Nachsaison mit (Herz-) Dame

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16
OC (Own Character) Till Lindemann
27.12.2018
19.10.2019
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Ganz herzlichen Dank dafür, dass ihr den Weg zu dieser Geschichte gefunden habt. Über die Favos und das Sternchen habe ich mich mächtig gefreut. Weiter geht's mit einem langen Kapitel, mit dem ich euch ins neue Jahr schicke. Ich wünsche euch allen einen guten Rutsch und hoffe, dass wir uns 2019 in alter Frische wiedersehen.
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„Stehen wir überhaupt richtig? Nicht, dass wir Lise verpassen." Flake war sich nicht so sicher wie die anderen, dass sie ihre Blicke auf den richtigen Ausgang gerichtet hatten.
„Kannst du deinem Mann mal bitte die Schnauze zuhalten?", bat Till Flakes Ehefrau Jenny, die die Neugier dazu gebracht hatte, die Band zu begleiten.
„Immer mit der Ruhe. Wir stehen goldrichtig." Jenny musterte ihren Mann mit einer Spur Argwohn. „Man könnte denken, du holst deine Geliebte vom Flieger ab und nicht Tills. Hast du mir da was zu beichten, Christian?"
Wenn sie ihn bei seinem Vornamen nannte, war Vorsicht geboten. „Nee, nee, is' schon gut. Ick wollte nur sicher sein."
„Und hast dich dabei sehr verdächtig gemacht. Halt' besser die Klappe, sonst musst du Jenny nachher wirklich noch was erklären", warnte Christoph seinen Kumpel gutmütig.
Plötzlich kam Bewegung in die Truppe, als eine zu klein geratene Barbie in cognacfarbenen Wildlederhosen, hohen Schuhen und einem alpakafarbenen Cape, unter dem ein dunkelbrauner Rollkragen hevorlugte, auf sie zusteuerte.
„DAS ist euere bodenständige und liebenswerte Lise? Ihr verscheißert mich!" Jenny konnte die begeisterten Beschreibungen nicht mit dem Anblick, der sich ihr bot, übereinbringen.
Die Männer ließen sich davon nicht beirren. Erst schloss Till Elise in seine Arme, dann auch seine Kollegen.
„Mensch, Lise, du siehst aus wie eine Million Dollar!", platzte Richard heraus.
„Und du riechst auch so. Was ist passiert?" Christoph nahm noch einen tiefen Atemzug des teuren Parfums, das er an ihr noch nie gerochen hatte.
„Pff, ich war vor dem Abflug noch in der Agentur, um mir meinen Marschbefehl abzuholen. Da wollte ich ein bisschen auftrumpfen. Außerdem sind das genau die Klamotten, die im Koffer immer ganz grausam verknittern. Deshalb der Möchtegern-Hollywood-Look. Lässt sich aber sehr schnell wieder ändern, sobald sich die Gelegenheit bietet." Sie strahlte ihre alten und neuen Arbeitgeber an. „Gott, habt ihr Buben mir gefehlt!"
„Lise, darf ich dir meine Ehefrau Jenny vorstellen?", meldete sich Flake höflich zu Wort.
„Frau Rosemeyer, es ist mir eine Ehre", begrüßte Elise die Künstlerin. „Flake hat mir viel über Sie erzählt. Ich war sehr gespannt darauf, das Wunderwesen, von dem er mir vorgeschwärmt hat, kennenzulernen."
Die Tatsache, dass Tills Freundin artig vor ihr geknickst hatte, bevor sie ihr die Hand schüttelte, erstaunte Jenny ziemlich. Das hatte noch nie jemand getan. „Hallo und danke. Wir hatten auch alle schon Komplexe, weil die Kerle in den höchsten Tönen von Ihnen geschwärmt haben." Sie traute sich nicht, die Frau im Nobelfummel einfach so  zu duzen.
„Genug geplaudert. Auf zum Probenraum. Wird Zeit, dass du deinen neuen Wirkungskreis siehst", blies Olli leicht genervt zum Aufbruch.
„Ja, hopp, hopp. Trödeln is' nich'", mahnte auch Paul zur Eile.

„Die Reisetasche muss mit. Der Rest kann im Auto bleiben", bestimmte Elise noch, nachdem sie neben Till in dessen Auto gestiegen war. Den Rest der Fahrt bekam sie nicht mehr mit, denn schon nach ein paar hundert Metern nickte ihr Kopf zur Seite weg und sie schlief wie ein Stein.
„Hey, Dornröschen! Aufwachen!"
