Nachsaison mit (Herz-) Dame

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16
27.12.2018
18.05.2019
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„Bist du sauer auf mich?" Elise saß neben Till im Auto und fühlte sich immer noch schlecht, weil sie vor aller Augen so einen Aufstand gemacht hatte. Zusätzlich dazu hatte sie das Gefühl, ihr Schädel würde jeden Moment zerspringen.
„Nein. Sollte ich sauer sein?"
„Möglicherweise. Ich war heute sehr laut und nicht sehr nett." Elise wartete ergeben auf einen Anschiss oder zumindest auf eine der verletzenden Bemerkungen, mit denen Till sie in Frankreich immer bedacht hatte, wenn er wütend gewesen war.
Er schaute sie mit zusammengekniffenen Augen an. „Hältst du mich für so ein Ungeheuer? Thorsten hat sich deine kleine Darbietung selbst zuzuschreiben. Wir haben schon mitgekriegt, dass er sich nicht immer korrekt verhält, haben die Sache aber vorerst laufen lassen und darauf vertraut, dass sich unsere Leute selbst zu helfen wissen." Er lachte kurz auf. „Für ihn wäre es sicher geschmeidiger gelaufen, wenn er sich nicht ausgerechnet mit dir angelegt hätte. Komm' wieder runter und mach' dir deswegen keinen Kopf mehr."
„Aber irgendwas ist doch. Ich kenne dich, großer Mann. Du bist in beredtes Schweigen gehüllt, um's mal poetisch auszudrücken. Also rück' raus mit der Sprache!"
Glücklicherweise schaltete ein paar Autos weiter vorn die Ampel um und sie mussten anhalten. Till wandte sich Elise zu. „Du bist sehr aufmerksam, Putzteufel." Ein leiser Seufzer. „Na gut, ich beiße mir in den Hintern, weil ich mich dir gegenüber benommen habe wie immer. Ich war nicht vorsichtig genug, nicht sachlich genug. Die tratschen untereinander wie die Wilden. Wenn ich mich vor der Crew nicht zusammennehme, werden bald alle wissen, was sich da abspielt."
„Wäre das sehr schlimm für dich?" Sie sahen sich tagsüber kaum, demnach gab es nur wenige Möglichkeiten, sich verdächtig zu verhalten. „Sophie und Bettina haben mir sowieso schon neugierige Fragen gestellt, scheinen aber nicht übermäßig Verdacht geschöpft zu haben." Sie strich ihm beruhigend über den Oberarm. „Es hat nicht länger als diesen einen Arbeitstag gebraucht, um allen zu zeigen, dass ihr mir ziemlich eng verbunden seid. Wahrscheinlich denken die alle, dass die freundschaftlichen Fummeleien bei uns normal sind."
„Mag ja sein", gab Till sich wenig überzeugt. „Aber die Crew kennt mich wesentlich länger als dich. Die wissen dieses Verhalten sehr wohl einzuordnen."
Elise überraschte ihn mit einem unerwarteten Lachen. „Soso, wissen die das? Soll das etwa bedeuten, dass du auf Tour nicht immer keusch und asketisch gelebt hast? Das enttäuscht mich jetzt aber ganz gewaltig."
„Hör' auf, dich über mich lustig zu machen! Und obwohl dich das furchtbar schockieren wird - nein, ich habe vor allem auf Tour nie wie ein Mönch gelebt."
„Bin am Boden zerstört", gab sie sarkastisch zurück.
Till strich Elise kurz über den Oberschenkel, bevor er die Hand wieder zum Fahren benötigte. Sie ertrug seine Ehrlichkeit, er ihre. Auch dieser Teil der Zuneigung beruhte auf Gegenseitigkeit.
Elise griff in ihre Tasche und beförderte eine Wasserflasche zutage. Ein weiterer tastender Griff brachte eine Packung Tabletten hervor. Sie drückte eine davon aus dem Blister, brach sie in der Mitte durch, und nahm sie mit einem großen Schluck Wasser.
