Nachsaison mit (Herz-) Dame

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16
27.12.2018
18.05.2019
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Danke, dass so viele von euch lautstark nach dieser Fortsetzung gerufen haben. Kapitel wird es, wie immer, samstags nach Mitternacht geben. Ich hoffe, ihr habt auch diesmal wieder Spaß beim Lesen und lasst hin und wieder mal was von euch hören.
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„Wie stellst du dir das vor? Hat einer von euch mal einen Blick auf Frau Kramers Portfolio geworfen?"
Hatten sie nicht. Wie auch? Wann auch?
Birgit und Jan vom Management tauschten mitleidige Blicke. „Da. Gut durchlesen und staunen. Wir hatten tierisches Glück, die Dame überhaupt für den Sommer buchen zu können. Was schwebt euch denn jetzt vor - einfach mal nachfragen und nett lächeln?"
Alle sechs Männer hingen über Elises Referenzen und staunten Bauklötze. Nicht alle, aber die meisten Namen waren ihnen geläufig und zeigten, dass Richards Sorge um den eigenen Bekanntheitsgrad durchaus berechtigt gewesen war. Da tummelten sich Persönlichkeiten aus der Wirtschafts- und der Showbranche, die man einfach kennen musste.
„Scheiße, Lise hat damals kräftig tiefgestapelt!", entfuhr es Schneider. Nicht einmal ihm hatte sie verraten, wer sich auf der Liste ihrer Klienten befand.
„Und mir hat sie vorgemacht, dass wir für sie eine große Nummer waren." Richard schien wenig erfreut über die Auflistung.
„Weil es so war. Sie hat die Arbeit für uns sehr genossen", wies Till die Quengelei seines Kollegen zurück.
„Was, glaubt ihr, sollen wir unternehmen, um sie in euer Team zu holen? Und in welcher Funktion?"
Till hatte sich das Genörgel lang genug angehört. Seine flache Hand sauste auf die Tischplatte nieder und brachte die Kaffeetassen auf ihren Untertassen zum Tanzen. „Ist. Mir. Egal." Er holte tief Luft und zwang sich zur Ruhe. „Mir ist vollkommen gleich, wie ihr es anstellt, aber ihr sorgt dafür, dass Elise wieder ein Teil von uns wird. Bietet ihr Geld, Privilegien, was auch immer. Ich will sie bei uns haben."
Vielleicht wäre es leichter, wenn er auch vor seinem Management zugeben würde, dass Elise zu ihm gehörte, aber das brachte er ebenso nicht über sich, wie er es nicht schaffte, Elise ins Gesicht zu sagen, wie gern er sie wieder bei sich haben wollte. Dass der Rest der Band das alles stillschweigend akzeptierte, rechnete er jedem Einzelnen hoch an.
Die beiden Manager schauten erwartungsvoll in die Runde. Sie waren gerüstet für einen Sturm der Entrüstung, den Beginn endloser Diskussionen und heftigen Widerstand gegen Tills Pläne, doch nichts dergleichen geschah. Sie sahen zustimmendes Nicken in verschiedenen Abstufungen der Heftigkeit und waren erstaunt. Eine so umfassende Einigkeit in einem derart wichtigen Punkt war selten.
„Gibt es etwas, was wir in diesem Zusammenhang wissen sollten? Etwas Privates?", fragte Birgit sachlich nach.
„Wir haben uns in den gemeinsam verbrachten Wochen sehr miteinander angefreundet und möchten Lise gern dauerhaft als Teil unseres Teams verstehen", ergriff Christoph das Wort. „Sie ist eine enge Vertraute geworden."
„Sie ist was Besonderes für uns", bestätigte Flake.
„Wir haben ihre Dienste sehr geschätzt und wissen, dass sie auch auf Tour sehr hilfreich wäre", brachte sich auch Olli in die Unterhaltung ein.
Paul grinste breit. „Ick hab' die Kleene einfach lieb. Die jehört zur Familie."
„Ich kenne niemanden sonst, der so geduldig, freundlich, locker und gleichzeitg so bestimmt ist", gab auch Richard zu. „Das schließt Olli und Paul mit ein."
