Willst du mit mir gehen?

OneshotRomanze / P16 Slash
Imaizumi Shunsuke Naruko Shoukichi Onoda Sakamichi
24.12.2018
24.12.2018
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Vielen Dank, dass Du Dich für diese Geschichte entschieden hast. Möge sie Dich unterhalten und zu Fanfictions, Fan-Arts und Tagträumen inspirieren.
Ich begrüße besonders herzlich all jene Leser von meiner laufenden Kuroko-no-basuke-Fanfiction „Alle meine Freunde, alle meine Sorgen“ und jene, denen meine anderen Geschichten bereits gefallen haben. Natürlich seien auch alle Neueinsteiger aufs Herzlichste begrüßt!

Hinweis:
Die auftretenden Charaktere gehören nicht mir, sondern Watanabe Wataru, ich habe sie mir nur ausgeliehen und für meine Zwecke missbraucht. Ich verdiene mit dieser Fanfiction kein Geld. Ähnlichkeiten zu realen sowie fiktiven Personen oder Vorkommnissen sind zufällig. Das Kopieren und Verbreiten dieser Fanfiction ohne Genehmigung des Autors ist untersagt.
Es handelt sich bei dieser Geschichte um reine Fantasie, deshalb sind einige Fakten aus dem Original abgeändert worden. Die Namen der auftretenden Charaktere richten sich nach der japanischen Reihenfolge, beginnend mit dem Familiennamen und gefolgt vom Eigennamen. Teile der Geschichte können auf Anfrage gern weiter verwendet werden.

Meine Anime-Empfehlung:
Ich möchte den Anime „High School Star Musical“ (auch unter dem Titel „Starmyu“ bekannt) empfehlen. Einzuordnen in das Genre Musik handelt dieser Anime von den Oberschülern Hoshitani Yuuta, Nayuki Tooru, Tsukigami Kaito, Tengenji Kakeru und Kuga Shu, die sich zunächst den Hürden einer Aufnahme in die musikalisch anspruchsvolle Ayanagi-Akademie stellen und sich anschließend zu einer miteinander agierenden Gruppe zusammenfinden müssen.
Der Anime ist besteht aus derzeit 2 Staffeln; die dritte Staffel wird im Jahr 2019 ausgestrahlt. Die erste Staffel umfasst 12 Episoden plus 2 OVAs, die zweite Staffel umfasst 12 Episoden plus 1 OVA.
Wer sich gern mit Gesang, Unterhaltung und dem Entstehen neuer (Männer-) Freundschaften auseinandersetzt, ist bei „Starmyu“ genau richtig.


Willst du mit mir gehen?


Imaizumi Shunsuke drehte seinen Kopf von der einen Seite auf die andere, betrachtete sich gründlich im Spiegel und befand sein Gesicht und sein Aussehen für akzeptabel. Er kämmte sich noch einmal kurz die Haare, nickte sich selbstbewusst zu und verließ das Bad. In seinem Zimmer schnappte er sich seine Tasche und im Flur seine dicke Jacke, die er sich überstreifte. Als er sich die schwarzen Schuhe im Eingangsbereich zuband, trat seine Mutter auf den Gang.
„Shunsuke?“
„Ich bin dann gleich weg“, sagte Imaizumi.
„Ja, ist gut“, antwortete seine Mutter. „Sei vorsichtig und zieh dich warm an.“
„Ich habe meine Winterjacke genommen und auch die Winterschuhe“, sagte Imaizumi.
Seine Mutter nickte und lächelte, was er in seinem Rücken spürte. Er drehte sich um.
„Was ist?“, wollte er wissen.
„Ach, es ist schön zu sehen, dass du Freunde hast, mit denen du heute ausgehen kannst“, kicherte seine Mutter.
„Es ist nicht so, wie du denkst!“, sprang Imaizumi auf und wurde rot im Gesicht.
„Und ich meine es nicht so, wie du denkst“, erwiderte seine Mutter, obwohl sie mit ihrem verhaltenen Lachen alles andere als überzeugend wirkte.
Allerdings war Imaizumi genauso wenig überzeugend, wie er sich zu seiner Schande eingestehen musste.
„Es steht nicht mal fest, ob ich überhaupt jemanden treffe“, murmelte er.
„Nanu? Hast du dich denn nicht richtig verabredet?“
Imaizumi rang mit sich.
„Wie auch immer, ich muss jetzt los. Also, bis später!“, rief er und verließ die Wohnung vielleicht ein wenig überhastet.
‚Sie muss echt nicht alles wissen‘, dachte er resigniert. ‚Sie findet es noch früh genug heraus, wie ich sie kenne...‘
Er steckte seine Hände in die Jackentaschen und schritt die Treppe vor dem Apartment hinunter, die Straßen entlang immer weiter Richtung Innenstadt. Vereinzelte Schneeflocken tanzten vom wolkenverhangenen Himmel herab, der um diese spätnachmittägliche Uhrzeit langsam ins Dunkle überwechselte, und Imaizumis warmer Atem kondensierte in der kalten Luft. Der Winter war hereingebrochen, allerdings war das auch nicht zu vermeiden, immerhin war heute Weihnachten! Eigentlich ein Grund für Fröhlichkeit. Die Schule hatte etwas früher geendet und alle Geschäfte hatten noch länger geöffnet als sonst...
Imaizumi verband mit Weihnachten lange nichts Besonderes, weil er es für einigermaßen unnütz hielt, schließlich war das ein christliches Fest. Doch seit letztem Jahr...

Alles hatte in seinem ersten Jahr auf der Oberschule seinen Anfang genommen. Er besuchte die Sohoku High und trat dem Fahrradclub bei. Dort lernte er auch Onoda Sakamichi kennen, seinen Klassenkameraden und Teamkollegen. Der kleine Brillenträger schien auf den ersten Blick nichts Besonderes zu sein, doch nach und nach offenbarte er seine Qualitäten, die tief in ihm steckten. Imaizumi war völlig geblendet von diesen Fähigkeiten. Dank Onoda hatte Sohoku erstmalig die Hakone Gakuen geschlagen; Sohoku hatte die Inter High des vergangenen Jahres gewonnen. Der Sieg schmeckte süß und Imaizumi erfreute sich noch lange an diesem Gefühl, das er bald unwiderruflich mit Onoda verband. Onoda war ein Hoffnungsträger für Imaizumi – und ein engelgleiches Wesen.
Nach der Inter High war es ein wenig schwierig, in den Schulalltag zurückzufinden. Lange nach dem Event produzierte Imaizumis Körper noch ununterbrochen Adrenalin, obwohl dafür vorläufig kein Grund mehr bestand. Im Fahrradclub wurde die Stimmung immer bedrückter, weil sich zum Jahresende hin die Drittklässler verabschieden würden. Besonders Onoda hatte damit zu kämpfen, weil er den Eindruck hatte, sich nicht ausreichend bei den Senpais bedankt zu haben – für alles. Imaizumi konnte es bis zu einem gewissen Grad nachfühlen, doch machte sich ein anderes Gefühl in ihm breit, das ihn langsam von innen heraus zerfraß.
Imaizumi seufzte leise. Jetzt war es genau ein Jahr her, seit er sich der Ausmaße seiner Gefühle bewusst war. Es war reiner Zufall gewesen, dass er in Akiba gelandet war. Irgendwie hatte er wohl gehofft, Onoda anzutreffen, denn laut diesem gab es nur am vierundzwanzigsten Dezember gewisse limitierte Figuren, DVDs und so weiter, auf die der Kleine sich schon ewig freute. Daher hatte Imaizumi vermutet, dass der Brillenträger in Akiba wäre. Allerdings wusste er natürlich nicht, zu welcher Uhrzeit. Es war reiner Zufall gewesen, dass Imaizumi Onoda erblickte, als dieser gerade aus einem Geschäft stolperte, in der Hand mindestens drei Tüten und sein übliches, freudestrahlendes Lächeln im Gesicht, das von der Wärme im Kaufhaus gerötet war. Imaizumi hatte neben einem dieser in Pflasterstein eingemauerten und daher erhöht stehenden Bäume gestanden und sich wie vom Blitz getroffen gefühlt. Während er darüber nachdachte, dass diese Begegnung Schicksal sein musste und wie niedlich Onoda aussah, versäumte er völlig die Gelegenheit, den Brillenträger anzusprechen, andererseits war er sich plötzlich auch nicht mehr sicher, ob er das einfach so konnte.
Seit letztem Weihnachten, seit diesem schicksalshaften Treffen, das gar keins war, wusste Imaizumi endgültig, was er für Onoda empfand, und damit ging auch ein sich ständig weiterentwickelndes Befangen gegenüber dem Brillenträger einher. Imaizumi genügte es, in Onodas Nähe zu sein, aber wenn Onoda ihn ansprach oder wenn Imaizumi ihn ansprechen sollte, fiel ihm kein einziges Wort mehr ein. Ein Blick aus diesen großen, runden, wunderschönen Augen und alles geriet in Vergessenheit. Was wäre auch wichtig im Vergleich zu Onoda?!

Die bunten Lichter der Stadt empfingen Imaizumi in ungebremster Schärfe. Für gewöhnlich verabscheute der große Radrennfahrer diese stechende Helligkeit, doch heute war er auf der Suche nach Onoda in der Hoffnung auf ein weiteres schicksalhaftes Treffen, diesmal allerdings eins von der Sorte, das diesen Namen auch verdiente! Imaizumi hatte nicht den Mut gehabt, Onoda zu fragen – nach einem Date. Irgendwie glaubte Imaizumi, dass Onoda nicht verstehen würde, was Imaizumi mit seinen Worten ausdrücken wollte, deshalb hatte er es bisher auch unterlassen, Onoda seine Gefühle zu beichten. Gewiss, es gab Momente, in denen er es sich vorgenommen hatte, aber der Kleinere verstand es meisterhaft, Imaizumi dahingehend zu entmutigen und ihm einen Strich durch die Rechnung zu machen. Es war eine der Seiten, die Imaizumi an Onoda mochte, nämlich seine Unvorhersehbarkeit, und gleichzeitig verabscheute er sie. Wie nur sollte er Onoda jemals begreiflich machen, wie sehr er litt unter dieser Last der Emotionen, die in seinem Inneren verrücktspielten und ihn seit Monaten kaum mehr richtig schlafen ließen? Es gab einige Gelegenheiten dazu, doch wie bereits erwähnt: Onoda kam Imaizumi zuvor. Und nicht unbedingt im Sinne der Motivation.


