Eine zweite Chance

von abyssus
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
Albus Dumbledore Lily Potter OC (Own Character) Severus Snape Sirius "Tatze" Black
23.12.2018
04.07.2019
30
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Viel Spaß! ;)


„Seht euch diese Edgecombe an, echt widerlich!“, fluchte Mira, eine junge Gryffindor, gedämpft vor sich hin. Ihre blauen Augen blitzten dabei unter ihren stark geschminkten Lidern und sie warf sich erbost die platinblonden Haare zurück. Besagtes Individuum war in ihrem Jahrgang und ein angesagtes junges Mädchen und deswegen traute sich Mira wahrscheinlich nicht, sie zu offen zu beleidigen.

„Warum interessiert sie dich?“, hakte Rosa, ebenfalls eine Freundin von Lily, währenddessen nach, „Sie ist eine Slytherin und hat doch mit uns gar nichts zu tun.“ Achtlos schob das Mädchen mit den krausen braunen Haaren ihre Nickelbrille zu Recht und widmete sich wieder ihren Aufgaben. Einen acht Zoll langen Aufsatz über Rotkappen! Womit hatte sie das verdient?!?

Mira drehte sich derweil gewichtig zu ihren besten Freundinnen um: „Das verstehst du nicht! An alle Jungen macht sie sich ran, verdreht ihnen den Kopf und dann lässt sie sie sitzen. Das ist eine ganz falsche Schlange. Slytherin eben.“

„Sie ist sehr hübsch“, stellte Rosa noch recht arglos fest und der Blick, den sie erntete, hätte wohl töten können.

„Hübsch?“, fuhr Mira wütend auf und vergas fast, ihre Stimme zu senken, „Die hat nicht mal richtige Brüste! Die Haare sind garantiert auch nicht echt und dann seht euch nur mal die Klamotten an, als würde sie in einem Puff arbeiten!“

Verdutzt blickte Lily auf und beobachtete das so arg diffamierte Mädchen, doch sie verstand nicht, was Mira meinte. Belinda Edgecombe war umwerfend hübsch und irgendwie auch unheimlich unnahbar. Sie trug eine einfache Jeans und einen dunklen Rollkragenpullover. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie arbeite in einem Etablissement?!? Außerdem war es doch wohl Mira, die nicht ganz ihre Naturhaarfarbe zur Schau trug?!?

Doch diese hatte die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfischs: „Bei Merlin, er ist zum Anbeißen!“, schwärmte sie plötzlich, als sich James Potter nur wenige Meter neben die Gruppe der giggelnden Mädchen an den Haustisch setzte. Er zerstrubbelte seine schwarzen Haare, sodass sie aussahen, als wäre er gerade auf dem Quidditchfeld nach einem rasanten Match vom Besen gestiegen und warf Lily dann sein charmantestes Lächeln zu, das sie jedoch nur mit einem genervten Augenrollen quittierte.
Idiot!, dachte sie bei sich. Er bildete sich sonst was auf sein Aussehen ein, aber er konnte auch nur auf Schwächere niedersehen. Diesen kleinen Peter Pettigrew zählte er wahrscheinlich aus bloßem Mitleid unter seine Freunde. Oder er brauchte ihn, damit er jemanden hatte, der zu ihm aufsah. Ekelhaft. Missmutig verzog die junge Hexe das Gesicht.

„Schmeckt dir der Porridge nicht?“, fragte Rosa, ihre Feder anspitzend, besorgt, „Oder ist es immer noch wegen dieser Sache gestern?“

Lily blickte überrascht auf: „Was? Nein. Nicht wegen… wegen Snape.“ Sie würde sich noch daran gewöhnen müssen, ihn beim Nachnamen zu nennen und sich nicht mehr für ihn einzusetzen, wie sie ihn die ganzen Schuljahre über bis jetzt verteidigt hatte. Sie ärgerte sich darüber, nicht auf ihre Freunde gehört zu haben. Sie alle hatten ihr von Anfang an gesagt, sie würde ihre Zeit mit ihm verschwenden. Er hätte nichts Gutes in sich, aber sie war blind gewesen und hatte gehofft.

