Wie ein bittersüßes Lächeln mit blut'gen Zähnen 3

GeschichteRomanze, Sci-Fi / P16 Slash
29.12.2018
12.04.2019
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Ich beginne nicht noch ein drittes Mal mit Beccas Namen. Ein Ich ist doch viel ego-zentrierter und kommt meinem Wunsch nach, der Held dieser Geschichte zu sein und nicht nur Beobachter. Kein besonders Guter noch dazu. Wenn ich schon sonst keine Rolle habe, könnte ich doch zumindest gescheit hinschauen. Hätte ich das getan, wäre mir vielleicht aufgefallen, wie gebrochen diese Frau eigentlich ist. Vielleicht hätte ich mich ihr gegenüber dann anders verhalten – aber genug Hypothesen für heute.
Mein Stift bewegt sich ruhelos über die Seite meines Büchleins, während ich aus dem Fenster starre. Der Raum ist erfüllt von seinem Kratzen auf dem Papier und dem Brummen-Surren der Maschine. Ich habe mich tatsächlich, so seltsam es klingen mag, gefreut auf den Druck auf den Ohren, über den alle immer jammern. Der scheint aber auf meinen Körper mal wieder keinen Einfluss zu haben. Habe mich gefreut auf das Nervenflattern eines ersten Fluges. Darauf, meine Nase an der Scheibe platt zu drücken und mit großen Staune-Augen zu bewundern, wie klitzeklein alles von hier oben doch aussieht, wie wunderschön das tiefblaue Meer glitzert. Dann das weiße Meer – die Wolken. Doch nichts dergleichen überkommt mich. Ich bin seltsam blank im Kopf.

Ich nehme das zurück. Was mich überkommt, hat nur noch ein paar Minuten auf sich warten lassen. Ich schrecke auf und gebe ein überraschtes Quietschen von mir, als ich spüre, wie dieser Teil in mir sich regt, den Marnie für sich eingenommen hat. Ich erinnere mich an das Gefühl zu fallen, das ich mit ihr geteilt habe, bevor sie in die Linie wechselte, die mir so Schwindel bereitet hat. Aber ich habe das Mädchen wohl zu früh aufgegeben.
Wenn nicht gerade im Keller, ist im Krankenhaus Aufwachen doch immer das Selbe – nicht dass ich das wüsste. Von einem dröhnenden Kopfschmerz geplagt blinzelt man, um von viel zu grellen weißen Neonröhren empfangen zu werden, deren grelle Weißheit von den ebenfalls weißen Wänden nur noch verstärkt wird, wodurch der Kopf nur noch mehr sticht. Als kneift man – meist mit einem Stöhnen – die Augen schnell wieder zu, während sich eine Furche zwischen die Brauen zeichnet. Glückliche Leute spüren dann, wie sich ein Griff um die eigene Hand festigt, als wer auch immer an der Seite des Bettes sitzt registriert, dass man wach wird. Zu diesen Leuten zählt Marnie sich nicht. Zwar findet sie in dem Augenblick, in dem Lider kurz oben hat, bevor sie geblendet obriger Anleitung folgt, zwei Gestalten zu ihrer Seite vor, doch die würden ihr kaum die Hand halten. Die Frau zupft an ihrem Pullover, fühlt sich unwohl in dieser Situation, immer noch fehl am Platz. Geralt trommelt unruhig gegen die Fensterbank und macht Godebert damit eindeutig verrückt, aber sie will nichts sagen.
Marnie fröstelt, was ein so starker Kontrast zu den heißen wütenden Tränen und den warmen Armen, in denen sie meint, sich befunden zu haben, bevor der Schlaf sie fasste, ist, dass sie davon überfordert ist. Der beißende Geruch nach Desinfektionsmittel verdrängt den Pfefferminz-Atem, den sie glaubt, eben noch im Gesicht gehabt zu haben. Wäre sie ein Mensch von mehr Klischeehaftigkeit, hätte sie jetzt Rachelles Namen gehaucht.
„Marnie!“, hallt es in ihren Ohren. Sie hört Sirenen und ist sich nicht sicher, ob sie von draußen oder aus ihrer Erinnerung kommen, während das Hier und Jetzt mit dem Damals und Dort verschwimmt. Auf jeden Fall hat Rae einen Krankenwagen gerufen. Marnie bekam es mit durch einen Schleier lähmenden Schmerzes. Sie presste panisch eine Hand gegen ihre Brust. Selbst in ihrem Traum musste es so enden, sie mussten im Streit enden, haben sich angeschrien und verletzende Dinge an den Kopf geworfen, die auch genau dazu gedacht gewesen sind, um die Andre zu verletzen. Die Art von Worten, die man, sobald man wieder klar denken kann, zu tiefst bereut und an deren Wiedergutmachung man lange arbeitet, nur dass sie, beim Kleinsten Hauch von Zweifel wieder hochkommen und an einem nagen, weil man einfach nicht vergessen kann, dass sie gesagt worden sind.
