Wagenden hilft das Glück

von Liskaya
OneshotAbenteuer, Humor / P12
OC (Own Character)
24.12.2018
24.12.2018
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Für meine drei treuen Begleiter und unseren stets geduldigen Meister.
Danke für unzählige schöne Stunden.
Mögen die Zwölfe euch auch weiterhin hold sein, Bruderschwestern.


* * *

Weiden, 1016 BF

Jiyan spürte den Blick eines Stadtgardisten auf sich, trat einen Schritt näher an ihren Begleiter heran und machte eine unschuldiges Gesicht. Die Fremdjis in dieser Gegend waren wirklich unglaublich misstrauisch. Vielleicht lag es an der Kälte, die hier herrschte? Im Vergleich zu ihrer Heimat war es wirklich frostig, sogar einen Mantel hatte sie sich besorgen müssen. Nun, eigentlich hatte Ravheo diesen für sie besorgt. Der dunkelhaarige Halbelf war ein geschickter Händler, wusste genau wann er wie mit wem reden musste. Sie hielt sich gern an ihn, zumal er recht großzügig zu ihr war. Dies war in doppelter Hinsicht gut, denn somit konnte sie die Geldbörsen anderer Leute erst einmal in Ruhe lassen.

Tatsächlich hatte sie ihre Finger weitestgehend bei sich behalten, seitdem sie mit Ravheo und seiner Gruppe reiste. Sie war eine Fremde, die immer auffiel – kein Wunder, ihre dunklere Haut und die bunte, kontrastreich bedruckte Kleidung fiel wirklich auf inmitten all dieser Fremdjis. In ihrer Heimat war sie eine von vielen gewesen, das Kind von dunkelhäutigen Sklaven, die nach Maraskan geflohen waren, um ihrem trostlosen Leben im Süden zu entfliehen und sich ein besseres Leben aufzubauen. Doch hier war sie ein bunter Hund. Und kannte die Gebräuche noch nicht so gut, sowohl die offensichtlichen als auch die geheimen. Das Letzte was sie wollte, war sich mit der herrschenden Unterschicht anzulegen, weil sie den Falschen bestahl. Es waren zwar Fremdjis, doch gewisse Dinge waren überall gleich. Also hieß es abwarten, beobachten und lernen.

Ihre Begleiter boten die perfekte Tarnung und unwissende Unterstützung dafür. Ravheo kümmerte sich gut um sie, hatte ihr anfangs Essen und Unterkunft bezahlt und mühte sich, ihr immer mehr über die Kultur der Festländer beizubringen. Daryon, ein gewissenhafter Krieger von Inseln auf der anderen Seite des Kontinents, war gutmütig und rechtschaffen, und stets die Stimme der Vernunft unter ihnen. Außerdem hatte er einen recht ausgeprägten Beschützerinstinkt, der bei ihr wohl ganz auf seine Kosten kam. Nun gut, sie reichte dem blonden, kräftigen Mann wirklich nur bis knapp zur Brust, doch auch im Vergleich zu normalgroßen Leuten war sie eher klein geraten.

Andere wären darüber unglücklich gewesen. Jiyan jedoch hatte schon sehr früh die Vorteile dessen erkannt, und keine Sekunde lang gezögert diese zu nutzen. Sie ging immer wieder als Kind durch, kam fast überall hinein und wieder heraus, und im Ernstfall war sie schnell verschwunden und nur sehr schwer zu erwischen. Die meisten Leute hier hielten sie wohl für ein Gauklerkind, das von redlichen Helden irgendwo aufgegriffen worden war und nun behütet wurde. Doch wer es darauf anlegte ihr zu nahe zu kommen erlebte sein blaues Wunder. Ihr Diskus traf fast immer sein Ziel, und ihre Tritte hatten schon manchem Unhold fast mehr Schmerzen gemacht als Daryons Waffe, die so lang und groß war, dass er sie nur mit zwei Händen führen konnte.

Doch sie stellte sich gern unschuldig und harmlos. Es machte ihr Spaß, die Fremdjis zu verkohlen und dabei heimlich im Vorteil zu sein. Vor allem die Mittelreicher... denn diese hatte sie ganz besonders auf dem Zettel. Wäre sie nicht einmal zu leichtsinnig gewesen, würde sie noch immer in ihrer Heimat die Rebellen im Widerstand gegen das Kaiserreich unterstützen. Doch sie hatte fliehen müssen, weil man nach ihr suchte. Nun verbarg sie sich mitten unter den Besatzern, und wurde sogar noch von anderen beschützt. Die Schönheit dieser Tatsache machte sie immer wieder glücklich.

