Dreizehn Monate

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16
L OC (Own Character) Watari
01.01.2019
17.03.2020
12
27.965
8
Alle Kapitel
15 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
01.01.2019 1.539
 
Teil I
Abschied

„Der Tod kommt nur einmal, und doch macht er sich in allen Augenblicken des Lebens fühlbar. Es ist herber, ihn zu fürchten, als ihn zu erleiden.“

- Jean de La Bruyère


~*~



Taub waren ihre Finger geworden.
Erst wenige Minuten konnten verstrichen sein, seit sie sich hier aufhielt. Trotzdem hatte sich die Kälte bereits in ihren Knochen festgesetzt. Und obwohl es unangenehm war blieb sie weiterhin stehen und sog die eisigen Temperaturen in ihre Lungen. Helle Wolken stiegen von ihren Lippen auf und wurden nach wenigen Augenblicken eins mit der Landschaft, die aus derselben Farbe bestand. Weiß zog sich über die Felder.

Mittlerweile war es zu einem Ritual geworden. Nach dem Frühstück kam sie hier raus, um die Rest-Müdigkeit zu vertreiben und wach zu werden. Gleichzeitig mochte sie die Ruhe, welche sie an diesem Ort fand.

Abseits der Stadt war es still.
Kein Trubel. Keine Hektik.

Die Fasern ihres Wollkleides hielten die Winterluft auf Abstand. Dieser Januar war ungewöhnlich kalt. Schneemassen lagen auf den Feldern, was eher eine Seltenheit war. Letztes Jahr hatte es nicht ein einziges Mal geschneit, jetzt allerdings trugen weiße Fluten Schätze aus Diamanten, die nur im Schein der Sonne ihr Vorhandensein preisgaben. Das schier endlos wirkende Weiß, das sich vor ihrem Balkon erstreckte, schien bis zum Horizont zu reichen, wo es mit der Wolkendecke zu einer Einheit verschmolz.
Von hier aus konnte sie auf die eigentlich grünen Flächen und auf die nun wie in Watte gepackten Wälder sehen. Diese erinnerten sie an das Material, welches sie beinahe täglich in die Hand nahm. Welches zu ihr sprach, wie nur die Natur es konnte. Das geformt werden wollte, so dass es zu allen Menschen auf die gleiche Weise würde sprechen können – wenn es nach ihr ginge, dann vorzugsweise in Moll-Klängen. Es war fantastisch, welche Vielfalt an Tönen ein einziges Instrument zu erzeugen imstande war.

Mit ihren Augen verfolgte sie den Weg einer Schneeflocke, die schlussendlich auf dem Ziffernblatt ihrer Armbanduhr zum erliegen kam. Nur noch zwei Minuten blieben der jungen Frau. Sie drehte sich um und stieg in den Wohnraum hinein, welcher sie mit einer Wärme begrüßte, die die Kälte des Winters schlagartig vertrieb. Strähnen ihrer Haare strich sie sich aus ihrem Gesicht, bevor sie das Headset auf dem Glastisch ergriff und aufsetzte. Es war das erste Mal, dass ein Auftraggeber kein persönliches Treffen, sondern, für seine Entscheidung, einzig einen Telefonkontakt wünschte. Ohne Mimik und Gestik des Gegenübers lesen zu können, und ohne die andere Person in ihrem Gesicht lesen zu lassen, war es schwer, jemanden kennen zu lernen. Sie wusste nicht, wie ihr Anrufer auf diese Art zu einem Urteil kommen wollte. Allgemein empfand sie dessen Herangehensweise als sonderbar: Eine anonyme E-Mail. Ein Dialog in einem eigens dafür geschaffenen Chatroom. Eine weitere Mail mit kleineren Details. Ein erneuter, schriftlicher Austausch, in dem nur ein Name genannt wurde: Mr. Rivers. Dieser 'Mr. Rivers' war jedoch weder der Absender der Mails gewesen, noch derjenige, mit dem sie in den Chaträumen gesprochen hatte. Laut vereinbartem Termin würde sie ihr eigentümlicher Gesprächspartner heute noch anrufen.
Eigentlich hatte sie ablehnen wollen – erschien ihr dieses Verhalten doch äußerst sonderbar. Neugierde war es letzten Endes gewesen, die sie dazu gebracht hatte, zuzusagen. Neugierde, wie sie wohl jeder Mensch besaß.
Noch einmal strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht, obwohl diese nicht in ihrem Blickfeld gelegen war. Dann setzte sie sich auf die Couch, vor der ihr aufgeklappter Laptop bereits wartete. Ohne es zu merken nestelte sie am Saum ihres Kleides.

