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Mom

von 505
KurzgeschichteDrama, Familie / P18
Gavin Reed
27.12.2018
27.12.2018
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Triggerwarnung
Herzlich Willkommen, liebe Leser.
Bevor ihr euch meinem kleinen Werk stellt, möchte ich freundlich darauf hinweisen, dass dieser Text nicht unbedingt für Zartbesaitete geschrieben ist. Ich möchte wirklich ungern spoilern, gerade weil es sich hierbei um einen abgeschlossenen OS handelt. Lasst euch also gerne überraschen - aber eben nicht ungewarnt.
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit und viel Spaß beim Lesen :)

bis dann oder irgendwann,

505





Mom

Reed, Gavin. Age: 5. Toledo, OH.

„Mom?“
    Gavins Stimme war nicht mehr als ein Wimmern. Die fleckige Bettdecke vor dem schmalen Mund zerknüllt machte es unmöglich, dass man ihn verstehen konnte. Auch der peitschende Regen trug seinen bedeutenden Teil dazu bei. Doch er spürte, dass sie ihn hörte. Hoffte es innständig.
    Bereits das zweite Mal in jener Woche war er aufgewacht, mitten in der Nacht, die Laken schweißgetränkt, und hatte nicht einmal gewusst, wo er gewesen war. Denn das hier war nicht sein Zimmer. Es waren dieselben Möbel, derselbe Plüschhund neben seinem Kopfkissen, dasselbe Nachtlicht zu seiner Rechten. Die Wände aber waren fremd und nackt und gehörten zu einem Haus, das rein gar nichts von seinem Zuhause hatte.
    Montag noch hatte sie ihn rufen gehört. Es hatte keine Minute gedauert, bis sie wankend in der Tür gestanden hatte, um ihm zu versichern, es sei alles in Ordnung. Doch das war es nicht. Es war unmöglich zu leugnen, dass ganz und gar nichts in Ordnung war.
    Auch aus sicherer Entfernung hatte er den einzigartigen Geruch vernehmen können, den er mit so unsagbar vielen Erinnerungen verband. Er gehörte zu dem, was seine Mutter ‚Saft für Erwachsene‘ nannte. Doch Gavin wusste, dass es Wein war. Das hatte er Tante Cheryl sagen hören, vor wenigen Wochen, als sie noch Zuhause gewohnt hatten.

Ein stechender Schmerz fuhr durch seine Brust, allein bei dem Gedanken, dass er nie wieder zurückkehren würde. Weder zu Tante Cheryl, noch nach Detroit, in das Viertel, in dem er aufgewachsen war, zu seinen besten Freunden Chad und Jackson.
    „Mommy!“, stieß er nun wesentlich kraftvoller hervor. Winzige Fäustchen gruben sich tiefer in den zerschlissenen Stoff. Er wollte nicht mehr allein sein. Auch wenn er schon er großer Junge war – er sehnte sich nach der liebevollen Umarmung seiner Mutter, die er schon so lange nicht mehr gespürt hatte. Ihm hätte es sogar gereicht, lediglich ihre Stimme zu hören, selbst wenn sie ihn wieder anlügen würde. Hauptsache, sie war bei ihm und versicherte ihm, dass in den Schatten an den Wänden keine Monster lauerten.
    Scheiß Nachtlampe, dachte Gavin und verdrängte das in ihm aufkeimende Gefühl der Scham. Scheiße war ein böses Wort, er wusste das. Aber es war das richtige, um die doofe, katzenförmige Lampe zu beschreiben, die ihm doch eigentlich die Angst nehmen sollte, anstatt neuen Raum für all das zu schaffen, was ihm die Furcht in die Knochen trieb. Indem er fluchte, machte er der ungebetenen Emotion Platz für etwas Mächtigeres: Wut.
    Er durfte keine Angst haben – und erst recht keine zeigen.
    „Gavin, Schatz, du bist der Mann im Haus.“
    Das hatte seine Mutter ihm jedes einzelne Mal bewusst gemacht, wann immer er einen Versuch gewagt hatte, nach seinem Vater zu fragen. Auch wenn er sich hin und wieder nach einer vollständigen Familie sehnte, hatte er die Worte seiner Mutter nie infrage gestellt. Denn sie hatte immer Recht. Naja, meistens. Außerdem war er ja fast schon 6 und damit reif für die Schule. Selbst wenn er nicht der Mann im Haus gewesen wäre, durfte er spätestens als Schulkind keine Angst mehr haben.

