Ein Monster im Schrank

von Liskaya
OneshotHumor, Mystery / P12
OC (Own Character)
24.12.2018
24.12.2018
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Für Smeju und Astartus.
Danke für alles was war, ist und noch folgen wird.
Die Zwölfe mit euch.


* * *

Kuslik, 1034BF

Schwach drang das Leuchten des kleinen hellen Steines durch die Dunkelheit des Zimmers. Durch das halb geöffnete Fenster drangen zahlreiche Geräusche der nächtlichen Stadt herein, von denen allerdings keines näher bestimmbar war. Kuslik war eine der Städte, die wohl nie ganz zur Ruhe kam.

Für gewöhnlich hätte sich Noryna nicht daran gestört. Auch in ihrer Heimatstadt Festum ging mitunter auch nachts einiges vor sich, und seitdem sie einmal in Gareth gewesen war, lag die Definition für Unruhe eh ganz woanders. Doch obwohl sie müde war und Schlaf dringend gebrauchen konnte hatte Boron kein Erbarmen mit ihr. Ihre Gedanken drehten sich wild im Kreis, und zwar schon seit Stunden. Nicht nur um die Vorträge und Diskussionen, die sie im Rahmen des Magierkonvents bereits gehört hatte... sondern um die Tatsache, dass es jemanden hier gab, der Unheil im Schilde führte. Was genau, wussten sie nicht. Doch gemessen an seinen Fähigkeiten konnte viel Übles dabei herauskommen, denn ihr Gegner war nicht nur fähig, sondern auch verrückt. Eine ungute Kombination, da er ihnen zudem immer einen Schritt voraus zu sein schien.

Die junge Magierin seufzte und drehte sich auf die Seite, starrte auf den schwachen Leuchtstein, den sie – wie jeden Abend – mittels Objectofixo an die Wand über ihrer Bettstatt klebte. Noch immer hatte sie Angst im Dunkeln, brauchte dieses Licht wie ein kleines, verschrecktes Kind. Vielleicht würde sie dieses Problem bis zu ihrer Abschlussprüfung endlich los sein, grübelte sie, und nahm sich im selben Zuge vor, dies endlich anzugehen. Viel Zeit blieb ihr aber nicht mehr. Zum Glück störte sich Smeju, ihr treuer Freund aus Jugendtagen und Begleiter, nicht daran. Er schien überall und immer schlafen zu können, ob mit Licht oder ohne. Die ruhigen Atemzüge des jungen Hexers im Bett neben ihr mischten sich in die Geräuschkulisse der nächtlichen Stadt.

Noryna drehte sich auf den Rücken und starrte an die Decke. Irgendetwas mussten sie doch tun können, bei Hesinde! Sie hatten sich verpflichtet über die ganze Angelegenheit zu schweigen, damit niemand sonst etwas mitbekam und vielleicht eine Panik losbrach. Das hielt sie für hinderlich, denn Hilfe wäre vielleicht nicht schlecht. Smeju, der ein paar Jahre älter war als sie, hatte zwar durch manchen magischen Trick schon vieles ermöglicht, und auch sie ihre Grenzen schon mehrmals ausgereizt... doch es reichte nicht. Würden sie diesen Irren, der ohne Weiteres ganze Dörfer auslöschte und vor dem Gebrauch von Dämonen oder schwärzester Magie in keinster Weise zurückschreckte, wirklich zu zweit aufhalten können? Sie hatte noch nicht mal ihren Abschluss, verdammt! Und sie war kein Kampfmagier, sondern zauberte Steine an die Wand, weil sie Angst im Dunkeln hatte! Es war zum Haare raufen.

Knack.

Das Geräusch drang unvermittelt an ihre Ohren und ließ sie die Augen weit aufreißen. Es kam nicht von draußen, sondern aus dem Inneren dieses Zimmers. Und weder Smeju noch sie hatten sich bewegt...

Raschel.

