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Die erste Wächterin (Arbeitstitel)

von Morrodes
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
OC (Own Character)
25.12.2018
09.01.2019
2
8.951
 
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25.12.2018 4.439
 
An alle, die mehr Dead by Daylight sehen wollen: Keine Sorge, Sallys und Megs Geschichte wird weitergeführt werden. An den ganzen Rest, der für Fury hier ist: Willkommen zu meiner Vorstellung der Ereignisse nach Darksiders 3. Ich habe eine ungefähre Ahnung, in welche Richtung sich diese Geschichte wenden wird, schließe aber plötzliche Sinneswandel nicht aus. Sofern euch das nicht abschreckt: Viel Spaß beim Lesen und lasst mir eine Review da!

Die Beschützerin

„Strife?“
Noch ehe Fury den Namen ihres Bruders vollends ausgesprochen hatte, spürte sie bereits die Kraft von Ulthanes Portal an ihrem Körper ziehen. Es fühlte sich an, als hätte sich ein Haken durch ihre Brust gebohrt. Die Magie des Erschaffers stach geradewegs durch ihre Rüstung und zwang sie nach unten, hinab in den dunkelblau schimmernden Abgrund.
Strife drehte den Kopf. Ihre Blicke trafen sich. Dann verschwamm Furys Sicht und sie fiel hinab in die Tiefe, einem ungewissen Schicksal entgegen. Ihr Augenlicht erlosch. Ihre Ohren fühlten sich an, als wären sie gegen jeglichen Schall versiegelt und die plötzliche Stille begann zu schmerzen. Die angenehme, feuchte Wärme von Haven zog sich von ihren Armen zurück und auch der allgegenwärtige Geruch des Holzes, aus dem Ulthane seine Zuflucht erbaut hatte, verschwand aus ihrer Nase. Sie war im Nichts.
Dann, kaum einen Atemzug später, setzte die Schwerkraft wieder ein. Fury fiel nach unten und ihr Gleichgewichtssinn spielte für einen Moment verrückt, bevor ihre Füße plötzlich auf harten Boden trafen. Ein kalter Wind peitschte um ihre nackte, rechte Schulter. Sie hörte das Rauschen eines wütenden Sturmes und als sie die Augen aufschlug, entdeckten ihre leuchtenden Augen eine weiße Ödnis.
Der Himmel war wolkenverhangen. Schnee fiel in dicken Flocken herunter auf welche Welt auch immer Ulthane sie geschickt hatte und am Horizont stachen gezackte Berge wie höllische Speerspitzen in die Höhe. Das Gelände war von Gletschern gezeichnet, von kalten Steinscharten und unwegsamen Gebirgshängen. Kein Baum war mutig genug gewesen hier Wurzeln zu schlagen. Wahrscheinlich schon seit tausenden von Jahren.
Fury schoss nach oben. Sie spürte ihre Peitsche sicher an ihrer Seite hängen und auch ihre Rüstung saß nach wie vor fest an ihrem Platz. Als sie den Kopf drehte schlugen ihr ihre roten Haare direkt ins Gesicht, getragen von der unbezähmbaren Gewalt des Windes. Doch es war ihr egal.
„Strife“
Sie fuhr herum, während ihre Augen wild nach allen Seiten hin Ausschau hielten. Fury sucht nach einem Weg, nach einem Pfad zurück auf die Erde, von der sie eben erst gekommen war. Strife war ihr Bruder. Sie musste ihm zur Seite stehen und noch wichtiger: Er hatte antworten. Er musst sie haben. Warum sonst sollte er auf der Erde sein?
Der feurige Rat wollte die Vier beseitigen. War war ihnen wohl in die Quere gekommen, bei ihrem Versuch die Menschheit zu vernichten. Death war mit Sicherheit geflohen. Vielleicht arbeitete er sogar in diesem Moment an einem Weg, sich an den drei Bastarden zu rächen und ihre hässlichen Steinvisagen in den Abgrund zu stürzen. So wie sie Death kannte, war er ihnen wie immer einen Schritt voraus.