Zitternd sog Gavin die muffige Note in seine Lungen und fasste einen Entschluss. Er würde mutig sein und sie suchen, aber zuerst …
    Hastig richtete er sich auf, robbte an die Kante seines Kinderbettes und streckte sich gerade so weit, dass er mit den Fingerspitzen an den Lichtschalter kam, den er in etwa einem Meter diagonal vom Fußende seines Bettes entfernt ausfindig gemacht hatte.
    Blendendes Kaltweiß flutete den Raum, während Gavin sich einen Moment genehmigte, indem er noch einmal die Decke schützend vor den Mund zog, die Beine angezogen, während seine Augen panisch von einer Zimmerecke zur nächsten wanderten.
    Er hatte es tatsächlich geschafft. Erleichtert atmete er einmal tief durch und stellte zufrieden fest, dass die gruseligen Schatten erfolgreich von der Deckenleuchte verdrängt worden waren. In Gavins neuem Kinderzimmer war es schlagartig taghell, als würde außerhalb der schützenden Bungalowmauern nicht gerade die gesamte Stadt schlafen.

Von einer Welle unbändigen Stolzes gepackt, warf Gavin seine Decke nun zur Seite und schwang seine Beine über den Rand seiner Matratze. Als die nackten Füße den eisigen Boden berührten, jagte eine Kältewelle durch seinen Körper, die kurzzeitig seine Zähne zum Klappern brachten. Doch es war ihm gleichgültig. Das einzige, was nun zählte, war, dass er seine Mutter finden musste. Wenn er ihr erzählte, wie mutig er gewesen war, würde sie ihm sicherlich einen Kakao machen und ihm vielleicht sogar etwas vorlesen, wie sie es früher immer getan hatte, als er noch klein war.
    Die Erinnerung trieb Gavin die nötige Energie ein und ließ jegliche Spur der Müdigkeit verschwinden. Schwungvoll sprang er aus dem Bett und tapste schnellen Schrittes zur angelehnten Tür. Mit angezogenem Tempo erreichte er das angrenzende Wohnzimmer und hörte die Tür hinter sich ins Schloss fallen, während er sich in dem dunklen Raum orientierte. Lediglich der kleine Fernseher, den Mom ihm versprochen hatte, sobald er in die Schule kommen würde, tauchte die Umgebung in ein kühles Blau und ermöglichte Gavin, einige Schemen auszumachen. Doch seine Mutter war nicht wie gewöhnlich vor dem Fernseher eingeschlafen.
    „Mom.“
    Wahllos fuhr Gavin herum und brauchte einen Moment, um die Richtung des kleinen Badezimmers ausfindig zu machen. Dort angekommen musste er allerdings feststellen, dass sie auch hier nicht anzutreffen war. Ein schneller Blick Richtung Küche, doch auch dort brannte kein Licht.
    „Mom?“
    Ein beklemmendes Gefühl vermischte sich mit den Hintergrundgeräuschen einer Erotikwerbung, die kurzzeitig Gavins Aufmerksamkeit fing. Angewidert rümpfte er die Nase, bevor er sich noch einmal umsah.
    Sie musste hier irgendwo sein. Irgendwo.
    Mit einem Mal fuhr ein Windstoß durch den Raum, gerade so stark, dass Gavins Schlafanzug kurzzeitig zu flattern begann. Ein gedämpftes Rumms, fast zeitgleich. Ruckartig fuhr Gavin herum und machte die Eingangstür ausfindig, die nun sperrangelweit offen in die kalte Nacht führte.
    … der Mann im Haus, hallten ihre Worte in seinem Kopf wider. Eine Gänsehaut jagte über seine Arme. Er musste stark sein. Mutig. Gleich würde er sie gefunden haben. Sie würde ihn in den Arm nehmen, ganz genau wie früher, und ihm Kakao machen. Vielleicht würde sie ihm einen Gutenachtkuss geben, wenn er lieb fragen würde.
    Geräuschvoll schluckte Gavin den Speichel herunter, der sich mittlerweile in seinem Mund zu einer Flut der Angst gebildet hatte und hinterließ einen schmerzhaften Kloß in seinem Hals.
    Nur ganz kurz mutig sein. Eine Sekunde lang.
    Zittrig setzte er einen Fuß vor den anderen. Immer weiter, unbeirrt Richtung Haustür, durch die der pfeifende Wind das erste Herbstlaub wehte. Auf der Türschwelle angekommen, betäubte der rote Ziegel seine Fußsohlen und jagte anschließend ein pochendes Kribbeln durch die Ballen. Doch Gavin bemerkte es kaum.

