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Wie das Schweigen töten kann

von KiraCat
KurzgeschichteDrama, Freundschaft / P12 / Gen
Kaze Ryoma
31.12.2018
31.12.2018
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31.12.2018 5.428
 
Hallöchen :D
Ich will gar nicht lange mit einem Vorwort nerven, also fass ich mich kurz:
Diese Geschichte ist ein Dankeschön an Lokisdottir. Tut mir unfassbar leid, dass du so lange warten musstest. Ich hoffe, es gefällt dir, ich glaube nämlich, es ist nicht ganz so geworden wie du es dir vorgestellt hast ^^'
Außerdem spielen diese Ereignisse noch vor der Story des Spiels, dementsprechend haben alle ein anderes Alter. Ich hab mir das Ganze so vorgestellt, natürlich wird das so nicht offiziell stimmen:
Ryoma: 10-11 Jahre
Kaze und Saizo: 6-7 Jahre
Corrin: 3 Jahre
Hinoka: 8-9 Jahre



Es war dunkel. Und kalt. Ganz anders als die Nächte in Hoshido. Fröstelnd wickelte Kaze seinen Umhang fester um sich und lief weiter durch die engen, spärlich beleuchteten Gassen von Cheve, eine nohrische Stadt direkt an der Grenze der beiden Königreiche. König Sumeragi, Herrscher Hoshidos, hat sich auf Einladung des nohrischen Königs Garon hierher begeben, um einen Friedensvertrag abzuschließen. Sein ältester Sohn, Ryoma, war mitgekommen, damit er lernte, wie wichtig es ist, den Frieden zwischen zwei Großmächten aufrechtzuerhalten, und Bekanntschaft mit dem nohrischen Adel machte. Als Nachkommen einer Familie, die schon jahrelang treu dem hoshidischen Königshaus diente, wurde auch Kaze und seinem Zwillingsbruder Saizo die Ehre zuteil, ihn zu begleiten. Warum er allerdings den kleinen Corrin mitgenommen hatte, verstand Kaze nicht. Der junge Prinz konnte doch kaum selber gehen und musste die ganze Zeit von seinem Vater Sumeragi getragen werden. Aber er musste auch nicht alles wissen, was der hoshidische Herrscher dachte. Er hatte wohl seine Gründe. Ansonsten folgte ihnen noch eine Handvoll von Sumeragis Leibwache.

Bisher verlief die komplette Reise reibungslos. Solange sie in Hoshido gewesen waren, hatten die Einwohner sie freundlich aufgenommen und gut bewirtet, für ein bequemes Nachtlager und Essen war immer gesorgt gewesen. Doch die Stimmung änderte sich schlagartig, als sie nohrischen Boden betraten. Hier in Cheve konnte Kaze regelrecht spüren, wie die Feindseligkeit der Bewohner ihnen wie eine Welle entgegenschlug und sie mit abwertenden Blicken bedacht wurden. Davon abgesehen waren aber noch keine Komplikationen aufgetreten.

Obwohl Sumeragi Meister im Umgang mit der Klinge war, Ryoma, Kaze und Saizo sich im Ernstfall gut verteidigen konnten und zudem die Leibwache ihre Sicherheit gewährleisten sollte, fühlte sich der junge Ninja jedoch alles andere als sicher. Ständig glaubte er, irgendwelche Schatten zwischen den anliegenden Häusern herumhuschen zu sehen. Einmal dachte er sogar, das surrende Geräusch einer Bogensehne vernommen zu haben. Allerdings schien der Rest der Gruppe nichts von all dem zu merken, also behielt Kaze diese Eindrücke für sich. Zum einen wollte er niemanden unnötig beunruhigen, zum anderen würde sein Bruder ihn bloß wieder zusammenstauchen, wenn er Fehlalarm meldete und so „die Ehre ihrer Familie beschmutzte“.

Nein, das war sicher nur die Stadtwache auf Patrouille gewesen, beruhigte er sich selbst und schlang den Umhang noch ein wenig enger. Oder er bildete sich das Ganze wegen der Müdigkeit ein. Immerhin marschierten sie schon seit dem heutigen Nachmittag ohne eine einzige Rast durch die Stadt. Dabei wusste er noch nicht einmal, was genau sie suchten. Jedoch traute er sich auch nicht nachzufragen, sonst behauptete Saizo noch, Kaze würde Müdigkeit vorschützen oder die Führung des Königs in Frage stellen. Mit aller Macht versuchte der junge Ninja ein Gähnen zu unterdrücken. Sein eigener Atem tanzte in Form kleiner Wölkchen vor seiner Nase. Seine Beine fühlten sich mit jedem Schritt schwerer an und er beneidete den kleinen Corrin, der selig auf den Armen seines Vaters schlief. Dann merkte er, wie sich eine Hand auf seine Schulter legte. Es war Ryoma. „Halt durch, Kaze. Vater meint, es dauert nicht mehr lange“, munterte der Prinz ihn auf. Kaze konnte ihm schwachen Schein der Fackeln ein schemenhaftes Lächeln ausmachen. Tapfer lächelte er zurück und blickte Ryoma hinterher, der sich wieder nach vorne zu Sumeragi gesellte. Der Königssohn schien gar nicht müde, und Kaze wünschte sich sehnlichst seine Ausdauer. „Hoffentlich erreichen wir wirklich bald das Ziel“, bat er im Stummen.

