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An Era Awakens - Effie & Haymitch

von Skyllen
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Het
Effie Trinket Haymitch Abernathy
22.12.2018
08.02.2021
15
44.512
9
Alle Kapitel
20 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
22.12.2018 3.518
 
A/N: Hallo und herzlich willkommen zu "An Era Awakens - Effie & Haymitch". Vielleicht kennen die ein oder anderen mich schon von meiner anderen Hayffie Fanfiktion "Figure It Out". Wie meine Leser wissen, arbeite ich schon eine Weile an diesem Projekt. Während des Schreibens an meiner Fanfiktion sind mir viele Fragen zur Vorgeschichte von Effie und Haymitch gekommen, diese ich in dieser Geschichte zu beantworten versuche. Ich habe lange gezögert, sie hochzuladen, habe mich nun aber doch dafür entschieden. Der Grundbaustein dieser Fanfic ist jedoch nicht von mir, sondern von der Autorin Bellatrix McKay, die mir die Erlaubnis gegeben hat, diese Fanfiktion nach meinen Belieben umzuschreiben. Wie bereits gesagt, ähnelt sich nur die Grundhandlung, die meisten Charaktere sowie einen Teil der Handlung habe ich verändert. Schaut doch gerne auch mal beim Original vorbei: There can be hope.

Ich hoffe, dass euch das erste Kapitel gefallen wird. Beginnen tut meine Geschichte mit der Ankunft Effies in Distrikt 12. Sie wird von der alten Betreuerin begleitet, die sie in alles einweisen soll. Effie und Haymitch sind in dieser Fanfiktion viel jünger, als in den originalen Büchern und Filmen. Es finden die 64. Hungerspiele statt, also werden bis zu Katniss' Ernte noch 10 Jahre vergehen. Diese Geschichte thematisiert voraussichtlich jedoch nur die 64. Hungerspiele.

Mehr möchte ich nun auch gar nicht vorwegnehmen. Viel Spaß beim Lesen und ich würde mich wie immer sehr über ein Review freuen!

-Skyllen :)
-



Era Awakens

Aufgeregt starrte Effie auf die dicht aneinanderreihenden Holzhäuser von Distrikt 12. Sie hatte nicht länger als zwei Sekunden, um einen Blick auf ihren Distrikt zu erhaschen, bevor Petunia vor ihr aus dem Zug stieg.

Sobald sie ihren Fuß aus dem Wagen setzte, waren sie plötzlich von Blitzlicht eingehüllt. Reporter und Kamerateams umringten sie und bombardierten sie mit Fragen. Es war nicht zu übersehen, dass man die ältere Frau sanft beiseite zu schieben versuchte, um einen ersten Blick auf ihre Nachfolgerin zu erhaschen.

Nachfolgerin. Effie hatte hart gearbeitet, um hier zu stehen und sie konnte stolz auf eine lange Modelkarriere zurückblicken. Zumindest versuchte sie stolz zu sein.

Petunia hatte ihr klare Anweisungen für den Aufenthalt gegeben und Effie wusste, was zu tun war. Sie lächelte und winkte in die zahlreichen Kameras, während sie sich einen Weg zwischen den Reportern bahnten. Petunia war so etwas wie ihre Mentorin. Sie zeigte ihr, wie man den Job als Betreuerin richtig machte und wie man sich zu verhalten hatte.

Nachdem sie den Bahnhof hinter sich gelassen hatten, wurden sie vom Bürgermeister begrüßt. Er war ein großer, kahlköpfiger Mann mit einem hektischen Händedruck. Kein Lächeln zierte seine Lippen, wie Effie feststellte und sie fragte sich, ob er denn nicht aufgeregt war wegen der Ernte. Sie war es definitiv.

Während eine Reihe von Friedenswächtern salutierte und ihr weniges Gepäck annahm, stiegen sie in das winzige schwarze Auto, das man für sie bereitgestellt hatte.

„Denk daran“, ermahnte Petunia sie und warf ihr einen strengen Blick zu. „Du wartest im Justizgebäude, während ich mich um Abernathy kümmere.“

Effie nickte und schaute aus dem Fenster. Hier, im Inneren des Distriktes waren die armen kleinen Baracken von größeren, massiveren Betonhäusern ersetzt worden, doch nicht einmal sie konnten mit denen des Kapitols mithalten. Hier wirkte alles fade und dunkel. Als hätte man sich eine lange lange Zeit nicht um den Zustand des Distriktes gekümmert. Nur braun und grau, als hätten die Leute hier nie Farben gesehen.