Und Strife musste sich ebenfalls davon gemacht haben. Fury war sich sicher, dass er nicht im Auftrag des feurigen Rats handelte. Erstens hatte er keinen Beobachter bei sich gehabt und zweitens hatte er sich unter den Menschen versteckt, in eben jener Gruppe, die der feurige Rat so vehement auszulöschen versuche. Er hatte die Menschen verteidigt und Fury war sich sicher, dass er mehr wusste als sie.
Bei dem Gedanken an die schwachen Erdlinge fuhr sie wieder herum. Sie war als letzte durch das Portal gegangen und hatte sich vergewissert, dass niemand zurückgeblieben war. Ulthane hatte die Menschen alle hindurch geschickt. Es mussten mindestens fünfzig Personen gewesen sein, aber nun fehlte von ihnen jede Spur.
„Hey!“
Fury drehte den Kopf und spähte zwischen das Schneegestöber. Sie war eine Nephilim, ein Reiter der Apokalypse. Sie hatte bereits weit schwerere Qualen erlitten als einen Schneesturm und selbst wenn die Kälte an ihrer Haus biss, so brauchte es doch weit mehr, um sie zu Fall zu bringen. Aber die Menschen waren schwach. Sie brauchten Schutz.
Die rothaarige Reiterin setzte einen Fuß vor den anderen und watete durch den Schnee. An manchen Stellen sank sie bis zu den Knien in die weiße Masse ein, die wie tückischer Treibsand an ihren Gliedmaßen zog und auf der rechten Seite stürzte eine scharfe Klippe mehrere hundert Meter in die Tiefe. Wenn sie nicht aufpasste, würde der Wind sie noch hinunterwehen.
„Verdammt“, knurrte die Reiterin. Ihre Finger zuckten ein wenig, als sie die Hand nach Rampage ausstrecken wollte, doch sie hatte sich bereits daran gewöhnt, dass ihr Ruf unbeantwortet blieb. Rampage war fort und er schien einen Teil von ihr mit sich genommen zu haben. Doch wie immer drängte Fury ihre Trauer nach hinten. Sie hatte keine Zeit dafür. Zuerst musste sie die Menschen finden.
„Ulthane, wo hast du uns nur hingeschickt?“
Das Pfeifen des Windes war ihre einzige Antwort, doch gerade als Fury sich bereits in die andere Richtung wenden wollte, hörte sie etwas. Es klang wie ein Schrei. Ein Hilferuf. Die Stimme war eindeutig menschlich.
Sofort setzte sich Fury in Bewegung und beschleunigte sogar noch ihr Tempo. Der Schnee zog an ihren Beinen. Er versuchte sie festzuhalten, doch er hatte keine Chance gegen die Kraft eines apokalyptischen Reiters. Wie eine Klinge schnitt sich Fury einen Weg durch die Schneedecke und schon bald entdeckte sie Fußspuren, die nach links hinter eine Felskante führten.
„Warte!“, rief Fury: „Ich bin hier!“
Sie wandte sich nach links und stapfte in die Richtung, in die die Fußspuren sich bewegen zu schienen. Der Wind hatte sie schon beinahe verwischt, daher konnten sie keine Minute alt sein. Wer auch immer hier entlang gegangen war, musste gerade eben erst durchgekommen sein.
Fury glaube ein zaghaftes „Hallo?“ zwischen den Schneeflocken vernehmen zu können. Sie legte eine Hand an die Felskante und zog sich an ihr vorbei. Die metallenen Teile ihrer Rüstung klapperten im Wind, doch es war kein Vergleich zu den Zähnen des blonden Mädchens, das sie dort auf der anderen Seite vorfand.
Sie war um einiges kleiner als Fury, vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt. Wie alle Menschen wirkte sie verletzlich und schwach, besonders in dieser unwirtlichen Gegend und ihre Lippen hatten bereits einen ungesunden Blauton angenommen. Sie hatte die Arme um den Oberkörper geschlungen. Der graue Pullover, den sie trug, hatte keine Chance gegen den gnadenlosen Schneesturm und ihre blonden Haare, die ihr in zwei langen Zöpfen über die Schultern hingen, wurden vom Wind wild hin und her geschleudert.
