Eine zweite Chance

von abyssus
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
Albus Dumbledore Lily Potter OC (Own Character) Severus Snape Sirius "Tatze" Black
23.12.2018
19.05.2019
27
38015
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Viel Spaß beim Lesen!


Am vorletzten Abend des Schuljahres saßen Dumbledore und Snape zusammen in dessen Büro. Fawkes schlief bereits tief und fest und hatte seinen schönen Kopf unter den linken Flügel gesteckt. Verschiedene silberne Geräte summten leise. In der Mitte des Zimmers aus dem Schreibtisch des Schulleiters stand das Denktarium desselben. Ein farbenfroher Strudel wirbelte darin herum.

„Wer ist H.S.?“, überlegte Snape laut und sah seinen Gegenüber über seine große Hakennase hinweg an. Er hatte sich tief in einen braunen Ledersessel sinken lassen.

Dumbledore blickte ihn überrascht an: „H.S.? Horace Slughorn?“

„Slughorn…“, überlegte Snape und auf den fragenden Blick des alten Zauberers ergänzte er: „Die Initialen standen in dem einzigen Buch, das ich über Seelenzauber finden konnte.“ Seit Wochen war er jetzt offiziell krank und er hatte sich bereits durch die halbe Bibliothek Hogwarts´ gelesen. Sein Nacken tat ihm weh. Ebenso seine Augen. Dabei hatte er schon in seinem ersten Leben viel gelesen. Aber bei Weitem nicht so exzessiv.

„Das würde passen. Horace war Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste, als Tom hier Schüler war. Er gehörte zu seinem Slug-Club“, erklärte Dumbledore vage.

Snape presste seine schmalen Lippen aufeinander. Er war mit Abstand der beste Brauer seines Jahrgangs, aber hatte nie zu diesem vermaledeiten Slug-Club gehört. Das hing mit seiner fehlenden Beliebtheit zusammen. In den Club durften nur besondere Schüler, die entweder besondere Eltern oder das gewisse Etwas hatten. Lily war Mitglied. Potter war es. Black war es ebenso. Snape hatte keine Chance, obwohl Slughorn sein Hauslehrer war.

„Können Sie ihn fragen?“, wollte der Slytherin nach außen hin ruhig wissen.

Dumbledore überlegte eine Weile, bevor er zu einer Antwort ansetzte: „Nein. Horace weiß vermutlich, was er angerichtet haben könnte. Und er wird lügen, weil das so seine Art ist.“

„Weil er ein Slytherin ist?“, hakte Snape gekränkt nach.

„Ja“, war die schlichte Reaktion.

Der Jüngere blieb stumm. In ihm arbeitete es. Fawkes wechselte derweil seinen Kopf gemütlich unter den rechten Flügel und gurrte wohlig vor sich hin.

„Severus?“, wandte sich der Schulleiter nach einem kleinen Moment an denselben. Schwarze, erbitterte Augen trafen auf blaue. „Hör auf damit!“

„Womit?“, war die überraschte Frage.

„Dich immer bei allem angegriffen zu fühlen! Du bist ein Slytherin und trotzdem ein loyaler und vor allem mutiger Mensch. Ich denke nicht schlecht über dich. Nie. Ich vertraue dir zu einhundert Prozent.“

Snape senkte beschämt den Blick.

„Es würde dir helfen, wenn du ein wenig mehr Selbstbewusstsein hättest und anderen einen Funken mehr Vertrauen entgegen bringen würdest. Ganz besonders denjenigen, die es gut mit dir meinen oder auch meinten: Lily, mir, deinen Eltern“, warf er ein und hoffte auf eine bestimmte Reaktion seines Gegenübers, die er auch bekam, denn Snape schnaubte bei den letzten Worten abwertend.

Erneut setzte der Schulleiter an: „Warum werden Ihre Eltern Sie nicht vermissen, Severus?“
Der Gefragte presste die Lippen aufeinander und schwieg eisern, doch der alte Zauberer ließ nicht locker: „Hätten Sie mir diese Frage in Ihrem ersten Leben beantwortet?“

Ein entschiedenes Kopfschütteln.

„Habe ich Ihnen diese Frage jemals gestellt?“

Die gleiche Reaktion. Für eine Weile herrschte Schweigen, dann sagte Snape zynisch: „Sie waren zu sehr mit Ihren Genies beschäftigt und konnten Ihr Augenmerk nicht auf mich verschwenden.“

„Haben wir jemals unter vier Augen gesprochen? Ich gebe zu, dass dieses Privileg nur wenige Schüler haben“, erklärte der Schulleiter schmunzelnd, doch der Slytherin blieb emotionslos.

