Judaskuss

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P18 Slash
24.12.2018
15.03.2019
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cw: angst

tw: implizierter suizid, angedeuteter rassismus




Kapitel 6
Krankenhausdächer


Er macht sich Sorgen. So viel ist offensichtlich; Jess geht es nicht gut und er möchte helfen, aber ihm sind die Hände gebunden – auch, wenn jemand seine Hilfe nicht will, auch wenn er sieht, wie es ihn Stück für Stück auffrisst, von Minute zu Minute mehr, je länger er es für sich behält.
Jude hat nicht vor, ihn zu zwingen, nein, er denkt nicht, dass das etwas besser machen würde, immerhin weiß er selbst, wie es ist, wenn man etwas mit sich herumträgt, das einen erdrückt und das man nicht aussprechen kann, weil es so groß und schrecklich ist, dass ein paar Buchstaben in einer Sprache nicht ausreichen. Vielleicht kann er deswegen so schlecht darüber hinwegsehen, weil er diese Qual aus eigener Erfahrung bestens kennt, vielleicht verzweifelt er deswegen daran, jemanden leiden zu sehen und nichts tun zu können. (Vielleicht verzweifelt er deswegen daran, weil er sich selbst sieht, weil es noch nicht lange genug her ist, dass die Erinnerungen verblasst sind, weil diese Gefühle immer noch zu real und zu greifbar sind.)

Eva hat ihm einmal gesagt, dass genau das sein Makel ist, sein Fehler, dieses Bedürfnis, anderen zu helfen, weil er das Unmögliche versucht – er sagt nicht, dass sie Unrecht hat, doch es gibt so viele Menschen, die die Augen vor dem ganzen Leid um sie herum verschließen, dass er gar nicht anders kann, nicht, nachdem er alle Facetten gesehen hat.
Also ist er nett. Also hilft er. Also ist er zuvorkommend und gibt jedem, der ihm um ein bisschen Kleingeld bittet, etwas, also lächelt er, also sieht er sich die Leute um ihn genau an und fragt nach, also tut er das, was sonst keiner für sie tut.
Aber … nicht jetzt. Später.

Die Worte der Frau in Uniform, von der er vermutet, dass sie ebenfalls mindestens den Rang eines Sergeants hat, bereiten ihm Bauchschmerzen, obwohl es viel mehr die Dinge sind, die sie angedeutet hat – ihm ist bewusst gewesen, dass es nicht nur aufrichtige Polizisten und Detectives gibt, oh, das weiß er nur zu gut, allerdings ist das … es sind zwei verschiedene Dinge, etwas zu wissen und damit in der Realität konfrontiert zu werden.
Er kann sich nicht vorstellen, warum jemand ausgerechnet Jess so sehr schaden wollen würde, dass derjenige sich dafür die Mühe macht, Beweise zu fälschen oder zu verfälschen, und eigentlich ist es ihm auch egal. Das, was wichtig ist, ist, diese Personen möglichst schnell zu finden und hinter Gitter zu bringen, wo sie hingehören.

Jedoch … sicher, als erstes braucht es mehr Beweise als eine Vermutung, selbst wenn sie aus dem Mund eines Vorgesetzten kommt, aber er kann sich nicht vorstellen, dass Churchill sich davon beeinflussen lassen wird – von falschen Beweisen, meint er, es gibt bestimmt irgendwo eine Sicherheitskopie und auch, wenn er diesen Mann nicht mehr leiden kann als die meisten republikanischen Politiker, denkt er, dass der Staatsanwalt schon fair ist. Irgendwie. Streng, aber fair, wie es Rechtsvertreter sein sollte, doch vielleicht ist das der Idealist in ihm, der da spricht.
Vielleicht ist es auch der Optimist, er versteht nicht, was Jess so schlimmes getan haben könnte, dass er so eine Angst hat. Allerdings weiß er auch, dass Angst sehr weit entfernt von rational ist; es ist kein Vorwurf.

Langsam lockert er seinen Griff um das Lenkrad, das er viel zu fest gehalten hat, seine Finger sind so verkrampft, dass er sie kaum zum Schalten lösen kann. Jude weiß nicht warum, er hat nicht gedacht, dass alles ihn wirklich so bekümmert. (Doch da ist diese Wut, dieses Bedürfnis, gegen Ungerechtigkeit anzukämpfen, zusammen mit dieser Machtlosigkeit, die ihm das Atmen schwer macht.)
Der Verkehrt stockt. Die Stille im Auto ist ohrenbetäubend.
Er sieht kurz zu Jess.
Dieser schaut aus dem Fenster, starrt viel eher, ohne tatsächlich etwas zu sehen, und er würde ihn wahrscheinlich erschrecken, würde er jetzt ein Geräusch von sich geben oder nur das Radio lauter stellen, das inzwischen wieder Indie spielt.

Nach einigen Minuten, die sich ein bisschen so anfühlen, als wären sie in einem luftleeren Raum, parkt er den Dienstwagen an der Straßenseite, vor einem langen, zweistöckigen Gebäude mit verzierter Fassade.
Jude stellt den Motor ab und lehnt sich langsam zurück. Für ein paar Augenblicke, die sich wie die Ewigkeit anfühlen, sagt er nichts, tut nichts, wartet einfach nur, doch da sein Partner selbst dann keine Reaktion zeigt, räuspert er sich schließlich, leise, ein wenig verlegen, unsicher, weil er nicht weiß, ob es richtig ist.