All das Gekreische und das gelegentliche die Andre von sich Stoßen, das nur nötig wurde, weil man immer wieder einen Schritt auf einander zu tat, um sie bedrohlich in die Ecke, gegen die Wand zu drängen, war erstorben, als Marnie zusammengebrochen unter diesem Schmerz, der sie das erste Mal überfallen hatte am Morgen, den man eigentlich nicht Morgen nennen kann, nach der Vollmondnacht am – ich meine: im – Fluss.
„Hey, du bist ja wach“, nutzt Geralt die Worte seiner Schwester – Rachelle natürlich, nicht ich – und eilt an ihre Krankenhausbettkante. Ich schätze, wenn man im selben Hause aufwächst, entwickelt man die gleichen Verhaltensweisen, Weisen, Gewisses auszudrücken.
„Ja“, murmelte sie in Raes Halsbeuge und ließ ein Seufzen folgen. Ihre inzwischen trockenen Haare kitzelten Marnies Nase, doch sie vergrub sie nur all zu gerne darin. Ihre Lippen bewegten sich träge über die Haut ihrer Freundin und die Sommersprossen darauf, deren Muster sie sich nur all zu gerne aufs Neue einprägte, im Versuch, das Aufwachen hinauszuzögern. Rachelle würde sich fürs Erste nicht beklagen. Als gute Freundin, wie sie eine war, hatte sie Marnies Stundenplan zumindest gut genug im Kopf, dass sie wusste, sie konnten es sich erlauben. Ihre Finger fuhren über Marnies in dieser Realität untätowierten Rücken, bevor sie ihr Heim etwas höher in den blonden kürzeren Locken fanden, die sie vorsichtig durchkämmte. Sie kaute auf ihrer Unterlippe herum, bis sie sich traute, zu fragen: „Schlech-schlecht geträumt?“
Marnie hob den Kopf von ihrem Schlüsselbein, eine Furche zwischen den Augenbrauen. „Äh, nein. Ganz im Gegenteil … eigentlich. Wie kommst du darauf?“ Ihre Stimme war schwer vom Schlaf, aber ehrlich verwundert. Rachelle, deren Hand hinunter gerutscht war, strich Marnies Schulterblätter entlang und ließ ihre Lippe frei, bevor sie antwortete: „Nur … weil du so unruhig warst.“ Marnie war in einer ganz anderen Position aufgewacht als eingeschlafen, was für mich völlig normal ist, ich von ihr nicht anders kenne. „Tut … mir Leid. Ich wollte dich nicht“ - „Nein, nein, schon gut“, unterbrach Rae sie. Sie zog ihre zweite Hand irgendwo unter Marnie hervor, um ihr eine verirrte Strähne hinter das Ohr zu klemmen. So konnte sie ihr direkter in die blauen Augen schauen. „Ich wollte nur sicher gehen, dass bei dir alles okay ist.“ Marnies Mundwinkel begannen zu zucken. „Machst du dir etwa Sorgen, meine Liebe?“, meinte sie belustigt und streckte den Hals, um Raes Lippen zu erreichen. Die gab ein genüssliches Brummen von sich, als Marnies Schenkel dabei zwischen ihre Beine fiel. „Du hast dir gestern aus heiterem Himmel mit einer Nagelschere den Großteil deiner Haare abgeschnitten. Ich sollte mir wenigstens Sorgen um deinen geistigen Zustand machen.“
„Marnie, hey?“ Eine Hand legt sich zögerlich an ihren Arm. Sie stöhnt leise auf, als sie sich zum Blinzeln zwingt, obwohl es hinter ihrer Stirn erbarmungslos pocht. Dafür spürt sie den Rest ihres Körpers herzlich wenig. Schmerzmittel, glaubt sie und hat Recht damit. Es erinnert sie an ihren letzten Krankenhausaufenthalt, zu dem wir jetzt nicht zurückgehen wollen, wenn auch der Name Tom aus Geralt heraus sprudelt. Es täte ihm so Leid, dass er nicht auf sie gehört habe, sie nicht ernst genommen, aber jetzt werde alles wieder gut – oder vielleicht nicht gut, niemand könnte es wieder gut machen und es würde wohl kaum jemals wieder wirklich gut sein ohne Rach, aber man würde Tom zumindest zur Verantwortung ziehen. Geralts Worte sickern langsam in Marnie und, bis sie verstanden werden, vergehen noch einige Herzschläge mehr. Ausgenüchtert und nach einem „Nickerchen“, das sich angefühlt hat wie Tage – Tage, die sie mit Rachelle verbrachte, großteils herzzerreißende Tage – entschied sie: „Ich hab überreagiert. Ich war bescheuert. Ich bin in meinem Wahnsinn versunken und brauchte irgendwen, der mehr Schuld hat als ich. Schlussendlich war es doch ein Unfall.“
Als sie ihr Zimmer verließ, fühlte sie sich schön blöd und wünschte sich in die Honeycake Street, wo sie nicht fürchten müsste, auf dem Weg zur Dusche Leute zu begegnen, vor denen sie sich am Vorabend ordentlich blamiert hatte.
