Eine zweite Chance

von abyssus
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
Albus Dumbledore Lily Potter OC (Own Character) Severus Snape Sirius "Tatze" Black
23.12.2018
04.07.2019
30
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„Nimm es! Nimm es! … Sieh… mich… an!“, hatte er dem verhassten Jungen zugeflüstert, dann hatten sich seine schwarzen, undurchdringlichen Augen für immer geschlossen. Den Blick dieser grünen Augen, Lilys Augen, wollte er jedoch mit ins Grab nehmen. Endlich schlafen. Endlich Frieden, so dachte der Tränkemeister. Dachte? Es war eigenartig, zwischen den Welten zu sein. Er wusste, dass er sich entscheiden konnte. Einige Wenige gingen nicht in den Tod, sie wählten ein Weiterleben als Geist. Eine Möglichkeit, die Severus Snape niemals in Betracht gezogen hatte. Er hatte getan, was getan werden musste. Für ihn gab es in dieser Welt keine Aufgabe mehr. Wäre nicht sein Versprechen an Dumbledore gewesen, Lily Potters Sohn zu schützen, er hätte seinem Leben schon kurz nach ihrem Tod ein Ende gesetzt. Der alte Schulleiter musste dies gewusst haben und hatte ihn so an ein Leben gefesselt, das der damals junge Mann nicht leben wollte. Doch jetzt war es vorbei. Endgültig. Das Gefühl schwerelos zu sein, war schön. In seinem Kopf waren keine Gedanken, kein Schmerz, kein Raum- und Zeitgefühl. Es war auszuhalten in der Ewigkeit-

„Professor Snape! Professor! Wachen Sie auf!?!“, drang plötzlich eine Stimme an seine Ohren. Sofern eine Seele so etwas haben konnte, meinte der dunkle Mann und bekam prompt schlechte Laune. Er kannte diese Stimme. Potter! Wollte der ihm nun auch noch den Tod madig machen? Genervt schlug Snape die Augen auf und saß überraschenderweise auf dem Bahngleis 9 ¾ in Kings Cross. Und direkt vor ihm stand Harry Potter und starrte ihn an. Das war absolut surreal. Wie war er hierher gekommen? Wie war dieser nervige Junge hierher gekommen? Und warum sah der ganze Bahnhof, den er seit einer Ewigkeit nicht gesehen hatte, so seltsam neblig aus? Es schien keine Erinnerung zu sein, damit kannte Snape sich wohl mehr als jeder andere aus. War es ein Traum? Nein, denn er war tot, dessen war er sich sicher. Er konnte nicht träumen… Aber wenn er hier war, weil tot, dann musste Potter hier sein, weil- sein Versprechen! Er hatte für Dumbledores Plan sein Versprechen gebrochen, den Sohn Lilys zu retten!!!

„Verzeih mir!“, flüsterte er aus heiterem Himmel und konnte den Jungen vor sich nicht ansehen. Sein Versagen schnürte ihm die Kehle zu und er senkte den Blick seiner schwarzen Augen auf einen Punkt auf dem Boden, an dem jemand vor Urzeiten einen Kaugummi fallen gelassen und platt getreten hatte.

„Ich lebe, Professor“, begann Potter und setzte sich neben seinen ehemaligen Lehrer auf die Fliesen.

„Ich bin kein Idiot! Sie sind hier“, stellte dieser nach einer Weile des Schweigens tonlos fest, „Also sind Sie tot. Denn ich bin es.“

„Nein“, wandte Harry ein und auf den mörderischen Blick Snapes korrigierte er sich hastig: „Also ja, Sie sind tot… Sir. Aber ich bin es nicht, weil ein Teil von mir, ein Teil von Voldemorts Seele in mir gestorben ist. Ich lebe und ich habe Voldemort besiegt. Die Zauberwelt ist gerettet. Dank Ihnen, Professor. Ich habe Ihre Erinnerungen gesehen.“

Snapes Gedanken rasten. Bei der Erwähnung von der Vernichtung des Dunklen Lords hob er seine Augen überrascht und blickte in die grünen des Jungen vor sich: „Ich habe nichts getan. Ich bin Schuld, dass… dass Lily gestorben ist.“

