Nachsaison mit (Herz-) Dame

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16
27.12.2018
18.05.2019
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„Bist du hungrig? Wir können gern irgendwo anhalten und was essen", schlug Till vor, während er sich geduldig durch den Berliner Feierabendverkehr quälte.
„Später vielleicht. Im Augenblick steht mir der Sinn eher nach etwas anderem."
Sein Blick richtete sich zuerst auf seinen rechten Oberschenkel, auf dem ihre Hand immer weiter in Richtung seines Schrittes rutschte, dann auf Elises Gesicht. Sie hatte die Augen geschlossen und wirkte hundemüde.
„Worauf darf ich mich denn freuen? Dein Gesicht sieht höchstens nach frisch gewaschener Wäsche aus. Deine Hand fühlt sich dagegen wie Wiedersehenssex an." Die Ampel würde noch ewig auf Rot stehen, also konnte er problemlos die Hände vom Lenkrad nehmen und mit seiner Rechten zuerst über ihre Wange und dann ebenfalls über ihren Oberschenkel streichen.
„Lass' dich nicht täuschen. Ich habe noch Reserven, mir tun nur die Augen weh." Sie lächelte matt, als ihre Hand ihr Ziel erreicht hatte.
Es tat mehr als gut, ihre geschickten Finger dort zu spüren, wo er sie am liebsten hatte. Aber sie befanden sich in der Öffentlichkeit. „Sparst du dir das für nachher auf? Wenn du mich jetzt schon zum Äußersten treibst, haben wir beide nicht mehr davon als eine eingesaute Hose."
Elise lachte, zog aber ihre Hand zurück. „Wie umsichtig! Ich habe doch wohl nicht etwa auf dich abgefärbt?"
„Nein, ich mag nur die Hose. Es wäre jammerschade darum."
Es dauerte noch eine geschlagene halbe Stunde, bis sie endlich in der Tiefgarage angekommen waren, Elises Gepäck aus dem Kofferraum gewuchtet und in den Aufzug gebracht hatten.
„Wohin?"
„Oberstes Stockwerk."
Sie drückte kurz auf den Knopf, wartete, dass die Tür sich schloss und lehnte sich gegen Tills Körper. Er streichelte kurz über ihren Rücken, arbeitete sich dann unter ihr Shirt vor und schob seine Hand so weit unter ihren Hosenbund, dass seine Fingerspitzen ihren Poansatz berührten. Elise drückte sich mit einem zufriedenen Schnurren enger an ihn.
„Ein Königreich für eine Dusche", murmelte sie mit einem leisen Seufzer.
„Untersteh' dich! Du hast keine Ahnung, wie sexy du gerade riechst."
Elise trug das Parfum, das Till so an ihr mochte. Der Duft war schwer, ein bisschen altmodisch und in seiner Komposition so ausgeklügelt, dass er sogar an Männern gut roch. Er hatte das nach einer ihrer gemeinsamen Nächte in Salzburg festgestellt. Alles hatte nach der schweren Basisnote aus Inhaltsstoffen wie Moschus, Amber, Vanille, Sandelholz, Vetiver, Zibet und Eichenmoos gerochen - sein Putzteufel, das Bettzeug, er selbst. Die holzig-ledrige Note, die ihm auch jetzt wieder in die Nase stieg, hatte ihn unglaublich angemacht, weil sie an Frauen so ungewöhnlich war.
„Du stehst auf diesen Duft, hm?" Sie fühlte den schnellen Herzschlag in seiner Brust.
„Ich mag ihn, wenn du ihn trägst, wenn sich dein eigener Geruch damit vermischt"
Der Aufzug hielt an. Till wartete, bis Elise sich von ihm gelöst hatte, griff sich zwei ihrer Koffer und ging ihr voran zu seiner Wohnungstür. Von der Einrichtung der offenbar recht großzügig gehaltenen Behausung bekam Elise allerdings nicht sehr viel mit. Sie waren beide schon halbnackt, bevor sie das Schlafzimmer erreicht hatten.

„Hast du eurem Management mitgeteilt, dass ich bei dir wohnen soll?" Elise saß auf Till, hielt in ihren Bewegungen inne und stützte sich mit den flachen Händen auf seinem Brustkorb ab.
