Maat - Staffel 1

GeschichteAbenteuer / P16
23.12.2018
03.02.2019
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Ein Jahr war nun seit jenem schicksalhaften Talfest vergangen, nach dem die Nachfolge für  Ramses IX. festgelegt worden war - fünf Jahre, in denen der junge Mann nichts anderes getan hatte, als zu lernen: die Gotteswortschrift zu lesen wie zu schreiben, ihre Kursivform - das Hieratisch - zu beherrschen, die Geschichte der Beiden Länder in allen Einzelheiten und vieles mehr, tatkräftig unterstützt von seiner Gemahlin, der zukünftigen Königin Titi.


Nach dem Talfest begleitete Ramses seine Tochter und den jungen Mann nicht wie üblich auf das Ostufer hinüber, sondern wollte gerne noch ein Weilchen auf dem Westufer verbringen, wo er sich von den tagelangen Strapazen und Zeremonien zu erholen gedachte, nachdem sich auch die letzten Gäste des Gelages entfernt hatten.
"Wie du willst.", meinte Titi schulterzuckend und begab sich auf die festlich geschmückte Barke zu ihrem Gemahl, dem zukünftigen Ramses X.
'Sie hat mich nicht einmal gefragt, wann ich zurück sein werde.', ging es dem alten König durch den Kopf.
Innerlich aufseufzend, machte er sich auf den Weg - vom Djeser djeseru ins Tal der Könige und noch darüber hinaus, hinein in die gleißende, felsige Einsamkeit des Westgebirges hinein, wo Meretseger herrschte, die, "die das Schweigen liebt".
Bereits nach kurzer Zeit begann er zu schwitzen - die Sonne wurde durch die fast weißen Felsen zurückgeworfen und machte diesen Teil des Westufers, fernab des Fruchtlandes, zu einem Glutofen, obwohl es schon am Nachmittag war.
Den Göttern sei Dank, hatte sich Ramses einen großen, ledernen Wasserbehälter an den Gürtel seines gefältelten Gewandes geschnallt, das ihm nun jedoch an Rücken und Brust klebte, so heiß war es.
Doch er wollte es auch nicht ablegen, denn dann hätte er es in den Händen tragen müssen, worauf er überhaupt keine Lust verspürte. Außerdem wollte er - selbst hier draußen - keine neugierigen Blicke provozieren, erst recht keine weiblichen. Darum behielt er sein Gewand über seinem Prunkschurz lieber an, es verhüllte einfach zu gut, auch wenn sich jeder verirrte Arbeiter oder dessen Angehörige aus Set Maat sofort in den Staub geworfen hätte - ihm war wohler so.
Dabei hatte er nicht den Hauch einer Vermutung, was er hier eigentlich wollte, warum er herum streifte, doch während er noch in Gedanken versunken darüber nachsann, bemerkte er gar nicht, dass sich ihm eine recht große, sandfarbene Hündin näherte, wie es sie am Rande des Fruchtlandes zuhauf gab.
Er nahm erst Notiz von ihr, als sie sich direkt vor ihm auf den staubigen Pfad setzte.
"Wer bist du denn, hm?", fragte er, indem er sich bückte und sie ganz ohne Abscheu über Kopf und Rücken streichelte, denn im Gegensatz zu den meisten anderen streunenden Hunden machte sie einen sehr gepflegten Eindruck: seidig glänzendes Fell, keinerlei Verletzungen oder Narben, völliges Fehlen von Läusen, Flöhen und anderen Parasiten und, das war das Auffälligste, sie war in gutem Ernährungszustand - ebenfalls sehr selten bei diesen Tieren.
Auch schien sie an Menschen gewöhnt zu sein. Sie leckte Ramses zutraulich die Hände, jedoch nicht lange. Ungeduldig zog sie ihn an seinem Gewand, um ihn in eine bestimmte Richtung zu führen, weg von dem Pfad und damit auch heraus aus den letzten Resten der Zivilisation.
"Wir können hier nicht einfach so durch die Wildnis wandern. Das ist viel zu gefährlich.", mahnte er sie beklommen, doch etwas in ihm war neugierig geworden, und die Beiden Länder schienen dank der Amun-Priester sowie des neuen Anwärter-Paares ganz gut ohne ihn auszukommen, wie es momentan schien.