„Ich weiß. Sie hatten viele Privataudienzen mit Harry Potter, weil Sie mir nicht vertrauen konnten. Sie wollten nicht alles Wissen in einen Korb packen, der an Voldemorts Arm baumele, sagten Sie einmal zu mir.“ Dumbledore nickte bestätigend und Snape schluckte seinen aufkommenden Ärger nur mit Mühe hinunter, dann meinte er mit Nachdruck: „Wir hatten ein Gespräch unter vier Augen... In diesem ersten Leben, als ich Ihr Schüler war.“

Überrascht sah Dumbledore auf: „Was war der Inhalt desselben?“

Snape grinste schief, was ihm nicht unbedingt zuträglich war. Mehr als einmal war dem Schulleiter schon aufgefallen, wie wenig Aufmerksamkeit der Junge auf Körperpflege legte. Mit seinen gelben Zähnen erklärte der Slytherin nun: „Die Rumtreiber spielten mir einen Streich, der mich in die Fänge von Werwolf-Lupin locken sollte. Aber sie wurden dafür selbstverständlich nicht bestraft... Nur ich bekam eine Predigt, dass ich Stillschweigen zu Lupins Zustand zu wahren hätte, sonst…“

„Was sonst?“

„Ja, diese Stelle ließen Sie damals aus. Ich hatte trotzdem Angst und ich denke, das war der Plan.“ Snapes Augen waren so kalt, dass der Schulleiter unangenehm berührt war.

„Auch ich muss wohl in Zukunft an mir arbeiten“, sinnierte Dumbledore leise, dann blickte er Snape ernst an, „Ich möchte gleich damit beginnen: Warum vermissen Ihre Eltern Sie nicht?“

„Sie trinken. Beide“, log Snape gekonnt und der andere machte ein betroffenes Gesicht.

„Das tut mir leid“, sagte er mitfühlend, doch sein Gegenüber nahm es nicht wahr. Dumbledore hatte seine Lieblinge und Snape würde ihm das nicht verzeihen. Wäre er ein Gryffindor, der Schulleiter hätte alles daran gesetzt, um ihm ein besseres Leben zu ermöglichen. Stattdessen hatten ihn alle allein gelassen: Die Professoren, die Mitschüler, seine eigene Mutter. Sie war bei Tobias Snape geblieben, zuerst ängstlich, dann völlig gleichgültig dem gegenüber, was er ihr und ihrem Kind antat.

Seine tristen Gedanken wurden durch die Rede Dumbledores unterbrochen, der nahtlos zum Tagesgeschäft überging und jetzt wieder mit dem Schüler Snape sprach: „Du gehst noch heute Abend zu Slughorn. Beschaff uns diese Erinnerung und dann sehen wir weiter. Wir müssen die Sommerferien nutzen und dürfen keinen einzigen Tag vergeuden! Da Horace stets auf Reisen ist und seinen kleinen illegalen Geschäften nachgeht, ist das unsere einzige Möglichkeit.“

Der Junge nickte nachdenklich: „Jetzt?“

„Ja. Aber pass auf, dass du nicht gesehen wirst!“

Damit erhob der Slytherin sich, ging geraden Weges - es war bereits weit nach Mitternacht - direkt in die Kerker und klopfte dann energisch an die Tür zu den privaten Gemächern seines Hauslehrers. Nach einer kleinen Weile hörte man dahinter Schritte, ein Schlurfen, dann wurde die Tür vorsichtig geöffnet. Bevor Slughorn gesehen hatte, wer ihn zu so später Stunde störte, hatte Snape bereits seinen schwarzen Zauberstab durch den Türspalt geschoben. „Imperio!“, dachte er mehr, als er sprach. Dann drückte er die Tür auf und drang neben seinem Professor, der in einen braunen flauschigen Bademantel gehüllt war, in dessen private Räume ein. Dieser stand derweil völlig neben sich und schien wie in Trance.

„Ich brauche Ihre Erinnerungen, Slughorn. Zeigen Sie mir alles, was Sie über Seelenzauber wissen!“, befahl Snape kalt. Er spürte, dass der Lehrer sich gegen den unverzeihlichen Fluch wehrte, aber gegen ihn hatte er keine Chance. Mit Macht drang der Slytherin in dessen Geist ein und sah sich die Details des Gedächtnisses an, die ihn interessierten. Triumphierend zog er sich schließlich zurück. Mitleid verspürte er mit anderen Menschen eigentlich nie. Manchmal ein schlechtes Gewissen und hin und wieder Schuldgefühle… Aber Mitleid? Da war es wieder, dieses Empathiezeugs, das ihm einfach fehlte… Dumbledore würde jedoch zufrieden sein. Auch wenn das Ergebnis mehr als niederschmetternd war.


Hey, ihr vielen, die ihr das hier lest! Schreibt mir doch mal was Nettes. Ich schreib auch zurück :D :P
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