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Lass deine Träume fliegen

GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
24.12.2018
24.12.2018
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1. Dezember:

Nachdenklich tippte sich Jo mit dem Stift gegen die Lippen und starrte dabei immer noch auf das Kreuzworträtsel vor sich. Eigentlich war das nicht so seine Sache, aber dieses Mal gab es im großen Weihnachtsrätsel des ‚Rosenheimer Tagblatts‘ Karten für ein lange ausverkauftes Konzert seiner Lieblingsband zu gewinnen. Da konnte er ja schon eine Ausnahme machen.

„Schlimmer Schicksalsschlag“, murmelte er vor sich hin.

„Weihnachten“, brummte Sven von seinem Sitzplatz an der Theke.

Dabei rührte er mit düsterem Blick in seinem Kaffee und rückte schließlich eine der kleinen Dekoweihnachtsmänner aus seinem Blickfeld. Überrascht sah Jo daraufhin auf.

„Kein Freund der besinnlichen Tage?“

„Besinnliche Tage! Bah! Vermehrtes Auftreten von Ladendiebstählen und Häuslicher Gewalt; dazu Streitigkeiten, Kommerz, Kitsch und erzwungene Familientreffen. Was ist daran nicht zu mögen?“, fragte er sarkastisch und trank einen Schluck Kaffee.

„Woah Ebenezer! Dir ist schon klar das mehr zu Weihnachten gehört oder?“

„Bah! Humbug!“, grummelte Sven in seine Kaffeetasse.

Jo lächelte daraufhin leicht. Wobei er sich ernsthaft fragte woher Svens Abneigung für Weihnachten eigentlich kam. Denn im Moment würde er Charles Dickens berühmter Figur des Ebenezer Scrooge ernsthafte Konkurrenz machen. Dabei war er eigentlich der Meinung gewesen, dass er gerade dieses Jahr den Dezember nicht ganz so negativ sehen würde. Schließlich hatte er vor einem halben Jahr die wohl größte Bombe platzten lassen als er zum Frühlingsfest der Polizei mit Michi an seiner Seite erschienen war. Das Einzige was er wirklich immer noch bedauerte war es, dass er bei dem Fest damals keine Kamera dabei gehabt hatte. Denn die Gesichter von Svens Kollegen waren unbezahlbar gewesen.

„Was ist eigentlich los mit dir? Ich dachte, dass du Weihnachten dieses Mal ein bisschen positiver entgegen siehst als sonst? Schließlich ist es ein offenes Geheimnis, dass dein Liebster die Weihnachtszeit liebt! Verkleidet er sich nicht dieses Jahr auch wieder als Nikolaus beim Fest der Freiwilligen Feuerwehr?“

„Ach…“, Sven wand sich ab und zog mit dem Zeigefinger ein Muster in die Croissantkrümel auf seinem Teller.

Jetzt doch neugierig legte Jo das Kreuzworträtsel zur Seite und setzte sich zu ihm.

„Der erste Ärger im Paradies?“, fragte er leise.

Ein echtes Lächeln legte sich auf Svens Lächeln als er den Kopf schüttelte.

„Nee, bei uns ist alles gut. Sogar weit besser als gut…“, antwortete er rau und lächelte gedankenverloren.

Ganz so als konnte er selbst immer noch nicht glauben, wie glücklich er sein durfte. In diesem Moment konnte Jo nicht anders und lächelte ebenfalls. Denn es war wirklich schön Sven so angekommen zu sehen. Seit fast einem Jahr bekam er dieses selige Lächeln nun nicht mehr aus dem Gesicht und strahlte nur noch.

„Was ist dann dein Problem? Immer noch die Geschichte mit deinem Vater?“

Schließlich hatte Hansen Senior, bei seinem letzten Besuch, keinen Hehl daraus gemacht, dass er Sven zu den Weihnachtsfeiertagen in Hamburg erwartete. Einen Einwand hatte er wohl nicht geduldet. Zudem wusste er sehr genau wie schwierig das Verhältnis zwischen Vater und Sohn auch sonst war. Wobei er keine Ahnung hatte ob Hansen Senior überhaupt davon wusste, dass er inzwischen sogar einen Schwiegersohn in Spe hatte. Denn daran, dass Sven Michi an ihrem ersten gemeinsamen Weihnachten einfach alleine zurück in Rosenheim lassen würde glaubte er nicht für eine Sekunde.

„Nee, der hat jetzt beschlossen, dass er über Weihnachten und Neujahr auf Skandinavien-Kreuzfahrt geht. Dieser Blödsinn, dass ich nach Hamburg kommen soll war doch sowieso nur eines seiner bescheuerten Machtspielchen. Einfach um zu sehen ob ich springe, wenn er ruft.“

Leise seufzte Jo. Denn genauso hatte er Olaf Hansen eingeschätzt als er ihn getroffen hatte. Ein Mensch für den es nur einen Weg gab eine Sache zu tun und das war seiner. Schließlich hatte er Sven ja sogar zur Teilnahme an einer Regatta gezwungen die dieser gar nicht segeln wollte. Und das einfach nur, weil er beschlossen hatte seinem Sohn näher kommen zu wollen. Ob ihm überhaupt jemand einmal gesagt hatte, dass andere Menschen nicht so funktionierten?

„Zudem wär es mir egal gewesen was er will, gerade dieses Jahr.“, meinte Sven plötzlich. „Ich hab zum ersten Mal jemanden mit dem ich feiern will. Und das lass ich mir von ihm nicht nehmen. Schon gar nicht für ein Weihnachten das sowieso wieder im Streit endet. Zudem haben Michis Eltern mich zu sich eingeladen.“

Jo grinste als Sven bei seinen Worten rot wurde und ein weiteres Mal die Krümel auf seinem Teller herum schob.

„Oh, jetzt wird’s spannend! Das erste Treffen mit den Schwiegereltern?“

„Ja!“, er nickte angespannt. „Aber nicht nur die. Auch alle Großeltern, Geschwister, Nichten und Neffen…“

„Die werden dich sicher mögen!“

Leise schnaubte Sven bloß.

„Mir würde es schon reichen, wenn sie nicht zu dem Ergebnis kommen, dass ich nicht gut genug für ihren Sohn bin…“

Erschrocken darüber wie viel Ernst in Svens Augen lag stieß Jo ihm nur leicht in die Seite.

„Du bist ein gutaussehender, erfolgreicher und intelligenter Hauptkommissar bei der Kriminalpolizei. Zudem liebst du ihren Sohn von ganzem Herzen. Glaub mir das ist alles was zählen wird!“

„Woher willst du das denn wissen?“, fragte Sven zurück und zog ungläubig eine Augenbraue nach oben.

„Intuition!“

Nur kurz darauf klingelte die Glocke die über der Eingangstür zum Restaurant angebracht war. Automatisch sah Jo daraufhin auf. Direkt als er erkannte, dass Michi nun hereinkam lächelte er leicht. Dieser trug einen dicken Anorak und darunter einen Winterpullover, beides mit der Aufschrift ‚Freiwillige Feuerwehr Rosenheim‘.

„Übrigens ist deine bessere Hälfte da.“

Er lachte leise als Sven sofort herumfuhr und er strahlend lächelte als er Michi sah.

„Hey Schatz!“, meinte Michi nur.

Ohne noch auf irgendetwas anderes zu achten begrüßten sie einander mit einem kurzen Kuss. Wobei ihre Beziehung seit dem Frühlingsfest eigentlich zu einem offenen Geheimnis in ganz Rosenheim geworden war.

