Rebirth

von Shizena
MitmachgeschichteAllgemein / P16
01.01.2019
19.06.2019
13
45715
15
Alle Kapitel
36 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
Ich bin heute eine fleißige Biene. Eine sehr fleißige. Und es fühlt sich gut an!
Aber jau, ein neues Kapitel mit unseren geliebten FlussClan-Schülern, diesmal in der Hauptrolle: Seepfote!

Viel Spaß mit dem neuen Kapitel und den neuen Charakterdesigns ;D
Lg,
Shizena <3
______________________________________________

PoV: Seepfote

“Das sie selbst bei kaltem Wetter noch bleiben, hätte ich nicht gedacht”, murmelte Blaufeder, während er neben Seepfote durch das Schilf strich und den dünnen Bach vor sich überblickte. Die Schülerin nickte unsicher.
“Ich hatte gehofft, sie würden gehen, wenn der Wind kälter wird.”
Feuerbach schnaubte. “Offensichtlich haben sie kein Interesse daran, uns in Ruhe zu lassen.” Seepfote sah zu dem Zweiten Anführer des FlussClans auf, als der flammenfarbene Kater sprach und die Krallen durch den Grund vor sich zog. Sie schluckte leicht und sah weiterhin durch das Schilf in Richtung des Baches.
Dahinter erstreckte sich ein relativ neuer Zweibeinerbau - ihre Mutter hatte ihr erzählt, dass es dort seit erst einem Blattwechsel stand. Zunächst hatte es wohl keine Probleme gegeben und der FlussClan hatte geglaubt, sich würde nicht viel ändern, doch nun kamen immer mehr Zweibeiner und der stetige Fluss an neuen Gefahren schien sich nicht zu ändern.
Sie spürte die Flanke ihrer Schwester Bachpfote neben sich beben und drückte sich sanft an die Kätzin, um auch ihre eigene Unruhe zu vertreiben. Sie waren das erste Mal bei einer solchen Jagdpatrouille dabei, auf dieser Seite.

Ein wichtiger Teil der Jagd war es, darauf zu achten, dass die Zweibeiner sie nicht entdeckten. Sie mussten stets aufmerksam sein und durften sich unter keinen Umständen ablenken lassen - sonst konnten die Folgen fatal sein.
Sie erinnerte sich noch genau an den Tag, an dem Grünpfote das erste Mal das Beobachten der Zweibeiner übernehmen sollte. Sie hatten einen Zweibeiner nicht bemerkt, der sich von der eigentlichen Gruppe getrennt hatte. Das war vor zwei Monden gewesen und sie hatten eine andere Schülerin verloren, Fallpfote. Sie war einfach gepackt und von dem Zweibeiner davon getragen worden, unfähig sich zu befreien.
Grünpfote hatte sich einige Zeit schuldig gefühlt, obwohl man ihm immer wieder sagte, dass es nicht seine Schuld gewesen war - tatsächlich war dies auch nicht die erste Entführung gewesen, wie Blaufeder erzählt hatte. Vermutlich hatte er damit seinen Schüler beruhigen oder trösten wollen, doch für Grünpfote hatte es nicht viel gebracht.

Seepfote schüttelte den Kopf, um die betrüblichen Gedanken los zu werden. So etwas würde nicht wieder passieren. Doch Bachpfote neben ihr zitterte im kühlen Wind unaufhörlich, bis Seepfote sich schließlich mehr an sie drückte.
“Was ist los?”, fragte sie ihre Schwester leise, bemüht, ihre eigene Unruhe zu verbergen.
Bachpfote schluckte. “Ich frage mich, ob es eine so gute Idee war, uns beide mitzunehmen.” Sie sah zu ihrer Schwester. “Was, wenn wir etwas falsch machen? Sind zwei Krieger gut genug, um unsere Fehler wieder gut zu machen?”
“Du machst einfach keine Fehler”, erwiderte Blaufeder ruhig, doch in seinen Augen glitzerten dieselben Zweifel.  Feuerbach neben ihm schnaubte und stellte die Ohren spitz auf, während er die Zweibeiner beobachtete, die sich auf ein Ding aus Holz setzten und etwas langes in die Luft hoben. Birkenschweif hatte es Angeln genannt, doch auf die Frage, woher er das wusste, hatte er sich nur abgewandt und es mit seinem Alter abgetan.
“Außerdem sind wir nicht zwei Krieger. Wir sind ein Krieger und ein Zweiter Anführer. Etwas mehr Vertrauen, Bachpfote.” Er warf der kleinen Kätzin einen unzufriedenen Blick zu, der Seepfote die Krallen ausfahren ließ. Irgendetwas hatte er gegen ihre Schwester und obwohl sie nicht wusste was, machte es sie wütend, ihn so über sie reden zu hören. Bachpfote hatte ebenfalls die Ohren angelegt, doch sagte nichts mehr.
Blaufeder legte den Schweif auf die Schulter des Stellvertreters. “Beruhige dich. Sie hat es nicht so gemeint.”
Feuerbach schnaubte. “Natürlich stellst du dich auf die Seite deiner Töchter. Ich frage mich wirklich, was Wellenstrom an einem mäuseherzigem Kater wie dir gefunden hat.” Bei der Erwähnung ihrer Mutter stellte sich Seepfotes Nackenfell auf. Feuerbach hatte schon öfter Streit mit Wellenstrom oder Blaufeder angefangen, als hätte er es gerade auf ihre kleine Familie abgesehen. Seepfote selbst war wohl die Einzige gewesen, die bisher noch nicht in den Fokus des roten Stellvertreters gestolpert war.