Nun, ihre Begleiter stammten allerdings nicht aus dem Mittelreich, was sie ihr etwas mehr sympathisch machte. Obwohl es Fremdjis waren, die sich immer schwertaten, die wahre Schönheit der Welt zu erkennen. Aber so waren sie eben. Yesaria, eine Kämpferin, die der Kirche von Bruderschwester Rahja diente, stammte wie Ravheo aus dem Süden, dort wo es viel Wein, Perücken und feine Kleidung gab. Die rothaarige Kriegerin hätte eigentlich ein sonniges Gemüt haben müssen, wenn man ihre Herkunft und ihre Verehrung von Bruderschwester Rahja bedachte.

Doch es schien, dieses hätte sie mit dem vierten Begleiter getauscht. Torkil stammte aus dem Norden, aus Thorwal, laberte ohne Unterlass über seine Magie und irgendwelches anderes Zeug, von dem sie nur die Hälfte verstand. Der gut genährte Magier pflegte seinen Bart mit Hingabe und nahm kein Blatt vor den Mund, war allerdings jederzeit blendender Laune, obwohl er in so kalter Umgebung groß geworden war. Yesaria hingegen war oft still, verschlossen und geradezu missmutig. Jiyan schüttelte den Kopf. Ihre Freunde waren in Ordnung. Fremdjis, aber in Ordnung.

Als er ihre Unkenntnis über die Kultur und Religion des Festlandes bemerkt hatte, war Ravheo noch eifriger darin geworden, ihr bei der Eingewöhnung zu helfen. Der Halbelf hatte sie schon in zwei Tempel der Stadt mitgenommen und ihr vieles über die Zwölfgeschwister erzählt. Manches kannte sie schon, denn sie war ja nicht dumm. Schließlich gaben die Zwölfgeschwister auf den Weltendiskus Acht, und es war manchmal ganz schön, sich Geschichten über sie anzuhören. Doch Ravheo nahm das Ganze noch ernster. Es wirkte fast wie Unterricht.

Der Praiospriester, dem sie zuerst begegnet waren, hatte darüber nicht schlecht gestaunt. Auch über die Tatsache, dass Jiyan ihn einfach so mit Du angesprochen und aus dem Bauch heraus gefragt hatte, wieso sich Bruderschwester Praios denn immer so sehr wichtig nahm. Schließlich war er mit seinen Geschwistern gemeinsam für den Weltendiskus verantwortlich und nicht ganz allein, oder etwa nicht? Ravheo war bei diesem Gespräch ein wenig ins Schwitzen geraten. Doch der Geweihte hatte ihre Unkenntnis nur für Naivität gehalten und sehr geduldig geantwortet. Jiyan hatte das Ganze wirklich Spaß gemacht. Und gelernt hatte sie auch noch etwas. Auch auf dem Festland gab es Schönheit zu entdecken. So wie im Travia-Tempel, der zweiten Station des Rundgangs. Was für knuffige Gänseküken!

Nun war sie mit Ravheo auf dem Weg zu Tempel Nummer Drei. Für gewöhnlich war sie eher ungeduldig, wenn man sie so umher schleifte, doch es gab so viel an interessanten Dingen zu sehen, dass es sie entschädigte. Und es war ein Haus von Bruderschwester Phex. Ihn mochte Jiyan ganz gern, seinen Schalk und seine Schläue. Solche machte sie sich selbst gern zu Nutze – denn sie war eigentlich keine Gauklerin, dies war nur Tarnung. Eigentlich war sie... 'Fachkraft für außerplanmäßige und grenzüberschreitende Eigentumsumverteilung' würde Torkil es vielleicht nennen. Viele ihrer Schmugglerfahrten hatten dem Widerstand gedient, und es hatte ihr wirklich Leid getan, fortgehen zu müssen. Aber tot nützte sie keinem. Doch auch hier konnte sie etwas tun. Und wenn es nur Fremdjis ärgern war, deren Kaiser sich damit brüstete, ihre Heimat erobert zu haben.

Jiyan schnaubte und schob diese Gedanken beiseite. Darin Schönheit zu erkennen war nicht wirklich leicht. Doch alles hatte seinen Sinn und Zweck, dessen war sie sich sicher. Ravheo betrat ein Haus, das eher wie ein Kaufmannsladen aussah, doch sie hatte schon gelernt dass Bruderschwester Phex solche Orte lieber hatte als eine protzige Halle, wie etwa die von Bruderschwester Praios. Es war auch hier interessant, und die Stimmung mehr nach ihrem Geschmack. Die Leute, die sich hier aufhielten, sprachen leise oder sagten gar nichts. Manche schienen in kleinen Sitzecken über Verträge zu verhandeln, andere diskutierten ernst miteinander und wogen die Risiken eines zukünftigen Handels ab. Oder sie saßen stumm da und beteten für sich, zählten Geld oder meditierten. Ab und an war ein Geweihter zu sehen, erkennbar an der typischen Kleidung, doch die meisten Leute wussten sich selbst zu helfen.

