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Von Familien, Freunden und Weihnachtsgänsen

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Dr. Maria Weber Dr. Martin Stein
26.12.2018
31.12.2018
5
10.261
2
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26.12.2018 1.844
 
1. KAPITEL     DAS ADVENTSFRÜHSTÜCK

16.12.2018:


Der Duft von frisch aufgebrühten Kaffee erfüllte den Wohn- und Essbereich der Wohngemeinschaft Weber/Stein am Sonntagmorgen, knapp eine Woche vor Weihnachten, als Martin gerade dabei war ein ausgedehntes Adventsfrühstück vorzubereiten. Maria und er hatten heute gemeinsam Spätdienst, sodass sie ausreichend Zeit dafür hatten.

Der Tisch war bereits fast vollständig gedeckt. Er hatte sogar den Adventskranz schon in der Mitte aufgestellt, damit Maria nachher die dritte Kerze anzünden konnte. Es sollte das erste große Frühstück seit längerer Zeit werden, komplett mit gutem Kaffee, frischen Brötchen, Frühstücksei, Orangensaft und einem frischen Obstsalat, für den er gerade Äpfel, Orangen, Bananen und Weintrauben abwusch, die er gleich in Stückchen schneiden wollte.

Normalerweise gehörte er eher in die Kategorie Langschläfer und würde um diese Zeit noch in den Federn liegen, wenn er nicht gerade Dienst hatte, aber mit Maria war vor ein paar Monaten auch ein frischer Wind in dieses Haus eingezogen, durch den er es auf seine alten Tage tatsächlich noch einmal geschafft hatte, einige seiner Gewohnheiten abzulegen. Es war einfach angenehm den Tisch nicht mehr nur für sich allein decken zu müssen und jemanden zu haben mit dem man die Mahlzeiten gemeinsam einnehmen konnte.

Maria war bisher noch nicht nach unten gekommen, was Martin eigentlich ganz recht war, denn noch war das Frühstück nicht fertig. Außerdem hatte er gerade sein Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt und telefonierte, wovon sie auch nicht unbedingt etwas mitbekommen musste.

Als er das abgewaschene Obst auf ein Küchentuch neben ein Schneidebrett legte und eine Schüssel aus dem Schrank holte und daneben stellte, sprach er: „Und? Konntest du ihnen klar machen wie wichtig es ist, dass ich sie bis spätestens Donnerstag bekomme? Es ist wichtig.“

Er nahm einen Apfel, halbierte ihn und begann ihn zu entkernen. „Es ist wirklich wichtig. Länger kann ich nicht darauf warten“, sagte er als er begann den Apfel in kleine Stückchen zu scheiden. Sein Gesprächspartner an der anderen Seite erwiderte etwas, was Martin unwillkürlich mit den Augen rollen ließ.

„Ja, ich weiß, dass selbst nach Donnerstag noch Zeit ist, aber es ist eben nicht damit getan, dass sie sie mir per E-Mail zuschicken. Ich brauch auch noch ein bisschen Zeit, um alles zusammenzufügen und das Endergebnis soll sich doch sehen lassen können oder nicht?“

Er beförderte die Apfelstückchen von seinem Schneidebrett in die bereitgestellte Schüssel und begann Weintrauben zu halbieren, während sein Gesprächspartner anscheinend weiter versuchte ihn zu beschwichtigen.

„Ja, ja… du sagtest bereits, dass sie sehr zuverlässig sind, aber…“, er wurde unterbrochen. „Du hast ja recht, ich höre ja schon auf. Ich bin dir wirklich dankbar, dass du mir damit hilfst.“ Er lächelte, während er auch die halbierten Trauben in die Schüssel beförderte und nach einer Banane griff und sie zu schälen begann. „Allein würde ich das niemals hinbekommen.“

Seine Dankbarkeit war ihm förmlich anzusehen, was sein Gesprächspartner natürlich nicht sehen konnte. „Meinst du immer noch, dass es eine gute Idee ist? Ich meine, findest du es nicht zu persönlich?“ Er schnippelte auch die Banane in kleine Stückchen und beförderte sie ebenfalls in die Schüssel zusammen mit Apfel- und Weintraubenstückchen. Es war offensichtlich, dass er diese Frage der unbekannten Person am anderen Ende der Leitung schon ein paar Mal gestellt haben musste, denn Martin begann ungeduldig eine Orange zu schälen, während er sich, zweifelsohne auch nicht zum ersten Mal eine Antwort auf seine Frage anhörte.