Man hatte ihr nicht viel von Distrikt 12 erzählt. Nur das Nötigste, wie zum Beispiel, dass sie der entbehrlichste Distrikt seien, der kleinste und der ärmste.

Effie dachte an ihre Eltern, die sich wohl gleich gespannt vor den Fernseher setzen und ihr zuschauen würden. Sie musste eine gute Figur machen. Sie musste sie stolz machen.



oOo




„Haymitch.“

Er war von Dunkelheit umgeben. Irgendetwas in seinem Kopf hämmerte, doch er konnte nicht sicher sagen, ob es am Alkohol oder am Schlafentzug lag. Er schaffte es nicht, sich von der Dunkelheit loszulösen. Sie bot Sicherheit. Sie schreckte die Dämonen ab und gab seinem Gehirn keine Möglichkeit, ihn mit unnötigen Gedanken zu füttern.

„Haymitch!“

Haymitch schreckte hoch. Ein dumpfes Krachen war zu hören, als die Flasche, die noch vor einer Sekunde in seiner Hand gelegen hatte, den Fußboden traf.

Seufzend hob er den Kopf. Er hatte sich die Stimme also wirklich nicht eingebildet.

Das ununterbrochene Klopfen wurde mit den folgenden Minuten nur lauter und aggressiver.

Haymitch atmete tief ein und erhob sich schwankend vom Küchentisch. Es dauerte einen Augenblick, um die Bilder abzuschütteln. Er musste eingenickt sein. Sein Drink hatte sich über den Tisch ergossen und tropfte bereits seit einer geraumen Zeit über die Kante auf den Boden. Das würde er wohl später noch beseitigen müssen.

„Haymitch Abernathy, wenn du nicht sofort die Tür öffnest, werde ich dafür sorgen, dass man dir für die gesamte Saison den Alkohol entzieht!“

Na ganz toll. Es war noch nicht halb Zehn und Petunia stand schon auf der Matte. Haymitch blinzelte durchs Küchenfenster. Der morgendliche Dunst hatte sich am unteren Rand der Scheibe festgesetzt. Ein Zeichen für einen heißen Sommertag. Ein weiterer Grund, wieso er den Tag der Ernte verabscheute.

Doch auch Haymitch Abernathy hatte Prioritäten. Und Alkohol war seine oberste Priorität. Mit einem Fluch schleppte er sich zur Tür, nur um sie mit einem Luftstoß aufzureißen.

Petunia hatte sich in voller Größe vor ihm aufgebaut. Ihr linker Arm hing noch in der Luft, doch er hatte die Tür so weit aufgerissen, sodass sie das schwere Holz nicht mehr mit ihrer Hand erreichen konnte. Ihr Gesicht hatte sich zu einer wütenden Maske verzerrt und ihre grünen Augen funkelten.

Haymitch machte sich nicht einmal die Mühe, sie hereinzubitten, wusste er doch zu gut, dass sie auch ohne zu fragen einfach einmarschieren würde.

Er wurde nicht enttäuscht. Es war merkwürdig anzusehen, wie die Frau einen Augenblick später in seiner Küche stand. Die Betreuerin von Distrikt 12 war ganz in grün gekleidet, wahrscheinlich dachte sie, es würde ihren Augen schmeicheln. Das Kleid lag eng an ihrem Körper und ließ sie ziemlich billig wirken. Aber der Grund, weshalb Haymitch schallend zu lachen anfing, waren die langen Fransen, die das gesamte Kleid bedeckten.

Petunia warf ihm einen empörten Blick zu. Dabei zuckte ihr linkes Auge. „Du solltest dich schämen, Abernathy“, fuhr sie den ehemaligen Sieger an und warf ihm die Flasche entgegen, die gerade eben noch auf dem Boden gelegen hatte.

Mühelos fing er sie auf und warf sie rüber in die Spüle. „Du siehst lächerlich aus“, sagte er und lachte.

Sofort pirschte sich die Frau an ihn heran. Ihr ekelhaftes Parfüm schien sich wie eine undurchdringliche Wolke um ihn zu wickeln und Haymitch hätte am liebsten um sich geschlagen, um den Geruch zu vertreiben. „Du hast keine Ahnung“, gab sie ernüchternd zurück und ihr Gesicht färbte sich nur noch eine Spur dunkler. Trotz all der Schichten von Make-Up, die Haymitchs Meinung nach alles nur noch schlimmer machten, konnte man es sehen. „Aber ich erwarte nichts anders von einem Alkoholiker wie dir.“

Während sie sprach trat sie angewidert einen Schritt zurück und wedelte hilfesuchend mit einer Hand vor ihrer Nase herum. Sein Geruch schien ihr ebenfalls zu missfallen.

