tod!“, fiel Winnetou ihr ins Wort.

Janeway seufzte leise.

„Ja, das ist richtig – aber nicht mehr auf der Erde. Doch es ist wohl der Lauf der Geschichte, dass es immer Kriege um Ressourcen, um Land und ja, auch wegen unterschiedlicher Kulturen geben wird. Sie werden heute nur anders geführt, als zu Ihrer Zeit!“

„Es wird sich nie etwas ändern, oder? Egal, wie viele Menschen sich auch um den Frieden und ein besseres Miteinander bemühen. Die Gier nach Macht und Reichtum wird immer alles zunichtemachen.“

Winnetou stand auf und wusste auf einmal nicht mehr wohin mit seinen Gefühlen, die er doch sonst stets unter Kontrolle halten konnte. Der Raum, der ihm schon vorher viel zu klein vorgekommen war, schien noch enger geworden zu sein, als würden die Wände immer weiter auf ihn zukommen.

„Es ist nicht so, wie es sich für Sie vermutlich anhört, Winnetou! Es…“, setzte Janeway erneut an, doch Winnetou hielt es in dem Quartier nicht mehr aus.

„Winnetou möchte hinausgehen. Er ist es nicht gewohnt zwischen Wänden eingeschlossen zu sein!“

Schon eilte er zur Tür, doch Janeway hielt ihm am Arm zurück.

„Es ist keine gute Idee das Schiff gerade jetzt zu verlassen, Winnetou! Ich habe Ihnen noch nicht alles gesagt. Es gibt dort draußen noch immer die Leute, die sie aus irgendeinem Grunde gefangen nehmen wollen. Ich weiß nicht, wer sie sind und warum sie es auf Sie abgesehen haben, aber Sie müssen mir glauben, dass ich das mit allen Mitteln verhindern werde. Doch sie müssen mir dabei helfen.“

Winnetou wandte sich zu Janeway um.

„Also hat sich auch daran nichts geändert. Winnetou ist es gewohnt, dass man ihn fangen und töten will. Bislang hat er noch jeden Gegner besiegt. Wenn es wahr ist, was Kathryn Janeway sagt und Winnetou nicht ihr Gefangener ist, dann wird er nun hinausgehen. Mit oder ohne Begleitung.“

„Winnetou, bitte!“

In Janeways Stimme schwang etwas mit, das Winnetou noch einmal innehalten lies – aufrichtige Sorge um ihn. Das hatte er nicht erwartet, nicht hier – wo auch immer das war – und nicht von dieser fremden Frau.

„Was schlägt Kathryn Janeway denn vor? Hat sie einen Plan und was kann Winnetou tun, um zu helfen?“

Damit wurde Kathryns anfängliche Freude darüber, dass sie nun doch einen Zugang zu Winnetou gefunden hatte, gleich wieder gedämpft.

„Einen Plan? Ehrlich gesagt habe ich keinen, aber ich bin sehr gut darin zu improvisieren. Mir fällt schon etwas ein!“, erwiderte sie mit einem schiefen Grinsen.

„Scharlih fällt auch stets etwas ein!“, sagte Winnetou leise.

„Wem?“

„Scharlih ist…mein Freund…mein…Blutsbruder!“

Janeway legte Winnetou wieder ihre Hand auf seinen Arm. Eine Geste, die ihm langsam schon vertraut und nicht mehr unangenehm war.

„Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, ob ich weiß, was das bedeutet, aber ich habe das Gefühl, dass Chakotay für mich das ist, was Scharlih für Sie ist. Daher müssen wir Sie beide wieder dorthin bringen, wo sie hingehören. Sie an die Seite von Scharlih und Chakotay an meine Seite!“

„Glaubt Kathryn Janeway, dass Chakotay bei Scharlih ist?“

Janeway zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, aber ich gehe davon aus!“

Winnetou konnte nicht genau sagen warum, doch er entschied sich, Janeway zu vertrauen.

„Winnetou kann Scharlih spüren!“

„Wie bitte?“

„In der Höhle. Winnetou kann seinen Blutsbruder dort spüren!“

„Aber wie soll das möglich sein? Wir haben nachgesehen – mehrfach. Sie waren selbst dort. Er ist nicht in der Höhle!“

Janeway winkte ab.

„Vergessen Sie es, ich ziehe die Frage zurück. Ich bin es von Chakotay gewöhnt zu hören, dass es mehr gibt, als die Wissenschaft zu erklären vermag.“

„So ist Chakotay ein weiser Mann?“

„So würde ich es jetzt nicht ausdrücken. Er ist aber in jedem Fall den spirituellen Dingen, den Geschehnissen, bei denen unsere Wissenschaft und Technik als Erklärung versagt, sehr zugetan.“

Winnetou wusste, dass er zu dieser Höhle zurückkehren musste. Dort war die Lösung zu finden. Er musste nur Janeway davon überzeugen.

