Die letzte Grenze

GeschichteAllgemein / P12
27.12.2018
27.12.2018
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„What makes someone reach beyond the boundaries of human experience....to face the unknown?
As children, we question the world around us.
We learn, we accept, and gradually, we lose our capacity for wonder.
But some do not - the explorers, the seekers of truth.
It is these pioneers who define the future of mankind."

~ Opening words of the video game 'Rise of the Tomb Raider'



„Wie lange dauert es noch, bis wir da sind?“
Ron, einer der drei Ärzte, die ich heute an Bord habe, wirft mir einen fragenden Blick zu. Ich habe ihm erlaubt, den Flug neben mir auf dem Copilotensitz erleben zu dürfen, wenn er verspricht, nichts zu berühren... bis jetzt hat er sich daran gehalten.
„Noch ungefähr eine Stunde“, antworte ich, während mein Blick aus dem Cockpit über eine schier endlose Sandwüste fällt, die am Horizont mit der gleißenden Sonne zu verschmelzen scheint.
Wir sind bereits gute neunzig Minuten unterwegs und während die beiden anderen Ärzte, die wesentlich älter sind, entweder lesen oder einfach ihren Gedanken nachhängen, ist Ron aufgeregt. Es ist sein erster Einsatz für Ärzte ohne Grenzen und obwohl er fachlich äußerst kompetent ist, muß er erst mit den Gegebenheiten hier zurechtkommen. Mit der Hitze, dem allgegenwärtigen Sand, dem Leid, der ständigen Terrorangst und dem Tod, der unsichtbar ist, aber trotzdem immer in unser aller Nähe.
„Warst du schon einmal in Bîr Saout (*)?“
„Ja“, nicke ich. „Schon zweimal...“
Ron kommt aus Marseille, was mir die Möglichkeit gibt, ein wenig mein enorm eingerostetes Französisch wieder aufzupolieren. Nun grinst er: „Hab gehört, du erzählst gerne Geschichten... sag mal, wie hältst du das hier aus mit deinen langen Haaren?“
Er wirft einen teilweise bewundernden, teilweise jedoch auch verständnislosen Blick auf meine zugegeben wirklich sehr lange Haarpracht, die ich zur Zeit mit mehreren Gummis versuche, ein wenig im Zaum zu halten. Natürlich hat Ron recht, hier wäre temperaturbedingt besser ein Bürstenhaarschnitt angebracht, so wie er selbst einen sein Eigen nennt. Meine Mähne ist jedoch ein Teil von mir, sie erinnert mich an jemanden, der ich einmal war, vor sehr, sehr langer Zeit.
Nun zucke ich ein wenig mit den Schultern und lächle: „Alles Gewohnheitssache... und ja, ich erzähle wirklich gerne Geschichten. Es macht mir einfach Spaß, für die Dorfkinder ein wenig die große, weite Welt in ihren Alltag zu holen, der sowieso die meiste Zeit ziemlich trist ist.“
Ein Geräusch hinter mir läßt mich zurück in die Kabine blicken, wo ich die beiden anderen Passagiere sehe und auch all die Kisten, die Hilfsgüter und Medikamente enthalten, die in Bîr Saout dringend benötigt werden. Einer der beiden Ärzte wirft mir einen wissenden Blick zu und deutet mit dem Kinn auf Ron, dann grinst er und zieht ein wenig die Augenbrauen hoch. Ich grinse zurück... Ron ist nervös und wir anderen verstehen das. Es wird vergehen, so wie es bei uns allen vergangen ist und schon bald wird der junge Franzose auch ein 'Veteran' sein; jemand, der sich an all das hier angepaßt hat. Oder er wird aufgeben und zurückgehen, weil er es doch nicht ertragen kann... niemand wird ihm dafür böse sein, es wäre nur allzu verständlich.
Bîr Saout liegt am Rande eines ausgetrockneten Flußbettes, daher gibt es dort in der Nähe zumindest ein bißchen Vegetation – einige wenige Büsche, kleinwüchsige Bäume, die sich unter der Sonne zu ducken scheinen... ein Hauch von Grün im sonst unendlich scheinenden Gelb.
Steven, einer der anderen Ärzte, hat mir gestern erzählt, daß Ron bei den 'Ärzten ohne Grenzen' nicht nur etwas Gutes tun will, sondern auch 'seine Grenzen ausloten', wie er das nennt. Nun, bald wird er dazu genügend Gelegenheit haben.
Wieder werfe ich einen Blick aus der Seitenscheibe und ein Teil meiner Gedanken macht sich selbständig, geht auf die Reise...
2019 beginnt mein siebenundzwanzigstes Jahr als (Berufs)pilotin und ich habe so manches gesehen bisher. Habe so manche Grenze überschritten in meinem Leben, beruflich wie auch privat.
Grenzen... sie scheinen überall zu sein, oft unsichtbar, doch trotzdem vorhanden. Grenzen, die uns von etwas abhalten wollen, fernhalten wollen. Linien auf Papier, Linien auch im Geist und den Herzen. Grenzen, die oft ausgrenzen, abgrenzen. Das gehört mir, das ist meins – geh weg!

