Elektium

von crsvst
GeschichteDrama, Thriller / P16
Sophie Koch Sören Petersen Susanne Kaspary
27.12.2018
28.12.2018
2
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Als ich aus dem Haus trat, war es noch dunkel. Dunkel, kalt und windig. Ich zog meinen Schal etwas fester und lief zur Straßenbahnstation. Seit mein Vater den neuen Job hatte, war er grundsätzlich eine Stunde vor mir wach und dementsprechend auch eine Stunde früher weg. Die schnelle Autofahrt zur Schule wurde durch ein Schülerjahresticket ausgewechselt und ich war seit jeher auf die einzige Straßenbahnlinie angewiesen, die von meiner Ecke der Stadt zur Schule fuhr.
Es fing an zu regnen und ich verfluchte mich dafür, den Regenschirm nicht mitgenommen zu haben. Während ich wartete, klickte ich mich durch meine Schulemails und hoffte inständig auf den Ausfall einer Stunde. Irgendeiner Stunde. Keine Facebook Benachrichtigungen, keine Whatsapp Nachrichten. Für eine Dienstagmorgen war es einfach eindeutig zu früh. Die Bahn kam, ich rutschte beinahe aus und setzte mich hin. Etwas schmatzte unter meinem Fuß, ich war direkt in Kaugummi getreten. Die pinke Masse zog sich zäh und in feinen Strähnen zwischen Schuh und Boden lang, ich sah leicht angeeckelt zu.
Um kurz nach halb acht vibrierte mein Handy das erste mal, danach immer öfter. Meine Freunde, die es weniger weit zur Schule hatten, waren wohl auch endlich aufgestanden. Zehn Minuten später erreichte die Bahn ihre Endstation, ich stieg aus und lief die knappen zweihundert Meter zur Schule so schnell ich konnte. Mittlerweile schüttete es wie aus Eimern und ich wollte nicht komplett nass werden. Ich erreichte den überdachten Fahrradbereich des Schulhofes und wrang meinen komplett durchtränkten Pferdeschwanz aus. Da gab es nichts mehr zu retten.
Ich betrat das Schulgebäude und musste die Augen etwas zukneifen. Die hellen, weißen Lichtröhren an der Decke bildeten einen starken Kontrast zu der noch immer vorherschenden Dunkelheit draußen.
‚Ella?‘ Ich drehte mich um und begrüßte Leslie. Leslie war meine beste Freundin und einer der Gründe, warum ich an dieser Schule noch nicht meinen Verstand verloren hatte. Leslie sah extrem müde aus, ungewöhlich für sie. Sie hielt mir regelmäßig Predigen darüber, dass ich bloß mehr schlafen sollte. Ich behielt meine Gedanken für mich. Zu früh morgens.
‚Na, wie geht’s? Wie war der Film gestern?‘ Leslie war gestern aus, ein Elftklässler, der ihr jetzt schon seit einem Jahr hinterhersah, hatte sich endlich getraut, sie anzusprechen. Das die Jungs bei Leslie nicht schlange standen, wunderte mich jedes Mal, wenn ich sie sah.
‚Also der Film war eigentlich ganz cool, irgendso ein Thrillerschinken. Ich hab den Namen schon wieder vergessen. Steffen ist ganz nett, aber ich glaube das wird nichts.‘ Die Nachfragen sparte ich mir. Wenn Leslie sich entcshieden hatte, hatte sie sich entschieden. Stattdessen nickte ich nur und deutete Richtung Cafeteria.
‚Kaffee? Ich bin noch nicht so recht wach.‘
‚Gerne. Hast du wieder bis heute früh am Laptop gesessen?‘ Leslie zog mich gerne damit auf, und das, obwohl ich meinen Laptop fast nur für Schularbeiten benutzte. Dafür hing ich leider ab und zu umso länger am Handy.
‚Nee, ich hab gestern Nachtfahrt gemacht und kam erst gegen Mitternacht zurück.‘ Da ich jünger als die meisten in meiner Stufe war, war ich auch mit die Eizige, die noch keinen Führerschein hatte. Im Herbst hatte ich mir fest vorgenommen, das endlich zu ändern und mein Vater hatte zugestimmt. Wir holten uns jeder einen Kaffee in der Cafeteria im Untergeschoss und gingen danach zwei Stocckwerke nach oben zum Matheunterricht. Mathe um acht Uhr morgens musste auch erst mal jemandem einfallen.
Wir setzten uns nebeneinander, packten unsere Sachen aus und ich tat mein bestes, nicht mitten in der Stunde einzuschlafen. Das Ganze entging meinem Mathelehrer natürlich nicht und sein Blick wanderte gefährlich oft von mir rüber zum Klassenbuch. Sei’s drum. Erst zum Ende der ersten Stunde hin wurde mir klar, dass vier Leute fehlten. Grundsätzlich nicht ungewöhnlich, allerdings fehlten in letzter Zeit öfter Mitschüler aus unserer Klasse. Wenn das irgeneine Grippe war, wollte ich dem nicht näher kommen als unbedingt notwendig.
Irgendwie vergingen die ersten vier Stunden inklusive Pause schneller als erwatet, eher wie ein Schnellzug, der ungebremst an einem vorbeifuhr und einen nichts, als Wirrwarr und verzerrte Farben sehen ließ. Leslie hatte sich nach der dritten Stunde entschuldigt und abholen lassen, sie meinte es ginge ihr nicht gut. Ich würde später bei ihr vorbeigucken, ich musste sowieso in die Innenstadt. Ich ging zur Sporthalle, zog mich um, und trat in die Sporthalle, wo allerdings nur sechs andere Schüler versammelt waren. Frau Meier, unsere Sportlehrerin, guckte irritiert von einem zum anderen und schüttelte genervt den Kopf.
‚Wo sind die anderen?‘ Niemand sagte etwas, ich schüttelte unwissend den Kopf. ‚Sind die alle krank? Wir sind ein Kurs von 27 Leuten!‘ Es stimmte. Ich sah mir meine Mitschüler etwas genauer an. Die meisten, die fehlten, waren aus den Parallelklassen.
‚Naja, das macht so jedenfalls keinen Sinn. Ihr könnt gehen, wir sehen uns Freitag.‘
Also zog ich mich wieder um, verließ das Schulgebäude und fuhr mit der nächsten Bahn in die Stadt um nach Leslie zu sehen. Als ich an ihrem Wohnkomplex ankam und klingelte, machte allerdings niemand auf. Ich hinterließ ihr eine Nachricht bei Whatsapp und fuhr nach hause.