Also ließ er sich auf das Wagnis ein, der Hündin zu folgen. Sie gingen immer tiefer in die zerklüfteten Hänge hinein - Ramses musste sogar ein wenig klettern, um dem Tier auf den Fersen zu bleiben, riss sich dabei den kostbaren Leinenstoff auf und wurde so staubig und schmutzig wie der niedrigste Hilfsarbeiter im Steinbruch, schließlich kamen sie aber auf einem der Hochplateaus an, wo keine Menschenseele je freiwillig erschienen wäre, und als er sich über den Rand hochgezogen hatte, erblickte er neben dem Vierbeiner auch den recht stattlichen Turmfalken, der ihn bereits zu erwarten schien.
Erschöpft ließ sich der Herr der Beiden Länder auf einen schroffen Felsblock in der Nähe sinken, aber die Tiere lenkten seine Aufmerksamkeit auf das vor ihnen liegende, sandige Plateau: In der flirrenden Hitze, etwa 100 Ellen entfernt, lag etwas Großes, Goldenes auf dem Boden, das sich bewegte.
Er traute seinen Augen nicht, trank einen großen Schluck und schaute dann nochmal hin.
Das Bild veränderte sich nicht.
Vorsichtig, ganz langsam, näherte er sich dem Tier, um genauer betrachten zu können, was vor sich ging.
Er hatte sich nicht getäuscht - vor ihm lag eine wunderschöne Stute, deren Fell wie frisch gegossenes Gold in der Sonne glänzte, doch sie schien Schmerzen zu leiden. In regelmäßigen Abständen lief ein Zittern durch ihren Körper, immer wieder, sie schnaufte angestrengt und während sie sich unruhig hin- und herwälzte, wurden große Schweißflecken sichtbar.
Da begriff Ramses, was hier geschah: Vor seinen Augen wollte ein kleines Fohlen auf die Welt kommen - vielleicht war es eines der legendären Wildpferde, die damals entstanden waren, als die Mitglieder der späteren Waseter Dynastie die ersten Pferde überhaupt in diesem Land von den Hyksos erbeuteten, jedoch nicht alle bändigen konnten. Also entkamen einige von ihnen, flüchteten bei Niedrigwasser über den Fluss, und kein Mensch auf dem Ostufer hatte je wieder eines von ihnen gesehen.
Nur vom jahrhundertelangen Hörensagen wusste man, dass es zwischen dem westlichen Rand des Fruchtlandes und den Oasen Wildpferde geben sollte - die zähesten und stärksten Nachfahren der damals geflohenen Tiere.
Er hatte aber keine Zeit, darüber weiter nachzudenken, denn in diesem Moment erschien unter der Schweifrübe der Stute eine kleine Nüster, dann die zweite, dann war das Mäulchen zu sehen. Schließlich war der gesamte Kopf des Pferdchens heraus, und nach einer letzten, gewaltigen Presswehe lag das goldene Hengstfohlen im Sand.
Der König hatte den Atem angehalten, doch nun hielt es ihn nicht länger an seinem Platz - er stürzte auf Mutter und Kind zu, öffnete den Wasserbeutel und gab der schwitzenden, erschöpften Stute zu trinken, damit sie aufstehen konnte, um ihr Fohlen zu lecken.
Schwerfällig kam sie auf die Beine, die Eihaut hinter sich herziehend, die sie jedoch rasch vertilgte, damit Schakale oder andere Räuber der Wüste keine verräterischen Spuren vorfinden konnten, die zu dem Neugeborenen geführt hätten.
Dieses wiederum versuchte nun, unter dem steten Lecken seiner Mutter, und unter Ramses' bewundernden, staunenden Blicken, seine langen, staksigen Beine in den Boden zu stemmen, damit es an das gut gefüllte Euter der Stute herankam, doch mehrmals sank es schnaufend auf die Erde zurück.
Da wollte Ramses schon selbst zugreifen, aber die Hündin kam knurrend von hinten in seine Nähe, sodass er es nicht wagte.
Seine Hilfe war auch nicht nötig - gerade stemmte sich das Fohlen hoch und saugte in langen, gierigen Zügen die erste Milch seines Lebens.
Erleichtert begab sich der Zuschauer wieder zu seinem Sitzplatz, der nun in goldenes Licht getaucht war. Die Schatten wurden länger und kündeten vom nahen Gang Atums in den Rachen der Göttin Nut.
"Sein Name ist Nuby - der Goldene.", meinte er plötzlich Hatschepsuts Stimme zu vernehmen, doch außer ihm, den beiden Pferden, dem Falken und der Hündin war niemand zu sehen. Hatte er sich den Satz nur aufgrund seines brennenden Durstes eingebildet? - Hastig wollte er einen kräftigen Zug aus seinem Wasserbehälter nehmen, doch verzagend stellte er fest, dass er den gesamten Inhalt der Stute überlassen hatte.