Die Menschheit scheint immer auf der Suche zu sein, immer neugierig, immer auf der Spur des Unbekannten. Man sagt, 95% der Ozeane auf unserem Planeten sind noch immer unerforscht und ganze Heere von Wissenschaftlern arbeiten unermüdlich daran, immer bessere Uboote zu entwickeln, die immer weiter nach unten sinken können, um die Geheimnisse der Tiefsee Stück für Stück ans Licht zu bringen.
Immer bessere Raumgleiter werden entwickelt und längst haben jene Pläne, den Mars zu besiedeln, konkrete Formen angenommen. Der Weltraum als tatsächlich letzte Grenze der Menschheit – The Last Frontier.
Ich habe jedoch andere Erfahrungen gemacht. Die letzten Grenzen der Menschheit sind allgegenwärtig, sie befinden sich ständig rings um uns. Nicht nur in Kriegs- oder Krisengebieten, sondern auch überall sonst auf der Welt. Die letzten Grenzen erstrecken sich zwischen uns allen... sie trennen Ignoranz und Verständnis, Empathie und Gleichgültigkeit, Grausamkeit und Mitgefühl, Reichtum und Armut.
Diese Grenzen zu überwinden ist schwieriger als ins Alpha Centauri-System zu gelangen, wo es erdähnliche Planeten geben soll und auch komplizierter, als ausgeklügelte Tauchboote zu entwickeln, um vielleicht eines Tages doch das sagenumwobene Atlantis entdecken zu können.
Denn die letzten Grenzen befinden sich in unseren Köpfen und unseren Herzen – um sie zu überwinden, brauchen wir keine technischen Hilfsmittel, sondern ausschließlich Liebe sowie geistige und emotionale Größe.

„Schau, dort unten, dort ist es... siehst du die Bäume?“
Ich deute durch die Frontscheibe und Ron reckt den Kopf, dann nickt er rasch. Während ich das kleine Dorf überfliege, schwenke ich in eine langgezogene Linkskurve ein, um unsere Maschine an der staubigen Piste am Rande der Siedlung auszurichten. Es gibt nur einen ganz leichten Ruck, als die großen Räder der Cessna Caravan den sandigen Boden berühren und schon sehe ich einen Pulk an Kindern, die schreiend und winkend in Richtung des Abstellplatzes laufen, wo ich gerade das Triebwerk abgestellt habe. Hinter den Kindern kommen ein wenig gemesseneren Schrittes diverse Erwachsene, die meisten ebenfalls lachend oder zumindest mit hoffnungsvollen Gesichtern.
Nun haben uns die Kinder erreicht, die nur einige wenige Lumpen am Leib tragen und den beiden größten erlaube ich lächelnd, die Klötze vor die Räder des Flugzeuges zu stecken.
Mein Blick trifft den von Ron, der sich ein wenig unbehaglich umsieht. Ich trete zu ihm und greife nach seiner Hand, dann deute ich in Richtung des Dorfes und sage: „Komm... es ist Zeit, die letzte Grenze zu überschreiten...“








(*) Fiktiver Dorfname
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