„Hallo!“

„Und bist du fertig?“

Während Jo bloß grinste grummelte Sven undeutlich etwas in seine Kaffeetasse. Kurz hatte er einen leidenden Gesichtsausdruck und wirkte ganz so als würde er zum Galgen geführt. Gar nicht so als ob er von seinem Freund abgeholt wurde um einen kleinen Weihnachtsausflug zu machen. Schließlich trank er dann aber doch den letzten Rest Kaffee, stand auf und schlüpfte in seinen Mantel.

„Von mir aus können wir los!“

Als einzige Antwort drückte Michi ihm nur einen Kuss gegen die Schläfe.

„Viel Spaß euch beiden!“, meinte Jo zum Abschied.

„Danke schön!“

Für einen langen Moment sah er den beiden schließlich nach als sie das ‚Times Square‘ verließen. Sven hatte sich dabei bei Michi untergehakt und sie unterhielten sich angeregt. Kurz erlaubte es sich Jo den beiden nachzusehen. Denn mit Michi in seiner Nähe wirkte er gar nicht mehr wie Ebenezer Scrooge sondern vielmehr wie der Grinch der sein Herz wachsen fühlen konnte…







Frierend stapfte Sven mit den Füßen auf den Boden. Inzwischen war er durchgefroren bis auf die Knochen. Schließlich rieb er seine Hände zusammen um diese aufzuwärmen. Kurz sah er sich dann nach Michi um, seinen Freund erkannte er bereits einen Moment später. Mit seinen Kameraden von der Feuerwehr war er gerade dabei die letzten Vorbereitungen zu treffen.

„Hat er dich also doch überredet her zu kommen!“

Überrascht drehte sich Sven um als er angesprochen wurde. Direkt sah er Josef ‚Sep‘ Berger, den Feuerwehrkommandant, neben sich.

„Hast du schon mal versucht diesen blauen Augen etwas abzuschlagen?“

Auf seine Frage hin lachte Sep bloß, dann schlug er ihm eine Hand auf die Schulter.

„Tja, Sven! Diese Lektion lernen wir irgendwann alle. Wahre Liebe macht uns zu Idioten.“

„Sehr poetisch!“, grinste Sven nur während er seine Hände zusammenrieb.

„Ich weiß!“

Gemeinsam lachten sie dann. Wobei es für Sven immer noch ein merkwürdiges Gefühl war, dass er Sep inzwischen als einen Freund ansah. Dabei hatte er sich lange dagegen gewehrt in Rosenheim Wurzeln zu bilden und Menschen an sich heranzulassen.

„Solltest du nicht eigentlich da mithelfen?“, fragte Sven grinsend.

Mit einer Handbewegung deutete er auf dessen Feuerwehrkollegen. Diese trugen zwei große Kabeltrommeln über den Festplatz. Lachend hielt Sep daraufhin einen Finger nach oben.

„Ah, das mein Freund ist das praktische daran Chef zu sein. Du darfst Anweisungen geben dann den anderen beim Arbeiten zusehen!“

„Na das ist natürlich praktisch!“

„Find ich auch!“

Nun mit wirklich besserer Laune ließ Sven den Blick ein weiteres Mal über den Max-Josefs-Platz wandern. Ringsum standen mehrere kleine Buden und sogar ein nostalgisches Kinderkarussell. Auf der kleinen Bühne war gerade eine Band dabei ihren Auftritt vorzubereiten. Und direkt in der Mitte befand sich ein großer, wohl fast drei Meter hoher Tannenbaum. Diesen hatte die Freiwillige Feuerwehr vor ein paar Tagen erst aufgestellt und mehrere Lichterketten angebracht. Die Kinder des Kindergartens und der Grundschule hatten dann das Dekorieren übernommen.

„Und da kommt die Politprominenz!“, flüsterte Sep plötzlich.

Als Sven dessen Blick folgte sah er, ein paar Meter weiter, eine Frau auf den Platz laufen. Er brauchte jedoch einen Moment bis er darauf kam woher er diese kannte, es war die Bürgermeisterin der Stadt Rosenheim. Mit gut gelauntem Lächeln unterhielt sie sich dann mit ein paar der Anwesenden, begrüßte die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr und betrat anschließend mit ein paar Offiziellen die Bühne. Dort hielt sie eine kurze Ansprache, der Sven jedoch nur mit halber Aufmerksamkeit folgte. Wobei der Hauptgrund dafür vielmehr die Tatsache war, dass Michi plötzlich zu ihm herüber kam.

„Na, alles fertig geworden?“, fragte er leise.

„Natürlich!“, erklärte er stolz. „Was wir anpacken wird immer rechtzeitig fertig.“

Direkt darauf schlang Michi seine Arme um seine Hüfte und kuschelte sich gegen seine Brust. Ohne einen bewussten Gedanken erwiderte Sven diese Geste sofort und zog ihn nur ein wenig näher heran. Michi legte schließlich seinen Kopf gegen seine Schulter und sah zur Bühne hinüber. Einen Augenblick später traf Svens Blick den von Sep. Dieser beobachtete sie bloß und flüsterte etwas das nach ‚Idioten‘ klang. Lächelnd ignorierte Sven ihn einfach und lehnte seinen Kopf gegen den von Michi. Für einen Moment genoss er einfach bloß die kribbelnde Wärme zwischen ihnen beiden. Erst als die Bürgermeisterin zum Schluss ihrer Rede kam kehrte er wieder in die Realität zurück. Schließlich reichte ihr ein Offizieller die beiden Enden eines großen Steckers. Mit einem Lächeln für die anwesende Presse schob sie diese ineinander. Nur Sekunden später erstrahlten die großen Lichterketten in hellem Glanz. Wie versteinert starrte Sven auf den Baum. Er mochte die Weihnachtszeit nicht, die Freude daran hatte sein Vater ihm schon vor sehr vielen Jahren genommen. Aber nun hier zu stehen; im Neuschnee der letzten Stunden, umgeben vom Geruch nach Glühwein und warmen Zucker und dem Lichterschein des Tannenbaumes machte merkwürdige Dinge mit seinem Herzen. Dazu noch Michi warm in seinen Armen ließ die Situation unbeschreiblich für ihn werden. Weihnachten mochte er immer noch nicht, aber die Wärme die dieser Mann in sein Leben gebracht hatte machte ihn trotzdem sprachlos…



4.Dezember: Barbaratag:



Langsam und bedächtig ging Sven die letzten Stufen zu seiner Wohnung hinauf, hinter der Hand gähnte er. Es war ein langer Tag gewesen der ihn von einem Termin zum nächsten geführt hatte. Dass es seit ein paar Tagen unaufhörlich schneite hatte die Situation noch ein wenig komplizierter gemacht. Der Verkehr war eine Zumutung gewesen. Und Herr Hofer hatte es natürlich vorgezogen die Vernehmungen im geheizten Büro zu übernehmen. Dafür war er selbst jetzt komplett durchgefroren. Zudem hatte seine Laune einen weiteren Dämpfer erhalten als klar wurde, dass Michi Nachtschicht hatte und deshalb nicht mit ihnen ermitteln würde.

