Tales of Prisoners - Eine Weihnachtsgeschichte

von SeiSarash
GeschichteSchmerz/Trost, Übernatürlich / P12
24.12.2018
24.12.2018
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Es ist 19 Uhr, als Abraham Feierabend hat. Er freut sich schon sehr darauf mit seiner Familie zu feiern. Evil Hades scheint aber alles andere als glücklich darüber. Murrend schaut er zu seinem Mitarbeiter, der fröhlich die Kerze auf seinem Tisch auspustet.
„Ich nehme an, Sie wollen morgen frei haben, oder Abraham? Womöglich auch noch den ganzen Tag.“
Abraham schaut zu seinem Boss hinüber.
„Aber, Sir. Es ist doch nur einmal im Jahr.“
„Reden Sie nicht! Das sind doch alles nur Ausreden. Dafür werden Sie am Folgetag umso früher hier erscheinen! Haben Sie das verstanden?“
Der Angestellte zuckt kurz zurück. Dann nickt er. Evil Hades wirft sich seine Jacke über und setzt seinen Hut auf. Gemeinsam verlassen die Beiden das Haus. Wie jeden Abend verschließt der Besitzer die Tür sorgfältig und rüttelt am Ende noch einmal daran um sicher zu gehen, dass sie auch wirklich fest verschlossen ist. Nicht auszudenken, wenn seinem kostbaren Reichtum etwas passiert. Die Wege der Männer trennen sich noch vor der Tür. Doch Abraham ist ganz und gar nicht trübsinnig. Er läuft fröhlich die Straße hinunter, rutscht eine Eisbahn entlang, die einige Kinder auf der Straße gemacht haben und wünscht jeden, an dem er vorbei kommt ein frohes Fest.

Hades Weg nach Hause ist weit aus düsterer. So als würden Kälte und Dunkelheit seine Nähe genießen. Sein Haus ist das letzte an der Straße, die aus der Stadt führt. Von einer hohen Mauer umgeben und mit einem schweren Eisentor verschlossen, liegt das kahle, trostlose Grundstück da. Und das riesige Anwesen verbessert das Bild nicht. Schwarz und Angsteinflößend ragt es empor. Der geizige Mann schließt das quietschende Tor hinter sich und steigt die Treppen zu seiner Behausung hinauf. Er zieht seinen Schlüsselbund aus seiner Tasche, der ihm auch sogleich aus der Hand fällt.
„Verdammt nochmal!“
Mit knackenden Knochen beugt er sich hinunter und hebt den Bund auf. Als er sich vollständig wieder aufgerichtet hat, fällt sein Blick auf den Klopfer an der Tür. Der sieht an diesem Abend ganz anders aus als sonst. Evil Hades sieht näher auf das menschliche Gesicht, dass einen metallenen Ring im Mund trägt. Und irgendwie kommt ihm dieses Gesicht bekannt vor. Als der Alte die Hand hebt um das Gesicht zu berühren, reißt die Fratze Augen und Kiefer auf und ein fürchterlicher Schrei entrinnt seinen Lippen. Hades erschrickt und rutscht auf dem glatten Boden aus. Beinahe wäre er die Stufen hinter gefallen. Doch er landet nur hart auf dem Rücken. Noch immer erschrocken sieht er zu dem Türklopfer, der wieder ganz normal aussieht. Mühevoll erhebt er sich und tut das eben erlebte als einen Streich seines Verstandes ab, der von dem ganzen Weihnachtsunsinn vernebelt ist. Er betritt schließlich sein Heim und verschließt auch hier die Haustür sorgfältig, damit er nicht gestört wird. Er zündet eine einzelne Kerze an. Die reicht ihm auch, um seinen Weg durch die dunklen Flure und Gänge zu finden.

Es ist schon recht spät, als Hades in seinem Gemach bei einem kleinen Feuer im dortigen Kamin, eine warme Suppe zu sich nimmt. Er trägt bereits sein Nachthemd und eine Mütze auf dem Kopf, als ihn das Gefühl beschleicht, jemand stehe vor der Schlafzimmertür. Er donnert den Topf aus dem er isst auf das kleine Tischchen neben seinem Ohrensessel und springt auf. Er reißt die Tür auf, nur um festzustellen, dass dort niemand ist. Grummelnd donnert er die Tür wieder zu und verriegelt sie mit den drei Schlössern, die dort angebracht sind.