Jess dreht sich ruckartig in seine Richtung, in seinen Augen liegt einen gehetzter Ausdruck, seine Hand liegt auf seinem Gürtel, bevor er sie peinlich berührt sinken lässt und sich mit der anderen durch die Haare fährt.
„Sorry“, murmelt er. „Was hast du gesagt?“
„Nichts“, antwortet er und schenkt ihm ein beruhigendes Lächeln. „Wir sind da. Wollen wir reingehen?“ Die Frage ist eher, ob sein Gegenüber reingehen will, er sieht immer noch furchtbar aus und er würde verstehen, wenn er sich demnach nicht noch mehr Stress aussetzen will, aber er würde es auch verstehen, wenn er nicht im Auto bleiben will, allein, ohne eine Beschäftigung, wo ihn immer diese Gedanken treffen können, die man ohnehin nur schwer verdrängen kann.

Sein Partner zögert für einen Moment, bevor er nickt und sich an einem Lächeln versucht, an dem er scheitert. „Klar“, sagt er, heiser, seine Stimme klingt ganz anders als sonst und es bricht ihm schon ein wenig das Herz, ihn so zu sehen.
Er überlegt, etwas zu sagen, behält es dann aber doch für sich und nickt ebenfalls. Dann zieht er den Schlüssel ab und sie steigen aus.

New York ist immer noch kalt und heute erscheint es ihm noch ungemütlicher als sonst, die Gespräche der Leute sind zu laut und der Wind zu eisig und ihm wird schlagartig bewusst, wie einsam sie eigentlich sind, wie sie da so nebeneinander auf dem Gehweg stehen und sich nicht einmal ansehen. (Manchmal weiß er nicht, warum er hier geblieben ist; die Stadt erdrückt ihn an Tagen wie diesen.)
Jess sieht verloren aus – in Mitten all dieser Menschen, neben ihm.

Nach einigen Augenblicken sieht er ihn an; da sind tiefe Furchen in seinem Gesicht, tiefe Besorgnis, und er blinzelt nach wie vor etwas zu schnell, als würde er alles menschenmögliche versuchen, um die Tränen zurück zu halten (er weiß nicht, wie er ihm sagen soll, dass Weinen weder ein Zeichen von Schwäche noch lächerlich ist sondern eine normale, menschliche Reaktion auf zu viel von einer Emotion), seine Schultern sind angespannt. Eigentlich gehört er nach Hause oder an einen netten Ort, mit einer Tasse Tee und einer Decke und jemandem, der ihm diese Angst nehmen kann. Stattdessen stehen sie vor einer Anwaltskanzlei, um die Kollegen des Opfers zu befragen.

Jess atmet tief ein und stößt die Luft wieder aus, in dem Versuch, ruhig zu sein und so auszusehen wie immer, während er seine Hände in seinen Manteltaschen vergräbt, als könnte er darin etwas finden, das ihm Halt gibt.
„Also?“, fragt er, seine Stimme kratzt in seinem Hals.
„Du musst das nicht tun“, sagt Jude ihm, als er ihm in die Augen sieht. „Nicht für mich. Nicht, weil du dich dazu gezwungen fühlst.“
„Ich weiß“, sagt er und schluckt. „Ich möchte etwas zu tun haben.“ Jude weiß, was er sagen will. Er weiß, was es bedeutet.
Es ist der gleiche Grund, aus dem er selbst viel zu früh wieder mit Arbeiten angefangen hat, auch wenn es nur Papierkram gewesen ist, unwichtiges Zeug, Protokolle, irgendetwas, und es ist der gleiche Grund, aus dem Balthazar fast in seinem Büro geschlafen hat, und es ist der gleiche Grund, aus dem Eva ihre Waffe immer griffbereit hat.

„Komm“, sagt er leise und nickt in Richtung des Gebäudes.
Jess ringt sich ein Lächeln ab, das ein bisschen besser aussieht als das vorher, bevor er nickt und zögerlich einen Fuß vor den anderen setzt. Mit jedem Schritt wird er sicherer.
Sie steigen die Treppen vor der Kanzlei hinauf.
Allmählich drückt er die Tür auf, warme Luft schlägt ihnen entgegen, als sie eintreten.
Seine Schritte auf dem Parkett hallen hohl in dem großen Raum nach, die Stille lauert wie ein Raubtier mit offenem Maul, als er auf eine junge Frau zutritt, die direkt hinter dem Eingang an einem Tisch sitzt.

