Die Herberts-Suche

KurzgeschichteAllgemein / P6
26.12.2018
26.12.2018
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Halli Hallo!
Auch ich wünsche allen noch Frohe Weihnachten und schöne Feiertage! <3
Die Idee für die Geschichte kam, als meine Mutter telefonierte und meine Schwestern und ich auch im selben Raum waren. Da wir ihr ja nicht zuhörten, haben wir nur am Rande mitbekommen, wie sie "Herbergssuche" sagte und haben uns vor Lachen fast weggeschmissen, weil wir "Herbertssuche" verstanden hatten... xD
Naja, auf jeden Fall viel Spaß beim Lesen!
Liebe Grüße
Frozen



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Die Herberts-Suche




Die Weihnachtszeit. Was gab es Schöneres? Die vielen Lichter überall – an Bäumen, auf Dächern, an Girlanden, in Fenstern. Die kalte Luft draußen, die den Duft nach Schnee brachte, und die warme Luft in den Häusern, die nach frischen Plätzchen und Tannenzweigen duftete. Die angespannte, aber auch irgendwie festliche Stimmung der vielen Leute beim vorweihnachtlichen Einkauf. Die Geheimniskrämerei der Erwachsenen und die Vorfreude der Kinder. Keine andere Zeit des Jahres konnte diesen Zauber und die besondere Atmosphäre vorweisen, die das Leben auf der ganzen Welt jedes Jahr aufs Neue zu bestimmen schien. All der Trubel und die Überraschungen und die Liebe und mittendrin –

„Verdammte Scheiße!“

Theo schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, bereute es aber augenblicklich wieder, als ein stechender Schmerz durch ihre Finger schoss. Fluchend rieb sie sich die brennende Handfläche. Wenn ihre Mutter zuhause gewesen wäre, hätte sie sich einen Vortrag über ihre „unangebrachte Ausdrucksweise“ anhören dürfen, doch zum Glück waren ihre Eltern an diesem Abend ausgegangen. Und das war nicht nur wegen der Schimpfwörter gut so: Die Anwesenheit von irgendwem – der vermutlich auch noch seine Hilfe anbot – war das Letzte, das sie gerade brauchen konnte.

Der Schmerz in ihrer Hand ließ langsam nach und sie schnappte sich mit zusammen gebissenen Zähnen einen Zettel und einen Stift aus der Schublade. Zur Sicherheit warf sie noch einmal einen schnellen Blick auf die Uhr – doch vergebens. Die Läden hatten alle schon geschlossen, selbst wenn sie ein Auto gehabt hätte und dadurch in nur ein paar Minuten im nächsten Geschäft gewesen wäre, wäre es schon zu spät.

Wütend – und fester aufdrückend als nötig – schrieb sie DRUCKERPATRONEN!!! Auf den Zettel und klatschte ihn gut sichtbar an die Pinnwand. Dann wandte sie sich wieder dem Laptop und Drucker zu, welche durch ein Kabel miteinander verbunden waren.

Es war einfach nicht zufassen. Sie war immer pünktlich, nie wartete sie bis zur letzten Minute, um etwas vorzubereiten, hatte immer alles rechtzeitig geplant. Immer. Nur dieses eine Mal war sie spät dran. Dieses eine Mal hatte sie gedacht, dass es reichen würde, die Texte am Abend vorher auszudrucken und nicht schon am Anfang der Woche, als sie sie fertig zusammengestellt hatte. Doch jetzt waren die Druckerpatronen leer und keine Unbenutzten mehr im Haus und die Läden zu und der Gedanke an die Nachbarn nervte sie und so stand sie da mit leeren Händen und einer schon schmerzhaft gerunzelten Stirn und überlegte, was sie tun konnte. Und dann stieß sie ein frustriertes Schnauben aus, denn es gab wirklich nur eines, das sie tun konnte, und so hatte sie sich ihren Abend ohne Eltern wirklich nicht vorgestellt.