Sie war noch immer am Stirnrunzeln. Sie war so sicher gewesen, dass es hätte Samstag sein müssen. „Donnerstag, mein Schatz. Es ist Donnerstag“, hatte Rae gesagt. Sie stieß die Tür zum Duschraum auf und gab sich Mühe, ihre Wangenfarbe unter Kontrolle zu halten. Am Spiegel schnatterten zwei Studenten in typischer College-Comedy-Manier, kicherten und tratschten entweder über einen Professoren oder einen zu strebsamen Schüler. Jedoch sah man nur kurz auf, als man es knarzen hörte, registrierte, dass jemand den Raum betreten hatte, und scherte sich dann nicht weiter um Marnie. Sie zog den Kopf zwischen die Schultern und huschte so schnell als möglich zu den Duschen.
Sie kommt erst jetzt dazu, sich zu wundern, was sie in diesem Krankenhausbett zu suchen hat. „Irgendetwas muss passiert sein. Sonst hätte er ja keinen Grund gehabt, dich zu stoßen.“

„Hallo, Erde an Ebony! Was schreibst du denn da schon wieder?“ Fünf Minuten nach diesen Worten Mamas bereue ich die früheren sanfteren Worte über sie sehr. Das hat ja nicht lange angehalten. Doch ihre Gründe dafür ändern nichts daran, wie sie mich behandelt. Was habe ich auch erwartet? Mama hat natürlich nicht mitbekommen, dass ich sie in einem anderen Licht sehen wollte. Woher hatte sie das auch wissen sollen? Ich hätte nicht erwarten dürfen, dass sich vom einen auf den anderen Moment plötzlich alles geändert hatte.
Es ist ein plötzlicher Anschwung von Sentimentalität gewesen, befeuert von dem Funken Besorgnis, den ich ihr ins Auge gedichtet habe, der mich dazu brachte, Mama mein Herz vor die Füße zu legen: „Es ist einfach … beinahe schon grausam, Marnie mit Rachelle zu sehen.“
Da kommen wir nun auch zu dem Schmerz zurück, auf den ich vorhin hinauswollte. Marnie angelte am Duschvorhang vorbei nach dem Bademantel, der außen an einem Haken hätte hängen sollen, aber man reichte ihn ihr auf halbem Wege. Ich könnte metaphorisch die Augen schließen und mir vorstellen, es wäre mein genau gleich aussehender Arm gewesen, an dem ihre Hand entlang glitt, um den Marnie am Ellenbogen angekommen ihre Finger legte, um sie – eben nicht mich – hineinzuziehen, anstatt einfach den Mantel zu ergreifen. Es wäre nicht das Selbe.
Ich kenne diese Geste doch selbst – wie sie mir den Finger unters Kinn legt, es leicht hoch drückt, dass es leichter für sie ist, meine Lippen einzufangen. Wenn sie es gerade bilderbuchmäßig machen will, blickt sie dann durch leicht flatternde Wimpern zwischen meinen Augen und Lippen hin und her, kann sich nicht recht entscheiden, worauf sie ruhen soll. Ich erinnere mich, wie diese eigentlich nur oh so leichte Berührung brennt, während ich ungeduldig erwartungsvoll innerlich bettele, dass sie die Lider doch einfach endlich schließen mag, soll mich nicht länger hängen lassen. Womöglich geht das aber auch nur mir so, denn meine Schwester ist da unverblümter als ich. Sie nimmt sich einfach, was sie will. Sie drückte sich hoch auf die Zehenspitzen.