'Macht nichts.', sagte er sich.
'Sie brauchte es nötiger als ich.'
Da kamen die beiden Pferde langsam auf ihn zu getrottet, und das Fohlen, mittlerweile sehr sicher auf den Beinen, beschnupperte ihn ausgiebig, bis es ihn übermütig anstupste, weil es mit ihm spielen wollte, bemerkte jedoch schnell seine Erschöpfung. Freundlich blies es ihm Luft auf die Finger, und er nutzte den Moment, es genau anzusehen.
Es war ohne jedes Abzeichen, besaß also weder eine Blesse, noch einen Fleck am Kopf und auch kein weißes Fell an den Beinen. Sein Pelz war komplett golden wie der seiner Mutter, und es hatte dieselbe, leicht nach innen gewölbte Kopfform. Seine Schultern waren leicht schräg - besonders schnell würde es also nie werden, besonders langsam allerdings auch nicht.
Als der kleine Hengst namens Nuby mit der Stute in einer Staubwolke verschwand, fiel auf, wie elegant sein Haltung beim Traben war - schon jetzt stellte er den kurzen, wolligen Schweif stolz auf und blähte die Nüstern. Sein letzter Blick zurück schien zu sagen, dass er den Mann mit der Doppelkrone auf dem Kopf, der so selbstlos seiner Mutter geholfen hatte, nie vergessen würde.
Der wiederum spürte schon wieder die Hündin, die an seinem Gewand zerrte.
"Was willst du denn nun wieder? Reicht es dir nicht, mich an den Rand des Verdurstens gebracht zu haben?", fragte er gereizt, aber nicht wirklich wegen ihr - eher wegen sich selbst.
Das Tier ließ sich dadurch nicht beirren und wies durch einen Blick nach oben, wo über ihnen der Turmfalke kreiste. Er zeigte ihnen einen kürzeren Weg wieder hinab zu dem Pfad als den, den sie gekommen waren, und als sie auf diesem, im nun roten Licht der untergehenden Sonne, einträchtig nebeneinander ausschritten, hallte ein markerschütternder Hilfeschrei durch die hohen Hügel des Westgebirges.
So schnell ihn seine Beine noch zu tragen vermochten, eilte Ramses in die Richtung, aus der der Schrei kam.
Endlich fand er den Unglückseligen, am Ausgang des Tals der Könige. Es war der letzte Arbeiter seiner Schicht, die am Grab des jungen Thronfolgers arbeitete. Er hatte sich verspätet, weil er auf dem Heimweg nach Set Maat noch einmal umkehren musste, da er sein Werkzeug vergessen hatte. Nun war es einer kleinen, fünfköpfigen Herde Wildrinder in den Sinn gekommen, in der Nähe menschlicher Siedlungen nach Fressbarem zu suchen. Dabei wurden sie von dem Arbeiter überrascht, der auch noch sein Bündel, einer Drohung gleich, über der Schulter trug.
Das machte den Leitstier der Herde so aggressiv, dass er mit gesenkten Hörnern auf den Störenfried losging, der sein Heil in der Flucht suchte und dabei den Schrei ausstieß, was den Stier allerdings noch wütender machte. Glücklicherweise jedoch befand sich ein Felsen in der Nähe, der hoch genug war, um dem Schnaubenden zu entkommen.Vorerst zumindest, denn in seiner Raserei rammte er mit den beeindruckenden Hörnern immer wieder das bröckelige Schiefergestein.
"Nun, nun, Großer.", ertönte die relativ hohe, aber mindestens genauso sanfte Stimme des Herrn der Beiden Länder hinter dem mächtigen Bullen.
"Vorsicht, Gebieter!", rief der Arbeiter mit sich überschlagender Stimme.
"Dieses Tier ist wie von Sinnen!"
"Und je lauter du wirst, desto gefährlicher wird er für dich.
Genau wie früher: erst so viel Raddau machen, dass diese armen Geschöpfe gar nicht mehr anders können, als ihre Herde zu verteidigen, und sich dann nicht mehr anders zu helfen wissen, als sie mit Pfeil und Bogen niederzustrecken und ihnen am Ende mit dem Schwert die Kehle durchzuschneiden.
Das geht auch anders."
Mit diesen Worten umrundete er den Stier halb, redete leise auf ihn ein, ließ dabei aber geflissentlich die Arme unten, breitete sie lediglich ein wenig aus, um zu signalisieren, dass sie keine Gefahr darstellten.