„Hey, Kleine!“, rief Fury: „Komm hier her!“
Das Mädchen drehte sich um und versuchte in ihren eigenen Fußstapfen zurückzugehen, doch bereits nach wenigen Schritten kam sie ins Stolpern und fiel mit den Händen voran in den kratzenden Schnee. Keuchend und zähneklappernd verharrte sie auf allen Vieren, bis Fury sich wenige Sekunden später einen Weg zu ihr gebahnt hatte. Ruckartig zog sie das Mädchen nach oben und schloss sie in die Arme. Selbst durch die Brustplatte hindurch konnte sie noch das Zittern spüren.
„Keine Angst, ich hab dich“, flüsterte Fury, während sie den Blick umhergleiten ließ und nach weiteren Menschen suchte. Doch sie konnte niemanden finden. Das Mädchen hatte derweil den Kopf an ihre Schulter gepresst und klammerte sich verzweifelt an sie.
„Hey, Kleine“, sagte Fury und hielt sie ein paar Zentimeter von sich: „Weißt du wo die anderen sind?“
Das Mädchen schüttelte den Kopf. Ihr Atem bildete weiße Wölkchen in der Luft, die sofort vom Wind vertragen wurden und ihre Augenlider begannen bereits zu flattern. Fury musste etwas unternehmen, sonst würde sie erfrieren.
„Geh einen Schritt zurück“, murmelte sie und hielt das Mädchen auf Armlänge von sich. Die Kleine schien beinahe in Panik auszubrechen, als Fury sie von sich wegdrückte, doch sie musste es tun oder sie riskierte ihr schwere Verbrennungen zuzufügen.
Orange Flammen züngelten an Fury hoch, als sie ihre Flammenform aktivierte. Das Hitze leckte an ihren Armen, umspielte ihren Brustkorb und schlängelte sich hinauf bis zu ihrem Haar, das sich in ein brennendes Leuchtfeuer verwandelte. Beinahe sofort begann der Schnee um ihre Füße herum zu schmelzen. Sobald das Wasser ihre Stiefel berührte, verdampfte es in Form von zischenden Wolken und das flackernde Licht der Flammen spiegelte sich in den blauen Augen des Mädchens wieder.
„Besser?“, fragte Fury und die Kleine nickte. Sie hatte sich wieder näher an sie herangedrängt, hielt jedoch einen gewissen Abstand. Den Kopf eingezogen und die Arme um sich geschlungen folgte sie Fury durch den tobenden Sturm.
„Wir müssen die anderen finden“, knurrte die Reiterin: „Schrei, wenn du jemanden siehst.“
Fury schaute über die Schulter und sah, wie das Mädchen zitternd nickte, doch sie bezweifelte, dass sie wirklich verstanden hatte. Hoffentlich verlor sie nicht das Bewusstsein. Fury war zwar kräftig, doch einen Körper mit sich herumzutragen würde sie nur noch weiter verlangsamen.
Allerdings war ihre Geschwindigkeit auch so schon drastisch eingeschränkt. Während sich Fury durch den Schnee kämpfte, fiel das Mädchen immer weiter zurück und bereits nach wenigen Schritten musste die Reiterin wieder stehenbleiben, um auf sie zu warten. Sie konnte nicht einfach vorpreschen und die Kleine zurücklassen. Aber zu warten, konnte andere in Gefahr bringen.
„Komm schon“, knurrte Fury und packte das Mädchen an der Schulter. Sorgfältig achtete sie darauf, die Flammen von ihren Kleidern fernzuhalten, doch sie musste sie irgendwie zur Eile drängen. Das Mädchen stolperte vorwärts. Ihr Blick war meistens zu Boden gerichtet, aber als sie an Fury vorbeiging, sah sie plötzlich auf und blieb stehen.
„Was ist?“, fragte Fury. Ungeduldiger Zorn kochte in ihrer Stimme hoch. Zur Antwort streckte das Mädchen einfach nur eine Hand aus und zeigte in den Schneesturm. Fury drehte den Kopf und spähte den Hang hinab, direkt auf eine zackige Felsformation, wo sie einen Augenblick später eine Bewegung ausmachen konnte. Ihr Ärger war plötzlich wie weggeblasen.