„Ah, Herr Hansen!“

Leise seufzte er bloß als die Wohnungstür gegenüber seiner geöffnet wurde und Frau Holzer heraustrat. Sie war eine nette ältere Dame der er öfter half und für die er auch mal kleinere Besorgungen übernahm. Als Dank bekam er dafür oftmals etwas Selbstgebackenes oder ein selbstgekochtes Abendessen. Im Moment fehlte ihm aber der Nerv auf langen Smalltalk, er wollte aus dem Anzug raus, sich aufwärmen und ein wenig ausruhen.

„Frau Holzer! Hallo! Wie kann ich Ihnen helfen?“

Für einen Moment stützte sie sich auf ihren Gehstock und lächelte.

„Ihr Herr Mohr war vorhin hier und hat etwas abgegeben. Er hat mich darum gebeten ihnen das zu geben sobald sie zu Hause sind.“

Perplex blinzelte er bloß. Michi hatte etwas für ihn hinterlegen lassen? Warum hatte er ihm das nicht selbst gegeben? Frau Holzer reichte ihm schließlich eine lange rechteckige, weiße Schachtel um die ein rotes Band geschlungen war. Fixiert war dieses mit einer komplizierten Schleife. Fragend sah er die Schachtel für einen Moment bloß an und schüttelte vorsichtig. Etwas klapperte hölzern. Schließlich lächelte er ihr freundlich zu.

„Danke Ihnen!“

„Kein Problem!“, antwortete Frau Holzer bloß.

Einen Augenblick später verabschiedete sie sich und ging, auf ihren Stock gestützt, zurück in ihre Wohnung. Mit einem finalen Klacken fiel die Tür hinter ihr ins Schloss. Verwirrt schüttelte Sven den Kopf und schloss dann endgültig seine Wohnungstür auf. Zuerst legte er die Schachtel auf den Küchentisch, anschließend zog er den Mantel aus und hängte diesen an die Garderobe. Gähnend ging er in sein Schlafzimmer, dort tauschte er endlich den Anzug gegen eine Jeans und einen dicken Winterpullover mit Norwegermuster. Leise seufzte er als er spüren konnte wie seine Hände zu kribbeln begannen als ihm endlich wieder warm wurde. In der Küche brühte er sich eine Tasse Ostfriesentee auf, gab ein wenig Milch dazu und setzte sich damit an den Tisch. Nun doch neugierig zog er die Schachtel heran und besah sich diese genauer. Von außen war jedoch nichts offensichtlich  das auf den Inhalt schließen ließ. Entschieden zog er dann die kunstvolle Schleife auf und zog den Deckel ab. Zu seiner Überraschung war die Box mit Seidenpapier gefüllt, auf diesem lag ein kleines Bündel Zweige.

Erst auf den zweiten Blick fiel Sven der kleine Briefumschlag auf der dabei lag. Verwirrt nahm er diesen an sich und zog die Karte darin heraus.

‚Hallo Schatz!

Wahrscheinlich wunderst du dich über die Zweige. Wobei es eigentlich mein Plan war sie dir persönlich zu geben und zu erklären worum es sich handelt. Mein Schichtplan kam dann aber leider dazwischen.

Bei den Zweigen handelt es sich um Barbarazweige. Dieses Jahr sind sie vom Kirschbaum meiner Eltern.

Also, am vierten Dezember wird der Gedenktag für die Heilige Barbara gefeiert. Dabei ist es Brauch knospige Zweige von einem Baum zu schneiden und diese im Haus in die Vase zu stellen. Wenn alles klappt wie es soll blühen sie an Weihnachten auf. Im Endeffekt soll das Aufblühen der Zweige Glück für das neue Jahr bringen.

Ob dem wirklich so ist kann ich nicht genau sagen. Auf jeden Fall wollte ich diesen Brauch meiner Heimat mit dir teilen und hoffe, dass du dich darüber freuen kannst. Auch, wenn Weihnachten und alles was dazu gehört nicht so dein Ding ist.

Bis bald,

Michi‘

Wie lange Sven schließlich einfach nur auf die Karte und die Schrift darauf starrte konnte er gar nicht mehr sagen. Unbewusst strich er sich dabei auch ein paar Tränen aus dem Gesicht.

Du bist mein Glück!“, flüsterte Sven heiser und strich über die elegante Schrift.

Kurz entschlossen stellte er die Zweige in den Bierkrug den ihm Herr Hofer einmal geschenkt hatte und platzierte sie auf den Frühstückstisch wo er sie immer im Blick haben würde. Wobei es ihn selbst überraschte wie viel ihm diese kleine Geste bedeutete. Weihnachten mochte er immer noch nicht, aber es war trotzdem schön, dass sich Michi so viel Mühe gab ihn mit einzubeziehen…



6. Dezember: Nikolaustag:



Tief in seinen Mantel vergraben ging Sven am frühen Nachmittag über das Gelände der Feuerwache der Freiwilligen Feuerwehr. Die Fahrzeuge waren nach draußen auf den Hof gefahren worden, um in der Wagenhalle Platz zu schaffen. Um die Wagen drängte sich bereits ein Großteil der Gäste. Vor der Halle war ein großer Grill aufgebaut worden, über diesen schien Sep die Kontrolle übernommen zu haben. Gerade diskutierte er mit einem seiner Kameraden über irgendetwas, seine Worte akzentuierte er mit ausladenden Bewegungen der Grillzange in seiner Hand. Direkt daneben befand sich eine kleine Bar; an dieser wurde Glühwein, Punsch, Kakao, Tee und Sprudel ausgeschenkt. Wobei Sven genau gesehen hatte, dass ein Teil der Feuerwehrleute auch einen Privatvorrat an Bier mitgebracht hatten.

In der Halle waren Biertischgarnituren aufgestellt worden. Diese waren mit Tannenzweigen, Nüssen, Mandarinen, Äpfeln und Kerzen dekoriert. Er grinste leicht als er erkannte, dass es sich um batteriebetriebene LED-Kerzen handelte. Dabei standen große Teller voller Weihnachtsgebäck. In der Ecke stand ein großer, geschmückter Tannenbaum.

Nur wenig später erkannte er seine Kollegen, diese hatten sich bereits an einem der Biertische verteilt. Schließlich war das Nikolausfest der Feuerwehr ein Pflichttermin für einen großen Teil der Rosenheimer Bevölkerung. So auch für Michis und seine Kollegen. Auf den ersten Blick sah er die Geschwister Hofer, die Sekretärinnen Stockl, Lange und Grasegger, die Herren Seitz und Lorenz, sowie Herrn Achtziger. Er grinste denn die beiden Controller sahen ganz so aus als ob sie nur auf die Intervention von Herrn Achtziger überhaupt anwesend waren und am liebsten ganz wo anders gewesen wären. Als sie ihn sahen winkten sie ihn an ihren Tisch. Nachdem Sven dann Sep begrüßt und sich einen Glühwein hatte geben lassen setzte er sich zu ihnen.

„So schnell sieht man sich wieder!“, grinste Herr Hofer und prostete ihm mit seiner Glühweintasse zu.

„Manche Schicksalsschläge lassen sich wohl nicht verhindern.“, gab er zurück.

„Wann kommt jetzt eigentlich der Weihnachtsmann?“, fragte Andi dazwischen.

Scheinbar hoffte er darauf, dass er die Veranstaltung so schnell wie möglich hinter sich bringen konnte.

„Nikolaus!“, verbesserte Sven ohne darüber nachzudenken.