Keine 10 Meter von ihm entfernt, zwischen den Pfeilern der torlosen Pforte machte er eine Silhouette aus. Eine schlanke, wenn sogar knochige Frau, dessen Züge nicht mehr waren als ein Schattenbild. Dennoch bestand nicht der geringste Zweifel – er hatte seine Mutter gefunden.
    Glücksgefühle durchströmten Gavins Körper. Er konnte sich nicht erinnern, sich kürzlich so erleichtert gefühlt zu haben. Wie von allein hatten sich seine Beine in Gang gesetzt und den Weg zur zierlichen Gestalt angestrebt.
    „Mommy!“, formten seine Lippen aufgeregt, freudig. Er beschleunigte sein Tempo und war beinahe eine Armesbreite von ihr entfernt, als er sie herumfahren sah. Sie würde ihn in den Arm nehmen. Ganz sicher! Gavin konnte es kaum erwarten, die mütterliche Nähe zu spüren. Von Vorfreude übermannt nahm er den Schatten zu den Füßen seiner Mutter nur beiläufig wahr, der abseits der Straßenlaternen fast eins mit dem Bordschein schien. Die dünnen Ärmchen so weit wie möglich ausgebreitet, war er bereit, den letzten Abstand zwischen ihnen zu nehmen, als er plötzlich ein lautes Knacken hören konnte.
    Der nächste Eindruck, der intensivste von allen, war der zerberstende Schmerz, der in sein Gesicht schlug und von dort aus pulsierend durch den gesamten Kindeskörper fegte. Qualvolle Schreie erhellten das bisher nachtstille Viertel. Markerschütternd schrill und so laut, dass man sie kaum einem 5-Jährigen zugetraut hätte.
    „Gavin!“
    War das sein Name?
    Unter die ungehaltenen Schreie mischten sich schleichend unregelmäßige Schluchzer. Auch das dominierende Rauschen in seinen Ohren vernebelten sein Gehör. Da war nichts außer dem unerträglichen Schmerz, der ihn von Innen heraus zu zersprengen drohte. Tränen liefen wie Sturzbäche die blassen Wangen hinab und fanden schließlich ihren Weg in den grotesk verzerrten Mund. Erst als der metallene Geschmack einsetzte, schob sich ein einziger Gedanke in sein Unterbewusstsein.
    Blut.
    Gavin presste die klitschnassen Augenlider noch fester zusammen und fühlte ein erstickendes Kratzen in seinem Hals, während seine Stimme wieder und wieder brach. Allmählich wurde ihm schwindelig. Ein letztes Krächzen kündigte den Verlust seiner Stimme an und machte Platz für ein anhaltendes, gebrochenes Wimmern, dann ein jämmerlicher Versuch, das Gemisch aus Rotz und Blut hochzuziehen. Unwillkürlich fuhr die kleine Hand dorthin, wo sie Gavins Nase vermutete, mit der Absicht, die dickflüssige Masse fortzuwischen. Doch als die kraftlose Faust an den Nasenrücken ansetzte, fuhr eine weitere schlagartige Schmerzenswelle durch seinen Körper, die dem Jungen einen weiteren entstellten Schrei entlockte, zu dem er sich selbst kaum in der Lage geglaubt hätte.
    Musste er nun sterben?
    Noch nie hatte Gavin einen vergleichbaren Schmerz verspürt. Nicht als er sich einmal im Winter beim Schlittschuhlaufen das Handgelenk geprellt hatte, nicht als er vom Klettergerüst im Kindergarten gefallen war und auch nicht bei den zahlreichen Prügeleien mit Chad und Jackson.
    Mit einem Mal wurde ihm unglaublich schwindelig. Er fühlte sich so schwach, dass er glaubte, jeden Moment umfallen zu müssen.