„Hast du was?" Till war besorgt. Sie hatte das bei einem seiner Aufenthalte in Salzburg auch schon gehabt - zittrige Finger, die kaum die Tablettenpackung aufbekamen, leichenblasses Gesicht und Lichtempfindlichkeit. Dennoch hatte sie bestritten, unter Migräne zu leiden, ohne den wahren Grund zu nennen.
„Furchtbare Kopfschmerzen. Bis vorhin dachte ich noch, es würde gehen, aber inzwischen halte ich es nicht mehr aus."
„Und du willst mir immer noch erzählen, dass das keine Migräne ist?"
Sie schüttelte den Kopf. „Ist es nicht. Das hat mit Weiberkram zu tun. Einmal im Monat zerspringt mir fast der Schädel, dann ist's wieder gut. Mir gefällt das auch nicht, aber es ist nunmal so."
„Und das kommt von jetzt auf nachher?", fragte Till misstrauisch nach. Er schaute in ihr blasses Gesicht mit den mittlerweile geschlossenen Augen.
Elise schüttelte langsam den Kopf. „Nein. Zuerst ist es immer erträglich, dann wird es Stück für Stück heftiger. Da hilft dann nur noch eine Tablette."
„Und was bedeutet das im Klartext?"
Sie atmete geräuschvoll aus. „Es bedeutet, dass du mir kein Kind gemacht hast. Nicht mehr und nicht weniger. Kümmer' dich nicht darum. Ist nachher wieder vorbei."
Und ob er sich kümmern würde! „Warum glaubst du immer noch, dass mir solche Sachen am Arsch vorbeigehen? Wenn du zu mir gehörst, dann richtig. Dass wir das den Kollegen nicht auf die Nase binden, tut dabei nichts zur Sache. Immerhin hast du dich auch schon oft genug mit meinen Befindlichkeiten herumschlagen müssen. Du legst dich nachher auf die Couch oder ins Bett und dann ist Schluss für heute." Till strich ihr noch einmal über den Oberschenkel und setzte dann nach: „Verstanden?"
„Verstanden." Diesmal würde Elise ihren Dickschädel nicht durchsetzen.

Sie lagen gemeinsam auf der Couch - Elise in Tills Armen, gekleidet in ihre bequemen Hausklamotten. Es fühlte sich beinahe an wie in Frankreich, wenn man davon absah, dass sie sich nicht auf einer Terrasse, sondern in einem Wohnzimmer befanden, in dem klare Linien und nüchternes Design dominierten.
„Schön hast du's hier", murmelte Elise. „Ich mag das Understatement."
„Und ich mag es, wenn du so friedlich bist", gab Till leise zurück. Er massierte ihr mit leichtem Druck das Genick und genoss ihren warmen Atem, der stoßweise über seine Haut strich. Er wusste, dass sie fertig war, aber nicht zu fertig, um nicht auf seine Aufmerksamkeiten zu reagieren. „Wie kamst du heute mit unseren Leuten klar? War es eine große Umstellung für dich?"
„Die sind alle großartig und echt freundlich. Die Umstellung ist nicht so dramatisch, wie du vielleicht denkst. Einige der Leute, für die ich bisher gehackelt habe, haben eine riesige Entourage, in die ich mich eingliedern musste. Die waren aber nicht so entspannt wie eure Crew, sondern so pseudowichtig und immer busy, busy, busy. Die Art von Menschen schmeißt ständig mit Anglizismen um sich und hält sich für den Mittelpunkt des Universums. Da ist mir eure Mannschaft bedeutend lieber."
„Und Thorsten?"
„Not my fucking problem", gab Elise desinteressiert zurück. „Der wird sich schon wieder einkriegen."
Till antwortete mit einem herzlichen Lachen. „Schön sprechen, Fräulein!" Er hatte sich schon lange gewünscht, das einmal zu ihr sagen zu können. „Was macht dein Kopf?"
„Schon viel besser." Sie hatte noch eine zweite Kopfschmerztablette nehmen müssen, die vor Kurzem begonnen hatte, ihre Wirkung zu zeigen.