Jan seufzte langgezogen. „Na schön, wir versuchen unser Möglichstes, können aber nichts versprechen. Besser, ihr macht euch keine zu großen Hoffnungen."
„Jan, nicht reden. Machen", ermahnte Till den Manager. Es war inzwischen Anfang Oktober und die Zeit bis zu den Konzerten in Mexiko wurde langsam knapp.

Eineinhalb Wochen später saßen Till, Christoph, Olli, Paul, Flake und Richard ihren Managern wieder gegenüber, um Details für den Ausflug nach Mittelamerika zu besprechen.
„Ach so, und wir haben noch ein paar Neuigkeiten. Gestern kam die Rückmeldung von Frau Kramers Agentur." Birgit klopfte auf einen ungeöffneten Karton. „Und das hier."
Alle sechs Männer lehnten sich auf ihren Stühlen nach vorn. Von einer Sekunde auf die nächste wurde die Spannung unerträglich. „Und? Sagt schon!"
„Eine lange Liste an Bedingungen. Lest selbst." Sie händigte den Männern die Liste in sechsfacher Ausfertigung aus und wartete.
„Dit is' meine Lise!", meinte Paul strahlend.
„Nicht ihr Ernst, oder?", amüsierte sich Olli.
„So kennen wir unsere Lise." Schneiders Augen blitzten die Managerin fröhlich an.
Selbst Till grinste in sich hinein. „Allerdings. Lässt sich alles einrichten. Sag' ihr, dass wir alles möglich machen."
Er hatte seit zwei Wochen nichts von ihr gehört, weil ihr ein kurzfristiger Auftrag dazwischengekommen war. Ein Geschäftsmann hatte sie als persönliche Assistentin auf einem Businesstrip nach Kanada gebucht. Elise hatte schon vorher gewusst, dass sie keine Zeit für ausführliche Telefonate haben würde und Till auf die Zeit danach vertröstet. Gefallen hatte ihm das nicht, aber wenigstens hatte es ihn vor einem höchstwahrscheinlich recht ungemütlichen Anruf geschützt. Als ihre Agenur ihr das Angebot von Rammstein übermittelt hatte, musste sie aus allen Wolken gefallen sein, denn Till hatte ihr gegenüber nie auch nur eine Andeutung gemacht. Wäre sie nicht beschäftigt gewesen, hätte sie ihn unter Garantie am Telefon zur Rede gestellt.
„So, wat ham wa denn da Feinet?" Elise würde wieder mit ihnen arbeiten, also konnten sie sich dem nächsten Punkt auf der Tagesordnung widmen, fand Paul. Zeit, die Zügel wieder ein wenig anzuziehen.
„Nur von euch persönlich zu öffnen. Kommt von Frau Kramer."
„Dann weeß ick Bescheid", freute sich Flake. „Haste ma' 'n Brieföffner da?" Er kramte wahllos in den Schreibutensilien auf dem Tisch herum.
„Warte, das haben wir gleich." Till zog ein Schweizer Messer aus seiner Hosentasche und öffnete das Paket.
Sechs säuberlich zugeklebte und mit Namen versehene Umschläge lagen da und warteten darauf, geöffnet zu werden.
„Ich hätte nicht gedacht, dass sie das wirklich macht", wunderte sich Richard, als er sein Kuvert in den Händen drehte.
„Hat Elise uns jemals enttäuscht?"
„Nee, nie", beantwortete Paul Tills Frage. „Ick bin total jespannt."
„Was habt ihr da mit Frau Kramer am Laufen, wenn ich fragen darf?", erkundigte sich Birgit bei ihren Klienten.
„Wirste gleich sehen." Flake öffnete die Lasche und zog seine Socken und einen Brief aus dem braunen Umschlag.
Seine Kollegen taten es ihm gleich und beförderten vier weitere Paar Socken in gedeckten Farbtönen für Herren und ein Paar in einem auffälligen Knallrot ans Tageslicht.
Tills schallendes Lachen dröhnte durch den Raum. „Ich hätt's wissen müssen!"
„Warum sehen deine anders aus als unsere?", wollte Schneider wissen.