“Feuerbach! Blaufeder!”, erklang auf einmal eine wütende Stimme hinter ihnen und Seepfote wandte den Kopf zurück, um zu ihrem Mentor Erlenglut zu blicken. Der schwarze Kater zuckte verärgert mit der weißen Schweifspitze hin und her, seine gelben Augen zeigten seine Unzufriedenheit. “Hört auf zu streiten wie Junge in der Kinderstube und konzentriert euch auf eure Aufgabe! Wir können uns kaum konzentrieren!”
Feuerbach schnaubte. “Willst du mir etwa vorschreiben, was ich zu tun habe, Erlenglut?”, fauchte er, “deinem eigenen Zweiten Anführer?!”
Blaufeder stieß ihm die Schulter leicht in die Seite. “Beruhig dich.” Dann sah er entschuldigend zurück zu dem jüngeren Krieger. “Entschuldige. Ihr macht das schon.” Erlenglut sah für einen Augenblick noch verärgert zwischen den beiden Katern hin und her, dann wandte er sich ab und ließ sich neben Wellenstrom und Salbeibach  vor dem Fluss nieder.
Bei dem Anblick der drei jagenden Katzen wurde Seepfote erneut bewusst, wie wichtig ihre Aufgabe war und das sie auf keinen Fall etwas übersehen durften. Die Katzen waren so konzentriert Fische zu entdecken, dass sie schleichende Zweibeiner nicht einmal bemerken würden, bis es zu spät war.

Blaufeder hatte ihr kurz vor ihrer Schülerzeremonie bereits von ihnen erzählt. “Schleichende Zweibeiner”, hatte er gesagt, “sind die gefährlichsten, die du dir vorstellen kannst. Anders als andere wissen sie, wie sie mit ihren großen Pfoten umgehen müssen, um uns Katzen aufzulauern. Sie können sich nähern, ohne dass wir sie bemerken, wenn wir abgelenkt sind. So einer hat… so einer hat auch Rosenduft gepackt.”
Blaufeder hatte immer nur gut über seine Schwester Rosenduft geredet. Eine zärtliche Kätzin, die Feuerbachs Junge getragen und seine schlechte Laune gelindert hatte. Bei der Erinnerung an sie, wurde Blaufeders Blick immer der eines trauernden Bruders und lange hatte Seepfote nicht verstanden, dass sie nicht nur von dem Zweibeiner entführt worden war. Erst als sie mit Wellenstrom gesprochen hatte, hatte man ihr eröffnet, dass Rosenduft von den Pranken des Zweibeiners getötet worden war.
“Er hatte sie zu kräftig am Nacken gepackt”, hatte Wellenstrom ihr erzählt, während sie gemeinsam Blaufeder mit Bachpfote beobachtet hatten. “Sie hat dem Griff nicht stand gehalten. Zunächst dachten wir, sie hätte tot gespielt, um ihn dazu zu bringen, sie loszulassen, aber als er sie dann auf den Boden gelegt hatte, war sie liegen geblieben. Das war für uns dann der Moment, in dem wir wussten, dass sie wirklich Tod war.”
Seepfote unterdrückte ein leises, bitteres Seufzen, als sie aus den Augenwinkeln zu Feuerbach sah. Manchmal verstand sie seinen Groll und seine stete schlechte Laune, aber trotzdem wünschte sie sich, er würde es nicht an ihrer Familie auslassen.