Valentinstag

Auf dem Weg zur Schule musste Imaizumi sich mehrmals zur Konzentration ermahnen. Ein verklärtes Lächeln lag beständig auf seinen Lippen und sein Denken nahm sich wohl daran ein Beispiel und klärte sich ebenfalls, indem es verschwand. Seine Hände rochen immer noch leicht nach Schokolade. Hoffentlich war der Geruch wenigstens aus seinen Haaren verflogen.
Er hatte den gestrigen Tag damit zugebracht, unter der Anleitung seiner Mutter Schokoladenpralinen herzustellen. Seine Mutter hatte ihm ihre Hilfe nicht verweigern können, denn Imaizumi hatte alle notwendigen Zutaten eingekauft, sich sogar ein Rezept herausgesucht und seine Mutter vor vollendete Tatsachen gestellt, indem er die Küche blockierte. Sie musste über seine Euphorie lächeln, sagte aber nichts weiter und unterstützte ihn ein wenig. Imaizumi hatte bis dato noch nie Schokolade selbst gemacht, geschweige denn jemals welche angefasst oder gar gegessen. In der Schule hatte er nicht gerade selten Schokolade von Mädchen geschenkt bekommen, doch er hatte jedes Mal abgelehnt, was der Anzahl an Geschenken keinen Abbruch tat, eher im Gegenteil: Seine Unnahbarkeit schien ihn rasch populär zu machen. Imaizumi wusste nicht, was für ein Sinn darin bestand, jemandem, den man mochte, selbstgemachte Schokolade zu schenken, denn es gab doch so viele andere Dinge, die von wesentlich längerer Dauer waren. Und nun hantierte er selbst in einer schokoladenverspritzten Küche herum, formte Kugeln, Quader und Würfel (Herzen hatte er aus purer Verlegenheit abgelehnt) und fuhr sich immer wieder mit dem Handgelenk über seine feuchte Stirn. Wer hätte gedacht, dass Schokolade ihn mehr ins Schwitzen bringen konnte als ein Radrennen?
Nach exakt vier Stunden und dreiundfünfzig Minuten hatte Imaizumi Schokoladenpralinen in der Hand, die er zu verschenken gedachte. Sie waren perfekt, vermutlich auch vom Geschmack her, immerhin hatte er nichts daran verändert... Oder nicht viel. Onoda sollte sie bekommen. Es sei denn, Imaizumi würde an seiner Verlegenheit sterben. Mit einem so roten Kopf war er wohl noch nie ins Bett gegangen!
Also am nächsten Morgen, am Valentinstag auf dem Weg zur Schule. Mit einem blödsinnig glückseligen Grinsen und abwesenden Gedanken. Imaizumi konnte wirklich von Glück reden, dass er nicht überfahren worden war. Jeder Meter, der ihn näher zur Schule führte, verstärkte Imaizumis Nervosität. Natürlich hatte er seine Schokolade dabei, die er verschenken wollte, aber wann sollte er sie Onoda überreichen? Noch vor der ersten Stunde? In einer größeren Pause? Nach dem Unterricht? Imaizumi wusste es nicht. Und außerdem... hatte er total vergessen, dass es nur wenige Mädchen an der Sohoku High gab, die ihm seinen Willen lassen würden, hätten sie denn von seinen Plänen gewusst.
Als Imaizumi also eintraf und sein Rad mit einem Stahlschloss sicherte, umkreisten ihn bereits acht Mädchen mit verschieden verpackten Päckchen und versuchten, ihm ihre Kreationen aufzuzwingen. Der Junge wehrte die aufdringlichen Weiber mit seinen Armen ab und kam sich lächerlich berühmt vor. Wenn sie ihn so behandelten nach einem gewonnenen Rennen, hätte er wahrscheinlich nicht sehr viel dagegen einzuwenden, aber gerade heute...? Er musste doch Onoda finden und diesem süßen Brillenträger irgendwie die eigens produzierte Schokolade überreichen mit einer bedeutungsvollen Geste, damit sie beide in ihrer Beziehung ein wenig vorankamen! So lautete Imaizumis Plan. Dann stockte er in seinem Schritt, weil ihm siedend heiß etwas Alarmierendes einfiel: Wenn Imaizumi erkannt hatte, wie niedlich Onoda war, und wenn es auch sämtlichen anderen Clubmitgliedern und Klassenkameraden und sogar den übrigen Teilnehmern bei Rennradturnieren aufgefallen war... Wie lächerlich gering standen da die Chancen, Onoda heute noch zu erreichen? Sicher war er bereits in einer Traube aus Bewunderern untergegangen... Imaizumi beschleunigte seine Schritte abrupt, sodass er aus dem Kreis der Mädchen herausschoss, und rannte beinahe auf den Eingang zu.
Ein erleichterter Seufzer entfuhr ihm unwillkürlich, als er Onoda unbehelligt auf seinem gewohnten Platz in der Klasse sitzen und abwesend aus dem Fenster schauen sah. Imaizumi dankte bis heute dem glücklichen Zufall (ergo dem Schicksal), dass sie beide noch immer in dieselbe Klasse gingen. Gut, zu Imaizumis Übel hatte auch Naruko in ihre Klasse gewechselt, was Imaizumis Freude einen kleinen Dämpfer verpasst hatte, aber im Großen und Ganzen war er sehr zufrieden damit, schließlich hätte es auch anders ausgehen können. Hm, ausgehen... Imaizumi schüttelte seinen Kopf und fuhr in der stillen Betrachtung seines Lieblingsmenschen fort.
Onoda machte heute einen besonders niedlichen Eindruck: Er hatte seinen Kopf auf eine Hand gestützt, seine Haare wie immer sehr gepflegt, die Brille vermutlich geputzt, eine gerade Körperhaltung. Mit verträumten Augen beobachtete er entweder das Geschehen unten auf dem Schulhof oder er starrte in den strahlend blauen Himmel, den einige weiße Wattewölkchen dekorierten. Was immer sich in seinen Augen spiegelte, es wurde noch schöner dabei, wie Imaizumi fand. Leise lächelnd ließ er sich auf seinem eigenen Platz direkt neben Onoda nieder und bereitete sich in aller Ruhe und mit sorgsamer Achtsamkeit auf den Unterricht vor. Diesen wunderschönen Moment wollte er nicht zerstören. Onoda schien gerade in seiner eigenen Welt zu schweben und Imaizumi hatte keinerlei Intention, ihn brutal daraus hervor zu reißen. Lieber nutzte er die Gunst der Stunde und betrachtete Onoda beim Träumen wie ein faszinierendes Gemälde.
Hätte er doch nur nicht an seinen Prinzipien festgehalten. Andererseits war es genau diese unkonventionelle Seite, die Imaizumi ausmachte.
Mit dem Lärm einer ganzen Elefantenherde bretterte Naruko in diese Idylle und der schönste Moment in Imaizumis Leben zerbrach wie dünnes Eis auf einem See. Dieser verdammte vorlaute Sprinter! Es kribbelte Imaizumi in den Fingern, den Rothaarigen zu würgen.
„ONODA-KUN!“, brüllte das potentiell gefährdete Mordopfer und grinste dabei bis über beide Ohren. „GUTEN MORGEN!“
‚Wir hören dich alle, du Vollidiot‘, dachte Imaizumi und rieb sich genervt die Stirn. ‚Auch wenn du nicht so schreist!‘
Onoda neben ihm fuhr heftig zusammen, drehte sich nach dem Störenfried um und dann... musste Imaizumi den Blick abwenden, weil ihm etwas schlecht wurde. Onoda lächelte Naruko an. Eigentlich ein ganz normaler Vorgang unter Freunden, doch Imaizumi hatte sich mittlerweile derartig in seine Gefühle hineingesteigert, dass er Onoda als sein Eigentum ansah, dem er es nicht gestattete, außer ihm jemand anderen anzulächeln! Doch was konnte er dagegen schon tun? Onoda würde eher auf Abstand gehen, wenn er das wüsste! Der Kleine sollte Imaizumi doch nicht für engherzig und egoistisch halten (selbst wenn dies die vorherrschenden Eigenschaften von Imaizumi Shunsuke waren).
„Guten Morgen, Naruko-kun“, antwortete Onoda und Imaizumi hörte ganz deutlich die Freundlichkeit in seiner Stimme.
Eine Gänsehaut raste ihm über den Rücken und seine Brust schmerzte ein wenig, weil er selbst nicht bedacht worden war. Und weil Onoda es sich noch immer nicht abgewöhnt hatte, Imaizumi mit seinem Familiennamen anzusprechen. Da war der Kleine stur und hielt sich an sämtliche Höflichkeitsfloskeln, die Imaizumi einerseits am liebsten zum Teufel oder sonst wohin verbannt hätte, andererseits waren es genau diese gesellschaftlichen Richtlinien, die nicht nur Schmeißfliegen wie Naruko, sondern auch alle anderen Mädchen und Jungs von Onoda fernhielten – zumindest einige Zentimeter. Er knirschte ungehört mit den Zähnen. Warum nur steckte er immer in dieser Zwickmühle, dass er dauernd zwei Seiten einer Medaille betrachten musste? Es wäre so viel einfacher, wenn er die andere, nicht glänzende Seite ignorieren könnte. Doch Onoda legte viel Wert darauf, was ihn wiederum so liebenswert machte.
„Ah, guten Morgen, Imaizumi-kun“, richtete Onoda nun das Wort an Imaizumi, der zusammenzuckte und den Blick erwiderte, der ihm entgegenleuchtete. „Ich habe nicht mitbekommen, dass du schon da bist.“
Imaizumi wurde auf die Probe gestellt, eindeutig. Onoda lächelte mit geschlossenen Augen und strahlte Freude aus, als wäre heute ein besonders schöner Tag. Imaizumi hätte liebend gern ebenfalls die Augen geschlossen, um nicht geblendet zu werden, doch Onoda erwartete wohl eine Reaktion. Wie sollte er etwas sagen, wenn sich aus einem völlig unbekannten Grund seine Zunge verknotet hatte und sein Sprachzentrum in einer wüsten Bibliothek, die zuvor mit allerlei Worten gefüllt war, ganz sicher, erfolglos nach einem gefahrlosen Satz suchte, der wenigstens halbwegs zu der vorangegangenen Aktion passte?! Zu allem Überfluss näherte sich der Feind Naruko mit atemberaubender Geschwindigkeit, um ihre wertvolle Zweisamkeit zu vernichten...
„Ah...“, machte Imaizumi und dann war der Moment vorbei.
„Uff“, schnaufte Naruko und hopste schwungvoll auf Onodas Pult. „Mann, was ist denn heute los? Seit ich hier bin, belagern mich Mädchen und wollen mich beschenken...“
Onoda kicherte verhalten.
„Ne, Naruko-kun, weißt du, welches Datum heute ist?“, fragte Onoda amüsiert.
„Hmmmm... Der vierzehnte Februar?“
„Richtig“, nickte Onoda. „Dieses Datum ist gemeinhin auch als Valentinstag bekannt.“
Naruko riss entsetzt die Augen auf – und Imaizumi hätte nicht weniger entsetzt sein können, denn wieso hörte er dem Rothaarigen eigentlich zu? Und wieso tat er, als wäre er an diesem Gespräch ebenfalls beteiligt? Keiner von den anderen beiden hatte ihn eingeschlossen... Und verdammt noch mal, er hatte nicht einmal etwas sagen können! Was war er doch nur für ein Vollidiot! ... Also Naruko natürlich!
„Echt? Heute ist Valentinstag?“
Aus irgendeinem Grund, der Imaizumi nicht im Geringsten interessierte, lief Naruko rot an.
„Das... erklärt einiges...“, murmelte der Sprinter. „Und? Wie viel Schokolade hast du schon geschenkt bekommen, Onoda-kun?“
„Äh...“
DAS interessierte Imaizumi natürlich brennend! Aber er würde Naruko niemals dafür danken, dass er Onoda für Imaizumi danach gefragt hatte, ganz bestimmt nicht! Wie lautete seine Antwort?
„Ähm, nun, ich...“, stammelte der Kleine, wurde rot und verlegen und Imaizumi explodierte beinahe innerlich.
Wie konnte man nur so süß sein?!
„Ich, äh... Noch... noch gar keine...?“, schloss Onoda leise.
Naruko lachte.
„Das macht doch nichts! Der Tag fängt erst an, bestimmt bekommst du noch das eine oder andere Päckchen überreicht“, heiterte Naruko den Brillenträger auf und legte ihm dabei eine Hand auf die Schulter.
Imaizumi verkniff sich ein Knurren. Zu Narukos Glück vereitelte die Schulglocke ein Missgeschick, das unweigerlich in einem tragischen Zwischenfall mit Todesfolge geendet hätte...

Der Unterricht verlief unruhig, weil die Mädchen dauernd giggelten und Imaizumis Nervosität wie Verärgerung beständig anwuchs, als wollten seine Gefühle austesten, wann er wie Mount Fuji ausbrach. Während er seine eigenen Fruchtfliegen konsequent ignorierte, zählte er diejenigen, die Onoda umschwirrten, was sich auf ungefähr zehn Leute reduzierte. Nicht gerade ungefährlich, aber nicht unbedingt besorgniserregend. Onoda hatte bisher kein Geschenk angenommen, wenn Imaizumi es richtig verfolgt hatte (Wieso konnte er nicht größer sein? Oder die Mädchen kleiner...!), aber der Tag war noch längst nicht vergangen. Und wer garantierte Imaizumi, dass es nicht ein Mädchen (oder einen anderen Love Interest) außerhalb dieser Schule gab, die (oder der) Onoda persönlich traf und ihm ihre (oder seine) Schokolade überreichte? Inklusive einem kleinen Kuss oder so... Mount Fuji bekam Nachschub, damit sein brodelndes Feuer nicht verlosch. Darüber vergaß er völlig, dass er Onoda selbst Schokolade geben wollte, die in seiner Schultasche darauf wartete, den richtigen Moment zu nutzen, nur dafür geformt, auf Onodas Zunge zu zerschmelzen und zufriedene Seufzer zu erzeugen sowie den einen Satz, den sich Imaizumi erträumte...
Im Clubhaus dann, als sie alle zusammen waren, bat Onoda die gesamte Mannschaft zu sich.
„Da heute Valentinstag ist, habe ich für jeden von euch Schokolade gemacht“, verkündete Onoda stolz mit leicht gerötetem Gesicht. „Ich weiß, eigentlich sollten es Mädchen machen, aber ich dachte mir, dass ihr vielleicht... Naja, es war...“
Onoda verstummte, weil ihm die Worte fehlten, doch die Anwesenden grinsten, schlugen ihm freundschaftlich auf die Schulter und bedankten sich überschwänglich bei ihm. Sie alle probierten seine selbstgemachten Schoko-Trüffel-Pralinen und verfielen ins Schwärmen. Imaizumi jedoch vernaschte die Süßigkeit nicht, sondern betrachtete sie mit traurigen Augen, weil ihm sein eigenes Vorhaben wieder einfiel, aber nun erschien es ihm irgendwie überflüssig, Onoda beschenken zu wollen. Unbemerkt, wie Imaizumi hoffte, verstaute er die Praline doppelt und dreifach in seiner Tasche. Er würde dieses Zuckerwerk später essen, zum Trost für seine eigene Tollpatschigkeit. Es hätte genug Anlässe zum Überreichen der Schokolade gegeben, aber nein, er musste ja unbedingt Onoda beobachten...! Am liebsten hätte Imaizumi sich in seinem Bett verkrochen. Was für ein Reinfall.
Nach dem Club fuhr er entmutigt nach Hause, radelte gerade die heimatliche Straße entlang, als ihn ein Gedanke durchzuckte. Er könnte doch wenigstens anonym die Schokolade, für die er mehrere Stunden Arbeit aufgewendet hatte und die auf jeden Fall in Onodas Hände gelangen sollte, zustellen. Gedacht, getan: Imaizumi kehrte um, fuhr umsichtig bei Onodas Haus vorbei, legte die kleine, flache Schachtel mit der Schokolade und einem Zettel mit Onodas Namen in den Briefkasten und flüchtete. Es tat gut, die Schokolade irgendwie losgeworden zu sein, andererseits hatte er gar nicht Onodas Gesicht sehen können, ob er sich freute, wie er lächelte... wenn der Brillenträger gewusst hätte, dass die Süßigkeit von Imaizumi stammte. Es deprimierte den großen Rennradfahrer, sodass er tatsächlich in seinem Zimmer lange vor Onodas heiliger Praline saß, sie hypnotisierte und sie schließlich mit allen Sinnen genoss – bis seine Mutter zum Abendessen rief. Der Valentinstag hätte wirklich nicht schlimmer verlaufen können.