„Hilf dir selbst, dann hilft dir Phex“, sagte Ravheo zu Beginn seiner Lektion und setzte sich mit Jiyan auf eine der Bänke, um ihr dann einzelne Bilder an den Wänden zu erklären und weiteres über den Gott der Diebe und Händler zu berichten. Den Gott des Wagemuts, des Risikos. Er hielt die Menschen dazu an, ihre Grenzen zu überwinden, etwas zu wagen, und belohnte sie mit Glück, Reichtum und Erfolg. Jiyan hörte aufmerksam zu. Es war eher dunkel hier, aber nicht düster. An der Decke war ein Sternenhimmel abgebildet, der tatsächlich ein wenig schimmerte. Sie fühlte sich hier deutlich wohler als im Praios-Tempel, in dem sie viele abwertende Blicke getroffen hatten. Nun, sie stand schließlich eher für den Bodensatz der Gesellschaft. Doch das hatte sie noch nie sonderlich gekratzt. Ihre Eltern waren Sklaven gewesen. Sie hatten die Schönheit einer neuen Heimat und der Freiheit gefunden. Und irgendwann würde auch sie ihren Platz finden.

Einer der Tempelgäste schien Ravheo zu erkennen. Jiyan erinnerte sich, ihn auf dem Markt gesehen zu haben, als ihr Begleiter für alle Proviant und einiges an neuer Ausrüstung besorgt hatte. Dabei war ersichtlich geworden, dass die Gruppe einige Fässer Met mit sich führte, die Ravheo im Norden gekauft hatte. Daryon und Torkil hatten sich daran beteiligt, und würden ihren Anteil bekommen wenn die Fässer im Süden verkauft waren. Ravheo hatte kein Interesse daran die Sachen schon hier zu veräußern, doch das wollte der Mann offenbar nicht akzeptieren. Er kam zu ihnen hinüber und sprach den Halbelfen an. Unter seiner feinen Kleidung wölbte sich ein wohlgenährter Bauch. An seinen Fingern steckten zahlreiche Ringe, deren Steine fein poliert waren. Der Mann stank nach Geld.

Und er war aufdringlich. Ravheo versuchte ihn höflich loszuwerden, doch der Typ ließ nicht locker. Jiyan tat es leid, ihren Freund so zu sehen. Sie mochte ihn wirklich gern, gerade weil er sich so viel Mühe mit ihr gab und nicht einfach auf sie herabblickte wie viele andere, denen sie begegneten. Kurz musterte sie den dicken Mann, dann rutschte sie etwas zur Seite weg, in die andere Richtung, blinzelte kurz – und fasste einen Entschluss. Sie würde dem Kerl etwas von seiner Last abnehmen.

Lautlos erhob sie sich von ihrem Platz und verschwand um die Ecke. Ravheo hatte es offenbar nicht bemerkt, er versuchte noch immer dem Mann klar zu machen, dass er an keinem Geschäft interessiert war. Jiyan blieb neben einem grauen Vorhang stehen und konzentrierte sich kurz. Sie beobachtete die Leute im Tempel, wohin sie blickten und gingen. Kurz huschte ihr ein Schauder durch den Nacken, dann berührte sie vorsichtig das graue Tuch neben sich und lächelte, denn der Stoff war seidenglatt und wirklich schön.

Dann setzte sie sich wieder in Bewegung, sicher und leise, und keiner schien sie wirklich wahrzunehmen. Zumindest keiner in der Nähe, auch wenn sie an einigen vorbeiging. Sie umrundete die Sitzbank, auf der Ravheo und der Mann noch immer saßen, näherte sich dem Dicken von hinten – und entdeckte die silberne Tabakpfeife, die aus einer Mantelasche hervorlugte. Geduldig wartete sie den richtigen Moment ab, langte dann beherzt zu und drückte sich in eine andere Richtung davon, näherte sich Ravheo wieder und setzte sich neben ihn, als wäre sie nie weg gewesen.

Der Halbelf schaffte es nun doch, den Dicken loszuwerden und blickte sich kurz um. Jiyan hatte die Pfeife gut in der Innenseite ihrer Weste verstaut und blickte zum Sternenhimmel hinauf. Plötzlich schien Ravheo sie wieder zu bemerken, wirkte kurz überrascht, dann seufzte er.