Da. Da war es schon wieder. Das Geräusch einer schwingenden Bogensehne. Diesmal jedoch gefolgt von einem erstickten Gurgeln und klirrendem Metall, das auf die Pflastersteine fiel. Sofort drehte sich der komplette Trupp um. Sumeragi zog sein heiliges Schwert Raijinto, Ryoma sein Katana. Saizo und Kaze zückten ihre Shuriken. Vor ihnen lag die Wache, die das Schlusslicht gebildet hatte. Mitten in einer Blutlache, ein Pfeil im Hals steckend. Eindeutig tot. Noch bevor Kaze realisieren konnte, was eben passiert war, gingen auch die anderen Soldaten zu Boden, allesamt mit Pfeilen bestickt. Sie waren Mitglieder der Elitekämpfer Hoshidos gewesen, hatten unzählige Kämpfe furchtlos ausgefochten. Und jetzt waren sie tot, von einem Moment auf den anderen, und lagen wie leblose Puppen auf dem Grund. Puppen, die die Bühne des Lebens auf ewig verlassen hatten. Ihr Blut benetzte die Pflastersteine der dunklen Gasse.

Einige Augenblicke stand der junge Ninja fassungslos da und verarbeitete die schrecklichen Bilder. Bilder, die sich für immer in sein Gedächtnis brannten. Dann kroch ihm eisige Angst durch den ganzen Körper und brachte ihn zum Zittern. Krampfhaft schlossen sich seine Finger um den Wurfstern, sodass dieser sich schmerzhaft in seine Haut bohrte. Ihm wurde speiübel von all dem Blut und der Grausamkeit, mit der es vergossen wurde. Verstört taumelte er ein paar Schritte rückwärts. Die Furcht machte ihn wieder hellwach, und doch war sein Verstand wie benebelt. „Diese verdammten, ehrenlose Hunde“, knurrte Saizo wütend und suchte mit den Augen die Umgebung ab. Kaze spürte trotzdem, dass auch sein Bruder Angst hatte. Mittlerweile war selbst Corrin aufgewacht und musterte verständnislos die Leichen.

„Papa, warum schlafen die? Die Steine sind doch hart.“
„Still jetzt. Und schau nicht länger hin.“
„Aber sollten die uns nicht beschützen? Muss ich mich fürchten, Papa?“
Sumeragi zögerte.
„Papa...?“
„Nein, Corrin. Nicht, solange ich auf dich aufpasse.“ Damit war der Kleine zufrieden und legte beruhigt seinen Kopf auf Sumeragis Schulter.

„Was nun, Vater?“, wollte Ryoma angespannt wissen. Sumeragi ließ sich mit der Antwort Zeit. Es war unheimlich still, jeder war in eigenen Gedanken versunken. Schließlich meinte der Herrscher: „Wir müssen sofort raus aus der Stadt. Leise und unauffällig. Los.“ „Aber mein König! Diese verdammten Mörder sind noch auf freiem Fuß. Wir dürfen das nicht ungestraft akzeptieren! Bitte, mein König, nur ein Wort genügt und ich werde diese elenden Hunde eigenhändig niederstrecken. Für die Ehre der Gefallenen und Hoshidos!“

Ungläubig starrte Kaze Saizo an, der mit wild funkelnden Augen Sumeragi fixierte. Er meinte es ganz sicher ernst, daran zweifelte er nicht eine Sekunde. Kaze war zutiefst vom Mut seines Bruders beeindruckt. Doch der König schüttelte sofort den Kopf und kniete sich zu ihm herunter. „Hör zu, Saizo. Dein Mut und dein Pflichtgefühl gegenüber dem hoshidischem Königreich sind ehrenwert. Aber der Tag, an dem du deine Fähigkeiten unter Beweis stellen kannst, kommt erst noch. Jetzt müssen wir zuerst heil das Gebiet des Feindes verlassen. Wir dürfen keine weiteren Opfer riskieren.“ Saizo nickte ergeben, allerdings sichtlich unzufrieden. „Jawohl, mein König.“

Endlich setzte sich der Trupp in Bewegung. Alle blieben stumm, bis Ryoma das Schweigen brach. „Vater, warum sagtet Ihr vorhin „das Gebiet des Feindes? Sind wir nicht gekommen, um Frieden zu schließen?“
„Ja, das war der Plan. Aber ein Reich, das seine Nachbarn mit einem Friedensangebot ins eigene Land lockt, um ihnen dort eine tödliche Falle zu stellen, will keinen Frieden. Solch ein Reich begehrt Krieg und Verderben“, erwiderte Sumeragi. Seine Lippen umspielte ein bitteres Lächeln. Der Prinz antwortete darauf nichts, Saizo verfluchte leise die Nohren und deren fehlende Ehre. Während Kaze schnellen Schrittes dem Rest hinterhereilte, wiederholte er im Kopf mehrmals des Königs Worte.
Eine Falle, eine Falle... Es war eine Falle.
Ein verschlagener, raffinierter Hinterhalt. Es mussten meisterhafte Assassinen am Werk gewesen sein. Lautlos und geschickt. Immerhin hatte keiner aus der Gruppe sie gehört.