Elise schaute nacheinander in sieben Augenpaare, die sie wahlweise amüsiert oder verwundert anstarrten.
„Hand aufs Herz - wie oft ist sie euch in Frankreich nach dem Einkaufen weggepennt?", fragte Till mit einem gespannten Blick in die Runde.
„Kein einziges Mal", gab Schneider zurück.
„Nie." Olli und Flake schüttelten die Köpfe.
„Dann hast du mir was zu erklären, Putzteufel."
„Das passiert mir nur bei dir, großer Mann. Sonst bin ich nie so entspannt. 'Tschuldigung, Leute."
„Damit hast du dich gerade noch so gerettet. Diesmal muss ich dich nicht tragen, oder?", fragte Till lächelnd. Bei der Vorstellung daran beschleunigte sich sein Puls. Er hatte das schon zu lange nicht tun müssen oder dürfen.
„Nein, musst du nicht. Leider. Später vielleicht." Sie war kurz davor, ihre Zuschauer zu vergessen und sich vollkommen auf das Geplänkel einzulassen.
Ein lautes Räuspern holte beide zurück auf den Boden der Tatsachen. „Können wir dann?"
Der Probenraum, in dem Elise sich keine zwei Minuten später befand, flößte ihr einen Riesenrespekt ein. Sie blieb an der Tür stehen und schaute sich die Instrumente aus sicherer Entfernung an. Während des Aufenthalts in Frankreich war das Studio für sie tabu gewesen, ebenso das Wohnzimmer, in dem sich alle nach und nach zum Spielen und für Aufnahmesessions eingerichtet hatten.
„Schau' dir alles in Ruhe an. Wir erklären dir die Gerätschaften, wenn du Fragen hast", meinte Olli leise. „Wenn du lieb bist, darfst du sogar anfassen", fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu.
„Das wollte Richard doch andauernd schon", scherzte Elise zurück, wurde dann aber wieder ernst. „Okay, aber erst, wenn ich mal wo war und die Klamotten gewechselt habe. Wo ist denn hier die Toilette?"
„Mädchenblase?"
„Nee, großes Glas Mineralwasser in der Agentur und eine Tasse Tee vor dem Abflug."
„Draußen im Flur. Steht auch an der Tür."
Elise schnappte sich ihre Tasche. „Danke. Ich trink' nie wieder was, wenn ich auf Achse bin."
„Was'n los?", plärrte Richard quer durch den Raum.
„Volle Blase", rief der Bassist zurück, kassierte dafür von Elise aber einen empörten Klaps auf den Oberarm.
„Da drin alles wieder in Ordnung?", fragte Jenny Till und piekte ihm mit dem Zeigefinger in die Brust.
„Im Moment schon. Alles ruhig und friedlich da drin."
„Und du bist dir sicher, dass sie zu euch und zu dir passt? Sie sieht aus wie aus einem Hochglanzmagazin." Jenny glaubte nicht, dass sich das mit Rammstein vertrug.
Über Tills Gesicht schlich sich ein Lächeln. „Sie heißt Elise. Und lass' dich von der Aufmachung gerade eben nicht täuschen. Normalerweise kleidet sie sich lockerer. Am Strand hat sie sich sogar nackt vor uns die Ehre gegeben."
Da staunte Jenny nicht schlecht. Für die Art von Frau hatte sie die kleine Barbie nicht gehalten. „Na, ich hoffe nur, ihr wart dann auch alle nackt."
„Waren wir", bestätigte Flake, der sich dazugesellt hatte. „Nur haben wir, im Gegensatz zu Till, Lises Nackheit nicht ausgenutzt." Er grinste bei der Erinnerung in sich hinein.
„Will ich wissen, was er damit meint?" Sie schaute Till fragend ins Gesicht.
„Willst du nicht. Und dein Mann steht schon wieder nur einen Schritt weit vom Abgrund entfernt."
Das leuchtete dem Keyboarder nun gar nicht ein. „Wieso das denn jetzt? Wir ham alle mitgekriegt, dass ihr's da in aller Seelenruhe miteinander getrieben habt. Du hattest es nur unserem Feingefühl zu verdanken, dass du damals nicht vorzeitig den Stecker ziehen musstest."
Till ließ den Kopf hängen. „Oh Mann, dabei waren wir so unglaublich leise."
„Offensichtlich nicht leise genug." Jenny war über den Bericht, der beileibe nicht der erste dieser Art war, sehr amüsiert.