„Gut gemacht. Komm, schnell.“
Fury nahm das Mädchen bei der Hand und gemeinsam rannten sie den Abhang nach unten. Die Reiterin musste ihren Schützling dabei mehr als einmal vor dem Stolpern bewahren, doch in einem kurzen Kraftakt kamen sie ihrem Ziel schnell näher. Der Wind pfiff ihnen direkt entgegen, sodass Fury die Augen zusammenkneifen musste und einen Moment später glaubte sie eine kleine Höhle ausmachen zu können. Ja, es war definitiv ein Unterschlupf. Ein Loch, das ihnen Schutz bieten konnte. Die Menschen mussten sich dort drinnen versteckt haben.
Mit einem Satz sprang Fury über einen niedrigen Felsen und drehte sich anschließend um, um das Mädchen nach oben zu ziehen. Gemeinsam balancierten sie über einen schmalen Grat, bevor sie schließlich in die dunkle Grotte hinuntersprangen. Das Echo ihrer Stiefel hallte von den Wänden wieder.
„Hallo?“
Eine unbekannte Stimme. Fury schaute sich um und trat einen Schritt nach vorne, sodass ihre brennenden Haare die dunkle Höhle erhellten. Sie suchte nach demjenigen, der gesprochen hatte, während sie das Mädchen schützend hinter sich hielt und schon bald hatte sie den Mann gefunden.
Er war wohl nicht älter als fünfunddreißig, schätzte Fury, auch wenn sie sich mit dem Alter der Menschen noch etwas schwertat. Ihre Lebenszeit war einfach so unfassbar kurz und vor wenigen Wochen hätte sie sich wohl noch gefragt, warum sie sich überhaupt um sie kümmern sollte, wenn sie doch in unter hundert Jahren von selbst dahinstarben.
Der Mann, der nun vor ihr stand hatte braune, kurze Haare, einen spärlichen Bart und dunkle Augen, die sie überrascht musterten. Es dauerte jedoch nicht lange, bis er sie erkannt hatte.
„Fury!“, rief er erleichtert. Die Reiterin war etwas überrascht, dass er ihren Namen kannte. Sie zog das zitternde Mädchen hinter sich hervor und schob sie auf den Mann zu, der sie sofort in den Arm nahm. Im selben Moment entdeckte sie eine weitere Frau hinter ihm, die ängstlich an der Höhlenwand kauerte. Schwarze, glatte Haare rahmten ihr Gesicht ein und sie schienen ungefähr dasselbe Alter zu haben wie ihr Gefährte.
„Seid ihr nur zu zweit?“, fragte Fury. Ein schneller Blick in die kleine Grotte erübrigte die Frage, doch der Mann nickte trotzdem. Fury ging einen Schritt auf ihn zu.
„Habt ihr sonst noch jemanden gesehen?“
„Nein, wir…“, stammelte der Mann: „Wir sind allein hier rausgekommen. Die anderen sind alle weg.“
Fury unterdrückte einen Fluch. Am liebsten wäre sie zurück auf die Erde gegangen und hätte sich den Dämonen angeschlossen, um Ulthane eine Abreibung zu verpassen. Was hatte er bloß angestellt? Dann schaute sie schnell über die Schulter hinaus in den Sturm und wandte sich anschließend wieder an den jungen Mann.
„Ihr drei bleibt hier. Haltet euch warm und versucht nicht zu erfrieren. Ich geh da raus und suche nach anderen Überlebenden, in Ordnung?"
Der Mann nickte zum zweiten Mal und Fury fuhr herum, um sich wieder durch den Sturm zu kämpfen. Ein paar Sekunden später war ihr flammendes Haar bereits zwischen den Schneeböen verschwunden und die Kälte begann sich auf die Menschen zuzuschieben.
„Versucht nicht zu erfrieren“, wiederholte der Mann sarkastisch. Er schüttelte den Kopf, dann wandte er sich dem Mädchen zu, die immer noch in seinen Armen zitterte. „Wie heißt du?“
Sie hob den Kopf und ihre blauen Augen stachen unter den blonden Haaren hervor.