„Sehr schön. Ruh' dich aus. Morgen kommen Tom, Paulo und Heike dazu, um dir einen Vorgeschmack auf die Auftritte zu geben. Wenn's dir im Laufe des Tages zu bunt wird, einfach Bescheid sagen. Die drei wissen, dass du ein ziemliches Pensum absolvieren musst, um dich in den Job reinzufinden."
„Hör' auf, mich in Watte zu packen", moserte Elise halbherzig. „Wenn du das vor deinen Männern machst, wissen alle sofort, wie die G'schicht' zwischen uns rennt. Dann kannst du dich auf deine große A-Bühne stellen und eine ergreifende Mitteilung machen. Weiß nicht, ob dir die Vorstellung schmeckt."
„Okay, Punkt für dich. Ich werde dich nicht mehr beachten und so tun, als würde ich dich nicht kennen", erwiderte Till gespielt gleichgültig, während seine Fingerspitzen Muster auf ihren Rücken malten.
Elise schob ihre Hand zwischen seine Beine. Ihr Kopfschmerz war abgeklungen und ihre Müdigkeit änderte nichts an ihrer Lust auf den Mann, der sie so beiläufig liebkoste. „Fein, dann kannst du dich wundern, wer denn die Fremde ist, die dir schmachtende Blicke zuwirft."
„Die Fremde, die feucht wird, sobald ich in Reichweite komme?"
„Die Fremde, die dich nicht dafür schlägt, dass du solche Sachen zu ihr sagst."
„Wie schade." Er winkelte ihr Bein an und legte es auf seiner Hüfte ab.
Elise schaute Till fest in die Augen und flüsterte: „Und wirst du der böse Rockstar mit dem Ständer in der Hose sein?"
Er drückte sie fest an sich, barg seinen Kopf an ihrer Halsbeuge und entgegnete lachend: „Du wirst es erleben, Putzteufel." Seine Lippen und seine Zunge strichen über ihren Hals. „Aber hatte ich nicht gesagt, du sollst schön sprechen?"
Wieder lachte Elise tief und kehlig. „An dem Spruch hast du Gefallen gefunden, was?"
„Nicht nur an dem. Geht's dir gut genug für eine Runde Erwachsenenvergnügen?"
„Finde es heraus!" Der Blick, der Elises Aufforderung begleitete, sprach allerdings eine deutliche Sprache.

Sie waren gemeinsam zur Halle gefahren, aber Elise hatte darauf bestanden, dass Till sie ein paar hundert Meter vor dem Ziel aussteigen ließ.
„Bis später, großer Mann."
„Bis später, Putzteufel."
Till legte den letzten Rest des Weges erst nach einem langen Blick in den Rückspiegel zurück. Sie hatten am Abend zuvor tatsächlich viel Spaß gehabt, zuerst auf der Couch, später dann ganz altmodisch im Bett. Die Mischung aus Zärtlichkeit und Grobheit, mit der Elise seinen Körper behandelte, machte ihn immer wieder so kopflos und unbesonnen vor Erregung, dass er sich beherrschen musste, ihre Haut nicht auch mit den Spuren seiner Leidenschaft zu überziehen. Die blauen Flecken, die Elises Hangelenke auch nach der vergangenen Nacht wieder zierten, und in denen sich ohne Fantasie Fingerabdrücke erkennen ließen, nahm sie jedoch billigend in Kauf.
„Morgen. Warum stierst du Löcher in die Luft?" Olli stand neben dem Auto und wartete offensichtlich darauf, dass Till ausstieg. Der hatte nicht einmal bemerkt, dass er nicht allein war, hatte Elises Ankunft beobachtet und, wie so oft, über sie nachgedacht.
„Morgen. Ich ... habe auf einen Anruf gewartet. Kam aber nicht."
Das nahm Olli seinem Kollegen nicht ab, fragte aber auch nicht weiter. „Aha. Kommst du mit rein? Die anderen warten sicher schon."
Die zwei waren die Schlusslichter der gesamten Truppe, was besonders Paul und Flake sie auch laut und deutlich wissen ließen.
„Is' ja schon gut! Macht nicht so einen Aufstand." Es irritierte Till, dass er Elise nirgendwo entdecken konnte.
