Nachsaison mit (Herz-) Dame

GeschichteRomanze, Freundschaft / P18
27.12.2018
16.03.2019
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Dieses Kapitel
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Seid ihr bereit
Seid ihr so weit
Willkommen in der Dunkelheit
In der Einsamkeit
In der Traurigkeit

(aus 'Wiener Blut')


Ein sehr theatralisches Zitat, ich weiß, aber es taugt gut als Einleitung für dieses Kapitel. Und, ich geb's ja zu, ich liebe 'Wiener Blut' und freue mich wie ein kleines Kind, das mal unterbringen zu können.
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„War dir das wirklich so peinlich?"
Sie standen einander in der Küche gegenüber, nachdem ihre Gäste von zwei Taxen sicher wieder nach Hause befördert worden waren. Nun hatte Till Gesprächsbedarf.
„Vor Jenny schon. Vor deinen Kollegen nicht, weil die das zwischen uns gewohnt sind. Sie konnte es nicht wissen und muss sich dabei sehr unbehaglich gefühlt haben. Das habe ich erst begriffen, als ich wieder klar denken konnte." Sie hielt dem bohrenden Blick stand. Die Wahrheit würde er sich anhören müssen, ob sie ihm nun gefiel oder nicht.
Till nickte. Das konnte er noch begreifen, aber das andere? „Täusch' dich mal nicht in Jenny. Die kann eine Menge ab." Seine Stirn legte sich trotzig in Falten, als er weitersprach. „Wie hast du das gemeint, dass das mit uns nicht von Dauer ist und du dich danach an etwas Schönes erinnern willst? Was soll dieser Quatsch?"
Elise trat zu ihm hin und strich ihm ganz zart über die Wange. „Shh, nicht laut werden. Du weißt, dass das eine Tatsache ist. Du lernst ständig irgendwelche Frauen kennen, bist Versuchungen ausgesetzt. Früher oder später wird eine dabei sein, die dir besser gefällt als ich und jünger ist. Du wirst dich Hals über Kopf verlieben und mir irgendwie beibringen müssen, dass wir eine schöne Zeit hatten, aber wieder getrennte Wege gehen werden. Wenn dieser Zeitpunkt gekommen ist, möchte ich, dass alles, was davor kam, richtig gut war."
Die Nüchternheit, mit der sie das Szenario vor ihm ausgebreitet hatte, entsetzte Till. „Wie kann ich dir begreiflich machen, dass ich diese Beziehung nicht auf Pump führe? Wann verstehst du, dass das mehr ist als ein kleiner Zeitvertreib? Nur für den Fall, dass du das nicht kennst oder es einfach nicht bemerkt hast, aber wir führen eine Beziehung, Elise. Schon seit geraumer Zeit." Er bemerkte, dass sie ihm wieder über die Wange streichen wollte, doch er schlug die Hand aufgebracht weg. „Was lässt dich nur glauben, dass ich dazu nicht fähig wäre?" Sie wollte zu einer Antwort ansetzen, doch er bedeutete ihr mit einer Handbewegung, den Mund zu halten. „Lass' gut sein. Nicht jetzt."
Die Enttäuschung war beinahe mit Händen greifbar, als Till an ihr vorbeiging. Elise hörte, wie er die Tür zur Dachterrasse öffnete und sich draußen in der kühlen Nachtluft eine Zigarette anzündete. Als er bemerkte, dass sie ihm auf die Terrasse gefolgt war, redete er weiter.
„Warum glaubst du, du hättest die Wahrheit für dich gepachtet? Du hast die Weisheit mit Löffeln gefressen und alle anderen können sich eine Scheibe von dir abschneiden, oder wie?" Die beiden Fragen hatte er verletzend schroff und voller Hohn gestellt.
Elise lehnte sich mit dem Rücken an das Geländer, um Till in die Augen sehen zu können. „Das ist nicht meine Weisheit. Meine Mutter hat mich erleuchtet. Leg' mal bitte den Tschick beiseite."
Er nahm die Zigarette in den Mund und wartete ab.