Währenddessen untersuchte er den Keksteller und zog schließlich einen Zimtstern heraus. Schließlich wusste er, dass Seps Frau Margit diese selbst gebacken hatte. Aus eigener Erfahrung wusste er inzwischen wie köstlich diese waren. Denn über die genauen Unterschiede zwischen Nikolaus und Weihnachtsmann hatte er mit Michi bereits eine lange Diskussion geführt. Seitdem achtete er auch darauf, dass er den ‚richtigen‘ Begriff verwendete. Schließlich war seinem Freund das wichtig, das war genug Grund damit es ihm ebenfalls wichtig war.

„Hä?“

„Der Gedenktag für den ‚echten‘ Nikolaus geht auf die Legende des Nikolaus von Myra zurück. Er war dort im vierten Jahrhundert als Bischof tätig. Sein geerbtes Vermögen hat er in dieser Zeit an die Notleidenden der Stadt verteilt. Das ist auch historisch belegt, dazu kommen aber noch etliche Legenden. Der Weihnachtsmann ist eher der kommerzielle Teil der einen Großteil der Legenden in sich vereint, samt Cola-Werbung.“

„Seit wann kennen Sie sich so genau mit den Feinheiten der Feierlichkeiten zu Nikolaus aus, Herr Hansen?“, fragte Herr Seitz verwirrt dazwischen.

Frau Stockl, die neben diesem saß, verschluckte sich daraufhin an einem Stück Dominostein und hustete heftig. Mit einem Seufzen rollte Andi die Augen und schien sich zu überlegen ob er sich in einer Tasse Glühwein ertränken konnte. Auch Sven selbst war etwas verblüfft, denn eigentlich war er der Meinung gewesen, dass seine Beziehung mit Michi kein Geheimnis mehr war. Gerade nachdem sie gemeinsam zum Frühlingsfest gekommen waren. Deshalb lächelte er dann auch bloß freundlich.

„Seit ich mit einem Mann zusammen bin der die Weihnachtszeit liebt und jedes Jahr den Nikolaus beim Feuerwehrfest gibt.“, erklärte er.

Auch heute noch kroch sofort eine kribbelnde Wärme durch seinen Körper als er ganz selbstverständlich Michi als seinen Freund angeben konnte. Mit was hatte er sich wohl so viel Glück verdient? In den folgenden Sekunden konnte er praktisch dabei zusehen wie lange es dauerte bis Herr Seitz die wahre Bedeutung seiner Worte verstand. Dieses Mal war er es der sich verschluckte.

„Sie und… und…“, presste er krächzend hervor.

„Ja!“, bestätigte er und nickte glücklich. „Michi und ich sind seit fast einem Jahr ein Paar.“

Sprachlos bewegte Herr Seitz bloß die Lippen.

„Also damit hätte ich jetzt nicht gerechnet.“, erklärte er dann neutral.

Bevor Sven jedoch etwas erwidern konnte klingelte jemand mit einer Handglocke. Daraufhin erstarben die Gespräche an den Tischen und es wurde mit einem Mal völlig still. Sekunden später wurde die große Seitentür geöffnet und der Nikolaus samt seinen Kramperl kam herein. Sven musste jedoch zugeben, dass er für einen Moment nur sprachlos starren konnte. Herein kam Michi, in seinem Nikolaus-Kostüm. Er trug ein weißes Unterkleid, dieses war unten und an den Armen mit einer breiten Spitzenborte abgeschlossen. In diese waren verschiedenste christliche Symbole eingearbeitet. Um den Hals hing eine aufwendig gemusterte, in Gold und rot gehaltene, Innenstola. Über den Schultern lag ein, ebenfalls goldener, Rauchmantel der vorne von einer Paramentenborte abgeschlossen wurde. Im Gesicht hatte er einen dichten, weißen Vollbart der ihm nun bis auf die Brust reichte. Seine blonden Haare wurden von einer Mitra verdeckt die die Farben und das Muster des restlichen Kostüms wieder aufgriff. Dazu kam noch ein großes Brustkreuz, sowie ein großer goldener Ring samt rotem Stein. Abgeschlossen wurde dieses von weißen Handschuhen und einem langen, goldenen Bischofsstab.

Ehrfurchtsvoll starrten die Kinder ihn bloß an, fasziniert vom Nikolaus.

„Wow!“, flüsterte Andi. „Also das hab ich jetzt nicht erwartet…“

„Was hast du denn erwartet?“, fragte Frau Stockl süffisant. „Ein Kissen um den Bauch, ein roter Mantel mit weißem Pelz verbrämt und ein weißer Rauschebart?“

Wobei Sven zugeben musste, dass er sich der Verblüffung ebenfalls nicht entziehen konnte. Zwar wusste er natürlich, dass Michi sich verkleiden würde schließlich war das Fest der Freiwilligen Feuerwehr eines der größten an Nikolaus. Aber dieses Kostüm hatte er trotzdem nicht erwartet. Beeindruckt beobachtete er dann wie er in die Halle schritt, die gesamte Zeit über gutmütig lächelnd.

Sprachlos sah er schließlich dabei zu wie Michi eine große Gruppe Menschen um sich scharte. Die nächste Zeit verging in einem Wirbelwind von Nikolausgeschichten, Weihnachtsliedern, Glockenläuten, ausgeteilten kleinen Geschenken und fröhlichen Kinderstimmen.

Erst ein paar Stunden später kam die Situation wieder etwas zur Ruhe. Da es schon früher Abend war verließen etliche der Eltern mit ihren Kindern das Fest. Auch ihre Kollegen verabschiedeten sich nach und nach. Sven lachte lautlos als Andi bei der ersten Gelegenheit fast schon die Flucht ergriff. Das Lachen wurde jedoch zu einem Grinsen als er erkannte, dass der Schokoladennikolaus den er bekommen hatte aus seiner Tasche herausschaute. Wobei er sich fast ein wenig dafür schämte, dass er erleichtert durch atmete als sich die drei Sekretärinnen ebenfalls verabschiedeten. Kurz streifte sein Blick den von Herrn Achtziger, dieser schmunzelte wissend in seinen Glühwein.

Ein paar Minuten später kam Michi dann ebenfalls an ihren Tisch, seinen Hirtenstab hatte er irgendwo abgestellt. Etwas umständlich setzte er sich neben ihn, scheinbar war das Kostüm doch ein wenig hinderlich. Mit einem Seufzen lehnte er sich gegen ihn, fast schon automatisch verschränkte Sven ihre Finger ineinander.

„Also das war eine rundum gelungene Veranstaltung Herr Mohr!“, erklärte Herr Achtziger.

Und, wenn er ehrlich war rechnete Sven es ihrem Chef aller höchst an, dass er mit ihrer Beziehung so locker umging. Schließlich wusste er, dass er ihnen das Leben sehr schwer hätte machen können, wenn er das gewollt hätte.

„Danke Herr Achtziger!“, antwortete Michi erfreut.

Sven grinste leicht als er feststellte, dass man ihn unter dem Bart kaum verstehen konnte. Leicht genervt zog Michi diesen deshalb nach unten bis er unter dem Kinn saß.

„Schon besser!“, brummte er. „Danke Herr Achtziger!“

Schmunzelnd kramte er dann in seinem Jutesack und zog triumphierend einen weiteren Schokoladennikolaus heraus.

„Ich hoffe Sie waren brav dieses Jahr, Herr Achtziger.“, erklärte er gut gelaunt und reichte ihm diesen.

Herr Achtziger lachte nur und zwinkerte ihm verschwörerisch zu. Als er ein weiteres Mal den Sack durchsuchte fand Michi noch eine Tüte mit Keksen und gab ihm selbst diese.

