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I dont understand you

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
30.12.2018
20.02.2021
37
63.796
10
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Dieses Kapitel
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30.12.2018 2.440
 
(Aaron)

Angespannt drehte ich meinen Kugelschreiber zwischen meinen blassen Fingern und schaute immer wieder nervös auf die Uhr. Der Minutenzeiger bewegte sich zwar nur langsam voran, aber trotzdem war er schon so weit vorgeschritten, dass jeder Schüler hier in diesem Raum wusste, dass der Unterricht längst hätte beginnen sollen.

Aber diese Tatsache störte keinen hier – im Gegenteil. Meine Mitschüler um mich herum saßen auf den Tischen und unterhielten sich lautstark. Mein Blick jedoch war starr auf mein Heft gerichtet und ich fühlte mich wie ein Lamm in einen Käfig voll hungriger Wölfe. Fast schon bildete ich mir ein, dass gleichmäßige Ticken des Sekundenzeigers zu hören, der ununterbrochen und ohne Ziel vor sich hinlief. Mit jeder Sekunde, die verstrich wurde ich nervöser.

Die lauten Gespräche meiner Mitschüler drangen zu mir durch, doch ich verstand sie nicht.

Die kalten Schauer, die meinen Rücken hinunterliefen, waren bereits zur traurigen Gewohnheit geworden. Genauso wie das klammernde Gefühl einer Schlinge um meinem Herzen, welche sich mit jeder Sekunde enger um mein schlagendes Lebenzeichen schlang und mir mehr und mehr von meinem Leben klaute.

Ein Lachen lies mein Herz kurz stehenbleiben und dann mit voller Wucht erneut gegen meine Brust hämmern. Es war so laut, dass ich befürchtete jeder in diesen Raum könnte es hören. Und vielleicht wäre es ja auch gar nicht so schlecht gehört zu werden. Vielleicht würde ich dann endlich die Nebelschwanden um mich herum verlieren, die mich in einem verzerrten Licht dastehen lassen und den Menschen um mich herum ein falsches Bild zeigte.

Laut legten sich zwei große Hände auf meinen Tisch und ließen mich erschrocken zusammenzucken. Meine Nackenhaare sträubten sich. Langsam hob ich meinen Blick und sah in das Gesicht von Lukas, welches von einem spöttischen Grinsen geziert wurde. „Guten Morgen Schwuchtel", meinte Lukas mit einem so säuerlichen Unterton in der Stimme, die jedes noch so starke Metall auflösen könnte.

Ich biss mir auf meine Unterlippe und wandte meinen Blick wieder ab. Ich konnte nicht in diese Augen sehen, die mich so hasserfüllt ansahen. Es schmerzte einfach zu sehr zu wissen, dass man anders war und deshalb nicht dazugehören durfte. Kalte Finger packten mein Kinn und drückten meinen Kopf gewaltvoll hoch. Sein fester Griff hinterließ ein brennendes Gefühl auf meiner Haut und ich hatte Mühe nicht aufzuzischen. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie meinen Klassenkameraden das Schauspiel neugierig musterten.

Aber konnte ich sie überhaupt Klassenkameraden nennen? Schließlich, war eine Klasse doch für einen da und unterstütze einen, oder?

„Haben dir deine Versagereltern nicht beigebracht, dass man die Leute ansieht, die mit einem sprechen?", schnautze er mich schlecht gelaunt an. Ich wollte zu einer Antwort ansetzten, doch er drückte nur wütend seinen Finger auf meine Lippen. „Shh", sagte er und zog seinen Finger zurück. Angeekelt wischte er ihn über die Hose. „Wir wollen doch nicht, dass ich bereits am frühen Morgen wegen dir Kopfschmerzen bekomme, oder?", frage er mich und lächelte mich unschuldig an, jedoch konnte er den hungrigen Blick in seinen Augen, der danach gierte mich leiden zu sehen, nicht unterdrücken.

„Weißt du", fuhr Lukas in einem Plauderton fort, so als wären wir beste Freunde. „Ich frage mich manchmal, wie ich oder besser gesagt wir", er machte eine Pause und deutete auf seine beiden Kumpels, „in deiner Gegenwart leben können." Johannes, ein Kumpel von Lukas trat nickend neben ihn. „Das ist so widerlich zu wissen, dass du dir Sachen in den Arsch schieben lässt, die da nicht hingehören."

