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Neuanfang

GeschichteFamilie, Freundschaft / P12 / Gen
Dr. Verena Auerbach Emilie Hofer Katharina Strasser Michael Dörfler Tobias Herbrechter
28.12.2018
13.01.2021
9
21.654
3
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
01.01.2019 3.375
 
Autor: Wandering Butterfly
Rating: P12
Kategorie: Familie, Freundschaft
Anmerkungen: Meines Wissens ist nicht bekannt wie Katharinas und Tobias’ Mutter heißt, deswegen habe ich mir Namen ausgedacht. Die Geschichte spielt Jahre vor Katharinas erstem Auftritt in der sechsten Staffel. Ich baue ein paar Veränderungen für den weiteren Verlauf der Geschichte ein und mache eventuell ein paar Zeitsprünge.
Inhalt: Katharinas Mutter ist gestorben, davor hat sie ihr noch eine Nachricht mit auf den Weg gegeben. Sie soll ihren Vater kennenlernen. Mit ihm präsentiert sich ihr ein neues Leben fernab vom hektischen München.
Disclaimer: Diese Geschichte schreibe ich nur zu meinem und eurem Vergnügen. Die Charaktere sind alle frei erfunden und wurden von mir konzipiert. Außerdem verdiene ich durch die Veröffentlichung kein Geld.

Neuanfang




Das Kennenlernen


„Frau Bernauer, schicken Sie bitte meinen Sohn in mein Büro“, befahl Peter Herbrechter durch die Gegensprechanlage seiner Chefsekretärin.
Gestern hatte ihn Katharina erneut angerufen und ihm den Tag der Beerdigung mitgeteilt. Sie hatte sich noch einmal versichert, dass er kommen würde und dann wieder aufgelegt. Offensichtlich ging es ihr nicht allzu gut. Es tat ihm wirklich sehr leid, auch wusste er nicht was er für sie tun könnte. Aber jetzt musste er sich erst einmal um seinen Sohn kümmern.
Da wusste er auch noch nicht genau, wie er die Situation anging. Das Thema war heikel und wurde eigentlich nicht angesprochen, doch das waren besondere Umstände in denen er sich befand.
Gerade als er seine Chefsekretärin erneut auffordern wollte, öffnete sein Sohn Tobias Herbrechter die Tür und trat ein. Er trug noch die Kleidung der Bergretter und kam wahrscheinlich von einem Einsatz.
„Du wolltest mich sprechen, Papa?“ fragte er und schritt durch das geräumige Büro des Hoteliers.
„Ja genau, setz dich doch bitte hin“, forderte er seinen Sohn auf und legte die Hände zusammen. Am besten kam er gleich zur Sache.
„Ich muss morgen nach München fahren und bleibe dort für ein paar Tage“, sagte er seinem Sohn geradeheraus. Tobias schien etwas zu überlegen, eigentlich fuhr sein Vater nur für Messen oder die Kundenakquise nach München, gelegentlich traf er alte Geschäftspartner. Er wollte schon nachfragen, aber sein Vater kam ihm zuvor.
„Genauer gesagt, findet dort die Beerdigung einer alten Bekannten statt“, sagte Peter und wartete auf die Reaktion seines Sohnes. Dieser setzte einen mitfühlenden Blick auf.
„Das tut mir leid, kenn ich die Bekannte?“ fragte er und suchte innerlich nach wichtigen Terminen, wenn er die Person kannte, würde er mitkommen. Jetzt war es an Peter einen gequälten Blick aufzusetzen.
„Nicht direkt. Die Frau hieß Luise Strasser und ich kannte sie schon sehr lange“, erzählte Peter und hoffte, dass Tobias mit dem Namen nichts anfangen konnte. Da hatte er aber falsch gedacht, schließlich hatte seine Exfrau keinen Hehl daraus gemacht und bei Streitereien ständig Luise Strassers Namen erwähnt. Langsam dämmerte es Tobias und er stand auf.
„Das ist jetzt aber nicht was ich denke das es ist? Diese Frau hat unsere Familie zerstört“, grölte Tobias seinen Vater an. Jetzt reichte es Peter. Die Herbrechters waren bekannt für ihre Streitereien und den Hitzkopf, da brauchte es nicht viel und die beiden gingen an die Decke.
„Es reicht, Tobias! Ich bin es ihr schuldig und du wirst mich nicht daran hindern können. Es wäre schön, wenn du diese Sache hinter dir lassen könntest“, bat er seinen Sohn und bemühte sich um Ruhe.
„Mutter hat uns deswegen verlassen, nur weil du ihn nicht in der Hose lassen konntest und diese Frau auch noch schwängern musstest. Und ich soll mich beruhigen“, brüllte er und ging eilig im Raum auf und ab. Plötzlich blieb er stehen.
„Meine Halbschwester. War sie es die dich angerufen hat? Möchte sie sich jetzt hier ins gemachte Nest setzen oder hat sich plötzlich Sehnsucht nach dir?“ fragte er berechnend.
„Katharina hat mich angerufen, ja. Sie möchte sich nicht ins gemachte Nest setzen, hör bloß auf. Sie hat mich nur darum gebeten zu kommen und sie bei Gelegenheit kennenzulernen“, verteidigte Peter seine Tochter. Er hatte nicht geahnt, dass der Schmerz von vor zwanzig Jahren bei Tobias noch so tief saß.
„Tobias versteh doch bitte, sie hat niemanden mehr und ich denke es geht ihr im Moment nicht gut“, versuchte Peter zu vermitteln und appellierte an Tobias‘ Gewissen. Dieser ließ sich nur schwer beruhigen.
„Dann mach doch was du willst. Ich schmeiße den Laden hier schon“, sagte Tobias schließlich, wirkte aber nicht begeistert.
„Sie hat auch angefragt ob du mitkommst?“ fragte Peter vorsichtig, aber er ahnte schon was jetzt kommen würde. Tobias dachte er hörte nicht richtig.
„Bitte was?! Richte ihr mein Beileid aus und mehr nicht. Ich möchte mit ihr nichts zu tun haben“, erklärte er und verließ das Büro. Tobias musste jetzt erst einmal Frust ablassen.