Der Tag danach war allerdings noch schlimmer.
„Und, Onoda-kun? Wie viele Mädchen haben dir denn nun Schokolade geschenkt?“, wollte Naruko neugierig wissen.
Onoda errötete und lächelte.
„Nur eins“, antwortete er und betrachtete die Tischplatte.
Imaizumi spitzte die Ohren.
‚Erzähl noch mehr!‘, flehte er in Gedanken.
„Aber... ich habe sie nicht angenommen. Die Schokolade war anonym in unserem Briefkasten hinterlegt und man weiß ja nie, wer so etwas tut und was in den Pralinen womöglich drin ist.“
Imaizumi vergrub sein Gesicht in seinen Armen und hätte heulen mögen. Sein Herz jedenfalls tat es und blutete...



So verging der Valentinstag mit einem leichten Hang zu Depressionen und stillen Morddrohungen. Wieso musste er sich an seine herbste Niederlage erinnern, wo er sich doch gerade auf dem Weg zu seinem schicksalshaften Treffen befand, das in diesem Jahr unter allen Umständen wahr werden musste? Imaizumi schüttelte den Kopf, um die negativen Gedanken loszuwerden. Nein, er hatte sich lange genug selbst bemitleidet. Zwar plante er nicht, Onoda in Kenntnis über seine Gefühle zu setzen, aber er hatte sich vorgenommen, nicht länger traurig wie eine menschgewordene Regenwolke herum zu schlingern. Er hoffte auf die Gnade sämtlicher Götter, die ihn heute, am Weihnachtsabend in Akiba seinen auserkorenen Liebling wiedersehen ließen und vielleicht kam sogar ein Gespräch zustande. Ein Blickwechsel. Oder sonst irgendein Zeichen dafür, dass Imaizumi Onoda nicht aufgeben musste, weil der Brillenträger zumindest Sympathie und/oder Freundschaft für Imaizumi empfand. Es war doch nicht so viel verlangt. Oder?
Noch ungefähr eine Viertelstunde Fußweg trennte Imaizumi von dem Ort, an dem er letztes Jahr an Weihnachten sein Schicksal für besiegelt gehalten hatte, denn wie unwahrscheinlich war es, jemandem, den man aus ganzem Herzen liebte, zu einer bestimmten, aber nicht verabredeten Uhrzeit in einem bestimmten, aber nicht verabredeten Stadtviertel an einem bestimmten, aber nicht verabredeten Geschäft über den Weg zu laufen, wenn es sich dabei NICHT um das Schicksal und das Wohlwollen der Götter handelte? Immerhin hatten das Schicksal und die Götter Imaizumi in diesem Jahr bisher ziemlich übel mitgespielt, nicht nur am versauten Valentinstag, sondern auch glatt einen Monat später.


White Day

Der White Day hieß White Day, weil an diesem Tag aus irgendeinem absurden Grund die Farbe Weiß eine Rolle spielte. Imaizumi wusste nicht, warum das so war. Das einzige, was er sich einigermaßen hatte merken können, war die Tatsache, dass die Mädchen, die an Valentinstag Schokolade verschenkt hatten, Rückmeldung erwarteten. Es war wohl unnötig zu erklären, weshalb dieser Tag eher unwichtig erschien, zumindest aus der Sicht der männlichen Bevölkerung, die es nicht unbedingt kümmerte, ob irgendeins der Mädchen, von denen man Valentinspräsente erhalten hatte, seine Hingabe und Liebe erwidert bekam. In diesem Jahr jedoch war es Imaizumi persönlich gewesen, der Valentinsschokolade verschenkt hatte. Dennoch gab es da einiges zu bemängeln.
Erstens: Der Beschenkte war ein Junge. Eigentlich normal am Valentinstag, jedoch unnormal, wenn zugleich ein Junge der Schenkende war, oder?
Zweitens: Imaizumi hatte das Geschenk nicht persönlich überreicht, sondern anonym im Briefkasten des zu Beschenkenden hinterlegt.
Drittens: Der Beschenkte hatte das Geschenk aus verständlichen Gründen der Vorsicht weggeworfen. Vernichtet. Zerstört. Stundenlange Arbeit und den hintergründigen Spott seiner Mutter hatte es Imaizumi gekostet!
Viertens: Er hatte den Irrtum bis heute nicht aufgeklärt, aber warum sollte er auch? Das war doch echt nicht mehr wichtig...
Wie also sollte Imaizumi erwarten, dass er eine Erwiderung erhielt? Wenn er es recht bedachte, so waren diese Feiertage wirklich eher was für Mädchen. Er hätte sich einiges sparen können, allem voran die Demütigung. Es fehlte nur noch, dass irgendjemand von seiner Aktion erfuhr, dann wäre Imaizumi wirklich fertig mit den Nerven...
Folglich ließ Imaizumi den White Day sein, was er war, und ignorierte ihn und einige böse Blicke von Mädchen, die Imaizumi jeden Tag aufs Neue kennenlernte, weil er sich kein Gesicht davon merken wollte. Er wusste nur eines: Er hatte Onodas Valentinsschokolade angenommen. Musste er dem Kleinen diese Aufmerksamkeit zurückzahlen? Naruko hatte es überraschend intelligent gelöst. Er fragte Onoda gestern, ob er irgendein Geschenk zum White Day erwartete. Onoda hatte abgelehnt, aber vielleicht wollte er nur bescheiden sein? Das war nämlich nach wie vor ein großes Problem: Imaizumi wusste nicht, was Onoda dachte, fühlte, als nächstes tat. Sicher, das war es, was er an ihm mochte, aber hin und wieder wäre ein Hinweis sehr hilfreich gewesen.
Imaizumi hatte beschlossen, Onodas geäußerte Bescheidenheit als Anlass zu nehmen und ihm nichts zu schenken. Der Fauxpas am Valentinstag lag dem Größeren immer noch schwer im Magen. Weitere Geschenke, die sich in Sinnlosigkeit und Zeitverschwendung übertrumpften, waren unter allen Umständen zu vermeiden. Allerdings hätte er sich ausnahmsweise ein Beispiel an Narukos Sturheit nehmen sollen.
„ONODA-KUN! GUTEN MOOORGEN!“, rief der Rothaarige durch das Klassenzimmer.
Imaizumi befürchtete, demnächst dem Tinnitus zu erliegen. Dann konnte sich der kleine Sprinter aber auf etwas gefasst machen!
„Guten Morgen, Naruko-kun“, antwortete Onoda lächelnd wie immer.
„Hier, ich hab dir was mitgebracht“, sagte Naruko enthusiastisch und streckte dem Brillenträger ein in schneeweißes Papier eingewickeltes Päckchen entgegen.
„Eh?“, machte Onoda.
„Happy White Day!“, grinste Naruko, als würde das alles erklären.
„Oh, danke, Naruko-kun, aber...“
„Kein Aber“, unterbrach der Rothaarige den Kleinen. „Nimm! Ich danke dir damit für die Valentinsschokolade.“
„Aber...“
„Du sagst es ja schon wieder“, rügte Naruko Onoda scherzend. „Wenn du es nicht annimmst, muss ich dich so lange nerven, bis du es doch tust!“
Ha, welch Drohung! In diesem Fall würde Imaizumi tatsächlich alles annehmen.
„Also gut. Vielen Dank, Naruko-kun“, sagte Onoda leise.
Er vergewisserte sich mit einem Blick auf Naruko, ob er das Geschenk auspacken durfte, und Imaizumi schielte aus den Augenwinkeln neugierig herüber. Onoda öffnete das weiße Papier sorgfältig. Darunter kam ebenfalls etwas Weißes zum Vorschein mit feinen schwarzen Linien darauf.
„Ein Buch? ‚Die Geschichte vom kleinen Schneehasen‘?“, las Onoda vor.
Naruko nickte aufgeregt. Onodas Lächeln vertiefte sich und seine Augen strahlten, als er Naruko ansah.
„Danke, Naruko-kun. Es ist wunderschön.“
Seit heute war die Farbe Weiß Imaizumis Hassfarbe und gesellte sich damit zum Rot.

Da traf es sich gut, dass er sein Rennrad in genau dieser zum roten Tuch erklärten Farbe vorfand.
„Was zum...“, entfuhr es ihm, als er es von seinem Stahlschloss befreien wollte.
Wütend schaute er sich einmal gründlich im Schulhof um, aber ebenso gut hätte er versuchen können, in Tokyo eine Glasmurmel auf der Straße zu finden. Es wimmelte nur so von Schülern, wie sollte er da den Schuldigen ausfindig machen? Schnaubend zerrte er sein Fahrrad hervor und schob es zum Clubhaus hinüber. Dieses strahlende Weiß machte Imaizumi krank. Glücklicherweise schien es sich dabei bloß um weißes Klebeband zu handeln, das jemand akkurat um den gesamten Rahmen und selbst um die Speichen gewickelt hatte.
„Oi, oi, was ist denn das, Imaizumi? Hast du einen Farbwechsel gebraucht?“, wurde Imaizumi von Sugimoto Terufumi aufgezogen.
Der Junge hatte sich nicht so ganz die Sticheleien und großkotzigen Angebereien abgewöhnen können, aber er war erträglich geworden, auch weil er einige Erfolge bei Radrennen vorweisen konnte. Offenbar musste er seinen Platz im Leben erst finden, aber Imaizumi würde ihm dabei nicht helfen, immerhin hatte er andere Probleme. Deshalb reagierte er nicht darauf, sondern gab nur ein Geräusch von sich, das sich mit Mühe als eine Begrüßung identifizieren ließ. Anschließend hockte sich der große Rennradler vor das verunstaltete Gefährt und betrachtete es. Wo war hier der verflixte Anfang...?
Nachdem Imaizumi festgestellt hatte, dass es sich mit dem zugeklebten Fahrrad nicht anders und auch nicht gefährlicher fuhr, beschloss er, die Ablöseaktion auf später zu verschieben, immerhin hatte das Training Vorrang.
„Imaizumi-kun!“
Onoda! Auch das noch! Wie sollte Imaizumi das mit seinem Fahrrad erklären? Wobei... Interessierte es den Brillenträger überhaupt?
„Ist etwas passiert, Imaizumi-kun?“, fragte Onoda besorgt. „Du siehst verärgert aus.“
Verärgert war genau das richtige Wort. Warum wurde ausgerechnet er, Imaizumi Shunsuke, derartig bestraft? Hatte er irgendetwas Unverzeihliches angestellt? Sein einziges Verbrechen bestand höchstens darin, dass er Onoda begehrte, sonst nichts! War Liebe etwa ein Vergehen?
„Ähm, dein Rad...“, wies Onoda überflüssigerweise darauf hin.
„Irgendjemand hat sich da wohl einen Scherz mit mir erlaubt“, knurrte Imaizumi gereizt. „Ich mach das Zeug nachher ab. Obwohl ich ja schon gern die Schuldige (oder den Schuldigen) dazu zwingen möchte, es selbst zu tun, schließlich sollte man das, was man verbockt, eigenhändig wieder geraderücken.“
Onoda schluckte und wandte den Blick ab, doch das registrierte Imaizumi lediglich am Rande, weil ihm etwas anderes eingefallen war. Was war er denn für ein Idiot? Spuckte große Töne, dabei hatte er seinen Valentinsfehltritt auch nicht bereinigt! Wie konnte er darüber urteilen, was man ihm antat, wenn er selbst kein Stück besonnener handelte?!
„I-ich kann dir helfen“, bot Onoda ihm schüchtern an.
„Nein, nein“, wehrte Imaizumi hastig ab. „Ich mach das schon. Wahrscheinlich... sollte es mir eine Lektion sein.“
„Wie bitte?“
„Ach, nichts.“
Wie könnte Imaizumi darüber hinaus Onoda mit diesem Unsinn behelligen? Ts, seinen Liebsten um Hilfe bitten aufzuräumen, was andere sich ausgedacht hatten, um Imaizumi zu demütigen... Das kam ja mal so gar nicht in Frage! Mit dieser Entscheidung vergaß er völlig, dass er Gelegenheit dazu gehabt hätte, mehr Zeit mit Onoda zu verbringen.
Die Trainingseinheit verging schleppend, wofür Imaizumi sein weiß verkleidetes Rennrad und seine daraus resultierende schlechte Laune verantwortlich machte. Hätte er ein klein wenig mehr auf Onoda geachtet, wäre ihm das traurig enttäuschte Gesicht aufgefallen.



