Ein Tanz in Schwarz und Weiß

SongficRomanze, Tragödie / P16
31.12.2018
31.12.2018
1
1494
 
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
The last that ever she saw him
Carried away by a moonlight shadow
He passed on worried and warning
Carried away by a moonlight shadow


Das erste Mal trafen sie sich in Paris.
Die Nacht war klar, die Stadt ein Sternenhimmel auf Erden, und über allem erstrahlte der Eiffelturm, wie ein glühendes Schwert emporgereckt gen Himmel.
Am liebsten hätte sie dieses Schwert genommen und ihm in die Brust gestoßen, doch alas, das war leider keine Option. Nicht, solange er ihren Diamanten in der Hand hielt und so nah an der Dachkante stand; sie hatte nicht vor, heute noch in die Kanalisation zu tauchen, nur weil ihm der Stein aus der Hand fiel.
»Gut gespielt, Taube«, sagte sie daher, und meinte es, denn niemand anders hatte es je geschafft, sie so auszutricksen wie er.
»Ich hatte eine exzellente Mitspielerin«, gab die Taube zurück und lächelte, auch wenn die Schatten der Nacht es verbargen.
Der Rabe schnaubte. »Gegenspielerin, meinst du«, korrigierte sie.
»Und doch fliegen wir gemeinsam durch Schatten und Rauch«, gab die Taube zurück.
»Bis einer von uns abstürzt«, antwortete der Rabe.
»Bis einer von uns abstürzt«, stimmte die Taube zu.
Und er verschwand in Schatten und Rauch, und sie blieb zurück, allein auf dem Dach.

Lost in a riddle that Saturday night
Far away on the other side
He was caught in the middle of a desperate fight
And she couldn’t find how to push through


Sirenen heulten durch die Nacht, die Straße ein flackerndes Lichtermeer, rot und blau, rot und blau, rot und blau, und irgendwo in den Gassen drückten schwarz und weiß sich an die Wand.
»Nie gehen meine Pläne so spektakulär schief«, keuchte Rabe, »wie wenn du in der Nähe bist.« Ihr Herz klopfte wild gegen ihren Brustkorb, doch nur ein Teil davon war der Jagd geschuldet, deren Beute sie sein sollte.
Anspannung. Aufregung. Angst. Freude.
Selten hatte sie sich so gut gefühlt wie auf dieser Flucht vor der Polizei, gefangen in einer schmutzigen Seitengasse einer fremden Stadt, zusammen mit der Taube an ihrer Seite und Juwelen in ihrer Tasche.
»Und doch ist dir der Nervenkitzel ein Genuss«, gab Taube lachend zurück, auch er atemlos nach ihrer ungeplanten Flucht.  
»Such du uns lieber einen Fluchtweg, oh großer Magier, denn sonst heißt es Game Over für uns beide«, antwortete Rabe. Genoss sie den Nervenkitzel so sehr?
Oh ja, definitiv.
Was nicht hieß, dass sie der Taube nicht dieses nervige Grinsen vom Gesicht wischen wollte!
Er deutete nach unten, zu ihren Füßen. »Weder eine Flucht durch die Straßen noch durch die Luft mag möglich sein, doch wie wäre es mit unter der Erde?«
Der Rabe stöhnte gequält, protestierte jedoch nicht.
Manchmal durfte man weder bei der Wahl der Fluchtwege, noch der Wahl der Partner wählerisch sein.  

The trees that whisper in the evening
Carried away by a moonlight shadow
Sing a song of sorrow and grieving
Carried away by a moonlight shadow


»Darf ich Sie um diesen Tanz bitten?«
Resigniert blickte Rabe auf Taubes vor ihr verneigtes Haupt, seine linke Hand ihr entgegengestreckt. »In ganz Venedig gab es keinen anderen Ball, den du besuchen konntest?«, fragte sie, doch sie ergriff seine Hand.
Trotz Handschuhe fühlte sie sich warm in der ihren an.
»Keinen anderen, von dem ich so sicher war, dass er deine Aufmerksamkeit erregen würde«, antwortete Taube. Seine weiß gefiederte Maske verdeckte seine Augen, doch sein Mund lächelte, und Rabe lächelte zurück.
Es fühlte sich gut an, so nah bei ihm zu stehen, seine Körperwärme zu spüren, sich im selben Takt zu bewegen wie er.
Wann hatte sie angefangen, ihm zu vertrauen?
Sein Atem an ihrem Ohr ließ ihre Haut kribbeln. »Die Dame in Rot, auf der anderen Seite der Tanzfläche?«, murmelte er und sie nickte subtil.
Und dann tanzten sie, und es war wie fliegen. Zwei Flügel, schwarz und weiß, die im selben Takt schlugen, sich im selben Rhythmus bewegten, und niemand konnte sie fangen. Die Welt war ein Farbenmeer, bunte Ballkleider und buntere Masken, funkelnde Lampen und glitzernder Schmuck, und über allem die Klänge des Orchesters und das Auf und Ab der Menschenmenge.
Atemlos blieben Rabe und Taube stehen, lange nachdem sie angefangen hatten. Taube grinste. »Was meinst du, schaffen wir noch einen Tanz, bevor die Damen den Verlust ihrer Juwelen bemerken?«
Rabe lachte und ließ los. »Wir sehen uns beim nächsten Ball!«, rief sie, und verschwand in Licht und Musik.