Am Sonntag stieg Peter Herbrechter in sein Auto und machte sich auf den Weg nach München in sein gebuchtes Hotel direkt in der Innenstadt. Auf dem Weg in die bayrische Hauptstadt machte er sich einige Gedanken. Vor allem war er nervös wegen dem Zusammentreffen mit seiner Tochter Katharina.
Von den Briefen her, hatte er das Gefühl, dass er seine Tochter schon kennen würde. Luise hatte nicht mit Details gespart und daher hatte er auch nicht wirklich das Gefühl Meilensteine verpasst zu haben. Stundenlang hatte er in seinem Büro die langen Briefe gelesen und sogar ein eigenes Fotoalbum
angelegt.
Die Zeit verging bei den Gedanken wie im Flug und schon bald hatte er in sein Hotel eingecheckt. Mit Katharina hatte er sich für den Nachmittag verabredet und so hatte er noch gut drei Stunden Zeit.
Sie hatte ihm erzählt, dass Luise noch bis Montag in dem zuständigen Bestattungsinstitut aufgebahrt wäre und hatte vor als nächstes dorthin zu fahren. Vielleicht würde es ihm noch die Gelegenheit geben seine Gedanken zu ordnen.
Als er nun dem Sarg, in dem Luise Strasser lag, gegenüber saß beruhigte es ihn ganz und gar nicht. Er war schon bei einigen Beerdigungen doch irgendwie schien ihm das ganz schon nahe zu gehen. Die beiden hatten sich nur wenige Wochen lang in München getroffen, allerdings fühlte er sich Luise Strasser tief verbunden. Mag es an Katharina liegen oder an der kurzen, aber feurigen Liebe die die beiden miteinander verband.
„Ich vermute mal, du hast Katharina beauftragt mich anzurufen. Mir scheint, sie hätte es sonst nicht getan“, sagte er in den Raum ohne die Verstorbene anzuschauen.
„Sie ist wirklich eine tolle junge Frau geworden. Ich kenne sie mehr von deinen Briefen, aber in dem Anruf klang sie sehr stark und gefestigt. Das war alles dein Verdienst, Luise. Ich hatte leider nie die Gelegenheit mich dafür bei dir zu bedanken“, schloss er seinen Monolog.
„Ich möchte nur, dass du weißt, ich werde auf Katharina achtgeben und versuchen ihr ein halbwegs guter Vater zu sein, so wie du ihr eine tolle Mutter gewesen bist“, versprach er ihr im Flüsterton.
Er stand auf und ging zur Tür, doch kurz davor blieb er noch einmal stehen und drehte sich um. Sein Blick lag sehnsüchtig, aber auch traurig auf der Frau.