„Das ist doch alles Humbug! Humbug, sag ich!“
Laut schimpfend lässt er sich wieder in den Sessel fallen. Gerade als er nach dem Topf mit der Suppe greifen möchte, glaubt er, das Klingeln einer Glocke zu hören. Erst ganz leise. Doch sie wird immer lauter. Und recht schnell kommen noch andere Glocken dazu. Einige fürchterlich schrill, andere eher dumpf. Doch sie dröhnen erschreckend in Hades Ohren. Er zieht seine Mütze weiter in sein Gesicht und hält sich seine Ohren zu. Wilde Flüche entrinnen seiner Kehle. Und urplötzlich, gerade als der Geizhals glaubt, nun endgültig des Verstand zu verlieren, ist alles wieder still.

Langsam nimmt er sich die Hände von den Ohren und richtet seine Mütze wieder. Er behält jedoch eine gekrümmte Haltung in seinem Sessel. Er hält nach einigen Sekunden Stille den Atem an. Er hört das Rasseln von Ketten. Sie zerren an etwas schweren. Und verstummen schließlich wieder. Jemand oder etwas befindet sich vor der Tür! Der Knauf bewegt sich. Zuerst ganz vorsichtig, dann immer wilder. Evil Hades macht sich auf seinem Sessel ganz klein und schluckt. Was um alles in der Welt geschieht hier nur? Es wird an der Tür geruckelt. Hades klammert sich an den Sessel und nimmt all seinen Mut zusammen. Dann schreit er der Tür etwas entgegen.
„Geh weg!“
Da fliegt eine blau leuchtende Kiste an einer lange Kette durch die Tür ins Zimmer. Hades schreit erschrocken auf. Noch ein paar weitere Kisten kommen aus dem Holz der Tür geflogen und donnern auf den Boden. Jede von ihnen ist mit schweren Ketten umwickelt, die alles zur verschlossenen Tür führen und in ihr verschwinden. Der Hausherr atmet schnell und unregelmäßig. Sein Blick ist voller Schrecken auf die Tür gerichtet. Aus dieser erhebt sich eine Gestalte, ebenso blau und leuchtend, wie die Kisten und Ketten, die auch das Wesen umwickeln. Die fast schon menschenähnliche, halbdurchsichtige Gestalt kommt langsam auf Hades zu, der sich auf dem Möbelstück immer kleiner macht. Die Ketten rasseln bei jedem Schritt, den das Wesen macht, wenngleich seine Füssen den Boden nicht berühren. Evil Hades versucht wieder, Mut zu zeigen.
„Was denn nun? Was willst du von mir.“
Die Gestalt bleibt vor dem verängstigten Mann stehen und schaut zu ihm hinunter. Mit einer Stimme, die aus allen Richtungen zu kommen scheint, spricht das Wesen zu ihm.
„Oh. Viel!“
Angesichts dieser nichtssagenden Information, versucht Hades mehr über das fremde Wesen herauszufinden.
„Wer bist du?“
Die Ketten rasseln, als die Gestalt sich wütend vorbeugt und ihn anschreit.
„Du solltest wissen wer ich war, Evil Hades!“
Der Geizhals zuckt erschrocken zusammen und wendet kurz den Blick ab. Dann sieht er wieder hin und erkennt in der Gestalt seinen verstorbenen Geschäftspartner Tobias.
„Nein… du bist tot. Du kannst nicht hier sein!“
Tobias geisterhaften Kehle entrinnt ein Lachen.
„Du glaubst nicht, dass es mich wirklich gibt.“
Hades atmet einmal tief durch. Offenbar ist diese Situation alles andere als bedrohlich. So antwortet er der Gestalt.
„Ganz recht. Du bist nicht hier.“
„Aus welchen Gründen zweifelst du an deinen Sinnen?“
Der Alte beugt sich vor und wirkt seinerseits verärgert.
„Weil jede Kleinigkeit sie zu täuschen vermag. Schon ein leichtes Unwohlsein kann sie verwirren. Du bist womöglich nur ein unverdauter Klumpen Fleisch. Eine nicht mehr so frische Kartoffel. Du scheinst mir eher der Soße, als dem Sarg entsprungen zu sein.“
Tobias zerrt zutiefst beleidigt an den schweren Ketten, die seinen Körper umschlingen und stößt einen fürchterlichen Schrei aus. Sofort zieht sich Hades verängstigt zusammen. Der Geist beugt sich zu ihm runter und seine Stimme dringt tief in den Verstand des Lebenden ein.
„Du Mensch von sachlichem Verstand, glaubst du an mich oder nicht?“
Der verängstigte Mann sieht zu Tobias hinauf und nickt eifrig.
„Ich glaub an dich! Ich glaub an dich!“
Wieder rasselt das Gespenst mit den Ketten, schreit und windet sich. Dann sieht er wieder zu seinem ehemaligen Geschäftspartner.