Auf einmal drang ein beißender Geruch an ihre Nase, vom Wind zu ihr getragen. Sie stellte die Ohren auf und hob den Kopf, streckte ihren Nacken, um in die Richtung zu sehen, von wo der Wind kam - hinter ihr.
“Seepfote!”, fauchte Blaufeder, “du musst versteckt bleiben!”
Doch die blaugraue Kätzin konnte nur auf den Auslöser ihrer Unruhen standen, als ihr Nackenfell sich vor Entsetzen sträubte und sie die Krallen ausfuhr. “Zweibeinerjunges!”, jaulte sie schrill, laut und deutlich.
Ein Junges, drei Mal größer als sie, aber keinesfalls so groß wie ein ausgewachsener Zweibeiner, rannte mit schlaksigen Bewegungen auf die drei jagenden Katzen zu. Die Katzen wirbelten herum, ebenso wie die Patrouille zur Beobachtung. Für einen Herzschlag schien die Zeit still zu stehen, als die FlussClan-Katzen die Augen nicht von dem Zweibeinerjunges nehmen konnten.
Dann, wie auf ein nicht ausgesprochenes Kommando, stob die Jagdpatrouille auseinander. Salbeibach folgte Wellenstrom nach rechts, in Richtung der Patrouille, die die Zweibeiner hatte beobachten sollen, genau auf Seepfote zu. Blaufeder und Feuerbach rannten neben ihr los auf die beiden Kätzinnen zu.

“Achtet auf Erlenglut!”, fauchte Feuerbach den beiden Schülerinnen zu.
Seepfote nickte und warf einen schnellen, prüfenden Blick zu Bachpfote, die noch immer überrascht auf das Junge sah. Schnell stieß sie ihre Schwester in die Seite, riss sie aus ihrer Starre und sprintete los. Doch schon während sie rannte konnte sie sehen, dass das Junge sich nicht für Erlenglut interessierte.
Der schwarze Kater sprang mit einem Hechtsprung in schützendes Schilf und verschwand aus der Sicht des Jungen. Doch das Zweibeinerjunge war ohnehin in die andere Richtung gewandt und folgte Salbeibach und Wellenstrom, die nun gezwungen waren, auf ihrer Flucht direkt an ihm vorbei zu laufen.
Seepfote zögerte. In den Clans war es nicht üblich, Junge anzugreifen, nein, es war sogar verboten und eine verachtenswerte Tat. Wie war es bei so kleinen Zweibeinerjungen? Sie waren gefährlich, natürlich, aber sicher hatte es auch irgendwo eine Mutter und einen Vater, die auf es warteten?
Doch ihre Zweifel verschwanden schlagartig, als das Junge plötzlich zu stolpern schien und fiel. Dabei griff es jedoch noch immer nach Salbeibach und mit einem lauten Heulen stürzte die Schülerin sich auf ihren Gegner. Junge oder nicht, es würde keiner Clangefährtin etwas antun!
Es packte Salbeibach an einem Hinterlauf und riss daran, die Kätzin stolperte und verlor augenblicklich die Balance. Ein lauter Aufschrei alarmierte Seepfote und sie zwang sich, noch mehr Kraft in ihre Beine zu legen, bis sie schließlich fast zeitgleich mit Feuerbach bei dem Jungen ankam.

Die beiden Katzen stürzten sich auf es, doch während Seepfote sich darauf konzentrierte Salbeibach mit schnellen Schlägen auf die Vorderpfote des Jungen aus dessen Griff zu befreien, stürzte der Stellvertreter sich direkt auf das Gesicht.
Das Junge ließ seine Beute sofort los und heulte auf vor Schmerz, stolperte zurück und hielt sich schützend, die Vorderpranken vor sein Gesicht. Bachpfote und Seepfote eilten an je eine Seite von Salbeibach und zogen sie vorsichtig am Nacken und Schweif weg von dem Zweibeiner. Erlenglut kam ihnen entgegen und unterstützte sie dabei, die Kriegerin in das schützende Schilf zu ziehen.
Seepfote sah voller Entsetzen zurück zu dem Zweibeinerjungen. Feuerglut attackierte das Junge noch immer, doch ein lautes Jaulen ließ ihn zurück zucken. Seepfote folgte seinem Blick und entdeckte zwei ausgewachsene Zweibeiner, einer mit kurzem und einer mit langem Fell, auf sie zurennen.
Das Junge schlug nach Feuerbach, worauf der Krieger flink nach hinten auswich. Doch als er sich schon zu einem neuen Angriff bereit machen wollte, presste Blaufeder sich an ihn, zischte etwas in sein Ohr.