Wie in den letzten Tagen hatte Katharina nicht viel geschlafen. Sie hat immer noch damit zu kämpfen, dass ihre Mutter nun nicht mehr bei ihr war und dass sie heute ihren Vater traf.
Sie schaute müde auf den Wecker neben sich. Nicht mehr lange, dann musste sie wirklich aufstehen und ihren Tag beginnen.
„Komm wieder her“, sagte eine Stimme hinter ihr und gleichzeitig wanden sich zwei Arme um ihren Oberkörper. Lachend ließ sie sich zurückfallen und umschloss die männlichen Hände mit den ihren.
„Ich muss jetzt aufstehen“, sagte sie schwach und drehte sich zu dem Mann um. Dieser grummelte nur und hielt sie fester.
„Bitte Katharina, ich hatte eine 24-Stundenschicht in der Notaufnahme“, jammerte Thomas Huber und drückte seine Augen zu. Katharina rollte mit ihren Augen.
„Dann lass mich jetzt los und du kannst weiterschlafen. Ich muss noch einige Dinge vorbereiten und später treffe ich mich mit meinem Vater in der Stadt“, erklärte sie und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Jetzt wurde Thomas etwas wach. Katharina hatte ihm von ihrem leiblichen Vater und der Situation in der sie war einiges erzählt, aber so ganz folgen konnte er ihr nicht. Er schob immer so viele und lange Schichten, dass er manchmal nicht mehr aufnahmefähig war.
„Uhm, soll ich dich begleiten? Vielleicht ist er nicht der für den er sich ausgibt“, äußerte er seine Sorgen und versuchte wachzuwerden.
„Ne lass mal, das muss ich alleine machen. Ich kann nicht ankommen ‚Hey ich bin deine Tochter und hey, das ist mein Freund‘“, witzelte sie über die Vorstellung.
„Außerdem habe ich mal gegoogelt und es passt alles“, versuchte sie ihn zu beruhigen.
Tatsächlich hatte sie noch am selben Tag nach dem Anruf ihren Laptop angemacht und die Suchmaschine mit seinem Namen gefüttert. Diese förderte einiges ans Licht. Er war erfolgreicher Hotelier und auch noch nebenbei in der Politik als Bürgermeister tätig. Verheiratet war er anscheinend nicht, aber auch ein Bild von seinem Sohn hat die Suchmaschine zutage gefördert. Sie konnte sogar ein paar Ähnlichkeiten ausmachen. Hoffentlich war er so sympathisch wie auf den Bildern, aber das würde sie wahrscheinlich nie erfahren. Sie war schon etwas enttäuscht, als sie erfuhr das er nicht mitkommen würde, doch sie verstand es auch.

Nachdem sie sich angezogen und eine Kleinigkeit gefrühstückt hatte, gab sie Thomas noch einen Kuss und verabschiedete sich von ihm.
Sie musste noch einige Dinge wegen der Beerdigung besprechen und dann wollte sie sich irgendwo in einen der unzähligen Parks setzen bis es Zeit für das erste Treffen mit ihrem Vater war. Sie hatte vorgeschlagen sich in einem Café zu treffen, auf neutralem Boden. Katharina versuchte sich nicht zu viel von dem Treffen zu versprechen, immerhin kannte sie den Mann gar nicht, aber offensichtlich kannte er sie um einiges besser. Beim Durchstöbern der Sachen ihrer Mutter, hatte sie unzählige Abschriften von den Briefen gefunden die ihre Mutter Peter Herbrechter geschickt hatte. Tatsächlich berichteten sie über jeden Meilenstein in ihrem Leben. Von den ersten Zähnen, den ersten Schritten bis zur Einschulung und ihrem Abschluss als Jahrgangsbeste und dem Beginn ihres Medizinstudiums. Sie ertappte sich dabei wie ihr Tränen in die Augen stiegen, denn sie Begriff erst jetzt richtig, dass der Hotelier ein Teil von ihrem Leben sein wollte. Deswegen konnte sie ihm auch nicht wirklich böse sein, weil er nie anwesend war.