„Sie tragen eine Mitschuld. Aber sie haben sie nicht ermordet!“, meinte der Junge mit Nachdruck und ergriff die kalte Hand des Mannes neben sich. Erschrocken wollte Snape sie fortziehen, aber Potter hielt ihn fest und zwang ihn so, ihn anzusehen. Lilys Augen blickten zu ihm, während langsam Worte an sein Ohr tröpfelten, deren Bedeutung er nicht verstand: „Ich habe den Stein der Wiederauferstehung gefunden. Er funktioniert nicht so, wie gedacht, denn die Toten gehören in die Welt der Toten. Aber er besitzt eine andere, weitere Macht, wie Professor Dumbledore mir erklärt hat. Ein Mensch kann eine zweite Chance auf ein Leben bekommen. Man holt ihn nicht von den Toten zurück, man schickt ihn… Muggle nennen das, glaube ich, in ein Paralleluniversum, und dort kann er sein Leben noch einmal leben, aber mit dem Wissen aus seinem jetzigen Dasein…“ Eine Weile herrschte Schweigen.

Snape hatte überhaupt nichts von dem begriffen, was der Junge ihm da zu erklären versuchte. Schuld und Reue hatten seinen sonst so klaren Verstand überschwemmt, während Potter in seinen Überlegungen fortfuhr. „Ich habe lange gegrübelt, wer so ein Leben verdient hätte... Meine Mutter? Nein, denn was sollte sie anders machen? Meinen Vater nicht heiraten? Sich nicht gegen Voldemort stellen? Nein, ihre Entscheidungen waren stets richtig. Würde sie ihr Leben bereuen? Ich denke nicht. Professor Dumbledore? Vielleicht. Doch er hat länger gelebt als viele andere und sein Leben war ein Erfülltes. Sirius? Remus? Peter Pettigrew? Bei allen fand ich, dass sie nichts an ihrem Leben geändert, weil sie es nicht gewollt hätten…“ Hier schwiegen beide geraume Zeit, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. „Professor?“, richtete der Junge dann plötzlich das Wort an Snape und der Ton in seiner Stimme klang endgültig: „Ich habe Sie gewählt. Viel Glück.“

Mit diesen Worten legte der Junge dem irritierten Mann einen kleinen schwarzen Stein in die Hand. Der Slytherin fühlte einen heftigen Ruck hinter seinem Bauchnabel, Kings Cross und Potter verschwanden in einem wilden Farbstrudel, alles drehte sich in wahnsinniger Geschwindigkeit und als er schon dachte, er müsse sich jeden Moment übergeben, war alles vorbei.

„Wer will sehen, wie ich Schniefelus die Unterhose ausziehe?“, drang eine andere bekannte aber seit Jahren nicht gehörte Stimme an sein Ohr.

Es war, als hätte man ihm einen Stromstoß verpasst. Sofort war jede Einzelheit dieser vergangenen Geschichte wieder in seinem Gedächtnis. Hatte Potter ihn dazu verdammt, jede schreckliche Einzelheit seines Lebens noch einmal zu durchleben? Snape schluckte resigniert, oder zumindest versuchte er es, denn kopfüber fiel es ihm schwer. Beunruhigt öffnete er die Augen und blinzelte in gleißendes Sonnenlicht. Ein umgedrehter Kopf tauchte vor ihm auf. Ein bebrillter Kopf. James Potter. Severus Snape war wie erstarrt. Er fühlte nichts. Nicht die Scham der Erniedrigung. Nicht die Wut auf seinen größten Feind. Es war, als hätte man ihn mit Watte umwickelt, so sehr weigerte sich sein Gehirn zu begreifen, was hier gerade geschah. So real waren seine Erinnerungen selbst in Dumbledores Denktarium nie gewesen. Jegliche Farbe wich aus des Tränkemeisters Gesicht.

Potter musste derweil aufgefallen sein, dass etwas mit ihm nicht stimmte, denn mit einem Schwung seines Zauberstabs wirbelte er Snape herum und ließ ihn dann mit heruntergelassener Hose auf den Erdboden fallen, wo er als Knäuel aus Umhang und Gliedmaßen regungslos liegen blieb. Lachend entfernten sich die Rumtreiber und Schaulustigen, während der Slytherin sich wie betäubt aufrappelte, um dann Hals über Kopf die Flucht zu ergreifen. Bloß weg! Er lief, nein, er rannte, so wie er selten in seinem Leben gerannt war und machte erst Halt, als er am Ufer des großen Sees angelangt war, wo er sich auf die Knie fallen ließ. Er würgte. Kalter Schweiß brach ihm aus. Sein Puls raste ebenso wie seine Gedanken, als er hektisch den Stoff seiner schäbigen Schuluniform von seinem linken Arm riss. Und was musste er sehen? Da war nichts! Reine weiße Haut. Kein dunkles Mal, keine Fratze lachte ihn an, keine Schlange wand sich auf seinem Unterarm. Hektisch befühlte er seinen Hals. Auch da war nichts. Zitternd robbte er schließlich an das Ufer und blickte in das kristallklare Wasser des Sees. Zurück sah ein blasser, magerer Teenager mit fettigen, langen Haaren, abgerissener Kleidung und schiefen Zähnen – sein 15 jähriges Ich. Benommen ließ Snape sich auf den steinigen Boden fallen, schlug die Hände vor das hagere Gesicht und weinte haltlos.

Er hatte, bis die Dunkelheit einbrach, am See gesessen und sich mehr oder minder in Selbstmitleid ertränkt. Warum nur hatte Potter ausgerechnet ihn ausgewählt? Das hatte er nicht verdient! Oder doch? Der Junge hasste ihn, warum sollte er Snape etwas Gutes tun wollen? Ihm die Chance geben, sein Leben noch einmal zu leben? Wollte er ihm etwas Schlechtes? Hatte er ihn deswegen ausgerechnet an diese Stelle in seinem Leben versetzt? An den Punkt, an dem er alles verloren hatte?
Vor wenigen Stunden erst hatte er Lily ein Schlammblut genannt und doch war er am Ausgangspunkt all seines Elends, denn er wusste nicht, wie er es wieder gut machen sollte. Sich zu entschuldigen hatte schon einmal nicht gereicht. Was also sollte er tun? In seinem früheren Leben hatte er an diesem Punkt angefangen, sich noch tiefer in die dunklen Künste zu stürzen, weil er sich davon Ruhm und Ehre erhofft hatte. Er hatte allen zeigen wollen, was für ein großartiger Zauberer doch in ihm steckte! Aber diesen Weg konnte, durfte und wollte er nicht noch einmal einschlagen. Erstens weil es ihm beim ersten Mal überhaupt nichts gebracht hatte – Lily war gestorben und er sein Leben lang allein voller Hass auf sich selbst – und zweitens beherrschte er mehr dunkle Magie als jeder andere Zauberer in ganz England. Bis auf den Dunklen Lord möglicherweise. Aber selbst ihm war er überlegen, sinnierte Snape für sich und ein dünnes Lächeln stahl sich auf seine schmalen Lippen. Noch konnte Voldemort nicht fliegen und noch hatte er wahrscheinlich nichts mit seiner Seele angestellt. Was genau, wusste Snape nicht, aber er konnte sich aufgrund der Geschehnisse und den Gesprächen mit Potter und Dumbledore einen ungefähren Reim darauf machen. Dumbledore! Der Gedanke an ihn hatte etwas überaus Tröstliches. Der alte Mann lebte und würde ihm helfen. Hoffentlich. Als Schuljunge hatte er das nie geglaubt. Dumbledore schien seine Lieblinge zu haben und Snape gehörte definitiv nicht dazu. Genauso wie er nicht zum Slug-Club gehörte, obwohl er der beste Zaubertrankschüler der Schule war. Und alle wussten es. Wut und Hass auf die ganze Situation mit all ihren Ungerechtigkeiten keimten in seinem Inneren, doch sie erloschen, als ihm seine momentane Situation einfiel. Wie nichtig waren all diese Dinge im Vergleich zu der düsteren Zukunft, die vor ihm liegen könnte, wenn er keinen anderen, keinen besseren Weg fand! Und hatte nicht er selbst als Lehrer genauso seine Lieblingsschüler bevorzugt, während er anderen das Leben schwer machte? Derartige Momente der Selbsterkenntnis waren ihm neu…

Langsam erhob sich Snape, streckte seine dürren Beine, die mittlerweile vom langen Sitzen kribbelten und machte sich auf in Richtung Schloss. Er hatte völlig vergessen, dass er längst in seinem Gemeinschaftsraum sein müsste, aber er fühlte sich mehr wie der Lehrer Snape als der Schüler und lief völlig unvermittelt Professor McGonagall in die Arme. Ihre Lippen waren nur ein dünner Strich, während sie ihn streng von oben herab ansah. Im ersten Moment wollte Snape einen lapidaren Kommentar abgeben, bis ihm einfiel, dass dies wohl mehr als unpassend wäre. Stattdessen starrte er sie fassungslos an, was sie sichtlich irritierte. Seine Gedanken rasten derweil bei der Erinnerung daran, wie er sich mit ihr duelliert und sie ihn einen Feigling genannt hatte.

„Mr. Snape, hätten Sie die Ehre mir mitzuteilen, was Sie zu nachtschlafender Zeit hier im Schloss zu tun haben?“, ermahnte sie ihn und es war ihr anzusehen, dass er in den nächsten Minuten Hauspunkte verlieren-, „20 Punkte Abzug für Slytherin und Sie begeben sich sofort in Ihren Schlafsaal.“

Snape überlegte einen kurzen Moment, dann machte er, ohne ein Wort zu sagen, auf dem Absatz kehrt und ging in Richtung Kerker davon. Nur um an der nächsten Ecke statt nach links nach rechts abzubiegen und auf einem anderen Weg zum Büro des Schulleiters zu gelangen. Für einen kurzen Moment fragte er sich, ob er im Schloss als eigentlich zukünftiger aber irgendwie ja schon gewesener Schulleiter apparieren könne, doch das Risiko war ihm zu groß und er verließ sich auf seine Füße. Schnellen Schrittes eilte er diverse Korridore entlang, ohne jemandem zu begegnen und hielt atemlos vor dem großen Adler, der den Eingang zu Dumbledore versperrte. Hektisch blickte er sich nach allen Seiten um, aber die Flure waren wie ausgestorben. Selbst Filchs teuflische Katze schien sich in einem anderen Winkel des Schlosses verkrochen zu haben.

„Pfefferminzdrops“, flüsterte Snape, doch nichts geschah, „Bertie Botts Bohnen, Drubels bester Blaskaugummi, Himbeerbrausebonbons, Schokofrösche, Edle Tropfen in Nuss, Drachenbällchen, Krokanthäufchen“, überlegte der Slytherin weiter, „Nougatkrapfen.“ Der Adler hob kurz seinen Kopf und nickte unmerklich, dann gab er den Weg zu einer engen Wendeltreppe frei, die sich automatisch nach oben bewegte. Weil er keine Sekunde länger warten wollte, nahm Snape immer zwei Stufen auf einmal und klopfte dann mehrere Male in schneller Abfolge. Ein überraschtes „Herein!“ ertönte nach einem Moment der Stille und Snape trat ein, nur um im nächsten Moment in die wütenden Augen der Hauslehrerin von Gryffindor und den verwunderten des Schulleiters zu blicken. Dumbledore. Er lebte. Dem Jungendlichen fiel ein Stein vom Herzen.

„Sagen Sie Mr. Snape, ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt. Sie haben heute wahrlich genug angerichtet. 30 Punkte Abzug für Slytherin und nun ab in Ihren Gemeinschaftsraum“, fuhr McGonagall ihn erbost an, sie hatte das Gerücht gehört, er hätte Lily beschimpft, doch Professor Dumbledore unterbrach sie in ihrem Sermon: „Wie sind Sie überhaupt bis hierher gelangt? Woher kennen Sie das Passwort, Mr. Snape?“

„Ich muss mit Ihnen reden. Es ist dringend“, war alles, was er hervorbrachte und er warf dabei einen abwehrenden Blick auf die alte Hexe, die er auf keinen Fall dabei haben wollte. Würde Dumbledore den Ernst der Lage verstehen?

„Ich denke, es gibt nichts, was so dringend ist, dass wir es um ein Uhr nachts erläutern müssen“, meinte der Schulleiter sanft und meinte mit einem Lächeln seiner gütigen Augen: „Gehen Sie in Ihren Schlafsaal, Severus. Wir können morgen reden.“

Snape fixierte den alten Zauberer und tat das einzige, was ihm einfiel, um diesen von der Wichtigkeit seiner Ausführungen zu überzeugen. Er drang in dessen Geist ein und ließ dort eine winzige Erinnerung aufblitzen. Eine Szene mit Voldemort, in der dieser Nagini streichelte.

Der Slytherin sah, wie es den Mann vor ihm durchfuhr, sein Blick wurde undurchdringlich und von einer erschreckenden Ernsthaftigkeit, als er sich an seine Kollegin wandte: „Minerva, würden Sie uns bitte allein lassen. Mir fällt ein, dass ich Mr. Snape bereits das Gespräch zugesagt hatte. Es scheint mir irgendwie entfallen zu sein.“

Wenn Professor McGonagall über diese plötzliche Änderung der Entscheidung überrascht war, dann verbarg sie es gut und rauschte ohne ein weiteres Wort zu sagen mit verkniffenen Mundwinkeln an Snape vorbei zur Tür heraus. Kaum war diese ins Schloss gefallen, als der Slytherin einen weißen Zauberstab auf sich gerichtet sah und die eisigen Worte des alten Mannes vor ihm vernahm: „Wer bist du?“

„Darf ich mich setzen, Professor?“
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