„Entschuldigen Sie“, sagt Jude.
Sie blickt auf. Verwirrung spiegel sich für einen Moment auf ihrem Gesicht wieder, während sie sie betrachtet.
„Wir sind Detectives des NYPDs“, fährt er fort und zeigt ihr seine Dienstmarke, „Wir würden gern mit den Kollegen von Richard Gilliam sprechen.“
Sie zögert, mustert sie erneut, skeptisch, als würde sie ihm nicht ganz glauben. Er kann nur vermuten, dass sie nicht unbedingt die Art Ermittler sind, die hier sonst vorbeikommen. Es ist nicht mehr als ein Gefühl, sicherlich, er hat kann nicht mit Sicherheit sagen, ob er sich das nur einbildet, aber bis jetzt haben ihn seine Gefühle nie wirklich im Stich gelassen, also vertraut er ihnen auch weiterhin.

Langsam nickt sie, nimmt den Telefonhörer ab. „Ich kündige Sie an“, sagt sie dann und wählt eine Nummer, spricht im Flüsterton mit der Person am anderen Ende.
„Sie können jetzt hoch gehen“, sagt sie anschließend und Jude ringt sich zu einem höflichen Nicken durch, bevor er sich umdreht und die Treppe ansteuert.
Jess folgt ihm, ohne ein Wort zu sagen.
Es hat etwas bedrückendes, zumal er sieht, dass die Schultern seines Partners immer noch angespannt sind und sein Gesichtsausdruck ungewöhnlich hart.

„Hey“,sagt er, als sie außer Sichtweite sind und ihre Schritte noch für ein paar Augenblicke in der Luft verweilen. „Wir können auch wieder gehen, wenn dir das zu viel ist.“
Sein Kopf ruckt nach oben, er sieht ihn verständnislos an. „Aber … die werden doch denken-“
„Es ist egal, was andere denken, Jess“, sagt er ihm. Ein flüchtiges Lächeln schleicht sich auf sein Gesicht. „Es geht um dich. Dein Wohlergehen ist wichtiger als die Meinung anderer Leuten.“
Sein Gegenüber blinzelt, langsam, unsicher, scheint darüber nachzudenken und es nicht zu verstehen und Jude weiß nicht, wie er es ihm sonst erklären soll.
„Und wenn diese Leute mich kennen?“, fragt er.
„Selbst dann nicht“, antwortet er. „Wirklich.“
Er sieht immer noch nicht danach aus, als würde er es ihm glauben und … es ist nicht überraschend, nein, leider hat er schon vermutet, dass … Jess nicht so denkt wie er und er schluckt das merkwürdige Gefühl, das sich daraufhin in ihm breit macht, hinunter, bevor er sich wieder allmählich in Bewegung setzt.
Sein Partner folgt ihm und als sie die Treppen hinaufsteigen, nebeneinander, hängen sie beide ihren eigenen, schweren Gedanken nach.

Oben angekommen befinden sie sich in einem langen Gang, auf dem es mehrere Büros zu geben scheint. Jude wirft Jess einen kurzen Blick zu, weiß selbst nicht genau, auf welches Zeichen er wartet; sie nicken sich trotzdem zu.
Er geht auf eine Tür zu, die offen steht, und klopf leicht dagegen.
Auch hier ist Parkett verlegt worden, das wahrscheinlich mehr gekostet hat, als er im Monat verdient. Das Mobiliar besteht aus hellem Holz und dunklem Leder. Die Fensterfront ist der Straße zugewandt, lässt jedoch nur wenig Licht in den Raum.

„Sie müssen die Detectives sein“, sagt der Mann hinter dem Schreibtisch, der nicht gut gealtert ist. Er lächelt höflich und noch mehr Falten tun sich in seinem Gesicht auf wie Risse in der Straße. Seine Haare sind grau und spärlich.
Jude nimmt an, dass er kurz vor seiner Pension steht.
„Ja“, antwortet er und nickt, lächelt, verharrt noch einen Moment in der Tür; er kennt solche Leute nur zu gut.
„Kommen Sie ruhig herein“, sagt der Anwalt dann, scheint auf den ersten Blick freundlich, aber der Ausdruck in seinen Augen sagt etwas anderes.
Dennoch betritt er das Zimmer und lässt sich nach einer entsprechenden Geste auf einem der beiden Stühle vor dem robusten Schreibtisch nieder.
„Schließen Sie bitte die Tür“, sagt der Mann und Jess zieht sie langsam zu, allerdings sind seine Bewegungen steif und Jude ist sich nicht sicher, ob er sich zu viel oder zu wenig Sorgen macht.

„Mein Name ist Bradley Fisher“, sagt ihnen der Mann nach einem kurzen Moment der Stille. „Es ist tragisch, was meinen Kollegen zugestoßen ist, doch ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie ich Ihnen weiterhelfen könnte.“ Er runzelt die Stirn, als wäre es eines der größten Mysterien, die der Menschheit hinterlassen wurden.
„Sie stehen nicht unter Tatverdacht“, versichert Jude ihm höflich und ruhig, während sein Partner am liebsten unsichtbar werden will, so tief, wie er sich in den Stuhl senken lässt. (Er sollte wirklich nicht hier sein.)
Fisher nickt bedächtig, er erlaubt ihnen, noch zu bleiben, und lehnt sich zurück. „Warum sind Sie dann hier?“ Von seinem Alter lässt Jude sich nicht täuschen; der Blick des Mannes ist wachsam, er beobachtet jede seiner Bewegungen und doch steht sein Urteil schon längst fest.
„Da Sie mit Gilliam zusammengearbeitet haben“, beginnt er vorsichtig, der Gesichtsausdruck des Anwalts ändert sich zu etwas skeptischen, misstrauischen, distanzierten. „Ist es naheliegend, dass Sie uns vielleicht etwas über ihn erzählen könnten.“
„Wie was, zum Beispiel?“, fragt Fisher, mustert ihn von oben bis unten wie er wohl den Mandanten mustern würde, gegen den er im Gerichtssaal vorgeht. (Es ist nichts gutes; für einen Sekundenbruchteil fühlt er sich wieder jung und klein und unbedeutend, ängstlich, eines der Kinder, die von Polizisten erschossen werden. Er verdrängt das Gefühl so schnell, wie es gekommen ist.)