Der Stellvertreter fauchte wütend, doch bevor die ausgewachsenen Zweibeiner sie erreichen konnten, stoben sie hinter Wellenstrom her in das schützende Schilf auf der anderen Seite am Rand des Baches, wo zuvor Seepfote und Bachpfote auch noch Schutz gesucht hatten.
“Du bist zu weit draußen”, fauchte Erlenglut, packte Seepfote am Nacken und zog sie tiefer in das Schilf. Dankbar nickte sie ihm zu, als sich auch schon Bachpfote dicht an sie presste. Die Schülerin zitterte voller Panik, während Seepfote langsam begann, sich zu beruhigen. Zärtlich leckte sie ihrer Schwester zwischen den Ohren, darauf hoffend, dass es sie ein wenig beruhigte.
Als Seepfote wieder zwischen dem Schilf hervorblickte, sah sie die beiden erwachsenen Zweibeiner mit ihrem Jungen schimpfen, während sie seine Wunden begutachteten. Je mehr sie entdeckten, desto leiser wurden sie und der größere von beiden begann, sich wütend nach den Katzen umzusehen.
Blut tropfte von einer Wange des Jungen und von seinen Armen, seine Nase hatte einen kleinen Riss und Seepfote konnte sich kaum vorstellen, wie es auf der ihr abgewandten Seite aussah. Die kleinere Zweibeinerin schimpfte noch immer mit ihrem Jungen, nahm es aber hoch und wiegte es einen Moment in ihren Armen, ehe sie leise auf ihren Gefährten einzusprechen schien. Was immer sie sagte, er schien nicht einverstanden, doch sie ging dann einfach, ohne sich noch einmal zu ihm umzudrehen, mit ihrem Jungen davon. Er blieb noch einen Augenblick zurück um sich umzusehen, ehe er ihr mit lauten, ungelenken Schritten folgte.

“Sie sind weg”, flüsterte Seepfote und sah zu Erlenglut. Der schwarze Kater war über Salbeibach gebeugt, eine Pfote auf ihrer Flanke des Hinterlaufs, an welchem sie gepackt worden war. Die Kätzin atmete flach und sah wild vor sich her.
Dann schnaubte ihr Mentor. “Ich bin zwar kein Heiler, aber sie steht bestimmt unter Schock. Ihr Bein fühlt sich auch nicht gut an. Wir müssen sie sofort zu Möwenfeder bringen.” Dann sah er sich um und zuckte mit den Ohren. “Aber wir können uns noch nicht sicher sein, dass das Ufer wirklich sicher ist. Das Männchen sah sehr wütend aus, als würde er uns noch weiter auflauern, wenn wir nur einen falschen Schritt machen.”
Seepfote sah über das Ufer zu der anderen Seite, wo ihre Eltern mit Feuerbach versteckt saßen. Sie schienen dieselben Sorgen zu teilen, da sie noch immer dicht aneinander gedrückt im Schilf darauf warteten, dass irgendwer Entwarnung gab. Doch Feuerbach hatte nur Augen für die andere Seite des Ufers, wo seine verletzte Schwester lag.
“Er überprüft nicht, ob der Zweibeiner weg ist”, murmelte Bachpfote neben ihr und sie nickte unruhig. Noch immer überraschte es sie, wie wütend er ein Junges angegriffen hatte. Es war absolut hilflos gewesen, konnte sich nicht wehren. Ob es seine eigene Kraft, die es als Zweibeiner hatte, überhaupt verstand?

Erlenglut schnaubte. “Seepfote, ich vertraue deinem Urteil. Überprüfe, ob der Zweibeiner weg ist.”
Erschrocken stellte die Schülerin die Ohren auf. “Ich?”
“Natürlich du. Du bist meine Schülerin und hast damit besondere Qualitäten. Du kannst das.” Erlengluts Worte ehrten Seepfote, auch wenn sie wusste, das er damit zu einem Großteil auch seine eigenen Fähigkeiten lobte. Sie nahm ihm das schon lange nicht mehr Übel und sein Vertrauen in sie ehrte sie.
“Na gut…”, murmelte sie, “ich werde mir Mühe geben.”
Er nickte und sie wusste, dass damit für ihn die Sache zu Ende besprochen war. Sie warf ihrer Schwester noch einen schnellen Blick zu, die sich bemühte, ihr aufmunternd zuzulächeln - doch ihr Zittern verrat ihre Unruhe. Seepfote lächelte leicht, dann schob sie sich an Bachpfote vorbei durch das Schilf.
Sie bemühte sich, stets vor den Blicken der Zweibeiner versteckt zu sein, während sie ihrer Geruchsspur folgte - der Geruch nach dem Blut des Jungen hing in der Luft und sie fühlte sich schandhaft. Sie erinnerte sich noch genau daran, als sie als Junges von einem Dorn gestochen worden war und gejault hatte, bis fast eine ganze Patrouille sich vor Sorge vor der Kinderstube versammelt hatte. Ob Zweibeiner auch so fürsorglich waren?
Die Schülerin kletterte einen kleinen Hang hinauf und entfernte sich mehr vom Bach und Schilf.  Schon bald entdeckte sie die riesige Fläche, auf welcher die Menschen den Rasen entfernt und stattdessen heiße, schwarze Steine verlegt hatten - ähnlich der Donnerwege. Birkenschweif hatte es einen Parkplatz genannt, wo Monster auf ihre Partner, die Zweibeiner warteten.
Sie hatte immer geglaubt, die Monster würden Zweibeiner fressen, aber der alte Kater hatte offensichtlich andere Ideen zu der Arbeit zwischen Monstern und Zweibeinern.
Seepfote versteckte sich hinter einem Holunderbusch, der am Rand des Platzes wuchs und spähte hinüber. Sie entdeckte die beiden erwachsenen Zweibeiner mit ihrem Jungen, als sie gerade in ihr Monster kletterten. Nur wenige Herzschläge danach erwachte es zu Leben und lief gemächlich in Richtung des angrenzenden Donnerwegs.