„Ich weiß, dass du die Idee gut findest, aber…“, er wurde unterbrochen und ließ die Gegenseite reden, während er die Orange kleinschnitt. „Schon gut, schon gut. Ich höre auf damit. Es ist halt das erste Mal, dass ich“, ihm fiel das Messer runter, sodass seine Worte von dem Geräusch geschluckt wurden und man nicht verstehen konnte was er sagte als er sich hinunterbeugte um es aufzuheben. „Ich will nichts falsch machen, verstehst du?“, sagte er als er sich aufrichtete und unweigerlich lächeln musste. Über was auch immer er sich gerade unterhielt, es musste ihm wichtig sein.

Als er gerade dabei war die fertig geschnittenen Orangenstückchen in die Schüssel zu geben, hörte er wie Maria die Treppen herunterkam.

„Okay, ich muss jetzt Schluss machen. Sollte irgendwas sein, meldest du dich, ja? Ist gut… danke für alles und viel Spaß. Tschüss!“ Er legte eilig das Handy beiseite und begann eilends das Obst in der Schüssel zu vermischen.

„Guten Morgen!“, sagte er fröhlich.

„Guten Morgen“, sagte Maria als sie auf der letzten Stufe der Treppe ankam. „Wow, dass sieht aber toll aus.“

„Ja, ich habe mir auch große Mühe gegeben“, sagte Martin nicht ohne Stolz. Maria lächelte bei dieser Aussage.

„Da können wir es uns ja heute richtig gut gehen lassen“, sagte Maria als sie die Kaffeekanne nahm, um sie zum Frühstückstisch zu tragen. „Sag mal, mit wem hast du denn da eigentlich gerade telefoniert?“

Verdammt, sie hatte es also tatsächlich gehört, dachte Martin. Hoffentlich hatte sie nicht zu viel mitbekommen. „Mit niemand bestimmten.“

Marias gehobene Augenbraue sagte ihm, dass er die falsche Antwort gegeben und sie nur noch neugieriger gemacht hatte. Glücklicherweise löcherte sie ihn nicht weiter, sondern stellte die Kanne auf dem Tisch ab und zündete drei Kerzen auf dem Adventskranz an.

„So, wir können anfangen, der Obstsalat ist fertig“, verkündete Martin und hoffte, dass das Thema Telefonat damit endgültig vom Tisch war. Er stellte die Schüssel auf den Frühstückstisch und setzte sich.

„Hm, sieht lecker aus“, sagte Maria als sie sich ebenfalls setzte.

Martin lächelte. „Kaffee?“ Er hielt fragend die Kanne hoch.

„Ja, gerne.“

Er schenkte ihr und sich ein und stellte die Kanne wieder auf den Tisch. Danach hielt er ihr die Zuckerdose hin. „Kaffee mit etwas Zucker“, sagte er nur und Maria lächelte als sie ihm die Dose aus der Hand nahm. Sie hatte wirklich einen guten Mitbewohner.

Sie genossen beide ihr Frühstück und plauderten zwischendurch über dies und das. Das war etwas, dass sie beide sehr genossen. Sie fanden einfach immer etwas zum Reden. In der Hinsicht tickten sie beide recht ähnlich und so kamen sie, während sie beide ein Schälchen Obstsalat aßen auf das Thema Weihnachtsessen.

„Otto wird, wie bei uns üblich, die Gans zubereiten. Da wir ja dieses Jahr mit Kathrin, Roland und den Kindern hier feiern wollen, macht ihm das niemand streitig“, sagte Martin und auf seinem Gesicht machte sich ein träumerischer Gesichtsausdruck breit als er sich den Bauch rieb. „Das kann einfach niemand besser als mein Vater.“

Maria lächelte. Auf seinen Vater ließ Martin nichts kommen. „Bei uns werden meine Mutter und ich sich die Ehre geben und die Männer bekochen.“

„Ach komm schon, ihr bekocht doch nur deinen Vater und Moritz. Das ist doch überschaubar. Wir sind insgesamt neun Leute und wenn Jakob dabei wäre, wären wir zu zehnt.“

„Wenn du wüsstest wie mein Vater und Moritz zuschlagen können, würdest du es nicht so herunterspielen“, sagte Maria immer noch mit einem Lächeln im Gesicht.

Martin grinste. „Roland und ich sind auch nicht zu verachten, wenn es ums Essen geht“, sagte er und Maria lachte. Wo er recht hatte, hatte er recht.

Plötzlich klingelte Martins Handy, welches immer noch auf der Küchentheke lag. Er stand auf und ging hinüber um zu sehen wer anrief.

„Das ist Marie“, sagte er und nahm sofort ab. Seit herauskam, dass sie möglicherweise die Veranlagung für die erbliche Variante von Moyamoya hatte, war Martin verständlicherweise mehr als nur besorgt, wenn es um sie ging.

