Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Vergangene Zukunft

von Adrimeny
CrossoverAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
Old Shatterhand Winnetou
01.01.2019
03.09.2020
21
64.965
21
Alle Kapitel
122 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
09.06.2019 2.780
 
Dieser Chakotay hatte natürlich Recht. Er konnte sich allein, und auch viel besser als ich, um Tahca Ushte kümmern. Es war schon ein merkwürdiges Gefühl, das zuzugeben, denn bisher war es immer Winnetou gewesen, der eine bessere medizinische Versorgung von Verwundeten hatte vornehmen können als die meisten anderen Menschen. Nun hatte ich in Chakotay einen Mann getroffen, der alles in den Schatten stellte, was ich bisweilen von Winnetou gesehen hatte. Während ich den schmalen Pfad hinabkletterte, sann ich darüber nach, was mir da eigentlich widerfahren war und je mehr ich nachdachte, umso unwirklicher und auch unheimlicher erschien mir das Erlebte.

Winnetou war weg, einfach weg, ich konnte es nicht fassen und an seiner Stelle war nun dieser merkwürdige Fremde mit seinen noch merkwürdigeren Utensilien hier. Ich konnte nicht abstreiten, dass es mir sehr angenehm war, wie er die Wunde in nur wenigen Minuten völlig schmerzfrei geheilt und sogar das oft lästige Narbengewebe der alten Stichverletzung entfernt hatte. Er behauptete, er käme aus der Zukunft, ich hatte das einfach so hingenommen im ersten Moment. Und auch jetzt konnte ich kaum daran zweifeln, so ungeheuerlich diese Tatsache auch sein mochte. Chakotay verfügte über Dinge, von denen ich noch nie gehört, die ich noch niemals gesehen hatte.

Es regnete immer noch und beinahe wäre ich auf dem glatten Felsen ausgerutscht, es gelang mir gerade noch, mich an einem einsamen Strauch festzuklammern. Ich sollte mich wohl besser auf meine Kletterei konzentrieren.

Unten angelangt verschaffte ich mir zunächst einen Überblick über die Lage. Das ganze Plateau war übersät mit schwarzer Asche, die sich im Regen in schwarzen, zähen, schäumenden Matsch verwandelte. Die verkohlten, verkrümmten Leichen von Menschen und Pferden lagen verstreut umher und der Geruch nach gebratenem Fleisch hing schwer und übelkeitserregend in der Luft. Ich verbiss mir ein Würgen und bahnte mir einen Weg durch die tote Landschaft, wobei mir der Gedanke durch den Kopf schoss, ob Chakotay mich wohl absichtlich weggeschickt hatte.

Aber ich konnte mich nicht weiter damit befassen, denn ich befand mich jetzt in der Nähe des Höhleneingangs. Bisher hatte ich niemanden, weder Mensch noch Tier, gefunden, der die Flammen überlebt hatte, was mich auch nicht verwunderte. Wer es geschafft hatte dem Feuer zu entkommen, würde vor dem nächsten Tag nicht hierher zurückkommen. Allerdings täuschte ich mich da, denn plötzlich vernahm ich den Hufschlag mehrerer Pferde und als ich mich umwandte erkannte ich die beiden schwarzen Hengste auf der Stelle. In ihrer Begleitung befand sich, ich traute meinen Augen kaum, der weiße Hengst, der Tahca Ushte so bedrängt hatte. Iltschi und Hatatitla duldeten nahezu nie ein anderes Pferd in ihrer Nähe und erst recht keinen anderen Hengst. Hier geschahen wirklich die eigenartigsten Dinge.

Ich streckte meine Hand aus und rief die Pferde beim Namen, worauf sie sofort näherkamen und ihre Köpfe an meiner Schulter rieben. Ich kraulte ihre nassen Mähnen ausgiebig und redete leise und beruhigend in der Sprache der Apachen auf sie ein, wobei ich das weiße Pferd nicht aus den Augen ließ.

Schließlich befahl ich den Tieren, hier auf mich zu warten und näherte mich der Höhle. Allerdings verströmte das Gestein, je näher ich kam, noch eine solche Hitze, dass ich umkehren musste. Gefolgt von den drei Hengsten, ich konnte es immer noch kaum glauben, beendete ich meinen Rundgang und kehrte zu Chakotay und dem Medizinmann zurück.

„Wie geht es ihm?“

Chakotay hob kurz den Blick.