Leslie meldete sich tatsächlich. 5 Studen später, gegen 19:00 abends. Mein Handy klingelte und ich nahm sofort ab.
‚Les? Wie geht’s dir?‘
‚Ganz okay, ich glaube, ich werde einfach krank.‘ Sie klang noch immer extrem müde.
‚Warst du schon beim Arzt?‘ Unterdrücktes Gähnen am anderen Ende der Leitung.
‚Nee, ich bin direkt nach der Dritten nach hause.‘ Ich stockte kurz. Ich war doch bei ihr vorbei gefahren? Naja, das hatte nichts zu bedeuten, Leslie konnte eingeschlafen sein, oder vielleicht hatte sie ja doch Besuch von ihrem gestrigen Date? Ich ließ es auf sich beruhen.
‚Hör zu, Ella, ich glaub ich mach Schluss. Ich geh schlafen.‘
‚Okay, ruh dich aus, vielleicht geht’s dir ja morgen schon besser!‘
‚Ich schick dir noch schnell ne Mail. Wir sehen uns!‘
Und weg war sie. Mein Laptop pingte kurz und ich ging rüber zu meinem Schreibtisch und öffnete das Mailprogramm.
Ich stutzte. Hä?
Die Email kam von Les, aber aus dem Betreff konnte ich mir nichts zusammen reimen.

‚Spieltst du mit uns?‘
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