Die Schülerin hatte genug gesehen. Sie wirbelte herum und preschte zurück, jaulte laut, als sie das Ufer sah. “Sie sind weg! Ihr könnt wieder raus kommen!”
Sofort stürzte Feuerbach aus seinem Versteck, ein wütendes Funkeln in seinen Augen, als er in ihre Richtung sah. Sie verlangsamte ein wenig, doch er wandte sich von ihr ab und lief stattdessen geradewegs in das gegenüber liegende Schilfdickicht.
Blaufeder und Wellenstrom folgten ihm langsamer und trafen in der Mitte auf Seepfote. Ehe irgendwer etwas sagen konnte, fauchte Wellenstrom bereits. “Darüber reden wir, wenn wir wieder im Lager sind.”
Erschrocken sah die Schülerin zu ihrer Mutter auf. Blaufeder schluckte und legte seiner Gefährtin den Schweif über die Schulter. “Wellenstrom…”
“Erlenglut hatte euch sogar noch gewarnt!”, fauchte sie, wandte sich von ihm ab und stolzierte hinüber zu Feuerbach und Erlenglut, die mit Bachpfote Salbeibach aus dem Schilf zogen.
Seepfote sah flehend zu ihrem Vater auf, der lediglich den Kopf schüttelte und über die Schulter zu dem Zweibeinernest sah. Ein paar Zweibeiner, die noch immer ihren Aktivitäten nachgingen, hatten die Köpfe zu ihnen gewandt, doch keiner von ihnen machte Anstalten, sich ihnen zu nähern. Ob sie wohl auch das mit dem Zweibeinerjungen gesehen hatten und nun Angst hatten?
“Lass uns von hier verschwinden”, murmelte Blaufeder und drückte sanft seine Schnauze gegen Seepfotes Schulter. “Aber egal was deine Mutter sagt, ich bin stolz auf dich. Du hast viel Mut gezeigt.”

“Ich habe nur getan, was ich für richtig gehalten habe”, erwiderte Seepfote, ein wenig getröstet von den freundlichen Worten ihres Vaters. Dann lief sie mit ihm hinüber zu Salbeibach und halfen Feuerbach, sie über Erlengluts Rücken zu legen. Wann immer jemand auch nur ihre Flanke streifte, entkam ihr ein Wimmern und als Wellenstrom einmal versehentlich daran zog, schrie sie laut auf.
Feuerbach nutzte jeden Laut, den seine Schwester machte, um die verantwortliche Katze anzufauchen, bis Wellenstrom genug hatte. “Hör auf dich so aufzuspielen! Lauf lieber vor und bereite Möwenfeder auf eine Patientin vor!”
Feuerbach schnaubte wütend, doch sah er offensichtlich ein, dass sie Recht hatte. Dann sah er zu Seepfote und sie glaubte, ihr Herz würde ihr vor plötzlicher Unruhe in die Pfoten rutschen. “Du kommst mit”, fauchte er, wandte sich ab und lief los.
Sie warf Bachpfote einen schnellen Blick zu, doch als sie nickte und sich neben Erlenglut stellte um ihm mit Salbeibach zu helfen, folgte Seepfote schnell dem Stellvertreter.