„Als ich damals von daheim fortging, nahm mich meine Mutter ganz feierlich bei den Händen, ungefähr so." Sie nahm Tills Hände in ihre und führte sie vor ihrer Brust zusammen. „Ich dachte, sie wolle mich verabschieden und mir alles Gute wünschen, aber da lag ich nicht ganz richtig. 'Elise', meinte sie bedeutungsvoll, 'du musst eins wissen: Du wirst nie einen Mann halten können. Wenn du dir einen dieser Versager angelacht hast, wird er sich eine Weile lang die Hörner an dir abstoßen und dann zur Nächsten weiterziehen. Du wirst nie einen gescheiten Mann bekommen.' Das hat sie mir voller Ernst und mit so absoluter Sicherheit eröffnet, dass mich das seit damals begleitet." Sie ließ seine Hände wieder los und seufzte. „Und dann lande ich ausgerechnet bei einem Musiker, dem man eine gewisse Attraktivität nicht absprechen kann, der bei Frauen freie Auswahl hat und den die Gazetten wegen seiner Weibergeschichten gern mal auf die Titelseiten packen."
„Und was die Klatschzeitungen sich aus den Fingern saugen, ist wahr? Ich dachte, du wüsstest es besser."
„Schon", gab Elise kleinlaut zurück.
Till drückte den Zigarettenstummel aus und zündete sich sofort eine neue Zigarette an. „Es mag sein, dass deine Mutter dir da einen Minderwertigkeitskomplex eingeredet hat, aber das hat nichts mit mir zu tun. Das findet nur in deinem Kopf statt. Du vertraust mir nicht, Elise. So führt man keine Beziehung. Du kannst deine Eltern nicht ewig als Begründung für alles Mögliche hernehmen. Wenn du nicht lernst, wie das Vertrauen in eine Beziehung funktioniert, werden  wir ernsthafte Probleme miteinander bekommen."
Also doch. Dann würde es enden. Elise hatte verstanden. Sie nickte stumm, stieß sich vom Geländer ab und ging wieder nach drinnen. Die Wohnung war ihr plötzlich fremd, alles andere auch. Sie sehnte sich nach ihrem Pensionszimmer in Salzburg, hatte auf einmal furchtbares Heimweh. Heimweh nach ihrem alten Leben.
Selbstverständlich hatte sie Tills Mitgefühl, für die grauenhafte Mutter sogar sein Mitleid. Dennoch konnte es nicht angehen, dass sie ihm permanent unterstellte, sie nur als Lückenfüller zwischen zwei anderen Frauen zu missbrauchen. So spielte er das Spiel nicht, auch wenn viele das gern glauben wollten. Er fand sie in der Küche, wo sie im Dunkeln saß und tief in Gedanken versunken schien.
„Vielleicht sollten wir es jetzt beenden, bevor es richtig schmerzhaft wird", schlug Elise unvermittelt vor. Du hättest wieder deine Ruhe und ich mein geordnetes Leben in Salzburg." Dabei klang sie vollkommen ruhig und gefasst.
„An diesem Punkt waren wir schon einmal", gab Till ruhig zurück. Er zwang sich zur Gelassenheit, obwohl sein Magen sich schmerzhaft zusammenkrampfte. „Ich kann dir die Entscheidung nicht abnehmen. Du musst aber wissen, dass ein Schlussstrich ein einseitiger Entschluss wäre. Meinem Wunsch entspricht es jedenfalls nicht. Zu welchem Schluss du bei deinen Überlegungen auch kommst - bleib' bitte dabei. Das ständige Hin und Her kotzt mich gewaltig an. Wenn du bleibst, dann dauerhaft. Wenn du gehst, dann gehst du endgültig." Damit wandte er sich ab und ging ins Wohnzimmer, um sich einem angefangenen Gedicht in seinem Notizbuch zu widmen.
Als Till ins Bett ging, lag Elise schon da und schlief fest, wie es aussah. Sie hatte sich auf die von ihm abgewandte Seite gedreht und so weit zugedeckt, dass er nur noch ihre Haare sehen konnte.
„Elise? Bist du noch wach?" Sie antwortete nicht. Dann würden sie eben am Morgen weiter miteinander reden müssen. Inzwischen taten ihm seine harten Worte leid und er hätte alles nur zu gern noch einmal in Ruhe besprochen.
Sie konnte ihn hören, konnte ihn neben sich spüren und brachte es nicht über sich, ihm zu antworten. Die Entscheidung, vor die Till sie gestellt hatte, war zu schwerwiegend, um sie innerhalb einer Stunde zu treffen. Sie musste mit Sorgfalt abwägen, wie sie weiterleben wollte.

