Déchaînement

von Laurent
GeschichteDrama, Krimi / P18 Slash
Dr. Alana Bloom Dr. Bedelia Du Maurier Dr. Hannibal Lecter Fredricka "Freddie" Lounds Jack Crawford Will Graham
29.12.2018
11.07.2019
6
9.663
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29.12.2018 1.585
 
Der metallische Duft und Geschmack ihres frischen Blutes belebte Hannibal. Er hatte Will nur allzu oft verwundet vor sich gespürt, wie der Jäger seinen angeschossenen Hirsch, aber dieses Mal war es eine vollkommen neue Erfahrung.
Er und Will, beide vom Roten Drachen zur Beute auserkoren, wurden eins und besiegten ihren Feind gemeinsam und in Einklang, indem sie ihren Trieben den Vorzug gaben und das Denken aus ihren Schädeln verdrängten. Das erste gemeinsame Opfer erinnerte Hannibal nur allzu sehr an seinen eigenen ersten Mord - er konnte nicht sagen, welche Erinnerung nun faszinierender für ihn war. Überlegenheit und Macht zu teilen, das war für ihn bisher schlichtweg undenkbar gewesen. Doch mit Will an seiner Seite, der die Bestie nun unter des Doktors Führung freilassen konnte und selbigen auch ohne Worte verstand, war Teilen nicht mehr gleichzusetzen mit Schwäche oder Verlust. Sie waren eins geworden. Das erkannten sie beide, als der Drache auf die Knie fiel, um sich ihnen zu beugen. Nie waren sie stärker als in diesem Moment.