Schließlich war er vor dem Bullen angekommen, stand jetzt direkt zwischen ihm und dem Felsen, machte jedoch keine Anstalten, irgend etwas Hektisches zu unternehmen - er blieb völlig ruhig. Dennoch scharrte das Wildrind misstrauisch mit dem Vorderhuf, bereit, seine hinter ihm versammelten Artgenossen zu verteidigen.
Doch Ramses ging vor ihm in die Hocke, um ihm zu verstehen zu geben, dass er die Anwesenheit des Stiers zwar respektierte, jedoch keine Fingerbreite weit zurückweichen würde. Dabei hörte er nicht auf zu sprechen, und der Klang dieser Stimme - nicht der Worte - ließ den Stier den Kopf ein wenig senken und ein paar Schritte auf den Zweibeiner zugehen, aber nicht, um ihn anzugreifen, sondern, um ihn zu beschnüffeln.
In dem Augenblick allerdings, als die feuchte Schnauze seine Schulter berührte, verließen ihn endgültig die Kräfte - er fühlte noch, wie ihm vor Durst und Erschöpfung schwindlig und übel wurde, dann war alles dunkel um ihn her. Er kippte vorn über, und hätte der Stier den Aufschlag auf den harten Untergrund nicht durch seinen massigen Hals verhindert, dann hätte sich der König mindestens ein blutiges Kinn geholt.
So aber blieb alles heil, da das Tier sehr langsam zurück wich, doch der Arbeiter sah nun seine Chance gekommen: "Das gibt's doch gar nicht - die Götter sind mit mir! Hier liegt die Doppelkrone direkt vor meinen Augen, und ich brauche nur zuzugreifen..."
Er sprang von dem Felsen herunter, um sich seine Beute zu schnappen, hatte aber seine Rechnung ohne die Hündin gemacht, die mit einem gewaltigen Satz nach vorne rannte und den Gierigen  anfiel. Gleichzeitig schoss der Falke vom Himmel und nahm ihm seinen Wasserbeutel ab, der noch zur Hälfte gefüllt war, da die Wasserversorgung im Tal größtenteils anderweitig geregelt war - nur für den Notfall führten die Handwerker also ihr eigenes Wasser mit sich. Der Stier lief zu seiner kleinen Herde, aber zusammen konnten sie den Arbeiter vertreiben - mit blutiger Wade hinkte er fluchend nach Hause. Das war das Signal für den Falken, mit dem Behältnis dicht neben Ramses' Kopf zu landen.
"Hab vielen Dank, Bik. Ohne dich wüsste ich nicht, was nun werden sollte.", sprach Hatschepsut ihrer Hundegestalt zu dem majestätischen Raubvogel, der zur Antwort den Kopf senkte und sich dann auf einen Beobachtungsposten auf einen Hügel in der Nähe zurückzog, um die Rinder im Auge zu haben, die sich ein Stück weiter zusammengeschart hatten.
Eilig löste Hatschepsut den Stopfen von dem Beutel, um ihn an Ramses' Lippen zu legen.
"Bitte, Mery - du musst trinken, sonst..."
Langsam netzte das Wasser seine Mundwinkel und drang tropfenweise in seinen Mund - er musste husten und spuckte dabei ein wenig Sand aus. Dann öffnete er endlich den Mund und trank in fast schon gierigen Schlucken das lauwarme, brackig schmeckende Wasser, ließ dem Hund aber auch noch etwas übrig.
Nach ein paar weiteren Minuten der Erholung, kam  er mühsam auf die Füße, tränkte den Hund und bedankte sich: "Du hast mir das Leben gerettet, du kleiner Wildfang."
Und nach kurzem Betrachten der zurück gebliebenen Spuren:"So, wie es aussieht, hast du mir wahrscheinlich auch etwas mehr gerettet."
Der ironische Unterton in seiner Stimme entging dem Hund nicht.
"Und ihr" - damit ging er zu den Paarhufern hinüber - "sollt auch ein gutes Zuhause bekommen. Hier in der Einöde gibt es nichts für euch - im Fruchtland ist es besser."
Mit diesen Worten kraulte er den mittlerweile friedlichen Leitstier unter dem Kinn. Das mochte er, daher folgte er dem hochgewachsenen Mann nur allzu gerne, der so respektvoll mit ihm umgegangen war, und auch Hatschepsut nahm sich vor, diese Art von Sanftheit nie zu vergessen, als sie zusammen mit dem König und den Rindern über den Fluss fuhr.
Niemand im Palast stellte auch nur irgendeine Frage.