„Aufstand ist gut. Wer wollte denn unbedingt heute das Lichtkonzept diskutieren?", beschwerte Flake sich.
„Ja, ja. Schon gut. Immer mit der Ruhe."
Richard zog fragend die Augenbrauen hoch. „Ärger im Paradies?"
„Nee, nur wenig Schlaf."
„Kann ick mir denken", gab Paul grinsend zurück und berührte sein eigenes Schlüsselbein, um Till auf den Kratzer aufmerksam zu machen, den er dort am Vortag noch nicht gehabt hatte.
Der Sänger tastete nach der leicht erhabenen Kratzspur. Der tiefe Halsausschnitt seines Shirts war gänzlich ungeeignet, die Striemen zu verbergen. „Was? Traut ihr das Elise etwa nicht zu?"
„Doch, schon. Aber wehe, du machst dit gleiche mit ihren Zwillingen", drohte der Gitarrist scherzhaft.
„Was ich mit denen anstelle, interessiert dich brennend, oder?"
Paul nickte.
„Kann ich mir vorstellen. Von mir erfährst du das aber nicht. Entweder du fragst Elise persönlich oder du denkst dir deinen Teil." Till rieb sich die Hände. „Kaffee und dann los."

Nachdem Elise ihre neuen Arbeitskollegen Heike, Tom und Paulo kennengelernt hatte, begannen die drei sofort damit, die Fähigkeiten und Talente ihrer Helferin auszuloten.
„Weißt du in etwa, wie so ein Tag auf Tour abläuft?", erkundigte sich Heike vorsichtig.
„Aus Sicht der Band, ja. Die Sprache kam immer mal wieder drauf." Elise fühlte sich nicht so richtig wohl in ihrer Haut, als müsse sie eine Prüfung ablegen und hätte sich nicht ausreichend vorbereitet.
„Von unserer Warte aus gestaltet sich das alles ein bisschen anders. Wir schildern dir jetzt mal von Anfang bis Ende, wie sich das abspielt und checken dann ab, wo du da reinpasst. Einverstanden?"
Elise nickte und wischte sich die klammen Handflächen an ihren Hosenbeinen ab. „Einverstanden."
Die minutiöse Auflistung aller Tätigkeiten und möglichen Szenarien um das Konzert herum nahmen den gesamten Vormittag in Anspruch und machten nicht einmal vor der gemeinsamen Mittagspause halt.
„Hecken die irgendwas aus?" Richard setzte sich neben Till auf die lange Bierbank und schaute interessiert auf Heike, Paulo und Tom, die sehr eindringlich mit Elise sprachen und immer wieder bedeutungsvoll gestikulierten.
„Sie erzählen Elise schon seit Stunden haarklein, was es alles zu einem Tourtag dazugehört. Ich frage mich, wie sie so ruhig bleiben kann." Till nahm einen Schluck von seinem Kaffee und zwang seinen Blick in eine andere Richtung.
„Vielleicht ist sie nach letzter Nacht zu müde, um schon wieder einen Aufstand anzuzetteln", riet Richard scherzhaft.
„Vielleicht."
Sein Kumpel lag falsch, aber das würde Till nicht ausplaudern. Am Abend zuvor war es nicht Elises Finger gewesen, der sich in seinen Bauchnabel gebohrt hatte, sondern ihre Zunge. Ihren Mund hatte sie dann auch ein paar Zentimeter weiter unten eingesetzt und ihm damit zum ersten Mal dieses große Vertrauen bewiesen. Die blauen Flecken an den Handgelenken hatte er ihr später verpasst, als er sie mit Nachdruck daran gehindert hatte, ihn zu berühren, während er ihren Körper mit seinem Mund zum Glühen brachte. Beim Gedanken an die vergangene Nacht wurde Tills Mund trocken. Er verspürte den dringenden Wunsch, eine zu rauchen.
„Hast du deine Zigaretten dabei?"
Der Gitarrist reichte das Päckchen weiter. „Klar doch. Ich dachte, du hättest damit aufgehört."