Erst als sie außer Hörweite der anderen Katzen waren, wirbelte Feuerbach plötzlich zu der Schülerin um. “Was hast du dir dabei gedacht, die Zweibeiner zu verfolgen?”, fauchte er, offensichtlich wütend, dass sie damit seine Aufgaben als Zweiten Anführer untergraben hatte, die er auch als Anführer der Patrouille hätte erledigen müssen.
“Erlenglut sagte…”, versuchte sie sich zu entschuldigen, doch er schnippte mit dem Schweif vor ihrem Mund und verbat ihr somit, weiter zu sprechen.
“Was Erlenglut sagt ist egal! Du respektierst mich nicht, wenn du meinen Aufgaben nachkommen willst!”
Seepfote verbiss sich den Kommentar, dass er sich selbst nicht um diese Aufgabe gekümmert hatte. In seinen Augen spiegelte sich nach wie vor Sorge, als sie aufsah - er sorgte sich um seine verletzte Schwester und die Schülerin konnte es ihm nicht verübeln. Was hätte sie getan, wenn es sich um Bachpfote gehandelt hätte?
Sie senkte den Kopf, ihre Niederlage eingestehend. “Es tut mir Leid.”
Er schnaubte. “Der Clan erfährt davon nichts. Der Clan erfährt nur, dass wir das Zweibeinerjunges nicht bemerkt hatten und Salbeibach verletzt ist.” Seepfote zuckte mit einem Ohr und nickte. Sie konnte ohnehin nicht viel anderes tun, um seinen Zorn zu besänftigen. Er war nun einmal ein komplizierter und sturer Fellball.
Zögerlich sah sie zu ihm hoch, als er sich wieder auf den Weg konzentrierte. Ob er vor Rosendufts Tod wohl anders war?

X                      X


Als Erlenglut und der Rest der Patrouille mit Salbeibach ins Lager kamen, stand Möwenfeder schon bereit vor dem Heilerbau. Er eilte zu ihnen hinüber und half ihnen, die Kätzin in sein Bau zu bringen. Seepfote und Feuerbach folgten und sahen zu, wie er gekonnt seine Pfoten über ihre Flanken laufen ließ, nachdem man sie in ein Nest gelegt hatte.
“Ihr Hinterlauf ist weit ausgerenkt”, miaute er fachlich und sah zu den anderen Katzen der Patrouille zurück. “Aber es ist nichts gebrochen. Ich werde es wieder richten müssen, aber sie wird ein, zwei Tage im Bau bleiben. Es scheint nichts gebrochen, also sollte es sie danach nicht weiter belasten.”
“Das ist beruhigend”, erwiderte Feuerbach und drückte seine Schnauze sanft gegen die seiner Schwester. Salbeibach sah etwas auf und erwiderte die Geste, ein schwaches Lächeln auf den Lippen. Dann jedoch sah der Zweite Anführer zurück zu Möwenfeder. “Bekommt sie keine Mohnsamen gegen die Schmerzen und den Schock?”
Der Heiler erwiderte Feuerbachs Blick ruhig. “Noch nicht. Erst, wenn ich ihr Bein wieder eingerenkt habe. Das wird schmerzen, aber sie muss sie spüren. Wenn ich ihr zuvor Mohnsamen gebe, könnte es sein, dass die Wirkung durch einen erneuten Schock nachlässt.” Ehe der Zweite Anführer etwas erwidern konnte, verhärtete sich Möwenfeders Blick. “Verlasst nun bitte meinen Bau. Ich muss mich um meine Patientin kümmern.”
Erlenglut schob Feuerbach mit sich hinaus, gefolgt von Seepfote und ihrer Familie. Noch während sie Feuerbachs wütenden Flüchen lauschten, verschwand der flammenfarbene Kater auch schon in Richtung Froststern, die am Rande des Lagers saß und mit gespitzten Ohren lauschte.

Seepfote wollte hören, was sie zu sagen hatte, doch da stellte sich auf einmal Wellenstrom in ihren Weg und fauchte. “Meine ganze Familie! Ihr wart alle da, vier Katzen, und ihr habt es nicht geschafft, auf ein einziges Junge aufzupassen?”
Seepfote spürte, wie ihre Kehle trockener wurde und sie sah Hilfe suchend zu Bachpfote. Doch die graue Kätzin hatte sich hilflos hingesetzt, den Schweif um ihre Pfoten geschlungen und sah zu Boden, als würde sie nur so der Wut ihrer Mutter entkommen.
Die Sonne hinter ihnen war beinahe untergegangen und ließen die Umrisse von Wellenstroms grauem Körper beinahe brennen. “Ich kann nicht glauben, was ich für unaufmerksame Junge habe! Euch könnte man nicht einmal ein Nest mit Kükeneiern anvertrauen, das würdet ihr noch irgendwie verlieren!”
“Wir haben versucht was wir konnten!”, wollte Seepfote erwidern, doch Wellenstrom schnitt ihr das Wort ab.
“Ja, indem du die Vorderpfote des Jungen ein wenig gestreichelt hast! Wäre Feuerbach nicht dagewesen um Salbeibach zu helfen, wäre etwas noch schlimmeres als ein ausgerenktes Bein passiert!”