Es war acht Uhr.
Ein Läuten kündigte den Internetanruf an, den sie erwartete.

„Es ist schön, Sie endlich persönlich zu sprechen Mr. Ruvie“, begrüßte sie den Mann, welcher sich ihr erst vor drei Tagen mit seinem Namen vorgestellt hatte.

„Miss Anderson“, drang es aus den Lautsprechern zu ihr. „Vielen Dank, dass Sie Zeit gefunden haben.“

„Natürlich“, entgegnete sie dem Mann, der, dem Klang seiner Stimme nach zu urteilen, bereits eine große Menge Lebenserfahrung gesammelt haben musste. Auf Ende Sechzig würde sie ihn schätzen. Aber sie wusste ebenfalls, dass es nicht nur das Alter gab, welches die Klangfarbe eines Menschen beeinflusste.

„Es tut mir leid, dass unser Gespräch auf diese Weise stattfinden muss, doch macht es mir meine Arbeit derzeit unmöglich, meinen Aufenthaltsort zu verlassen.“

Der Stoff, welcher zunächst nur zwischen ihren Fingern gelegen war, verschwand in der Innenfläche ihrer Hand. „In aller Aufrichtigkeit: Die bisher stattgefundene Prozedur war sehr... ungewohnt“, begann sie. Ihre Nägel bohrten sich durch die weichen Fasern ihres Kleides. „Aber ich hoffe, dass Sie, auch wenn sich unser Kennenlernen auf eine rein auditive Basis beschränkt, ein ausreichendes Urteil fällen können.“

„Ich bin mir bereits sicher, die richtige Wahl getroffen zu haben. Dies ist der einzige Grund, weshalb wir mit einander sprechen, Miss Anderson.“ Ein Räuspern am anderen Ende ertönte. „Sie müssen wissen, eine geeignete Person für diese Aufgabe zu finden ist von äußerster Wichtigkeit. Offener Ablehnung werden Sie nicht begegnen, doch ebenso wird kein freundlicher Empfang auf Sie warten.“

„Ich bin es gewohnt mit Ablehnung umzugehen, Mr. Ruvie. Bitte machen Sie sich deswegen keine Gedanken.“

„Oh, besorgt bin ich nicht deshalb, aber...“, kurzes Schweigen lag in der Luft. „Es ist mir ein Anliegen, dass Sie nicht nur Mr. Rivers begleiten, sondern ebenso jene Person, welche sich Ihnen als 'Ryuzaki' vorstellen wird. Auch wenn dies“, eine Pause entstand, bevor Roger Ruvie weitersprach, „nicht immer einfach sein wird.“

Sie schwieg.
Nie war es leicht für jene, die gingen. Genauso wie der Weg derer, die gezwungen waren zurückzubleiben, alles andere als einfach zu beschreiten war. Worte konnten die Emotionen nicht beschreiben. Man musste es erleben, um es wirklich zu verstehen.