Einen Herzschlag später traf die Erkenntnis den jungen Ninja wie der Schlag.
Denn er hatte gelogen.
Es gab einen, der die Mörder hatte näherkommen hören. Es gab einen, der die anderen hätte warnen und das Unheil verhindern können.
Er selbst, Kaze, war es.

Vor seinem geistigen Auge tauchten erneut die Schatten auf und huschten durch sein Sichtfeld. Das Geräusch der schwingenden Bogensehne hallte in seinen Ohren wieder. Unwillkürlich wurde er langsamer, als er diese Erinnerungen zurückrief. Nachdem er sie mühsam beiseite geschoben hatte, breitete sich nur noch ein einziger Gedanke in ihm aus.

„Ich hab sie... Umgebracht...“, sprach er ihn mit erstickter Stimme aus. „Tot... Meine Schuld...“ Augenblicklich begann die Welt sich um ihn herum zu drehen. Kaze fühlte sich, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Er sah den ohnehin schon schlecht beleuchteten Weg nur noch verschwommen. Fast blind torkelte er durch die Gasse und wäre um ein Haar hingefallen, hätte Ryoma ihn nicht aufgefangen. „Kaze? Bist du in Ordnung?“, wisperte er besorgt. Der Ninja schüttelte den Kopf. „Nein... Ich... Mörder...“, krächzte er heiser und befreite sich aus dem Griff des Prinzen, um weiter vorwärts zu stolpern.

„Bei den Göttern... He, Saizo“, rief der Königssohn leise. „Ich möchte, dass du ein wachsames Auge auf deinen Bruder hast. Der Arme muss total übermüdet und traumatisiert sein.“ Saizo entfuhr ein empörtes Schnauben. „Mein Prinz, er soll sich nicht so anstellen. Sein Verhalten ist eine Schande für unsere Familie“, zischte er feindselig. Ryoma warf ihm daraufhin einen strengen Blick zu. „So geht man nicht mit seinem Bruder um. Geschwister zu haben ist ein Geschenk, das man wertschätzen muss.“ Widerwillig murrend gesellte Saizo sich zu seinem Bruder. Der hatte vom Gespräch der zwei gar nichts mitbekommen. Auf wackligen Beinen taumelte er den kleinen, blauen Funken, die um Sumeragis Raijinto tanzten, hinterher, die einzigen Dinge, an denen er sich halbwegs orientieren konnte. In sich fühlte er eine eigenartige Leere. Als wäre er eine leblose Hülle. Als wäre er selber tot. Fühlte sich so der Tod an?

Plötzlich blieb der König ruckartig stehen, sodass Kaze gegen seinen Rücken stieß und zumindest etwas aufmerksamer wurde. Blinzelnd sah er sich um. Er hörte fremde Schritte. Gerade als er den Mund aufmachen wollte, ergriff Sumeragi das Wort.
„Ryoma. Nimm Saizo und Kaze und verschwinde sofort aus der Stadt. Kehrt nach Hoshido zurück. Und pass auf die beiden auf.“
„Vater, was ist mit --“
„Geh jetzt.“
„Aber --“
„Verdammt, geh jetzt!“ Vom ungewohnt barschen Tonfall erschreckt riss der Königssohn die Augen auf. Kaze hatte ihn noch nie so aus der Fassung gesehen. Allerdings fasste Ryoma sich schnell wieder und senkte gehorsam den Kopf. „Jawohl, Vater.“ „Und... Bitte gib auf deine Mutter und deine Geschwister Acht“, fügte Sumeragi kaum hörbar hinzu. Ryoma ging nicht weiter darauf ein oder hatte es überhört. Mit einer Handbewegung winkte er die Ninja zu sich. „Los, hier entlang.“ Eiligen Schrittes lief er in die Richtung zurück, aus der sie eben kamen.

Während Kaze Saizo und dem Prinzen folgte, begann er sich langsam und mit Mühe wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Er verstand gar nichts mehr. Was passierte hier gerade? Warum blieb Sumeragi alleine zurück? Alles schien so abwegig, als wäre es ein Traum. Nervös kaute er auf seiner Unterlippe und riskierte einen Blick nach hinten. Der König stand mit dem Rücken zu ihm und sah so aus, als würde er warten. Zu seiner Linken befand sich Corrin, der sich müde mit seinen dünnen Fingerchen an Sumeragis Arm klammerte, in seiner rechten Hand lag Raijinto. Dieses rührende Bild von Vater und Sohn trieb dem jungen Ninja Tränen in die Augen. Er wollte gar nicht mehr wegschauen, aber da wurde er von Ryoma in eine schmale Seitengasse zwischen zwei Häusern gezerrt. „Bewegt euch nicht. Und seid leise“, forderte er flüsternd und drückte sich flach an die Hauswand. Die Zwillinge taten es ihm gleich. Dann warteten sie ab.

Kaze wusste, dass Ryoma gerade den Befehl seines Vaters missachtete. Sollten die Nohren sie finden, waren sie so gut wie tot. Ein Gedanke, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Von unheimlicher Stille umgeben schloss er die Augen und betete stumm, dass diese wirre Situation, die sich so unwirklich anfühlte, irgendwie ein gutes Ende nahm. In den tiefsten Winkeln seines Herzens spürte er jedoch, dass er die Hoffnung darauf längst aufgegeben hatte.