Etwas unvorsichtiger als sonst entfernte Theo das Kabel vom Laptop und ging etwas geräuschvoller als sonst die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Dort stellte sie die Musik etwas lauter als sonst und zog etwas ruckartiger als sonst ihren Block aus der Schultasche. Sie umklammerte ihren Stift etwas fester als sonst und fing etwas energischer als sonst an, die Zeilen, die sie auf dem Dokument auf ihrem Laptop geöffnet hatte, abzuschreiben.

Das Abschreiben dauerte bedeutend länger, als alles einfach mehrmals auszudrucken und Theo wusste, dass sie morgen in ihrer Schulpause zu dem Kopierer vor dem Sekretariat würde gehen und für ein wenig Kleingeld die handgeschriebenen Seiten würde kopieren müssen. Es ärgerte sie, dass der für Schüler zugängliche Drucker zum einen Geld kostete und zum anderen noch nicht mal einen USB-Anschluss hatte. Doch eine andere Wahl hatte sie nicht. Sie hatte morgen lange Unterricht und danach war gleich das Treffen, zu dem sie die Texte mitbringen musste. Also schrieb sie Seite um Seite, in ihrer saubersten Schrift, denn die anderen würden es ja lesen können müssen.

Mit der Zeit merkte sie, dass ihre Wut und Genervtheit langsam abgeklungen waren. Die eintönige Beschäftigung und die Musik im Hintergrund hatten sie etwas beruhigt und als sie schließlich den Stift beiseite legte und ihre verkrampfte Hand ausschüttelte, atmete sie wieder gleichmäßiger und lehnte sich ruhiger im Stuhl zurück. Sie betrachtete die beschriebenen Seiten vor sich und seufzte. Sie hoffte, das Treffen morgen war die Mühe wert gewesen.





„Okay, Leute, kommt mal alle her und setzt euch hin! Wir wollen anfangen!“

Theo holte die Mappe mit den Texten aus ihrer Tasche, während die Kinder, die zuvor noch durch den Raum gerannt und miteinander gespielt hatten, jetzt langsam zu ihr herüber kamen und sich in dem Stuhlkreis niederließen.

„Kann mir jemand sagen, was am Sonntag für ein Tag ist?“

Sie sah die Kinder abwartend an und nickte dann einem braunhaarigen Mädchen zu, das sich als erste gemeldet hatte. „Ja, Alyssa?“

„Der dritte Advent“, verkündete Alyssa und Theo nickte.

„Genau, am Sonntag ist der dritte Advent. Wie lange dauert es dann also noch bis Weihnachten? Emma?“

Das blonde Mädchen kaute einige Sekunden nachdenklich auf ihrer Unterlippe, dann sah sie auf und sagte: „Nicht ganz zwei Wochen, oder Theo? Heute ist Freitag und in einer Woche ist fast der vierte Advent und am Tag danach ist Weihnachten. Also eine Woche und drei Tage.“

Theo lächelte. „Ganz genau. Wir haben also noch fast zwei Wochen Zeit. Das ist viel, aber wir müssen noch einiges vorbereiten. Letzte Woche haben wir die Rollen verteilt. Wisst ihr noch, wer ihr seid?“

Die Antwort war Nicken reihum und aufgeregtes Reden. Theo öffnete ihre Mappe und holte die zusammengehefteten Texte heraus. Sie stand auf und wartete, bis alle wieder zur Ruhe gekommen waren und sie erwartungsvoll ansahen.

„Ich habe euch aufgeschrieben, was ihr sagen müsst. Wollen wir mal schauen, wer sich noch an seine Rolle erinnern kann?“

Auf die Frage folgten begeisterte Ja!-Rufe und Theo musste über die Aufregung, sich beweisen zu können, schmunzeln.