„Gab es Überlebende?“ fragte er statt einer Antwort.

„Nein! Ich habe zwölf tote Sioux gefunden. Die anderen sind wohl rechtzeitig geflohen. Wie geht es Tahca Ushte?“ wiederholte ich meine Frage nun drängender.

„Die Wunden sind geschlossen, den Rest müssen wir abwarten. Aber ich denke, er wird es schaffen.“

Ich ließ mich neben Chakotay unter dem Felsvorsprung nieder, um dem schlimmsten Regen zu entkommen, der immer noch dicht wie ein Vorhang fiel.

„Hatatitla und Iltschi sind dem Feuer entkommen und hierher zurückgekehrt, ebenso wie der weiße Hengst. Ich habe nie zuvor einen weißen Hengst bei den Sioux gesehen und meine Pferde schließen auch keine Freundschaften mit anderen Hengsten. Das ist genauso merkwürdig, wie alles andere an diesem schrecklichen Ort.“

Ich blickte den Indianer nun direkt an und fügte hinzu:

„Ist es nicht Zeit für Erklärungen? Ich mag zwar nicht über die technischen Geräte verfügen, die für Sie anscheinend selbstverständlich sind, aber ich bin weder dumm noch naiv und ich wäre Ihnen wirklich ausgesprochen dankbar, wenn Sie mir erklären würden, was hier eigentlich gespielt wird. Wo ist mein Freund Winnetou? Wie sind Sie hierhergekommen? Und von wo sind Sie gekommen?“

Chakotay antwortete nicht sofort, sondern beugte sich noch einmal über den Medizinmann, um die Atmung zu kontrollieren. Ich wartete noch einen Augenblick und fügte dann schärfer hinzu:

„Chakotay, bei Gott, reden Sie endlich! Ich bin der Geheimnisse überdrüssig und ich habe ein Recht auf die Wahrheit!“

„Sie wird Ihnen nicht gefallen, Mister Shatterhand!“

„Mir gefällt hier absolut überhaupt nichts. Also raus damit, meine Geduld ist zu Ende!“

Chakotay sah mich lange an und als ich den Blick nicht abwandte, seufzte er und begann zu sprechen:

„So sei es denn! Ich wurde im Jahr 2329 geboren. Meine Vorfahren kamen aus einem Land auf der Erde, aus Arizona. Ich bin also, wenn man es genau nimmt, auch ein Indianer, wobei das in meiner Zeit keine Rolle mehr spielt.

Wir verfügen über eine hochentwickelte Technologie, die uns, wie Sie ja gesehen haben, das schnelle Heilen von Wunden erlaubt, aber auch den Besuch auf anderen Planeten ermöglicht. Bei einem dieser…., ich nenne es jetzt einmal Ausflüge, wurde unser Raumschiff schwer beschädigt. Wir benötigten gewisse Stoffe, um das Flugobjekt soweit wieder herzustellen, um damit den nächstgelegenen Stützpunkt erreichen zu können. Dabei sind wir auf einen Wüstenplaneten getroffen, der im Grunde nichts zu bieten hat, außer, dass man dort atmen kann und wir unser Schiff dort soweit reparieren können, um zur Erde zurückzukommen.

Und dann…, ja dann haben wir noch etwas anderes gefunden….. Ich….. wir nennen es eine temporale Anomalie….“

Eine schwache Ahnung streifte mich, eine Ahnung, die ich aber nicht recht in Worte fassen konnte und deshalb bat ich:

„Bitte sprechen Sie weiter. Ich denke, ich habe begriffen, was Sie mir sagen möchten, aber mein Verstand weigert sich zu glauben, dass so etwas normal ist.“

Chakotay hob in einer seltsam hilflosen Geste die Hände und ließ sie wieder sinken.

„Ich wollte, ich könnte Ihnen etwas anderes sagen, aber es ist eine Tatsache, dass es nahezu auf jedem Planeten so etwas geben kann, nicht muss. Und immer schafft das Verwirrungen und Probleme. Unser Captain hat es einmal so formuliert:  Heute ist vorgestern und übermorgen ist in hundert Jahren und wenn man nicht aufpasst, verhindert man, dass die eigenen Urgroßeltern sich kennenlernen und existiert plötzlich nicht mehr.“

Chakotay grinste in sich hinein.