„Geile Farbe! Die machen echt wat her", befand Paul anerkennend.
„Diese beiden Schätzchen habe ich einer netten Unterhaltung zu verdanken. Ich habe die Farbe zufällig gewählt. Hätte ich damals 'grasgrün' gesagt, wären die jetzt grün. Verrückte Nudel."
Birgit und Jan schauten erst den Sänger, dann einander an. Keinem am Tisch war der geradezu zärtliche Tonfall des kräftigen Mannes entgangen, aber es war wie immer - niemand sagte etwas. Die sechs waren, wenn es hart auf hart kam, wie eine Wand aus Stahlbeton.
„Ihr habt die Strümpfe bei Frau Kramer bestellt?" Jan blickte zweifelnd in die Runde.
„Till hat uns von Lises erstaunlichen Fähigkeiten berichtet, und wir wollten sie ein bisschen auf den Arm nehmen. Nur hätten wir nicht gedacht, dass sie das wirklich durchzieht." Richard hatte ihren Brief an ihn durchgelesen und erstattete dem Manager Bericht, als ginge es um nichts weiter als den Wetterbericht.
„Ich wusste, dass sie's tun würde", murmelte Till, während er seinen Brief grinsend durchlas. „Elise hat uns noch nie einen Wunsch abgeschlagen." Und sie hatte ihm einen Brief voller versteckter Anzüglichkeiten geschrieben, dessen trockener Humor ihn spüren ließ, wie sehr sie ihm fehlte.
Jans Augen weiteten sich. „Klingt, als würdest du sie besonders gut kennen."
Das einhellige Kopfschütteln der sechs Männer hatte etwas Verdächtiges. Wenn sie so reagierten, gab das Anlass zu Zweifeln.
„Würde ich nicht sagen", widersprach Olli, der sich bis dahin weitestgehend aus allem herausgehalten hatte. „Jeder von uns kennt Lise inzwischen richtig gut. Es mag dich überraschen, aber wir reden alle mit ihr. Frag' mal Schneider."
„Lise redet gern mit uns, stimmt. Da lernt man sich kennen. Oder glaubt ihr, wir hätten uns hingesetzt und ihr beim Putzen oder Kochen zugeschaut? Wir waren da in Frankreich eine Gemeinschaft." Der Drummer zuckte mit den Schultern.
„Und denkste, dass wir bei unseren Wandertouren wie die Stockfische nebeneinander jelaufen sind, ohne zu quatschen? Da erfährt man viel vom anderen. Wir sind doch keene Snobs, die nich' mit den Leuten reden!" Auch Flake zuckte mit den Schultern und schüttelte verständnislos den Kopf.
Die Wand. Da würde nichts durchdringen. Aber Tills Lächeln und sein vehementer Einsatz für Elise Kramers Weiterbeschäftigung waren quasi Beweis genug. Für sie als Manager würde das noch heiter werden, da waren sich Birgit und Jan einig.
Was Till, neben Elises Brief, so fröhlich gestimmt hatte, waren vor allem ihre 'Forderungen' an die Band und das Management. Sie forderte keine Privilegien, sondern lediglich einen gründlichen Einblick in die Arbeitsabläufe, wollte ihre Kollegen kennenlernen und wissen, wie sie sich in Zukunft nützlich machen sollte. Immer bescheiden, nie auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Dafür hatte er sie lieben gelernt.
„Nächste Woche haben wir sie wieder", rutschte ihm versehentlich heraus.
„Hm, dann hat sie ihren Job in Kanada geschafft", stimmte Schneider zu.
Till warf dem Drummer einen kurzen Blick zu, erleichtert, dass er ihm zur Seite gesprungen war.
„Der Typ, für den sie da arbeitet, muss echt anstrengend sein. Der scheint kaum zu schlafen und nur an seine Arbeit zu denken." Schneider verzog abschätzig den Mund. „Und Lise muss springen, sobald er ihr das Stöckchen hinhält."
„Wenn der daheim auch so ist, wird sich seine Ehefrau schön bedanken. Oder anderweitig amüsieren", gab Richard zu bedenken.