„Also gut. Ich lese den Namen der Rolle vor und ihr meldet euch, wenn ihr damit gemeint seid. Habt ihr ein paar Stifte dabei, wie ich letzte Woche gesagt habe?“, fragte sie und die Kinder nickten. „Gut. Schreibt bitte gleich eure Namen oben auf die Blätter und markiert die Zeilen, die ihr euch merken müsst. Fangen wir einfach von vorne an. Wer ist Maria?“

Alyssas Hand schoss in die Höhe und Theo nickte. Sie ging zu dem Mädchen hinüber und reichte ihr ihre Kopie.

„Weiter geht’s mit … Josef!“

Die Hand eines Jungen mit roten Schuhen und hellbraunen Haaren flog in die Luft. „Das bin ich!“

Theo nickte und gab ihm die Zettel. Sofort holte er einen Stift aus seinem Mäppchen am Boden und schrieb sorgfältig Herbert in die obere Ecke.

„Der Engel?“

Zögerlich hob ein blonder Junge die Hand. „Das bin ich, oder?“ Sein Freund neben ihm nickte. „Ja, letzte Woche hast du gesagt, dass Hannes der Engel sein darf! Und ich bin der Wirt!“

„Richtig, Chris“, stimmte sie zu. „Aber melde dich bitte das nächste Mal, wir sind zwar nicht in der Schule, aber es ist einfacher, wenn nicht alle durcheinander rufen.“

Sie gab auch Hannes und Chris ihre Texte und machte der Liste nach weiter. Als sie auch den Hirten und Schafen und Ochs und Esel und natürlich auch den drei Königen ihre Texte gegeben hatte, ging sie zu Emma und reichte auch ihr die Kopie. Sie würde sich den meisten Text markieren müssen, denn Theo hatte sie für die Rolle der Erzählerin ausgewählt. Doch Emma sah sie zweifelnd an.

„Bist du dir sicher, dass das eine gute Idee ist, Theo?“, fragte das Mädchen und Theo hörte die Unsicherheit in ihrer Stimme. Sie ging in die Hocke, damit sie mehr auf Augenhöhe waren, und lächelte beruhigend.

„Ja, Emma, ich bin mir sicher. Es war deine eigene Idee und ich bin froh, dass du sie hattest. Die Anderen haben alle ganz unsicher ausgesehen, als ich gesagt hatte, dass sie Text lernen und bestimmte Dinge zur richtigen Zeit machen müssen. Aber jetzt, wo du vorne stehst und die Geschichte erzählt, haben ist niemand mehr nervös und alle freuen sich darauf. Du führst sie durch die Geschichte und sie wissen, dass sie sich auf dich verlassen können, wenn sie nicht weiter wissen.“ Sie sah Emma verständnisvoll an. „Ich weiß, dass dir das Angst macht, aber ich vertraue dir. Du hast noch genug Zeit, dir den Text so oft zu willst durchzulesen, und ich würde nie von dir verlangen, ihn auswendig zu lernen.“ Sie überlegte einen Moment, dann nickte sie. „Weißt du was? Wir basteln dir eine Schriftrolle! So eine, wie die Menschen sie früher hatten. Dann kannst du sie mit nach vorne nehmen und den Text einfach vorlesen. Was sagst du dazu?“ Und Emmas Augen strahlten.

„Oh ja, Theo! Und ich will ein Kleid anziehen, so eines mit einem Tuch, wie die Frauen auf den Bildern in den Kirchen immer anhaben! Meinst du, das geht?“

Theo richtete sich wieder auf und lächelte. „Ich bin mir sicher, wir finden etwas Passendes.“

Während Emma nun auch anfing, ihren Text bunt anzumalen, ging Theo zu ihrem Stuhl zurück, setzte sich wieder und wartete, bis alle damit fertig waren, ihre Namen aufzuschreiben und ihre Zeilen in dem Krippenspiel zu markieren. Als lauter werdendes Geplapper ankündigte, dass sie fertig waren, rief Theo wieder alle zur Ruhe.

