Einsam,  Zweisam, Dreisam

von Randy
KurzgeschichteAllgemein / P12 Slash
26.12.2018
26.12.2018
1
1096
3
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Einsam, Zweisam, Dreisam.

Wie immer ging mir dieses Märchen nicht aus dem Kopf, als ich endlich Feierabend hatte und nach Hause ging. Eigentlich hieß das Märchen; Einäuglein, Zweiäuglein, Dreiäuglein. Aber in meinem Kopf entstand jedes Mal ein anderes Bild darüber. Dennoch war es eines meiner Lieblingsmärchen. Und die Gebrüder Grimm meine ständigen Begleiter. Meine Mutter lies mir ständig daraus vor und ich lernte, sie zu lieben.
Es war Weihnachten, die Läden überfüllt von Menschen, Lebkuchen schwängerte die Luft. Der Himmel war klar, die Luft eisig. Ich hüllte mich fester in meinen Mantel. Und wie immer war ich allein. Ich hasste die Feiertage und stets kam ich mies gelaunt von der Arbeit nach Hause. Eigentlich sollte ich einen Mann kennenlernen. Ein banales Treffen mit einem Mann, wie jeder, normale Mensch auch, einen Partner finden, um kuschelige Stunden zu verbringen.
Klar hatte ich Kumpels, aber die waren stets anderweitig beschäftigt. Fast immer mit ihren Frauen unterwegs, weil sie unter anderem nicht mehr allein fort durften, oder waren sie mit ihren aktuellen Freundinnen beschäftigt. Oder aber verbrachten sie die Feiertage bei ihren Familien - Normalos eben, nur ich mal wieder nicht.
Einsam würde ich in meiner Wohnung sitzen und mir eine Platte von „Guns and Roses“ reinflöten, nebenbei Bier trinken, obwohl ich mir das abgewöhnen wollte, nebenher eine Zigarette nach der anderen rauchen - auch ein Laster, wo ich ständig anvisierte aufzuhören.
So zappte ich zwei Stunden später zu Hause auf meinem Sofa, Bier trinkend, gelangweilt und voller Einsamkeit am Fernseher herum, nach Hoffnung auf bessere Programme. Als ich die üblich vorgesetzten Historienfilme bekam, die man jedes Jahr aufs Brot geschmiert bekam, schaltete ich genervt weiter und weiter und weiter, in der Hoffnung auf etwas Besseres, Neueres zu stoßen.