Haymitch warf einen Blick auf die einzige Uhr in seinem Haus, nur um sich zu vergewissern, dass er sie gerade eben nicht falsch gelesen hatte. „Du bist überpünktlich Petunia“, stellte er fest und er warf ihr einen Blick zu. „Selbst für dich merkwürdig, schließlich wissen wir beide, dass du nicht gerne Zeit mit mir verbringst.“ Plötzlich stahl sich ein schalkhaftes Grinsen auf sein Gesicht und er öffnete die Arme in ihre Richtung. „Oder hat sich das etwa geändert?“

Petunia kochte vor Wut, das konnte Haymitch mit Sicherheit sagen. Immer wenn sie dieses Gesicht machte, sprangen ihm all die Falten entgegen, die sie vergeblich versuchte zu verstecken. „Du bist widerlich“, quiekte sie und ihr gekünstelter Akzent ging um Oktaven in die Höhe. Sie hob ihren Kopf und versuchte aufrecht zu stehen, um den Boden so wenig wie möglich zu berühren.

Haymitch hatte sich nicht die Mühe gemacht, für Petunia aufzuräumen. Er machte sich nie die Mühe aufzuräumen. Wenn er es tat, dann nur, weil er etwas suchte. Ein Blick durch seine Küche sagte alles. Mit einem Grinsen auf den Lippen lehnte er sich gegen den Türrahmen, so breit, dass er sich sicher war, sie würde nicht an ihm vorbeilaufen.

„Geh duschen, Haymitch“, befahl sie. „Und such dir etwas Gebührendes zum Anziehen. Wenn du in zehn Minuten nicht im Justizgebäude erscheinst, dann kannst du dich auf etwas gefasst machen!“ Mit diesen Worten rannte sie beinahe an ihm vorbei, anders als er erwartete hatte, und hinterließ nur den widerwärtigen süßlichen Geruch ihres Parfüms. Ihre Abneigung seinem Haus gegenüber war wohl noch größer, als die vor ihm.



oOo




Um ehrlich zu sein, wusste er selbst nicht, wie er es geschafft hatte, ohne Zwischenfall zum Justizgebäude zu kommen. Der Alkohol war noch nicht völlig aus seinem Körper und bei jedem Schritt den er tat, ließ ihn ein stechender Schmerz in seinem Kopf zusammenzucken.

Nachdem er für eine Minute in der Dusche gestanden und sich das erstbeste Shirt genommen, das ihm sein verwüsteter Kleiderschrank vor die Füße geworfen hatte, war er aufgebrochen. Anstatt vorne ins Justizgebäude zu gehen, benutze er lieber den Hintereingang. Desto weniger Leute ihn sahen, desto besser. Er wollte ihre vorwurfsvollen Blicke nicht sehen. In ihren Augen war er ein Versager.

Kurz darauf stand er auf den langen großen Fluren und fragte sich, wo seine unausstehliche Eskorte wohl auf ihn warten würde. Bis sie ihn schließlich persönlich aus seinen Gedanken riss.

„Na bitte, geht doch“, bemerkte sie und sah ihn erhaben an. Sie trug immer noch dasselbe lächerliche Kleid von gerade eben und stand am Ende des Flures. Sie musste wohl aus dem Raum dahinter gekommen sein. Während sie ihn zu sich winkte, wippten ihre langen Ohrringe hin und her.

Sein Grinsen war ihm bereits auf dem Weg hierher vergangen und er fühlte sich elend. Er war müde, betrunken und hatte keine Lust die beiden Pechvögel der kommenden Ernte ins Kapitol begleiten zu müssen. Es war jedes Jahr dasselbe dumpfe Gefühl in seiner Magengegend, wenn er dieses Gebäude betrat, alleine den Geruch der in den Fluren lag, einatmete. Er schob die Gedanken von sich.

„Kannst du vor lauter Dummheit nicht mal mehr die Uhr lesen?“ Für einen Moment dachte er darüber nach, auf dem Absatz umzudrehen und zu verschwinden.