„Wieder da. Jetzt fühle ich mich halbwegs normal. Pfeif' auf die Knitter." Elise stellte ihre Reisetasche neben der Tür ab und strich sich eine lose Haarsträhne hinters Ohr. Sie trug inzwischen Jeans, ein senffarbenes Shirt und eine grobe rostrote Strickjacke. Der kräftige Lippenstift war verschwunden, ebenso die sündteuer aussehenden Ohrhänger. Statt der klappernden Absatzschuhe trug sie bequeme Lammfellboots.
„Dein Glück, Putzteufel. Mit dem Lippenstift hättest du dir gar keine Hoffnungen machen brauchen." Till zog sie an sich und strich mit dem Zeigefinger über ihre Unterlippe, dann zupfte er an der Jacke. „Aus deiner Werkstatt?"
„Selbstverständlich."
„Eigenes Design?"
„Hm, größtenteils." Elise schmiegte sich an den kräftigen Körper, der ihr inzwischen so vertraut war, als wäre er ein Teil von ihr.
„Magst du mich noch?"
Die Frage war zu einem kleinen Spiel zwischen ihnen geworden. Till wusste, dass Elise kein 'Ich liebe dich' über die Lippen kam. Sie konnte es einfach nicht über sich bringen, die Worte auszusprechen, und er wollte sie auch nicht dazu zwingen. Wozu auch? Er konnte sich ja selbst nicht dazu überwinden. Vielleicht würde sie es später einmal können, wenn ihre Narben weiter verheilt waren. So hatte er irgendwann angefangen, Elise während ihrer Telefonate diese scheinbar unverfängliche Frage zu stellen.
„Sehr. Magst du mich auch noch?" Sie war ihm dankbar dafür, dass er sie nicht zu den berühmten drei Worten erpresste, die auch er nicht sagen würde.
„Mehr, als ich jemals gedacht hätte."
„Hey, Lise! Komm' her und lerne!", forderte Richard sie lautstark auf.
Elise ließ Till los, holte tief Luft und sagte gerade laut genug: „Dein 'Hey' kannst du dir aufzeichnen, Freundchen."
Kein guter Start für eine neue Ebene der Freundschaft. „Entschuldige. Wir wollten dir nur zeigen, womit du es von jetzt an zu tun bekommst. Die Instrumente sind mindestens so wichtig wie die ganze Pyrotechnik und der restliche Budenzauber." Er, Olli, Paul und Christoph verbrachten die nächste Viertelstunde damit, ihr grob zu erklären, worum es sich bei den Instrumenten handelte und worauf bei einem Transport geachtet werden musste.
„Wird das meine Aufgabe sein? Ihr wisst, dass ich mich mit solchen Vorgängen nicht auskenne", gab Elise unsicher zu bedenken.
„Nein, aber du kennst dich mit Papierkram aus. Wenn es darum geht, alles einzutüten und von A nach B zu befördern, ist das ein riesiger Aufwand. Dabei kannst du sehr nützlich sein", versuchte Christoph, sie zu beruhigen. „Möchtest du mal ein bisschen Krach machen?" Er hielt ihr seine Trommelstöcke hin.
„Nein, danke." Das Drumset beeindruckte sie mehr als alles andere. Ihr Zeigefinger glitt lautlos über das straff gespannte Schlagfell einer der Basstrommeln. Weiter würde sie nicht gehen. Man spielte nicht an Sachen herum, von denen man keine Ahnung hatte.
„Lass' dir davon nich' einschüchtern. Dit Ding tut nüscht, dit will nur spielen", scherzte Paul und drückte Elise stattdessen eine Akustikgitarre in die Hand. „Da kannste gern dran rumzupfen. Musst keene Angst ham."
„Du erinnerst dich aber schon daran, dass ich kein Instrument spiele? In Zahlen: Null. Was soll dabei rauskommen, wenn ich daran 'herumzupfe'?"
„Och, dit bringen wa dir schon bei", gab Paul sich zuversichtlich. „Setz' dir ma' hin. Dann jeht's los."
Olli gab sich große Mühe, sein Grinsen zu verbergen. Er wusste, dass weder Paul noch Richard ihr auf diesem Instrument etwas beibringen können würden. Er tauschte kurz einen Blick mit Schneider, der die Lippen zusammengepresst hatte, um nicht lachen zu müssen.
„Nein, Lise, du hältst sie verkehrt herum. Das Griffbrett hält man auf dieser Seite." Richard drehte das Instrument so, wie er es halten würde.
Elise nahm die Gitarre postwendend wieder in die andere Hand. „Nein, du hältst sie verkehrt. Da bricht man sich doch die Handgelenke."