„Ehemann", korrigierte Till. „Und er hat ihn auf der Reise dabei."
„Noch schlimmer. Da ist der arme Kerl schon extra mitgekommen und kommt trotzdem nicht zum Zug. Ich an seiner Stelle würde kein Wort mehr mit dem Stöckchenhalter reden", meinte Richard angesäuert.
„Mir egal, ob die zum Ficken kommen, aber ich finde diese Art einfach unmöglich." Till nahm den letzten Schluck seines inzwischen kalten Kaffees, verzog angewidert den Mund und lehnte sich zurück.
Christoph nickte. „Kein guter Arbeitgeber. Kann uns nicht das Wasser reichen."
„Dit kann keener", pflichtete Paul ihm bei.
Birgit und Jan hatten sich den Schlagabtausch schweigend angehört. Beide fanden es erstaunlich, dass gleich mehrere Bandmitglieder in so engem Kontakt mit Elise Kramer zu stehen schienen, allen voran Till. Dabei war der doch vor der Abreise nach Frankreich so gar nicht für ihre Mitarbeit zu begeistern gewesen.
„War das alles? Ich hab' noch was vor." Olli erhob sich, steckte sein Telefon ein und nahm seinen Briefumschlag vom Tisch.
„Jute Idee. Wir ham doch allet jeklärt, oder?" Auch Paul sammelte seine Habseligkeiten ein und stand auf.
Innerhalb kürzester Zeit hatten sich alle Männer verabschiedet und ließen ihre zwei anwesenden Manager etwas ratlos zurück.
„Wenn wir das Stefan und Anna erzählen, halten die uns für bescheuert." Birgit war nicht wirklich zufrieden mit dem Verlauf der Unterhaltung.
„In welcher Funktion soll diese Elise eigentlich für die Band arbeiten? Alle Stellen sind besetzt."
Birgit zuckte mit den Schultern. „Das sollen die sich mal schön selber überlegen. Würde mich aber nicht wundern, wenn sie vorrangig als Betthäschen arbeiten wird."

Vor ihrem Abflug aus Kanada hatte Elise die Zeit für eine kurze Nachricht an Till aufbringen können. Er hatte fest mit Gift und Galle gerechnet, weil er hinter ihrem Rücken dafür gesorgt hatte, dass sie wieder Teil der Rammstein-Crew wurde. Stattdessen ließ sie ihn wissen, dass sie ihn für feige und verschlagen hielt und noch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen hätte. Er könne sich schon mal nach einem passenden Felsen umschauen, an den sie ihn ketten würde.
„Du freust dich auf Lise, gib's zu!"
Sie saßen im Probenraum herum, nachdem Paul alle mit Nachdruck dazu aufgefordert hatte, dort ein wenig für Ordnung zu sorgen. Nicht nur Richard, der Till angesprochen hatte, hatte bemerkt, wie sehr sich die Laune seines Kumpels besserte, je näher Elises Ankunft rückte.
„Wie kommste bloß da drauf? Nur weil Till wie ein Idiot auf sein Handydisplay stiert und grinst wie ein Honigkuchenpferd? Das is' noch lange kein Grund", machte sich Flake über den Sänger lustig.
„Obacht, Flake! Ganz dünnes Eis. Und ja, ich freue mich auf Elise."
„Wo wollen wir sie arbeitsmäßig überhaupt unterbringen? Wir schleppen doch sowieso schon so viele Leute mit uns." Olli hatte sich darüber so seine Gedanken gemacht und war zu keinem richtigen Schluss gekommen.
Richard zündete sich eine Zigarette an, lehnte sich auf der bequemen Couch zurück und meinte fachmännisch: „Ich habe mir überlegt, dass wir sie ein bisschen helikoptern lassen."
„Was?", fragten alle wie aus einem Mund.
„Na, sie kann darauf achten, dass Tom und Paulo nichts durchrutscht, Heike helfen, wenn die mal wieder nicht weiß, wo ihr der Kopf steht und so weiter. Wenn sich Till nicht gerade in sie verkeilt hat, versteht sich."