Ein kleiner Stich fuhr durch mein Herz und ich schaute überall hin, außer in ihre Augen.

Warum hassten sie mich so sehr?

In diesem Moment wurde die Türe aufgestoßen und unser Lehrer kam herein. Er wirkte gestresst und so, als hätte er keine Lust hier zu sein. Fast schon genervt warf er seine braune Ledertasche auf sein Pult und drehte sich zu uns um. Durch seine eckige Brille konnte man deutlich erkennen, dass er am liebsten nicht hier wäre. Das sagt auch seine Kleidung. Zumindest würde das jetzt mein Stiefvater sagen, nachdem er sein heutiges Outfit gemustert hätte.

Denn unser Lehrer trug eine billige, ausgewaschenen Anzughose, die im mindestens zwei Nummern zu groß war und eine viel zu enges, weißes Hemd. Seine Füße steckten in Lederschuhen, welche es in regelmäßigen Abständen als Sonderangebot in einem Supermarkt gab.

Ich musste bei diesem Gedanken leicht lächeln. Es war immer lustig mitanzuhören, wie sehr sich mein Stiefvater darüber aufregen konnte.

Jetzt bemerkte ich auch den Jungen, der neben ihm stand und selbstsicher in die Klasse blickte. Er sah nicht schlecht aus und war deutlich besser gekleidet als unser Lehrer, das muss ich sagen. Dass schienen auch die Mädchen zu bemerken den sofort erklang leises Getuschel, welches sich anhörte wie das nervige Brummen einer Fliege am Abend, wenn man eigentlich schlafen wollte.

Ich würde lügen, wenn ich sage, dass sie bei mir nicht auch zu tuscheln anfingen aber leider aus einem komplett anderen Grund. Meistens einfach aus dem Grund, weil Lukas, Max und Johannes das Gerücht in die Welt gesetzt haben, dass ich mit jedem Typen in die Kiste steige und meine Beine breitmachte oder wie ich unserem ekligen Sportlehrer angeblich regelmäßig einen Blies, um nicht am Sportunterricht mitmachen zu müssen.

„So, wie ihr seht, habt ihr einen neuen Mitschüler", näselte die Stimme meines Lehrers Herr Beckers. Kein Guten Morgen oder sonst eine Begrüßung. „Hallo", sagte der neue daraufhin und seine tiefe Stimme jagte mir einen Schauer über den Rücken, aber einen auf die angenehme Art und Weise. „Ich bin Alec, bin fast siebzehn Jahre und, wie ihr sehen könnt, neu bei euch in der Klasse."

Meine Mitschüler lachten, den der Typ, Alec sagte dies alles so locker, dass man ihn einfach gleich sympathisch finden musste. Herr Becker seufzte. „Setzt dich bitte auf einen freien Platz, damit ich endlich mit dem Unterricht anfangen kann", brummte er genervt.

Mir tat Alec leid, denn schließlich konnte er nichts dafür, dass unser Lehrer so ein Volltrottel war. Der neue nickte unserem Lehrer zu, als Zeichen, dass er verstanden hatte.

Er schlenderte auf einen der freien Sitzplätze zu und ich wünschte mir zu wissen, welchen er nehmen würde. Es wirkte, als wolle er sich neben mich setzten und mein Herz schlug schnell und laut gegen meine Brust.

Aber gerade als er den Stuhl neben mir zurückziehen wollte, erklang die Stimme von Johannes. „Da würde ich mir nur hinsetzten, wenn du Bock auf billigen Sex hast." Ich erstarrte. Die Augen von Alec sahen zwischen Johannes und mir hin und her und letzten Endes entfernte er sich von mir und ließ sich eine Reihe hinter mir, neben meinem Peiniger nieder.

„Halte dich lieber von ihm fern, falls du dich nicht anstecken willst", raunte er dem neuen zu, aber ich wusste, dass er dabei ihn meine Richtung sah und mir somit eine Warnung mitteilte. Ich schluckte und meine Finger krampften sich um meinen Kugelschreiber.

Gedemütigt sah ich nach vorne, aber ich wusste, dass sie sehr viel grausamer sein konnten. Denn das was sie bereits getan hatten, war bei weitem nicht alles.

Die monotone Stimme unseres Lehrers wirkte einschläfernd und machten es mir nicht schwer damit, dass meine Gedanken abdrifteten. Ich fing an, an den Seitenrand meines Heftes zu kritzeln. Dabei versuchte ich die stechenden Blicke von Lukas, Max und Johannes zu ignorieren. Aber wie soll das gehen, wenn es sich so anfühlte, als würden sie mir bei jeder meiner Bewegungen einen Pfeil durch den Körper jagen?