Sie mussten nicht lange warten, bis etwas geschah. Kaze schreckte auf, als eine tiefe Stimme die Stille wie Stahl durchbohrte. Noch nie zuvor hatte er solch eine Stimme voller Machtgier und Besessenheit gehört. Sie konnte nur zu einem gehören: König Garon. Unwillkürlich schoss der Puls des jungen Ninja in die Höhe, während er dem nohrischen Herrscher lauschte. „Tse, ich bin enttäuscht von Euch, Sumeragi. Das war noch nicht einmal meine beste Falle.“
„Was willst du, Garon?“
„Meine Güte, wie unhöflich, die Formalitäten nicht einzuhalten. Da ist wohl jemand wütend, was? Na schön, ich möchte Euch nicht länger auf die Folter spannen.“
Eine kurze Pause trat ein.
„Gebt mir das Kind. Das Kind der Drachen.“
„Niemals würde ich freiwillig meinen Sohn in die Hände der Nohren geben.“
Schallendes Gelächter ertönte. Töne, die Kaze durch Mark und Bein gingen, so boshaft waren sie.
„Bwah ha ha! Ich sehe, Ihr seid nicht bereit zu kooperieren. Ein Problem, dass sich leicht beheben lässt. Männer, Feuer frei.“

Bogensehnen. Schon wieder diese götterverdammten Bogensehnen. Alleine das Geräusch genügte, um in Kaze das Bild der blutigen, von Pfeilen bestickten Leichen zu wecken. Nie im Leben konnte und wollte er sich so den stolzen hoshidischen Herrscher vorstellen. Erst recht nicht den kleinen Corrin. Um Himmels Willen, dieser verrückte Nohre hatte doch nicht ein Kind erschießen lassen, oder? Alles in ihm schrie danach, aus dem Schutz der Schatten zu hechten und irgendetwas zu tun. Aber der junge Ninja wusste, dass er absolut keine Chance hatte. Also zwang er sich dazu, sich keinen Zentimeter zu bewegen und abzuwarten, was als nächstes geschehen würde.

„Mein lieber Sumeragi“, hallte Garons Stimme bedrohlich durch die Gasse. „Noch irgendwelche letzten Worte?“
„Corrin... F-flieh...“
„Ach, wie rührend. Ich hab genug gehört. Sag „Gute Nacht!“ zu deinen Lieben!“ Das Metall einer gezogenen Waffe erklang. Es folgte ein zischender Laut, als die Schneide die Luft zerschnitt und schließlich ihr Ziel traf. Ein Körper fiel dumpf zu Boden. Kaze brauchte nicht lange, um zu realisieren, was passiert war. Wahrhaben wollte er es dennoch nicht. Das kann nicht sein, dachte er verzweifelt. Das muss ein Traum sein. Das kann nicht sein. Vorsichtig öffnete er die Augen. Er konnte die groben Umrisse von Saizo und Ryoma ausmachen, genauso wie die Hauswand vor ihm. Ganz eindeutig spürte er die raue Mauer hinter sich und die kalte Luft im Gesicht. Nein, das war die Realität, kein Traum.

„Der Hoshide ist tot. Der stellt keine Gefahr mehr da. Ach, was red' ich da, er hatte noch nie eine Gefahr dargestellt." Garon lachte selbstgefällig über seine Worte, als wären sie ein genialer Witz. „Mein König... Der Hoshide wurde von irgendwelchen älteren Kindern begleitet. Drei an der Zahl. Wir sollten sie einfangen, bevor sie ihrer Königin Bericht erstatten.“ Das war wohl einer der Assassinen gewesen. Garon schnaubte bloß abfällig. „Pah, vergesst die armseligen Bengel. Sollen sie ruhig zu ihrer schwachen Königin rennen und sich ausheulen. Hoshido hat keine Chance gegen Nohr. Kümmert euch lieber um die Leiche.“ Offensichtlich an Corrin gewandt fügte er hinzu: „Armes Ding. Schon in solch zartem Alter eine Waise. Nun, jetzt bist du mein Kind. Mein Kind der Drachen.“

Da spürte Kaze urplötzlich, wie sich Ryomas Finger eisern um sein Handgelenk schlossen. Überrumpelt von dieser Aktion stolperte er hinter dem Königssohn her, der ihn und auch Saizo energisch tiefer in die Gasse zwischen den Häusern zog. Vermutlich einen Ausgang aus der Stadt suchend steuerte er zielstrebig verschiedenste Wege an, drehte um, wenn sie in einer Sackgasse landeten, bis Kaze komplett die Orientierung verlor und sein Vertrauen voll und ganz in die Führung des Prinzen setzte. Mehrmals versuchte er, einen Blick auf Ryomas Augen zu erhaschen, allerdings schienen sie immer glanzlos und von Schatten bedeckt, was aber nicht nur an der schwachen Beleuchtung liegen konnte. Für den Moment beschloss Kaze, alle Gedanken beiseite zu schieben und sich einfach von Ryoma aus der Stadt führen zu lassen. Heraus aus der Stadt der Alpträume und des Todes.