„Bitte schön!“

„Danke!“, antwortete er ehrlich.

Denn er wusste, dass die Kekse von Angehörigen der Freiwilligen Feuerwehr selbstgebacken wurden und dementsprechend lecker schmeckten. Irgendwie war es merkwürdig, früher hatten seine Eltern beim besten Konditor die besten Kekse gekauft. Aber so gut wie die Selbstgemachten schmeckten sie trotzdem nicht. Und das weil oder obwohl sie nicht perfekt waren, da war er sich nicht sicher. Kurz lehnte er sich hinüber und küsste Michi. Vor seinem Chef und den Kameraden der Feuerwehr, für alle Welt sichtbar.

„I saw Mommy kissing Santa Claus!“, rief Sep zu ihnen hinüber.

Sie alle konnten sich das Lachen daraufhin nicht verkneifen.

„Pass bloß auf Sep sonst landest du auf der Liste der Unartigen und es gibt nur ein Stück Kohle für dich zu Weihnachten!“

„Ich hab zu Hause einen Kachelofen Sven! Deshalb könnte ich auch die Kohle gut gebrauchen! Somit macht mir deine Drohung absolut keine Angst!“, gab der Feuerwehrmann grinsend zurück.

Eine ganze Weile saßen sie schließlich noch zusammen; tranken Glühwein, aßen Kekse und unterhielten sich einfach. Gemeinsam mit Michi lief Sven dann, zu später Stunde, nach Hause. In seinem Bauch lag dabei eine tiefe Wärme und ein Gefühl das sich ganz nach Zufriedenheit anfühlte. Weihnachten mochte er immer noch nicht, aber für manche Traditionen konnte er sicherlich eine Ausnahme machen. Dass er am folgenden Tag nach Feierabend bei Michi vorbeifuhr um diesem heimlich einen roten Nikolausstiefel, samt ‚echtem‘ Nikolaus, vor die Tür zu stellen musste ja niemand wissen…





Vorabend des 2. Advents:



Irgendwie fragte sich Sven immer noch wie er hier hergekommen war, ausgerechnet in die katholische Kirche der Stadt Rosenheim. Zum Adventslieder singen. Dicht eingezwängt zwischen völlig unbekannten Menschen, Michi eng an seiner Seite. Wahrscheinlich war es aber doch so wie er es Sep schon gesagt hatte und er konnte diesen blauen Augen einfach nichts abschlagen. Vielleicht war es aber auch die Aussicht auf den anschließenden Besuch auf dem Weihnachtsmarkt. Oder es war dessen Versprechen eines selbstgekochten Abendessens gewesen. Zwar wusste er immer noch nicht wirklich was Millirahmkartoffeln waren, aber das war ja auch egal.

Er zog jedoch eine kurze Grimasse als, nur wenig später, der Chor festlich in die Kirche einzog und sich in eingeübten Positionen aufstellte. Denn was ihn dabei am meisten überraschte war die Tatsache, dass sie alle, bis auf einen violetten Schal, ganz in schwarz gekleidet waren. Für einen Moment befürchtete er wirklich in eine trockene kirchliche Veranstaltung geraten zu sein. Doch dann begann das Konzert und zu seiner Überraschung was es das Ganz und Gar nicht. Der Chor bestand aus großartigen Sängern und die Lieder waren eine tolle Mischung aus Traditionellem und Modernem. Zudem entwickelte er mehr Spaß als er das gedacht hatte daran mit zu singen und ertappte sich mehrfach dabei wie er gedankenverloren die bekannten Melodien mit summte. Michi an seiner Seite ging völlig in der Musik auf und sang voller Inbrunst. Sven schluckte trocken als er ihn ansah; der freudige Glanz in seinen Augen machte ihn sprachlos. Zum ersten Mal verstand er voll wie sehr sein Freund Weihnachten und alles was dazugehörte liebte. In einer kleinen Pause, zwischen zwei Liedern, griff Michi plötzlich nach seiner Hand und drückte einen impulsiven Kuss darauf. Somit musste Sven, trotz aller seiner Vorbehalte, zugeben, dass er Spaß hatte und gar nicht bemerkte wie die Zeit an ihm vorbeizog. Vielleicht war er deshalb auch ein kleines bisschen enttäuscht als das Konzert nach fast zwei Stunden dann zu Ende war. Gemeinsam mit all den anderen Besuchern verließen sie die Kirche. Sie schauderten beide leicht, denn nach der Wärme im Inneren war es draußen nun umso kälter. Zudem schneite es wieder leicht. Wobei sie sich davon nicht die Laune verderben ließen und Hand in Hand die wenigen Meter zum Weihnachtsmarkt hinüber gingen.

„Danke, dass du mitgekommen bist. Ich weiß, dass das nicht so deins ist.“

„Zusammen mit dir hab ich das Gefühl, dass es das werden könnte.“, gab er zu bevor er sich darüber klar war was er da sagte.

Für einen Moment war sich Sven nicht sicher ob die plötzliche Wärme in seinen Wangen von der Kälte oder von seinem Geständnis stammte. Erst als Michi strahlend lächelte und sich für einen Augenblick gegen ihn lehnte brach die Anspannung in ihm wieder auf.

Gemeinsam liefen sie schließlich über den Weihnachtsmarkt. Sahen sich die kunstvoll geschmückten Buden an. Tranken Glühwein. Und kauften sogar ein paar Kleinigkeiten ein. Völlig durchgefroren kamen sie später bei Michi zu Hause an. Dieser ging dann sofort in die Küche um sich um das Abendessen zu kümmern. Anscheinend hatte er aber alles bereits vorbereitet und wollte nur noch die letzten Handgriffe erledigen. Sven lief währenddessen in der Wohnung herum und besah die aufgestellte Weihnachtsdekoration. Es machte ihn wirklich sprachlos wie viel Dekoration in eine Zwei-Zimmerwohnung passte. Überall funkelte, glitzerte und leuchtete etwas. Wobei er es ehrlich bewunderte, dass Michi es trotzdem schaffte, dass nichts kitschig oder übertrieben wirkte. Das was ihm selbst jedoch am besten gefiel war die detailgetreue Krippenszene die er in einer Ecke des Wohnzimmers aufgebaut hatte.

Schließlich ging er ins Wohnzimmer, setzte sich dort auf das Sofa und nahm eines der Kissen in den Arm. Eigentlich war es ein simpler selbstgenähter weißer Überzug, aber auf einer Seite war eine große Weihnachtssternblüte aus Filz angebracht. Für einen Moment ließ er sich vom Anblick der detailgetreuen Krippenszene gefangen nehmen. Noch dazu konnte er im Hintergrund Michi leise Weihnachtslieder singen hören. Überrascht blinzelte er bloß, denn mit einem Mal fühlte er eine tiefe Ruhe in seinem Inneren die er so noch nie empfunden hatte.