Nachdenklich starrte ich auf meine Zeichnung, welches ein Fabelwesen darstellen sollte. Es schien, wie eine Mischung aus einem Löwen und einem Reh. Die sanften Augen, die niemanden etwas zu leide tun könnten und die starke Ausstrahlung des Körpers, die zeigte, dass das Wesen kämpfen könnte, wenn es darauf ankäme. Irgendwie erinnerte mich dieses Bild an meine Mutter. Zuhause würde ich es sofort nachzeichnen. Auf einmal wurde mir das Heft weggezogen und die Miene meines Stiftes hinterließ einen einsamen Strich auf dem hölzernen Tisch.

Ich ließ meinen Kugelschreiber sinken und hob meinen Blick und sah nur noch das gehässige Grinsen von Max, welcher sich mein Heft geschnappt hatte und nun damit vor mir herumwedelte. Laut lachend, um ja die komplette Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, warf es seinem Kumpel Johannes zu. „Na komm schon, manche Sachen muss man sich schon selbst besorgen", grinste er und war sich der Doppeldeutigkeit bewusst.

Innerlich schlug ich mir gegen die Stirn. Ich hatte das Klingeln der Pausenglocke übersehen. Nun war ich ihnen ausgeliefert und ich wusste, worauf das Hinauslaufen wird. Mit gesenktem Kopf, um ihnen nicht direkt in die Augen schauen zu müssen, stand ich auf. Die Blicke der anderen bohrten sich tief in meine Seele. Ich fühlte mich nackt und entblößt als Johannes anfing mein Heft zu zerreißen. „Oh, war das dein Heft?", fragte er mich mit gespieltem Mitleid. „Das tut mir ja jetzt wahnsinnig leid", schnurrte er und ließ die Schnipsel auf den Boden fallen.

Ein dicker Kloß bildete sich in meinem Hals als ich sah, wie immer mehr von meinem Arbeitsheft zu den bereits am Boden liegenden Papierfetzten segelten. Doch keiner in der Klasse versuchte Johannes zu stoppen. Ein paar unterdrückten sich das Lachen, während andere es einfach taten.

„Na los", grinste Lukas. „Heb es auf, du willst doch nicht ärger kriegen, oder?", meinte Max mit einem fiesen Grinsen. Gedemütigt ließ ich meinen Kopf sinken und fiel auf die Knie, während ich anfing die Reste meines Heftes einzusammeln.

Das Läuten der Glocke kündigte das Ende der Pause an. Meine Klassenkameraden setzten sich zurück auf ihre Plätze und irgendjemand, ich glaube es war Lukas, gab mir einen Stoß, der mich zwar nicht umwarf, aber mich so erschreckte, dass mir alle Papierschnipsel wieder aus den Händen fielen.

Die Türe öffnete sich und Herr Becker kam zurück. Als er mich dort auf den Boden, vor den Resten meines Heftes knien sah, wurde er so wütend, dass sein kleiner Kopf rot anlief. Er brüllte mich an, wie ich nur so verantwortungslos mit meinem Schulmaterial umgehen kann und ob es mir egal sei, dass so viele Bäume wegen mir gestorben sind.

Auch wenn ich versuchte, mich zu verteidigen, gelang es mir nicht, denn mein Lehrer hatte einen schirren Hass auf mich entwickelt, der mich in jeder Situation als den Übeltäter dastehen lassen würde.

Als er mir seine Moralpredigt gehalten hatte und ich die Papierreste in den Mülleimer geworfen hatte, setzte ich mich zurück auf meinen Platz und erstarrte. Das kalte Nass fraß sich durch den Stoff meiner Jeans und ließ diese an meiner Haut haften. Johannes, Max und Lukas fingen zu aus vollem Hals zu lachen an.

Dadurch, dass ich mich mitten in die Wasserpfütze gesetzt habe, tropften nur vereinzelte Tropfen auf den Boden. „Ach schaut mal", meinte Lukas spöttisch und sprang auf. „Die Schwuchtel hat sich in die Hose gemacht", angewidert verzog er sein Gesicht. Nun stand Max ebenfalls auf. „Ich glaube, unser Freund hier steht darauf vor anderen in die Hose zu machen."