Der Ton, den ihr Telefon von sich gab, war eindeutig nicht der Weckruf. Elise schaute auf das Display, dessen Anzeige leicht vor ihren Augen verschwamm. Management. Sie stand schnell auf und verließ das Zimmer, um Till nicht zu wecken.
„Guten Morgen. Was gibt's?"
„Morgen, Elise", meldete sich Birgit. „Kannst du nachher zu uns kommen? Wir beschäftigen uns mit den Frachtpapieren und könnten gut noch ein zusätzliches Augenpaar gebrauchen."
Sie erinnerte sich daran, dass Till mit ihr wegfahren wollte. Eigentlich. Ursprünglich. Nach dem vergangenen Abend war das sicher kein Thema mehr. Wenn er fahren würde, dann bestimmt lieber allein.
„In Ordnung. Ich bin da, so schnell ich kann."
Sie beeilte sich, erledigte alles mechanisch und ohne dabei nachzudenken. Als sie fertig angezogen war, ihre Handtasche über die Schulter geworfen und die Hand bereits auf der Klinke der Wohnungstür liegen hatte, fiel ihr ein, Till wenigstens noch eine Nachricht zu hinterlassen. Sie schrieb ihm einen Zettel, auf dem sie ihn wissen ließ, dass das Management angerufen und ihre Mithilfe angefordert hatte. Darunter kein Gruß, keine liebevolle Verabschiedung, nur ihr Name.
Ein Taxi chauffierte Elise durch die Stadt, in der sie sich nicht heimisch fühlen konnte. Sie war froh, als sie das Büro erreicht hatte, in dem sie den Tag verbringen würde. Büros sahen immer gleich aus, egal, wohin man kam. Da konnte sie ihr Heimweh wenigstens ein paar Stunden lang vergessen.
Zwischen Kaffee, Tee und belegten Semmeln, die man in dieser lauten und hektischen Stadt als Schrippen bezeichnete, brüteten sie gemeinsam über den Frachtpapieren, dem bill of lading. Dort wurde alles aufgelistet, was mit nach Mexiko reisen sollte, in dreifacher Ausfertigung.
„Ich hatte schon einige von denen, aber noch keinen, der so umfangreich war", stöhnte Elise, als sie mit Birgit ein letztes Mal über alle Posten geschaut und Vollzähligkeit festgestellt hatte.
„Du hast die Bühne gesehen. Du weißt, wie die Show abläuft. Wundert dich der Umfang der Papiere da noch?", fragte die Managerin lachend.
„Keineswegs." Elise massierte sich das verspannte Genick. Sie hatte den ganzen Tag über keine Nachricht auf ihr Handy bekommen. Anrufe auch nicht. Das war ein eindeutiges Zeichen, schätzte sie. Till hatte scheinbar auch eine Entscheidung getroffen. Vielleicht war er sogar schon abgereist.
Als könne sie Gedanken lesen, fragte Birgit da: „Bekomme ich Ärger mit Till, weil wir dich hier den ganzen Tag über festgehalten haben?"
„Nein, sicher nicht. Ich habe ihm eine Nachricht hinterlassen. Scheint ihn nicht sonderlich zu interessieren."
Jetzt, nach getaner Arbeit und ohne die Konzentration auf geschäftliche Interessen, konnte man deutlich sehen, dass Elise Kramer etwas bedrückte. „Ist alles in Ordnung bei dir? Du wirkst, als würde dir etwas auf der Seele liegen."
„Es kann gut sein, dass meine Arbeit hier ein Gastspiel wird. Ich weiß nicht, wie lange ich in Berlin bleiben werde."
„Gefällt es dir hier nicht?"
Elise zuckte mit den Schultern. „Ich fühle mich hier fremd. Wenn ich bedenke, dass ich dauerhaft in dieser Stadt bleiben soll, wird mir übel. Ich hatte vorher noch nie solches Heimweh, aber da wusste ich auch immer, dass meine Aufträge nach spätestens ein paar Wochen beendet sein würden."
Birgit schaute Elise forschend ins Gesicht. Allein daran konnte es nicht liegen. Sie hatte Probleme mit Till, ganz sicher. Eine vorsichtige Frage würde das hoffentlich ans Licht befördern. „Till kann dir dabei nicht helfen? Ich dachte, er macht drei Kreuze, dass du bei ihm bist."