In diesem Moment konnte Olli das Lachen nicht mehr halten. „Ihr habt Lise nie auf die Hände geschaut, oder? Die kann mit euren Gitarren und meinen Bässen rein gar nichts anfangen." An Elise gewandt, fragte er: „Die haben dir das damals nicht nicht durchgehen lassen, was?"
„Nein, haben sie nicht. Es gab von Anfang an Probleme damit. Meine Eltern wären beinahe vor Scham im Erdboden versunken, als die Kindergärtnerin sie darauf angesprochen hat. Es gab eine gewaltige Standpauke und die Anweisung, nur noch die 'gute Hand' zu benutzen." Sie seufzte. „Ich habe lange gebraucht, bis ich mich darüber hinweggesetzt habe."
„Du wusstest das?", fragte Richard entgeistert.
Olli nickte. „Klar. Schneider auch. Sag' bloß, ihr beide habt Lise nie beim Gemüseschneiden zugesehen? Oder bei was anderem."
„Nö, nicht wirklich. Aber wo du's sagst ... ja,  bei dir sehen viele Sachen anders aus. Aber du schreibst mit rechts?"
„Gezwungenermaßen. Links wäre mir lieber, aber ich musste es mit rechts lernen. Genug davon. Wenigstens wisst ihr, dass ich euch die Instrumente nicht streitig machen werde. Wollt ihr mir sonst noch was beibringen, oder war's das für heute?"
„Nee, is' jut jetzt. Wir ham extra Martini besorgt, um deinen Einstand zu feiern." Paul zwinkerte ihr verschwörerisch zu.
Flake, Jenny und Till hatten die Szene beobachtet und sich, wie Olli und Christoph, über die Bemühungen der beiden Gitarristen amüsiert.
„Deine Elise scheint doch ziemlich nett. Du solltest da auf dem Sofa neben ihr sitzen, nicht Paul und Richard", erinnerte Jenny Till und drückte ihm sachte eine Hand ins Kreuz.
„Stimmt. Kommt mit, wir feiern ihren Einstand."

Zwei stramme Martinis und etliche Toasts später saß Elise quer über Tills Schoß und hatte ihre Füße auf der Sofalehne abgelegt.
„Damit wird sie in eurer Crew eine echte Attraktion sein", flüsterte Jenny Flake zu und wies dabei auf die knallbunten Socken an Elises Füßen, die eindeutig nicht gekauft waren.
„Vielleicht setzt sie damit Trends", meinte Flake nur. „Sieht doch lustig aus."
Das Wort 'lustig' in Verbindung mit Rammstein? Das wäre mal was ganz Neues.
„Mit wem waren Sie eigentlich in Kanada?", erkundigte sich Jenny dann direkt bei Elise.
„Ganz einfach Elise, bitte. Oder Lise - was Ihnen lieber ist. Mit einem Modedesigner." Der Jetlag meldete sich garstig zu Wort und machte es ihr schwer, wach zu bleiben.
„Ein bekannter Designer?", hakte Richard nach.
Elise nickte. „Richtig bekannt. Und richtig beschäftigt. Hat dort drüben Stofflieferanten. Rein in den Konferenzraum, raus aus dem Konferenzraum. Der gnädige Herr fand es schick, mich immer wieder wegzuschicken, wenn er unter vier, sechs oder wie-viel-auch-immer Augen verhandeln wollte. Kaum hatte ich es mir bei seinem Mann an der Hotelbar gemütlich gemacht, hat man mich zurückgerufen. So ging das tagelang. Dazwischen dann Mails und Schreibarbeiten, hauptsächlich Verträge." Sie gähnte an Tills Schulter. „Entschuldigung. Nach dem Rückflug aus Kanada habe ich nur schnell meine Siebensachen gepackt, bin in der Agentur vorbeigehuscht und dann wieder zurück zum Flughafen."
„Sind deine Aufträge immer so?" Jenny konnte sich diese Art der Beschäftigung nicht gut vorstellen.
„Nein, das war eine Ausnahme. Normalerweise ist alles angenehm langweilig. Von meiner Arbeit für die Jogginghosengang hier mal abgesehen."
Tills warme Hand strich liebevoll über ihre Wange. „Lehn' dich an, mach' die Augen zu. Ruh' dich aus, Putzteufel."
Es dauerte nur ein paar Minuten, bis er fühlte, wie ihr Körper sich entspannte.
„Du nennst sie 'Putzteufel'?", fragte Jenny ungläubig.