Die warmen Tropfen der im Mondlicht schwarz schimmernden Flüssigkeit bahnten sich ihren weg über Hannibals Lippen, sein Kinn und fielen schließlich zu Boden. Es war das Blut des Drachen - sein eigenes Blut - Wills Blut. Alles wirkte surreal und traumähnlich. Die innige Umarmung, die Blicke und Berührungen, die Hannibal und Will nach dem großen Sieg tauschten, waren von einer Intimität, die sie nicht in Worte fassen konnten. Wills Kopf auf seiner Brust ruhen zu wissen, das erregte den Doktor ungemein. Er wehrte sich nicht. Nicht einmal in seinen Gedanken hatte er sich gegen das Gewicht des Anderen gestemmt, ihn von sich gedrängt oder versucht der Klippe zu entkommen. Der Sturz in die Tiefe und der Aufprall ins kühle Nass fühlten sich wie eine zeremonielle Wiedergeburt an. Hannibal sagte es bereits einige Stunden zuvor - es würde alles vom Meer verschluckt werden, sie schwebten über den Dingen. Dieser Fall war eine Befreiung von ihren alten Leben. Ein notwendiger Schritt, um es dem neuen Akt zu ermöglichen sich aufzutun und die Zukunft einzuläuten, welche sie verbunden verbringen konnten. Es bedeutete das Ende von Wills steten Zurückweisungen.
Noch während sie fielen, legte Hannibal einen Plan für die Zeit nach dem Aufschlag zurecht. Er wusste, er müsste Will nur ansehen und dieser würde zu denselben Schlussfolgerungen kommen. Die Nacht war unbeschreiblich. Der Mond leuchtete hell über ihnen und die Wolken wagten es nicht ihm den Schein zu nehmen. Insgeheim fragte sich Hannibal, ob Will den Mondzyklus und Wetterbericht beobachtet hatte, um die Flucht auf gerade diese perfekte Nacht zu lenken. Andererseits wäre diese Mühe wohl zu viel der Vorbereitung gewesen. Glück ist die entscheidende Zutat, die das Leben unerwartet positiv beeinflussen kann. Von diesem guten Einfluss schienen sie in dieser Nacht mehr als genug zu haben. Wie durch ein Wunder verpassten sie Felsvorsprünge und tauchten unbeschadet im eisigen Wasser ein. Doch die Umarmung konnten sie nicht sofort lösen. Es gehörte eine gewisse Menge Überwindung dazu, an die Wasseroberfläche zu schwimmen. Sie hörten auf ihre Instinkte, sparten ihre Worte und Kräfte, ließen ganz voneinander ab. Nachdem sie die Küste erreichten, aus den Fluten kletterten und frierend voreinander standen, packte Hannibal das Hemd seiner erweckten Bestie und zog sie an sich: „Sie haben recht behalten. Eine Trennung würde keiner von uns überleben.“
Will lächelte und sprach: „Es ist beängstigend aus dem Spiel nicht als Gewinner heraus zu gehen.“
„Mit diesem Unentschieden kann ich mich anfreunden.“
Sie sahen sich ein paar ewige Sekunden direkt in die Augen und begannen den Aufstieg zurück zum Haus. Sie beide verloren weiterhin eine Menge Blut und die nasse Kleidung rieb sehr unangenehm an ihren Leibern, drückte mit einer unbarmherzigen Schwere auf sie. Je weiter sie voranschritten, desto weiter sank ihr Adrenalinpegel und die Schmerzen kehrten zurück. Die Bewusstheit der Sterblichkeit holte sie wieder ein. Sie schafften es jedoch ohne weitere Blessuren zum Ort des Verbrechens zurück. Will ging ohne ein Wort ins Haus hinein und öffnete die Badezimmertür mit einem Blick, dem es Hannibal befahl zu folgen. Er tat es, suchte sogleich in dem sich dort befindenden Medizinschränkchen neben Desinfektionsmitteln und Mullbinden auch vergebens nach Nähutensilien. Will zog sich in der Zwischenzeit aus und stieg unter die mit klarem Glas umschlossene Dusche. Er hatte das dringende Bedürfnis sich den restlichen Schmutz vom Körper zu waschen, den der Ozean nicht fortspülen konnte. Das Wasser wurde schnell warm. Das wohlige Gefühl auf Wills Haut ließ ihn aufstöhnen. Kaum eine Minute später drängte sich Hannibal ebenfalls entkleidet in die Kabine und fing an die Wunden seines neuen alten Gefährten zu inspizieren. Das rituelle Abwaschen der Schuld, die Suche nach Reinigung von den Sünden, die schon Shakespeare in seinem Stück Macbeth durch die eigentliche Sünderin und Herrin des Hauses beschrieb, es war auch für Hannibal ein unabdingbarer Bestandteil seiner Routine. Jedoch hatte er es im Gegensatz zu Lady Macbeth bereits aufgegeben die Schuld hinfort zu spülen. Sie klebte unauslöschlich an jeder Stelle seines Körpers. Was blieb war ein rein ideelles Ritual. Auch dieses spezielle, wenngleich simple Ding mit jemandem teilen zu können, das freute ihn sichtlich.  Wills Wange war durchstochen, er erlitt einige Schnittverletzungen, Prellungen. Nichts, worüber man sich ernsthaft sorgen müsste. Auch wenn seine blauen Lippen eine leichte Unterkühlung vermuten ließen. Anders sah es mit seinen eigenen Wunden aus. Will beobachtete die Bewegungen des Doktor.

„Ich konnte sie nicht sterben lassen, obwohl ich es wollte. Was sagt das über mich aus, Hannibal?“

„Sie wissen es selbst und wollen es dennoch von mir hören. Das ist eine weitaus interessantere Tatsache. Aber ich werde ihrem Wunsch entsprechen. Sie erkannten, dass sie sich nur durch mich ihrem wahren Ich hingeben können. Einmal den Schlüssel zur Entfesselung des Triebs erhalten, ist das Aufschließen der Zelle zu verlockend. Nun, sie fürchten um den Verlust dieses Gefühls. Wenn sie genau darüber nachdenken,  hatten sie  jegliche Absicht meinen Tod herbeizuführen bereits abgestreift, als sie dem FBI vorschlugen meine Flucht zu inszenieren. Sie wollten mich und damit auch sich selbst befreien. Und wir wurden eins. Das ist ein unumkehrbarer Vorgang. Bereuen sie ihn?“


„Ich habe vieles bereut. Aber das? Nein, Doktor. Das ist vielleicht das einzig Echte, das wir jemals geschaffen haben. Ganz gleich, ob es falsch oder richtig ist.“

„Sie haben recht. Das sind Kategorien, die wir nun endlich beide abgelegt haben.“

Will tastete Hannibals Bauch ab und berührte die Austrittswunde der Kugel.
„Im Gegensatz zu Ihnen bin ich kein Arzt. Sie sollten sich untersuchen lassen. So schnell wie möglich.“
Hannibal lächelte.
„Sie beginnen schon sich um mein Wohlergehen zu fürchten. Das ist gleichsam unnötig wie liebenswert.“

„Wir sollten zu ihrer Psychiaterin gehen. Dr. Du Maurier wird ihnen besser helfen können. Und danach…“, er schwieg schließlich.