Er glaubte, sich verhört zu haben. „Mädel, ich stecke bis zu den Eiern in dir drin, und wir beide haben gerade richtig Spaß miteinander. Ist das im Augenblick wirklich deine größte Sorge?"
Sie schüttelte den Kopf, schloss die Augen und versuchte stillzuhalten. Erst da verstand er, was die unsinnige Frage zu bedeuten hatte. Sie wollte das Vergnügen verlängern, die Lust ein wenig abklingen lassen.
Till richtete sich auf und schaute in ihre halb geöffneten Augen. „Du solltest weitermachen, sonst müssen wir wieder ganz von vorn anfangen." Seine Hände schlossen sich um ihre Brüste und kneteten sie hingebungsvoll. „Lass' bitte nie was an diesen wunderschönen Titten ändern."
Elise ließ ihren Kopf in den Nacken fallen und fuhr damit fort, ihn zu reiten. Die kurze Unterbrechung hatte tatsächlich kein bisschen dazu beigetragen, ihr Liebesspiel zu verlängern oder ihren Höhepunkt hinauszuzögern. Sie ließ sich von ihm antreiben, ihn schneller und härter zu nehmen, um ihnen beiden die nötige Erlösung zu verschaffen. So sehr sie sich auch bemühte - Elise konnte auch diesmal nicht leise sein, als sich alle Fasern in ihren beiden Körpern anspannten, um danach in totaler Entspannung wieder lockerzulassen. Sie konnte es nie, wenn sie mit Till zusammen war, und wollte es auch nicht. Müde und zufrieden ließ sie sich auf seine verschwitzte Brust sinken, hob nur kurz ihr Becken an, um ihn wieder freizugeben.
„Das hat mir so gefehlt! Dein Mund, deine Muskeln ..."
„Mein Schwanz."
Elise schnaubte leise. „Der auch, ja."
„Hauptsächlich der, dachte ich."
„Großkotz", gab sie lachend zurück. „Sagen wir der Einfachheit halber, mir hat die Gesamtheit aller Einzelteile gefehlt."
„Ich mag es, wenn du dich so geschwollen ausdrückst." Till ließ seine Hand über Elises Rücken wandern und legte sie schließlich nach einem leichten Klaps auf ihrer Pobacke ab.
„Und ich mag es, wenn du an passender Stelle geschwollen bist."
Die Bemerkung brachte ihr einen weitern Klaps und ein Lachen ein. „Ich hätte nicht gedacht, dass du so verdorben bist. Die vertrocknete Putze, in der sich ein heißer Vamp versteckt - das ist fast schon zu viel Klischee."
Elise stützte ihr Kinn auf Tills Oberkörper auf. „Hast du etwa gedacht, nur du kannst Klartext reden?" Sie verzog nachdenklich den Mund. „Aber okay, ich gebe gern zu, dass ich bei keinem anderen Mann jemals so entspannt war wie bei dir. Und so leicht erregbar."
„Warum?"
„Warum was?"
„Warum vertraust du ausgerechnet mir so sehr?" Das interessierte Till wirklich. Er war nicht unbedingt dazu angetan, vertrauenserweckend und entspannend auf Frauen zu wirken.
„Das lässt sich schwer in Worte fassen", gab sie langsam zurück. „Das hat nichts mit Verstand oder einer bewussten Entscheidung zu tun. Ich habe mich, egal, wie grob du zu mir warst, nie von dir eingeschüchtert gefühlt. Da war immer der Wunsch, dir nahe zu sein. Frag' mich nicht, warum."
„Geilheit", erwiderte er schlicht.
„Herzklopfen."
„Du wolltest doch duschen. Mir wäre danach, dich ordentlich einzuseifen."
Elises inzwischen noch müder aussehendes Gesicht hellte sich auf. „Gute Idee. Ich bitte darum, sehr gründlich gereinigt zu werden."
Wieder einmal schaffte sie es, einer eher harmlosen Aufforderung einen überaus doppeldeutigen Tonfall zu verleihen. Dass auch sie zwei sehr gegensätzliche Seiten in ihrer Persönlichkeit vereinte, freute Till immer wieder. Das Verständnis, das daraus erwuchs, hatte etwas Beruhigendes. Es machte vieles zwischen ihnen einfacher, denn er musste sich Elise nicht pausenlos erklären oder sich die typischen 'Was denkst du gerade?'-Fragen anhören.