„Manche Leute wissen wirklich nicht, wann Schluss ist“, sagte er leise und seufzte.

Jiyan legte ihm eine Hand auf den Arm und lächelte ihn ermutigend an. „Jetzt ist er ja weg. Torkil würde trauern, würdest du den Met einfach so weggeben. Wenn die Fässer nicht so groß wären, würde er sich nachts sicher immer an eines rankuscheln.“

Ihr Begleiter antwortete mit einem Lächeln. Jiyan lenkte ihn sogleich mit einer Frage ab, ließ sich noch etwas über den Sternenhimmel erzählen. Und über das, was Phex den Menschen zuteil werden ließ, wenn sie sich würdig erwiesen. Wagenden hilft das Glück.

Jiyan grübelte und stand schließlich auf, um mit ihm in Richtung des Ausganges zu gehen. Dabei hielten sie kurz an einem Opferstock inne, in den Ravheo einige Münzen warf, ehe er sich dem Ausgang zuwandte. Offenbar waren auch andere Besucher des Tempels gerade im Gehen, während neue Leute hereinkamen, sodass es im Eingangsbereich ein wenig enger wurde. Ravheo hielt sie dicht bei sich und wiederholte seine Warnung, sie solle auf ihre Sachen aufpassen, was Jiyan mit einem eifrigen Nicken beantwortete.

Dann grinste sie. Jiyan liebte es, ihre Grenzen auszutesten, zu spielen. Jede ihrer Schmugglertouren war ein Wagnis gewesen, jeder neue Auftrag riskant. Doch sie mochte dieses Leben, den Nervenkitzel – und natürlich auch den Lohn, der am Ende stand. Doch der Weg war oft das Beste daran. Jetzt in diesem Moment packte sie der Schalk erneut, und obwohl sie Ravheo mochte, entschied sie, einen Versuch zu wagen. Wie aufmerksam war er wohl? Und wo versteckte er wohl die Honigbonbons, die er auf dem Markt gekauft hatte?

Beim ersten Mal klappte es nicht. Jiyan drückte sich plötzlich enger an Ravheo, als wäre sie gestolpert. Die vielen Menschen um sie herum boten einiges an Ablenkung, doch sie brach den Versuch, in seine Tasche zu greifen, schnell genug ab.

„Tschuldigung, es ist so dunkel hier“, sagte sie leise. Ravheo nickte und schien nichts zu ahnen, blieb dann stehen und ließ zwei Leute an sich vorbeigehen, die ähnlich breit waren wie sein vorheriger Gesprächspartner. War er der einzige Händler in dieser Stadt, der nicht bereits aus dem Leim ging? Man mochte es denken.

Jiyan wartete ab, beobachtete die Szene genau und als sie sich wieder in Bewegung setzten, drängte sich plötzlich jemand an ihnen vorbei und verließ eilig den Tempel. Sie sah ihre Chance, und diesmal hatte sie Glück. Ravheo hatte zwei der Bonbons in seine Manteltasche gesteckt. Sicher wollte er ihr eines abgeben, wenn sie mit der Tempeltour fertig waren. Sie schnappte sich eines davon und sah dem Mann, der sie angerempelt hatte, etwas entrüstet nach. Ravheo störte sich nicht daran, er schien es gewohnt zu sein.

Bevor sie den Tempel verließen hielt er jedoch inne, sah noch einmal zum Sternenhimmel und dann zu ihr. „Hast du noch Fragen?“

„Erstmal nicht“, gab Jiyan fröhlich zurück und lächelte ihn dankbar an.

„Dann sind wir fertig für heute“, schloss der Halbelf und griff in seine Manteltasche, um die Bonbons hervorzuholen. „Ich weiß, du magst Süßigkeiten. Und diese hier sind wirklich gut... Moment.“

Erschrocken blickte er auf seine Hand, in der sich statt erwarteten zwei Bonbons nur eines fand. Prüfend griff er noch einmal in die Tasche, doch die Sache blieb wie sie war. Sein Lächeln von eben erstarb ein wenig, und Jiyan fühlte sich ein klein wenig schuldig.

Im Bestreben, ihn nicht noch länger zu quälen, fischte sie das vor wenigen Augenblicken stibitzte Bonbon aus einer ihrer zahlreichen Westentaschen, wickelte es aus und steckte es sich in den Mund. Dann schloss sie kurz genüsslich die Augen und grinste.

„Ja, die sind wirklich gut. Preise die Schönheit!“, fügte sie dann an und blickte Ravheo wieder  an.