„Eine kluge Frau, unser Captain, wirklich, eine kluge Frau….“

„Eine Frau???“

Chakotays Blick kehrte zu mir zurück und plötzlich wurde er sehr ernst.

„Mister Shatterhand, wir befinden uns hier im 19. Jahrhundert. Ich weiß wohl, dass die Frauen auch damals schon für die Gleichberechtigung gekämpft haben, aber in meiner Welt ist es so, dass die Frauen ebenso viele führende Positionen einnehmen wie die Männer. Ich respektiere Captain Janeway als mutige, besonnene, manchmal auch hart durchgreifende Vorgesetzte, die immer das Wohl der Crew über ihr eigenes stellt, die ihre eigene Meinung vertreten, aber durchaus auch Kompromisse eingehen kann. Jenseits ihrer Rolle als Captain der Voyager ist sie für mich auch eine reizvolle, liebenswerte Frau und ein wertvoller Mensch.“

Ich schwieg und sann den Worten des Fremden, der nun anfing kein Fremder mehr zu sein, nach.

„Nun sind Sie hier, wo Winnetou sein sollte und Winnetou ist dort, wo Sie sein sollten. Wir sollten das schnellstmöglich ändern, wenn wir nicht den Lauf der Geschichte ändern wollen. Winnetou ist sehr wichtig für das Hier und Jetzt. Und ich vermute, Sie möchten auch lieber wieder in Ihre Zeit zurückkehren.“

Chakotay fuhr sich mit der Hand durch das Haar und hielt gleich darauf erstaunt inne.

„Aber natürlich, na, dann hat der Ausflug in die Vergangenheit ja wenigstens etwas Gutes…“

„Ich verstehe nicht….“

„Unser Raumschiff wurde angegriffen und dabei schwer beschädigt. Ein herumfliegendes Metallteil traf mich am Kopf und hinterließ eine böse Wunde. Aber jetzt ist sie weg!“

„Sie denken, weil sie hier in der Vergangenheit sind, war die Wunde noch nicht da? Aber warum haben Sie sie nicht mit Ihrem Wunderstab geheilt?“

Nun war ich es, der sich mit der Hand durch die Haare fuhr.

„Ich verstehe das alles nicht!“

Chakotay zuckte einigermaßen ratlos die Schultern.

„Ehrlich, ich habe keine Ahnung. Mein Wunderstab, wie Sie ihn nennen, funktionierte nur noch ganz schwach, als ich die Voyager verließ.“

„Aber er funktionierte doch bei mir und auch bei Tahca Ushte!“

Erneutes Schulterzucken.

„Es hilft alles nicht, Mister Shatterhand. Die Antworten auf alle unsere Fragen liegen in dieser verdammten Höhle. Also das hoffe ich zumindest.“

Das hoffte ich allerdings auch, aber ich hegte da so meine Zweifel. Schließlich hatte ich den Ort zentimetergenau untersucht und zwar mehrfach.

„Wir werden nicht umhinkommen, noch einmal alles abzusuchen in der Höhle,“ antwortete ich resigniert. „Wir müssen einfach etwas finden, irgendeinen Hinweis, einen Durchlass, irgendetwas, dass uns weiterbringt. Ich MUSS meinen Freund wiederfinden, Chakotay, ich MUSS Winnetou wiederfinden.“

Der Mann aus der Zukunft musterte mich sehr aufmerksam. Dann legte er die Hand auf meinen Arm und sagte leise: „Ich verstehe, mein lieber Freund, ich verstehe.“

Ich senkte den Kopf. Wie konnte ein Fremder das verstehen? Winnetou war die zweite Seite meines Ichs, ich brauchte ihn so nötig wie das tägliche Brot. Wäre er hier, wie gern hätte ich mich mit all den wunderbaren Dingen und Gegenständen beschäftigt, die Chakotay bei sich trug, von denen er mir erzählt hatte. Aber so überdeckte die Sorge um meinen Blutsbruder alles andere und erstickte meinen Wissensdurst im Keim.

Mühsam kämpfte ich meine Verzweiflung, meine Tränen nieder und wandte mich wieder den Dingen zu, die keinen Aufschub duldeten.