„Es ist … es ist einfach nicht fair!“ Darauf hat Mama die Arme verschränkt. „Nicht wirklich, oder? Du hast dich in das Mädchen verknallt!“ Ich weiß ja, dass Marnie und ich nie Liebende sein können, nicht einmal Freunde wirklich. Und dabei hing – hängt? Definitiv hängt! - mein Herz so lange an Marnies Gemütszustand. Wenn sie traurig war, schmerzte es und wurde erst besser, wenn ich sie getröstet habe. Das sage ich Mama so nicht. Tatsächlich war ich erst einmal nicht dazu fähig, überhaupt etwas zu sagen. „Du und diese Marnie – ihr habt euch“ - „Was hast denn erwartet? Sie war Rachelles Freundin, welcher ich als eineiiger Zwillingsschwester zufälligerweise ziemlich ähnlich sehe. Marnie war die Erste, die je ...“ Ich hätte es nicht fertig gebracht, sie unterbrach mich aber so oder so. „Natürlich! Natürlich verliebst du dich in die Erste, die dir über den Weg läuft. Hilfe, du bist so naiv, Ebony!“ Das habe ich mir auch selbst schon vorgeworfen. Selbstverständlich war mir von Anfang an klar gewesen, dass ich nicht von Hochzeitsglocken und einem weißen Kleid träumen konnte, aber manchentages hatte ich schlichtweg das Gefühl gehabt, ich würde Marnie auf ewig zu halten.
Ja, ich bin eifersüchtig auf Rachelle, weil es sich anfühlt, als würde sie mir ins Gesicht reiben, was ich verloren habe – und das ganz ohne es zu wissen. Ich will ihr wirklich nichts böses wünschen. Sie ist und bleibt mein mir so fremder und bekannter Zwilling. Doch manchmal, das sage ich euch, könnte ich ihr die Augen auskratzen. Ich vermute, es ist besser, dass dafür die räumliche Nähe fehlt.
Rae drückte sich also auf die Zehenspitzen hoch und überwand den Abstand zwischen ihrer beider Lippen selbst. Sie gab ihr nur einen flüchtigen Kuss, zart und unschuldig, wich dann zurück und half ihrer Freundin in den Bademantel, die ihr dafür den Rücken zuwendete. Rae ließ es sich nicht nehmen, auch die zu sein, die vorne das Band zusammen knotete, und beließ ihre Hände dann gleich dort, dass sie auf Marnies Bauch ruhten. Allgemein ist ja Marnie die, die man schwer aus dem Bett kriegt, der Morgenmuffel, der dutzende Male „gleich … gleich“ nuschelt und sich alle Mühe gibt, das Aufstehen hinauszuzögern, aber an jenem Donnerstag war auch Rachelle noch nicht ganz dazu bereit, das Kuscheln aufzugeben. Immerhin würde es einer ihrer faulen Tage werden, an dem nichts auf ihrem Plan stand. Da konnte sie es sich erlauben, noch ein wenig herumzulungern, und musste nicht gleich komplett wach werden. Sie vergrub also ihr Gesicht an Marnies Genick und folgte ihr im Gleichschritt aus der Kabine.
Hätte sie sich nun nicht in Marnies Rücken befunden oder hätte sie nicht die Augen genießerisch geschlossen gehabt – dann vielleicht durch den Spiegel – hätte sie womöglich gesehen, wie etwas durch Marnies Gesicht fuhr, ein kurzer Schock, der Marnie aufschrecken ließ. Den Stolperer führte Rachelle auf die Position zurück, in der sie sich fortbewegten. Woher sollte sie auch wissen, dass ein heißer Schmerz durch den Brustkorb ihrer Freundin riss, als etwas den Rhythmus ihres Herzens durcheinander brachte. Er fühlte sich schwer an, als würde jemand ihn mit aller Kraft nach unten drücken. So plötzlich wie es gekommen war, war es aber auch wieder verschwunden und dieser erleichternde Nachklang, der noch etwas wollige Wärme in ihrer Brust ließ, war beinahe angenehm. Ein Lächeln spielte sich auf ihre Lippen und sie schaffte es doch tatsächlich, diesen Schmerz als Liebe zu interpretieren.

Ich sitze auf dem Deckel der Toilette, die absolut sinnlos ist, aber nun einmal zur Standardausstattung eines Flugzeugs gehört. Sinnlos nicht nur aus meiner Sicht – so lange der Zeitreißer aktiv ist, wird die auch sonst niemand benutzen wollen. Ich bin nur hier, weil es der einzige Ort in dieser Maschine ist, in dem man sich verschanzen kann. Ich habe mir heute an Mama ein Beispiel genommen und bin einem mir unangenehmen Gespräch entkommen, in dem ich einfach abgedampft bin.
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