Für den letzten Satz traf den Gitarristen ein giftiger Blick. „Noch dünneres Eis. Ist dir klar, oder?" Dann grinste Till doch noch. „Aber die Idee klingt ganz vernünftig. Wir müssen das nur so hinkriegen, dass sich niemand überflüssig, überwacht oder in die Ecke gedrängt fühlt. Wenn ich mich nicht irre, ist Elise die Arbeit in einem Team nicht gewohnt, schon gar nicht in einem derart großen wie unserem."
„Wir beschäftigen sie schon, keine Sorge." Schneider drehte einen seiner Sticks zwischen Zeige- und Mittelfinger. „Zur Not machen wir sie einfach zu unserer ganz persönlichen Assistentin, noch persönlicher als Tom und Paulo. Immerhin würdest du mit denen nicht in die Kiste steigen, oder?"
Till nickte feierlich. „Das siehst du ganz richtig. Und wenn sie uns nur zuschaut und mit uns baden geht, ist mir das auch egal. Ich will sie um jeden Preis von solchen Arschlöchern wie dem Kanada-Heini weg haben."
„Wo wird unsere Süße denn wohnen?", fiel Paul ein. „Hotelzimmer, Pension, privat?"
„Privat. Elise macht kurz Halt in Salzburg, schnappt sich ihre Koffer und bringt alles mit nach Berlin. Du glaubst doch nicht, dass ich sie in einem Hotel wohnen lasse?", entrüstete sich Till.
„Nee, is' klar. Wer verzichtet freiwillig auf 'ne Süße, die die Bude wienert und ooch noch dit Bette wärmt? Aber reist Lise mit so leichtem Jepäck, dass nüscht in Salzburg bleiben muss?"
„Sie meint, dass bei solchen Aktionen immer Übergepäck anfällt, aber alles in drei große Koffer und eine Reisetasche passt", antwortete Olli statt Till. Über solche Sachen hatten sie sich bei ihren Küchengesprächen in Frankreich ausgiebig unterhalten. Wenn sich jemand mit begrenzten Kapazitäten auskannte, dann Lise. Sie musste wie geschaffen für das beengte Tourleben sein.
„Auch nicht schön, so ganz ohne festes Zuhause", sinnierte Flake. „Bleibt Lise denn nie länger als ein paar Monate an einem Ort?"
„Klang nicht danach. Ihre Kunden bestimmen, wo sie wohnt. Zwischen ihren Jobs lebt sie in einer Pension in Salzburg. Und immer dann, wenn sie für Professor Schernitzky arbeitet", gab Till bereitwillig Auskunft über die Details, die er von ihr wusste.
„Und ihre Eltern? Kann sie nich' zu denen? Ick hab' nie verstanden, was da los is'." Flake hatte versucht, Elise diesen Teil ihrer Geschichte zu entlocken, hatte aber nur ausweichende Antworten bekommen.
Till seufzte. Er wollte nichts ausplaudern, das ihr unangenehm sein würde, wollte aber andererseits, dass seine Kollegen wussten, welche Themen sie ihr gegenüber besser nicht ansprachen.
„Ihre Eltern sind die letzten Personen, zu denen Elise gehen würde. Die wollten sie scheinbar nie, hätten sich stattdessen einen ordentlichen Stammhalter gewünscht und haben sie nicht gerade mit Liebe überschüttet."
„Kommt mir bekannt vor", schnaubte Richard abfällig.
„Das ist noch nett ausgedrückt, Till", meldete sich Olli zu Wort. „Mir hat sie ein paar Geschichten aus ihrem Leben erzählt, die schlimm nach Aschenputtel klangen. Kein Wunder, dass ihr der Haushaltskram so leicht von der Hand geht. Den hat man ihr von der Wiege an eingeimpft."
„Die Minderwertigkeitskomplexe auch", stimmte Christoph zu. „Das klang immer wieder deutlich heraus. Dabei ist sie so 'ne Liebe."
„Armes Mädel! Dann sind wir eben jetzt ihre Familie. Is' mal wat Neuet für die Kleene und entschädigt für allet." Paul hatte eine Entscheidung getroffen und würde nicht mehr davon abrücken.