Jetzt stand sie vor dem Eingang zum Café und kaute auf ihrer Lippe herum. Von außen konnte man schlecht ins Innere blicken und sie sah nicht ob er schon da war.
Obwohl es ein lauer Tag im Spätherbst war zog sie ihren Schal und den Cardigan enger um ihre schlanke Figur. Sie fühlte sich nicht mehr so euphorisch und wollte am liebsten wieder umdrehen. Doch sie hatte es ihrer Mutter versprochen und nun musste sie dadurch.
„Das wird schon nicht so schlimm, ich kann jederzeit wieder gehen“, sagte sie zu sich selbst und holte noch einmal tief Luft.
Im Café selbst, herrschte reges Treiben und die meisten Plätze waren schon besetzt. Sie würde einfach vorne am Eingang stehen bleiben und sich einen Überblick über die Menge verschaffen.
„Kann ich Ihnen helfen?“ fragte sie plötzlich ein Kellner. Dieser schaute sie auffordernd an.
„Ich bin verabredet mit Peter Herbrechter“, erzählte sie schließlich und schaute den Kellner nervös an, vielleicht wusste er was genaueres. So schien es auch und der junge Mann zeigte zielstrebig auf eine Sitzgruppe in der hinteren Ecke. Katharina bedankte sich und ging langsamen Schrittes auf die Person am Tisch zu. Ihr war noch nie so flau im Magen.
Der Mann vor ihr hatte graues gepflegtes Haar und trug allem Anschein nach, einen grünen Pullover und darunter ein kariertes Hemd. Er blätterte in einer Zeitung.
„Peter Herbrechter?“ fragte Katharina stotternd. Kaum hatte sie den Satz beendet, hielt die Person vor inne und legte die Zeitung beiseite.

Peter hörte die freundliche frische Stimme in seinen Ohren und es lief ihm eiskalt den Rücken herunter. Nun war es offensichtlich so weit, seine Tochter stand hinter ihm und er brauchte sich nur noch umzudrehen. Er atmete noch einmal tief durch, legte die Zeitung in eine Ecke des Tisches und stand auf. Seine Hände waren ganz klamm vor Aufregung.
Als er sich umdrehte strahlten in sofort braune Reh Augen an. Sie sah sogar noch hübscher aus als auf den letzten Fotos. Ihr zartes Gesicht wurde von einem frechen Pony und blonden Strähnen eingerahmt.
„K-Katharina, hallo“, brachte Peter nur heraus. Herr Gott, er war ein gestandener Mann und brachte kaum ein Wort heraus. Er schien zu merken, dass Katharina genauso aufgeregt sein musste wie er. Jetzt war nur noch die Frage wie die beiden sich begrüßen sollten. Doch seine Tochter nahm ihm die Entscheidung ab. Umständlich und verkrampft hielt sie ihm ihre zitternde Hand hin. Ohne zu zögern reichte er ihr die seine.

Als sie sich gegenüber saßen musste er Katharina erst einmal genau betrachten. Sie saß unsicher neben ihm und rieb sich mit ihren Handflächen über ihre Oberschenkel. Ihren Blick hatte sie überall, nur nicht auf ihm.
„Es ist so schön dich zu sehen, Katharina. Natürlich sind die Umstände nicht schön, aber ich freue mich sehr“, gestand er peinlich berührt. Katharina lächelte nur.
„Wie geht es dir denn? Ich kann mir vorstellen wie du dich jetzt fühlst, aber abgesehen davon, kommst du klar?“ fragte er besorgt, nebenbei versuchte er nicht so schnell zu reden.
„Ich rede auch immer schnell, wenn ich nervös bin“, gestand die junge Frau und musste lachen. Anscheinend gab es noch mehr Gemeinsamkeiten. Doch sie wurde ernst.
„Naja, ich bin ziemlich überwältigt. Diese ganze Situation hier“, sagte sie und gestikulierte mit ihren Fingern zwischen sich hin und her. Peter konnte sehen, dass sie mit sich zu kämpfen hatte.
„Ich bin immer noch ziemlich nervös. Kenn ich so gar nicht, aber das ist ja was ganz Besonderes“, wiederholte er erneut. Er wusste nicht wo er anfangen sollte und wie er das Ruder rumreißen konnte. Reden fiel ihm eigentlich nicht schwer, doch jetzt hatte er arge Probleme.