Die gemeinsame Dusche weckte ihre Lebensgeister nur für kurze Zeit. Till schaffte es danach gerade noch, ihr die Wohnung zu zeigen und sie im Wohnzimmer auf die Couch zu setzen, wo sie einschlief, bevor der Pizzabote das Essen gebracht hatte. Damit fiel ihm wieder einmal die ehrenvolle Aufgabe zu, seinen Putzteufel ins Bett zu tragen. Nur würde es diesmal anders sein. Er war daheim und sie sein Gast, wenn alles gut lief, sogar langfristig. Es gab keinen Grund mehr, nicht zu ihr zu stehen. Darin lag, das war Till klar, das Problem. Er wusste inzwischen, dass er es bei Elise mit einer Frau zu tun hatte, die in ihrer Freizeit und in ihrem Privatleben sehr locker und ungezwungen handelte, während sie ihrer Arbeit mit äußerster Disziplin nachging. Wenn es um ihren Job ging, war ihr nichts wichtiger als Diskretion. Vor der Rammstein-Crew als seine Freundin aufzutreten, musste demzufolge ein unerhörter Gedanke für sie sein.
„Du wirst sie alle an der Nase herumführen", murmelte Till, strich Elise eine Haarsträhne aus der Stirn und drückte ihren Körper gegen seinen.

Elise hatte keine Ahnung, wie spät es war, als sie aufwachte. Sie wusste auch nicht sofort, wo sie sich befand. Fest stand für sie nur, dass sie neben Till im Bett lag und er redete. Das Läuten seines Telefons hatte sie geweckt.
„Gut, bringt den ganzen Krempel in die Halle und lasst die Crew alles wie für die Bühne aufbauen. Wie gehabt. Um Beleuchtung und Pyrotechnik kümmern wir uns dann gemeinsam." Er wartete eine Antwort ab und sagte dann: „Okay, wir kommen dann morgen dazu. Elise ist ihren Jetlag noch nicht vollständig los. Ich möchte ihr heute noch ihre Ruhe lassen, bevor sie morgen ihre neuen Kollegen kennenlernt." Am anderen Ende machte irgendwer einen Scherz, vermutlich auf Tills Kosten, denn er meinte nur trocken: „Haha, ich bepiss' mich gleich vor Lachen. Bis morgen."
„Was gibt's denn?"
„Ich würde ja 'Guten Morgen' sagen, wenn wir nicht schon Mittag hätten", gab Till mit einem ungewohnt zärtlichen Lächeln zurück. „Geht's wieder?"
„Halbwegs. Worum ging es in deinem Gespräch?"
„Die Kollegen lassen herzlich grüßen. Wir werden morgen erst mit der Arbeit anfangen. Du wirst die Crew kennenlernen und sehen, wie es bei uns auf der Bühne zugeht. Während du in Salzburg und Kanada gearbeitet hast, haben wir uns um die kommenden Shows gekümmert. Um zu sehen, ob das Konzept funktioniert und der Aufbau noch reibungslos läuft, bauen wir alles komplett in einer großen Halle auf, proben und tüfteln. Du weißt ja, wie wichtig es bei uns ist, dass alles und jeder am richtigen Platz steht."
Das wusste Elise von den DVDs. Stand irgendein Bandmitglied oder ein Utensil nicht an seinem Platz, konnte das mit ernsthaften Blessuren enden.
„Morgen also. Ich bin gespannt. Was machen wir bis dahin?"
„Nichts. Wir liegen hier, reden, ficken. In der Küche steht noch das gelieferte Essen von gestern Abend. Wie in Frankreich, nur ohne den abschließenden Putzmarathon."
„Hört sich gut an. Wenn du mich kurz ins Bad lässt, ist alles in Butter. Nebenan, oder?", fragte sie unsicher. Till hatte ihr am Abend zuvor alles gezeigt, aber der Schlaf hatte diesen Teil ihrer Festplatte sofort wieder gelöscht.
„Genau. Tür nebenan. Lass' dir nicht zu viel Zeit, sonst wird das Bett kalt."
