Weiße Weihnacht

von Helio
KurzgeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P12
27.12.2018
27.12.2018
1
1492
2
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Leise lodernd tänzelten die letzten Flammen im Kamin. Das Brennholz war bereits fast aufgebraucht und das Feuer begann langsam zu erschöpfen, als wie aus dem Nichts ein lautes Klingeln ertönte. Nicht das festliche Klingeln einer Glocke oder eines prächtigen Windspiels, dafür war es zu unnatürlich. Doch woher kam das klingeln? Adam überlegte einen Moment, bis es ihm einfiel: Es musste dieses neuartige Telefon sein, das er von seinem Sohn als vorzeitiges Weihnachtsgeschenk geschickt bekommen hatte.
Mit dem geringen Bisschen an Kraft, welches er noch in seinen Muskeln hatte, raffte sich der alt-gewordene Mann langsam von seinem mindestens genauso alten, stoffbezogenen Sessel auf, schleppte sich vor bis zum Eichentisch im Nebenraum und sah das darauf liegende  Mobiltelefon leuchten.
Unsicher, wie man es richtig zu bedienen hatte, nahm er es vorsichtig in die Hand und begann auf den leuchtenden grünen Hörer zu drücken.
„Hallo, Papa. Hörst du mich?“, gab das Gerät in der Stimme seines Sohnes wieder. Adam kannte Telefone, nur mit diesen Handys war er noch nicht wirklich warm geworden. Er war vertraut und verwundert zugleich. Zögerlich führte er das Telefon an sein rechtes Ohr und rief ungewollt etwas zu laut: „Grüß Gott, mein Junge. Ich kann dich hören.“
„Großartig, weißt du inzwischen wie das Ding funktioniert?“
„Mehr oder weniger.“
„Das freut mich, ich hatte schon Angst, du würdest damit überfordert sein.“
„Nein, nein, ich komme damit gut zurecht“, log er.
„Gut. Apropos, Papa ich wollte dir ein frohes Fest wünschen. Auch von Maria und den Kindern. Wir wären ja so gerne über die Feiertage zu dir gefahren, aber du weißt ja, meine Schwiegereltern haben ihren Besuch bereits im September angekündigt.“
„Ich verstehe schon, mein Junge, grüß die Familie recht herzlich von mir.“ Adam bemühte sich, möglichst fröhlich und unbekümmert zu klingen. Ganz egal, wie traurig und einsam er war, schlechtes Gewissen war das letzte, was er seinem Sohn wünschte.
„Selbstverständlich, Papa. Es tut mir wirklich Leid. Nächstes Jahr besuchen wir dich bestimmt.“
„Alles gut, mein Junge. Mach dir keine Sorgen, ich komme schon zurecht.“
„Okay, ich muss dann auflegen, die Kinder und Maria rufen mich schon zum Essen. Ich ruf dich morgen nochmal zurück, Papa. Bis dann.“
„Bis dann“, schloss Adam leise.

Adam fühlte kalte Melancholie in sich aufsteigen, als er das Telefon übermäßig sorgfältig zurück auf den Eichentisch legte. Einsam würde er das Fest der Liebe verbringen. Zwar wusste er von dem ausfallenden Besuch schon seit einigen Tagen, aber jetzt, da es soweit war, ging es ihm erst richtig ans Gefühl. Seinen Sohn hatte er schon seit Monaten nicht mehr gesehen. Von seinen Enkeln ganz zu schweigen.
Und woher sollte er wissen, ob er das nächste Weihnachtsfest noch miterlebte. Mit dem hohen Alter hatte er sich bereits vor einigen Jahren abgefunden, doch die kaputte Lunge? Oder sein geschwächtes Herz? Wenn er so darüber nachdachte, war es ein Wunder, dass er es unter diesen Umständen soweit geschafft hatte. Als er vor einem Jahr einen Herzinfarkt erlitt, dachte er bereits, es wäre aus gewesen. Als dann noch die Lunge im Spätsommer dazu kam, gab er fast die Hoffnung auf. Es war eine Qual. Wie ein dunkles Übel, das Tag für Tag schwerer wurde und an ihm nagte.
„Du darfst nur die Hoffnung nicht verlieren“, tröstete ihn sein Junge, als er im Krankenhaus lag. Damals hatte er daran geglaubt. Würde er nur nicht aufhören zu hoffen, so könne es ewig weiter gehen. Doch gerade über die letzten Tage war ihm bewusst geworden, dass er früher oder später dem Ende entgegenblicken musste. Jeden Tag bekam er immer schlechter Luft und immer schwerer wurde es den Alltag zu bewältigen. Eigentlich wäre er über Weihnachten zu seinem Sohn gefahren und hätte gemeinsam mit der ganzen Familie, inklusive der Schwiegereltern des Sohnes, das Fest gefeiert. Doch als die letzten Tage und Wochen jeder Schritt zum Hindernis wurde, musste Adam sich eingestehen, dass ein solcher Besuch unmöglich für ihn geworden war.
Mühsam schlich Adam zurück ins Wohnzimmer und steuerte den alten Sessel, seinen treusten Begleiter, an. Es war erleichternd in das gemütliche Polster zu sinken und der letzten Glut beim leuchten zu zusehen. Wie gebannt blieben seine inzwischen leicht feuchten Augen am Kamin stehen. Er wollte seinen Blick nicht abwenden, denn er wusste genau, dass er nur an einem der vielen alten Familienfotos hängen bleiben würde. An jedem anderen Tag hätte er sie gerne betrachtet, sich dank ihnen an all die schönen Momente zurück erinnert. Doch nicht heute. Heute, an Weihnachten, war er allein geblieben und er war sich sicher, dass er beim Anblick der einst so lieblichen Szenen des Familienlebens nur noch trauriger werden würde.
Doch es half nichts, die alten Erinnerungen konnte er einfach nicht zurück halten. Ganz egal ob er auf die Fotos schaute, oder auf die Bilder, die ihm sein Kopf vor die Augen legte. Es waren Bilder von seinem Sohn, als er noch klein war; von seiner über den Tod hinaus geliebten Frau; Bilder von seinen Enkelkindern und von seinen eigenen Eltern. Er erinnerte sich an die vergangenen Feste. Die, die er gemeinsam mit seinen Eltern feierte und sich auf Geschenke und das Festessen freute, als er selbst noch ein Junge war. An das Weihnachten, an dem er mit seiner Freundin und künftigen Frau zusammen feierte. Auch das eine Mal, als nicht er die Geschenke erhielt, sondern sein eigener Sohn - er hatte einen geschnitzten Ritter bekommen und dazu einen warmen Wollpullover. Doch ihm fiel auch das Fest ein, welches er in Tränen und rührenden Erinnerungen allein mit seinem Sohn verbringen musste – wie er sie vermisst hat und auch jetzt noch immer vermisst...
Tränen kullerten an seinen faltigen Wangen herunter. Ob sie ihn vermissen würden? So, wie er sie vermisste?