Amerikanische und japanische Weihnachtsmusik erschallte aus allen Geschäften. Wären die Töne lebendige menschliche Körper gewesen, fände eine lautstarke, handfeste Prügelei statt. Lichterketten blinkten, Werbetafeln leuchteten, Schaufenster glänzten. Produkte wurden angepriesen, Geld wechselte den Besitzer und Menschen verstopften die Gehwege. Es war nicht mehr weit bis Akiba, aber erst einmal musste es Imaizumi gelingen, sich durch das Gedränge zu kämpfen. Liebespärchen, Menschengruppen, Familien mit Kindern – alle waren auf den Beinen, als fände ein Jahrhundertevent statt. Imaizumi schob die Hände tiefer in die Jackentaschen einfach aus dem Grund, damit er nicht in Versuchung geriet und die trödelnde Meute direkt vor seinen Füßen aus dem Weg schubste. Es war zwar unpassend, aber es erinnerte ihn an das letzte O-bon-Fest, das er im Sommer besucht hatte. Onoda war natürlich auch da gewesen, sonst hätte Imaizumi sich niemals dazu überreden lassen hinzugehen, aber auch Naruko und der gesamte Fahrradclub der Sohoku waren anwesend – und die Senpais, die seit einem Jahr an der Universität studierten: Makishima, Kinjou und Tadokoro. Imaizumi hatte nie einen Gedanken daran verschwendet, sich die Drei (und alle anderen des Clubs) im Kimono oder Yukata vorzustellen geschweige denn, ob sie mit ihren Anhängen aufkreuzten, als Onoda ihm freudestrahlend davon erzählt hatte, wen er alles hatte einladen können. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits nur Onoda in Imaizumis Gedanken und die Frage, ob der Brillenträger unter seinem dunkelvioletten Yukata mit den winzigen Blüten darauf Unterwäsche trug oder nackt war. Imaizumi fragte sich das in letzter Zeit beängstigend oft und er starrte ihn beim Umziehen häufig verstohlen an. War er pervers? Sexuell frustriert? Konnte man eigentlich sexuellen Frust aufbauen, wenn man noch nie sexuell aktiv gewesen war? Eine Sache stand jedenfalls fest: Imaizumi war damals nicht aufgrund seiner Leichtfüßigkeit beim Tanzen zum O-bon-Fest gegangen, sondern nur weil Onoda ihn gefragt und auch Naruko bereits auf der Gästeliste gestanden hatte.


O-bon

Imaizumi hatte sich mit Onoda vor dem Schrein-Eingang verabredet und mit knirschenden Zähnen ihn mit Naruko am Arm näherkommen gesehen. Sie trugen wie Imaizumi festliche Yukatas. Imaizumis Mordlust ebbte rasch ab, denn der kleine Brillenträger sah unheimlich niedlich aus in dem feinen Gewand. Helle, kleine Blüten waren in den violetten Stoff gewebt. Es fehlte nur noch eine Blume hinter seinem Ohr, vielleicht ein Gänseblümchen... Ein Lächeln stahl sich in Imaizumis Mundwinkel.
Und kaum waren die beiden bei Imaizumi angelangt (der Größere konnte nicht einmal eine erlogene herablassende, perfide Bemerkung über Narukos Äußeres machen), trudelte der Rest des Teams ein, inklusive der Senpais.
„Yo, Sakamichi, Imaizumi!“, rief Makishima.
Als Imaizumis Blick auf Makishima fiel, schreckte er zurück. Die imposante Ausstrahlung des Grünhaarigen hatte nicht ein My eingebüßt, aber... seine grüne Haarpracht war anmutig auf seinem Kopf zu einer Hochsteckfrisur drapiert und mit grazilen Blüten geschmückt. Ein dunkelblauer Yukata mit schlichten Zeichnungen umfloss seinen Körper wie Wasser und unterstrich die Farbe seiner Augen. Gut, das stets schiefe und spöttische Grinsen verhinderte effektiv, dass man ihn für eine Frau hielt.
Neben ihm stand Toudou Jinpachi, ehemaliger Hako-Gaku-Climber und selbsternannter Schönling. Er machte keinen sehr zufriedenen Eindruck, aber das hatte er noch nie anders gehalten, soweit Imaizumi sich erinnerte. Auf der anderen Seite von Makishima standen Kinjou und Fukutomi, beide ehemalige Club-Kapitäne, verdächtig nah beieinander. Ihren Gemütszustand zu ergründen oblag allein den Fähigkeiten von Hellsehern. Tadokoro Jin hingegen war – zu Imaizumis Erleichterung – nicht nur gemütstechnisch gut zu verstehen, sondern auch allein gekommen. Dann ergaben sich ja die Pärchen ganz von allein... Sollte Naruko es wagen, Onoda in Beschlag zu nehmen, würde er Imaizumi kennenlernen!

Imaizumi wusste nicht genau, wie er sich verhalten sollte. Natürlich hatte Naruko Onoda in Beschlag genommen, insofern wäre es einfach, ihm zumindest gedanklich den Hals umzudrehen, aber Naruko hatte gleichzeitig auch Imaizumi angeleint. Der kleine Sprinter klammerte an ihren Armen und ging in der Mitte, zog sie voller Elan hierhin und dorthin und machte Imaizumi wahnsinnig. Onoda gluckste vergnügt und schien sich zu freuen, daher unternahm Imaizumi nichts dagegen.
Im Gedränge der tanzenden und feiernden Bevölkerung hatten die Drei ihre Senpais bald verloren und es wollte wohl niemand auf sie warten oder sie suchen. Am Abend sollte ein Feuerwerk den Höhepunkt des Festes beschließen, vielleicht fand man einander an einem guten Aussichtspunkt. Bis dahin dauerte es noch über eine Stunde, also amüsierte sich das Trio bestmöglich.
Onoda meinte irgendwann, dass er etwas zu trinken für sie alle holen würde, und verschwand in der Menge. Wenn Imaizumi geahnt hätte, was ihm gleich darauf blühte, hätte er ihn begleitet.
Narukos Griff um Imaizumis Oberarm wurde stärker. Er zog ihn ein wenig abseits hinter einen der Stände und stellte sich vor ihn, als würde er ihm jeden Fluchtweg abschneiden.
„Hoi! Wie soll Onoda uns hier finden?“, schnauzte der Schwarzhaarige.
„Es... es wird nicht lange dauern, vermutlich“, sagte Naruko ungewohnt ernst und es war dieser Ton, der Imaizumi innehalten ließ. „Ich muss dir etwas sagen.“
Oh. Das kam unerwartet. Naruko wollte ihm etwas sagen?
„Was denn?“
„Eigentlich wollte ich bis zum Feuerwerk damit warten, wie es sich gehört und in jedem Ratgeber steht.“
Ratgeber? Wofür? Der kleine Sprinter wusste doch sonst auch immer alles besser als jeder andere...!
„Aber die Gelegenheit ist günstig... Also“, straffte sich Naruko und sah Imaizumi fest in die Augen, was diesen verunsicherte. „Ich mag dich, Hotshot, bitte geh mit mir aus.“
FLATSCH.
Hinter Naruko war Onoda mit den Getränken aufgetaucht, die ihm aus der Hand gefallen waren bei Narukos Worten, doch besser hätte man Imaizumis Überraschung nicht ausdrücken können. Etwas genervt drehte Naruko sich um, bekam allerdings riesige Augen, als er den Brillenträger bemerkte.
„E-Entschuldigung, ich... ich störe wohl. Ich gehe jetzt lieber“, haspelte Onoda, verneigte sich flüchtig und flitzte davon.
„Sakamichi!“, rief Imaizumi ihm hinterher, ehe sein ganzer Körper reagierte und ihm nachlief.
„Imaizumi!“, hörte er Naruko noch brüllen, aber das interessierte ihn nicht mehr.
Onoda war nirgends zu finden, mal ganz davon abgesehen, dass Imaizumi bei diesem Gewimmel überhaupt nicht vorankam. Wieder einmal ärgerte er sich über seine eigene kleine Statur, die einfach nicht ausreichte, um sämtliche Menschen hier zu überragen, damit er seinen kleinen, süßen Freund schneller finden konnte. Er wusste nicht einmal, in welche Richtung er gelaufen war...
Statt Onoda fand Imaizumi recht schnell einen Teil der Senpais: Toudou und Makishima lehnten an der hölzernen Außenwand eines Soba-Nudeln-Stands und küssten sich innig. Wenn Imaizumi nicht ausnahmslos jede Ecke nach Onoda abgesucht hätte, wären die beiden ihm gar nicht aufgefallen, aber so...
„Hh, Maki-chan“, keuchte Toudou, als sie nach Luft schnappten. „Ich mag es nicht, wenn du deine Haare so hochgesteckt trägst.“
„Aha? Du magst es also lieber, wenn sie im Wind umherflattern?“, grinste Makishima.
„Ja...“
„Aber wenn ich sie bei diesem Anlass offen trüge, könnten doch viel zu viele Menschen mein Haar anfassen, meinst du nicht, Toudou?“
Toudou schluckte und blickte verlegen zu Boden.
„Mh...“, machte er leise.
Makishima lachte und küsste Toudou erneut um den Verstand, womit Imaizumi sich nicht länger aufhielt.
Als er schließlich am Eingangstor zum Schrein angelangte, war nirgends eine Spur von Onoda zu sehen. Wütend sauste Imaizumis Faust gegen die Holzsäule. Die Leute strömten allmählich zu den Klippen hinauf, denn das Feuerwerk würde bald beginnen, doch Imaizumi hielt es für unwahrscheinlich, dass Onoda dort war. Daher verlor sich der Sinn in diesem Fest und Imaizumi kehrte nach Hause zurück. Die einzige Frage, die ihn beschäftige, war, ob er bei Onoda vorbeifahren und das Missverständnis aufklären sollte. Er verschwendete nicht einen Gedanken daran, dass er Naruko stehen gelassen hatte und ihm eine Antwort schuldig war. Das fiel ihm erst sehr, sehr spät auf.