„Nun? Was haben Sie vor?“

„Die fleischlose Zeit ist vorbei. Das habe ich ihr bereits gesagt. Ich verzeih ihr nicht, dass sie an ihrer Seite in Italien war und nicht ich. Außerdem ist ihre Haltbarkeit längst überschritten. Wir wollen sie doch nicht weiter verderben lassen? Und anschließend müssen wir uns um Alana kümmern und ihr Versprechen einlösen.“

„Nun denken sie endlich wie ich…“

Hannibal lehnte sich ein Stück nach vorne und blickte Will direkt in die Augen. Sie kamen sich so nahe, dass sich ihre Nasenspitzen vorsichtig berührten. Will verharrte einige Augenblicke regungslos in dieser Position und spürte den Atem des Anderen und die warmen Ströme des Wassers auf seinem Körper ganz genau. Schließlich legte er seine Lippen auf die des Anderen. Erst zaghaft, dann etwas fester. Sie beide hatten andere Menschen körperlich geliebt und geküsst, aber zwischen ihnen fühlte es sich anders an. Sie verschmolzen auch hier zu einer Person. Ihre Liebe füreinander war etwas, das dem normalen Geist verschlossen bleiben würde. Eine Liebe, für welche die Körperlichkeit nicht zwangsweise notwendig war. Dennoch konnten sie nicht mit letzter Gewissheit sagen, ob ihr Hungern nacheinander nicht auch dort eine Quelle fand.

„Wir haben keine Zeit dafür, Will. Wir werden die Wunden versorgen und dann fahren.“

„Nachdem wir das Haus in Brand gesteckt haben und den Drachen im Feuerschein vernichteten.“

„Das wird wohl seinem Wert gerecht.“

Sie wuschen sich, zogen sich an - dabei lieh sich Will ein paar von Hannibals Kleidungsstücken, die sich im Haus befanden. Sie taten alles wie abgesprochen und verließen die Klippe mit einem lodernden Feuer hinter sich. Endlich waren sie frei und völlig losgelöst von jeder Norm.

„Am Ende hat Mrs. Lounds Recht behalten. 'Murder Husbands' hat sie uns getauft. Wie lächerlich das zunächst klang - und doch. Sie hat ein Händchen für derlei Namen. Einprägsam und griffig, finden sie nicht?“

Hannibal musste kurz nachdenken, bevor er antwortete. „Ich habe nun keinerlei Verwendung mehr für Mrs. Lounds. Sie hat uns beide gleichermaßen beleidigt in vorigen Artikeln. Das verändert diese Schmeichelei nicht.“

„Diese Unhöflichkeit machte auch mich schon oft genug rasend. Sie starb bereits einmal für sie. Es würde mir nichts ausmachen, wenn sie es ein zweites Mal tun würde.“

„In Anbetracht ihrer Geschichte klingt das vernünftig. Unhöflichkeit ist der Makel der Menschheit, den sie wie keine sonst in die Wiege gelegt bekommen hat. Ein Tier erlöst man von seinem Leid. Wer wären wir, wenn wir dieses Prinzip nicht auch hier anwenden würden, bei einem so ernsthaft kranken Tier wie ihr, Will?“

„Wir haben einen nicht ganz einfachen Plan. Lassen wir Mrs. Lounds die nächsten Taten noch dokumentieren und werden sie zuletzt los. Ich frage mich, was sie tun wird. Sie ist nicht so dumm, wie sie tut. Sie wird es kommen sehen. Wie sie sich winden wird! Tun sie mir den Gefallen und lassen sie mich das sehen. Bitte.“

Hannibal nickte. Er konnte ihm nichts abschlagen. Nicht mehr.
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