Das Telefon klingelte und ich wurde aus langweiligen Dokumentationen oder christliche Sendungen herausgerissen.
„Hey, Leni, wie gehst wie steht‘s, weißt du noch, wer ich bin?“
Mein Gehirn fing zu rattern an, denn an einen mit dieser Stimme konnte ich mich nicht erinnern. Und wer nannte mich schon Leni, außer meine engsten Freunde.
„Ähm, nein, hast du die falsche Nummer gewählt?“ Ich ging genauso ins Du über.
Stille.
„Die Nummer stimmt. Hey, wir hatten uns kennengelernt auf dem Weihnachtsmarkt, weißt du das nicht mehr?“
„Ähm, nein?“ Grundsätzlich ging ich nie auf Weihnachtsmärkten und somit war dieser Anrufer wirklich falsch.
„Sorry, aber ich bin wirklich nicht der Mann, den du meinst.“
„Der Mann? Aber du heißt doch Leni.“
„Leonard“, erklärte ich dem Gegenüber und wollte nicht so genannt werden.
„Sag ich doch,“ die Stimme klang belustigt, und eigentlich hätte ich ärgerlich werden müssen, aber irgendwie gefiel mir auch diese männliche, aber dennoch auf eine seltsame Art und Weise sanfte Stimme, die einem durch Mark und Bein ging. Wie mochte der andere wohl aussehen, wie alt war er? All diese Fragen strömten auf mich ein und ich wurde neugierig.
„Wenn ich mich nicht an dich erinnern kann, wie sehe ich aus?“
1.90 groß, schlank und eine Traumfigur ... okay das waren meine Gedanken, in Wirklichkeit ...
„Alter, du sieht gut aus, ich mag Männer mit kleinen Bauchansätzen und mit einer niedlichen Stupsnase.
Stubsnase?
„Freut mich dich kennengelernt zu haben.“ Ich war gerade im Begriff aufzulegen, da hielt mich der Teilnehmer auf der anderen Leitung ab.
„Moment, warte doch, ich glaube, du kannst dich tatsächlich nicht an mich erinnern.“
Kluges Kerlchen.
„So ist es.“
„Ich sollte mich mal vorstellen, ich heiße Herbert Einsam.“
Na super auch noch so ein Name. So etwas musste man ja vergessen.
„Sorry an dich oder an den Namen kann ich mich nicht erinnern.
Aber mir wurde doch etwas mulmig zumute. Denn mein Name war Leonard Zweisam.
Einsam, Zweisam. Hatte das irgendwelche Bedeutung?
Ich lenkte ein.
„Vielleicht hatte ich nur zu viel getrunken!“ Ich, der niemals in der Öffentlichkeit trank, log wie gedruckt.
„Nein, du warst nüchtern.“ Ich spürte seine Enttäuschung und auf einmal tat mir alles sehr leid. Da maulte ich ständig, dass ich an Weihnachten allein war, Eltern gestorben, Miesepeter von Haus aus und dann bekam man einen wirklich netten Anruf.
Ich riss mich zusammen und schluckte mal meine ganze Skepsis hinunter, einem eventuellen Blind Date zuzustimmen.
„Möchtest du, dass wir uns heute treffen?, schlug ich vor.
Der Mann hörte sich erfreut an, denn sein Atem ging schneller.
„Klar, sonst hätte ich dich ja nicht angerufen.“
„Okay, was schlägst du vor?“
„Kölner Dom“.
„Um diese Zeit, tote Hose.“
„Vertraue mir, dieses Mal nicht.“
„Okay, wie du meinst.“
Wir verabredeten uns Punkt 20 Uhr am Kölner Dom. Ich hinterfragte nichts mehr und ließ mich einfach auf dieses seltsame Date ein.

Von wegen pünktlich.
Ich schaute auf meine Uhr und schüttelte verärgert den Kopf, da ich schon eine Weile dastand. Zumal es mir langsam kalt wurde und ich von einem Bein aufs andere trippelte, um mich einigermaßen warmzuhalten. Die Uhr schlug bereits halb neun, da kam auf einmal ein Mann auf mich zu gesprintet. Erwartungsvoll sah ich ihn an, bereits zu ahnen, das war mein Blind Date.
„Sorry, wissen Sie, wie ich in die Altstadt komme, ich habe mich verspätet.“
Irritiert und auch ein wenig enttäuscht darüber, dass er anscheinen nicht mein Date war, weil der junge Mann, der so ungefähr meines Alters war, wunderschön aussah, zuckte ich nur mit der Schulter.
„Tut mir leid, von hier aus ist alles eine Altstadt. Ich grinste jetzt über meinen dummen Spruch.
„Mmh, Sie wollen mir nicht helfen, oder? Gut ich nenne Ihnen meinen Namen. Ich heiße Alex Dreisam und suche Leonard Zweisam.“
Dreisam. War das ein Zufall?
Einsam rief mich an, Zweisam hieß ich, und Dreisam traf ich.
Auf einmal wusste ich, dass dies kein Zufall war. Ich schaute in den Himmel, und obwohl ich kein Gläubiger war, glaubte ich an dieses Wunder, mal nicht an Weihnachten allein zu sein.
„Ich bin Leonard Zweisam“, sagte ich und meine Stimme hatte einen kleinen zittrigen Klang.
„Dann bist du mein Date.“ Die Augen des jungen Mannes leuchteten selbst in der Dunkelheit, erkannte ich das.
„Danke“, hauchte ich in den Himmel, und nahm Dreisam ungeniert an die Hand, was dieser gerne zuließ.
Einsam hatte mich angerufen, was nichts anderes als mein Eigenes Ich war ... und Zweisam so hieß ich, traf auf Dreisam ... und die Liebe nahm ihren Lauf.
Endlich war ich nicht mehr allein, und wie in einem Märchen ging auch meine Geschichte gut aus.
Der Himmel blitzte kurz auf und es fiel Schnee auf uns herab. Hatten vielleicht meine Freunde etwas damit zu tun?

©Randy D. Avies 26.12.2018
Review schreiben