Petunia, die seiner Meinung nach das offizielle Alter für Eskorten bereits um Längen überschritten haben musste, schien ihn zu durchschauen. „Wage es nicht, Abernathy.“ Dann stand sie schon neben ihm und drückte ihm ihre langen Nägel in den Oberarm.

Sie zerrte ihn den Gang entlang und begann irgendetwas zu faseln, doch Haymitch hatte seinen Kopf bereits abgeschaltet. Er hörte ihr nicht zu und taumelte ihr einfach blindlings hinterher.

„Haymitch! Hörst du mir überhaupt zu?“, dröhnte Petunias schrille Stimme an sein Ohr. Haymitch zuckte zusammen und befreite sich schnell aus ihrem Griff. Ihr Parfüm war einfach zu viel für seine Nase.

Er hustete und machte zwei große Schritte in den Raum hinein. Er war nicht lang, aber breit. Gegenüber der Tür stand ein leerer steinerner Kamin. Der Boden war mit dicken Teppichen bedeckt und in der Mitte stand ein Sofa, dessen Rücken in Haymitchs Richtung zeigte. Links unterhielt der Bürgermeister sich mit zwei Leuten. Einige Avoxe liefen umher, genauso wie ein paar Friedenswächter und ein Arbeiter aus Zwölf. „Wie soll man sich bitte bei diesem Geruch auf etwas anderes konzentrieren?“, brummte er lauter als beabsichtigt.

Bürgermeister Undersee hob den Kopf in seine Richtung und nickte ihm kurz zu. „Du bist ein ignoranter Nichtsnutz!“ Während seine Stimme nur bis Undersee getragen worden war, ließ Petunia die restlichen Leute aufschauen.

„Weißt du, Drache, ich frage mich gerade, wann wir beide auf das Du umgesprungen sind“, gab er zurück und warf sich auf das Sofa.

„Ich höre wohl nicht richtig“, fuhr sie Haymitch an, doch anstatt sich vor ihm aufzubauen, wie er gedacht hatte, blieb sie ruhig. „Nun, wie gerade eben schon gesagt, sollst du es ihr nicht schwerer machen, als es sowieso schon ist. In diesen Job einzusteigen ist eine unglaubliche Ehre, aber anfangs sehr schwer. Besonders, wenn man so einem Distrikt wie Zwölf zugeteilt wird.“

Haymitch spürte das Verlangen, sie zu schlagen. Eigentlich schlug er keine Frauen, aber für Petunia würde er gerne eine Ausnahme machen. Diese abscheulichen Kreaturen aus dem Kapitol würden nie begreifen, dass sie Mörder waren. Sie waren die wahren Kriminellen. Er brauchte einen Augenblick, bis ihre restlichen Worte in sein Gehirn durchdrangen. „Moment … wer ist sie? Von was zum Teufel redest du?“

„Du bist ein unausstehlicher Mann“, zischte Petunia und strich sich eine Locke ihrer hässlichen Haarpracht hinters Ohr. „Ich gehe in den Ruhestand. Eine Neue wird ab diesem Jahr meinen Job weiterführen. Es war eine riesige Ehre dieses Amt zu betätigen, auch wenn das weniger mit dir zu tun hatte, aber es wird Zeit, der neuen Generation Platz zu machen!“ Ihre Augen strahlten und das Lächeln auf ihren Lippen sah scheußlich aus.

Doch die Freude über ihren Rücktritt war umso größer. „Endlich hat Snow bemerkt, dass du viel zu alt und hässlich für diesen Job bist“, bemerkte Haymitch und stand vom Sofa auf, um sich in voller Größe vor ihr aufzubauen. „Schade nur, dass ich nun das Leben einer anderen reizenden Dame zur Hölle machen muss.“

„Das wäre dann wohl mein Stichwort“, fiel die sanfte Stimme einer Frau ein, noch bevor Petunia ihn für seine Worte zur Schnecke machen konnte.

Etwas verdutzt drehte sich Haymitch zu der Stimme um, die von der Tür kam. Vor ihnen stand eine junge Frau Ende 20. Zumindest glaubte er, sie könne unter all dem Zeugs jung sein, denn ihr Gesicht war ebenfalls von mehreren Schichten Schminke bedeckt. Und doch konnte man noch ihre Gesichtszüge darunter erkennen. Auch sie trug eine Perücke, hellrosa, jedoch ohne weitere Accessoires. Das Kleid war definitiv nicht so extravagant, wie der Putzlappen den Petunia trug. Rosa Seide, die sanft und in mehreren Stufen über ihre Hüften fielen. Am Oberkörper einige Details in schwarz. Mehr nicht.