„No… Nora“
„Ich bin Markus“, stellte sich der Mann vor, bevor er sie an der Hand nahm: „Komm, gehen wir tiefer in die Höhle. Dort ist es wärmer.“
Es war nicht wirklich wärmer weiter drinnen. Dennoch zog er sie nach hinten, weg vom stürmischen Schneetreiben und hin zu der dunkelhaarigen Frau, die sich mittlerweile mit dem Rücken gegen die Höhlenwand gelehnt in eine sitzende Haltung begeben hatte. Sie hatte die Beine angezogen und die Arme um ihre Schenkel gelegt. Allerdings schien sie die Knie nicht ganz einziehen zu können. Einen Moment später entdeckte Markus auch warum. Sie hatte einen dicken Bauch, kugelrund und hervorstehend und er erinnerte sich, dass er sie bereits in Haven gesehen hatte.
„Anne, richtig?“
„Ja“
Sie rutschte etwas zur Seite, sodass sich Nora auf die glatte Fläche neben sie setzen konnte. Markus platzierte sich gleich daneben, sodass das Mädchen genau zwischen den beiden war, wo es die meiste Wärme gab. Das Klappern ihrer Zähne kämpfte immer noch mit dem Heulen des Windes um die Wette.
Markus schoss einen Seitenblick hinüber auf Anne, die sich die Kapuze ihres Mantles tief ins Gesicht gezogen hatte. Es war nur ein leichter Windstopper und kaum ausreichend, um effektiv Wärme zu speichern. Ihre Finger waren bereits blau angelaufen und Markus hoffte, dass sie ihr Kind nicht an den Sturm verlieren würde.
Er unterdrückte einen Fluch. Sein Blick fuhr hinaus in die graue Finsternis vor der Höhle, in der sie sich wie Ungeziefer versteckt hatten. Aber seit er am Leben war tat Markus nichts anderes. Seine Eltern hatten ihn gelehrt, dass er den Dämonen aus dem Weg gehen sollte und dass es keinen Sinn hatte gegen sie anzukämpfen. Und auch die Engel mit ihren wunderbaren weißen Flügeln waren keine Retter. Sie alle wollten ihren Tod und Markus hatte keine Ahnung warum. Er wusste nur, dass er sich verstecken musste. Alles andere half nichts.
Schweigend lauschte er dem Atem der beiden Frauen an seiner Seite. Solange er sie noch beide hören konnte, war alles gut. Es bedeutet, dass sie immer noch am Leben waren. Nora verlagerte sogar ein paar Mal ihr Gewicht und lehnte sich dabei immer mehr an seine Schulter, doch ihr Zittern wurde nur noch stärker und gerade als Markus bereits die Angst beschlicht, erschien das orange Licht wieder am Höhleneingang.
„Dieser verdammte Sturm“, knurrte Fury, als sie in die Grotte stolperte und mit ihrer Flammenform die Wände erhellte. Selbst jetzt, wo sie noch ein paar Meter von ihnen entfernt war, konnte Markus bereits die Hitze auf seinem Gesicht spüren. Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht, bevor sie sich umschaute und die Menschen ganz hinten in der Höhle entdeckte.
„Ist bei euch alles in Ordnung?“
Fury durchmaß den Unterschlupf mit wenigen Schritten und kniete sich vor den Überlebenden hin. Die Hitze, die von ihrem Körper ausging und von den Flammen in ihrem Haar, schmerzte beinahe, so heiß war sie, doch Markus war dankbar für jede Wärme, die er kriegen konnte.
„Noch sind wir am Leben“, murmelte Markus. Er legte eine kurze Pause ein, in der Fury sich im Schneidersitz vor ihnen auf den Boden setzte, bevor er fragte: „Hast du irgendjemand gefunden?“
„Einen“, knurrte die Reiterin: „Einen alten Mann mit einem grauen Bart.“
„Leonard“, flüsterte Anne. Fury schaute kurz in ihre Richtung. Dann zuckte sie mit den Schultern.
„Er hat einen Stein gegen den Schädel gekriegt. Als ich ihn gefunden habe, lag er schon im Schnee. Ich konnte nichts für ihn tun.“
Anne senkte ruckartig den Kopf und Markus wünschte sich, dass Fury ihre Zunge ein wenig im Zaum gehalten hätte. Er kannte Leonard nicht, doch Anne schien er etwas bedeutet zu haben.
„Sonst niemand?“, fragt er und Fury schüttelte den Kopf.