4 Jahre später...
In seinem Stolz zutiefst verletzt, wanderte der Herrscher der Beiden Länder nach langer Zeit wieder einmal im Glutofen des Westgebirges umher - so lange war es jetzt her, dass er der Geburt jenes goldenen Fohlens beiwohnen durfte, dessen Mutter er mittels seines mitgeführten Wassers vor dem Verdursten gerettet hatte.
Er hoffte, dass er die Stelle noch wiederfinden würde, an der die Stute damals - wahrscheinlich mehrere Stunden lang - in den Wehen gelegen hatte, doch er musste nicht lange suchen, und schnell erreichte er den Felsblock, auf dem er Platz nahm wie damals, nur diesmal weitaus weniger erschöpft.
Sinnend richtete er den Blick in die Ferne.
Er war so enttäuscht von Hatschepsut, dabei war es gar keine so große Überraschung gewesen, sie als Hund sprechen zu hören, hatte er doch früher schon angenommen, ihre Stimme zu hören, aber er schrieb diesen Eindruck seinem damaligen Durst und den daraus resultierenden schwindenden Sinnen zu. Heute stand fest: es war keine Sinnestäuschung.
Trotzdem - dieses Übergehen seines königlichen Stolzes würde er ihr nie verzeihen, und wenn sie ihm 100mal das Leben rettete.
Während er das dachte, merkte er gar nicht, wie sich ein golden schimmernder Punkt ihm näherte, der sich in der flimmernden Luft abhob, und er wollte schon wieder aufbrechen, als er das Pferd herankommen sah.
Er wusste nicht recht, was er erwartet hatte, aber in dem Moment, wo der Augenausdruck des Hengstes in Sichtweite kam, fragte er sich, was es da noch an Unklarheiten gab - er war prächtig herangereift, ein Bild von einem Pferd: schön, freundlich, neugierig, aber ruhigen Temperaments.
"Er gehört zu dir, wenn du ihn zum Gefährten haben möchtest.", ließ sich der Sonnengott Ra vernehmen und erschien auch in der flirrenden Luft schemenhaft - sofort machte Ramses seinen Fußfall.
"Lass das - einem wie dir steht so etwas nicht. Und geh auch nicht so hart mit Hatschepsut ins Gericht - vergiß nicht, was ihrem Stolz von Männern angetan wurde. Im Gegensatz zu jenen nämlich hat sie es mit dir nur gut gemeint, was man von deinen damaligen Fehlentscheidungen nicht gerade behaupten konnte."
Noch ehe Ramses protestieren konnte, hob Ra abwehrend die Hand:"Mach dir klar, was du willst - mehr kann ich dir nicht raten."
Und schon war er verschwunden.
Daher wandte sich sein Sohn nun wieder dem Hengst zu: "Na du, magst du mitkommen?"
Zur Antwort stupste er ihn unternehmungslustig am rechten Ellenbogen. Zusammen machten sie sich auf den Weg zurück zum Palast, und bevor sie zum Fluss kamen, traute sich Ramses sogar, zu versuchen, auf Nuby zu reiten, was ihm mit einiger Mühe schließlich auch gelang.
daheim angekommen, brachte er das Pferd unter den ungläubigen, aber auch beeindruckten Blicken des Personals in den Stall, gab ihm höchstpersönlich eine Futter- und Wasserration und machte sich, nachdem er sich selbst gestärkt hatte, auf die Suche nach Hatschepsut, obwohl er sich schon denken konnte, wo er sie fand.
Am Teich jedoch war nichts von ihr zu sehen. Trotzdem erkannte er genau, dass sie in Hörweite, jedoch klug genug war, nicht in Erscheinung zu treten, um seinen Stolz nicht noch weiter zu reizen.
"Ich weiß, dass du hier bist, Hat - also hör zu: Solltest Du noch einmal etwas Derartiges tun, dann kannst du meinetwegen bleiben, wo die Amut weilt!", brachte er geradeso heraus - man konnte ihm den Unwillen deutlich anhören, und er machte auch sofort auf der Ferse kehrt, aber hatte er sie gerade "Hat" genannt? - So rief sie ihr Vater früher immer, als Spitzname. Das war ja noch in Ordnung, doch jetzt dieser verwöhnte Palastbengel aus Pi-Ramesse?
'Nun, dann ist er wenigstens nicht mehr so schwermütig.', dachte sie.
"Also gut, Mery - du sollst dein Spielchen haben, dann sind wir quitt.", frohlockte sie in ihrem Versteck unter einem Gebüsch des nahen Gartens.
Vielleicht wurde die Mission ja doch angenehmer, als gedacht.
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