Jude hätte gern die Augen verdreht. Seine Worte sind nutzlos, erfolglos, er kann sagen, was er möchte, diese Feindseligkeit wird ihm trotzdem entgegen schlagen. (Er ist es bestens gewöhnt und trotzdem hinterlässt es einen bitteren Geschmack auf seiner Zunge; er schluckt den Ärger hinunter und bleibt ruhig, doch es brodelt dennoch weiter; es ist alles nur wegen seiner Hautfarbe und die Gleichgültigkeit, die er sonst spürt, ist nicht einmal annähernd in Sicht – Fisher ist Anwalt und viel zu viele nicht-weiße Menschen sitzen wegen solchen Leuten ungerechtfertigt hinter Gittern.)

„Wie er gearbeitet hat“, schlägt Jess vor, hat die letzten Reste seines Akzentes hinuntergeschluckt, und lehnt ich nach vorn, sein Gesicht eine neutrale, ausdruckslose Maske. „Ob er beliebt war, ob er sich irgendwelche nennenswerte Feinde gemacht hat.“
Seine Brust schmerzt, als würde ihn jemand erstechen. Es … es ist nicht fair, es ist nicht gut, es ist nicht okay, dass sein Partner sich verstellen muss – sich freiwillig verstellt –, damit dieses Gespräch nicht im Sande verläuft, nur, weil ihr Land immer noch so unheimlich rassistisch ist.
Fisher blinzelt, löst seinen Blick überrascht von ihm und sieht den Mann neben ihm an; Jude ist sich sicher, dass er nicht einmal die Hälfte von dem erfasst, was er sieht. Jess ist gut darin, anderen etwas vorzuspielen, die meisten merken es wahrscheinlich nicht einmal, aber er merkt es; seine Schultern sind angespannt, seine Zähne sind zusammengepresst, seine Knöchel treten weiß hervor, sein Blick fokussiert sich nur mit Gewalt auf etwas anderes als die Leere.

„Vielleicht“, fährt Jess fort und Jude kann dieses Zittern in seiner Stimme hören, das ihm schon verrät, was seine nächsten Worte sein werden. „Wissen Sie etwas über den Fall, an dem Gilliam gearbeitet hat?“ Er ringt sich zu einem Lächeln durch. Es hat etwas von Folter.
Er möchte ihm sagen, dass er das nicht machen muss, dass er aufhören soll, er möchte mit ihm darüber reden, er möchte nicht, dass er sich selbst das antut – aber es geht nicht, er kann das nicht machen, sein Partner würde das wahrscheinlich auch gar nicht wollen; Jude glaubt, wenn er sich jetzt nur bemerkbar machen würde, würde diese Fassade in sich zusammenfallen wie ein Kartenhaus, in dessen Nähe man lediglich etwas zu sehr geatmet hat.

Langsam nickt der Anwalt, verlangt damit wieder volle Aufmerksamkeit. Er gibt sie ihm nicht gern.
Inzwischen denkt er nicht einmal, dass diese Unterhaltung ihnen irgendetwas bringen wird, Fisher spielt sich anscheinend nur gern auf – wahrscheinlich hätten sie ihre Zeit besser darin investiert, sich mit dem Obduktionsbericht zu beschäftigen oder zu versuchen, herauszufinden, welche Officers als erste vor Ort waren.
„Verstehe“, sagt er schließlich. „Ich kann nicht viel über Gilliams Privatleben aussagen, da wir uns nicht so nah standen, allerdings wüsste ich nicht, wer Interesse daran haben könnte, ihn umzubringen. Außer vielleicht die, die er hinter Gitter gebracht hat.“ Er schafft es, sie bedauernd anzublicken. Dann legt er eine Hand an sein Kinn.
„Nein“, fährt er fort. „Ich denke nicht, dass er sich irgendwelche nennenswerte Feinde gemacht hat. Zumindest kann ich mich an keine erinnern.“
Jude hat etwas ähnliches schon befürchtet, er hat eine Ahnung, wo dieser Fall hingeht und es gefällt ihm nicht. Es gefällt ihm absolut nicht.