„Okay, ihr habt jetzt alle euren Text. Ich habe gedacht, wir könnten jetzt besprechen, wie eure Kostüme aussehen sollen und was ihr davon zuhause habt. Es gibt auch noch ein paar andere Dinge, die wir noch brauchen. Zum Beispiel die Krippe oder den Stern. Wir müssen mal sehen, was davon wir selbst basteln müssen, aber darum werde erst mal ich mich kümmern. Am Dienstag treffen wir uns wieder und ich will, dass ihr euch bis dahin eure Texte anschaut. Ihr müsst sie noch nicht auswendig kennen, aber ihr könnt schon mal üben, sie laut zu sagen. Okay? Gut. Also, was habt ihr für Ideen?“





Müde und mehr als bereit für einen ruhigen Abend auf der Couch, aber lächelnd lief Theo nach Hause. Der Nachmittag mit den Kindern war anstrengend gewesen, hatte aber Spaß gemacht. Sie wusste wieder, wieso sie sich freiwillig gemeldet hatte, als die Idee aufkam, dieses Jahr in der Kirche ein Krippenspiel aufzuführen. Sie konnte den Kindern spielerisch etwas Fundamentales über ihren Glauben beibringen, bei dem alle Beteiligten Spaß hatten. Gleichzeitig liebte sie es, an Projekten zu arbeiten. Das Planen und Organisieren machte ihr Freude und sie konnte es kaum erwarten, am Heiligen Abend das Ergebnis zu sehen.

Sie konnte das breite Grinsen nicht verhindern, als sie an den Eifer und die Ernsthaftigkeit der Kinder dachte, als sie über die Kostüme gesprochen hatten. Sie alle hatten etwas beitragen wollen und auch wenn ihre Besprechung immer wieder von den ein oder anderen Scherzen oder Ablenkungen unterbrochen worden war, war das bei Kindern doch nur natürlich. Am Ende hatte jeder von ihnen mitgeholfen und Theo hatte gemerkt, dass sie alle mindestens genauso aufgeregt waren, wie sie selbst.

Sie bog in ihre Straße ein und hoffte, dass die Begeisterung anhalten würde.





Die nächsten Tage waren gefüllt mit Basteln, Kostüme finden und Text proben. Entgegen Theos kurzen Zweifeln nahm die Begeisterung und Motivation der Kinder mit jedem Treffen nur zu. Sie waren aufgeregt und stolz und freuten sich darauf, ihren Eltern und dem Rest der Gemeinde das Ergebnis ihrer harten Arbeit zu zeigen.

Und dann war es endlich so weit: Der Heilige Abend war da!

Eine Stunde vor dem Gottesdienst machte Theo sich aufgeregt auf den Weg zur Kirche. Vor deren Tür wurde sie bereits von einigen der Kinder erwartet und in ihren Augen entdeckte sie dieselbe Anspannung und Vorfreude, die sie selbst verspürte. Sie schloss die Tür auf und ließ sie hinein.

Nach und nach kamen auch die anderen und als sie vollzählig waren, versammelte Theo sie vor der ersten Bankreihe um sich herum und lächelte sie an.

„Okay, Leute, jetzt ist es so weit“, begann sie, als Ruhe eingekehrt war. „Bevor wir gleich loslegen, will ich euch noch etwas sagen. Es hat mir echt Spaß gemacht und ich bin wirklich stolz auf euch. Ich weiß, dass ihr aufgeregt seid, aber denkt bitte daran, dass es trotz allem ein Gottesdienst ist und ihr euch entsprechend verhalten müsst. Genau wie wir gestern abgesprochen haben, werdet ihr in den ersten beiden Bänken sitzen und ich gleich hinter euch. Ich gebe euch ein Zeichen, wenn ihr dran seid.“

Sie wartete, ob alle verstanden hatten, und als sie allgemeines Nicken als Antwort erhielt, fuhr sie fort: „Gut, dann wollen wir uns jetzt fertig machen. Zieht euch alle um und überprüft, ob ihr alles habt, was ihr braucht. Wer fertig ist kann mir beim Aufbauen helfen.“