Nach ihrem Abendessen saßen sie schließlich auf dem Sofa zusammen. Er hatte sich so eng wie möglich gegen Michi gekuschelt, seinen Kopf an dessen Schulter liegen und dieser hatte die Arme um seinen Oberkörper geschlungen. Vor ihnen auf dem Tisch stand der Adventskranz an dem bereits eine Kerze brannte. Zudem spendeten die, im Zimmer verteilten, Lichterketten diffuses Licht. Es war romantisch. Es war heimelig. Es war kitschig. Es ging gegen alles was sein Vater je akzeptiert hätte. Doch Sven hatte sich noch nie so zu Hause gefühlt. Zum ersten Mal hatte er den Eindruck, dass er nachvollziehen konnte was andere Menschen an der Weihnachtszeit so schön fanden. Weihnachten mochte er immer noch nicht, aber an Michis Weihnachtsstimmung teilzuhaben war auf seine eigene Art wunderschön. Und das er später eine kleine Kiste mit Weihnachtsdekorationen seiner Mutter heraussuchte und diese in seiner Wohnung verteilte musste ja niemand erfahren…





Donnerstag vor dem dritten Advent:



Niedergeschlagen ging Sven die Treppe zu Michis Wohnung nach oben. Der letzte Fall hatte der leichten Weihnachtsstimmung in seinem Inneren doch einen herben Dämpfer mitgegeben. Eine Frau hatte ihren Ex-Freund erschlagen, weil sie eifersüchtig auf dessen neues Glück gewesen war. Sie hatte wohl erfahren, dass er seiner neuen Freundin einen Heiratsantrag zu Weihnachten machen und anschließend mit ihr zusammenziehen wollte. Daraufhin hatte sie so sehr die Beherrschung verloren, dass sie ihm eine schwere Bronzefigur auf den Kopf geschlagen hatte. Das Schlimmste war es jedoch gewesen, dass sie überhaupt keine Reue gezeigt und sich völlig im Recht gesehen hatte.

Mit beiden Händen rieb er sich über das Gesicht als er die letzten Stufen nahm. Irgendwie war es immer noch komisch jetzt hier zu sein. Sonst hatte er schwierige Fälle mit sich selbst ausgemacht. War zum Sport gegangen oder hatte sich ein gutes Essen gegönnt, manchmal auch ein Glas Wein dazu. Und so schnell war es jetzt sein erster Impuls geworden zu Michi fahren und sich von ihm die Welt wieder in die richtige Position bringen zu lassen. Für einen Moment dachte er an die kleine, verpackte Schmuckschachtel die er zu Hause liegen hatte. In dieser befand sich der Schlüssel zu seiner Wohnung. Und, wenn er es über sich brachte würde er sie Michi zu Weihnachten schenken. Er schluckte trocken, denn dieser Schritt war wohl einer der größten den er je in einer Beziehung gemacht hatte.

Sven grinste leicht als er schließlich vor der weiß lackierten Holztür, mit der großen Tannengirlande um den Rahmen und dem fröhlich bunten Türkranz, stand. Denn bereits durch die geschlossene Tür konnte er die Weihnachtsmusik hören. Für einen Moment schloss er die Augen und atmete durch. Der Schatten in seinem Inneren wurde ein wenig lichter.

Entschieden drückte er dann den Klingelknopf und wartete. Es überraschte ihn jedoch als fast augenblicklich die Musik leiser gedreht wurde und er Schritte hören konnte. Direkt darauf wurde die Tür auch geöffnet. Das Lachen konnte sich Sven dann nicht mehr verkneifen. Michi trug Jeans und Pullover, darüber eine Schürze mit der Aufschrift ‚Der Elf war‘s!‘. Auf seinem Kopf saß ein Haarreif mit einem Elchgeweih daran. Die Schürze sowie seine Arme waren voller Mehlstaub, an der Wange hatte er einen Teigschmierer. Es wärmte ihn bis tief in sein Innerstes, dass sich sofort ein strahlendes Lächeln auf seine Lippen legte als er ihn sah.

„Sven! Was machst du denn hier? Ich dachte, dass du zum Sport wolltest?“

Plötzlich unsicher darüber ob er willkommen war, schluckte er bloß.

„Ähm… Ich kann auch wieder… Wenn du keine Zeit hast…?“

Nun doch leicht besorgt musterte Michi ihn bloß. Dann griff er nach seiner Hand, zog ihn in die Wohnung und schloss die Tür hinter sich. Bevor Sven begriff was passierte wurde er in eine Umarmung geschlossen. Automatisch fielen ihm daraufhin die Augen zu und er lehnte sich gegen ihn. Für einen langen Moment fühlte er nur Michis Hand, die sanft über seinen Rücken strich. Dessen steten Herzschlag gegen sich. Sowie die leichten Atemzüge gegen seine Haut. Erst als irgendwann eine Eieruhr irgendwo klingelte kam er wieder in die Realität zurück. Immer noch etwas betäubt folgte er schließlich Michi in die Küche. Sprachlos sah er sich dort um. Denn der Raum war kaum mehr wiederzuerkennen, alles sah aus wie in einer Großbäckerei. Auf dem Küchentisch standen eine große metallene Gebäckkiste sowie ein Gebäckkarton, in beidem waren bereits einige Kekse. Noch dazu roch es unfassbar nach Keksen und Punsch.

„Wow…“, flüsterte er.

„Ist grad ein bisschen chaotisch, muss ich zugeben…“, grinste Michi verlegen als er das aktuelle Backblech mit schwarz-weiß Gebäck aus dem Ofen nahm.

Wobei Sven vielmehr beeindruckt davon war wie gleichmäßig diese waren. Summend ließ er diese dann auf ein Auskühlgitter gleiten. Dann stellte er das Blech ab.

„Was ist denn los?“, fragte er dann leise und griff nach seiner Hand.

Leise seufzte er bloß und schüttelte den Kopf.

„Nichts weiter… Herr Hofer und ich, wir haben unseren aktuellen Fall aufgeklärt. Ist nicht ganz so ausgegangen wie wir uns das vorgestellt haben.“

„War es doch nicht der Geschäftspartner?“

„Nee, es war die Ex-Freundin. Sie war wohl eifersüchtig, dass er auch ohne sie weitergelebt hat.“

Mit der freien Hand rieb sich Michi den Hinterkopf. Scheinbar wusste er nicht was er sagen sollte um die Situation leichter zu machen.

„Weißt du was da am besten hilft?“, wollte er dann mit einem leichten Lächeln wissen.

Stumm schüttelte er den Kopf.

„Backen! Ich könnt sowieso noch jemanden gebrauchen der mir hilft. Soll ja alles nachher fertig sein.“, meinte er nachdenklich und küsste ihn auf die Stirn.

„Wieso nachher?“

Verwirrt sah Michi ihn einen Moment lang an.

„Heute ist doch Klöpfelnacht…“, antwortete er.

„Klöpfelnacht?“, wiederholte Sven.

Mit einem Mal grinste Michi bloß.

„Ach, das hab ich vergessen bei euch gibt es ja sowas nicht.“

Er zog eine leichte Grimasse bei dieser Formulierung. Denn er wusste genau, dass Michi sich auf seine hanseatische Herkunft bezog und das nicht unbedingt im besten Sinn. Als er ihn dann kurz küsste verlor sich diese Stimmung aber sofort wieder.

„Also die Klöpfelnächte oder auch Anklopfnächte sind die Nächte der drei Donnerstage vor Weihnachten. Es ist Brauch, dass sich an diesen Abenden die Kinder als Hirten verkleiden und durch die Stadt ziehen. Dabei klopfen sie an den Türen der Leute um die Herbergssuche zu symbolisieren. Teilweiße geht es auch um das Heischen. Das ist die Bitte um Bewirtung oder eine Spende. Manchmal sagen sie dabei ein paar Gedichte auf oder überbringen Glücks-und Segenswünsche.“

„Klingt schön…“

„Ist es auch!“, Michi nickte. „Sie bekommen jedes Jahr von mir eine Kiste mit selbstgebackenen Keksen und eine kleine Spende.“

Nachdenklich sah Sven ihn an. Und er musste wirklich gestehen, dass dessen Enthusiasmus ansteckend war. Entschieden zog er seine Anzugjacke aus und schob die Ärmel nach oben.