All she saw was a silhouette of a gun
Far away on the other side
He was shot six times by a man on the run
And she couldn’t find how to push through


Der Kuss brannte ihr durch Körper und Seele, entflammte Feuer in ihren Venen und Verlangen in ihrem Herz.
Der Rausch eines gelungenen Raubs vernebelte noch ihre Sinne, ließ sie schweben, doch er, er ließ sie fliegen. Nein, sie flogen zusammen.
Eine Nacht, ein Tanz, ein Rhythmus.
Partner?
Sein Bett, ihr Bett, ein Hotel? Sie wusste es nicht, und sie sah nicht nach. Ihre Herzen rasten im selben Takt, nackte Haut auf nackter Haut, allumfassende, wohlige Wärme.
Ein unstillbares Verlangen, das gestillt wurde.
Taube und Rabe, verbunden im Flug.
Partner.
Bis einer abstürzt.

Four a.m. in the morning
Carried away by a moonlight shadow
I watched your vision forming
Carried away by a moonlight shadow


Abendlicht senkte sich über die Stadt Paris und brachte das Sternenmeer auf die Erde. Es dauerte nicht lange, bis funkelnde Lichter sich erstreckten, wohin man auch sah, und über allem erstrahlte der Eiffelturm.
Wie ein Schwert, das sich gen Himmel reckt.
Doch als sie die Augen öffnete, gab es niemanden, der zwischen ihr und dem Turm stand. Niemanden, der mit ihr auf diesem Dach war.
Denn die Taube war fortgeflogen, und zurück blieb nur Asche.
Die Asche ihres verbrannten Herzens, und die Asche seiner Federn.
Schwarzer Staub aus einst weißen Federn.
Eine einzelne Träne tropfte auf die Urne in ihren Händen.

Stars roll slowly in a silvery night
Far away on the other side
Will you come to talk to me this night?
But she couldn’t find how to push through


Um sie herum heulte der Wind, riss an ihren Kleidern und Haaren, drängte sie, doch in ihr war es still.
Der Rabe tanzte nicht mehr, denn ihr Gefährte war fort. Das Spiel war vorbei. Wenn man die Hoffnung raubt, bleibt dann noch etwas anderes zurück als der Tod?
Eine zweite Träne tropfte auf die Urne in ihren Händen.

Caught in the middle of a hundred and five
The night was heavy and the air was alive
But she couldn’t find how to push through


Und immer noch riss der Wind an ihr, reckte seine Finger nach ihr aus, und endlich gab sie ihm, was er wollte.
Schwarze Asche erhob sich in den Himmel, kaum sichtbar im schwachen Licht des Mondes, und schon bald davongetragen vom Wind. Ein letztes Mal lieh er der Taube seine Flügel, ein letztes Mal ließ er sie fliegen, bis sie in Schatten und Rauch verschwand.

Carried away by a moonlight shadow
Carried away by a moonlight shadow


Und der Rabe blieb zurück, allein auf dem Dach.

Far away on the other side.



____________________________________________________________________________

Diese Songfic ist ein Wichtelgeschenk für die liebe Luna; ich hoffe, es gefällt dir ^^
Der Prompt den ich benutzt habe war "Game Over", aber... ich hab es in meinem Schreibfluss irgendwie vergessen *verlegen am Kopf kratz* Oh well, mit etwas Phantasie kann man es noch erkennen, hoffe ich xD
Leider ungebetat, da die Zeit zu knapp wurde, alle Fehler gehören mir und ich bin dankbar für jede Korrektur.

Das Lied ist Moonlight Shadow von Mike Oldfield.

Wer erkennt, von wem Taube (stark) inspiriert wurde? *g*

Ich wünsche allen ein frohes neues Jahr und einen guten Rutsch! :*
Review schreiben