„Er weiß das nicht. Es geht ihn nichts an. Es ist nicht ... Ich bin ihm zu anstrengend, fürchte ich", gab Elise zu.
„Körperlich oder als Person?", hakte Birgit nach. Die Frage war halb scherzhaft gemeint, um Elise ein wenig aufzuheitern, verfehlte aber ihr Ziel, denn Elise blieb bei ihrer Antwort sehr ernst.
„Als Person. Ich habe einige sehr schlechte Wesenszüge, Unsicherheiten und große Selbstzweifel, die ihn nerven. Das strapaziert seine Geduld über Gebühr." Es tat gut, das jemandem anzuvertrauen. „Ich weiß nicht, ob ich die Dinge einfach laufen lassen kann oder besser alles beende, um Ärger zu vermeiden."
Birgit hörte aufmerksam zu und ließ sich von Elise schildern, was sie so sehr beschäftigte und unsicher machte. Nach anfänglichem Zögern wusste die Managerin bald alles, was Elise so bedrückte.
„Du kannst doch nicht einfach eine gute Beziehung beenden, um Till zuvorzukommen! Das ist hirnrissig. Wer sagt dir denn, dass er überhaupt daran denkt, mit dir Schluss zu machen?"
„Ein Gefühl."
„Ein idiotisches Gefühl. Du solltest daran denken, dass für gewöhnlich nicht er es ist, der geht. Ist dir das schon mal in den Sinn gekommen? Er weiß sehr gut, wie es sich anfühlt, verlassen zu werden. Und trotzdem hat er dich an sich rangelassen. Noch eine Frau, von der er nicht weiß, wie lange sie bleiben wird. Sieh's einfach mal von dieser Seite, Elise. Du weißt, dass tief drin in diesem Mann ein weicher Kern sitzt. Das mit den Verletzungen ist ein zweischneidiges Schwert." Birgit legte Elise eine Hand auf den Unterarm. „Ich kenne Till schon ein paar Jahre und muss sagen, dass ich beeindruckt war, wie sehr er sich in die Beziehung mit dir reinhängt. Für eine schnelle Affäre hätte er das nicht getan. Die hätten wir vermutlich nicht mal mitbekommen. Für dich hat er dagegen gekämpft wie ein Tier, weil er dich unbedingt an seiner Seite haben wollte."
Na prima! Jetzt war sie also nicht nur ein Jammerlappen, sondern auch noch eine undankbare Egoistin. Elise konnte nicht behaupten, sich nach der Lobeshymne auf Till wesentlich besser zu fühlen. Sie wusste immer noch nicht, was sie tun würde. Sie spürte nur, dass er ihr fehlte, schon nach einem läppischen Arbeitstag ohne jeglichen Kontakt.
„Sind wir fertig für heute? Ich muss mir ein Taxi rufen, um wieder zur Wohnung zu kommen."
Birgit nickte. „Klar. Es ist spät geworden. Er wird dich schon vermissen." Der letzte Satz war als Aufmunterung gemeint, verfehlte aber ebenfalls seine Wirkung, denn Elise ging darüber hinweg, als hätte sie ihn nicht gehört.
Nachdem ihre neue Kollegin sich verabschiedet hatte, griff Birgit zu ihrem Telefon, um ein wenig Schicksal zu spielen. Sie fand, Till müsse wissen, was seine Freundin beschäftigte.
„'N Abend. Ich wollte nur Bescheid geben, dass Elise gerade gegangen ist. Wir saßen ewig über den Frachtpapieren."
Schweigen, dann ein knappes „Okay."
„Till, deine Kleine hat schlimmes Heimweh. Wusstest du das?"
Nein, das war ihm neu. Plötzlich auch noch Heimweh. Gottchen. Zusätzlich zum Märtyrertum der ewig Ungeliebten. Er musste sich beherrschen, nicht zu lachen. Ein wunderbarer Vorwand, das Weite zu suchen, und Birgit war so gutgläubig, das nicht zu durchschauen. Wie er diese Spielchen hasste!
„Sie spielt mit dem Gedanken, nach Salzburg zurückzugehen."
„Danke, dass du mir das mitgeteilt hast. Reisende soll man nicht aufhalten. Gute Nacht, Birgit."