„Wie geht es dem Medizinmann?“

„Ich denke, er wird bald aufwachen. Dann können wir in der Höhle noch einmal suchen. Vielleicht haben wir ja doch etwas übersehen. Ich wünschte nur, diese sintflutartigen Regenfälle würden endlich einmal aufhören!“

Am frühen Nachmittag ließ der Regen dann endlich nach und schließlich klarte auch der Himmel auf. Nahezu zeitgleich begann auch Tahca Ushte sich auf seinem harten Lager unruhig zu bewegen und schließlich schlug er die Augen auf und starrte uns verständnislos an.

„Wie geht es Dir?“ fragte ich behutsam.

„Ich… ich weiß es nicht. Der weiße Hengst hat mich getroffen, eigentlich dürfte ich gar nicht mehr leben, aber ich empfinde keinen Schmerz…“

„Das hast Du Chakotay zu verdanken. Er hat Dich behandelt und ich denke, Du bist wieder gesund.“

Tahca Ushte warf einen scheuen Blick auf Chakotay und bewegte vorsichtig zuerst die Arme, dann die Beine und richtete sich schließlich auf.

„Tahca Ushte kennt viele Methoden einen Menschen zu behandeln, seine Schmerzen zu lindern, aber niemals kann er ungeschehen machen, was geschehen ist. Du bist wie der gute Geist aus der jenseitigen Welt, Du heilst Wunden schneller, als sie gekommen sind. Tahca Ushte würde gerne von Dir lernen.“

Ich seufzte. Das konnte ja lustig werden.

„Tahca Usthe mag mir vergeben,“ wandte ich deshalb schnell ein, „aber wir sollten zunächst noch einmal nach Winnetou suchen. Chakotay kann uns begleiten. Und ich würde auch gerne nach meinen Gewehren suchen. Kannst Du mir sagen, wo ihr sie aufbewahrt habt?“

„Neben der großen Höhle, in der ihr gefangen wart, gibt es noch eine kleine Nische. Ich nehme an, dass sie dort aufbewahrt werden.“

Der Medizinmann bewältigte den Abstieg problemlos. Ich konnte ihm seine ungläubige Freude darüber ansehen.

„Was weißt Du über den weißen Hengst, der Dich angegriffen hat?“ fragte ich unvermittelt. In einiger Entfernung standen die drei Pferde dicht beieinander. Tahca Ushte war meinem Blick gefolgt und antwortete ruhig:

„Es wurde immer wieder an den Lagerfeuern davon erzählt, dass es da draußen Mustangs gibt, die von einem weißen Hengst angeführt werden. Aber es gibt niemanden, der ihn je genau sah.“

Chakotay sah mich fragend an und ich übersetzte, was der Medizinmann mir gesagt hatte.

„Ist ein weißes Pferd denn so ungewöhnlich?“

„Nicht unbedingt. Aber es ist schon sehr ungewöhnlich, dass Iltschi und Hatatitla ihn in ihrer Nähe dulden.“

Chakotay zuckte gleichmütig die Schultern.

„Na ja, vielleicht ist der Weiße den Schwarzen sympathisch.“

Beinahe musste ich lachen und auch Tahca Ushte wandte sich schnell schmunzelnd ab. Chakotay schien von Pferden nichts zu verstehen.

„Was gibt es denn da zu lachen?“ grummelte Chakotay, schien aber keine Antwort zu erwarten.

„Dort, Nische sein,“ Tahca Ushte hatte sich anscheinend entschlossen auf seine Englischkenntnisse zurückzugreifen.

„Old Shatterhand gehen nachsehen, ob Gewehre dort.“

Ich räumte mit Chakotays Hilfe die Steine, die den Eingang verschlossen, beiseite und bückte mich, um in die Felsspalte zu sehen.

„Sie sind da,“ rief ich und holte nacheinander die Silberbüchse, den Henrystutzen und den Bärentöter hervor, die ebenso unversehrt waren, wie unsere übrigen Waffen. Warum die Sioux sie wohl nicht an sich genommen hatten?

„Sioux glauben, Zauber wohnen in diese Waffen. Aus diese Gründe sie lagern zunächst einmal hier in Höhlennische. Später, wenn Häuptling Gall hier, entscheiden, was geschehen mit Gewehr von Winnetou und Old Shatterhand.“

„Können Sie schießen?“ wandte ich mich an Chakotay.

Chakotay sah zweifelnd von einem Gewehr zum anderen.

„Mit diesen Dingern da?“

„Es sind Gewehre. Sie sind zum Schießen da!“

„Äh.. ja… schon…Glaub ich zumindest..“

Ich seufzte, das konnte ja heiter werden!