„Nein. Der Gipfel ist leer. Wir sind die einzigen hier, zumindest soweit ich feststellen konnte. Aber jeder, den ich bis jetzt nicht gefunden habe, ist entweder erfroren oder hat sich selbst einen Unterschlupf gesucht.“
Markus seufzte frustriert.
„Ich habe auch gute Nachrichten“, sprach Fury weiter: „Wir sind auf einem Berg und in diese Richtung geht es hinunter in ein Tal, in dem kein Schnee mehr liegt. Da unten wird es euch besser gehen. Den Fußmarsch schaffen wir schon.“
Sie wartete einen Moment auf eine Reaktion, doch zurzeit fiel des den Menschen offenbar schwer, Hoffnung zu schöpfen.
„Vielleicht finden wir dort unten auch ein paar eurer Freunde. Wir sind über ein weites Gebiet verstreut worden, als wir durch das Portal gegangen sind und wenn sie da unten gelandet sind, werden sie´s schon überstehen. Dann müssen wir sie nur noch einsammeln.“
Sie schaute zu dem blonden Mädchen und schenkte ihr ein Lächeln, ließ es allerdings bald wieder sein. Es hatte keinen Zweck. In ihrer Schwäche war es den Menschen wohl nicht möglich, irgendeinen positiven Gedanken zu fassen, warum sollte sie sich also groß darum bemühen? Gerade als Fury nach unten auf den Boden schaute, hörte sie ein schwaches Stimmchen.
„Wo sind wir?“ Sie hob ihren Kopf und schaute zurück auf das Mädchen. „Warum hat Ulthane uns hierhergeschickt?“
„Ich weiß es nicht“, antwortete Fury: „Ich habe keine Ahnung wo wir sind, aber wir sind definitiv nicht mehr in Eden.“
„Woher weißt du das?“, fragte Markus. Er setzte sich etwas auf und schaute Fury ungläubig an.
„Es stehen drei Monde am Himmel.“
Nora und Markus tauschten einen überraschten Blick aus und Fury glaubte Angst in ihren Augen zu erkennen.
„Aber… aber wo sind wir dann?“, wollte Markus wissen.
„Es gibt viele Welten“, entgegnete Fury: „Aber wir sind weder in der Hölle, noch im Himmel. Fürs erste müssen wir nur das Wetter überstehen. Gut möglich, dass wir sogar komplett allein sind.“
„Eine unbewohnte Welt?“
Fury zuckte nur mit den Schultern und legte den Kopf auf die Seite. Sie konnte auch nicht viel mehr als Vermutungen anstellen. In ihrer gegenwärtigen Lage blieb ihr ganz einfach nichts andere übrig und die anhaltende Fragerei begann ihr auf die Nerven zu gehen.
„Wir bleiben über Nacht hier“, sagte Fury: „Morgen früh hat sich der Sturm hoffentlich gelegt. Dann versuchen wir hinunter ins Tal zu gelangen.“ Sie legte eine kurze Pause ein, bevor sie zögerlich anfügte: „In der Zwischenzeit könnt ihr mir eure Namen verraten.“
Eigentlich scherte es sie wenig, wie diese kümmerlichen Menschen vor ihr hießen, aber es würde ihre Aufgabe wohl etwas erleichtern, wenn sie sich gegenseitig ansprechen konnten.
„Markus“, murmelte der Mann: „Das sind Nora und Anne.“
Fury nickte.
„Dann ruht euch aus, ihr drei. Ich halte Wache und so wie´s aussieht bin ich auch euer Lagerfeuer. Schlaft, wenn ihr wollt.“
Sie erhielt keine Antwort, aber die Menschen hatten verstanden. Trotzdem würde in dieser Nacht wohl keiner von ihnen Schlaf finden. Immerhin waren sie von Dämonen gejagt worden und vor ein paar Stunden hatten sie noch in der Falle gesessen, belagert von den Kräften der Hölle. Fury kannte sich mit den Ungetümen aus. Aber für jemanden wie einen Menschen mussten die brutalen Bestien wohl wie der schlimmste Alptraum aussehen.