Überrascht blieb Imaizumi vor einem Sportgeschäft stehen. Nicht etwa wegen der Auslagen im Schaufenster, sondern... weil jemand den Laden verließ, den er nur zu gut kannte. Er hätte sich wirklich keinen besseren Moment dafür aussuchen können, dachte Imaizumi ironisch.
Es war Naruko, der ziemlich fröhlich aus der Tür trat und sich zu jemandem hinter ihm umdrehte, sogar nach dessen Hand griff. Narukos Hand wurde liebevoll angenommen und verschwand beinahe in der Pranke, die sie hielt. Ein großer, breiter Mann entpuppte sich als Narukos Begleitung und Imaizumis Herz setzte einen Schlag aus.
„Tadokoro...senpai...“
Als Naruko Imaizumi erblickte, entglitten ihm sämtliche Gesichtszüge und Tadokoro, der seinem entsetzten Blick folgte, schlang schützend einen Arm um den Kleinen und machte sich kampfbereit.
„... Nicht mal an Weihnachten gönnst du mir meine Ruhe?“, fragte Naruko verletzt.
Ehe er noch etwas hinzufügen oder reagieren konnte, verneigte Imaizumi sich vor ihm.
„Es tut mir sehr leid. Du hast wirklich allen Grund, böse auf mich zu sein, ich habe mich unverschämt verhalten“, gestand Imaizumi mit fester Stimme.
Die anderen beiden schwiegen, so viel konnte der große Schwarzhaarige feststellen.
„Es tut mir leid, dass ich... dich und deine Gefühle nicht ernst genommen habe. Es tut mir leid, dass du mich jeden Tag ertragen musst. Es tut mir leid, wie ich mich verhalten habe“, ergänzte Imaizumi.
„Woah, hey, das ist nicht lustig, wenn du das so ernst sagst“, sagte Naruko nervös. „Es ist halt so, damit muss ich klarkommen.“
Imaizumi richtete sich auf und betrachtete Naruko skeptisch.
„Das... hast du nicht verdient“, murmelte der Größere.
„Ach“, winkte Naruko lässig ab. „Was soll das denn jetzt? Hat dich deine große Liebe etwa abblitzen lassen? Willst du jetzt doch was von mir? Da muss ich dich enttäuschen, von mir kannst du nichts erwarten.“
Imaizumi lächelte.
„Nein und nein. Und ich bin froh, dass es dir gut geht.“
Naruko machte große Augen.
„Hm... Aber glaub bloß nicht, dass ich dir dankbar bin“, knurrte der Sprinter.
„Damit habe ich auch nicht gerechnet, Naruko“, antwortete Imaizumi leise.
Der Rothaarige lehnte sich an Tadokoros Seite und grinste.
„Trotzdem... Irgendwie ist das deine Schuld, dass ich jetzt mit jemand anderem glücklich bin.“
„Hoi, das klingt nicht gerade schmeichelhaft!“, ereiferte sich Tadokoro, aber Naruko kicherte nur.
„Na dann, ich wünsche euch frohe Weihnachten“, verabschiedete sich Imaizumi mit einer angedeuteten Verbeugung und setzte seinen Weg fort. Er spürte die Blicke des Paares noch lange auf sich, trotz der Menschenmenge.
Ja, er hatte Naruko nach dessen Liebeserklärung auf dem O-bon-Fest einfach stehen gelassen und erst sehr spät darauf reagiert – nämlich nachdem Onoda ihn dazu beglückwünschen wollte, dass sie beide nun endlich zusammen wären. Es kostete Imaizumi unglaublich viel Mut, Naruko, der den schwarzhaarigen Jungen seither stur und eiskalt ignorierte, zu einem Gespräch zu bewegen. Bis dato hatte Imaizumi nicht gewusst, wie schwierig die Liebe war, wenn man sie ablehnte. Naruko tat ihm furchtbar leid, wenn er sich in seine Lage versetzte, weil er von Onoda auch nicht abgelehnt werden wollte. Aber er hätte auf einer ehrlichen Antwort bestanden, also musste er Naruko gegenüber ebenfalls ehrlich sein.
Dieses schmerzvolle Gesicht zu sehen tat Imaizumi beinahe körperlich weh, doch gab es nichts, was die Sache besser gemacht hätte. Naruko akzeptierte Imaizumis Entscheidung und wies ihn darauf hin, dass er Zeit brauchte, um sich davon zu erholen. Imaizumi war natürlich einverstanden und ließ ihn in Ruhe. In dieser Zeit ging es im Fahrradclub wirklich nicht besonders fröhlich zu, allerdings stellte sich bis zur Halloweenparty der Schule wieder eine halbwegs lockere Atmosphäre ein.
Es war nicht mehr weit bis Akiba – also genug Zeit für eine weitere kurze, feige Erinnerung. Vielleicht hatte Midosuji irgendwie Recht gehabt, dass er Imaizumi damals diese beleidigenden Spitznamen verpasst hatte. Den Mut, wie Naruko ihn besaß, hatte Imaizumi nicht; er traute sich einfach nicht, Onoda seine Gefühle darzulegen. Obwohl er es sich viele Male vorgenommen hatte.


Halloween

‚Heute sag ich’s ihm‘, dachte Imaizumi und rückte seinen Stehkragen zurecht.
Ein Vampirkostüm schien ihn am besten zu kleiden, wie er fand, wenn er sich schon dem Dresscode unterwerfen musste... Außerdem taugte dieser Graf Blutsauger hervorragend für Ausreden – falls Imaizumi es heute schaffte, Onoda zu küssen. Es war nicht seine oberste Priorität, sorgte jedoch für ein warmes Kribbeln in seinem Bauch, wenn er daran dachte. Nein, heute wollte er Onoda seine Liebe gestehen, auf der Halloweenparty. Natürlich nicht vor allen Leuten, sondern allein.
‚Ich werde es ihm sagen‘, sprach er seinem blass geschminkten Spiegelbild mit den Reißzähnen und dem Blutrinnsal aus einem Mundwinkel gut zu.
Nach einem letzten gründlichen Rundumcheck nickte der Vampir zufrieden, stopfte die Schminkutensilien zurück in die Plastiktüte und verließ anschließend mit wehendem Umhang die Jungentoilette der Sohoku High.
Die Party fand am Abend des 31. Oktobers in der Schule statt, nachdem die Schülervertretung auf Wunsch der Untergebenen die Lehrer bekniet hatte. Unter strenger Aufsicht und mit Taschenkontrollen sollte es keinem Tropfen Alkohol gelingen, auch nur ein einziges Molekül über die Türschwelle der Sporthalle zu setzen. Am Schultor gab es allerdings ein paar Diskussionen über selbstgebastelte Waffen und Accessoires, die lautstark als essentieller Bestandteil des Kostüms verteidigt wurden. Imaizumis Beißerchen, die er sich in den Mund geschoben hatte, waren zähneknirschend akzeptiert worden. Eigentlich hätte er darauf verzichten können, weil das Gummigebiss enorm beim Sprechen störte, wenngleich er nicht plante, großartige Reden zu schwingen, denn seine ganze Aufmerksamkeit galt wie üblich ausschließlich einer einzigen Person und für sie würde Imaizumi nicht nur die Fake-Vampirzähne in die nächste Tonne werfen.
Jene Person schien noch nicht angekommen zu sein, jedenfalls erspähte Imaizumi den süßen Brillenträger nirgends. Andererseits hüpften hier in der Halle bereits einige verkleidete Monster und Gruselgestalten herum und es wäre immerhin möglich, dass Onoda auf Kontaktlinsen umgestiegen war. Außerdem war er klein und zierlich, leicht zu übersehen... Imaizumi beschloss, den thematisch festlich geschmückten Raum systematisch abzusuchen. Vielleicht bekam er auch einen Hinweis, wenngleich es ihm nicht gefiel, wenn irgendjemand anderes Onoda anschaute. Hm, er sollte sich sputen!
Naruko hatte er allerdings auch noch nicht entdeckt. Nicht, dass Imaizumi nach ihm Ausschau gehalten hätte, aber sicher wäre ihm der kleine Sprinter zumindest lautstärketechnisch aufgefallen. Und so frustrierend es auch war: Wo Naruko war, konnte Onoda nicht weit sein.
Es dauerte etwa eine Viertelstunde, bis Imaizumi sich mit dem aufwendig dekorierten und ausgefallenen Buffet konfrontiert sah. Im Ernst, Schüler mit empfindlichen Mägen sollten lieber einen Bogen darum herum schlagen...
Gegen 20 Uhr begann sich die Tanzfläche zu füllen. Nachdem Imaizumi seinem Impuls nachgegeben und am Buffet eine kleine giftgrüne Gespenster-Speise abgegriffen hatte, schob er sich am Rand des Parketts durch die in Grüppchen formierten Zuschauer und Tanzmuffel. Plötzlich stieß er mit einer kleinen Mumie zusammen, wie er kurz darauf feststellte. Der Aufprall war nicht heftig – zumindest nicht physikalisch betrachtet.
„Sakamichi!“, entfuhr es Imaizumi perplex.
„Imaizumi-kun?“, fragte die kleine Mumie.
Tatsächlich, es war Onoda! Er war mit Leinenbahnen eingewickelt und gab trotz der runden Brille eine überzeugende, einbalsamierte Leiche ab. Bei Imaizumis Anblick strahlte er regelrecht übers ganze Gesicht, was nicht spurlos an dem Größeren vorbeiging.
„Du siehst toll aus, Vampir-san“, lachte der Kleine und Imaizumi war dankbar für die weiße Theaterschminke, die verhinderte, dass man seine blutrot anlaufenden Wangen sehen konnte.
„Du siehst auch toll aus als Mumie, Sakamichi“, gab Imaizumi ebenfalls lächelnd zurück.
Onoda grinste.
„Bist du schon lange hier?“, wollte der Größere wissen.
„Erst seit etwa zehn Minuten“, antwortete Onoda. „Naruko-kun, Teshima-san und Aoyagi-san haben mir bei meinem Kostüm geholfen, trotzdem hat es etwas länger gedauert...“
Imaizumi nickte verständnisvoll.
„Willst du was trinken? Sie haben ein paar Obstbowlen gemacht...“, informierte Imaizumi.
„Ja, gern“, sagte Onoda.
Gemeinsam gingen sie in Richtung Buffet, wobei der Größere sorgfältig darauf achtete, dass Onoda nicht im Gewühl verloren ging. Auf dem Weg dorthin dachte Imaizumi bekümmert, dass seine Kuss-ist-eigentlich-Biss-Taktik nicht aufgehen würde, denn Mumien waren bereits tot und hatten wohl kaum noch einen Tropfen frischen Blutes in sich. Der erste Fehlschlag an diesem Abend...

Die leuchtend blaue Bowle machte einen ungesund tödlichen Eindruck, daher entschieden sich Imaizumi und Onoda für die blutrote Bowle mit grünen Früchten, die verdächtig nach Augen und Gedärm aussahen, und stellten sich an die Hallenwand, um das bunte Grusel-Spektakel vor sich zu beobachten.
„Makishima-san hätte die blaue Bowle probiert“, meinte Onoda. „Auch wenn ihm die grüne wohl besser gestanden hätte.“
Imaizumi brummte bloß; ihm war nicht danach, etwas über andere Männer aus Onodas Mund zu hören. Er fahndete noch nach dem richtigen Moment, um dem Brillenträger eine Liebeserklärung zu machen. Jetzt waren sie allein und niemand sonst schenkte ihnen Beachtung... Vielleicht war die Gelegenheit günstig? Nur kurz dachte Imaizumi daran, dass es Onoda eventuell die Party verderben würde, wenn Imaizumi mit ihm gesprochen hatte, aber die Worte des Größeren sollten doch wichtiger sein als sinnloses Herumgehopse zu schriller Musik, schließlich bedeutete diese Festlichkeit Imaizumi nichts...
„Sakamichi...“
„OI, ONODA-KUN!“, krakeelte eine bekannte Stimme durch die Halle und ein blutrünstiges Ungeheuer, das man nicht genau identifizieren geschweige denn benennen konnte, wedelte mit einer riesigen Pranke über den Schülerköpfen.
„Ah, Naruko-kun!“, drehte sich Onoda nach dem Sprinter um und lächelte.
‚Na toll‘, dachte Imaizumi verdrossen. ‚Das war’s dann wohl mit der Zweisamkeit.‘
Imaizumi verfluchte den Störfaktor im Stillen. Naruko würdigte Imaizumi wie üblich keines Blickes, sondern nahm Onoda ohne zu zögern in Beschlag. Dem Brillenträger wurde das Bowleglas entrissen, Imaizumi zum Getränkehalter degradiert und die Stimmung immer schlechter, als Naruko mit Onoda auf der Tanzfläche verschwand. Imaizumi knirschte bedrohlich mit den Zähnen, obwohl niemand zum Einschüchtern da war, und versuchte, die Gläser in seinen Händen nicht zu zerquetschen. Der nächste Fehlschlag...