Es folgte allgemeines Chaos. Doch Theo ließ sie sich austoben. Dann würden sie während dem Gottesdienst ruhiger sein. Während die Kinder sich gegenseitig in ihre Verkleidungen halfen, stellte Theo die Krippe auf und holte die Herberge aus Pappe aus ihrem Lager unten im Kirchturm. Sie zeigte Alyssa, wo sie die Puppe, die das Jesuskind darstellte, verstecken sollte, bis sie es später brauchen würde, und half Luca, Clementine und den anderen Hirten, die Schafe aus Pappe zu verteilen. Dann sah sie auf die Uhr, im selben Moment, in dem die Kirchenglocken läuteten, das Zeichen dafür, dass der Gottesdienst in einer Viertelstunde beginnen würde. Sie wartete, bis das Läuten verklungen war, dann rief sie alle zusammen.

„Okay, alles fertig?“

Prüfend ließ sie ihren Blick über die Kinder schweifen.

„Gut. In ein paar Minuten kommen die ersten und ich möchte, dass ihr dann alle auf eurem Platz sitzt. Ich –“

„Wo ist Herbert?“, rief Joshua dazwischen und die Augen unter seinem Hirtenhut sahen sich suchend um. Auch Theo sah sich um. Joshua hatte Recht: Herbert war nicht da. Schnell zählte sie die Kinder durch, doch außer dem brünetten Jungen fehlte glücklicherweise niemand.

„Herbert?“, rief sie in die stille Kirche hinein, aber es kam keine Antwort. „Weiß jemand, wo er ist? Wer hat ihn zu letzt gesehen?“, wollte sie wissen. Sofort begannen die Kinder durcheinander zu rufen und auch wenn Theo in diesem Chaos nichts verstand, verstand sie doch eines: Niemand wusste, wo Herbert war.

„Okay, okay! Hört alle mal zu!“, rief sie laut und die Kinder verstummten und sahen sie an. „Wir haben nicht viel Zeit, aber wir müssen ihn finden. Weit weg kann er ja nicht sein. Ihr teilt euch auf und sucht auf der Empore, in der Sakristei und in den Beichtstühlen und wo euch sonst noch einfällt. Ich sehe nach, ob er nach draußen gegangen ist. Beeilt euch, wir treffen uns wieder hier!“

Kaum war sie fertig, stürmten die Kinder los, abwechselnd nach Herbert rufend. Theo selbst eilte, wie sie es gesagt hatte, nach draußen. Sie umrundete die Kirche, doch so oft sie auch nach ihm rief, sie fand ihn nicht. Zurück am Eingang stellte sie mit langsam aufkommender Panik fest, dass der Pfarrer und die Ministranten gerade die Sakristei betraten. Ein Blick die Straße hinunter verriet ihr, dass auch schon einige Leute aus dem Ort auf dem Weg zur Kirche waren.

Drinnen saßen die Kinder auf ihren Plätzen in den vorderen Reihen und tuschelten leise miteinander. Theo ließ ihren Blick über sie schweifen, doch Herbert war nicht dabei.

„Wir haben überall nach ihm gesucht und auch gerufen, aber wir haben ihn nicht gefunden!“, erzählte Emma aufgeregt, als Theo bei ihnen an kam.

„Was machen wir jetzt, Theo? Herbert ist doch unser Josef und wir können die Weihnachtsgeschichte nicht ohne Josef erzählen!“, Alyssa sah sie panisch an.

„Wir finden ihn, keine Sorge“, versprach Theo in dem Versuch, die Kinder zu beruhigen.

In diesem Moment ging die Kirchentür auf und die ersten Leute kamen herein. Theo sah schnell auf ihre Uhr. Fünf Minuten hatten sie noch. Wo hatten sie noch nicht gesucht? Draußen war er nicht und die Kinder hatten die ganze Kirche von unten bis oben … der Kirchturm!