„Bezüglich des Falls…“ Fisher zuckt mit den Schultern. „Darüber darf ich Ihnen eigentlich nichts erzählen.“
„Besagte Fallakte scheint gestohlen worden zu sein“, bemerkt sein Partner nach einem kurzen Moment der Stille, verzieht dabei nicht einmal das Gesicht. Er blinzelt nicht einmal; er muss an eine Statue denken, an eine kalte, bröckelnde Statue, die der Ausdruck endloser Qual und völliger Verzweiflung ist.
Der Anwalt stockt. Seine Augen weiten sich. „Denken Sie-“
„Bis jetzt ist es lediglich eine Vermutung“, stellt Jess klar, kühler als notwendig. Ihr Gegenüber übergeht den Tonfall.
„Selbst dann“, beginnt der Anwalt und richtet seine Krawatte. „Kann ich Ihnen nicht viel sagen. Ich weiß nur, dass Lieutenant Sparks vom Department in Queens hier war und, dass es wohl um ein Disziplinarverfahren gegen einen Detective geht.“
Jess nickt, auch wenn er danach aussieht, als könnte er sich jeden Moment in einzelne Atome auflösen, wenn ihn die Last auf seinen Schultern vorher nicht erdrückt.
Jude schluckt die Worte, die er ihm so sehr sagen möchte, hinunter, doch er erstickt fast daran, er ist noch nie gut darin gewesen, etwas für sich zu behalten, und sein Partner könnte definitiv wenigstens ein paar aufmunternde Worte gebrauchen.

„Könnten wir Gilliams Büro sehen?“, fragt der Mann, der neben ihm sitzt, nach einem Augenblick.
Ihr Gesprächspartner scheint überrascht, zumindest für eine Sekunde, bevor er nickt und sich schwerfällig nach oben stemmt, ächzt.
Jude erhebt sich ebenfalls, betont langsam, genauso wie Jess, der ihm einen fast schon entschuldigenden Blick zuwirft, als der Anwalt als erstes den Raum verlässt.
Er schüttelt lediglich den Kopf und lächelt kurz, obwohl ein Knoten in seinem Hals festsitzt und er nicht richtig atmen kann und ihm schlecht ist.
Es … ist nicht okay, aber er kann damit umgehen – muss damit umgehen. Nur noch für ein paar Minuten. Nicht für immer. Nur noch, bis sie hier fertig sind.

Fisher geht den Gang entlang, an zwei Türen vorbei, bevor er einen klirrenden Schlüsselbund aus seiner Hosentasche zieht und nach dem richtigen Exemplar sucht.
„Wer hat Zugang zu den Räumen?“, fragt Jess und nickt zur Bürotür, während er seine Hände in seine Hosentasche schiebt. Wahrscheinlich gibt es momentan nichts, was ihn weniger kümmern würde, als die Antwort auf diese Frage; zwar ist es immer noch eine Ermittlung, aber Jude kann sehen, wie schwer es ihm fällt, sich überhaupt auf das Gespräch zu konzentrieren, geschweige denn, es zu führen.
„Die Kollegen selbst, natürlich“, antwortet der Anwalt. „Ich als Leiter dieser Kanzlei.“
„Sonst noch jemand?“
„Nein“, antwortet Fisher, doch seine Finger zittern, als er aufschließt. Vielleicht ist es das Alter. Vielleicht ist es auch etwas anderes.
Er tauscht einen vielsagenden Blick mit seinem Partner, der die Augenbrauen skeptisch hochgezogen hat, dann springt die Tür auf.

Der andere Mann macht eine einladende Geste und tritt zur Seite, Jess nickt ihm zu, bevor er eintritt und die Lederhandschuhe, die er aus seinem Mantel zieht, überstreift. Für einen Sekundenbruchteil sieht er weniger angestrengt, weniger geplagt aus, und für diesen Moment kann er nur daran denken, wie gut er auf das Cover eines Modemagazins oder auf das Plakat eines Films oder auf einen der Bildschirme auf dem Times Square passen würde. Der Moment ist vorbei; er muss daran denken, wie schlecht diese Situation für ihn ist.

Jude nimmt den Raum näher unter die Lupe – die Wand ihm gegenüber wird von einer großen Fensterfront dominiert, durch die das graue Licht fällt und die gedämpften Geräusche des Verkehrs dringen. Eine Sirene heult auf.
Links von ihm befinden sich mehrere, große Schränke, die wahrscheinlich Akten, die aus allen Nähten platzen, und Gesetzbücher, die so dick und schwer sind, dass man sie als Gewichte beim Kraftraining benutzen könnte, beinhalten.
Rechts von ihm befinden sich noch mehr Schränke. In denen, die keine Türen haben, präsentieren sich Diplome, Auszeichnungen und Teilnahmebestätigungen von Fortbildungen. Er hat bis eben nicht gewusst, dass es so etwas für Anwälte überhaupt gibt.
Am anderen Ende des Zimmers steht ein Schreibtisch, ein Stuhl dahinter, zwei davor. Kein Körnchen Staub.
Auf der einen Seite befindet sich ein Laptop, auf der anderen ein geordneter Stapel mit braunen Papierheftern und ein Kalender, in der Mitte ein Namensschild aus Messing.
Es erinnert ihn an das Arbeitszimmer in Gilliams Haus – was, natürlich, nicht unbedingt schlecht ist; manche Menschen mögen so eine Ähnlichkeit.
Und vielleicht ist es auch nur … er weiß nicht, eine Nachwirkung seines früheren Berufs, aber er hat das Gefühl, dass hier etwas faul ist, irgendetwas, aber er kann es nicht benennen. Es kann Einbildung sein, es kann etwas damit zu tun haben, dass er sich Sorgen macht, es kann etwas mit seiner Vermutung zu tun haben.