Till quittierte das mit einem zustimmenden Nicken und einem Schulterzucken. „Elise weiß, wie das gemeint ist."
„Wenn sie das nicht akzeptieren würde, hätte sie Till schon längst die Meinung gegeigt. Wäre ja nicht das erste Mal, obwohl sie uns echt viel durchgehen lässt", bemerkte Schneider leise.
„Lise hat eine Engelsgeduld mit uns. Meistens. Nur manchmal, wenn's ihr zu bunt wird, platzt ihr der Kragen. Darin ist sie Till recht ähnlich", erklärte Olli, ohne die Stimme zu dämpfen. „Wenn sie austickt, wird's auch mal laut."
„Sie ist was ziemlich Besonderes", stimmte Till zu und kraulte sie im Genick, wie man es bei einer Katze tun würde.
Jenny zog die Stirn in Falten. „Nur, dass ich das recht verstehe - ihr habt schon eine richtige Beziehung, oder?"
Er schaute sie an, als würde er die Frage nicht ganz verstehen. „Wie meinst du das?"
„Du schaust sie eher an wie ein stolzer Vater, nicht wie ein Liebhaber."
Alle außer Till selbst mussten über diese Feststellung lachen.
„Der Eindruck täuscht gewaltig. Du solltest die zwei mal erleben, wenn Lise richtig wach ist. Da fliegen die Funken. Väterlich ist für diese Beziehung absolut das falsche Wort. Was du hier siehst, ist reiner Besitzerstolz, weil Till so ewig gebraucht hat, bis er sich einen Ruck gegeben hat", klärte Richard Jenny auf.
„Du wolltest sie nicht, hat Flake erzählt." Sie erinnerte sich an die abendlichen Telefonate, bei denen ihr Mann ihr ausführlich berichtet hatte.
„Nein, ich wollte sie nicht", gab Till unumwunden zu.
„Warum nicht?"
„Zu alt, zu dröge, zu verstaubt. Langweilig und nicht hübsch genug. Solche Sachen eben. Ich wollte nicht, dass Elise mir gefällt. Ich wollte nicht, dass mir wieder jemand so zusetzt."
„Alles Schwachsinn. Er konnte von Anfang an seine Pfoten nicht von ihr lassen. Zusammen sind die beiden wie Feuerzeug und Lunte. Sobald beides zusammenkommt, denkt man, man schaut sich einen Softporno an", amüsierte Christoph sich.
„Streich' dit 'Soft'", warf Paul lachend ein.
Mit einem herausfordernden Blick auf Till fügte Christoph an: „Dir ist klar, dass wir wissen, was ihr da im Wasser angestellt habt?"
„Flake war so freundlich, mich darauf hinzuweisen. Erzählt mir nicht, dass euch das nicht angemacht hat."
Lachen und Kopfnicken reihum.
„Stimmt, war kein Softporno. Der Weichzeichner hat gefehlt. Scholle wollte eigentlich mitmachen, aber wir konnten ihn gerade noch abhalten." Olli strich Richard tröstend über die Schulter.
„Wollte ich nicht!", verteidigte der sich schnell. „Ich hab' nur nicht sofort mitbekommen, dass ihr da nicht eure übliche Nummer abzieht, sondern eine richtige."
„Ach, erzähl' mir nichts!", meinte Till mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Und jetzt hab' ich die Schnauze voll von dieser ewigen Fragerei. Der Putzteufel ist wieder bei uns. Alles ist gut. Themenwechsel."
Alle gehorchten und wandten sich wieder ihren Getränken und alltäglichen Themen zu. Nach einer Weile achtete niemand mehr auf Elise, die sich in aller Seelenruhe den Jetlag wegschlief.
Erst viel später, es mussten mindestens zwei Stunden vergangen sein, registrierte Till die Veränderung, mit der sie ihn schon so oft überrascht hatte. Nur wusste er, dass sein Körper diesmal nicht dagegen gewappnet sein würde. Elises Atem traf in raschen Stößen auf seine Haut, ihre Hand drückte sich fest gegen seine Brust. Er griff unbemerkt nach ihrem Handgelenk, um ihren Puls zu fühlen. Er ging schnell und ungleichmäßig. Für gewöhnlich passierte das in den frühen Morgenstunden. Den hastigen Atemstößen folgten lüsterne Blicke und ihre Hand, die sich zwischen seine Beine schob. Ausnahmslos immer endete es damit, dass sie den Tag schwitzend, stöhnend und keuchend begannen. Ob er dabei über, unter oder hinter Elise war, war Till vollkommen egal, solange er nur in ihr war. Schon allein die Erinnerung an ihre letzte gemeinsame Nacht ließ ihn unruhig werden. Er hatte sie in Salzburg besucht. Das war jetzt ungefähr vier Wochen her - viel zu lang, um nun die nötige Coolness aufzubringen.