„Du weißt schon, dass ich in der Küche nicht unbedingt zu gebrauchen bin?“

„Ja, aber Zutaten abwiegen oder Kekse ausstechen trau ich dir allemal zu.“, erwiderte Michi.

Direkt darauf hatte er eine zweite Schürze herausgesucht und ihm diese umgehängt. Gerade als er sich diese zuband schob er ihm eine Tasse Punsch hin.

Sven nippte daran und seufzte leise, denn die Gedanken an den aktuellen Fall ließen ihn immer noch nicht komplett los. Doch Michi stellte ihm lediglich eine kleine Schüssel, ein Schneidbrett und ein Messer hin. Aus dem Schrank nahm er dann zwei Päckchen.

„Orangeat und Zitronat, sehr fein gehackt bitte.“, erklärte er grinsend.

Während er versuchte die klebrigen Stückchen zu hacken, bereitete Michi einen Teig zu. Unter diesen wurden die Stückchen dann eingerührt. Schneller als er das erwartet hatte war dann das erste Blech mit Elisen-Lebkuchen bereits im Backofen. Von da an verflog die Zeit nur so. Er siebte Puderzucker, schlug Eischnee, knetete Teig, formte Kipferl, stach Sterne aus, klebte Kekse zusammen und dekorierte diese. Mit der Zeit bemerkte Sven wirklich wie er ruhiger wurde, das Atmen fiel ihm leichter. Glücklich zog er Michi kurz an sich und küsste ihn. Irgendwie passte es da auch dazu, dass er dabei Zucker und Kekse auf dessen Lippen schmecken konnte. Was ihn allerdings sprachlos machte war die Menge an Keksen vor denen sie am Ende standen. Eine wilde Mischung aus Kokosmakronen, Stollenkonfekt, Zimtsternen, Spitzbuben, Vanillekipferl, Florentiner und Lebkuchen. Dazu noch das schwarz-weiß Gebäck das Michi vorhin schon gebacken hatte.

„Wahnsinn!“, murmelte Sven nur und trank den Rest Punsch aus seiner Tasse.

„Ja, ich denk das kann sich sehen lassen.“

Gemeinsam füllten sie dann den Gebäckkarton und stellten diesen bei Seite. Michi füllte ihre Tassen erneut mit Punsch, zusammen setzten sie sich auf das Wohnzimmersofa. Ein Teller mit Gebäck zwischen ihnen. Mit einem zufriedenen Ächzen nahm sich Sven ein Vanillekipferl, es zerlief buttrig auf seiner Zunge.

„Mmm…“, genießerisch seufzte er auf.

Lächelnd lehnte sich Michi daraufhin gegen ihn, sofort legte er ihm einen Arm um und zog ihn ein wenig näher.

„Dann darf ich annehmen, dass du Spaß hattest?“

Sven nickte.

„Ja, sehr sogar! Wenn man bedenkt, dass es das erste Mal war, dass ich selbst Weihnachtskekse gebacken hab…“

Auf diese Antwort hin drehte sich Michi so, dass er ihm in die Augen sehen konnte. Sven schluckte bloß und überlegte sich ob ihm gerade zu viel Wahrheit herausgerutscht war. Mehr zur Ablenkung nahm er einen Schluck Punsch.

„Du hast ernsthaft noch nie vorher gebacken?“

„Nee, meine Eltern wollten das nicht. Warum das Chaos in der eigenen Küche, wenn es beim Konditor fertige Kekse gibt? Die Idee für mich selbst zu backen kam mir später dann gar nicht mehr…“

Für einen Moment sah Michi ihn bloß an, ganz so als ob er ihm gerade die traurigste Geschichte erzählt hatte.

„Aber das Chaos ist doch ein Großteil des Spaß dabei!“

Unsicher zuckte er mit den Schultern.

„Ist kein großes Thema!“, versuchte er abzuwiegeln. „Weihnachten war bei uns sowieso nie eine große Sache. Für meine Eltern war das immer nur eine Möglichkeit um zu repräsentieren. Sie haben das Haus professionell schmücken lassen und große Partys gegeben. Es war bei uns einfach nicht so wichtig. In meiner Erinnerung war es schon immer sowas ein privates Verkaufsgespräch. Ein Familienfest war es eigentlich gar nicht…“

Dabei hatte er sich das oftmals so sehnsüchtig gewünscht. Seine Wünsche waren aber nie ernst genommen worden. Weihnachten als Fest im Kreis der Familie mit ganz eigenen Traditionen kannte er eigentlich nur aus den Erzählungen seiner Freunde.

Er zuckte überrascht zusammen als Michi ihm eine Hand an die Wange legte und ihn damit aus den Gedanken riss. Dessen Augen waren ein stürmisches blau-grau und er wirkte aufgewühlt. Schwer schluckte dieser bloß.

„Dann freu dich auf das Weihnachten bei meiner Familie. Das ist wohl das größte, lauteste und chaotischste Familientreffen das du je gesehen hast!“

Bewegt ließ er die Augen zufallen und lehnte seine Stirn gegen die von Michi. Zum ersten Mal begriff Sven eine entscheidende Wahrheit, er musste das Vorgehen seiner Eltern nicht wiederholen. Er durfte und sich, zusammen mit Michi, neue Erinnerungen schaffen.

Vielleicht war es deshalb auch keine Peinlichkeit mehr zuzugeben, dass ihm die Tränen in die Augen traten als sie später mit den Kindern der Klöpfelnacht Weihnachtslieder sangen. Deren Begeisterung und Lachen als Michi ihnen den Kekskarton überreichte brach etwas tief in ihm auf. Denn sein Vater hatte über solche Sentimentalitäten immer bloß gelacht. Zudem hatte er nie verstanden warum er auch für Kleinigkeiten hätte dankbar sein sollen. Ihm war es in jeder Situation um die großen Zusammenhänge gegangen.

Wahrscheinlich auch deswegen zog er Michi in seine Arme und umarmte ihn fest als die Tür hinter der Gruppe Hirten zugefallen war.

„Danke!“, flüsterte er belegt in dessen Haare.

Als Antwort hielt Michi ihn einfach nur ein wenig fester. Sven lächelte ehrlich. Weihnachten mochte er immer noch nicht, aber vielleicht konnte er das Fest das Michi so sehr liebte mögen lernen. Möglicherweise war Weihnachten doch mehr als er das angenommen hatte…





Ein paar Tage vor Weihnachten:



Warm eingepackt in einer dicken Jeans, Winterpullover, Stiefeln, Anorak und Handschuhen stand Sven vor dem Rathaus der Stadt. In der einen Hand hielt er eine dicke Kerze, mit der anderen hielt er die von Michi fest. Dieser stand neben ihm, trug wieder den Pullover und den Anorak der ‚Freiwilligen Feuerwehr Rosenheim‘ und wartete mit ihm. Denn eigentlich hätte der Fackelzug mit dem Friedenslicht aus Betlehem bereits auf dem komplett abgedunkelten Rathausplatz angekommen sein sollen. Doch Michi hatte ihm schon vorher erklärt, dass der offizielle Zeitplan meistens sowieso nicht viel wert war. Somit machte ihm das auch nichts aus.