Die Verbindung brach ab. Die Managerin schaute ratlos auf ihr Telefon. Er hatte nach unterdrückter Wut geklungen, nicht nach großer Liebe. Sie hätte nicht geglaubt, dass ausgerechnet diese Geschichte so schnell wieder beendet sein würde.

Der Empfang, den Till ihr bereitete, war erwartungsgemäß sehr unterkühlt. Er nickte ihr zur Begrüßung lediglich zu, ließ sich dann aber nicht weiter dazu herab, mit ihr zu reden oder Zeit mit ihr zu verbringen. Als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt, brütete er über seinem Notizbuch und schien schwer mit seinen Überlegungen beschäftigt.
Elise zog sich in die Küche zurück, um nachzudenken. Er redete nicht mehr mit ihr, schaute sie nicht mehr an und schien von ihrer Existenz an sich kaum noch Notiz zu nehmen. Einfach so, von jetzt auf gleich. Vor gut vierundzwanzig Stunden hatten sie sich in dieser Küche noch geliebt. Das beharrliche Schweigen kam einem stummen Rauswurf gleich. Gut, das war immerhin ein deutliches Signal. Ein Signal für ihre Rückkehr in ihr altes Leben. Es erleichterte ihr die Entscheidung. Das Läuten ihres Telefons ließ sie zusammenschrecken. Stephen, einer ihrer Vorgesetzten.
„Good evening, dear. How are you?"
„Hi, Elise. I'm good, thanks. Listen, there's something I need to tell you. Something very sad."
„Okay, go ahead", entgegnete sie unsicher. Stephen war normalerweise das britische Äquivalent zu Paul - immer gut gelaunt und jederzeit für einen Spaß zu haben. So ernst und bedrückt hatte sie ihn in all den Jahren ihrer Arbeit für die Agentur nicht erlebt.
Till hatte die Ohren gespitzt, als er das Telefonklingeln gehört hatte. Er hatte sich erhoben  und war lautlos hinaus in den Flur getreten, um das Gespräch zu belauschen.
„No, that's not true. Can't be", beharrte sie trotzig. „He would've told me."
Irgendwer schien am anderen Ende zu sprechen, dann hörte Till, dass Elise laut aufschluchzte und „When?" murmelte. Wieder ein paar Sekunden Schweigen, dann die Frage „How?"
Sie musste den Lautsprecher eingeschaltet haben, denn plötzlich hörte er eine sonore Männerstimme etwas von „Hodgkin's Disease" sagen.
„When's the funeral going to be?", fragte Elise mit brüchiger Stimme.
„On Monday, as far as I know. Highgate. His wife would like you to come over. She knows you two've always been really close. She told me to tell you how sorry she is. He didn't want anyone to know, not even his closest friends." Stephen hielt kurz inne. „Do you need a room?"
„Yes, please. The usual hotel in N6 would be nice." Ihre Stimme war kaum noch wahrnehmbar.
„I'll see to that immediately, love. I'm so terribly sorry. You must be devastated."
Elise, das konnte auch Till hören, war nicht mehr zu einer Antwort fähig. Sie gab einen tränenerstickten Laut von sich und drückte das rote Symbol auf ihrem Handydisplay.
Till lehnte im Flur an der Wand und zählte eins und eins zusammen. Ein enger Freund Elises war gestorben. Er hörte, dass sie hemmungslos weinte. Das waren keine Krokodilstränen, um ihn anzulocken; das war echte Bestürzung und tiefe Trauer. Nach einer Weile hörte er sie wieder sprechen.
„Birgit, entschuldige die späte Störung. Gerade kam ein Anruf. Stephen, mein Vorgesetzter hat ... Ich brauche ein paar Tage Urlaub. Ich muss ..." Ihr versagte die Stimme. „Eine Beerdigung in London."
Sie konnte sich kaum zusammennehmen. Till kämpfte gegen den Reflex, sie in die Arme nehmen zu wollen, an.
„Ein sehr, sehr lieber ..." Sie schluchzte wieder auf. „Ein Freund."