„Hast du irgendwelche Fragen an mich, Katharina?“ fragte er und faltete seine Hände auf dem Tisch zusammen. Wahrscheinlich hatte sie das und sie traute sich nur nicht anzufangen, aber er wollte ihr signalisieren, dass er für alles bereit war, auch die unangenehmen Themen.
„Als ich jünger war hatte ich so viele Fragen, aber jetzt fällt mir keine einzige ein“, gestand sie verschmitzt und beide mussten lachen. Sie verstand langsam warum er nicht präsent in ihrem Leben sein konnte und irgendwie hatte keinen Grund für Vorwürfe. Passiert ist passiert, daran konnte keiner mehr etwas ändern.
„Ich weiß ich war nie da, aber durch die Briefe deiner Mutter, ich habe alle gelesen, habe ich das Gefühl dich zu kennen“, erklärte er ihr und schaute ihr dabei in die Augen.
„Da hast du schon einmal einen Vorsprung. Erzähl mir doch etwas über dich“, forderte sie ihn auf. Langsam konnte sie entspannen.
So begann Peter seiner Tochter von den nicht ganz letzten zwanzig Jahren zu erzählen. Er war praktisch mit seinem Job verheiratet und seine oberste Priorität war es, ein guter Gastgeber zu sein. Er mochte gute Weine, gutes Essen und er genoss gerne die wunderschöne Natur rund um Ramsau und wanderte ab und zu durch den Dachstein. Früher war er mit seinem Freund Franz Marthaler bei der Bergwacht und sonst sehr aktiv in den örtlichen Vereinen sowie in der Gestaltung des Tourismus in der Region.
„Das hört sich nach einem arbeitsreichen Leben an“, kommentierte Katharina und sah langsam den
weichen Kern in dem sonst so strengen und disziplinierten Peter Herbrechter.
Auch Peter fühlte sich mittlerweile wohl und redete so viel wie schon seit Langem nicht mehr.
„Mama hat mir auch von meinem Bruder Tobias erzählt, was ist er so für ein Mensch?“ fragte Katharina und spürte, dass sie ein heikles Thema angesprochen hatte.
Es überraschte Peter, dass sie sofort von Bruder anstatt Halbbruder sprach. Tobias hingegen hatte sie abwertend als seine Halbschwester bezeichnet.
„Er lässt dir sein Beileid ausrichten. Leider konnte er nicht mitkommen, einer muss ja die Stellung im Hotel halten“, erklärte er wage, aber Katharina war nicht auf den Kopf gefallen.
Ihre Miene wurde ernst und dann etwas traurig. Ein bisschen hatte sie gehofft, aber nur ein bisschen und das war jetzt nichtig.
„Er wollte mich nicht kennenlernen“, stellte Katharina trocken fest und schaute auf den Boden ihres Wasserglases. Ihre rational denkende Gehirnhälfte konnte ihm keine Vorwürfe machen.
Peter sah auch ein, dass er nicht um den heißen Brei herumreden sollte.
„Er ist ein guter Junge, aber er hat noch immer damit zu kämpfen, dass seine Mutter ihn verlassen hatte, als sie von mir und deiner Mutter erfuhr. Tobias ist manchmal ein Hitzkopf und tut sich schwer mit Veränderungen“, erklärte Peter vorsichtig. Er konnte seinen Sohn, aber auch seine Tochter verstehen. Peter hoffte inständig, dass sich die beiden in Zukunft annähern würden.
„Es ist schon ok, Peter“, sagte Katharina. Sie sah die leichte Veränderung im Gesicht ihres Vaters als sie seinen Vornamen erwähnte. Katharina war einfach noch nicht bereit Papa oder ähnliches zu sagen, dazu waren sie sich noch zu fremd.