„Ihr bleibt hier!“, befahl sie den Kindern. „Ich bin rechtzeitig wieder da, versprochen!“, fügte sie aufgrund der ängstlichen und unsicheren Blicken hinzu. Dann rannte sie los.

Der Pfarrer und die Ministranten sahen sie fragend an, als sie an ihnen vorbei durch die Sakristei stürmte, doch sie beachtete sie nicht sondern riss die Tür zum Kirchturm auf. Für eine Sekunde hielt sie an, um das Treppenhaus hinauf zu sehen.

„Herbert!“, rief sie und rannte dann, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf. Nach der zweiten Kurve fing es an zu läuten. Hier im Turm war es noch viel lauter, als unten in der Kirche. Sie hastete weiter und kam durch eine Luke in einen kleinen Lagerraum.

„Herbert!“, rief sie erneut, doch wieder kam keine Antwort. Selbst wenn er hier war, hätte er sie über das Läuten der Glocken hinweg vermutlich nicht gehört.

Theo rannte weiter, auf die Treppe zu, die weiter hinauf führte. Trotz dem dröhnenden Lärm um sie herum rief sie weiter nach Herbert. Dann machte die Treppe wieder eine Kurve – und plötzlich stand er vor ihr.

„Theo!“

Herberts Augen waren weit aufgerissen und er hielt sich die Ohren zu.

„Ich hatte solche Angst“, schrie er über die Glocken hinweg. „mein Bruder hat behauptet, von ganz oben im Turm kann man bis in die nächste Stadt sehen, und ich wollte wissen, ob es stimmt. Aber dann haben die Glocken angefangen und es war so laut! Es tut mir leid –“

„Ist schon okay“, unterbrach Theo ihn. Das Läuten wurde allmählich leiser und es war höchste Zeit, dass sie zu den anderen zurück kamen. Sie war zwar böse auf Herbert, dass er sich davon geschlichen hatte und allen einen Schrecken eingejagt hatte, aber es schien, als habe er seine Lektion bereits gelernt. Theo sah immer noch das Entsetzten in seinen Augen. Trotzdem nahm sie sich vor, nachher ein ernstes Wörtchen mit seinem Bruder zu sprechen.

„Wir müssen und beeilen!“, sagte sie. „Der Gottesdienst fängt gleich an!“

Gemeinsam rannten sie die Treppen hinunter. Mittlerweile hatten die Glocken aufgehört und als sie in der Sakristei ankamen, hörten sie schon das Spiel der Orgel. Pfarrer und Ministranten waren weg.

„Wir gehen an der Seite rein“, sagte Theo und hielt Herbert die Tür nach draußen auf.

Sie eilten zur Seite der Kirche, auf der die Kinder saßen und Theo öffnete vorsichtig die Seitentür. Wieder ließ sie Herbert den Vortritt, dann schlüpfte auch sie hinein und schloss leise die Tür hinter sich. Sie schlich hinter Herbert her bis zu den anderen Kindern und stellte sich hinter ihnen in die Bank.

Die hatten sich bereits alle zu Herbert umgedreht und als sie auch Theo sahen, lächelten sie erleichtert. Theo erwiderte das Lächeln, dann bedeutete sie allen zum Pfarrer nach vorne zu sehen und sich auf den Gottesdienst zu konzentrieren.

Und dann war es Zeit für das Krippenspiel.

Die Kinder standen auf und gingen an ihre Plätze. Theo beobachtete, wie Emma sich auf den etwas erhöhten Platz stellte, den sie gemeinsam ausgesucht hatten, und das rote Band um die Schriftrolle löste.

Emmas Augen suchten Theos Blick, welche ihr aufmunternd zunickte. Das Mädchen atmete tief durch und auch die anderen Kinder waren bereit.

Und dann stutze Theo. Sie hätte schwören können, dass Emma Herbertssuche gesagt hatte…
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