‚Ich muss es ihm sagen‘, dachte Imaizumi mittlerweile verzweifelt, doch jedes Mal, wenn Onoda bei ihm ankam, wurde er sofort wieder von irgendjemandem weggeschleift.
Imaizumi hatte allmählich die Nase voll davon, aber ändern konnte er es nicht. Die Party langweilte ihn. Das täte sie sowieso, allerdings würde er in seiner Fantasie mit Onoda irgendwo in einer ruhigen Ecke stehen und knutschen. Hatte er wie immer zu viel gehofft? Wenn das so weiterging, würde er niemals einen Schritt vorankommen. Woher hatte Naruko diesen Mut genommen, um Imaizumi alles zu gestehen? Und wieso konnte Imaizumi das nicht? Er wollte Naruko in Nichts nachstehen, aber der wollte ja auch nichts von Onoda, was Imaizumi damals sehr erleichtert hatte. Andererseits... Wer versicherte ihm denn, dass der kleine Sprinter seinen amourösen Fokus nicht auf Imaizumis Beute gerichtet hatte, obwohl niemand davon wissen sollte, weil Imaizumi mit seinen Gefühlen nicht hausieren ging?
„Imaizumi-kun, dort hinten werden Süßigkeiten verteilt“, zupfte Onoda aufgeregt an Imaizumis Umhang. „Wollen wir mitmachen?“
Imaizumi lächelte über Onodas Freude und schüttelte langsam den Kopf.
„Geh du ruhig hin, Sakamichi, ich werde nach Hause gehen“, sagte der Größere entschuldigend.
„Was? Aber...“
Onoda zog ein wirkungsvoll betrübtes Gesicht, sodass Imaizumi beinahe wieder ins Schwanken geriet, doch er hatte sich nun mal dafür entschieden, sich feige zurückzuziehen. Wahrscheinlich hätten er und Onoda ohnehin keine freie Minute für sich gehabt – oder ihre Ruhe. Es fühlte sich nicht richtig an. Vielleicht sollte Imaizumi es noch mal überdenken... Er spürte, wie die Enttäuschung und Verärgerung über sich selbst rapide anstieg und ihm die Brust zusammenschnürte.
„Wir sehen uns morgen in der Schule“, sagte Imaizumi leise und legte seine Hand auf Onodas Kopf. „Ich wünsch dir noch viel Spaß, Sakamichi.“
Damit wandte er sich ab und steuerte auf den Ausgang der Turnhalle zu.
„Imaizumi-kun!“, rief Onoda ihm nach, doch als Imaizumi sich umdrehte, war der Brillenträger bereits im Klammergriff des Fahrradclubs der Sohoku gefangen.
‚Jetzt bloß nicht heulen, Shunsuke‘, dachte Imaizumi strikt.
Als er aber später den Fahrtwind im Gesicht spürte und durch die kühle Nacht radelte, konnte sich eine Träne aus seinem Augenwinkel lösen. Imaizumi beschimpfte sich selbst, immerhin gab es keinen Anlass für Tränen! – doch sein Körper war ehrlicher. Er hatte aufgegeben. Was war er nur für ein Feigling...!

Am nächsten Tag begann die qualvollste Zeit des Jahres, in der Onoda und Imaizumi kein Wort mehr als nötig miteinander wechselten. Es machte depressiv und krank und Imaizumi hasste sich mit jedem Tag mehr. Inzwischen konnte er sich selbst kaum noch ertragen und es gab nichts, das es besser gemacht hätte.
‚Ich müsste es ihm nur sagen...‘, dachte Imaizumi niedergeschlagen.



Akiba empfing Imaizumi mit der dreifachen Lichterzahl und einer gleißenden Helligkeit, die nicht einmal die Sonne fabrizieren konnte. Es sah überhaupt nicht nach Weihnachten aus – abgesehen von den einem Weihnachtsmann nachempfundenen Aufstellern und den Anime-Weihnachtsliedern, die aus Lautsprechern trällerten. Ehrlich gesagt wusste Imaizumi nicht recht, was er hier machte, aber es schien so goldrichtig zu sein. Was versprach er sich davon? Als ob Onoda zur selben Zeit aus demselben Laden käme wie letztes Jahr... Das traf auch nicht zu.
Als Imaizumi sich dem Baum näherte, der stummer Zeuge seiner Beobachtungen im vergangenen Jahr gewesen war, saß dort bereits jemand auf dem Plateau und Imaizumi kannte dieses Profil sehr gut. Einige Fragen stürmten mit solcher Wucht auf ihn ein, dass er stoppte.
Was machte Onoda hier? War er verabredet? Mit wem? Warum kaufte er nicht fröhlich irgendwo ein? Und wieso hatte Imaizumi plötzlich schon wieder unerträgliches Herzklopfen und zittrige Hände? Andererseits – könnte es schlimmer werden, wenn er Onoda jetzt ansprach? Imaizumi sehnte sich nach (positiver) Veränderung... Er straffte sich und marschierte los.

„Fröhliche Weihnachten, Sakamichi“, sagte Imaizumi leise.
Onoda fuhr so heftig zusammen, dass er von der Mauer fiel. Der Größere fing ihn auf und stellte ihn sicher auf seine Füße.
„Imaizumi-kun!“
Dann schwiegen sie betreten.
„Wa-was machst du hier, Sakamichi?“, wollte Imaizumi wissen.
Onoda zog nachdenklich seine Augenbrauen zusammen.
„Das würde ich lieber erst mal von dir hören“, antwortete Onoda ungewohnt ernst.
Imaizumis Augen weiteten sich vor Erstaunen. Wurde er gerade hinterrücks dazu gezwungen, sich alles von der Seele zu reden, das ihn belastete? Gegen Onoda war er wohl machtlos, zumindest wenn der Kleine so direkt war...
„Ich... ich muss dir etwas sagen, Sakamichi“, begann Imaizumi umständlich und vermied den Blick in Onodas schöne Augen. „Ich mag dich sehr, schon ein ganzes Jahr lang, vielleicht sogar noch länger. Aber ich war zu feige, es dir zu sagen. Auch heute... wollte ich dich einfach nur sehen. Heute auf den Tag genau vor einem Jahr-“
„Hab ich in dem Laden da eingekauft“, unterbrach Onoda Imaizumis Erzählung und deutete auf das entsprechende Geschäft hinter sich.
Der Größere blickte auf.
„Ich habe dich hier am Baum stehen sehen, Imaizumi-kun.“
Imaizumi wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte, vor allem verunsicherte ihn Onodas durchdringender Blick.
„Du sagst, du magst mich, aber dir ist überhaupt nichts aufgefallen?“, hakte der Brillenträger nach.
„A-aufgefallen?“, stammelte Imaizumi hilflos. „Was denn?“
Onodas Augenbraue zuckte vor Ärger.
„Meine Valentinsschokolade für dich. Dein in weißes Klebeband gewickeltes Rennrad. Das Date zum O-bon-Fest. Unsere unzähligen Verabredungen hier in Akiba. Dass du den Anime magst, den ich auch sehr mag, ist einfach unglaublich schön“, erklärte Onoda angestrengt geduldig. „Aber ich habe es gehasst. Gehasst, dass du meine Valentinsschokolade nicht gegessen hast. Dass du so abfällig über meine mühselige Arbeit an deinem Rad gesprochen hast. Dass... Dass Naruko-kun dir auf dem O-bon-Fest eine Liebeserklärung gemacht hat. Dass wir auf der Halloweenparty überhaupt keinen Moment für uns hatten.“
Imaizumi hatte Mühe, dem Ganzen zu folgen, dennoch hatte er den einen oder anderen Vorwurf deutlich vernommen.
„Wie bitte? Du hast doch meine Valentinsschokolade in den Müll gepfeffert!“, sagte er laut. „Und für Narukos Gefühle kann ich überhaupt nichts! Genauso wenig für deine Beliebtheit beim Gruselvolk!“
„Du bist doch genauso beliebt!“, fuhr Onoda ihn an. „Ständig umringt von Millionen Mädchen, selbst manche Männer drehen sich nach dir um!“
„Und du redest ständig nur von Makishima-senpai“, fauchte Imaizumi gereizt. „Und Naruko hältst du dir ja auch nicht gerade vom Leib!“
„Was hätte ich anderes tun sollen? Er war schließlich in dich verknallt!“, rief Onoda wütend. „Er sollte einfach nicht mehr an dich denken, verdammt! So wie du ausgesehen hast, dachte ich wirklich, du würdest seine Gefühle erwidern! Und was hat Makishima-san damit zu tun?“
„Das frage ich dich!“, erwiderte Imaizumi ungehalten. „Was interessiert es mich, für welche Bowlenfarbe er sich entschieden hätte? Und was interessiert es dich?“
„Das hatte ich doch nur erwähnt, weil wir uns immer nur anschweigen. Du grüßt mich ja morgens nicht mal, wenn du in den Unterricht kommst!“, regte Onoda sich auf. „Wir haben noch nie ein einziges gescheites Gespräch zustande bekommen, da habe ich einfach an Makishima-san gedacht, der auf eine ganz andere Art und Weise mit jemandem kommuniziert. Ich dachte, es funktioniert.“
„Ha! Höchstens auf eine besondere Weise mit dir“, höhnte Imaizumi schnippisch.
„Du und Naruko-kun versteht euch doch auch blind, oder nicht?“, zischte Onoda.
„Wie bitte?“
„Ihr seid euch so ähnlich, dass ihr wahrscheinlich sogar dieselben Gedanken teilt!“
Onoda stampfte mit dem Fuß auf.
„Das ist so furchtbar verletzend, wenn ich ausgeschlossen werde... Ausgeschlossen von dir.“
Dieser Satz ließ sofort wieder die Stille auf den Plan treten und die beiden jungen Männer schauten sich erschrocken an. Imaizumi griff sich an die Stirn, um zu rekapitulieren.
„Also, jetzt noch mal ganz logisch“, sagte Imaizumi langsam. „Ich mag dich. Und... du magst mich auch?“
Onoda zuckte, dachte nach und hob schließlich die Schultern.
„Sieht wohl so aus“, antwortete er schlicht.
Und dann wurde er so leuchtend rot, dass er jedes verdammte weihnachtliche Geblinke überstrahlte und Imaizumi ebenfalls damit ansteckte, obwohl ein breites Grinsen an seinen Mundwinkeln zupfte und sie zu den Ohren zog. Onoda lachte verlegen.
„Wir, ähm... Wir sind nicht gerade... kommunikativ talentiert“, meinte er vorsichtig.
„Ja, sind wir in der Tat nicht“, stimmte Imaizumi ihm zu. „Es tut mir leid, Sakamichi.“
„Hm? Was denn?“, fragte Onoda.
„Ich hätte einfach nur mutig sein müssen.“
„Du meinst, so mutig wie ich?“, zwinkerte Onoda. „Ich schätze, das warst du.“
„Nein, ich meine... So mutig wie Naruko.“
Onoda verzog missbilligend seinen Mund. Imaizumi fand das unendlich niedlich und ging auf ihn zu.
„Weißt du, wenn Naruko nicht wäre, dann... wären wir wahrscheinlich gar nicht hier“, sagte Imaizumi.
„Huh? Wieso?“
„Weil er mich schlussendlich dazu bewegt hat, mich dir zu stellen“, erläuterte Imaizumi. „Ohne unseren ständigen Konkurrenzkampf fände dieser Moment hier wahrscheinlich niemals statt.“
„... Du erwartest doch hoffentlich nicht von mir, dass ich ihm auch noch dankbar dafür bin?“, schmollte Onoda.
‚Na so was, so kenne ich ihn ja gar nicht‘, dachte Imaizumi belustigt. ‚Er ist ganz schön eifersüchtig, kann das sein?‘
„Ich dachte, ihr versteht euch so gut“, neckte er den Kleinen.
„Tun wir ja auch“, sagte Onoda überzeugt. „Solange es nicht um dich geht.“
„Das heißt, du würdest mich jederzeit vorziehen?“
Imaizumi stand gefährlich nah vor dem Brillenträger, hatte sich sogar ein wenig hinabgebeugt und schnupperte diesen einzigartigen Duft, den Onoda verströmte.
„Jederzeit“, hauchte Onoda, streckte sich und drückte seine Lippen gegen Imaizumis.
Es war wie ein Tornado, der sie umwirbelte, ihr Inneres erfasste und sie seltsam leicht fühlen ließ. Onoda schlang seine Arme um Imaizumis Hals und zog ihn etwas näher an sich heran. Der Größere seufzte in den Kuss und hielt den offenbar unersättlichen Onoda an den Hüften fest. Langsam und innig verschlangen sie ihre Lippen, als gäbe es kein Morgen mehr. Kurz darauf löste Imaizumi den Kuss, denn die Luft wurde knapp. Er grinste.
„Sag mal, macht dir die Öffentlichkeit gar nichts aus, Sakamichi?“, fragte er.
Onoda, der erstmal wieder in die Realität zurückfinden musste, blinzelte und schaute sich dann erschrocken um. Niemand beachtete sie, doch Onoda kam das gegenteilig vor.
„Was machen wir jetzt?“, wollte Imaizumi wissen.
„Eh? Ah...“, machte Onoda verwirrt. „Da du schon mal hier bist, wie wäre es, wenn wir uns die Geschäfte ansehen? Ich habe so lange auf dich gewartet, dass ich noch gar nichts einkaufen konnte...“
„Warum hast du auf mich gewartet?“
„... Weil ich gehofft habe, dass wir uns hier wiedersehen“, gab Onoda verlegen zu.
Imaizumi lächelte glücklich und nahm eine Hand von Onoda in die seine.
„Das freut mich“, sagte er leise. „Dasselbe habe ich auch gehofft. Also dann... lass uns einkaufen gehen!“
„Und es stört dich nicht?“, erkundigte sich der Brillenträger nervös.
Imaizumi schüttelte den Kopf. Wie könnte es ihn stören, Zeit mit Onoda zu verbringen? Außerdem könnte Imaizumi sich im Moment ohnehin nicht zurückhalten, wenn sie allein wären, da war es besser, wenn sein Verlangen gezügelt wurde. Die eine oder andere Ecke in diesem oder jenem Geschäft sah nämlich wirklich verboten verlockend aus und Imaizumis Fantasie lief sich heiß. Er musste echt aufpassen, sonst nahm er bald die ganze bunte Glitzerwelt um sich herum nicht mehr wahr...