„Hey, großer Mann."
„Na, hast du was Schönes geträumt?" Wie konnte er nur so blöd sein, sie auch noch zu animieren?
Elises Lippen drückten sich auf Tills Hals und saugten genüsslich an der empfindlichen Haut. „Rate mal." Ihre Hand rutschte hinab zu seinem Hosenbund und verweilte dort. „Du hast mir gefehlt. In mir. Auf mir." Die letzten Sätze hatte sie ihm direkt ins Ohr geflüstert.
„Nicht hier, nicht jetzt. Du weißt, was passiert, wenn du so weitermachst", versuchte er, sie zum Aufhören zu bewegen. Je sicherer sie sich seiner Zuneigung geworden war, desto mehr hatte sie auch ihre Unsicherheit verloren. Die laszive Seite, die dabei zum Vorschein gekommen war, fand Till überaus anziehend. Nur nicht vor den Augen seiner Kollegen.
„Du armer, wehrloser Mann", neckte Elise ihn. Ihre Hand rutschte unbemerkt noch ein wenig tiefer in seinen Schritt.
Um die günstige Gelegenheit nicht vollständig an sich vorbeigehen zu lassen, hielt Till sie am Hinterkopf fest und versenkte seine Zunge tief in ihrem warmen Mund. Immer wieder strich er an ihrer Zunge entlang, wand sich um sie, ließ zu, dass sie ihn mit ihren Zähnen festhielt. Sie liebte es, ihn auf diese Weise in ihrem Mund gefangen zu halten und seine Zungenspitze so lange mit ihrer zu reizen, bis er sich vollends vergaß. Till entzog sich ihr nur mühsam und konnte nicht mehr verhindern, dass seine Atemzüge eher einem heiseren Keuchen glichen.
„Was sagtest du vorhin? War da von väterlichem Verhalten die Rede?", erkundigte sich Richard freundlich bei Jenny.
„Ähm, war wohl ein Versehen", gab die Künstlerin zu. Sie hatte, wie die anderen auch, das Knistern förmlich spüren können. „Hören die uns überhaupt?" Die Frage war berechtigt, denn weder Till noch Elise schienen viel von ihrer Umgebung mitzubekommen.
„Wahrscheinlich nicht. Kommt aber auf einen Versuch an." Richard saß direkt neben den Turteltäubchen und fühlte die Hitze, die ihre Körper verströmten. Schon wieder so eine abartige Situation, die ihn frustrierte. Er räusperte sich vernehmlich. „Elise, sag' doch mal, was ihr an eurem letzten Tag in Frankreich alles angestellt habt. Till hat nie was erzählt."
Sie wandte ihren Blick nicht von den grünen Augen ihres Geliebten ab. „Er wird sich geschämt haben, schätze ich."
Der eindrucksvolle Brustkorb, an dem sie lehnte, vibrierte in einem leisen Lachen. „Wofür sollte ich mich schämen? Ich kenne mich mit den langen, harten Dingern bestens aus."
„Er meint Besenstiele", stellte Elise die Anzüglichkeit richtig.
„Entweder, du erklärst das hinreichend, oder wir müssen uns furchtbar schlimme Dinge ausmalen", forderte Olli mit reichlich Skepsis in der Stimme.
Sie drehte sich so, dass sie in die Runde schauen konnte. „Der große Mann hat ganz freundlich durch die Blume sagen wollen, dass er mir damals bei der Bodenreinigung behilflich war." Sie grinste Olli an. „War das jetzt vom Ausdruck her einwandfrei, Herr Riedel?"
„Durchaus, Frau Kramer", bestätigte der Bassist lächelnd.
„Um das Haus schneller sauber zu bekommen, hat Till mir unter die Arme gegriffen. Danach war dann die letzte Flasche Weißwein fällig. Und danach ..."
„Danach habe ich mich von Elise für die schwere Arbeit belohnen lassen", beendete Till den Satz für sie.
„Du hast jekocht?", fragte Paul nach.
„Nein", antworteten Till und Elise wie aus einem Mund.
„Aha, jut. Ick hab' verstanden."