Nach einem mehrtägigem Marsch erreichten die drei vollkommen entkräftet den hoshidischen Königspalast. Ihre Reise war stumm und ereignislos verlaufen. Jeder hatte geschwiegen und war seinen eigenen Gedanken nachgehangen. Nur das Notwendigste war besprochen worden. Tagsüber hatten Saizo und Kaze in den Dörfern, die auf ihrem Weg gelegen hatten, Proviant besorgt. Ryoma hingegen hatte sich dort nicht blicken lassen wollen. „Es würde nur Unruhe auslösen, wenn die Bewohner merken, dass der Prinz ohne den König zurückkehrt. Es darf keine frühzeitige Panik ausbrechen“, hatte er den Zwillingen erklärt und ihnen das Geld für die Verpflegung in die Hand gedrückt. In der Nacht hatten sie nicht in Gasthäusern, sondern auf Bäumen geschlafen. Die Auswirkungen davon bemerkte Kaze spätestens, als er mit Saizo und Ryoma im Thronsaal stand und auf Königin Mikoto wartete. Jeder Muskel schmerzte und sein Körper zitterte vor Anstrengung. Obwohl er erleichtert war, dass er es lebend aus Cheve geschafft hatte und sich mittlerweile wieder auf sicherem Boden befand, ließ das beklemmende Gefühl der Anspannung nicht von seinem Herzen los. Denn er wusste nicht, was die Zukunft nun für ihn, den Mörder, bereithielt. Mörder. Gleichermaßen entsetzt und von sich selbst angewidert stellte er fest, dass er sich über die Tage hinweg immer mehr an diesen Gedanken gewöhnt hatte.

Das klackende Geräusch von sich nähernden Schritten brachte den jungen Ninja zurück in die Realität. Eine Frau mit langen, schwarzen Haaren, die zu einem hohen Zopf gebunden waren, und einem edlen, weißen Kleid bewegte sich, die Kinder mit offenen Armen empfangend, auf sie zu: Königin Mikoto. Sie war die Güte in Person und ein liebevolles Lächeln zierte ihr anmutiges Gesicht. Ehrfürchtig knieten sich Kaze und Saizo hin und senkten das Haupt. Noch kann sie lächeln, dachte Kaze bitter. Aus dem Augenwinkel konnte er erahnen, wie Mikoto Ryoma in ihre Umarmung zog. „Willkommen zurück zu Hause, mein Sohn“, begrüßte sie ihn freudig. An die Zwillinge gewandt fügte sie hinzu: „Auch euch zwei heiße ich herzlich willkommen. Ich bin froh, dass ihr alle wohlauf seid. Erhebt euch.“ Die Ninja gehorchten. Leichte Besorgnis trat auf das Gesicht der Herrscherin, als sie die drei eindringlich musterte. „Lieber Himmel... Ihr seht furchtbar aus. Überall sind Blätter in euren Haaren und Klamotten. Und ihr seid ganz schmutzig. Wurdet ihr auf eurem Weg von Räubern überfallen? Oder Raubtieren? Oder seid ihr durch den Wald gelaufen? Habt ihr etwa auf Bäumen geschlafen?“

Sie lachte leise und pflückte einen kleinen Zweig vom Kopf des Prinzen. „Herrje, was bin ich denn für eine ungeduldige Frau. Ihr solltet euch zuerst ausruhen und danach alles erzählen. Am besten stattet ihr dem Onsen einen Besuch ab. Ich lasse euch frische Kleidung bringen.“ Einen kurzen Moment schwieg sie. „Erlaube mir noch eine Frage, bevor du gehst, Ryoma. Wo bleiben dein Vater und Corrin?“

Der Königssohn zögerte. Das Lächeln der Königin erstarb augenblicklich auf ihren Lippen. „Nein, bitte sag nicht, dass--“ „Mutter“, unterbrach er sie mit erstaunlich ruhiger Stimme und griff nach Mikotos Händen. „Ihr müsst jetzt stark sein.“ Etwas blass und deutlich besorgt nickte sie, woraufhin Ryoma tief Luft holte. „Vater ist tot. Die Nohren haben Corrin entführt.“ Von Gewissensbissen geplagt beobachtete Kaze, wie die Finger der Königin sich in den Händen ihres Sohnes verkrampften und ein Zittern ihren Körper durchlief. Sogar ein leises Wimmern konnte er hören, was aber nicht von Mikoto zu stammen schien. „Erzähl weiter“, forderte sie und schloss die Augen, als könne sie so der Wahrheit entfliehen. Und so berichtete der Prinz kurz und präzise, was sich zugetragen hatte. Die hoshidische Königin schüttelte daraufhin mit glänzenden Augen den Kopf. „Oh, ihr Götter... Warum... Warum ist das Schicksal nur so grausam?“, wisperte sie schwach.

Da stürtzte auf einmal eine kleine Gestalt schluchzend hinter dem Thron hervor: Hinoka, Ryomas jüngere Schwester, hatte dort wohl heimlich gelauscht. „Du lügst, Ryoma! Sag, dass du lügst!“, schrie sie mit erstickter Stimme. Erschrocken drehten sich alle zu ihr. „Hinoka, meine Kleine... Komm her. Weine doch nicht“, rief Mikoto sie zu sich und näherte sich ihr langsam. Mit rot geweinten Augen wich die Prinzessin vor ihr zurück. „Fass mich nicht an! Du bist an diesem Unglück Schuld! Du bist an allem Schuld, seitdem du in unserem Palast wohnst. Ich hasse dich dafür. Ich hasse dich!“ Sie machte auf dem Absatz kehrt und verschwand flink im nächstbesten Gang.