Die Frau kam mit einem Lächeln auf sie zu und Petunia schien sich ein wenig zu entspannen. Im nächsten Moment warf sie ihm jedoch einen warnenden Blick zu. Dann musste diese Gestalt also seine neue Eskorte sein.

Sie kam einige Schritte vor Haymitch zum Stehen und hielt ihm ihre Hand hin. Auch mit Highheels war sie mindestens um einen halben Kopf kleiner als er. „Guten Morgen, mein Name ist Effie Trinket. Ich werde ab diesem Jahr die neue Betreuerin von Distrikt Zwölf sein“, sagte sie ruhig und mit etwas zu viel Enthusiasmus. Ihre blauen Augen strahlten ihn an und für einen Moment konnte er nicht anders, als sie anzustarren.

Hätte Haymitch zu diesem Zeitpunkt gewusst, was sie alles durchmachen würden, wie sich ihre Geschichte entwickeln würde, dann hätte er es wahrscheinlich nicht geglaubt.

Als er ihre Hand nicht nahm, sondern sie einfach nur anschaute, wurde Effie plötzlich nervös. Sie hatte keine Ahnung, wie man sich Leuten aus den Distrikten gegenüber verhalten sollte und dachte, diese Geste würde es tun. Etwas unsicher warf sie ihm einen Blick zu.

Haymitch, der merkte dass er starrte, machte kurzen Prozess mit seinen Manieren und schüttelte kurz ihre Hand. Ihre Hand war überraschend weich, ganz anders als er es sich vorgestellt hatte. Er räusperte sich. „Haymitch Abernathy“, brummte er.

Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Ich freue mich, auf unsere zukünftige Zusammenarbeit.“

Bei ihren hoffnungsvollen Worten musste er lachen. „Bild dir nicht zu viel ein, Süße“, sagte er schnell, um ihr von Anfang an einige Dinge klar zu machen. „Ich komme nur mit, weil das Kapitol mich dazu zwingt. Ich kann weder dir, noch den Kindern helfen. Solange du dich aus meinen Angelegenheiten heraushältst, lasse ich dich in Ruhe dein Ding machen. Ende der Geschichte.“

Effie warf ihm einen überraschten Blick zu. Ihre Augen blitzen kurz zu Petunia, die jedoch keine Anstalten machte, irgendetwas für sie zu sagen. Dann strafften sich ihre Schultern und sie stellte sich völlig gerade und in voller Größe vor ihm auf. „Keine Sorge, wir werden uns ganz sicher zurecht finden. Schließlich haben wir ja noch einige Tage Zeit, um unsere genaue Strategie zu besprechen“, sagte sie lächelnd und nickte ihm kurz zu.

Nun war es an Haymitch, sie etwas überrumpelt anzuschauen. Sie mochte eine zarte Person sein, schlank und zierlich, doch er merkte sofort, dass mit ihr noch einiges auf ihn zu kommen würde. Ihre Stimme war freundlich und doch ließ sie keinen Raum für Diskussionen. Seufzend raufte er sich die Haare.

Während Petunia mit Effie abermals den Ablauf der Ernte durchging, wanderte Haymitch durch den Raum und schaute den Avoxen beim Arbeiten zu. Die Methoden des Kapitols, Leute zum Schweigen zu bringen, waren ihm bestens bekannt. Dafür brauchten sie die Avoxe nicht als Beispiele, aber sie brauchten Leute, die ihnen die schwerste und unerträglichste Arbeit abnahmen.

„Bereitest du dich nicht auf die Ernte vor?“, holte ihn in diesem Augenblick eine sanfte Stimme aus seinen Gedanken. Er war abgedriftet und hatte gar nicht gemerkt, dass Petunia und Effie bereits fertig waren. Haymitch brauchte einen Moment, um zu kapieren, dass Effie ihre Frage ernst gemeint hatte. Wie sollte man sich bitte auf die Ernte vorbereiten?

„Nein“, gab er schroff zurück und wendete den Kopf wieder zu den Avoxen, die ihm mit der Zeit verstohlene Blicke zuwarfen. Was dachte sich diese Frau eigentlich? Nur weil man im Kapitol auf jede Kleinigkeit achtete, bedeutete das ja wohl noch lange nicht, dass dies auch auf die Distrikte zutraf. Die Leute im Kapitol hatten einfach nur zu viel Zeit, weil sie selber nichts zu ihrem System leisten mussten und verplanten ihre Zeit mit lächerlichen Partys und sonstigem Schabernack.