„Sieh sie dir an, Evil Hades. Schau dir meine Ketten an. Es ist die Kette, die ich im Leben schuf. Geschmiedet Glied für Glied, Stück für Stück. Du erkennst dieses Muster. Oder nicht?“
Hades schüttelt den Kopf. Der Geist umfasst eine seiner Ketten und streicht geradezu zärtlich mit der freien Hand über die einzelnen Glieder. Dann sieht der wieder zu dem Lebenden.
„Kannst du dir auch nur vorstellen, wie lang und schwer deine Kette sein wird, wenn du erst einmal tot bist? Deine Kette war vor sieben Jahren schon so lang und so schwer wie meine heute. Oh ja, deine Kette wird prächtig!“
Der Hausherr schluckt schwer.
„Tobias. Erzähl mir nichts mehr davon. Spende mir doch etwas Trost.“
Der Verstorbene beugt sich weit zu ihm runter und legt seine Hände auf den oberen Rand der Rückenlehne des Ohrensessels.
„Trost habe ich nicht zu vergeben.“
Dann richtet er sich wieder auf.
„Ich muss weiter. Ich darf nirgendwo verbleiben. Sieh mich an. Zu Lebzeiten ging mein Geist nie über unser Geschäft hinaus. Niemals überschritt er die engen Grenzen unserer Geldwechslerhöhle. Nun liegen endlos lange Reisen vor mir.“
Hades nimmt eine vernünftige Haltung auf dem Sessel ein, bevor er etwas sagt.
„Sieben Jahre bist du nun tot. Und seit dem bist du gereist?“
Wieder beugt sich die geisterhafte Gestalt vor.
„Die ganze Zeit. Ohne Ruhe, ohne Frieden.“
Evil Hades findet es fast schon bewundernswert und spricht dem Verstorbenen sein Lob aus.
„Da hast du aber ganz schön was zurück gelegt in sieben Jahren.“
Tobias richtet sich auf, rasselt mit den Ketten und schreit.
„Ich war blind! Blind! Unfähig zu sehen. Mein ganzes Leben vergeudet und vertan...“
Nun tut das Gespenst dem lebenden Mann schon leid. Hades erhebt sich aus seinem Sessel und versucht seinem verstorbenen Partner gut zuzureden.
„Du bist doch immer ein hervorragender Geschäftsmann gewesen.“
Der Verstorbene heult auf und fällt zu Boden. Reglos liegt er eine Weile dort, dann plötzlich stürzt er auf Evil Hades zu. Dieser fällt in seinen Sessel zurück. Er riecht eine Mischung aus faulendem Fleisch und Friedhofserde, als Tobias nur noch wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt zu ihm spricht.
„Die Menschheit wäre mein Geschäft gewesen. Das Wohl der Allgemeinheit wäre mein Geschäft gewesen. Wohltätigkeit, Mitleid, Liebenswürdigkeit, Milde. All das wäre mein Geschäft gewesen.“
Das Gespenst entfernt sich wieder von dem Lebenden. Dieser schaut zu Tobias hinüber. Dieser schließt die Augen. Dann spricht er zu dem Mann vor sich.
„Hör mir zu. Meine Zeit ist fast zu Ende. Ich bin hier, um dich zu warnen. Du hast noch immer die Chance, einem Schicksal wie dem meinen zu entgehen. Eine Chance die du mir verdankst, Evil Hades. Du wirst von drei Geistern heimgesucht werden.“
Der alte Geizhals ist etwas enttäuscht.
„Das soll eine Chance sein? Dann verzichte ich lieber.“
Der Geist von Tobias ignoriert die Worte des Lebenden.
„Erwarte den ersten Geist um Mitternacht. Der Zweite erscheint dir, wenn die Uhr eins geschlagen hat. Und der dritte...“
Tobias schwebt mit seinen Ketten zum Fenster und wendet sich zu seinem noch lebenden ehemaligen Geschäftspartner um.
„Der dritte kommt, wenn die Zeiger der Uhr zwei anzeigen. Du wirst mich nie wieder sehen.“
Langsam schwebt das Gespenst rückwärts durch das geschlossene Fenster. Die schweren Ketten zerren an den Kisten, die langsam über den Boden rutschen und ihrem Besitzer in die Dunkelheit der Nacht folgen. Und im Zimmer kehrt wieder Stille ein. Evil Hades schluckt schwer. Dann stürzt er sich aufs Bett und zieht die Vorhänge von diesem zu. Schwer atmend redet er sich ein, bereits zu schlafen und einen Alptraum zu haben. So versucht er eine Zeit lang, sich selbst wach zu bekommen. Und letztlich ist er zu müde, um sich einzureden, dass er träumt. Er legt seinen Kopf auf sein Kissen und deckt sich sorgfältig zu, bevor er dann wirklich einschläft.
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