„Du darfst ihn jetzt offiziell Schniefelus nennen wie wir alle, denn er hat dich ja wohl supermegamäßig beschimpft“, entfuhr es Mira und sie drehte sich um, um den Blick ihrer blauen Augen über den Slytherintisch gleiten zu lassen. „Die Schlange scheint ausgeflogen. Vielleicht ist er im Klo bei Mauli-Myrthe stecken geblieben. Zu wünschen wäre es ihm.“

Die rothaarige Hexe senkte ihre grünen Augen zurück auf ihren Teller. Wenn sie ehrlich war, hatte sie die gestrige Situation den ganzen Morgen erfolgreich verdrängt, doch jetzt durchflutete sie Ärger und Enttäuschung noch einmal mit Wucht. Snape hatte sich endgültig für die dunkle Seite entschieden und er sollte seinen Weg gehen. Ihrer war es nicht. Stets hatte sie gehofft, dass er sich bessern würde. Dass er einsah, dass seine Faszination ihn ins Verderben stürzen würde. Aber dieses eine Wort hatte ihr gezeigt, welcher Charakter wirklich in ihm steckte und dass sie ihm nicht helfen konnte. Nicht einmal sich zu entschuldigen hatte er versucht… Sie hatte ihren besten und ältesten Freund verloren… Schlimmer, in stillen Stunden hatte sie sich manchmal gewünscht, er wäre mehr als ein Freund…

„Wollen wir los? Verwandlung beginnt in einer Viertelstunde“, riss sie Rosa aus ihren tristen Gedanken.

Der Unterricht lag in den oberen Stockwerken, sodass sie sich tatsächlich ganz schön beeilen mussten, um rechtzeitig zum Unterricht zu erscheinen. Professor McGonagall war sehr streng und bestrafte auch Schüler aus ihrem eigenen Haus mit Punktabzug und Nachsitzen, wenn sie nach dem Klingelzeichen in den Raum traten. Auf die Minute stürmten die drei Mädchen ins Klassenzimmer, kassierten einen missbilligenden Blick ihrer Hauslehrerin und schlüpften eilig auf ihre Sitzplätze.

„Puh! Das war knapp“, flüsterte Mira, „sonst hätte die Katzenlady uns wahrscheinlich erdolcht.“

„Mira Snyde!“, ertönte in diesem Moment eine ernste Stimme und die Angesprochene fuhr erschrocken von ihrem Sitz hoch.

„Was? Ja? Wie?“, stotterte sie mit hochrotem Gesicht und erntete das allgemeine Gelächter der ganzen Klasse.

McGonagall – aufgrund ihrer Animagusgestalt auch als Katzenlady unter den Schülern verschrien – hatte lediglich wie üblich in der ersten Stunde die Anwesenheit aller überprüft und Mira hatte fälschlicherweise angenommen, sie würde ermahnt, schlimmer noch, die Hauslehrerin hätte ihren Satz gehört. Peinlich berührt sank Lilys Freundin neben ihr nieder, während diese sie ernsthaft bedauerte.

„Lily Evans?“

„Ja“, antwortete sie beflissen.

„Nun zu den Slytherins. Ernie McBones?“

„Ja.“

„Belinda Edgecombe?“

„Hm.“

„Milicent Hard?“

„Ja.“

„Severus Snape?“

Keine Antwort. Für einen Moment bemerkte niemand die ausbleibende Reaktion. Snape bejahte meist sehr leise, sodass man weiter keine Notiz davon nahm, aber dieses Mal hatte er rein gar nichts gesagt und tatsächlich: Sein Platz ganz vorne links war leer.