Effie schien seine schlechte Laune gar nicht zu bemerken, oder war einfach nur sehr gut darin, dies zu überspielen. Sie schenkte ihm ein breites Lächeln und presste sich ihr Klemmbrett an die Brust. „Ich hätte einige Fragen in Bezug auf euer Vorgehen bei der Sponsorensuche“, begann sie zu reden und Haymitch wollte schon den Kopf ausschalten, weil ihm ihr Gerede bereits jetzt auf die Nerven ging. „Wie seid Petunia und du bisher vorgegangen? Man hat mich nur darüber informiert, dass man das mit dem jeweiligen Sieger abklären solle, weil das deren Aufgabenbereich sei. Ach, ich darf doch du sagen, oder?“

Haymitch konnte nicht glauben, dass Petunia ihr nichts über ihr Vorgehen erzählt hatte. Obwohl natürlich, wäre ja sicher peinlich gewesen, vor dem eigenen Schützling zugeben zu müssen, dass es nie zu einer Sponsorensuche gekommen war. „Klar“, begann er. „Süße, ich verstehe ja, du bist das erste Jahr dabei, denkst du könntest alles zum Besseren wenden, aber halt mal eine Sekunde an und denk genau über meine Worte nach.“ Er hielt kurz inne, um sich ihrer vollen Aufmerksamkeit bewusst zu sein, denn er wiederholte sich nicht gerne. Ihre großen blauen Augen waren auf ihn geheftet und für einen Moment tat sie ihm leid.

Haymitch war jung. In einem Leben ohne Distrikte hätte etwas aus ihm werden können. Er sah gut aus, wirre blonde Strähnen, graue Augen mit einem goldenen Schimmer, muskulöser Körper. Wären die Hungerspiele nicht gewesen, dann hätte etwas Gutes aus ich werden können. Er hätte ein halbwegs glückliches Leben mit seiner Freundin, seiner Mutter und seinem Bruder führen können.

„Das hier ist Distrikt Zwölf. Wir hatten einen Sieger, und das bin ich, aber es wird keinen weiteren Sieger geben, denn hier verhungern die Leute lieber, als in die Spiele zu ziehen. Es wäre keine Ehre, als Sieger zurückzukehren. Es ist nur Schande, okay? Also mach einfach das Nötigste, und kümmere dich nicht weiter darum, weil sich sonst auch niemand darum kümmern wird.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und stolzierte zum Sofa. Von der anderen Seite des Raumes, warf Petunia ihm einen mörderischen Blick zu.

Er hatte in dem Glauben gewonnen, den Rest seines Lebens in Frieden leben zu können. Zusammen mit seiner Familie. Doch was ihn zuhause erwartete war das völlige Gegenteil aller Dinge die er sich hätte ausmalen können. Freundin tot, Mutter tot, Bruder tot. Er hatte in einem Jahr im Kreis der Sieger genug aufschnappen können, um zu wissen, dass dies kein Zufall war. Er war auch nicht der Einzige. Wie viele andere Sieger auch, hatte man ihn zu einem Leben in Einsamkeit verurteilt. Jeder den er liebte, jemals lieben könnte, würde ihm das Kapitol entreißen. Er hatte keine Wahl.

„Du kannst doch nicht einfach so jede Hoffnung aufgeben“, rief Effie ihm beinahe hinterher. „Das wäre unglaublich rücksichtslos und egoistisch. Wir sind hier, um den Tributen zu helfen, nicht um sie ihrem Schicksal zu überlassen.“

Wieso kapierte sie es denn nicht? Man konnte den Pechvögeln, die in die Arena mussten, sowieso nicht mehr helfen. Ihr Schicksal war bereits geschrieben. Aber im Kapitol dachte man anders darüber. Sie wusste nichts. Sie war ahnungslos. Das Kapitol hatte ihr eine Gehirnwäsche verpasst. Für sie war die ganze Welt bunt und glücklich.

Haymitch zuckte mit den Schultern. Sollte sie doch auf die Nase fallen, wenn sie dachte, sie könne etwas verändern. „Dann hast du ja sicher nichts dagegen, dich darum zu kümmern“, meinte er unverblümt und schenkte ihr ein verzerrtes Lächeln. Eine schlechte Imitation ihres eigenen Lächelns. Es sah eher aus wie eine traurige Grimasse.
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