Nach rund vier Stunden, die Imaizumi als die glücklichsten seines Lebens in Erinnerung behielt, saß ihnen der Abschied im Nacken. Sie wollten sich nicht trennen. Imaizumi schlug ein Date an Neujahr vor. Bis dahin war es zwar noch lang, aber sie sahen sich ja vorher in der Schule. Onoda begeisterte sich für die Idee und sagte zu. Dann – verstrich eine Weile der peinlichen Stille, bis Imaizumi Onoda einen langen Abschiedskuss gab.
„Bis morgen, Sakamichi“, raunte Imaizumi und fuhr sanft mit seinen Fingern über das leicht gerötete Gesicht des Brillenträgers.
„Gute Nacht, Imaizumi-kun“, antwortete Onoda lächelnd.
Die Trennung fiel ihnen unsagbar schwer, wie Imaizumi fast perplex feststellte, immerhin hatten sie vor ein paar Tagen noch so getan, als wären sie sich fremd. Plötzlich liebevoll miteinander umzugehen, war wohl eine Hürde, der sie sich stellen mussten, aber sie würden üben und dafür hatten sie nun unendlich viel Zeit.

***


Ein weiteres Jahr war verstrichen und wie im letzten Jahr wartete Onoda Sakamichi in Akiba auf seinen Freund Imaizumi Shunsuke. Lächelnd stand er neben dem auf einem erhöhten Plateau eingepflanzten Baum und schwelgte in seligen Erinnerungen, denn im vergangenen Jahr hatten sie allerhand richtig gemacht, was im Vorjahr noch schief gegangen war. Zum Valentinstag hatten sie sich gegenseitig beschenkt und am White Day einen großen Bogen um die Farbe Weiß geschlagen. Zum O-bon-Fest kamen sie als neues Paar – genau wie Naruko und Tadokoro, die wie Kletten aneinanderhingen. Der rothaarige Sprinter brauchte übrigens ein paar Monate, bis er Imaizumi wieder wie gewohnt unter anderem mit seiner Vorliebe für kleine Megane-Jungs aufziehen konnte.
Und Halloween... hatten Imaizumi und Onoda allein verbracht. Die Gruselfilme, die im Fernsehen liefen, spielten bald keine Rolle mehr. Eher fand Onoda heraus, dass er selbst zum Vampir mutierte, so gern biss er sich an Imaizumi fest – wenn der Größere ihn denn ließ.
„Ganz allein hier, Kleiner?“, säuselte eine Stimme in Onodas Ohr, das sogleich Feuer fing bei dieser knisternden Erotik.
„Shunsuke-kun!“, rief er aus und strahlte seinen Freund an.
Sie sahen sich verstohlen um, ehe sie sich umarmten und leicht küssten.
„Hallo Sakamichi. Na, wartest du schon lange auf mich?“, fragte Imaizumi gut gelaunt.
Onoda schüttelte den Kopf. Dann hakte er sich bei Imaizumi ein und sie gingen los, um sich ins Getümmel zu stürzen.
„Endlich mal wieder ein Date“, bemerkte Onoda freudig.
„Moment mal! Wir waren doch erst letzte Woche im Zoo!“, erinnerte Imaizumi ihn.
„Ja, eben, eine Woche! Eine Ewigkeit!“, kicherte Onoda.
Imaizumi drückte den Kleinen enger an sich.
„Ich finde es auch schön, dass wir wieder ausgehen“, sagte er leise. „Ich wollte dich heute unbedingt sehen.“
Onoda wurde rot und sah Imaizumi intensiv an.
„Ja...“
„Ist irgendwas, Sakamichi?“
Imaizumi machte sich Sorgen, denn Onoda klang so seltsam.
„I-ich... Also, weißt du... Meine... meine Eltern sind heute n-nicht zu Ha-Hause, also...“, stammelte der Kleine mit knallrotem Kopf.
Nun wurde auch Imaizumi verlegen und sein Herz klopfte wie verrückt in seiner Brust. Allein? Bei Onoda? Hieß das etwa, was er dachte, dass es hieß?
„J-ja?“, sagte er mit unnatürlich hoher Stimme.
„W-... Würdest du heute m-mit zu m-mir kommen, Shunsuke-k-kun?“, hauchte Onoda und kniff seine Augen zusammen.
Imaizumis Atmung ging schneller, deshalb blickte er sich rasch um und drängte Onoda in die nächste leere Gasse, wo er ihn an der Wand eines Einkaufstempels festnagelte. Sein hungriger Blick sprach wohl Bände, denn Onoda musterte ihn versteckt lüstern, das merkte Imaizumi.
„Du weißt, was das heißt, oder?“, knurrte Imaizumi wie ein wildes Raubtier und Onoda stellten sich sämtliche Haare zu Berge.
Er nickte ergeben.
„Ja, ich weiß... Und ich will es. Was ist mit dir?“
Imaizumi überfiel ein Zittern, weil er sich gerade enorm anstrengen musste, nicht an Ort und Stelle über den Kleinen herzufallen. Wie konnte man nur so süß sein?!
„Natürlich will ich das auch, Sakamichi!“, sagte Imaizumi mit rauchiger Stimme.
Eine weitere Gänsehaut überlief Onoda heiß und kribbelnd.
„Gut. Dann... lass uns gehen.“

Es war nicht ihre erste körperliche Erfahrung, aber das erste Mal bei Onoda zu Hause. Imaizumi als aufgeregt zu bezeichnen lag jenseits aller Untertreibung. Sie waren nicht oft bei Onoda daheim (auch wenn sich dessen Mutter mittlerweile Imaizumis Namen gemerkt hatte), deshalb schlug sein Herz ruhelos. Ganz allein bei Onoda zu Hause... Ein Prickeln durchdrang den Größeren.
Die kalte Weihnachtsnacht war perfekt für heiße Gefühle, also hielten sie sich beide nicht lange mit höflichen Konversationen und lauwarmem Kakao auf. Zur Sicherheit schloss Onoda seine Zimmertür ab und wandte sich dann voll und ganz Imaizumi zu. Sie begannen sich zu küssen; zärtlich, leidenschaftlich, gierig. Imaizumi konnte gar nicht genug davon bekommen, weil Onodas Lippen die richtige Konsistenz besaßen, als würden sie leicht feucht an Imaizumis Mund kleben bleiben. Das machte das Küssen so erregend. Selbst nach einem Jahr kribbelte es in ihnen wie eine Horde Schmetterlinge, die dringend freigelassen werden wollten. Imaizumi schob Onodas Hemd und den dunkelbraunen Pullunder nach oben, berührte dabei so viel nackte Haut wie möglich und zog ihn aus. Natürlich errötete Onoda darunter, egal wie oft Imaizumi seinen entblößten Körper schon gesehen hatte. Der Kleine mochte das seltsame Hochgefühl, wenn Imaizumi ihn mit Blicken streichelte; er fühlte sich ausgeliefert, aber auch beschützt, unendlich geliebt. Imaizumis Blicke taten nicht weh, sondern brachten Onodas Blut zum Kochen. So war es bereits in der Schule gewesen, bevor sie ein Paar wurden. Der Brillenträger hatte Imaizumis verstohlenen Blicke stets bemerkt und auf sich gespürt und er hatte es genossen – so wie jetzt. Das Vorspiel war immer ein ganz besonderer Akt, dem Imaizumi und Onoda viel Aufmerksamkeit widmeten.
Imaizumi streifte ebenfalls seine Klamotten ab, stieg sogar aus der Hose und den Strümpfen, sodass er nur noch mit einer Unterhose bekleidet vor seinem Freund stand. Wortlos drängte er diesen umsichtig auf das schmale Bett und beugte sich über ihn, als er ihm die Hose herunterziehen konnte. Onodas Kehle machte sich selbstständig und entließ ein Quieken aus dem Mund. Imaizumi grinste, als Onoda (fast) komplett nackt und beschämt vor ihm lag. Diese Röte stand dem Kleinen so gut...!
„Sexy“, raunte der Größere, was Onoda schaudern ließ.
Imaizumi musste ein Teufel oder Dämon sein, so wie er Berührungen anbrachte und seine Stimme einsetzte, dachte Onoda. Dann jedoch raubte ihm des Teufels Kuss jeglichen Verstand und er ergab sich schnell seiner eigenen Lust. Zärtlich fuhren Imaizumis Fingerspitzen über den glühenden Körper und hinterließen eine feine Gänsehaut.
Unter Imaizumis vorsichtigen Küssen zuckte jeder Muskelstrang von Onoda erregt zusammen und der Größere hörte, wie sich Onodas Atmung veränderte. Er kratzte zaghaft mit seinen Fingernägeln über Onodas Seiten, womit er den Körper in unruhige Bewegung versetzte, um diesem Gefühl zu entkommen und sich ihm gleichzeitig entgegen zu biegen. Imaizumis Lippen wanderten über Onodas Brustbein hinab zur Bauchdecke, fuhren kurz über die Flanken und küssten wieder hinauf zu Onodas Hals. Die von einer Gänsehaut aufgeraute Haut schmeckte süßlich und Imaizumi seufzte vor Wohlbehagen – genau wie Onoda.
„Sh-Shunsuke-k-kun...“, keuchte der Kleine und wusste offenbar nicht, wo er seine Hände lassen sollte.
Imaizumi lächelte ihn beruhigend an und führte Onodas Arme in seinen Nacken.
„Hier“, sagte Imaizumi leise. „Halt dich an mir fest.“
Onoda nickte mit geröteten Wangen und Imaizumi nutzte die Nähe, um Onoda mehrere Küsse aufzuhauchen, auch der Mund blieb nicht davon verschont. Imaizumis Finger registrierten die weiterhin ansteigende Wärme in Onodas Körper. Nun war es an ihm, sich zurückzuhalten, um den Kleinen nicht zu verschrecken, denn im Moment wütete ein chaotisches Monster in Imaizumi; das Verlangen danach, Onoda einfach zu überfallen, war immens und musste mühsam im Zaum gehalten werden.
Eher zufällig streifte Imaizumis Daumen über Onodas Brustwarze. Der stockende Laut, der Onodas Kehle verließ, verursachte eine kribbelnde Gänsehaut auf Imaizumis Rücken.
„Hn...“, machte Onoda.
Sein Körper schien sich nach Imaizumis Berührungen zu sehnen, denn anstatt auszuweichen drückte sich Onodas Brust Imaizumis Fingern entgegen. Der Schwarzhaarige wiederholte den Vorgang mehrmals und ergötzte sich an Onodas Geräuschen, die aus seinen feuchten, roten Lippen hervorperlten wie heisere Hilfeschreie, die niemand wegen ihrer geringen Lautstärke hören konnte. Das Biest in Imaizumi brüllte freudig auf und verlangte wenigstens nach einem Kuss. Also tauchte der Junge seine Zunge in Onodas geöffneten Mund und umspielte die befangene Zunge in dem fremden Territorium, während die Brustwarzen allerdings keine Pause bekamen.
Es dauerte nicht sehr lange, bis Onoda ins Schwitzen geriet. Die Vibration in seiner Brust, wenn er behaglich stöhnen oder schnurren wollte, doch durch Imaizumis Lippen davon abgehalten wurde, stimulierte Imaizumis Herzschlag und seine Hände. Eine davon widmete sich Onodas Erektion, die er über dem Stoff der dunklen Boxershorts massierte. Er spürte das heftige Pochen und Zucken an seinen Fingern und wurde davon selbst steinhart.
Imaizumi schob Onoda die Unterwäsche vom Hintern und warf seine gleich hinterher, bevor er sich möglichst bequem zwischen die Beine des Kleinen legte und kreisende Stoßbewegungen mit seinem Becken andeutete. Onodas Körpermitte respondierte selbstverständlich äußerst willig, also umfasste Imaizumi ihre Glieder und rieb sie aneinander.
„Haaah!“, stöhnte Onoda im Takt mit der an ihm arbeitenden Hand.
Er hatte bereits kleine Tränen der Lust in den Augen und Speichel lief ihm aus dem geöffneten Mund. Imaizumi empfand diesen Anblick als höchst erotisch; hoffentlich bekam er kein Nasenbluten.
Der Größere ließ sie beide einmal kommen und gab ihnen etwas Zeit, um sich für den Hauptakt zu sammeln. Onoda betrachtete seinen Freund mit lustvoll glänzenden Augen und einem seligen Lächeln. Seine Erregung war längst nicht abgeklungen...
„Shunsuke-kun“, murmelte er.
Imaizumi schenkte ihm süße Küsse und streichelte ihn am ganzen Körper.
„Fühlt sich das gut an, Sakamichi?“, wollte der Größere wissen.
„Ja, es fühlt sich total gut an“, antwortete Onoda glücklich.
Imaizumi grinste.
„Wollen wir noch weitergehen?“
Onoda nickte.
„Auf jeden Fall.“