Die junge Bornländerin schluckte, kniff kurz die Augen zusammen und lauschte. Es kam von  schräg vor ihr. Nicht bei der Tür links, sondern rechts. Dort stand ein Kleiderschrank. Weder sie noch Smeju hatten sich irgendwie größer eingerichtet, all ihre Habseligkeiten befanden sich in den Rucksäcken neben dem Bett. Was also tat sich da im Schrank? Ein Tier, das sich dort eingenistet hatte? Doch nein, das Institut der Arkanen Analysen hatte sicher gewissenhafte Angestellte, die regelmäßig in die Schränke sahen... und dies ja dann bemerkt und beseitigt hätten.

Knirsch.

Noryna spürte wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. Hier war Magie am Werk, sie spürte die Energie eines sich aufbauenden Zaubers. Und diese kam eindeutig aus dem Schrank. Formte sich dort gerade ein Dämon oder irgendetwas anderes, was nur darauf gewartet hatte dass sie nichtsahnend schliefen? Wusste ihr Ziel von seinen Verfolgern und wollte sie beseitigen? Nachts? Im Dunkeln?

Sie atmete tief ein und konzentrierte sich um ihre Angst einzudämmen, dann wandte sie den Kopf langsam und möglichst lautlos zum anderen Bett.

„Smeju!“, flüsterte sie eindringlich, während ihr das Herz bis zum Halse schlug.

„Mhm“, antwortete ihr Gefährte und regte sich, drehte sich dann schließlich zu ihr und blinzelte. „Was...“

„Da ist was im Schrank“, antwortete sie fast tonlos, deutliche Angst im Gesicht. Sie konnte kaum etwas erkennen, trotz des Leuchtsteins. Noch nie hatte sie sich Nachts gut zurechtgefunden. Nicht nur deshalb hatte sie deshalb Angst im Dunkeln...

„Ach Quatsch, da ist...“ Smeju unterbrach sich selbst, als erneut etwas im Schrank rumorte. Diesmal lauter. Und noch immer wirkte die Magie. Das schien er nun auch zu merken und setzte sich langsam auf. Dabei sah er zu Noryna hinüber, die es ihm gleichtat und nervös umherblickte. Was sollten sie tun? Um Hilfe rufen?

Schab.

Noryna spürte unglaubliche Angst in sich aufsteigen, griff neben ihr Bett und bekam ihren Stab zu fassen. Noch hatte sie keinen eigenen Magierstab, dieser lag unfertig in ihrer Kiste an der Akademie. Dieser hier war ein simpler Holzstab, ohne jegliche Astralkraft darin. Doch zuschlagen konnte sie damit mittlerweile ganz passabel. Ob das einen Dämon aber interessieren würde war höchst fraglich.

„Mach ihn auf“, flüsterte Smeju plötzlich, der den Schrank mit ängstlichem Blick fixierte. Irgendetwas war nun vollends aktiv darin und kratzte, schabte und regte sich. Es gab jedoch kein Geräusch das weiter Aufschluss über seine Natur gab, kein Knurren oder dergleichen. Nur Rumoren, und das konnte echt alles sein. Und die Magie wirkte noch immer...

Noryna schüttelte den Kopf und zeigte ihrem Begleiter einen Vogel. Schützend hielt sie den Stab vor sich und ihre Hände zitterten mittlerweile deutlich. Smeju ging es ähnlich, doch er kam an seine Waffe nicht so gut heran, würde dafür aufstehen müssen. Bittend sah er zu der angehenden Magierin hinüber und deutete erneut nervös auf den Schrank.

„Mach schon.. bevor es fertig ist...“, forderte er, deutliche Angst im Gesicht.

Noryna wusste dass er nicht viel aushielt. Noch mehr als sie liebte er die Sicherheit einer Schreibstube in gesittetem Umfeld. Sie hingegen hatte sich seit einiger Zeit bemüht, nicht ganz so ein Stubenhocker zu sein. Tatsächlich stand sie im Nahkampf sogar etwas länger als ihr Freund, zumindest solange, bis sie fertig mit Zaubern war. Bisher hatte es immer gereicht...

Das Kratzen wurde lauter und glitt an der Innenseite der Schranktür nach oben. Noryna schluckte schwer und nahm allen Mut zusammen. So leise wie nur möglich schob sie die Decke weg, nahm den Stab dann wieder in beide Hände und stand auf, ging zwei Schritte auf den Schrank zu und streckte den Stab aus, sodass sie an die Tür herankam. Smeju hielt die Luft an und behielt sie genau im Blick, schien wohl panisch zu überlegen was er zaubern sollte, sobald die Türe offen war.