Das Feuer im Kamin war nun endgültig erloschen und lediglich geisterhafte Rauch- und Qualmerscheinungen ließen auf das vergangene Licht schließen. Dunkelheit und Kälte nahmen den Platz von Licht und Wärme im Raum, wie im Herzen des Mannes ein. Ein solches Weihnachten hatte er sich nie vorstellen können, so war er doch niemals zuvor von allen verlassen worden. Stets wäre zumindest einer seiner liebsten bei ihm gewesen. Nur dieses eine, wohl letzte, Mal nicht. Diesmal war er ganz allein.
Er wischte sich gerade die unaufhörlich fließenden Tränen aus den müden Augen, als ein überraschendes, hohles Klopfen durch das dunkle Zimmer drang. Es war nicht laut, viel mehr leise und behutsam. Doch woher kam es? Von der hölzernen Haustür zumindest nicht, jeder würde dort die einfache Klingel benutzen. Seine neugierig-überraschten Blicke suchten das Zimmer ab. Es war nicht einfach alles zu erkennen, schließlich war es düster geworden, drinnen und ... - draußen.
Könnte es von draußen gekommen sein? Unsicher wagte Adam den Blick durch die verglaste Tür, die direkt in den eingeschneiten, kleinen Garten führte. Dunkelheit, die Umrisse seines alten Schuppens und eine alles bedeckende Schicht Schnee, mehr war nicht zu erkennen. Doch erneut erklang das hohle Klopfen und diesmal hätte er sogar schwören können, dass es von draußen kam. Von der Glastür, um genau zu sein. Aber da stand niemand, der an das kalte Glas klopfte. Neugierig suchte er jedes bisschen der Tür ab, von oben nach unten.
Und dann sah er es, ganz unten am Boden, vielleicht so groß, wie eine Erwachsenen Hand und weiß, weiß,wie der umliegende Schnee: ein kläglich blickendes, zitterndes Kätzchen.
Erneut klopfte es gegen das Glas und erneut schossen Adam Tränen aus den Augen. Diesmal waren es keine Tränen der Trauer, vielmehr weinte er aus Mitleid. Mit aller Kraft stemmte sich der alte Mann vom Sessel auf. Er konnte nur vermuten, wie es dem armen Tier gehen musste, wie lange es da draußen im Kalten gelassen worden war und wann es zum letzte Mal etwas gegessen hatte. Für Adam war es klar: er musste dem weißen Kätzchen helfen.
Unter großen Mühen zog er sich zur Glastür und öffnete diese rasch. Sofort schnellte das kleine Tier in den Raum hinein und sprang, als wäre es ganz selbstverständlich, auf seinen alten Sessel.
„Du armes Ding musst halb erfroren sein“, sagte Adam verständnisvoll. „Am besten ich mache das Feuer wieder an, dann ist es nicht mehr so eiskalt hier drinnen.“ Wie gesagt schleppte Adam sich zum Kamin, nahm etwas Feuerholz, welches daneben in einem Korb bereitlag und entfachte das wärmende Licht.
Er brachte noch die Reste von einem Schinken mit, bevor er sich sorgfältig neben das Kätzchen in den Sessel setzte. „Hier, das ist für dich“, flüsterte er, während er seine Hand mit dem Schinken darin einladend vor das Tier hielt. Erst blickte das Kätzchen nur zögernd in die Hand, doch schnell entschied es sich dafür, das köstliche Angebot anzunehmen.
Nachdem es den Schinken gefressen hatte, rollte sich das schneeweiße Tier sorgfältig auf seinem Schoß zusammen und schnurrte leise und herzlich in den inzwischen warmen und gemütlichen Raum. Adam legte seine Hand auf das Kätzchen und begann es vorsichtig aber liebevoll zu streicheln, was es nur noch mehr schnurren ließ.
Und langsam merkte Adam, wie die Kälte und die Trauer in seinem Herzen der Wärme und der Freude wichen, wie die Dunkelheit zur Hoffnung wurde, und vor allem, wie er nicht länger alleine war...
Review schreiben