„An dieser Stelle muss ich Ihnen noch einmal erläutern, dass nichts von all dem nach außen gelangen darf. Weder Namen noch die Lokalität, in der Sie sich aufhalten werden.“

„Bitte seien Sie gewiss, dass ich meine Verschwiegenheit sehr ernst nehme. Es ist ein sehr persönlicher Prozess, weshalb-“

„Das meine ich nicht“, wurde sie von ihrem Gesprächspartner unterbrochen. In seiner Stimme lag bitterer Ernst. „Es wird für Sie unvorstellbare Konsequenzen haben, sollte auch nur die kleinste Information an die Öffentlichkeit gelangen. Denken Sie bitte immer daran.“
Noch bevor sie etwas darauf hätte entgegnen können, beendete Roger Ruvie das Gespräch: „Die Adresse, welche Sie ab dem morgigen Tag aufsuchen werden, lasse ich Ihnen per Mail zukommen. Einen guten Tag, Miss Anderson.“

Die Leitung war tot.
Das Headset beiseite legend stand sie auf. Das Ende des Gespräches war abrupt gekommen. Sie konnte nicht wirklich sagen, ob es gut oder schlecht verlaufen war, definitiv jedoch anders als erwartet. Mit einer fahrigen Bewegung strich sie sich über die Stirn, die Knitter in ihrem Kleid blieben unbemerkt. Sauerstoff würde ihr gut tun. Oder aber...
Kein Geräusch war zu hören, als sie über das Laminat hinweg zu ihrer Werkbank lief. Ihre mit Stoff bekleideten Füße schlichen auf dem Boden des Apartments umher. Ohne Zögern griff sie nach dem nicht aufgeräumten Werkzeug. Der Duft nach Holz kroch in ihre Nase. Ein Geruch wie Pfeffer und Honig lag in der Wohnung, und eine unvollkommene 'Acht', die sich nach dem Verstreichen weiterer Wochen in eine Violine verwandeln würde, befand sich vor ihr. Vorsichtig nahm sie das Stemmeisen und fuhr mit der Schneide die Kontur der Schnecke nach, an der sie seit Tagen arbeitete. Noch war sie unzufrieden mit dem Ergebnis. Einen Hammer wollte sie nicht zur Hilfe nehmen, obwohl sie so schneller die Rillen herausschlagen könnte. Die Gefahr, zu viel des wertvollen Holzes zu entfernen, war damit zu groß. Zumindest bei der Krümmung der zierlichen Schnecke wagte sie es nicht. Wenn sie mit ihrer Arbeit fertig sein würde, so müsste sie noch den Hals mit dem Corpus verbinden. Leim hatte sie erst nachgekauft. Dann stünde der Moment der Wahrheit bevor: Saiten aufspannen und den Klang erfahren.

Einzig das Schaben der Klinge war in ihrer Wohnung zu hören. Feine Holzschichten fielen auf den Tisch, als sie die Furchen herausarbeitete. Während dieser Tätigkeit vergaß sie das eben geführte Gespräch. Sie verlor den Blick für alles, was abseits ihrer Werkbank geschah. Der morgige Tag würde kommen. Aber jetzt gerade besaß nur das Roh-Instrument in ihren Händen eine Wichtigkeit für sie.


~*~

Authors Note:

Es fühlt sich etwas eigenartig an, dass ich nun tatsächlich eine Geschichte über eine OC schreibe. Lange Zeit war ich OCs abgeneigt, da ich nicht glauben wollte, dass ein eigens geschaffener Charakter den Death Note Charakteren würdig sein könnte. Besonders kein von mir geschaffener OC.

Vielleicht hat sich mein Empfinden aber langsam verändert, da es eine Geschichte gibt, welche von einer OC handelt, die mir wirklich so sehr ans Herz gewachsen ist, als wäre sie einer der Original-Charaktere. Eine OC, die ich gerne mit dem Original-Cast zusammen sehe.

Ich hoffe sehr, die Erwartungen der Leser, sowie meine eigenen, in dieser Geschichte erfüllen zu können.
Thematisch im Vordergrund soll hier das Thema Tod und Trauer bearbeitet werden, sowie die Vater-Sohn-Beziehung von Watari und L. Und die sich langsam entwickelnden Gefühle zwischen zwei Menschen, welche sich erst noch kennenlernen werden.

Auch ein Fall soll im Verlauf der Geschichte noch eine Rolle spielen.

Danke für's Lesen meines Prologes,
es würde mich freuen, wenn ihr das erste Kapitel ebenso begleiten möchtet.

Alles Liebe,
QuietWords
Review schreiben