Kurz war er verblüfft... dann lachte er. Jiyan hatte befürchtet er wäre verärgert, doch dies schien absolut nicht der Fall zu sein. Ihr Freund lachte selten, war sonst immer sehr ruhig, doch jetzt schien er wirklich erheitert zu sein. Und es lag deutliche Anerkennung in seinem Blick. Er wickelte sein Bonbon auch aus, steckte es in den Mund und nickte ihr zu. „Preise die Schönheit.“

Beide verließen den Tempel, ein jeder an seinem Honigbonbon lutschend, und schlugen den Weg zum Gasthaus ein. Jiyan freute sich. Sie liebte es, wenn ein Plan aufging, auch wenn dies keine große Sache gewesen war. Und vielleicht hatte sich Bruderschwester Phex darüber gefreut. Schließlich war er in seinen Tempeln durchaus anwesend, hatte Ravheo ihr erklärt.

Der Halbelf ging still neben ihr her, in seinem Kopf drehten sich die Gedanken. Natürlich hatte er Jiyans mutiges Vorwagen zu dem dicken Händler bemerkt. Seine Sinne warfen scharf und schliefen nie – so wie es sich für einen Diener des Fuchses gehörte. Kurz hatte auch er überlegt, den ungehobelten Kerl als Lektion für seine Aufdringlichkeit um etwas zu erleichtern, doch seine Begleiterin war ihm zuvor gekommen. Und zwar auf eine Art und Weise, dass es Phex nur freuen konnte. Niemand sonst hatte sie scheinbar bemerkt – obwohl es genug Blicke zu ihnen gegeben hatte.

Dies bestärkte Ravheos Vermutung, dass Jiyan mehr war, als sie vorgab zu sein. Auch ihm waren begrenzte Zauberfähigkeiten in die Wiege gelegt worden, und er wusste sie mitunter geschickt einzusetzen, ob nun zu Ehren seines Gottes oder in Notfällen. Doch er glaubte, dass sie es eher nicht wusste. Torkil hatte auch schon vermutet, ihre kleine Begleiterin hätte magische Fähigkeiten, doch er war dem noch nicht weiter nachgegangen.

Ravheo lächelte in sich hinein. Es war schön, noch jemanden bei sich zu haben der Phex so gefällig war. Und sie war wirklich gut darin. Tarnte sich als Gauklerin und Taugenichts, tat unwissend und nutzte all dies geschickt. Bisher hatte sie der Gruppe nicht geschadet, und die anderen hatten es auch nicht bemerkt. Daryon war zu gutmütig, Yesaria zu sehr mit sich selbst beschäftigt, und Torkil... war eben Torkil. Doch es freute ihn, die fröhliche Maraskanerin bei sich zu haben, auch wenn sie ab und ab ein sehr großes Mundwerk hatte und aus ihrer Abneigung gegenüber dem Mittelreich keinen Hehl machte. Aber das würde man auch noch hinbekommen... und wenn sie sich weiterhin so geschickt anstellte, konnte sie wahrlich viel erreichen.

Ein wenig wurmte es ihn doch. Er maßte sich nicht an, der beste verborgene Geweihte des Fuchses in Aventurien zu sein. Doch bisher hatte er geglaubt, er wäre gegen solche Tricksereien eigentlich gut gewappnet, aufmerksam und schlau genug. Doch nein, Jiyan hatte ihm eine Lektion erteilt, und diese war durchaus als Fingerzeig seines Herrn zu verstehen. Und dass es in einem Tempel geschehen war setzte dem Ganzen noch mehr die Krone auf. Doch er war ihr nicht böse. Phex war mit den Mutigen, und nahm eben, was man sich nehmen ließ.

„Wegen der Pfeife... ich kenne jemanden, der für Silber gute Preise zahlt“, sagte er dann wie aus dem Nichts heraus.

Jiyan hob die Augenbrauen und wirkte überrascht. Dann grinste sie. „Ich weiß nicht wovon du redest...“, antwortete sie in fast schon verschwörerischem Flüstern.

Ravheo schmunzelte. Sie war aus dem rechten Holz geschnitzt. Beide folgten der Gasse, die vom Phextempel weg führte, nahmen einen kleinen Umweg über einen gewissen unauffälligen Laden und erreichten dann die Taverne, in denen der Rest der Gruppe schon auf sie wartete. Jiyan berichtete von der Tempeltour und den leckeren Bonbons, während sich alle über das Abendessen hermachten. Bevor er schlafen ging fischte Ravheo zwei Mausefallen aus einer der zahlreichen Kisten in seinem kleinen Wagen und steckte sie ein. Nur für den Fall, dass seine Begleiterin es mit dem Finden der Schönheit in seinen Manteltaschen übertreiben sollte...
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