Verzweifelt versuchte Kaze blinzelnd, die Tränen zurückzuhalten. Er wusste, dass das Verhältnis zwischen Hinoka und Mikoto äußerst angespannt war, da Hinoka sie - anders als ihr Bruder – nicht als neue Mutter akzeptieren wollte. Dennoch fand er ihre Reaktion viel zu heftig. Zudem gab sich die Königin doch solche Mühe, eine gute Mutter zu sein... Verdammt, warum muss ich gleich wie ein Mädchen rumheulen?, schimpfte er sich selbst.

Zutiefst verletzt sank die Herrscherin vor aller Augen zu Boden und vergrub ihr Gesicht in den Händen. „Bei den Göttern... Mache ich wirklich alles falsch? Wie soll ich ein ganzes Reich regieren, wenn ich noch nicht mal meine Familie zusammenhalten kann? Ich bin ein schrecklicher Versager“, flüsterte sie kraftlos und gab sich schließlich ganz ihrer Trauer hin. Sofort war Ryoma an ihrer Seite und umarmte sie fest. „Mutter, sagt doch nicht so etwas. Ihr dürft Euch Hinokas Worte nicht zu sehr zu Herzen nehmen. Sie ist durchgedreht, weil die Situation gerade zu viel für sie ist. Das ist es für uns alle“, tröstete er sie.

Kaze fühlte sich währenddessen furchtbar fehl am Platz. Das schlechte Gewissen nagte aus vielen Gründen unablässig an ihm. Seine Schuld war es, dass Sumeragi getötet und Corrin entführt worden war. Daraus resultierte, dass die königliche Familie auseinanderzubrechen schien und Mikoto sich falsche Vorwürfe machte. Des Weiteren würde die Nachricht große Unruhen im Volk auslösen. Schmerzlich wurde dem jungen Ninja das Ausmaß dieses Desasters, das er verursacht hatte, bewusst. Darauf stand sicher die Todesstrafe für ihn... Bei diesem Gedanken wurde ihm schlecht. Er wollte noch nicht sterben. Andererseits war es nur gerecht, ihn dafür hinzurichten, dass er den König umgebracht hatte. Dabei ist es eigentlich so einfach. Wenn er niemandem davon erzählte, konnte ihn auch niemand bestrafen. Er müsste nur ein weiteres Mal schweigen und etwas für sich behalten. Aber wäre das nicht Betrug? Verrat an mir selbst?, widersprach er im Stummen. Es war eine Zwickmühle.

„Ich verspreche Euch, Mutter, dass ich alles wieder in Ordnung bringe“, fuhr der Prinz fort. „Ich kann Vater nicht ersetzen, aber ich werde Corrin früher oder später nach Hoshido zurückbringen. Zu seiner Familie. Das ist mein Versprechen an Euch.“

Mittlerweile hatte sich Mikoto wieder ein wenig beruhigt und lächelte schwach. „Du bist so stark, mein Sohn. Anders als ich. Du kommst ganz nach deinem Vater. Aber dennoch frage ich mich... Wie konnte es so weit kommen? Hätte man es wirklich nicht verhindern können?“, wisperte sie, auch wenn sie wusste, dass ihr die Antwort sowieso nichts nützt. Kaze fühlte sich dabei indirekt angesprochen. Doch, hätte man!, wollte er erwidern, schluckte die Worte jedoch sofort wieder herunter. So ist es richtig. Er wollte doch leben.

Stattdessen schüttelte Ryoma den Kopf. „Nein, Mutter. Es passierte alles so schnell und plötzlich. Die Nohren waren auf einmal da, niemand von uns hatte sie gesehen oder gehört.“
„Ich verstehe...“ Nein, nichts verstehst du!, schrie Kaze innerlich. Nur mit Mühe befahl er sich, leise zu sein, und biss sich fest auf die Lippen. Er wollte doch leben.

Und trotzdem brannte es ihm auf der Zunge, endlich die Wahrheit zu sagen. Er wollte niemanden mehr im Dunkeln der Ungewissheit umherirren lassen. Das hatte keiner aus der Königsfamilie verdient. Er würde nicht noch einmal schweigen.

Du wirst sterben, Kaze.
Dann sei es eben so. Ich bin bereit.

„Es war meine Schuld“, platzte es aus ihm heraus. Drei irritierte Augenpaare richteten sich prompt auf ihn. Kaze wurde unangenehm flau im Magen, aber er würde das hier jetzt durchziehen. „Es war meine Schuld“, wiederholte er klar und unmissverständlich. Er wusste selber nicht, woher dieser plötzliche Mut kam, schöpfte ihn aber voll aus. „Ich habe in den dunklen Gassen von Cheve die Schatten der Mörder gesehen. Ich habe ihre Bogensehnen schwingen gehört. Das Gefühl, beschattet zu werden, ließ mich keine Sekunde los. Und trotz all dem habe ich nichts gesagt, aus Angst, ich könnte mir das eingebildet haben und würde Fehlalarm melden. Ich war dumm. Ich war ein Mittäter.“