Till schob sich eine der Zigaretten zwischen die Lippen. „Nicht wirklich. Nur reduziert." Er suchte in seinen Taschen nach einem Feuerzeug, fand aber keins. Dafür stieß er in seiner Jackentasche auf einen gefalteten Zettel, der da nicht hingehörte.
„Hier." Richard gab seinem Kollegen Feuer und zündete sich selbst eine Zigarette an. „Wie nennt Lise die immer?"
„Tschick sagt man in Österreich", gab Till abwesend zurück. Er faltete den Zettel auf und las, was da in Elises Handschrift geschrieben stand.
Hab' dich nicht gewollt
Wohnst mir nun doch in der Brust
Endlich alles gut

Er las sich die drei Zeilen immer wieder durch, nahm einen letzten Zug und drückte die halb gerauchte Zigarette aus.
„Was hast'n da?"
„Ein Haiku", gab Till bedächtig zurück.
„Ein Gedicht? Von Lise für dich?" Da staunte Richard zur Abwechslung mal so richtig.
„Ja." Dass eine Frau ihm ein Gedicht schrieb, war bisher noch nicht vorgekommen. Dieses war noch dazu eine anrührende Liebeserklärung. Eine Liebeserklärung in drei Zeilen und, Till zählte nach, der typischen Silbenanzahl eines Haikus. Er musste mit ihr reden, dringend.
„Geh' zu ihr rüber. Sie langweilt sich garantiert gerade zu Tode." Richard konnte die plötzliche Aufregung, die den sonst so ruhigen Körper neben ihm erfasst hatte, förmlich fühlen.
Till trank noch einen Schluck Kaffee und schüttelte stumm den Kopf. Er würde sie nicht zu sich zitieren oder sich wie ein strenger Vorgesetzter hinter sie stellen und zu einer geschäftlichen Unterredung bitten. Nein, er versuchte es mit dem Trick, der bisher immer zuverlässig gewirkt hatte, und starrte Elise auf den Rücken. Es dauerte nicht lang, bis sie sich aufrichtete und den Kopf zur Seite drehte, als müsse sie einem sehr leisen Geräusch lauschen. Nach ein paar Sekunden wandte sie sich schließlich um und schaute Till direkt in die Augen. Er gab ihr sofort mit einem angedeuteten Kopfnicken zu verstehen, dass er sie allein sprechen wollte. Sie erwiderte die Geste kaum sichtbar, entschuldigte sich bei ihren Gesprächspartnern und erhob sich.
Richard war fassungslos. „Wie machst du das?"
„Keine Ahnung, aber es funktioniert immer. Bin gleich wieder da."
„Lass' dir Zeit." Wenn Lise sich schon die Mühe machte, ein Gedicht für seinen Kumpel zu schreiben, sollte er sich nicht einfach schnell zwischen Tür und Angel bei ihr bedanken.
Till folgte Elise in relativ großem Abstand zum menschenleeren Parkplatz. An seinem Auto blieb sie stehen und wartete geduldig, bis er vor ihr stand.
„Was gibt's?"
„Danke." Er zog sie in seine Arme, ohne sich vorher nach Beobachtern umzusehen. „Das ist was Besonderes. Jemandem ein Gedicht zu schreiben, bedeutet was. Mir zumindest."
„Ist doch keine große Sache. Ich wollte nur das loswerden, was ich nicht über die Lippen kriege." Elise atmete tief ein, genoss Tills Geruch. Dann ließ sie die Luft langsam wieder aus ihren Lungen und sagte sehr leise: „Du weißt, dass du mir viel bedeutest, oder?"
„Weiß ich. Du beweist mir das so oft, dass du's nicht extra sagen musst." Er spürte die Erleichterung, die ihren Körper entspannte und in seinen Armen geschmeidig werden ließ. „Und du? Hast du inzwischen begriffen, dass du für mich keine schnelle Nummer nebenher bist?"
Sie nickte, sagte aber nichts. Für eine unverbindliche Affäre lief die Sache zwischen ihnen schon zu lang.
„Schau' mich an", forderte Till sie auf. „Ich bin froh, dich bei mir zu haben."