Elise beherzigte den Ratschlag, putzte sich nur schnell die Zähne, ging auf die Toilette und fuhr sich zum Schluss mit der Bürste durchs Haar.
Als sie wieder in Tills Armen lag, redete er zu ihrer Überraschung tatsächlich aus freien Stücken. Er erzählte ihr von sich, der Schwimmerei, seinen Kindern und den anderen Dingen, die er für wichtig hielt. Für ihn war das die Gegenleistung dafür, dass sie ihm viel von sich berichtet hatte. Auch nach Salzburg hatte sie sich immer mal wieder ein Herz gefasst und Anekdoten aus ihrer Kindheit erzählt, meist mitten in der Nacht, nachdem sie miteinander geschlafen hatten.
„Hast du noch Bücher von deinem Vater da?"
„Sicher. Warum fragst du?"
„Ich hätte gern, dass du mir was von ihm vorliest. Deine Sachen sind mir hinreichend bekannt. Mich interessiert, woher das kommt, woher du diese Ader hast."
„Von mir aus." Till lächelte. „Und wenn ich dir aus einem seiner Kinderbücher vorlese?"
„Nichts dagegen", gab Elise mit einem gleichgültigen Schulterzucken zurück. „Die kenne ich noch nicht. Ich bin mit Benno Pludra und Franz Fühmann aufgewachsen."
„'Die Suche nach dem wunderbunten Vögelchen'?"
Sie nickte. „Das liebe ich immer noch. Ich hab' das sogar als Hörbuch. Sehr gut bei langweiligen Flügen."
„Gut, dann eben nichts für Erwachsene, sondern ein Kinderbuch." Der Versuch, sich eine schöne Kindheit zurechtzubasteln, schätzte er. Wenigstens beim Lesen die strengen Eltern vergessen und dem Alltag entfliehen. Die Verletzungen, die ihr damals zugefügt wurden, würden wohl nie vollständig verheilen. Wenn ihr ein bisschen Kinderliteratur dabei half, ihren Frieden zu finden, dann war das eben so und kein Grund für Spott oder Hohn.
Nach der Lektüre und einer angeregten Diskussion über DDR-Kinder- und Jugendliteratur schafften sie es immerhin noch auf die Couch im Wohnzimmer, um sich des aufgewärmten Essens vom Vorabend anzunehmen.
„Wirst du hinter mir herlaufen und mich anschmachten wie ein liebeskrankes Hündchen?", fragte Elise neckend, als sie über die nächsten Tage nachdachte.
„Unbedingt. Ich werde dir auf Schritt und Tritt folgen und nur darauf lauern, dass du allein in einer dunklen Ecke verschwindest." Till lachte leise und fuhr ihr beruhigend übers Haar. „Nein, keine Panik, ich werde zu beschäftigt sein, um viel von dir mitzubekommen. Umgekehrt wird es sich ähnlich verhalten. Du musst dir viele Namen merken und viele neue Abläufe verstehen. Neu für dich, nicht für uns. Wir müssen nur wieder in Tritt kommen und uns auf die Shows einstellen. Das dauert immer eine gewisse Zeit. Wundere dich nicht, falls es dabei mal etwas lauter zugeht."
„Ich wundere mich über gar nichts mehr. Deinen Jähzorn kenne ich inzwischen recht gut. Dass Richard da locker mithalten kann, wenn's mal Streit gibt, ist mir auch klar. Und der Rest der Truppe ist garantiert auch nicht schüchtern, wenn es darum geht, sich zu behaupten." Diese bisweilen durchaus laute Demokratie innerhalb der Band hatte Elise von Anfang an gefallen. „Wenn ihr zu arge Wickel habt, spreche ich ein Machtwort. Dann ist wieder Ruhe im Karton."
Till rückte ein wenig von ihr ab und zupfte an ihrer Bekleidung. „Da spuckt ausgerechnet diejenige große Töne, die nackt dasitzt, wenn ich mein T-Shirt zurückfordere."
Ein gleichgültiges Schulterzucken. „Mach' doch. Wessen Bedauern wird wohl größer sein, wenn ich dich dann nicht anfassen lasse - deins oder deins?"
„Okay, richtig. Meins", gab er sich lachend geschlagen.
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