„Würde Kathryn Janeway sagen, dass in diesem Fall das, was sie Wissenschaft und Technik nennt versagt hat?“

„Soweit bin ich noch nicht, aber ich gebe gerne zu, dass mir im Moment nichts zur Lösung unseres Problems einfällt. Warum fragen Sie, Winnetou? Was haben Sie im Sinn?“

„Winnetou kann es nicht genau beschreiben. Er weiß nur, dass er noch einmal in diese Höhle muss.“

Als er sah, dass Janeway protestieren wollte, hob er seine Hand und sprach weiter.

„Winnetou hat sehr gut verstanden, dass außerhalb dieses Sternenschiffs Gefahren auf ihn lauern. Er spürt seinen Blutsbruder in dieser Höhle und vielleicht ist es möglich ihm eine Botschaft zu übersenden, die uns allen helfen kann.“

Janeway dachte nach. Eine Kontaktmöglichkeit wäre definitiv von Vorteil, auch wenn sie sich nicht im Entferntesten vorstellen konnte, wie so etwas möglich sein sollte.

„Sind Sie sicher, dass das funktionieren wird?“

Nein, doch es ist die einzige Möglichkeit, die Winnetou einfällt. Es sei denn Kathryn Janeway sagt ihm jetzt, dass Chakotay etwas bei sich trägt, das ihn wieder hierher und Winnetou zurückbringen kann.“

Janeway schüttelte ihren Kopf.

„Nein, er hat nichts dabei, was irgendwie helfen könnte! Aber könnten Sie es nicht von hier aus probieren?“

„Nein! Winnetou hat eine feste Bindung zu seinem Blutsbruder. Er kann ihn stets spüren, doch ist es in dieser Höhle besonders deutlich und nur dort wird es möglich sein, ihn zu erreichen. Nicht von hier aus oder von einem anderen Ort. Winnetou weiß zudem, dass man nichts erreicht, indem man sich vor Gefahren versteckt! Wir sollten daher keine Zeit mehr verlieren! Winnetou wird nun gehen und es versuchen. Mit oder ohne Kathryn Janeway!“

Janeway war von dem eisernen Willen und dem Mut des Indianers beeindruckt. Er war wahrhaftig ein Anführer – egal in welchem Jahrhundert, doch zu dieser Höhle zurückzukehren, solange die Iraluaner da draußen lauerten, bereitete ihr nach wie vor großes Unbehagen. Auf der anderen Seite schienen diese sich gerade ruhig zu verhalten und einfach abzuwarten. Janeway fühlte sich noch immer nicht wohl bei dem Gedanken, doch was hatte sie schon für Optionen?

„Also gut. Wir werden ein Team der Sicherheitsabteilung mitnehmen und wir müssen uns beeilen. Vielleicht schaffen wir es hin und zurück, bevor die Iraluaner überhaupt merken, dass wir mit Ihnen da draußen sind.“

Janeway ging voran in den Korridor und aktivierte ihren Kommunikator.

„Janeway an Sicherheitsteam. Kommen Sie mit fünf Mann zur Shuttlerampe. Bewaffnet! Bringen Sie einen zusätzliches Phaser [22) mit.“

Sie schaute an Winnetou herab.

„Sind Sie bewaffnet?“

Dieser schüttelte seinen Kopf.

„Nein, die Sioux haben Winnetou alle Waffen abgenommen.“

Janeway erwägte kurz, dem Indianer einen Phaser zu geben, doch das war ihr dann doch etwas zu gefährlich. So eine Waffe konnte in unerfahrenen Händen schnell ungewolltes Unheil anrichten.

„Wir werden Sie schon beschützen, Winnetou!“

„Winnetou hätte lieber ebenfalls eine Waffe, um sich selbst zu schützen. Hat Janeway keine Pistole oder ein Messer für ihn?“

Janeway hielt abrupt an.

„Wir kämpfen nicht mehr mit Pistole und Messer oder Pfeil und Bogen. Unsere Waffen sind anders und Sie kennen sich nicht damit aus. Das ist…“

„Kathryn Janeway wird Winnetou zeigen, wie ihre Waffen zu bedienen sind und Winnetou wird es lernen!“

Es war wirklich sinnlos mit diesem Mann zu diskutieren. Das war ja noch schlimmer, als mit Chakotay. Das musste irgendetwas sein, was tief in den Genen der indigenen Völker verankert war: Immer das letzte Wort haben und fürchterliche Starrköpfigkeit, die die Mitmenschen an den Rand der Verzweiflung brachte.

Sie wollte gar nicht erst darüber nachdenken, wie viele Regeln sie nun brach, aber immerhin hatten sie die Möglichkeit den Phaser auf Betäubung zu stellen, dann konnte nicht allzu viel passieren.

„Janeway an Sicherheitsteam. Bringen sie zwei zusätzliche Phaser mit!“, und an Winnetou gewandt:

„Zufrieden? Können wir nun gehen?“

An der Shuttlerampe angekommen warteten die Sicherheitsleute schon auf ihre Kommandantin. Janeway nahm beide Phaser an sich und hakte ihren an die Gürtelschlaufe. Den anderen zeigte sie Winnetou, der das Instrument interessiert betrachtete.