Ehe Seepfote etwas antworten konnte, schnitt ein lauter Schrei die Luft. Alle Katzen blickten in einer fließenden Bewegung zum Heilerbau und eine Welle des Mitleids glitt durch das Lager, als sie das leise Wimmern der Kriegerin hörten und die beruhigenden Worte des Heilers, der ihr versicherte, dass das Schlimmste überstanden sei.
Wellenstrom schnaubte. “Das alles wäre nicht passiert, wenn ihr nur ein wenig aufmerksamer gewesen wärt. An Froststerns Stelle und der eurer Mentoren würde ich euch nun einen Mond lang die Zecken aus den Pelzen der Ältesten suchen lassen.” Damit wandte sie sich um und stolzierte mit hoch erhobenem Schweif davon.
Blaufeder seufzte, doch statt sich mit seinen Jungen darüber zu unterhalten und ihnen zu vergewissern, dass alles gut war, lief er hinter seiner Gefährtin her. Seepfote sah ihm nach, wissend, dass er es nicht so gemeint hatte, doch irgendwie verletzte es sie dennoch.
Sie blickte zurück zu Bachpfote, die neben ihr hockte wie ein Häufchen Elend. Seepfote zwang sich zu lächeln und schob den Kopf unter das Kinn ihrer Schwester, während sie sich dicht an sie schmiegte. “Kopf hoch”, murmelte sie, “Salbeibach geht es gut und morgen wird wieder ein neuer Tag sein.”
Die graue Schülerin schniefte, drückte sich dann aber erwidernd an ihre Schwester. “Ja… es tut mir Leid, dass ich keine so große Hilfe war… ich war wie erstarrt vor Angst.”
“Das ist doch nicht schlimm”, beruhigte Seepfote sie, “das war unser erster Kontakt mit Zweibeinern. Ich hatte auch große Angst.”
“Hat man dir aber nicht angemerkt”, murmelte Bachpfote verletzt, dann richtete sie sich auf und lief in Richtung des Schülerbaus. Seepfote sah ihr nach und seufzte, als auch ihre Schweifspitze in der Dunkelheit des Baus verschwand.

Aus ihren Augenwinkeln sah sie stattdessen eine andere Katze auf sie zukommen, der sie sich nun zuwandte.
“Hallo Grünpfote”, murmelte sie, ihre Stimmung noch immer angeschlagen.
Grünpfote lächelte aufmunternd. “Lass dir das nicht so zu Kopf gehen. Zweibeiner sind nun einmal tückisch.” Seepfote murrte leise. Zweibeinerjunge waren nicht tückisch, normalerweise. Und doch hatte es ihnen solche Probleme bereitet. Hatte ihre Mutter auch Recht gehabt? Hätte sie wirklich mehr tun können und so handeln sollen wie Feuerbach?
Der ältere Schüler stieß sanft gegen sie. “Kopf hoch. Lass uns etwas essen, okay? Das hebt deine Stimmung. Wir können auch Bachpfote einladen, was meinst du?”
“Ich glaube, Bachpfote will gerade lieber alleine sein”, murmelte sie, worauf er verständnisvoll nickte, aber dennoch ein wenig enttäuscht wirkte.
“Okay. Aber dann lass uns nun einen guten Fisch aussuchen.” Er führte sie zum Frischbeutehaufen, auf dem nur noch drei magere Fische lagen. Sie selbst hatte mit ihrer Abendpatrouille nun nicht einmal einen einzigen Fisch mitbringen können.
Grünpfote wählte für sie den größten, wofür sie sich beinahe schlecht fühlte und führte sie dann hinüber zu dem kleinen, dünnen Bach, der durch ihr Lager floss. Daneben ließen sie sich nieder und knabberten abwechselnd an der Beute, was Seepfotes Stimmung tatsächlich ein wenig hob. Das Gespräch mit dem Schüler beruhigte sie und sie lächelte ein wenig mehr, als Möwenfeder zu Feuerbach und Frostern lief.