Jess späht in die Schränke, zieht sie auf, der Blick seiner braunen Augen fliegen über die Buch- und Aktenrücken, bevor er sie wieder schließt und sich dem nächsten widmet.
„Was suchen Sie überhaupt?“, fragt Fisher, der noch in der Tür steht und mit den Händen nach Fassung ringt.
„Nach Beweisen“, gibt Jess zurück, scheint nicht wirklich an einer längeren Unterhaltung interessiert.
Er wendet sich an den anderen Mann, der sich unter seinem Blick unwohl zu fühlen scheint, so, als wäre er furchterregend – Jude schätzt sich selbst nicht als zwingend furchterregend ein. Er entspricht nicht dem Bild eines Detectives, das die meisten haben dürften, wenn man den Undercut und die Lederjacke und die Hoodies bedenkt (und natürlich seine Hautfarbe; er nimmt an, dass es hauptsächlich daran liegt), sicherlich, aber all das bedeutet nicht, dass er furchterregend ist.

„Gibt es etwas, was Sie uns mitteilen wollen?“, fragt er, bemüht um einen ruhigen, höflichen Ton.
Fisher sieht ihn an, wohl verwundert darüber, dass er spricht; er wirkt aus irgendeinem Grund verunsichert.
„Oder, wohl eher, sollten?“, fügt Jess vom anderen Ende des Raums hinzu. Er hat sich inzwischen aufgerichtet und den Anwalt mit seinem Blick fixiert. Seine Stimme ist ruhig, faktisch. Statisch. „Wenn Sie nicht die Ermittlungen behindern wollen, versteht sich. Mit dem Gesetzt dürften Sie sich ja auskennen, nicht?“
Also hat er es auch bemerkt, also ist seine Intuition nicht falsch – etwas stimmt hier nicht. Und es ist an ihnen, herauszufinden, was.
„Ich-“ Fisher stottert.
„Wir sind nur daran interessiert, den Fall aufzuklären“, sagt Jess nun. „Wirklich nur daran.“ Er meint es ernst, er ist aufrichtig, aber selbst ein gutes Herz hilft nicht.
Der Anwalt sieht sie abwechselnd an, abwertend, presst die Lippen aufeinander, um sich davon abzuhalten, etwas zu sagen.

Er tauscht mit seinem Partner einen kurzen Blick, der mehr sagt, als es Worte in diesem Moment könnten, es ist, als würden sie sich schon ewig kennen.
„Falls Ihnen doch noch etwas einfällt“, sagt Jude, als er einen Schritt auf den anderen Mann zumacht und ihm eine Visitenkarte hinhält; zuerst starrt dieser das kleine Stück Papier an, dann ihn, Wut staut sich in seinem Körper an, glitzert in seinen Augen, spricht aus seinen geballten Fäusten und geröteter Haut, allerdings versteht er nicht, warum er ausgerechnet jetzt wütend wird – vielleicht fühlt er sich ungerecht behandelt oder vielleicht denkt er, sie machen sich über ihn lächerlich; kurz hinterfragt er sein eigenes Verhalten, doch er weiß nicht, wie viel er noch besser machen könnte.

„Haben Sie alles?“, fragt dieser Anwalt nun, wirft ihnen dann einen bösen Blick zu.

Sein Partner sieht ihn an, hat eine Augenbraue fragend nach oben gezogen; er erwidert den Blick mit einem Stirnrunzeln.
„Ich denke schon,“ sagt Jess anschließend an Fisher gewandt, bevor er die Hände wieder in seine Manteltaschen schiebt. Seine Zunge fährt kurz über seine Lippen und für einen Herzschlag hat Jude unpassende Gedanken – Bilder und Fragmente, die in seinem Gehirn aufblitzen und wieder so verschwinden, sobald sie gekommen sind.
Sie treten aus dem Büro, der Anwalt schließt es hinter ihnen ab, wobei er so tut, als wäre es eine unheimlich komplizierte Aufgabe, die jeden Funken seiner Konzentration erfordert.
Dennoch verabschiedet er sich höflich. Er erhält keine Antwort.

Bald stehen sie wieder draußen, auf dem Bürgersteig, laufen zum Auto, ohne, dass einer von ihnen etwas sagt, bis sie eingestiegen sind. Selbst dann herrscht immer noch Stille, laut und ungemütlich und angespannt.
Jess dreht sich zu ihm, sieht ihn an; seine Lippen zucken unentschlossen, als wäre er sich nicht sicher, ob er lächeln soll oder nicht, ob er reden soll oder nicht, ob er … er weiß es nicht. Sein Gegenüber scheint besser gelaunt zu sein – ob es ihm wirklich besser geht, ist eine ganz andere Frage, die er sich kaum wagt, zu stellen –, doch er befürchtet beinahe, dass es lediglich eine Maske ist, denn vor ein paar Minuten hat er noch so ausgesehen, als hätte er nichts dagegen, wenn die Welt spontan enden würde.