Im Thronsaal herrschte Totenstille. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Mit Bangen spürte Kaze, wie sein Mut von ihm schwand und sein Herz zu rasen begann. Mikoto sah ihn etwas verständnislos und überrumpelt an, Ryoma wahrte seinen ernsten Gesichtsausdruck. Nur Saizo stand die fassungslose Wut auf die Stirn geschrieben. Er war auch der Erste, der seine Stimme wiederfand. „Du hast was?“, zischte er feindselig. „Ich kann es nicht glauben... Und so jemanden soll ich meinen Bruder nennen?“ Blitzschnell sprang er auf Kaze zu und stieß ihn mit voller Wucht zu Boden. Der Aufprall raubte dem jungen Ninja den Atem. Kurz darauf hatte Saizo sich über ihn gebeugt und hielt ihm ein Messer an die Kehle. Seine Augen loderten vor Hass. „Du elender Mistkerl! Mörder! Du hast die Königsfamilie betrogen, unsere eigene Familie, ganz Hoshido! Du bist schwach, ehrenlos --“ „Verdammt, Saizo, es reicht!“ Zornig packte Ryoma seinen Arm und zerrte den wutentbrannten Zwilling weg. „Lasst mich los!“ „Vergiss es. Du hättest eben womöglich fast deinen Bruder umgebracht. Bist du noch ganz bei Sinnen? Du...“

Keuchend blendete Kaze die Standpauke des Prinzen aus und rappelte sich auf. Dann nutzte er die Chance und stürmte aus dem Thronsaal. „Da! Da flieht er, dieser Feigling!“, rief sein Bruder ihm hasserfüllt hinterher. Und er hatte ja Recht. Er war wirklich ein schwacher Feigling, der sich nicht traute, sich tapfer seiner Strafe zu stellen. War er wirklich so naiv gewesen und hatte geglaubt, er könnte seine Angst vor dem Tod besiegen? Erbärmlich. Flink huschte er unter den Armen der Wachen hindurch, die vergeblich versuchten, ihn aufzuhalten, und fegte wie ein Windstoß durch die Gänge ins Freie. Solange er konnte würde er sich irgendwo verstecken. Danach konnte er immer noch sterben. Das war sein Plan.

Die Sonne ging bereits unter, als Kaze erschöpft an einer hohen Kiefer Halt machte. Den ganzen Nachmittag hatten Suchtrupps versucht, ihn ausfindig zu machen, allerdings hatte er sich hervorragend im Wald nahe des Palastes versteckt und die Wachen immer wieder ausgetrickst. Er war eben ein Ninja; wenn er nicht gefunden werden wollte, fand ihn auch keiner. Jedoch ging seine Kraft allmählich zu Neige, sodass er beschloss, auf den Baum zu klettern und dort zu verweilen, bis man ihn schließlich entdecken würde. Lange würde es vermutlich eh nicht dauern.

Während er oben auf dem Ast saß, und sich vom sanften Wind übers Gesicht streichen ließ, zückte er seinen sternförmigen Shuriken und betrachtete ihn im Licht der untergehenden Sonne. Eigentlich hätte er mit dieser Waffe den König beschützen sollen. Das war seine Pflicht als Ninja, als Diener der hoshidischen Königsfamilie, gewesen. Aber er hatte versagt. Er hatte schon immer versagt. Saizo war zwar temperamentvoll, aber auch stark und mutig. Ryoma war besonnen und verlor nie den Überblick oder die Kontrolle. Er selbst, Kaze, hingegen konnte keine dieser Stärken aufweisen. Er war nutzlos. Keiner würde ihn wohl vermissen.

Nachdenklich legte er eine Spitze des Wurfsterns auf die Haut knapp unterhalb seines Handgelenks. Das kühle Metall jagte ihm widerliche und doch irgendwie angenehme Schauer über den Rücken. Vorsichtig fuhr er mit der Spitze die blauen Adern unterhalb seines Handgelenks nach, die unter der dünnen Haut hervorschienen. Wenn er rein theoretisch etwas mehr Druck auf die Klinge ausüben würde... Was hatte er schon zu verlieren? Sterben würde er sowieso. Er würde die Sache lediglich beschleunigen und dem Warten ein Ende setzen. Seine Finger zitterten. Sollte er wirklich --

„Bei den Göttern, hier steckst du also, Kaze!“, riss ihn eine wohlbekannte Stimme aus seinen düsteren Gedanken. Schnell ließ der junge Ninja den Wurfstern wieder verschwinden und blickte nach unten. Wie erwartet stand Ryoma nah Luft schnappend da, die Hände in die Seiten gestemmt. „Es ist bestimmt ziemlich unbequem da oben. Magst du nicht runterkommen?“
„Habe ich denn eine Wahl?“
„Selbstverständlich.“ Eine kurze Pause entstand.
„Wurde schon entschieden, wie man mich umbringen wird? Werde ich gesteinigt? Erschossen? Erhängt? Raubkatzen zum Fraß --“
„Wovon um Himmels Willen redest du? Keiner will dich tot sehen. Nicht einmal dein Bruder. Ich hab mit ihm geredet. Ob du's glaubst oder nicht, es tut ihm leid.“ Misstrauisch studierte Kaze das Gesicht des Königssohns. Kein Zeichen von falscher Freundlichkeit oder Heuchelei war zu erkennen. Alles, was der Prinz sagte, war anscheinend ernst gemeint. Etwas widerwillig hangelte der junge Ninja sich den Baum herunter. „Man wird mich wirklich nicht töten?“, vergewisserte er sich ein letztes Mal. „Natürlich nicht! Wie kommst du nur darauf?“ Betreten schaute Kaze zu Boden. „Ach, auch egal. Vermutlich bist du wegen der Umstände noch etwas durcheinander. Jetzt los, gehen wir zurück zum Palast. Es wird bald dunkel.“