Noryna dachte nicht über solches nach. Sie lauschte und starrte auf die Tür, die für sie kaum zu erkennen war. Kurz hatte sie in der Bewegung inne gehalten – nun setzte sie die Spitze des Stabes an der einen Tür an und schob. Zuerst tat sich nichts, dann jedoch glitt das polierte Holz langsam zur Seite, Stück für Stück, und offenbarte schließlich den Blick auf eine gebückte Gestalt, die sich langsam aufrichtete, ganz langsam...

„PARALYSIS STARR WIE STEIN!“

Selten dachte sie groß nach, bevor sie diesen Zauber sprach. Er kam intuitiv, wie aus Reflex – wenn die Gefahr erst einmal versteinert war, konnte man sich immer noch einen Plan überlegen. Noryna hatte all ihre Kraft und Konzentration hineingelegt, Dunkelheit, Müdigkeit und Angst ignoriert. Sie bemerkte dass sie Erfolg hatte, denn die Gestalt erstarrte und blieb, wo sie war. Erleichtert seufzte sie und zog den Stab zurück, während Smeju aufstand und neugierig zum Schrank sah. Noch immer konnte man nicht wirklich erkennen was sich darin befand... und die Magie dort drinnen war noch immer aktiv.

„FLIM FLAM FUNKEL!“

Die Leuchtkugel zerriss die Dunkelheit und schwebte urplötzlich knapp über dem Kopf der jungen Frau. Noryna hatte kurz die Augen geschlossen um nicht geblendet zu werden, nun blinzelte sie und mühte sich, rasch zu erfassen mit wem oder was sie es zu tun hatten. Schon mancher hatte sich über sie lustig gemacht, weil sie diesen Zauber so eifrig übte. Doch ihre Nachtblindheit war im Ernstfall tödlich, und bei Lichte betrachtet sah vieles gleich ganz anders aus.

Bei Lichte betrachtet...

Vollkommen verdutzt starrten die beiden jungen Zauberer auf die Gestalt im Schrank. Halb aufgerichtet, mit verwirrtem Gesichtsausdruck, zerzaustem Bart und schief sitzendem Hut starrte sie ein Mann an. Er trug eine lange, altmodische Robe und hielt einen Stab in der Hand – dieser war halb hinter ihm verborgen gewesen und soeben hatte er ihn offenbar vor sich stellen und sich darauf abstützen wollen.

Norynas Augen huschten über die Gestalt und weiteten sich. Es gab eine Person, deren Verwirrtheit so legendär war, dass er schon zu Lebzeiten Gestalt von vielen weithin bekannten Geschichten geworden war. Diese Verwirrtheit sprang ihr aus dem starren Blick des Mannes entgegen, und plötzlich setzte die Erkenntnis ein. Beinahe hätte sie ihren Stab fallen lassen, klammerte sich nun aber daran fest und gab ein erschrockenes Keuchen von sich. Smeju tat dasselbe nur wenige Augenblicke später.

Rakorium Muntagonus.

Noryna ignorierte die Fragen, die sich sofort in ihrem Hirn manifestierten: Was der Erzmagier in ihrem Schrank verloren hatte, wie er dort hingekommen war... doch nein, das glaubte sie zu wissen: Er war ebenso verwirrt wie bekannt für seine ab und an etwas ungenau gezielten Transversalis-Zauber. Ungenau gezielt war hierbei ein Euphemismus.

Rasch schob sie all diese Gedanken beiseite und blinzelte, dann ließ sie den Zauber sofort fallen. Rakorium war kein Feind, er war einer der bekanntesten Magier des Kontinents... und sie hatte ihn soeben in einem Schrank versteinert. Ihr Verstand weigerte sich, die Bedeutung dieses Moments zu erfassen. Derweil regte sich der alte Mann wieder, blinzelte und krächzte kurz verwirrt. Sofern sich die Verwirrtheit in seinem Gesicht überhaupt noch steigern ließ.