„Sag' mal, was hat es eigentlich mit diesem Professor auf sich? Warum spendieren wir dem und seinem Kumpel den Trip nach Mexiko mit allem Drum und Dran?" Richard hatte das als Geschenk für einen Fremden recht happig gefunden.
„In einer ruhigen Minute, und davon hatten wir nicht sehr viele, hat mir Elise mal vorgerechnet, was den guten Herrn das Wochenende in Salzburg gekostet hat. Da ist mir für einen Moment die Spucke weggeblieben, weil mir nicht bewusst war, wie verflucht teuer die Tickets waren und was so ein Doppelzimmer zur Festspielsaison kostet. Das war nicht großzügig, sondern selbstlos. Und der macht das jedes Jahr für Elise. Jedes verdammte Jahr." Till schaute in die Runde und wartete geduldig auf die Reaktionen seiner Kollegen.
„Von welchen Summen sprechen wir hier genau?", hakte Richard nach.
„Die Sitzplätze lagen zwischen dreihundert und gut vierhundert Euro. Rechne das mal vier und nimm' ein Hotel dazu, bei dem ein normales Doppelzimmer so viel kostet wie eine Suite. Für vier Tage. Plus jeweils zwei Hin- und Rückflüge in der Business Class."
Richard machte sich tatsächlich die Mühe, die Summe zu überschlagen und pfiff leise durch die Zähne. „Wow, nicht übel. Und alles aus Dankbarkeit, oder musste Lise dem Prof dafür auch horizontal zu Diensten sein?"
„Kein Sex. Der Typ ist einfach nur verdammt nett und besitzt diesen altmodischen Charme, der schon wieder lässig ist. Das Beste muss aber sein Kumpel Karli sein. Der ist den Erzählungen nach knallharter Rammstein-Fan, Professor für Germanistik und Philosophie und nimmt unsere Texte regelmäßig in seinen Seminaren durch. Gäbe es besagten Karli nicht, hätten wir Elise garantiert nicht kennengelernt, denn er hat sie und seinen Kumpel Schernitzky da erst mit reingezogen."
„Wahrscheinlich hat Lises Professor mehr Kohle ausgegeben als wir für den kleinen Trip nach Mexiko", befand Schneider, nachdem auch er nochmal nachgerechnet hatte.
„Sehr wahrscheinlich. Deshalb möchte ich, dass die beiden Herren eine richtig geile Zeit haben und das alles genießen können."
„Dit werden se. Da kannste dir druff verlassen." Paul war beeindruckt davon, dass jemand sich so große Mühe gab, um einem geschätzten Menschen eine Freude zu bereiten.
„Fest steht aber schon mal, dass wir Lise alle gemeinsam vom Flughafen abholen", entschied Richard für alle anderen gleich mit. „Ich denke mal, dass meine Chancen bei ihr nur gestiegen sein können, nachdem wir uns jetzt wochenlang nicht gesehen haben. So eine Trennung lässt vieles in einem anderen Licht erscheinen." Er sagte das zwar hauptsächlich, um Till ein wenig aufzuziehen, aber insgeheim hoffte er, beim zweiten Anlauf einen freundschaftlicheren Zugang zu ihr zu finden.
„Versuch's, Scholle, und du wirst dein blaues Wunder erleben. Wenn ich deine Griffel auch nur in der Nähe dieser Frau sehe, breche ich dir jeden Finger einzeln." Dabei klang Till nicht, als wäre er zu Scherzen aufgelegt.
„Und wir würden ihn für dich festhalten." Olli schaute seinen Kumpel todernst an.
Richard war seine große Klappe dann doch ein klitzekleines bisschen unangenehm. Er hob abwehrend beide Hände und grinste schief. „Is' ja schon gut. Ich würde es niemals wagen. Ihr seid einfach zu niedlich zusammen. Aber ich bleibe dabei: Wir holen sie gemeinsam ab."
Dagegen hatte niemand Einwände vorzubringen. Das Rammstein-Empfangskomitee war beschlossene Sache.
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Na, zufrieden mit dem Auftakt? Lasst es mich wissen. Antwort bekommt ihr auf jeden Fall. :D
 
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