„Wer bist du eigentlich?“
Fury hob den Kopf und schaute zu Markus. Sie hatte nicht erwartet, dass die Menschen diese Nacht noch weitere Worte mit ihr wechseln würden, doch anscheinend war das Gespräch noch nicht vorüber. Für einen Augenblick überlegte Fury, ob sie auf die Frage eingehen sollte, aber er kannte ihren Namen doch schon.
„Fury“, antwortete sie.
„Zorn…“, murmelte Markus. Er wusste offenbar nicht viel damit anzufangen.
„Hat Ulthane euch nichts über mich verraten?“
Fury bemerkte, dass auch Nora neugierig zuhörte. Sie hatte das Kinn auf die Knie gestützt und die Arme darum geschlungen, sodass nur noch ihre blauen Augen aus der kauernden Haltung hervorschimmerten. Aber wenigstens hatte sie aufgehört zu zittern und sie schien bereits bei weitem aufmerksamer zu sein.
„Er hat uns gesagt, du wärst eine Nephilim“, sagte Markus „Was ist das?“
„Die Nephilim? Eine Rasse, genau wie Menschen oder Dämonen.“
Fury schaute etwas perplex zwischen den Menschen hin und her. Sie hatte eigentlich erwartet, dass sie etwas besser informiert wären, aber dann erinnerte sie sich, dass der einzige Kontakt, den sie je mit dem Universum gehabt hatten, die Schneide einer dämonischen Streitaxt gewesen war.
„Das heißt du bist kein Dämon?“
Fury zog die Augenbrauen nach oben und die Tätowierungen in ihrem Gesicht verschoben sich.
„Sehe ich denn wie einer aus?“
Markus ließ sich Zeit mit der Antwort. Er schaute kurz hinüber zu Nora und richtete seinen Blick dann wieder auf Fury.
„Keine Ahnung. Alles, was uns auf der Erde begegnet ist, hat versucht uns umzubringen. Außer die Erschaffer. Dämonen waren da wohl überall. Aber Ulthane hat uns auch gesagt, du seist eine große Kriegerin. Eine der… der Vier?“
„Die Vier“, murmelte Fury nachdenklich: „Ich und meine drei Brüder…“
„Können die uns nicht helfen?“, fragte Nora plötzlich: „Deine Brüder?“
Fury hob den Kopf und schaute Nora nun direkt in die Augen.
„Ich glaube nicht. Ich bin mir sicher, sie würden uns zur Seite stehen, aber War liegt in Ketten, Death ist verschwunden und Strife ist immer noch auf der Erde.“
Fury zog es vor, seine Identität unter den Menschen geheim zu halten. Zumindest so lange, bis sie wusste, was für ein Spiel hier gespielt wurde.
„Und was ist mit den anderen Nephilim?“, fragte Nora weiter. Natürlich konnte sie nichts wissen, von der großen Schlacht vor all den Jahrhunderten, in denen die vier Reiter ihre Brüder und Schwestern niedergemetzelt hatten. Die Nacht, in der Death Absalom hingestreckt hatte.
„Es gibt keine mehr“, antwortete Fury, ohne eine Miene zu verziehen: „Wir vier sind die letzten unserer Art.“
Nora und Markus wechselten einen überraschten Blick und auch Anne hob den Kopf. Die Information hatte ihnen für einen Augenblick die Sprache verschlagen, also ergriff Fury das Wort.
„Ich glaube, selbst nach der Apokalypse gibt es immer noch mehr von euch als von uns.“
„Mag schon sein“, antwortete Markus: „Aber ihr seid wenigstens stark und habt einen Platz in diesem sogenannten Universum, was auch immer diese Vier bedeuten mögen.“ Er betonte den letzten Satz mit einem sarkastischen Augenrollen. „Warum hilfst du uns überhaupt? Und was sind das für seltsame Namen? Death? Strife?“
„Ich finde sie cool“, murmelte Nora, bevor Fury eine Antwort geben konnte. Stattdessen ging sie nun näher auf die erste Frage ein.