„Hat jemand Mr. Snape gesehen?“, wollte die Lehrerin nun wissen, „Niemand?“

„Mr. McBones, seien Sie so freundlich und gehen Sie in Ihren Gemeinschaftsraum, um Mr. Snape ausfindig zu machen. Sollte er dort nicht sein, kommen Sie bitte-“

McGonagall wurde mitten im Satz unterbrochen, als ein Stück Pergament auf ihrem Tisch aufflammte. Sie stutzte, nahm dann den Zettel, las und meinte trocken: „Krank gemeldet. Weiter im Programm!“

Nachdem alle Schüler genannt worden waren und ansonsten niemand fehlte, begann der Unterricht, der wie immer auch rund um die Prüfungen unheimlich schwer war. Die Professorin schonte ihre Schüler keine Minute, denn nach den Prüfungen würden schon die nächsten folgen, sodass keine Zeit zu verschwenden war. Bei diesen Worten hörte man Peter Pettigrew verzweifelt aufquieken. James verzog darauf grinsend sein Gesicht und schlug ihm auf die Schulter, was den kleinen, dicklichen Jungen erstrahlen ließ.

„Der ist nicht mehr als ein Haustier“, flüsterte Rosa Lily ins Ohr und diese nickte.

„Ich verstehe nichts! Nicht einen Satz in diesem verdammten Buch! Was soll denn das sein? Soll ich mir ein Tier aussuchen und das wird dann mein Geist oder wie?“, stöhnte Mira einen Platz weiter.

Lily schüttelte den Kopf: „Nein, ich denke, einen Patronus kann man sich nicht aussuchen. Und dass es schwer ist, ist doch klar. Wir müssen ab nächstem Jahr auf die UTZ´s vorbereitet werden.“

„Ja, ab nächstem Jahr! Da können Sie uns doch aber wenigstens dieses Jahr noch damit zufrieden lassen!“, schimpfte Mira, während sie wahllos in ihrem Buch blätterte. „Schniefelus hat´s gut. Der hängt jetzt auf der Krankenstation ab.“

Die rothaarige Hexe presste bei der Erwähnung des Namens die Lippen fest aufeinander und Mira bemerkte ihren Fauxpas sofort: „Entschuldige, Lily. Ich meine ja nur. Ich wollte dich nicht dran erinnern… Er ist ein echter Widerling…“

Unter anderen Umständen hätte Lily sich wirklich Sorgen um ihren besten Freund gemacht und auch jetzt noch fiel es ihr schwer, nicht darüber nachzudenken, dass er womöglich ernstlich krank wäre. Sie hatte ihn seit der Geschichte am See nicht mehr gesehen, bemerkte sie jetzt. Er war weder beim Abendbrot gewesen, noch hatte sie ihn in der Bibliothek erblickt und dort war er praktisch immer, wenn er nicht im Unterricht saß…

„Hey Evans!“, hörte sie plötzlich eine leise, aber drängende Stimme hinter sich. Als sie sich umdrehte, blickte sie in das breite Gesicht von McBones, einem ziemlich bulligen Slytherin, dem sie gerne aus dem Weg gegangen wäre. „Hast du Snape gesehen?“

Lily wollte etwas antworten, aber sie wusste nicht, was. Zum Glück kam Mira ihr zuvor: „Warum sollte sie den sehen wollen?“

Der große Junge zuckte die massigen Schultern: „Du hängst doch immer mit dem rum! Ich meine nur, er war gestern nicht im Gemeinschaftsraum und heute früh auch nicht.“

„Weil er auf der Krankenstation ist“, erklärte Rosa langsam, als würde sie mit einem kleinen, sehr dummen Kind sprechen.

„Nee“, fuhr Amycus Carrow, ein ähnlich breit gebauter Junge, ihr über den Mund, „Ich war heute Morgen da, weil… ist ja auch egal… aber Snape war nicht da… Was habt ihr mit ihm angestellt?“

„Überhaupt nichts“, meinte Lily perplex, „Er hat mich beleidigt!“

„Richtig so, Schlamm-“, begann Carrow, doch McBones unterbrach ihn: „Katzenlady im Anflug!“
Damit widmeten sich die Jungen wieder ihren Büchern und taten dabei schwer beschäftigt.

„Mach dir jetzt bloß keinen Kopf, Lily! Schniefelus hat – egal was – nicht anders verdient. Klar?“, zischte Mira.

„Ich weiß!“, raunte diese zurück.
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