„Gavin, Baby!“
    Da war er schon wieder. Dieses Mal war er sich sicher, seinen Namen gehört zu haben. Mühsam öffnete er die müden Lider und stellte fest, dass er noch immer ungehalten schluchzte. Durch die Tränen hindurch fiel es ihm schwer, seine Mutter auszumachen, obwohl sie sich noch immer in unmittelbarer Nähe zu ihm befinden musste.
    Als nächstes stellte Gavin fest, dass er unbemerkt den Halt verloren hatte. Er lag rücklings auf einem ungleichmäßigen Kiesweg, in den er nun seine kleine Hand krallte. Einige der Steine waren in dasselbe Rot getaucht, das einen großen Teil der kleinen Hand eingenommen hatte.
    „Es tut mir leid“
    Die Stimme seiner Mutter zwang seinen schwachen Blick hinauf.
    „Es tut mir so leid, Baby!“
    Weinte sie? Waren das wirklich Tränen, die ihre Wangen hinabliefen, als würde es in Strömen regnen?
    Gavin blinzelte einmal. Dann ein zweites Mal. Ein Drittes und die Silhouette seiner Mutter klärte sich etwas. Er wollte nach ihr rufen, doch er konnte nicht aufhören zu weinen. Kraftlos streckte er eine Hand in ihre Richtung. Unverzüglich erkannte sie die Geste und setzte sich in Bewegung. Achtsam, aber gleichermaßen zügig hob sie den kraftlosen Körper ihres Sohnes empor und bettete seinen winzigen Kopf auf ihrer Schulter.
    Der vertraute Geruch stieg Gavin in die Nase. Eine einzigartige Wärme nahm Besitz von seinem Körper. Jegliche verbliebenen Kräfte aufbringend legte er einen Arm um ihre Schulter, während er den Duft nach Heimat einsog und schwer blinzelnd die Augen schloss.
    „Mommy wollte dir nicht wehtun“, hörte er ihre sanfte Stimme ungewöhnlich besorgt, „Glaub mir, Schatz, Mommy würde dir nie wehtun.“
    Natürlich würde sie das nicht. Das wusste Gavin. Er fühlte ein merkwürdiges Zittern und konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob es von ihrem oder seinem eigenen Körper ausging.
    „Mommy liebt dich, mein Engel.“
    Darunter mischte sich ein schrilles Geräusch, das sich zunächst anhörte, als wäre Gavin unter Wasser.
    „Mommy liebt dich.“
    Es wurde zunehmend klarer und schien immer näher zu kommen.
    „Mommy liebt dich.“
    Schließlich war es so nah, dass Gavins Kopf zu zerspringen drohte. Die Sirene hämmerte so stark gegen seine Schädeldecke, dass er die Augen panisch zusammenkniff und sich näher an seine Mutter drängte.
    „Mommy liebt dich.“ Immer wieder.


Hätte er geahnt, dass dies seine letzte Umarmung für eine ausgesprochen lange Zeit sein würde, hätte Gavin vermutlich gegen die zunehmende Bewusstlosigkeit angekämpft. Das gedämpfte Zuschlagen der Autotüren war das letzte, was er vernahm, bevor sich der sanfte Schleier der Ohnmacht über ihn legte und ihm nicht nur den Schmerz, sondern gleichermaßen seine Mutter nahm.







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(ein klitzekleines) A/N:
'Mom' wird definitiv fortgesetzt. Das Folgedokument mit dem Arbeitstitel 'Gavin' existiert tatsächlich sogar bereits, ebenso wie eine grobe Version eines ersten Kapitels. Lasst mich also gerne wissen, ob überhaupt Interesse an einer genaueren Erläuterung der Umstände besteht und was ihr von diesem (für mich) alternativen Stil haltet.
Die mögliche Fortsetzung ist nicht minder düster und wahnsinnig vielschichtig geplant. Den möglichen Uploadtermin dazu findet ihr, sobald etwas feststehen sollte, auf meinem Profil. Dort wird bei gegebenem Interesse auch vorab ein Sneak Peek in Form einer Leseprobe erscheinen.
Ich hoffe, ihr hattet alle ein besinnliches Weihnachtsfest und kommt allesamt gut ins neue Jahr ^^
Beste Grüße!
bis dann oder irgendwann,

505
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