„Fein. Jetzt aber mal ohne Schmäh. Könnt ihr es arrangieren, dass ich eure Manager, eure Tourmanagerin und ein paar andere wichtige Teammitglieder kennenlerne, bevor die Arbeit so richtig losgeht? Mir ist das wichtig, weil mir jemand erklären muss, was ich zu tun habe."
„Tom und Paulo werden dir da sicher helfen können. Die beiden haben bestimmt nichts gegen deine Unterstützung einzuwenden. So ein Konzert bedeutet viel Laufarbeit und Organisation. Das sind, wenn ich mich nicht täusche, deine Stärken. Bei den Meet&Greet-Veranstaltungen geht's sowieso immer drunter und drüber, also kann auch da Hilfe nicht schaden. Heike weiß bei solchen Veranstaltungen manchmal gar nicht, wo ihr der Kopf steht. Wenn du da bist, muss Tom sich nicht noch mit darum kümmern. Du wirst dich allerdings sehr umgewöhnen müssen, denn wir arbeiten mit einem sehr großen Team. Alles geht Hand in Hand. Ich weiß, dass ich dir damit viel abverlange, aber du musst dich integrieren."
Nicht nur Jenny fand es erstaunlich, wie nahtlos Till den Wechsel vom Liebhaber zum Geschäftsmann gemeistert hatte. Nicht minder bemerkenswert war jedoch, dass auch Elise vom einen Moment auf den anderen die Rolle wechselte.
„Wenn man mich lässt, dürfte das kein Problem sein. Deswegen bestehe ich ja darauf, mich bei euren Mitarbeitern vorzustellen. Wenn die nicht vorher wissen, dass da bei euren nächsten Auftritten noch jemand herumrennt, der das Maul aufreißt, gibt das dann im entscheidenden Moment nur böses Blut. Das sollte unbedingt vermieden werden. Außerdem möchte ich auf gar keinen Fall, dass unsere Beziehung in der Crew die Runde macht."
„Wieso nicht? Ist doch nichts Verbotenes", warf Schneider ein.
„Aber es macht einen schlechten Eindruck. Du kannst dir das Gerede ohne viel Fantasie vorstellen. Sobald bekannt wird, dass Till mit mir ins Bett geht, ist die Sache mit dem respektvollen Miteinander durch. Dann heißt es nur noch, der Lindemann hat seine kleine Freundin zum Ficken mitgebracht und tut so, als würde sie für Rammstein arbeiten." Elise hatte ihre Worte bewusst so drastisch gewählt.
„Grässliche Vorstellung", bestätigte Till mit einem breiten Grinsen. Ihm würde das nichts ausmachen. Wenn sich einer traute, Elise gegenüber aufzumucken, würde er demjenigen ohne zu zögern die Hammelbeine langziehen. „Aber stell' dir vor, wie die erst tuscheln werden, wenn ich dich mit mir ins Wasser ziehe, am besten so nackt, wie Gott dich geschaffen hat." Seine Hand schob sich langsam zwischen ihre Oberschenkel.
„Und wenn ihr dann wieder vor aller Augen miteinander fickt ...", schickte Richard im scheinbar verträumten Plauderton hinterher.
„Ich werde mich zu beherrschen wissen", versicherte ihm Elise, zog dann aber die Stirn in Falten. „Heißt das, ihr habt uns in Frankreich dabei beobachtet?" Sie hatte nicht mitbekommen, wie seine Kollegen Till mit damit aufgezogen hatten.
„Ja, aber nicht bis zum krönenden Abschluss", meinte Flake treuherzig. „Ihr saht recht nett aus dabei, muss man mal sagen."
„Danke." Sie schaffte es nicht, das Grinsen zu unterdrücken. „Ihr Spanner!"
Während alle mit ihr lachten, ihre Gläser erhoben und sich wieder anderen Themen widmeten, wurde Elise sich der Hand zwischen ihren Beinen richtig bewusst. Der Daumen, der sich gegen ihren Schritt drückte und sie sanft massierte, trieb ihr das Blut kochend heiß durch die Adern. Sie barg ihr Gesicht an Tills Hals und versuchte, ihren Atem unter Kontrolle zu halten. Nachdem sie vier Wochen lang auf ihn hatte verzichten müssen, war das ein nahezu aussichtsloses Unterfangen.
„Nicht", hauchte sie fast tonlos. Sie kannte ihn. Noch viel besser kannte sie sich selbst. Wenn sie sich nicht schleunigst beherrschten, würde diese Sache unweigerlich aus dem Ruder laufen. „Nicht", bat sie noch einmal kaum hörbar.