Der alte Magier beugte sich ein wenig vor, wie ein Meister, der prüfend eine Aufgabe seines Schülers kontrolliert. Sein Blick fixierte Noryna, die den Stab zurückgezogen hatte und sich geradezu daran festhielt, während in ihrem Kopf pure Überforderung herrschte.

„Hesinde zum Gruße... bin ich hier in Kuslik?“ Die dünne Stimme des kauzigen Mannes zerriss die Stille, die bis eben nur vom schweren Atem der beiden jungen Bornländer geprägt worden war.

Smeju war zu perplex um sich zu rühren. Noryna fing sich schneller. Sie nickte nur und biss sich auf die Zunge, damit ihr nicht der Mund plötzlich aufklappte.

Rakorium schien zufrieden mit dieser nonverbalen Antwort, richtete sich gänzlich auf, wandte sich dann plötzlich um und rief „Jungs, wir sind da!“ in den Schrank hinein.

Dann schritt er erhaben aus diesem heraus, seinen jahrzehntealten, berühmt berüchtigten Magierstab mit sich führend, eine Erscheinung, die durchaus Respekt einflößte – wenn er nicht immer noch wirken würde wie ein verwirrtes altes Professörchen. Zwei Sekunden später trat ein weiterer Mann aus dem Schrank, schwer gerüstet und nicht minder verwirrt, und folgte dem Greis zur Tür des Zimmers.

Noryna ließ sich aufs Bett sinken und betrachtete die Szenerie mit Faszination. Da waren gerade zwei Leute per Transversalis-Zauber von werweißwo aus dem Kleiderschrank marschiert. Mitten in der Nacht. Und der Erzmagier, vor wenigen Sekunden noch erfolgreich von ihrem Zauber versteinert, schien nicht bemerkt zu haben das er kurz handlungsunfähig gewesen war. Tat er es vielleicht als Nebenwirkung des Teleports ab? Noryna schwieg einfach nur. Smeju war ebenfalls wieder auf das Bett gesackt und atmete hörbar schwer, ihm hing der Schreck ebenso in den Knochen.

In der nächsten halben Stunde verließen noch fünfzehn weitere Personen den Schrank. Sie waren unterschiedlichster Herkunft und Profession – doch alle schienen zu einer Expeditionsgruppe zu gehören, deren Ziel Kuslik und Anführer der Erzmagier waren.

Die ersten Nachfragen „Ist das hier Kuslik?“ oder „Kam hier ein älterer Magier durch?“ beantworteten Noryna und Smeju noch anständig und wahrheitsgemäß, später gingen sie nur zu einem knappen Nicken und einem Deuten auf die Zimmertür über.

Irgendwann war Ruhe. Noryna schloss den Schrank und setzte sich wieder aufs Bett, dann sah sie Smeju an. Ihr Gefährte blickte zurück. Dann schüttelte er den Kopf und lachte leise.

„Du hast gerade einen der mächtigsten Magier des Kontinents versteinert.“

Noryna nickte nur auf diese Erwähnung des Offensichtlichen und sah kurz zu ihrem Leuchtstein, als würde dieser auch etwas dazu sagen wollen. Dann blickte sie wieder ihren Freund an, und ein Lächeln schlich sich auf ihre Züge. Smeju blickte sie erstaunt an.

„Du bist mein Zeuge, ja? Nicht dass man mir am Ende Lügen unterstellt, wenn ich das zu Protokoll gebe“, erwiderte sie dann schließlich ruhig.

„Und was wirst du denen sagen... Reflexhandlung, weil wir von Gefahr ausgingen?“ Smeju ging zwar nicht davon aus dass Rakorium sich beschweren würde, doch man konnte nie vorsichtig genug sein.

„Ja. Und weil ich es kann“, antwortete Noryna seelenruhig, stellte ihren Stab an die Wand und legte sich wieder hin.

Kurz herrschte Stille. Dann lachten die beiden lauthals los, bis ihnen Tränen über die Wangen liefen und aller Schreck gänzlich von ihnen abgefallen war.

* * *

Warum Noryna solche Angst im Dunkeln hat erfahrt ihr hier.
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