Während Kaze neben dem Königssohn her lief, fragt er ihn leise: „Warum hast du eigentlich nach mir gesucht?“ Ryoma überlegte nur kurz. „Nachdem du weggerannt bist, hat meine Mutter sofort allen verfügbaren Soldaten befohlen, nach dir zu suchen. Sie wollte sogar, dass sie unbewaffnet aufbrechen, damit du dich nicht erschreckst. Sie war wirklich besorgt – zu Recht, denn auch in Hoshido ist es nachts nicht überall sicher. Zu mir sagte sie zwar, ich solle im Palast bleiben, aber... Na ja, du siehst es ja.“ Er lachte verlegen, weswegen Kaze beinahe vergaß, die Füße richtig zu heben. Seit Ewigkeiten hatte er den Prinzen nicht mehr lachen gehört. Normalerweise verhielt er sich immer so ernst und beherrscht, dass sich der junge Ninja schon gewundert hatte, ob er es verlernt hatte. Dem Anschein nach war Ryoma ihm also tatsächlich nicht böse, ebenso wenig wie Mikoto... Das konnte doch unmöglich wahr sein.

„Wie kann es sein, dass die Königin mich nicht auf den Tod hasst? Es ist meine Schuld, dass sie ihren Mann verloren hat, ihren Sohn verloren hat und von ihrer Tochter regelrecht verabscheut wird. Ich habe euer Familienglück von Grund auf zerstört. Warum hasst sie mich nicht? Warum hasst du mich nicht?“ Abrupt blieb der Königssohn stehen und schaute ihm fest in die Augen. „Ist das der Grund? Der Grund, warum du aus dem Palast gestürmt bist? Gibst du etwa dir die Schuld für den Vorfall?“

Schnell brach Kaze den Blickkontakt ab. Irgendwie fühlte er sich ertappt, da er eigentlich nicht wollte, dass Ryoma von seinem Beweggrund erfährt und ihn für feige hielt. Anders konnte man seine Flucht nämlich nicht beschreiben. Aber der Prinz ließ nicht locker, sodass der Ninja schließlich gestand: „Nicht ganz. Ich hatte Angst, dass man mich mit dem Tod bestrafen würde und bin deswegen abgehauen. Ich weiß, dass das --“ Er verstummte, als der Königssohn ihm kräftig mit beiden Händen auf die Schultern schlug, und schaute ihm ins Gesicht.

„Okay, Kaze, hör gut zu. Egal, was du denkst, egal, was andere vielleicht denken: Du bist nicht daran Schuld. Die Nohren haben meinen Vater umgebracht und Corrin entführt, nicht du. Wir drei – Saizo, du und ich – können heilfroh sein, dass wir lebendig nach Hoshido zurückgekehrt sind. Wir sind noch am Leben, und deswegen solltest du deines nicht unnötig schwerer machen, indem du falsche Schuld auf dich lädst. Immerhin hast du nur eines. Also lass die Vegangenheit hinter dir und kümmere dich um die Zukunft, klar?“ Gehorsam nickte Kaze. Vor Ehrfurcht erstarrt fiel ihm auf, wie ähnlich Ryoma seinem Vater sah. Er hatte sogar genau wie er geklungen. Als wäre er tatsächlich Sumeragi. Oder war das alles nur Einbildung?

Da bemerkte er, wie etwas Warmes seine Wange hinunterrollte. Verdammt, er war wirklich eine Heulsuse. Verlegen wischte er sofort die Träne weg. „I-ich heule nicht. Ich hab nur --“ „Staub im Auge. Schon klar“, fiel der Prinz ihm ins Wort. „Kein Grund, dich zu schämen. Auch Männer dürfen weinen“, erklärte er überzeugt und grinste aufmunternd. Kaze lächelte zurück. Nachdem Ryoma kurz den Stand der Sonne überprüfte, rief er leicht entsetzt: „Oh, verflucht. Wir müssen uns echt beeilen, sonst wird es dunkel. Verschwenden wir keine Zeit.“ „Ja.“ Eiligen Schrittes folgte Kaze dem Prinzen. Ein warmes Glücksgefühl durchströmte ihn. Ryomas Worte hatten ihn wirklich gerettet und ihm neue Hoffnung verliehen. Hoffnung auf ein Leben ohne endlos quälende Reue, ein Leben, in dem er sich nicht permanent sein Versagen vor Augen führen musste. Kaum zu glauben, dass er dieses Leben um ein Haar weggeworfen hätte. Er wollte doch leben, hatte er sich gewünscht.
Und bei den Göttern, er wird leben.

„Ryoma?“
„Was gibt es?“
„Danke.“

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So, das war's endlich. Dieser Text ist aber auch verdammt lang geworden. Auf manche Stellen bin ich recht stolz, mit anderen bin ich wiederum nicht ganz zufrieden. Ich bin aber allemal froh, es geschafft zu haben xD
Da ich diese Geschichte an Silvester hochlade, wünsche ich allen noch einen guten Rutsch ins neue Jahr 2019! Bis zur nächsten Geschichte :D
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