Till hatte ein Einsehen, griff auf dem Boden nach Elises Boots und zog sie ihr über die Füße. „Bereit?"
„Wofür?"
„Dafür." Er stand auf, hielt sie aber weiter in seinen Armen. „Der Putzteufel hat einen üblen Jetlag und muss sich dringend ausruhen. Wir machen uns dann mal auf den Weg. Bis morgen oder übermorgen."
„Lass' mich runter, großer Mann", maulte Elise.
„Vergiss' es." Till gab keinen Millimeter nach.
„Macht's gut, ihr zwei", rief Richard ihnen hinterher.
„Bis bald", beeilte sich Jenny, sich zu verabschieden.
„Kommt gut heim", versuchte auch Olli sein Glück, merkte aber sofort, dass zumindest Till mit seinen Gedanken schon woanders war.
„Macht's gut!", rief Elise noch quer durch den Raum, bevor sie direkt vor der Tür auf dem Boden abgesetzt und förmlich durch die Tür geschoben wurde.
„Wow, da brennt die Luft! Habt ihr in Frankreich die ganze Zeit über mit dieser Spannung leben müssen?", fragte Jenny ungläubig nach.
Schneider schüttelte lächelnd den Kopf. „Das gerade eben war extrem entspannt im Gegensatz zu dem, was sich vor ihrem Wochenende in Salzburg abgespielt hat. Ein Trauerspiel, kann ich dir sagen."
„Trauerspiel würde ich es nicht nennen. Es war echt sexy, was die zwei da abgezogen haben. Ist es immer noch, aber der Druck ist raus, seitdem sie es vor uns nicht mehr leugnen", gab Richard zu.
„Und vor sich selber", fügte Paul hinzu.
Jenny nickte nachdenklich. „Aber so richtig offiziell wollen sie es nicht machen?"
Alle fünf Männer schüttelten die Köpfe.
„Nach Möglichkeit soll niemand davon wissen. Vor den Presseleuten würden die das noch leugnen, wenn man sie auf frischer Tat ertappen und fotografieren würde", versicherte Flake seiner Frau.
„Ist vielleicht auch besser so. Könnte sogar klappen, wenn sie sich ein bisschen geschickt anstellen. Wobei ... Bei Till ist das immer schwieriger als bei euch. Auf den achten sie mehr."
„Zu seinem Leidwesen", bestätigte Olli.
„Wenigstens is' Lise sehr jeschickt darin, auch ma' abzutauchen, wenn's nötig is'", versicherte Paul. Ihm war nicht entgangen, dass sie sich schon in Frankreich in der Öffentlichkeit immer unauffällig nach unerwünschten Gaffern oder Fotografen umgeschaut hatte.
„Nennt sie Till immer 'großer Mann'? Immerhin sind nur Paul und Scholle kleine als er", wunderte sich Jenny.
Olli lachte unvermittelt auf. „Das hat sie beinahe von Anfang an so gemacht. Sieh's als Kosenamen, wie andere Schatzi oder Liebling sagen." Er machte eine ausholende Bewegung mit beiden Armen. „Außerdem ist Till auf seine Art wirklich groß, also im Sinne von breit. Die Kleene kann sich hinter ihm verstecken und verschwindet komplett."
„Er nennt sie Putzteufel und meint das sehr liebevoll. Ich schätze, damit sind die beiden quitt." Auch Richard grinste Jenny an.
Die Künstlerin schaute den Männern einem nach dem anderen ins Gesicht, ganz zum Schluss ihrem Ehemann. „Ihr klingt, als wärt ihr alle ein bisschen in Elise verliebt."
„Nur platonisch", beschwichtigte Schneider sie. „Bis auf Scholle, der auch Hand anlegen würde, wenn sie ihn ließe. Dein Mann, da kann ich dich beruhigen, steht vor allem auf Lises Kochkünste und ihre flinken Füße."
„Das will ich ihm auch geraten haben", gab sie mit einem kritischen Blick auf Flake zurück und fragte dann: „Irgendwelche Ähnlichkeiten mit Sophia?"
Wieder einhelliges Kopfschütteln.
„Nicht die geringsten", antwortete Olli für die anderen gleich mit.
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Für alle, die es auch bedauern, Silvester nicht mit den Herren Rammstein in Mexico verbringen zu können und alle, die die Paris-DVD nicht kennen (oder nicht genug davon bekommen können), hat 3Sat am 31.12. ein Geschenk: http://www.3sat.de/page/?source=/musik/198619/index.html