Onodas Atem zitterte, sein Stöhnen klang heiser. Imaizumi bewegte seinen Finger vorsichtig in der Enge, die sich um ihn verkrampfte und wieder lockerte, es erschien völlig willkürlich... Onoda gab wimmernde Laute von sich, die er mit seinem Unterarm zu dämpfen versuchte.
„Alles okay?“, fragte Imaizumi und sah Onoda an.
Er selbst blieb von diesem erregenden Anblick natürlich nicht ungerührt, deshalb hatte sich auch seine Atmung verändert. Onoda nickte nur mit geschlossenen Augen. Solange sich seine Hüfte nicht Imaizumis Finger entgegenreckte, war es nicht gut genug, befand der Größere, also küsste er Onodas Innenschenkel, die weich und weiß waren, verführerisch, sodass Imaizumi nicht widerstehen konnte und leicht hineinbiss.
„Ah!“, stöhnte Onoda und zuckte.
Oh ja, er fühlte es... Imaizumi saugte an der Haut und hinterließ einige dunkle Flecken.
Noch nie hatte er sich derart für den Erhalt und die Vorherrschaft seiner Selbstkontrolle ins Zeug legen müssen, andererseits könnte er behaupten, es läge an Onodas sprühendem Charme, wenn er sich nicht zurückhalten konnte. Ein zweiter und ein dritter Finger penetrierten Onodas Eingang liebevoll und der Uke kam den nachdrücklichen Stößen entgegen, räkelte sich unter der Ekstase, die ihn allmählich beschlich, und säuselte Imaizumis Namen in allerlei verschiedenen Puzzleteilen. Wer könnte sich da noch zurückhalten?
Die heiße Enge, die er zu erobern gedachte, lud ihn förmlich zu einem heftigen Stoß ein, um Imaizumi in hemmungslose Euphorie zu stürzen, doch er wollte Onoda nicht wehtun, also zwang er sich zur Ruhe und übte sich in Geduld. Sicherlich war Onoda ihm dankbar dafür.
„Aah... Mh... Was... Was ist, Shun... suke-kun?“, stöhnte Onoda und bewegte sich, als wollte er Imaizumi tiefer in sich spüren. „Komm doch!“
„Ich will dir nicht wehtun“, antwortete Imaizumi keuchend.
„Das wirst du schon nicht“, sagte Onoda überzeugt und zog seinen Freund noch näher zu sich. „Bitte... mach.“
Imaizumi atmete tief aus und versenkte sich mit einem Ruck bis zum Anschlag in dem schmalen Tunnel. Ein erstickter Aufschrei ertönte, während sich alles in Onoda verspannte. Imaizumi befand sich nun nicht nur mit seinem Penis im festen Griff des Kleineren. Fahrig küssten sie sich, denn das Eindringen war doch sehr heftig gewesen, allerdings hatte Imaizumi dabei Onodas Prostata gestreift und den Jungen damit in den Wahnsinn getrieben. Dieser schlang seine Beine zittrig um Imaizumis Taille und krümmte den Rücken – wie eine Katze.
„Shunsuke... Mmh, Shunsuke...“, säuselte Onoda wie ein Verdurstender.
Imaizumi presste sich fordernder an den kleinen Körper, ließ seine Zunge in Onodas Mund gleiten, um ihn zu umschmeicheln, und zog sich langsam von ihm zurück, nur um gleich erneut hineinzustoßen. Ihre Lippen wurden durchs Stöhnen getrennt, lechzten hungrig wieder nacheinander... Imaizumi schlug einen etwas schnelleren Rhythmus an, weil es sich gerade so gut anfühlte, wie Onoda ihn festhielt und auf die lustvollen Schmerzwellen, die durch die starke Reibung entstanden, reagierte. Daneben pumpte er Onodas Härte und registrierte, dass dieser nicht mehr lange brauchte, um sich seinem Orgasmus hinzugeben. Er benutzte Zeigefinger und Daumen, mit denen er einen Ring bildete, und umschloss damit den Schaft an einer ganz bestimmten Stelle. Er wollte Onoda dadurch zwingen, auf Imaizumi zu warten, bis auch er über die Klippe springen würde. Ein Höhepunkt der Lust war noch schöner, wenn sie ihn gleichzeitig und zusammen erlebten. Onoda schrie, als er von Imaizumis Fingern beim Abspritzen behindert wurde, ganz so als würde es ihn auf süße Weise quälen.
„Komm“, feuerte er Imaizumi an, flehte, bettelte. „Komm mit mir, Shunsuke!“
„So heiß“, kommentierte der Größere atemlos.
Alles war so erregend: das klatschende Geräusch ihrer verschwitzten Körper, das schmatzende Geräusch beim Stoßen und auch beim Küssen, die Hitze, die feuchte Luft... Onoda, der mal wieder zuerst an andere, vorzugsweise an Imaizumi dachte... Der Seme ließ los: seine Finger und auch seine Ladung. Onodas Schaft streckte sich wohlig und klares, weißes Sperma sprang senkrecht aus der Eichel; im selben Moment passierte das Gleiche mit Imaizumis Glied. Der aufgebaute Druck brach wie die Welle an einem Wellenbrecher und hinterließ ein aufpeitschendes, die Sinne berauschendes Gefühl, das meterhoch über die beiden hinwegschoss. Alles war so bunt und schön und leuchtend weiß und tanzend und...

Als Imaizumi geschafft wieder zu sich kam, fand er sich im direkten Körperkontakt mit Onoda vor, der hektisch nach Luft schnappte und den Kopf seitlich gedreht hielt. Mühsam rappelte Imaizumi sich hoch, entfernte seinen allmählich erschlaffenden Penis aus Onodas Hintern und fiel an dessen Seite ins Bett. Wer hätte auch gedacht, dass Sex so anstrengend war?! Doch es gab quasi nichts, was er lieber tat. Außer... Onoda zu küssen. Er liebte es, das zu tun. Also kam er dem Drang seiner Leidenschaft nach und bedeckte Onodas brennendes Gesicht mit zarten Lippenbekenntnissen. Für jeden Kuss hauchte er ein „Ich liebe dich, Sakamichi“ hinterher. Er fuhr mit einer Hand locker und gemächlich über den schweißnassen Körper seines Freundes und half somit, Onoda zu beruhigen und ihn zu liebkosen. Der Kleinere regte sich bald und lächelte Imaizumi verträumt an.
„Shunsuke-kun.“
„Ja.“
Es bedurfte keiner weiteren Worte, um all das Glück, das sie empfanden, auszudrücken. Der Sex war gut gewesen, eindeutig. Dann gähnte Onoda verhalten und zog eine kleine Schnute, die Imaizumi sofort fasziniert mit dem Finger nachzeichnen musste, als könnte er sich diesen Anblick dadurch besser einprägen.
„Shunsuke-kun, du bist gemein“, warf Onoda ihm vor.
„Wieso?“, grinste Imaizumi.
„Weil wir zusammen gekommen sind.“
„... Wie bitte? Das ist gemein von mir?“
Imaizumi ließ verwirrt seine Hand sinken. Onoda nickte bekräftigend.
„Ja! Wenn wir zusammen kommen, kann ich dich gar nicht dabei beobachten, was du für ein Gesicht machst, wenn du kommst! Du bescherst mir so gute Gefühle, dass es mich jedes Mal wegschwemmt und ich für eine Weile völlig zufrieden bin, aber... Ich will dich beim Kommen beobachten.“
Dazu fiel Imaizumi echt nichts mehr zu erwidern ein. Außer...
„Sag mal, Sakamichi... Wie kommt’s, dass du immer so peinlich berührt tust, wenn du in Wirklichkeit gar keine Scham verspürst, wenn du so offen mit mir übers... K-Kommen reden kannst?“, wollte Imaizumi mit einer Mischung aus Neugier, Belustigung und Entsetzen wissen.
„Das... Weil...“, stammelte ein hochroter Onoda.
„Da! Genau das meine ich! Wieso wirst du jetzt rot?“
„Weil... du... Ich weiß es nicht. Ich will einfach nur, dass du glücklich bist, und... Naja, ich denke, dass ich dich auch ein ganz kleines bisschen damit glücklich mache, wenn ich rot werde“, erklärte Onoda verlegen.
Perplex schaute Imaizumi Onoda lange an.
„Was ist, Shunsuke-kun?“
„... Das... hast du richtig erkannt, Sakamichi.“
„Du klingst so erstaunt, als hätte ich gerade bewiesen, dass die Erde tatsächlich rund ist“, spottete Onoda amüsiert.
Imaizumi grinste und zuckte mit den Schultern.
„Wenn ich die Erde für dich bedeute und mir deine Argumente bestätigen, dass du mich durchschaut hast, dann darf ich doch erstaunt sein, oder nicht?“, fragte Imaizumi und legte sich halb auf Onodas Oberkörper. „Immerhin ist es nicht alltäglich, dass mich jemand so sehr mag.“
„Ich mag dich nicht, Shunsuke-kun“, entgegnete Onoda ernst. „Ich liebe dich. Und ich will alles, alles von dir wissen und es sehen und es schmecken und es spüren und-“
Imaizumi küsste ihn rasch und innig.
„Geht mir genauso“, flüsterte der Größere an Onodas unwiderstehlichen Lippen. „Ich liebe dich so sehr, Sakamichi.“
Sie versanken in ihrem Kuss und ihrer festen Umarmung. Kurz danach fiel Onoda aber noch etwas anderes ein.
„Shunsuke-kun?“
„Ja?“
„Gehst du mit mir dieses Jahr an Neujahr zum Schrein in der Nachbarschaft?“
„Hm? Ja sicher, das haben wir doch letztes Jahr auch gemacht.“
„Gut. Und... wirst du mir wieder Valentinsschokolade schenken?“
„Eh? Ah... Ja, sicher. Langsam habe ich eine Routine darin entwickelt, mich von meiner Mutter auslachen zu lassen.“
„Das freut mich. Und... wirst du mit mir auf das O-bon-Fest gehen?“
„Äh, das ist doch noch mindestens ein halbes Jahr hin...“
„Wirst du Halloween mit mir zusammen verbringen?“
„Sakamichi, was-“
„Und nächstes Jahr an Weihnachten? Wirst du da auch mit mir zusammen sein?“
„... Ich verstehe.“
Imaizumi strich zärtlich durch Onodas schwarzes Haar, lächelte ihn liebevoll an und küsste ihn sanft auf die Stirn.
„Ich werde jederzeit bei dir sein, wann immer du es willst. Ich werde jeden Feiertag mit dir zusammen verbringen, ich werde auch nächstes Jahr an Weihnachten mit dir zusammen sein. Ich liebe dich, Sakamichi, von vor zwei Jahren an bis in alle Ewigkeit. Wenn du mich so lange erträgst...“
„Das werden wir sehen, nicht wahr?“
Onoda lachte, aber Tränen rannen über seine Wangen. Imaizumi leckte sie mit der Zunge fort und streichelte den Kleinen beruhigend.
„Ja. Auf ein weiteres Jahr mit dir, damit noch viele weitere Jahre mit dir folgen... Fröhliche Weihnachten, Sakamichi.“
„Fröhliche Weihnachten, Shunsuke-kun.“


Frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr!

Wenn Dir, geneigter Leser, die Geschichte gefallen hat, dann schaue doch gern bei meiner oben genannten Kuroko-no-basuke-Fanfiction vorbei. Dort geht es am 04. Januar 2018 mit dem nächsten Kapitel weiter. Ich würde mich sehr über Deinen Besuch – auch bei meinen anderen Geschichten – freuen.
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