Als er sich schließlich umsah erkannte er Michis Kameraden der Feuerwehr und die Angehörigen der Jugendfeuerwehr. Diese hielten alle Fackeln in den Händen die sie später am Friedenslicht entzünden würden. Sie würden dann das Licht in der Stadt verteilen. Sven hatte auch mitbekommen, dass Michi eine eigene Laterne hatte in die er, jedes Jahr, die Kerze stellte die er bei dem Fackelzug entzündete.

Kurz darauf hörten sie bereits den Musikverein der Stadt spielen, dieser lief dem Zug voraus. Danach dauerte es auch nicht mehr lang bis sie den Rathausplatz erreichten. Die Musiker stellten sich dann auf und spielten Weihnachtslieder. Ein Teil der Anwesenden sangen leise mit. Nachdem der Feuerwehrpfarrer ein paar Worte gesagt hatte wurde die erste Fackel am Friedenslicht entzündet. Es dauerte nicht lange bis der gesamte Platz im Lichterschein hunderter Fackeln und Kerzen erleuchtet war. Sprachlos sah sich Sven um. Für einen langen Augenblick genoss er einfach den Anblick der Szene vor sich. All diese Menschen. Zusammen. Den Lichterglanz in den Augen und den Herzen. Friedlich. Instinktiv griff er Michis Hand fester; dankbar dafür, dass er ihm dieses Geschenk gemacht hatte. Dieser schien auch ohne Worte zu verstehen, lächelte ihm warm zu und drückte seine Hand. Gemeinsam standen sie schließlich zusammen, sangen bei den Liedern des Musikvereins mit und genossen den Frieden der, wenigstens für den Moment, über der Stadt lag.

Perplex stoppte Sven, denn das war mehr die Wahrheit als er das erwartet hatte. Zum ersten Mal in seiner Erinnerung fühlte er einen tiefen Frieden in sich. Weihnachten mochte er immer noch nicht, aber diese ruhigen Momente in all der Hektik konnte er trotzdem genießen. Dass er eine lange Zeit damit verbrachte dem Gefühl des Friedens nachzufühlen musste ja niemand wissen…



24. Dezember:



Sven musste zugeben, dass Weihnachten bei Michis Familie komplett anders war als alles was er sich vorgestellt hatte. Es war laut. Es war chaotisch. Es war warm. Es war voller Lachen. Es war familiär. Es war voller Liebe. Es war voller Licht. Es war wunderschön. Es war perfekt.

Zudem hatte Jo Recht gehabt, Michis Eltern und Familie waren unfassbar nett und sie mochten ihn wohl wirklich. Und nach den ersten schwierigen Momenten hatten sie schnell die Scheu voreinander abgelehnt. Marianne und Herbert hatten ihm auch direkt das ‚Du‘ angeboten und sich gar nicht erst mit ‚lächerlichen Formalitäten‘ aufgehalten. Sie hatten ihn ganz selbstverständlich in ihr Fest einbezogen und ihm klar gemacht, dass sie ihn nun als einen Teil ihrer Familie ansahen.

‚Wenn mein Sohn Sie liebt und Sie meinen Sohn lieben ist mir das mehr als genug!‘

Nach und nach hatten sie sich dann alle untereinander vorgestellt. So hatte er Michis Großeltern, Eltern, Geschwister, Neffen und Nichten kennengelernt. Zusammen hatten sie dann einen unvergesslichen Tag verbracht. Sie hatten alle zusammen Kaffee getrunken und selbstgebackene Torte gegessen, Michi hatte auch noch einen Teil seiner Kekse mitgebracht.

Die Zeit bis zum Abendessen war dann schneller als erwartet vergangen. Sie hatten gemeinsam Spiele gespielt, Weihnachtslieder gehört, gesungen, gemalt und einfach Spaß gehabt. Kurz war Sven der Vergleich zu dem gekommen was er sonst als Weihnachten verstanden hatte. Diesen Gedanken hatte er dann aber schnell wieder verworfen. Denn der Vergangenheit auf diese Weise nachzuhängen brachte nichts. Zudem hoffte er mit allem was er war, dass er irgendwann viele neue Erinnerungen an ein wirkliches Familienweihnachten haben würde.

Nach dem Abendessen hatten sie Bescherung gemacht. Es hatte Sven jedoch wirklich gewundert, dass sie sich eigentlich alle nur Kleinigkeiten schenkten. Die meisten Geschenke drehten  sich darum einander ‚Zeit‘ zu schenken. Er selbst war sich da fast schon merkwürdig vorgekommen, dass er wirkliche Päckchen dabei hatte.

Im Moment war es nun später Abend und sie machten sich fertig um in die Christmette zu gehen. Eine Tradition die wohl schon über viele Jahre Bestand hatte und er wollte sich da nicht sperren. Die kleine Schachtel mit dem Wohnungsschlüssel darin hatte er immer noch in der Hosentasche. Er hatte es bisher nicht über sich gebracht Michi diese zu geben.

Gemeinsam, Hand in Hand, gingen sie dann aus dem Haus. Michis Eltern wohnten nur ein paar Minuten von der Kirche entfernt, deshalb wollten sie alle die Strecke zu Fuß gehen. Zudem wollten sie den Abend, nach der Christmette, sowieso bei diesen ausklingen lassen.

„Danke für den wunderschönen Tag.“, flüsterte Sven heiser.

Michi lächelte nur warm.

„Bitte!“

Aus dem Augenwinkel heraus konnte Sven währenddessen Michis Eltern sehen. Diese liefen ebenfalls Hand in Hand und wirkten ganz wie ein frisch verliebtes Paar. Sven sah sprachlos in den Himmel hinauf als er begriff wie sehr er es sich wünschte gemeinsam mit Michi alt zu werden. Aber dazu gehörte es wohl auch selbst ein klein wenig Mut zu haben. Entschieden zog er deshalb die Schachtel als der Hosentasche.

„Ich hab noch eine Kleinigkeit…“, murmelte er bevor er es sich anders überlegen konnte.

Verwirrt nahm Michi das Päckchen an und öffnete es. Als er erkannte was darin war sah er ihn nur völlig überwältigt an.

„Deine Wohnung…?“, fragte er kratzig.

„Ja!“

Mit einem Ruck zog Michi ihn nur an sich und küsste ihn. Der Schlüssel sicher zwischen ihnen.

„Jungs kommt ihr? Wir wollen den Pfarrer doch nicht warten lassen!“, rief ihnen Herbert schließlich zu.

Schnell, aber grinsend, schlossen sie dann zum Rest von Michis Familie auf. Marianne und Herbert lächelten dabei verstehend und nickten ihm zu. Nur wenig später betraten sie auch schon die gut gefüllte Kirche und suchten sich einen Sitzplatz. Die Christmette an sich zog dann etwas schwerfällig an ihm vorbei, da er mit dem Ablauf nicht vertraut war. Wobei Sven zugeben musste, dass es ein wirklich besonderer Moment war, gemeinsam mit der Orgel und dem Rest der Gemeinde ‚Stille Nacht‘ zu singen. Instinktiv griff Sven nach Michis Hand und hielt diese fest. Es verblüffte ihn immer noch welche Veränderung dieser Mann in sein Leben gebracht hatte, ganz unbemerkt hatte er ihm sogar eine ganze Familie mitgebracht. Vielleicht war Weihnachten doch nicht ganz so schlimm wie er es immer gedacht hatte. Zumindest wenn man es mit den richtigen Mensch an seiner Seite feierte…
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