„Ich zeige Ihnen später, wie Sie den Bärentöter und die Revolver nutzen können. Seid ihr bereit, noch einmal mit in die Höhle zu gehen?“

Als beide Männer zustimmend nickten, wartete ich nicht lange, sondern wandte mich der Höhle zu. Noch atmeten die Felswände eine ziemliche Hitze, aber ich wollte keine Zeit verlieren. Allerdings hemmten ein paar praktische Hindernisse unser Tun. Schon am Höhleneingang zwang uns die Dunkelheit, die uns daraus entgegensah, wieder stehenzubleiben.

„Wir haben kein Licht mehr, keinen Kienspan, kein Feuer, nichts. Was nun?“

„Kein Problem!“ antwortete Chakotay schnell. „Da kann ich helfen!“

Er nestelte ein Kästchen von seinem Gürtel und drückte mit dem Daumen darauf herum und sofort erschien ein heller Lichtstrahl, heller als jedes Feuer sein konnte. Zwar hatte in den Städten des Ostens seit einigen Jahren das neue Gaslicht die Straßen erobert und erhellt, aber Chakotays Licht war so hell, dass es bis in die dunkelste Ecke dringen konnte. Während Tahca Ushte scharf die Luft einzog, enthielt ich mich jeden Kommentars und bat den Mann aus der Zukunft vorzugehen.

Bald gelangten wir an die Felswand, die uns das Weiterkommen verweigerte, jene Stelle, an der ich meinen Winnetou verloren hatte und an der die Sioux Chakotay gefunden hatten. Mit seinem hellen Licht tastete Chakotay jeden Zentimeter des Felsens ab, während ich meine Hand über den glatten, noch heißen Stein gleiten ließ.

Plötzlich griff der Medizinmann so schnell nach meinem Arm, dass ich erschrocken zusammenfuhr und stieß in der Sprache der Sioux hervor:„Da! Spürt ihr es nicht? Da ist etwas, da ist jemand! Da! Es…!“

Verständnislos starrten Chakotay und ich auf Tahca Ushte, als auf einmal die Luft um mich herum zu flimmern begann. Gleichzeitig erfasste mich ein so heftiger Schwindel, dass ich mich nicht mehr aufrecht halten konnte und auf die Knie sank. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass auch Chakotay und der Sioux zu Boden sanken, aber mein Hauptaugenmerk war auf die Felswand gerichtet, durch die ich jetzt, wie durch ein Fenster, hindurchsehen konnte.

„Winnetou!“ keuchte ich. „Winnetou!“

Die Erde, auf der der Häuptling, ebenso wie ich, kniete, war blutrot, an seiner Seite, sich an seinen Arm klammernd, hockte eine Frau, ähnlich gekleidet wie Chakotay und starrte mir geradewegs in die Augen.

Ich wollte aufspringen, den Apachen ergreifen und zu mir zerren, aber ich konnte mich keinen Zentimeter von der Stelle rühren, ich war wie gelähmt. Hinter mir hörte ich Chakotay irgendetwas rufen, aber ich sah nur Winnetou.

„Scharlih!“ seine Stimme sprach direkt in meinen Kopf und er stieß die Worte schnell, wie in höchster Not, hervor!

„Scharlih! Geh zu Tatellah Satah und bitte ihn um Hilfe! Sonst sind wir verloren! Scharlih!“

Die Stimme wurde schwächer, das Bild verschwamm vor meinen Augen, ein entsetzlicher Schmerz zuckte durch meinen Kopf und ließ mich aufstöhnen.

„Oh mein Gott,“ flüsterte ich erstickt, „oh mein Gott! Was geschieht hier nur mit uns?“

Mein Blick suchte die Gefährten, die mir hier auf dieser Erde noch geblieben waren und ein neuer Schreck ließ mein Herz wieder schneller pochen. Chakotay und Tahca Usthe lagen bewegungslos, mit geschlossenen Augen auf dem Felsboden. Chakotay hielt das Kästchen mit dem hellen Licht umklammert, der Strahl wies auf jene Stelle im Felsen, die eben noch durchscheinend wie Glas gewesen war und mir einen Blick in eine völlig andere Welt erlaubt hatte. Eine Welt, in der alles rot und leer zu sein schien und in der am Himmel zwei Sonnen ihre Strahlen, wohin auch immer, niederschickten.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast