Eine zweite Chance

von abyssus
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
Albus Dumbledore Lily Potter OC (Own Character) Severus Snape Sirius "Tatze" Black
23.12.2018
04.07.2019
30
41783
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Es war die gefühlt längste Nacht in Severus Snapes bisherigem Leben. Mit Ausnahme von der Nacht, als Lily gestorben war. Er hatte drei Tage am Stück nicht geschlafen, geweint, getrunken und hatte dann irgendwann das Bewusstsein verloren. Es war ihm egal gewesen, ob das sein Tod gewesen wäre. Leider war er es nicht, hatte der damalige Snape erkennen müssen. Heute war er ein wenig froh darüber.

Jetzt hingegen berichtete er dem Schulleiter stundenlang über das, was war und sein könnte, was sich als nicht so einfach darstellte für jemanden, der sich plötzlich wieder im Stimmbruch befand. Dumbledore fragte jedoch immer und immer wieder. Wollte Dinge mehrfach wissen, Erklärungen, Erinnerungen, die Snape in dessen Denktarium füllen musste, hatte unendlich viele Einwände. Und der Slytherin musste sich wirklich zusammenreißen, um nicht etwas Patziges auf die ewig selben Fragen zu erwidern. Gleichzeitig war in seinem Inneren aber ein kleines Licht an Dankbarkeit. Dankbarkeit, dass der alte Zauberer lebte, Dankbarkeit, dass Snape ihn nicht umgebracht hatte. Oder in der Zukunft nicht schon umgebracht hatte?

Dumbledore schien von Snapes Gedankengängen nichts zu erahnen. Er ließ den Slytherin zaubern, fliegen, schwören, dass er die Wahrheit sprach und am Ende glaubte er ihm. Schweigend saßen sie jetzt in dem riesigen Büro. Die silbernen Geräte um sie herum summten leise. Die große Turmuhr schlug vier Mal. Der Schulleiter hatte seit einer halben Stunde kein Wort mehr gesprochen und auch sein Gegenüber war in stummes Grübeln versunken, brannte ihm doch eine Frage auf den Lippen: „Professor?“

„Ja, Severus?“

„Warum?“

„Was warum?“

„Warum hat Potter ausgerechnet mich zurückgeschickt? Und warum an genau diesen Punkt in meinem Leben? Was soll ich denn jetzt anders machen? Lily wird mir nie verzeihen!“, rief er mit vom vielen Sprechen rauer Stimme aus. Verzweifelt fuhr sich der junge Mann jetzt mit den Händen über das bleiche Gesicht.

Für einen Moment schwieg der alte. „Dieser Mr. Potter ist ganz offensichtlich ein klügerer Mann als sein Vater“, überlegte Dumbledore dann und tippte sich mit seinen langen Fingern an die imposante Hakennase. „Erst einmal möchte er Ihnen etwas Gutes tun, das steht außer Frage. Sie sollen Ihr Leben noch einmal leben können… und zwar besser. Sie müssen Ihn also zutiefst beeindruckt haben, Severus. Und wenn ich Ihren Erzählungen so folge, dann sind Sie wahrscheinlich der mutigste Mensch, der mir je begegnet ist. Offensichtlich wollte Mr. Potter das würdigen.“

Snape schüttelte den Kopf, sodass seine langen, fettigen, schwarzen Haare vor sein hageres Gesicht fielen. Er öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, denn das erklärte gar nichts, wie er fand, doch der Schulleiter ließ ihn nicht zu Wort kommen: „Und warum ausgerechnet an den Punkt, an dem Sie alles verloren glauben? Nach allem, was ich jetzt weiß, sind Sie selbst, Severus, Ihr größter Feind. Sie haben aus einer tiefen Schuld heraus gehandelt und Sie haben weise gehandelt, aber Mr. Potter war sich aufgrund Ihres sonstigen Benehmens offenbar nicht so sicher, ob Sie vielleicht rückfällig werden könnten.“ Die klaren, blauen Augen blickten jetzt bohrend in schwarze, „Ihr Hang zur dunklen Magie ist allgegenwärtig. Ihre Freunde? Alles Todesser. Sie nennen ihre beste Freundin ein Schlamm-“

„Sagen Sie dieses Wort nicht!“, fuhr Snape auf und der Schulleiter nickte: „Und Sie sind hier im Körper eines Jugendlichen mit Kräften, die die meinen weit übersteigen dürften. Selbst Voldemort wäre wohl ehrlich verblüfft, wenn er Sie fliegen sähe“, vollendete Dumbledore seine Rede. Seine Stimme hatte einen warnenden Unterton.