Die Zwei plauderten noch weiter miteinander bis Peter vorschlug ein bisschen spazieren zu gehen, vielleicht könnten sie den Englischen Garten besuchen.
Katharina war sofort einverstanden und gemeinsam gingen Vater und Tochter die Straße entlang und schlugen den Weg zum Englischen Garten ein.
In der Tat war die neue Umgebung befreiend und Katharina erzählte immer mehr von sich selbst und wie es war ohne ihn aufzuwachsen.
„Klaus war zwar da seit ich denken konnte, aber es war nicht das Gleiche. Er hatte seine eigenen Kinder und ich war „nur“ seine Ziehtochter. Die anderen Kinder waren oft gemein, aber ich habe darübergestanden. Ich wusste, dass es dich gibt und du nur gerade nicht da warst“, beschrieb Katharina ihr Leben in groben Zügen. Unsicher schob sie ihre Schuhe immer wieder in den Schotterboden und drehte die Spitzen darin um.
Obwohl sie ihm versicherte alles gut überstanden zu haben, doch er war immerhin Vater mit Verstand. Ihm konnte man schlecht etwas vormachen. Er blieb stehen und schaute über den großen See. Katharina stellte sich neben ihn und folgte seinem Blick.
„Es ist wahrscheinlich ein schwacher Trost für dich, aber ich möchte mich dafür entschuldigen, dass du es nicht immer so einfach hattest. Vielleicht hätte man eine andere Lösung finden müssen“, sinnierte er und sah Katharina in die Augen. Es war als würde Luise ihm tief in die Augen schauen und seine Seele ablesen.
„Wirklich, es ist alles in Ordnung. Ich bin nicht sauer oder wütend. Ganz im Gegenteil, ich habe jetzt plötzlich Verwandte in einer der schönsten Regionen Österreichs“, sagte sie lachend und sah ihn aufrichtig durch zusammengekniffene Augen an.
Peter fühlte sich gut, so gut, dass er die Gelegenheit ergriff und Katharina mit einem Arm an sich drückte und umarmte. Erstaunlicherweise erwiderte sie seine Umarmung.
Zusammen gingen sie noch bis zur Dämmerung durch den Park und erzählten sich noch einiges.

„Das war wirklich ein schöner Tag, Katharina. Danke für diese Gelegenheit“, sagte Peter Herbrechter zum Abschied. Sie standen vor dem Eingang einer U-Bahnstation, die sich so langsam mit immer mehr Menschen füllte. Bald ging der Feierabendverkehr los.
„Ich fand den Tag auch schön“, sagte Katharina aufrichtig. Sie hatten zwar noch einen langen Weg vor sich, doch der Anfang war gemacht.
„Du hattest gesagt die Beerdigung sei am Dienstag. Vielleicht hast du noch Lust dich mit mir am Montag zu treffen, nur wenn du möchtest“, schlug Peter vor und hob die Hände. Er sah wie Katharina zögerte und sich unschlüssig auf die Lippen biss.
„Ich melde mich bei dir, okay? Das war ziemlich viel heute und ich brauche etwas Zeit das Ganze zu verarbeiten“, erklärte sie ruhig. Peter verstand sofort und nickte.
„Dann sehen wir uns voraussichtlich am Dienstag morgen“, fasste er zusammen und wollte sich zum Gehen umdrehen, da fasst sie ihm an die Schulter. Ehe er sich umgedreht hatte, stand sie schon auf ihren Zehenspitzen und umarmte ihn richtig. Es ging alles ziemlich schnell und Peter konnte gar nicht so schnell reagieren, da hatte sie schon wieder losgelassen und flitzte die Treppe hinunter.
Mit einem Lächeln auf den Lippen machte Peter sich beschwingt auf den Weg zu seinem Hotel. Er hatte ein wirklich gutes Gefühl.



A/N: Ich wünsche euch ein frohes neues Jahr 2019. Mögen alle eure Wünsche und Pläne in Erfüllung gehen. Viel Spaß beim Weiterlesen und ich freue mich über eure Reviews.
LG Wandering Butterfly
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