„Es hat Ähnlichkeit mit einer Pistole!“

„Ja, aber nur äußerlich. Es ist eine ganz andere Waffe. Aber das ist jetzt zweitrangig. Sie müssen nur wissen, dass Sie hier auf diese Taste drücken müssen, um zu Feuern.“

„Das ist einfach! Warum hat Kathryn Janeway so sehr gezögert, Winnetou eine Waffe zu geben? Vertraut sie ihm doch nicht?“

„Nein, das ist es nicht. Ich darf es nicht und verstoße hier gegen viele Regeln, aber besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen. Lassen Sie uns jetzt gehen.“

Sie bewegten sich im Laufschritt zur Höhle, indem das Sicherheitsteam Winnetou und Janeway in seine Mitte nahm.

Am Höhleneingang angekommen sagte Winnetou:

„Es wäre besser, wenn Winnetou alleine hineingeht, damit er ungestört ist.“

Er sah, dass der Captain sofort zum Protest anhob.

„Kathryn Janeway mag mitkommen, aber die Männer sollen draußen bleiben.“

Janeway nickte und wandte sich an die Sicherheitsleute.

„Behalten Sie alles gut im Auge und rufen Sie mich sofort, wenn Ihnen etwas auffällt. Da drin funktioniert der Kommunikator nicht, aber es sollte reichen, wenn sie einfach altmodisch in die Höhle rufen. Alternative Kommunikationsformen scheinen ja gerade ohnehin das Mittel der Wahl zu sein!“

Winnetou war bereits in die Höhle getreten und ging nun mit schnellen Schritten voran. Noch spürte er nichts von der seltsamen Kälte, die er noch zu gut in Erinnerung hatte und die einem Kontakt vorausging.

Sie mochten wohl bereits seit fünf Minuten unterwegs sein und wollten gerade den zweiten Abzweig überprüfen, als sie von draußen Schreie und andere Geräusche hörten, die Winnetou nicht zuordnen konnte.

Dann ein Ruf:

„Captain, wir werden ange….ARGH!“

Janeways Blick schoss zu Winnetou.

„Das haben wir nun davon. Ich hätte Ihnen nicht nachgeben sollen. Wir sitzen in der Falle.“

Winnetou dachte einen Moment nach.

„Wir sollten einfach weiter hineingehen. Vielleicht gibt es einen anderen Ausgang.“

Damit machte er sich schon auf den Weg. Von draußen war nichts mehr zu hören, was aber bestimmt nicht hieß, dass keine Gefahr mehr drohte. Befriedigt stellte er fest, dass Janeway ihm einfach folgte und seine Entscheidung nicht wieder in Frage stellte.

Dann hörte er Schritte. Ganz leise und kaum wahrnehmbar, so dass klar war, dass sie verborgen bleiben sollten und das hieß nichts Gutes.

„Wir werden verfolgt!“

„Was? Nein! Ich höre nichts!“

Janeway hatte die Worte noch nicht ganz ausgesprochen, als grüne Blitze durch die Höhle zuckten. Sie zog Winnetou hinter einen Felsbrocken.

„Wir werden angegriffen. In Deckung!“

Gestein und roter Staub wurde um die beiden herum aufgewirbelt. Lange konnten sie hier keinen Schutz finden. Janeway feuerte zurück und auch Winnetou gab einen kurzen Phaserstoß ab.

Für einen Moment war die Gestalt eines Iraluaners zu sehen, bevor dieser Deckung suchte.

Das ist doch unmöglich, dachte Janeway und warf einen entgeisterten Blick auf Winnetou.

Doch der Indianer blickte auf einmal vollkommen abwesend zur gegenüberliegenden Höhlenwand.

Janeway konnte dort nichts sehen und befürchtete, dass Winnetou vielleicht getroffen war.

Sie griff mit beiden Händen an seinen Arm und schüttelte ihn.

„Winnetou, los. Wir müssen hier weg!“

Doch dieser sprach wie in Trance:

„Scharlih! Scharlih! Geh zu Tatellah Satah und bitte ihn um Hilfe! Sonst sind wir verloren! Scharlih!“

Dann schlug er die Hände vor sein Gesicht, stöhnte auf und fing an zu schwanken.

[21] Replikator : Ein Replikator arbeitet mit replizierten Proteinmolekülen und texturierten Kohlenhdyraten, die der Computer je nach programmierter Speise so anordnet, dass sie das gewünschte Mahl nachahmen. Raumschiffe der Föderation sind im 24. Jahrhundert standardmäßig mit mehreren Replikatoren ausgestattet, da sie der Besatzung eine größere Auswahl an Speisen und Getränken anzubieten, deren Vielfalt nur durch die Programmierung des Replikators begrenzt ist. Viele Personen erkennen schon keinen Unterschied mehr zwischen replizierten und frisch zubereiteten Speisen, einige wenige jedoch schon.

[22] Phaser: Gibt es sowohl als Bewaffnung des Raumschiffs (Phaserkanone), als auch als Handfeuerwaffe in verschiedenen Ausführungen. Phaser sind Strahlenwaffen. Die hier eingesetzten Handwaffen können den Gegner sowohl betäuben, als auch töten oder sogar vollkommen desintegrieren / auflösen.
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