Wie erstarrt saß ich da und wollte am liebsten in Tränen ausbrechen. Stumme Schreie steckten in meinem Hals, doch keiner entkam mir. Mein Körper zitterte und ich wollte fliehen, doch ich konnte mich nicht bewegen.
Der Spott drang nur noch gedämpft zu mir durch und langsam ließ ich meinen Blick auf meine Hose sinken. Meine Hände krampften sich zu Fäusten und das so sehr, dass meine Knöchel weiß hervortraten. Tatsächlich saß ich in einer kleinen Wasserpfütze und diese war tatsächlich Gelb.

Die Tatsache, dass es nur Apfelsaft war, beruhigte mich wenig, denn Her Becker stand wütend vor mir. „Ich glaube es hackt bei ihnen", knurrte er mich an und ich zog schützend den Kopf ein. „Sie werden das sofort sauber machen, haben wir uns verstanden junger Mann?" Ich nickte nur stumm. „Und unhöflich bist du auch noch. Sie werden nach Schulschluss noch einmal hier herkommen, verstanden?" knurrte er mich schlecht gelaunt an. „Ja", meinte ich leise und stand auf.

Der Apfelsaft begann langsam an meiner Haut zu kleben. Mit unsicheren Schritten ging ich zu dem Wandschrank, in dem immer ein Lappen lag. Diesen holte ich mir und machte ihm am Waschbecken nass. Mit beschämtem Blick wischte ich den Saft weg. Als ich mich erhob, traf mein Blick den von Alec. Für einen kurzen Moment sahen wir uns an und ich konnte Mitleid in seinen Augen sehen.

Aber auch die Unsicherheit, dass er mir helfen wollte aber nicht direkt an seinen ersten Tag als Loser gelten will und deshalb stumm blieb. Stumm wie jeder andere hier in diesem Raum.
Der Moment war vorbei und ich drehte mich um, wusch den Lappen aus und hängte diese zum Trocknen über den Rand des weißen Porzellan Waschbeckens.

~

Der restliche Vormittag zog sich schleppend an mir vorbei. Gezeichnet von dem psychischen Terror, stand ich nun erschöpft erneut vor der Tür zu meinem Klassenzimmer und zögerte. Meine Hand schwebte über dem Holz, doch ich konnte mich noch nicht zwingen zu klopfen. Ich hatte keine Ahnung, was mein Klassenlehrer noch von mir wollte. Innerlich hoffte ich, dass es sich einfach nur um eine Standpauke handeln wird.

Tief atmete ich aus und klopfte schließlich leise gegen die Tür. „Herein" kam es genervt von innen und ich drückte die kalte Klinke nach unten. „Sie wollten mich sprechen Herr Becker?" Fragte ich leise, nachdem ich die Türe hinter mir geschlossen habe. „Ja das wollte ich", grummelte er und stand ächzend auf. „Ich wusste ja, dass ihr Leute aus der Oberschicht verwöhnt seid und nach Aufmerksamkeit giert, aber dass es so schlimm ist, dass ihr ganze Hefte zerstört und sogar Getränke verschüttet, um Aufmerksamkeit zu bekommen, das hätte ich nie gedacht", meinte er fassungslos.

Genauso fühlte ich mich. War das sein Ernst? Dachte er ernsthaft, ich würde so etwas machen? Aber ich versuchte gar nicht, mich zu verteidigen, denn ich wusste, dass mir Herr Becker nicht zuhören würde. „Und jetzt, verschwinde. Nachsitzen lasse ich dich nicht, denn ich lasse mir von dir nicht meine freie Zeit nehmen. Du bekommst eine erneute Verwarnung, denn mit deinen Eltern will ich mich nicht anlegen. Die gehen nur vor Gericht, oder?"

Verwirrt sah ich ihn an. Genervt seufzte er auf. „Ich bin mir mein Geld bewusst und deine, ach so tollen Eltern, gehen vor Gericht, wenn ich ihren ach so tollen Sohn einen Verweis gebe und weißt du auch warum?" Leicht schüttelte ich meinen Kopf. „Weil sie ja nicht wollen, dass ihr Kind schlecht behandelt wird", grunzte er. „So funktioniert euere Welt. Passt euch etwas nicht, geht ihr vor Gericht." „Aber-", fing ich an. „Kein aber", unterbrach er mich schlecht gelaunt. „Und jetzt verzieh dich."
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