„Ich hätte nicht gedacht, dass du auch anders sein kannst“, sagt er dann und fährt sich mit einer Hand durch die Haare, der Ausdruck auf seinem Gesicht schwankt zwischen Belustigung und etwas anderem, was er nicht ganz in Worte fassen kann, weil er es zuvor noch nie bei ihm gesehen hat.
Jude zuckt lediglich mit den Schultern. „Ich habe nie behauptet, ein Heiliger zu sein“, antwortet er schließlich, weil er nicht weiß, was er sonst sagen soll; er hat die dumpfe Vermutung, dass Jess ihn für jemanden gehalten hat – oder viel mehr hält –, der er nicht ist; er ist genauso menschlich wie jeder andere, er hat genauso viele Fehler und schlechte Seiten.
„Stimmt“, meint sein Partner leise, sein Blick geht für einen Moment durch ihn hindurch. „Du scheinst sonst immer ziemlich viel Geduld zu haben.“ Es klingt wie eine Entschuldigung.
„Oh, ich habe viel Geduld“, sagt er und lächelt, ein ganz normales, freundliches, beruhigendes Lächeln; Jess hat nichts von dem Zorn verdient, den er in sich trägt. „Ich habe nur keine Geduld für Menschen, die andere oder mich beispielsweise allein wegen ihrer Hautfarbe verurteilen. Ich bin nicht dazu verpflichtet, ihnen zu erklären, warum ihre Einstellung schlecht ist. Ich bin nicht dazu verpflichtet, meine Meinung für mich zu behalten.“ Er schluckt. „Obwohl ich das manchmal vielleicht sollte.“ Immerhin ist er immer noch Detective, es hängt mehr von seiner Arbeit ab als sein Gehalt.

Sein Gegenüber mustert ihn für einen weiteren Moment, ohne etwas zu sagen; Jude beschleicht das ungute Gefühl, dass sie hier einen wunden Punkt gefunden haben.
„Jess“, sagt er dann und der andere Mann, dessen Blick für einen Moment an ihrer Umgebung gehangen hat, fokussiert sich wieder auf ihn. „Es tut mir leid, dass du vorhin, sozusagen, einspringen musstest.“
„Dafür kannst du doch nichts“, antwortet er, überrumpelt.
„Ich weiß“, erwidert Jude, lächelt leicht, bevor er wieder ernst wird. „Trotzdem. Du hättest das nicht machen müssen, ich habe gesehen, wie schwer es dir gefallen ist und wie wenig du das machen wolltest.“
„Ist schon okay“, murmelt Jess mit einem müden Schulterzucken. „Ich bin es gewöhnt.“
„Das macht es nicht besser“, erwidert er, doch seine Stimme ist so leise, dass er sich nicht sicher ist, ob er es überhaupt ausgesprochen hat.

Für einen weiteren Moment herrscht Stille zwischen ihnen, in der Jess den Blick von ihm ab wieder dem stetig an ihnen vorbei fließendem Verkehr zuwendet; ihm brennt eine Frage auf der Zunge, die er eigentlich gar nicht stellen möchte, weil er die Antwort schon weiß, aber es quält ihn dennoch, er muss einfach fragen, selbst wenn er es bereuen wird.
„Wie geht es dir?“, fragt er dann und bereut es, wie er es erwartet hat, im gleichen Augenblick.
Jess zieht ihn nur kurz an, zuckt erneut mit den Schultern, etwas in seinem Gesicht hat sich verändert und alles an ihm schreit danach, dass es ihm absolut furchtbar geht und Jude kommt sich so schrecklich hilflos vor, weil er nicht weiß, ob es überhaupt irgendetwas gibt, was er tun kann, irgendetwas, mit dem er ihn helfen kann.
„Okay“, antwortet er nur, aber der Schmerz auf seinem Gesicht ist zu real, um ihn zu ignorieren – er ist nicht physisch, er hat nichts mit sichtbaren Narben zu tun; es ist die Art von Schmerz, gegen die es so wenig zu tun gibt.
Jude kann damit umgehen, aber er war auch in psychiatrischer Behandlung, Jess hingegen sieht danach aus, als würde er es schon seit Jahren ganz allein mit sich herumtragen und mit jedem Tag weiter vergraben und mit jedem Tag machtloser werden und mit jedem Tag mehr verzweifeln.
Er kennt solche Menschen. Und er kennt auch solche, die sich von Krankenhausdächern stürzen. Und Jess sieht genauso geplagt aus wie sie, genauso verloren, genauso erschöpft; es bricht ihm das Herz – und vielleicht sind seine Intentionen deswegen egoistisch, weil ihn der Gedanke daran, dass der Mann, der jetzt neben ihm sitzt, ebenfalls auf dem grauen Asphalt enden könnte, Angst macht. Und vielleicht ist es auch egoistisch, weil er ihn mag. Und vielleicht ist es ihm egal, weil er am Ende nur helfen möchte und Jess scheint jeden Funken Hilfe gebrauchen zu können.