„Hallo, Marie. Wie geht’s dir? Ist alles in Ordnung?“, fragte er auch prompt als er den Anruf entgegennahm.

Maria wandte sich wieder ihrem Obstsalat zu. Sie wollte dem Gespräch eigentlich nicht lauschen, aber so wirklich entgehen, konnte sie ihm nicht.

„Was meinst du damit du kannst nicht kommen? Du warst doch schon fest mit eingeplant und ich hatte doch auch schon einen Flug gebucht, damit du dich nicht in den überfüllten Zug setzen musst.“

Maria konnte nicht anders, sie musste einfach zu Martin schauen. Dieser lehnte an der Küchentheke, hatte ihr aber den Rücken zugewandt, sodass sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Seine Anspannung war aber sicht- und auch hörbar, als Marie ihm offensichtlich gerade für das bevorstehende Weihnachtsfest absagte.

„Das verstehe ich nicht… du meintest doch noch, dass du Weihnachten dieses Jahr unbedingt mit mir und Otto zusammen verbringen willst. Was hat sich plötzlich geändert?“

Das klang wirklich nicht gut. Maria nippte an ihrer Tasse Kaffee und beobachtete wie die Flammen der drei Kerzen sich Stück für Stück mehr in das Wachs fraßen, während Martin weitersprach.

„Könnt ihr das nicht verschieben? Muss das über Weihnachten sein?“

Seine Enttäuschung war verständlich. Er hatte sich sehr darauf gefreut, dass sie dieses Jahr zu Weihnachten da sein würde.

„Und wann sehen wir uns dann das nächste Mal?“ Er fragte das nicht nur, weil er sich schon eine Weile nicht mehr gesehen hatte, das wusste Maria. Er fragte, weil er mit ihr über die Möglichkeit, dass sie an Moyamoya erkranken könnte, sprechen musste und weil sie dahingehend einige Untersuchungen würde über sich ergehen lassen müssen. Martin graute vor dem Tag, an dem er es ihr würde sagen müssen, aber Maria wusste, dass er es seiner Tochter lieber früher als später gesagt hätte.

„Also kommst du verbindlich in der zweiten Januarwoche?“ Er stellte sich aufrecht hin und ging ein paar Schritte in die Küche hinein. „Okay, dann werde ich versuchen deinen Flug umzubuchen. Sprechen wir uns wenigstens noch einmal bevor du verreist?“

Maria schloss die Butterglocke und stellte die Teller zusammen. Sie bezweifelte, dass Martin nach den Neuigkeiten noch etwas essen wollte..

„Okay, dann meld dich einfach, wenn du Zeit hast, ja? Ich hab dich lieb. Mach’s gut und viel Spaß! Tschüss!“

Martin ließ das Handy etwas zu laut auf die Theke fallen und drehte sich zu Maria um.

„Jetzt sind wir doch nur acht Leute zu Weihnachten.“ Er wusste, dass sie alles mit angehört hatte und seltsamerweise störte es ihn nicht. Maria nickte.

„Das ist wirklich schade“, sagte sie mitfühlend.

„Sie will mit ihren Freunden in einer Berghütte in den französischen Alpen feiern.“

Es klang beinahe verächtlich wie er das aussprach, aber sie wusste, dass er insgeheim nur enttäuscht darüber war, dass Marie ihre Freunde dem Weihnachtsfest mit ihrer Familie vorzog.

„Sie ist noch jung. Sie will was erleben. Als du in ihrem Alter warst, hätte dich eine Berghütte in den französischen Alpen sicherlich auch gereizt.“

„Sicher, aber ich hatte ja auch kein Moyamoya.“

Er räumte das Geschirr ab und trug es in die Küche.

„Martin, du weißt, dass noch gar nicht klar ist, dass sie es hat oder überhaupt die Veranlagung dazu besitzt. Im Januar seid ihr dann schlauer.“

Martin ging nicht weiter darauf ein. Stattdessen stellte er das Geschirr ab und fragte: „Ist es okay, wenn ich dich alleine aufräumen lasse? Ich wollte noch eine Runde Laufen gehen.“

„Kein Problem, geh ruhig“, erwiderte Maria. Sie wusste, dass es jetzt keinen Sinn hatte mit ihm weiter darüber zu reden. Er brauchte Zeit und sie würde sie ihm geben.

Martin nickte dankbar und ging ohne ein weiteres Wort nach oben um sich umzuziehen. Maria räumte alles auf und blies als Letztes die Kerzen des Adventskranzes aus. Schade, dachte sie. Dabei hatte der Tag so schön angefangen.
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