„Sie glauben, Potter hatte Angst, dass ich mich auf die dunkle Seite schlage?“, brachte Snape bestürzt hervor. Wenn er ehrlich war, hatte er daran noch keine Sekunde gedacht, seitdem er wieder hier war. Seltsam eigentlich. Im Alter von 15 Jahren wäre das wahrscheinlich sein sehnlichster Wunsch gewesen. Aber nicht jetzt. Jetzt wusste er es besser.

Sein sprachloses Gesicht ließ den Schulleiter lächeln. Offenbar lag er mit seinen Befürchtungen falsch und das war mehr als beruhigend: „Gut für Sie, Severus. Ich hätte sonst ernsthaft von Ihnen verlangt, mir den Unbrechbaren Schwur zu leisten, damit wir weiterarbeiten können.“

Das Misstrauen des alten Zauberers kränkte den Slytherin. Nach allem, was er für ihn getan hatte! Naja, zumindest in der Zukunft tun werden würde! Oder zukünftig getan haben könnte? Verwirrend diese Zeitreisen, schoss es ihm durch den Kopf. „Weiterarbeiten?“, echote er deshalb tonlos.

„Ja. Wir müssen Voldemort besiegen. Sie und ich werden das gemeinsam in die Wege leiten. Fürs Erste sind Sie bis zu den Sommerferien in drei Wochen krank gemeldet. Sie verbleiben bitte hier. Ich habe im Schloss ein geeignetes Gästezimmer für Sie. Zu niemandem ein Wort, bevor wir keinen Plan haben, auf welcher Seite Sie agieren werden. Ich lasse Ihnen sämtliche Bücher aus der Verbotenen Abteilung der Bibliothek zukommen und Sie suchen einen Zauber, der etwas mit Seelenteilen zu tun hat. Müssen Sie über die Ferien nach Hause? Wird man Sie vermissen?“, erkundigte sich der Schulleiter lapidar.

„Nein“, war die schroffe Antwort. Snape erinnerte sich dunkel daran, dass sein Vater ihn in besagtem Sommer so geprügelt hatte, dass er sechs Wochen lang seinen linken Arm nicht richtig bewegen hatte können. Doch den Schulleiter schien diese Information überhaupt nicht aus der Fassung zu bringen. Wunderte man sich nicht, wenn ein junger Mensch von seiner Familie nicht vermisst werden würde?

Dumbledore räusperte sich tief in Gedanken versunken: „Sehr gut… Ich wüsste auch nicht, wie ich Ihren Eltern Ihre Abwesenheit erklären sollte… Fangen Sie gleich heute an, Severus. Ich brauche derweil Zeit zum Nachdenken. Wir müssen sämtliche Eventualitäten durchspielen. Ach… und nehmen Sie 30 Punkte für Slytherin. Ich möchte nicht, dass ihre Klassenkameraden womöglich wütend auf Sie sein könnten. Das ist nicht Teil des Plans.“ Damit schien das Gespräch für den Schulleiter beendet.

Snape blieb jedoch hin- und hergerissen in seinem Sessel sitzen.

„Gibt es noch etwas?“, fragte Dumbledore sinnierend.

„Ja… ich…“, stotterte Snape, „Was… was ist mit Lily?“

„Ich denke, eine Entschuldigung reicht hier nicht. Sie haben es bereits erfahren. Lassen Sie uns ihr stattdessen beweisen, dass Sie ein besserer Mensch sind, Severus, als sie denkt. Retten Sie Ihre Jugendliebe ohne etwas dafür zu verlangen. Dann haben Sie verstanden, welche Werte in Lilys Leben wichtig sind.“
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