Elise lächelte ihn an. Mehr konnte und würde sie nicht erwarten. Sie ließ ihre Hände hinab auf seinen Hintern rutschen. Diese Sprache verstand er immer.
Till schüttelte den Kopf, grinste aber wissend. „Du weißt genau, wie du mit mir umgehen musst, Putzteufel." Um sich abzulenken und nichts zu tun, das sich in der Öffentlichkeit nicht gut machte, zog er am Reißverschluss ihrer Sweatjacke. „Was trägst du heute Schönes für Thorsten?" Er hatte sie am Morgen zuerst nackt und dann vollständig bekleidet gesehen, samt Jacke. Nun reizte es ihn doch, einmal nachzuschauen, womit Elise ihren widerspenstigen Kollegen erfreuen würde. „Hmm, nicht schlecht. Passt perfekt zur Band. Kann man nicht anders sagen."
„Gefällt's dir, großer Mann?" Ihr Grinsen bekam etwas Provozierendes, als sie sah, wie Tills Blick an ihren Brüsten hängenblieb.
„Sehr. Perfekte Farbe. Perfekter Sitz." Es sollte spöttisch klingen, tat es aber nicht, denn das kräftige Pink ihres Shirts verlor an Schockpotenzial, sobald man bemerkte, dass der Stoff ihren Körper wie eine zweite Haut umschloss. Sie hatte gut daran getan, sich den Männern bisher nicht so gezeigt zu haben. „Du spielst mit dem Feuer, wenn du dich so anziehst."
„Wirst du unruhig?"
„Nicht nur ich", murmelte Till. „Du lässt die Jacke schön an und den Reißverschluss bis unters Kinn geschlossen, sonst gibt's Arbeitsunfälle wegen unvorhergesehener Geilheit. Sowas kann ich nicht unterstützen."
Elise schloss den Reißverschluss wieder und meinte ebenso leise. „Dann merk' dir den Anblick bis heute Abend."
Mit einem letzten Augenzwinkern schlenderte sie wieder davon und gewährte dem Sänger einen langen Blick auf ihren Hintern, der auch an diesem Tag in engen Jeans steckte. Ihre groben Arbeitsstiefel boten eine passende Ergänzung zum Rest des lässigen Outfits. Die Kleidung stand im krassen Kontrast zu den zarten und fast durchsichtigen Stoffen ihrer Sommerkleidung. Krass und reizvoll, denn die derben Boots verliehen jedem ihrer Schritte eine besondere Kraft, die selbstbewusst und sehr anziehend wirkte.
„Was? Doch so schnell? Ich bin entsetzt", zog Richard Till auf, als der sich wieder neben ihn setzte.
„Dachtest du, ich ficke sie zum Dank in aller Öffentlichkeit?"
Der Gitarrist grinste etwas boshaft. „Wäre nicht das erste Mal." Er beobachtete Lise, die gerade ihren Spaß mit Sophie und Bettina hatte. „Lässt sie dich eigentlich noch ohne Schutz ran?"
Till schüttelte den Kopf. „Nicht, wenn wir beide klar bei Verstand sind."
„Seid ihr das denn immer?"
Ein weiteres Kopfschütteln. „Nein, sind wir nicht."
„Verständlich. Du hast Lise geknackt, im positiven Sinn. Wenn man sie jetzt sieht, ist sie so erfreulich locker und fröhlich."
„War sie doch immer schon", hielt Till dagegen.
„Ja, aber jetzt scheint sie irgendwie befreit. Sie wirkt, als hätte man ihr eine Last von den Schultern genommen", gab Richard mit einem Schulterzucken zurück.
„Ey, kommt ihr auch mal wieder? Wir sind hier nicht zum Kaffeesaufen angetreten!", rief Olli vom Halleneingang her.
„Reg' dich ab! Wir kommen ja schon", plärrte der Gitarrist mürrisch zurück. Warum musste immer jemand stören, wenn man sich gerade nett unterhielt? Er tauschte einen leicht genervten Blick mit Till, als sie sich beide erhoben, um wieder in die Halle zurückzukehren.
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