Birgit musste den Urlaub genehmigt haben, denn Elise bedankte sich und wurde wieder still. Was sollte er nun tun - sie trösten oder sich selbst überlassen? Hätte es den vergangenen Abend nicht gegeben, wäre klar gewesen, dass er ihr Trost zugesprochen und angeboten hätte, sie nach London zu begleiten. Aber nun? Till brachte es nicht über sich, weil er wusste, dass sie so oder so schon auf dem Sprung hinaus aus seinem Leben war. Nein, er würde sie nicht aufhalten und auch nicht trösten. Er hatte sich monatelang für eine Frau zum Hanswurst gemacht, die ihm nicht vertraute. Welchen Wert hätten dann beschwichtigende Worte und schützende Umarmungen? Keinen. Ohne Vertrauen war alles wertlos. Till ging zurück ins Wohnzimmer, schaffte es aber auch an diesem Abend nicht, sich auf seinen Text zu konzentrieren.
Später, als er im Bett lag, wartete er vergeblich darauf, dass die Tür sich öffnete und Elise neben ihm unter die Decke schlüpfte. Da, in der Stille und viel zu spät, merkte er, wie sehr sie ihm fehlte. Das beruhigende Gefühl, sie bei sich zu haben, sie zu halten und in Sicherheit zu wissen, war stärker als die Wut und die Enttäuschung. Elise konnte lernen, ihm zu vertrauen. So schwer würde es sicher nicht sein, ihr das beizubringen.
Er stand auf und machte sich auf die Suche nach ihr. Im Gästezimmer war alles unberührt. Dafür stand im Flur eine gepackte Reisetasche, obenauf säuberlich gefaltete Kleidung. Schwarz. 'Schwarz nur auf Beerdigungen' hörte Till ihre Stimme in seinem Kopf. Auch da hatte sie die Wahrheit gesagt. Er ging weiter ins Wohnzimmer, wo er sie auf der Couch liegend vorfand. Sie musste irgendwann eingeschlafen und zur Seite gekippt sein, eingehüllt in eine dünne Decke. Elises Gesicht, das ließ sich sogar in der kargen Beleuchtung, die vom Flur hereindrang, erkennen, war gerötet und um die Augen angeschwollen. Auch die Punktblutungen an den Schläfen waren wieder da. Sie litt und er hatte sie allein gelassen.

Till schlief nicht viel in dieser Nacht und bekam am Morgen sofort mit, dass Elise auf den Beinen war. Er stand auf und fand sie mit einer Tasse Tee in der Küche. Sie war fertig angezogen. Zum ersten Mal sah er sie von Kopf bis Fuß in schwarz gekleidet. Dazu trug sie kaum sichtbares Makeup, das die Spuren der Heulkrämpfe nicht vollständig verdecken konnte. Was bei anderen Frauen edel oder zumindest sexy wirkte, sah bei Elise einfach nur beschissen aus. Die Farbe kleidete sie nicht.
„Guten Morgen."
„Morgen", gab sie matt zurück. „Ich muss nach London. Darf ich mein Gepäck bei dir lassen, bis ich wieder zurück bin?"
„Selbstverständlich. Das ist auch dein Zuhause", versuchte Till es mit ein wenig Entgegenkommen und sah, wie sie bei seinen Worten zusammenzuckte. „Du kommst also zurück?"
„Vorerst. Ich hole alles ab, sobald ich eine andere Unterkunft gefunden habe." Sie sah Till in die Augen und betete, dass er sie wenigstens jetzt einmal in den Arm nehmen würde, sich richtig von ihr verabschieden würde, doch er stand nur da und nickte. Sie konnte nicht verhindern, dass sich eine Träne aus ihrem Augenwinkel löste und sich eilig einen Weg über ihre Wange bahnte. „Grüß' deine Kollegen von mir und pass' auf dich auf. Auf Wiedersehen, Till."
„Mach's gut, Elise." Er schaute ihr dabei zu, wie sie ihre Reisetasche schulterte und die Wohnungstür öffnete. Der letzte Moment, der noch für eine Verabschiedung und die Bitte, alles zu überdenken, getaugt hätte, verstrich. Die Tür öffnete sich und schloss sich hinter Elise wieder. Zurück blieben Stille, Leere und Übelkeit.
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Braucht ihr jetzt was zur Beruhigung - Baldrian, Schnaps, Lavendelkissen? Es sei euch gegönnt, denn ich war diesmal wirklich nicht sehr nett. ;) Fortsetzung dann pünktlich nächste Woche.
Viele von euch sind in den letzten Wochen still geworden. Sehr still. Wenn ihr das hier lest, heißt das, dass ihr euch noch nicht verkrümelt habt. Meldet euch doch mal wieder, dann weiß ich auch, dass es euch gut geht. :D