„Ich helfe euch, weil das meine Aufgabe ist. Die Vier wurden vereint, um das Gleichgewicht zu wahren und zu dem gehören die Menschen genauso gut, wie die Dämonen und die Engel.“
„Dann habt ihr ja einen großartigen Job gemacht.“
Fury verkniff sich eine bissige Antwort auf die offensichtliche Beleidigung, denn am Ende hatte Markus ja recht. Außerdem verschwieg sie ihm, dass sie ihnen nicht nur half, weil die Menschen Teil des Gleichgewichts waren, sondern viel mehr, weil sie eben jenes Gleichgewicht selbst verkörperten.
Die Menschen trugen Licht und Dunkel in sich wie keine andere Rasse. Der Schöpfer hatte sie dazu auserkoren, eines Tages die Wache über das Gleichgewicht zu übernehmen und genau das war der Grund, weshalb der feurige Rat Jagd auf die Menschen machte. Es war der Grund, warum er die Vier verraten hatte.
„Dann beschützt du uns jetzt also?“, fragte Nora: „Weil wir Teil des Gleichgewichts sind. Du bist unsere Beschützerin!“
Fury drehte den Kopf zu ihr und schließlich zu Anne, die ihren Blick erst nach einer Weile erwiderte.
„Ja. Das bin ich.“
Ein seltsames Leuchten breitete sich in Noras blauen Augen aus und es war ein Gesichtsausdruck, der Fury seltsamerweise überhaupt nicht gefiel. Sie wusste nicht was es war. Nur, dass sie es noch nicht einordnen konnte.
„Ruht euch aus“, wiederholte Fury, nun etwas mehr Ernst in ihrer Stimme: „Egal ob der Sturm über Nacht vorbeizieht oder nicht, morgen müssen wir runter von diesem Berg.“
Mit diesen Worten hatte sie das Gespräch beendet und nur das hohe Pfeifen des Windes störte die Ruhe für die restliche Nacht. Nora war bald eingeschlafen und auch Anne schaffte es, die Augen zu schließen. Markus hingegen blieb wach, tauschte immer wieder einen Blick mit Fury aus und verfiel nur hin und wieder in einen dösenden Halbschlaf. Erst eine Stunde vor dem Morgengrauen war auch ihm eine erholsame Ruhe vergönnt.
Fury seufzte und schaute nach draußen. Sie wusste selbst nicht wie es weitergehen sollte, doch sie schien den Menschen Kraft gegeben zu haben. Ihre stoische Sicherheit und Zuversicht waren kaum mehr als eine Fassade vor einem Sturm der Gefühle, der in ihr umhertobte und der dem Sturm draußen vor der Höhle in seiner Wildheit kaum nachstand.
Der einzige Haltegriff, der sich in all dem Chaos bot, war das Versprechen, das sie Ulthane, aber auch sich selbst gegeben hatte und der Umstand, dass Strife von ihr wusste und auf ihrer Seite stand. Diese Tatsache war der Morgenstern, der ihr auf ihrem Pfad Kraft spenden würde, bis sie schließlich ihre Aufgabe erfüllt hätte: Die Menschen vor dem Untergang zu bewahren.
Vielleicht würde sie scheitern. Vielleicht würde sie sie ewig beschützen müssen. Und wenn letzteres wahrhaftig der Fall war, dann würde sie ihre Aufgabe bis zum Schluss ausführen. Eine einsame Sonne schob sich gerade über den Horizont, als sie den Entschluss endgültig fasste und aufstand.
„Nora“
Das Mädchen schlug ihre verschlafenen Augen auf.
„Komm“, sagte Fury und zog sie behutsam am Arm nach oben: „Der Sturm hat sich gelegt, aber ich weiß nicht für wie lange. Es ist Zeit, diese verdammte Höhle zu verlassen.“
Sie warf einen Blick hinüber auf Anne, doch die schwangere Frau hatte sich bereits an der Felsenwand nach oben gezogen. Auch Markus war schon auf den Beinen.
„Seid ihr bereit?“
Sie schaute die drei Menschen der Reihe nach an und erst als sie ihr alle signalisiert hatten, dass sie zum Aufbruch bereit waren, drehte sich Fury um und marschierte hinaus in die schneidende Kälte. Der Himmel war wolkenleer, azurblau und wunderschön. Noch immer spielte der Wind um die vier Gestalten, doch Furys Flammenform würde sie warmhalten, bis sie das schutzversprechende Tal erreicht hätten.
 
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