Langsam streckt er seine Hand aus, vorsichtig; sein Partner sieht zu ihm auf, erschrocken, als hätte er sich zu schnell bewegt und Jude hält inne, wartet einen Moment, bevor er seine Hand schließlich auf seine Schulter legt.
„Es ist okay“, sagt er ihm. „Es ist okay, nicht okay zu sein. Und es ist okay, das zuzugeben, egal, ob vor jemand anderem oder gegenüber dir selbst.“
Jess nickt, die Lippen zusammengepresst und den Kopf gesenkt.
„Danke“, murmelt er, als er nach seiner Hand greift, das Leder seiner Handschuhe ist warm. „Es … denken nicht alle so. Und … manchmal weiß ich nicht, was ich denken soll.“ Er ist heiser, seine Stimme gehorcht ihm kaum.
„Ich weiß“, antwortet er. „Ich weiß auch, dass es schwer ist, damit umzugehen, aber ich kann dir versichern, dass diese Leute nicht recht haben.“
Jess gibt nur ein undeutliches, vage-zustimmendes Geräusch von sich, bevor er sich in den Sitz zurückfallen lässt, als hätte er keine Kraft mehr, sich aufrecht zu halten. Er schließt die Augen und versucht, tief einzuatmen, langsam, doch er verkrampft sich, es sieht ein wenig wie eine Panikattacke aus.

Jude weiß nicht, was er tun soll, er befürchtet, wenn er ihm zu nahe kommt, hat das nicht den Effekt, den er erreichen will.
Vorsichtig dreht er sich in seinem Sitz, um auch seine zweite Hand nach ihm auszustrecken und auf seine andere Schulter zu legen; er kann Jess‘ Puls unter seinen Fingern an seinem Hals rasen spüren, so sehr, dass er für einen Moment unbewusst mitzählt.
Sein Partner umklammert seine Handgelenke, als müsste er sich so verzweifelt festhalten, doch er stößt ihn nicht weg, er macht keine Anstalten dafür, ihn loswerden zu wollen.
„Es ist okay“, wiederholt Jude, weil es wirklich okay ist und er weiß, wie wenig irgendjemand für seine zerstörte Psyche kann. (Und Jess‘ ist sehr kaputt.)

Er kann nicht sagen, wie lange sie dasitzen, wie lange es dauert, bis sich der Puls seines Partners beruhigt. Sein Atem zittert immer noch und seine Brust bebt und sein Griff ist immer noch etwas zu fest, als er schließlich die Augen aufschlägt, blinzelt, als wäre er gerade aus einem Albtraum erwacht.
„Danke“, sagt er erneut, er klingt rau. „Wirklich.“ Ein kurzes Lächeln huscht über sein Gesicht. „Ich bin …“ Er schüttelt den Kopf, als hätte er keine Worte, aber im positiven Sinne. Jude kann ihn nur ein wenig fester halten und hoffen, dass es nicht das ist, wonach es klingt.
„Gerne“, sagt er. Er klingt nicht viel besser. „Wenn du Hilfe brauchst – egal, mit was –, dann kannst du zu mir kommen. Immer. Egal, zu welcher Tageszeit. Ich bin für dich da. Ich möchte dir wirklich nur helfen. Okay?“
„Okay“, flüstert Jess heiser und jetzt sind da definitiv Tränen. „Danke. Ich- … du bist ein guter Mensch, Jude.“ Er zögert, schluckt, atmet ein paar Mal ein und aus. „Ich … also, ich weiß, dass wir uns nicht wirklich lange kennen oder überhaupt, aber – aber ich glaube, dass du mein erster, richtiger Freund bist.“ Er scheint die Worte zu bereuen, sobald er sie gesprochen hat, Angst flackert in seinen Augen auf, er versucht sie, zu unterdrücken.
Jude hält ihn noch ein wenig fester und lächelt.
„Ich wäre gern dein Freund“, sagt er.
Für eine Sekunde sieht Jess so aus, als könnte er nicht begreifen, dass er das gesagt hat und dann grinst er – ehrlich, offen, breit.
„Das macht mich sehr glücklich“, erwidert er und entspannt sich allmählich, bevor es zwischen ihnen wieder still wird.

„Und jetzt?“, fragt Jess nach einer Weile und sieht ihn an.
„Ehrlich gesagt würde ich dich jetzt nicht noch zu weiteren Kollegen oder Angehörigen schleifen wollen“, meint Jude mit einem entschuldigenden Gesichtsausdruck. „Allerdings dürfte die Obduktion inzwischen durch sein, also wenn du dabei sein willst …“
Sein Partner mustert ihn für einen Moment. „Kann ja nicht so schlimm sein“, meint er und zuckt mit den Schultern.
„Du kannst rausgehen, wenn es dir zu viel wird“, sagt er ihm. „Der Doktor nimmt das nichts persönlich. Eigentlich nimmt er gar nichts persönlich.“
„Okay“, murmelt Jess, bevor er lächelt, aber Jude kann erst nach ein paar weiteren Sekunden zögerlich loslassen, um das Auto zu starten und loszufahren.
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