Die Ruhe wurde erst wieder unterbrochen, als eine Katze außerhalb des Lagers offensichtlich in den Bach fiel, der das Lager umschloss. Sofort standen die Felle aller Katzen angespannt auf, als dann auf einmal Rabenstern und Beerenstern mit jeweils zwei Katzen hinter sich das Lager betraten.
Seepfote erkannte beide Katzen nicht, doch einer der Beiden, ein relativ junger Kater mit schwarzen Fell, triefte bis zu den Schnurrhaaren und mit einem unglücklichen Blick in den gelben Augen.
Froststern trat vor, ihre blinden Augen fokussiert auf den beiden Anführern. “Willkommen, Beerenstern und Rabenstern. Was ist der Grund für euren Besuch?” Seepfote erkannte Hoffnung in ihrer Stimme mitschwingen und mit einem Mal verschwand all der Stress des Tages, als sie sich daran erinnerte, was Bachpfote ihr von der Versammlung der letzten Nacht erzählt hatte.
Die beiden Anführer neigten ihre Köpfe. “Hallo Froststern”, grüßte Beerenstern als erster, “wir haben über deinen Vorschlag nachgedacht, wie versprochen. Und wir zwei sind zu demselben Entschluss gekommen.”
Rabenstern reckte den Kopf wieder in die Höhe, stolz und kraftvoll. “Wir beide geben dir jeweils eines der Junge unserer Clans. Doch muss eine Voraussetzung erfüllt sein.”
“Eine Voraussetzung?”, wiederholte Froststern und hob den Schweif vor Feuerbachs Maul, der bereits wütend zu einem sicherlich nicht passenden Satz angesetzt hatte. Seepfote schluckte. Wenn die beiden Clans wirklich Junge abgeben wollten, konnten sie vermutlich verlangen, was sie wollten, selbst wenn es mehr Territorium war.
Was wenn beide Clans sich gegen den FlussClan verschworen und ihr Territorium weiter ausweiten wollten? Sie waren beide an der Grenze zu ihrem Clan, stellte Seepfote mit einem leichten Unwohlsein im Bauch fest. Oder wollten sie Frieden verlangen?
Beerenstern war der, der sprach. “Ihr braucht eine junge Mutter, die Milch zu geben hat. Eines der beiden Junge ist gerade einmal ein paar Tage alt.”

Froststern blinzelte und wandte den Kopf in Richtung der Kinderstube. “Nun, wir haben eine junge Mutter, aber ihre Jungen sind noch nicht…”
“Möwenfeder!”, jaulte auf einmal eine laute Stimme und Schwarzflug rannte an den drei Anführern vorbei, ohne auch nur einen Blick an sie zu verschwenden. Moos von der Kinderstube klebte noch an seinem Pelz und seine Augen glitzerten vor Freude, doch auch Angst schwang in ihnen mit. Der Heiler sah ihn an und kam ihm entgegen, als Schwarzflug bereits Luft holte. “Die Junge! Sie kommen! Wir brauchen dich sofort bei Echoklang!”
Möwenfeder stellte die Ohren auf. “Sofort. Oh SternenClan, bitte lass mich alle Kräuter mitbringen…” Er eilte flink in den Heilerbau und sprintete dann mit einem Bündel voll Kräuter im Maul erneut an Froststern vorbei in Richtung Kinderstube.
Grünpfote räusperte sich. “Wenn das mal kein Zeichen vom SternenClan ist.”
“Meinst du?” Seepfote wandte sich dem Schüler zu, der amüsiert von Ohr zu Ohr zu grinsen schien.
Er lachte. “Natürlich. So ein Zufall passiert doch sonst nicht.”
Schwarzflug sah Möwenfeder nach, stoppte aber, als sein Blick auf die Anführer fiel, an denen er zuvor vorbei geprescht war. Beerenstern wirkte belustigt und lächelte amüsiert, während Rabenstern ein Stück Moos aus ihrem Pelz schüttelte. Froststern sah lediglich ausdruckslos in seine Richtung.
“B-bitte verzeiht”, stammelte der Kater, neigte den Kopf und wollte dann an ihnen vorbei. Doch Luchsrose trat ihm entgegen und schickte ihn mit ein paar beruhigenden Worten zum Frischbeutehaufen.

Rabenstern räusperte sich. “Wenn das auch geklärt ist”, miaute sie, “werden Beerenstern und ich morgen früh mit den Jungen vorbei kommen und den anderen Clans sagen, dass sie sich darüber keine Sorgen mehr machen müssen.”
“Wenn sie das je getan haben”, murmelte Seepfote leise, doch Froststern nickte nur dankend.
“Wir werden euch in Empfang nehmen.”
Die beiden Anführer nickten, wandten sich ab und bedeuteten ihren beiden Begleitungen, ihnen zu folgen. Der Kater sah sich noch einen Augenblick lang zweifelnd um, eine Angst in seinen Augen und mit einem Mal fragte Seepfote sich, ob er einer der Väter der Jungen war. Die andere Kätzin wirkte zu alt, um noch Mutter zu sein, sie warf auch nicht einen Blick zurück, als sie ihrer Anführerin aus dem Lager folgte.
Was blieb war eine unangenehme Stille, nur unterbrochen von Echoblütes wimmern.

_______________________________________________________
Bachpfote: https://sta.sh/01hpq2j1ojf6
Seepfote: https://sta.sh/0er94f4pli1
Grünpfote: https://sta.sh/017j9iv5jvkw